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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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III.

Jeanne von La Mothe Valois.

Die erste Sorge von Jeanne von La Mothe, als sie schicklicher Weise die Augen aufschlagen konnte, war, zu sehen, mit welchen Gesichtern man es zu thun hatte.

Die ältere der beiden Frauen mochte, wie gesagt, dreißig bis zweiunddreißig Jahre alt sein; sie war von merkwürdiger Schönheit, obgleich ein über ihr ganzes Gesicht verbreiteter Anstrich von Hochmuth natürlich ihrer Physignomie einen Theil des Zaubers, den sie haben konnte, nehmen mußte. So urtheilte wenigstens Jeanne nach dem Wenigen, was sie von den Zügen des Besuches erblickte.

Einen der Lehnstühle dem Sopha vorziehend, hatte sie den Lichtstrahl, der aus der Lampe hervorsprang, dadurch von sich fern gehalten, daß sie in eine Ecke des Zimmers zurückwich, und über ihre Stirne die Tafftkaputze ihres Mantels vorzog, wodurch ein Schatten auf ihr Gesicht geworfen wurde.

Doch die Haltung des Kopfes war so stolz, das Auge so lebhaft und so natürlich erweitert, daß man, wäre jede Einzelheit verschwunden, nach ihrem Gesammtmaß hätte erkennen müssen, die Dame sei von schönem und besonders von edlem Stamme.

Ihre Gefährtin, minder schüchtern, scheinbar wenigstens, obgleich vier bis fünf Jahre jünger, verbarg ihre wirkliche Schönheit nicht.

Ein in Beziehung auf Haut und Farbe bewunderungswürdiges Gesicht, ein Kopfputz, der die Schläfe entblößt ließ und das vollkommene Eirund der Maske hervorhob; zwei große blaue Augen, ruhig bis zur Heiterkeit, hellsehend bis zur Tiefe, ein Mund von lieblicher Zeichnung, dem die Natur die Offenherzigkeit, dann die Erziehung und die Etikette die Discretion gegeben hatten; eine Nase, welche, was die Form betrifft, die der Venus von Medicis um nichts zu beneiden gehabt hätte; das ist es, was der rasche Blick von Jeanne auffaßte. Sodann konnte die Gräfin, noch zu andern Einzelnheiten überschweifend, bei der jüngeren von den zwei Frauen endlich eine Hand wahrnehmen: eine Taille zarter und biegsamer als die ihrer Gefährtin, eine Brust breiter und von reicherer Rundung als die der älteren, die ebenso fleischig als die der andern Dame nervig und fein war.

Jeanne von Valois machte alle diese Bemerkungen in einigen Secunden, das heißt, in weniger Zeit, als wir gebraucht haben, um sie hier zu bezeichnen.

Als sodann diese Wahrnehmungen gemacht waren, fragte sie sanft, welchem glücklichen Umstand sie den Besuch der Damen zu verdanken habe.

Die zwei Frauen schauten sich an und auf ein Zeichen der älteren sagte die jüngere:

»Madame, denn Sie sind, glaube ich, verheirathet?«

»Ich habe die Ehre, Madame, die Frau des Herrn Grafen von La Mothe, eines vortrefflichen Edelmanns, zu sein.«

»Nun, wohl, wir, Frau Gräfin, sind die Superiorinnen einer Stiftung zu guten Werken. Man hat uns hinsichtlich Ihrer Lage Dinge gesagt, die unsere Theilnahme erregen, und wir wollen dem zu Folge genauere Erkundigungen über Sie und Ihre Verhältnisse einziehen.«

Jeanne wartete einen Augenblick und sprach dann, als sie die Zurückhaltung der älteren Frau bemerkte:

»Meine Damen, Sie sehen hier das Portrait Heinrichs III., das heißt, des Bruders meines Ahnherrn; denn ich bin wirklich aus dem Blut der Valois, wie man Ihnen vielleicht gesagt hat.«

Und sie wartete auf eine neue Frage, indem sie ihre Gäste mit einer Art von stolzer Demuth anschaute.

»Madame,« sprach nun die ernste und zugleich sanfte Stimme der älteren von den zwei Frauen: Madame, ist es wahr, daß Ihre Frau Mutter Verwalterin eines Hauses, genannt Fontette bei Bar-sur-Seine, gewesen ist?«

Jeanne erröthete bei dieser Erinnerung, erwiderte aber sogleich, ohne sich stören zu lassen:

»Das ist Wahrheit, Madame, meine Mutter war Verwalterin eines Hauses, genannt Fontette.«

»Ah!« machte die Andere.

»Und da Marie Jossel, meine Mutter, von seltener Schönheit war,« fuhr Jeanne fort, »so verliebte sich mein Vater in sie und heirathete sie. Durch meinen Vater bin ich von edlem Geschlecht; Madame, mein Vater war ein Saint-Rémy von Valois, ein directer Abkömmling der Valois, welche regiert haben.«

»Wie sind Sie aber zu diesem Grad von Armuth herabgesunken, Madame?« fragte die ältere der zwei Frauen.

»Ach! das ist leicht zu begreifen.«

»Ich höre.«

»Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß nach der Thronbesteigung Heinrichs IV., durch den die Krone Frankreichs vom Hause Valois auf das Haus Bourbon überging, erstere Familie noch einige Sprößlinge hatte, welche allerdings im Dunkel blieben, doch unbestreitbar von dem gemeinschaftlichen Geschlecht der vier Brüder abstammten, die sämmtlich ein so unseliges Ende nahmen.«

Die Damen machten ein Zeichen, das wie eine Beipflichtung gelten konnte.

Jeanne fuhr fort:

»Befürchtend, sie könnten, trotz ihrer Dunkelheit, die neue königliche Familie in Schatten stellen, vertauschten die Sprößlinge der Valois diesen ihren Namen mit dem Namen Rémy, den sie von einem Gut entlehnten, und man findet sie von Ludwig XIII. an unter diesem Namen in der Genealogie bis zum vorletzten Valois, meinem Großvater, der, da er die Monarchie befestigt und die ältere Linie vergessen sah, sich nicht länger eines ruhmwürdigen Namens, seiner einzigen Apanage, berauben zu dürfen glaubte. Er nahm also wieder den Namen Valois an und schleppte ihn im Schatten der Armuth in seiner Provinz fort, ohne daß es Jemand vom Hofe Frankreichs einfiel, daß außerhalb des Strahlenkreises des Throns ein Abkömmling der älteren, wenn nicht glorreichsten, doch wenigstens unglücklichsten Könige der Monarchie vegetirte.«

Jeanne unterbrach sich bei diesen Worten.

Sie hatte einfach und mit einer Mäßigung, die man bemerkt, gesprochen.

»Sie haben ohne Zweifel Ihre Beweise in guter Ordnung?« fragte die ältere der zwei Damen mit sanftem Tone, indem sie einen tiefen Blick auf diejenige heftete, welche sich die Abkömmlingin der Valois nannte.

»Ja. Madame,« erwiderte diese mit einem bittern Lächeln, »die Beweise fehlen mir nicht. Mein Vater hatte sie machen lassen und hinterließ sie mir sterbend in Ermangelung einer andern Erbschaft. Doch wozu sollen die Beweise einer unnützen Wahrheit, oder einer Wahrheit, die Niemand anerkennen will, dienen?«

»Ihr Vater ist gestorben?« fragte die jüngere der zwei Damen.

»Ach, ja.«

»In der Provinz?'

»Nein.«

»In Paris also?«

»Ja.«

»In dieser Wohnung?«

»Nein, Madame; mein Vater, Baron von Valois, ein Abkömmling des Bruders von Heinrich III., ist vor Armuth und Hunger gestorben.«

»Unmöglich!« riefen die zwei Frauen gleichzeitig.

»Und nicht hier, nicht in diesem dürftigen Winkel, nicht auf seinem armseligen Bett! Nein, mein Vater ist an der Seite der Elendesten und Leidendsten gestorben. Mein Vater ist im Hotel Dieu in Paris gestorben.«

Die zwei Frauen stießen einen Schrei des Erstaunens aus, der einem Schreckensschrei glich. Zufrieden mit der Wirkung, die sie durch die Kunst hervorgebracht, womit sie ihre Sätze gebildet und die Entwicklung herbeigeführt hatte, saß jeanne unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen und herabhängenden Händen da.

Die ältere der zwei Damen schaute sie aufmerksam und mit Verstand an, und da sie in diesem zugleich so einfachen und so natürlichen Schmerz durchaus keine Symptome von Charlatanerei und Gemeinheit fand, so nahm sie wieder das Wort und sprach:

»Nach dem, was Sie mir sagen, haben Sie großes Unglück erlitten, und der Tod Ihres Herrn Vaters besonders...«

»Oh! wenn ich Ihnen mein Leben erzählte, Madame, so würden Sie sehen, daß der Tod meines Vaters nicht zu dem größten Unglück, das über mich ergangen, zu rechnen ist.«

»Wie, Madame, Sie betrachten den Tod Ihres Vaters als ein geringeres Unglück?« versetzte die Dame mit strengem Stirnrunzeln.

»Ja, Madame, und wenn ich dieß sage, spreche ich als fromme Tochter; denn mein Vater ist durch den Tod von allen Uebeln befreit worden, die ihn auf dieser Erde heimsuchten und die seine unglückliche Familie fortwährend bedrücken. Mitten unter dem Schmerz, den mir sein Tod verursacht, gewährt es mir eine gewisse Freude, denken zu können, mein Vater sei todt, und der Abkömmling der Könige sei nicht mehr darauf angewiesen, sein Brod zu betteln.«

»Sein Brod zu betteln?«

»Oh! ich sage es, ohne mich zu schämen, denn an unserem Unglück ist weder mein Vater Schuld, noch habe ich es verschuldet.«

»Doch Ihre Frau Mutter...«

»Mit derselben Offenherzigkeit, mit der ich Ihnen so eben sagte, ich danke Gott, daß er meinen Vater zu sich gerufen, beklage ich mich über Gott, daß er meine Mutter hat leben lassen.«

Die zwei Frauen schauten sich beinahe bebend bei diesen seltsamen Worten an.

»Wäre es eine Unbescheidenheit, Madame, Sie um eine ausführlichere Erzählung Ihres Unglücks zu bitten?« sagte die Aeltere.

»Die Unbescheidenheit, Madame, käme von mir, da ich Ihre Ohren mit der Erzählung von Schmerzen ermüden würde, die Ihnen nur gleichgültig sein können.«

»Ich höre, Madame,« erwiderte die ältere der zwei Damen, an welche ihre Gefährtin sogleich einen Blick in Form einer Ermahnung zur Vorsicht richtete.

Frau von La Mothe war wirklich der gebieterische Ausdruck dieser Stimme aufgefallen und sie schaute die Dame voll Erstaunen an.

»Ich höre also,« wiederholte diese mit einer minder starken Betonung, »ich höre, wenn Sie so gefällig sein wollen, zu sprechen.«

Und einer Bewegung des Mißbehagens, das ohne Zweifel von der Kälte herrührte, nachgebend, schüttelte diejenige, welche gesprochen, mit einem Beben der Schultern den Fuß, der bei der Berührung des feuchten Bodens erstarrte.

Die Jüngere schob ihr dann eine Art von Fußteppich zu, der sich unter ihrem Stuhl befand, eine Aufmerksamkeit, welche ihrerseits ihre Gefährtin durch einen Blick tadelte.

»Behalten Sie diesen Teppich für sich, meine Schwester, Sie sind zarter, als ich.«

»Verzeihen Sie, Madame, ich bedaure es auf das Schmerzlichste, daß ich Sie frieren sehen muß; doch das Holz ist noch um sechs Livres theurer geworden, so daß die Fuhre siebenzig Livres kostet, und mein Vorrath ist vor acht Tagen zu Ende gegangen.«

»Sie sagten, Sie seien unglücklich, daß Sie eine Mutter haben?« sprach die ältere der zwei Damen.

»Ja, ich begreife, eine solche Blasphemie fordert eine Erläuterung, nicht war, Madame?« sagte Jeanne. »Ich werde mich erklären, da Sie es Ihrer Aeußerung nach wünschen.«

Die ältere Dame machte ein Zeichen mit dem Kopf.

»Ich sagte Ihnen schon, Madame, mein Vater habe eine Mißheirath gemacht.«

»Ja, indem er seine Hausverwalterin heirathete.«

»Nun wohl! statt beständig stolz und dankbar für die Ehre zu sein, die man ihr erwies, fing Marie Jossel, meine Mutter, damit an, daß sie meinen Vater zu Grunde richtete, was übrigens keine Schwierigkeit war, indem sie auf Kosten des Wenigen, was ihr Mann besaß, ihre Begierden und Bedürfnisse befriedigte. Dann, nachdem sie ihn dahin gebracht hatte, daß er sein letztes Stück Land verkaufen mußte, überredete sie ihn, nach Paris zu gehen, um die Rechte in Anspruch zu nehmen, die seinem Namen gebührten. Mein Vater war leicht zu verführen, er rechnete wohl auch auf die Gerechtigkeit des Königs.

»Außer mir hatte mein Vater noch einen Sohn und eine Tochter. Unglücklich wie ich, vegetirt der Sohn auf den letzten Rangstufen der Armee; die Tochter, meine arme Schwester, wurde am Vorabend der Abreise meines Vaters nach Paris vor dem Hause eines Pächters, ihres Pathen, abgesetzt.

»Diese Reise erschöpfte das wenige Geld, das uns blieb. Mein Vater müdete sich in unnützen, fruchtlosen Gesuchen ab. Kaum sah man ihn zu Hause erscheinen, wo er, das Elend zurückbringend, ebenfalls nichts als Elend fand. Meine Mutter, die ein Opfer brauchte, erbitterte sich gegen mich. Sie fing damit an, daß sie mir meinen Antheil am Mahle zum Vorwurf machte. Ich aß allmälig lieber Brod oder gar Nichts, als daß ich mich an unsern dürftigen Tisch setzte; aber es gebrach meiner Mutter nicht an Vorwänden zum Strafen; beim geringsten Fehler, bei einem Fehler, über den eine andere Mutter gelächelt hätte, schlug mich die meinige; Nachbarn, die mir einen Dienst zu leisten glaubten, machten meinen Vater auf die schlimme Behandlung, deren Gegenstand ich war, aufmerksam. Mein Vater suchte mich gegen meine Mutter in Schutz zu nehmen, aber er bemerkte nicht, daß er durch seine Protection meine Feindin seit jenem Augenblick in eine ewige Stiefmutter verwandelte. Ach! ich konnte ihm keinen Rath in meinem eigenen Interesse geben, ich war zu jung, zu sehr Kind. Ich vermochte mir Nichts zu erklären. Ich empfand die Wirkungen, ohne daß ich die Ursachen zu errathen suchte. Ich kannte den Schmerz und nicht mehr.

»Mein Vater wurde krank und war Anfangs genöthigt, das Zimmer zu hüten. Da hieß man mich die Stube verlassen, unter dem Vorwand, meine Gegenwart ermüde ihn, und ich wisse das der Jugend inwohnende gebieterische Bedürfniß der Bewegung auch nicht zu unterdrücken. Sobald ich aus der Stube war, gehörte ich wie zuvor meiner Mutter. Sie lehrte mich eine Phrase, wobei ich stets Schläge und Püffe bekam; wenn ich dann diese demüthigende Phrase, die ich instinctartig durchaus nicht behalten wollte, auswendig wußte, wenn meine Augen von meinen Thränen geröthet waren, ließ sie mich vor die Hausthüre treten, und von der Thüre sandte sie mich auf den ersten Vorübergehenden, der gut aussah, ab mit dem Befehl, ihm die erwähnte Phrase vorzusagen, wenn ich nicht auf den Tod geschlagen werden wollte.«

»Oh! gräßlich! gräßlich!« murmelte die jüngere der zwei Damen.

»Und wie lautet diese Phrase?«

»Diese Phrase lautete,« fuhr Jeanne fort: »»Mein Herr, haben Sie Mitleid mit einer kleinen Waise, welche in gerader Linie von Heinrich von Valois abstammt.««

»Oh! pfui!« rief die ältere mit einer Geberde des Ekels.

»Und welche Wirkung brachte diese Phrase bei denjenigen hervor, an die sie gerichtet war?« fragte die ältere.

»Die Einen hörten mich an und hatten Mitleid; die Andern erzürnten sich und drohten mir; wieder Andere noch mildherziger als die Ersten, machten mich darauf aufmerksam, daß ich große Gefahr laufe, wenn ich solche Worte spreche, die in ungünstig gestimmte Ohren fallen können. Doch ich, ich kannte nur Eine Gefahr, die, meiner Mutter ungehorsam zu sein. Ich hatte nur Eine Furcht, die, geschlagen zu werden.«

»Und was geschah?«

»Oh! mein Gott, Madame, was meine Mutter hoffte; ich brachte ein wenig Geld nach Hause und mein Vater konnte die schreckliche Aussicht, die seiner harrte, um einige Tage hinausschieben.«

Das Gesicht der jüngeren Dame zog sich zusammen, der älteren traten Thränen in die Augen.

»Endlich, welche Erleichterung es auch meinem Vater brachte, empörte mich dieses häßliche Gewerbe. Eines Tages setzte ich mich, statt den Vorübergehenden nachzulaufen und sie mit meiner gewöhnlichen Phrase zu verfolgen, an den Fuß eines Meilensteins, wo ich einen Theil des Tags wie vernichtet blieb. Am Abend kehrte ich mit leeren Händen zurück. Meine Mutter schlug mich dergestalt, daß ich Tags darauf krank wurde.«

»Da war mein Vater, jedes Mittels beraubt, genöthigt, in's Hotel Dieu abzugehen, wo er starb.«

»Oh! welch eine furchtbare Geschichte!« murmelten die beiden Damen.

»Aber was machten Sie dann, als Ihr Vater todt war?« fragte die jüngere.

»Gott hatte Mitleid mit mir. Einen Monat nach dem Tode meines armen Vaters entfernte sich unsere Mutter mit einem Soldaten, ihrem Liebhaber, aus Paris, und ließ uns, meinen Bruder und mich, im Stich.«

»Sie blieben Waisen!«

»Oh! Madame, wir waren, im Gegensatz zu Anderen, nur Waisen, so lange wir eine Mutter hatten. Die öffentliche Wohlthätigkeit adoptirte uns. Da uns aber das Betteln widerstrebte, so bettelten wir nur nach Maßgabe unserer Bedürfnisse. Gott befiehlt seinen Geschöpfen, daß sie zu leben suchen.«

»Ach!«

»Was soll ich Ihnen sagen, Madame? Eines Tags hatte ich das Glück, einem Wagen zu begegnen, der langsam das Faubourg Saint Marcel hinauf fuhr; vier Lakaien standen hintenauf, eine noch junge Frau saß darin; ich streckte die Hand nach ihr aus; sie befragte mich; meine Antwort und mein Name setzten sie in Erstaunen, sie war aber ungläubig. Ich gab Adresse und Auskunft. Schon am andern Tag wußte sie, daß ich nicht gelogen hatte; sie nahm sich meines Bruders und meiner an, brachte meinen Bruder zu einem Regiment und mich in ein Nähhaus. Wir waren beide vor dem Hunger geschützt.«

»Ist diese Dame nicht Frau von Boulainvilliers?«

»Sie selbst.«

»Sie ist, glaube ich, gestorben?«

»Ja, und ihr Tod hat mich wieder in den Abgrund gestürzt.«

»Doch ihr Gatte lebt noch, er ist reich.«

»Ihrem Gatten habe ich alles Unglück als Mädchen zu verdanken, wie ich meiner Mutter alles Unglück als Kind zu verdanken habe. Ich war groß, vielleicht schön geworden; er bemerkte es und wollte einen Preis auf seine Wohlthaten setzen; ich weigerte mich. Mittlerweile starb Frau von Boulainvilliers, und ich, die sie an einen braven und redlichen Militär, Herrn von La Mothe, verheirathet hatte, fand mich, da ich von meinem Mann getrennt lebte, nach ihrem Tod noch verlassener, als ich nach dem Tod meines Vaters gewesen war.

»Dieß ist meine Geschichte, Madame; ich habe abgekürzt: die Leiden haben immer ihre Längen, mit denen man glückliche Menschen verschonen muß, und wären Sie auch so wohlthätigen Sinnes, wie Sie zu sein scheinen, meine Damen.«

Ein langes Stillschweigen folgte auf diese letzte Periode der Geschichte der Frau von La Mothe.

Die ältere der beiden Frauen brach es zuerst und fragte:

»Und Ihr Mann, was macht er?«

»Mein Mann ist in Garnison in Bar-sur-Aube, Madame; er dient bei der Gendarmerie und wartet auch auf bessere Zeiten.«

»Aber Sie haben bei Hofe sollicitirt?«

»Gewiß.«

»Durch Titel nachgewiesen, mußte der Name Valois Sympathie erwecken!«

»Ich weiß nicht, Madame, welche Gefühle mein Name erwecken konnte, denn ich habe auf keines meiner Gesuche eine Antwort erhalten.«

»Sie haben jedoch die Minister, den König und die Königin gesehen?«

»Niemand. Ueberall vergebliche Versuche,« erwiderte Frau von La Mothe.

»Sie können doch nicht betteln?«

»Nein, Madame, ich habe die Gewohnheit verlernt. Aber...«

»Aber was?«

»Ich kann verhungern, wie mein Vater.«

»Sie haben kein Kind?«

»Nein, Madame, und mein Mann, wenn er sich für den Dienst des Königs tödten läßt, wird wenigstens seinerseits ein glorreiches Ende für sein Elend finden.«

»Können Sie, Madame, ich bedaure auf diesem Gegenstand beharren zu müssen, können Sie die rechtskräftigen Beweise Ihrer Genealogie liefern?«

Jeanne stand auf, suchte in einem Schrank und zog einige Papiere heraus, die sie der Dame reichte.

Da sie aber den Augenblick benützen wollte, wo diese Damen, um die Papiere zu untersuchen, sich dem Lichte nähern und ihr Gesicht ganz enthüllen würden, ließ Jeanne ihr Manöver durch die Sorgfalt errathen, mit der sie den Docht der Lampe abschnitt, um die Helle zu verdoppeln.

Da drehte die Dame vom Guten Werke, als ob das Licht ihre Augen verletzte, der Lampe und folglich Frau von La Mothe den Rücken zu.

In dieser Stellung durchging sie alle Stücke, eines nach dem andern.

»Das sind aber nur Abschriften von Urkunden und ich sehe kein authentisches Stück dabei,« sagte sie.

»Die Originale sind an sicherem Orte aufbewahrt, und ich werde sie beibringen.«

»Wenn sich eine ansehnliche Gelegenheit bieten würde, nicht wahr?« sagte lächelnd die Dame.

»Allerdings, Madame, eine ansehnliche Gelegenheit, wie die, welche mir die Ehre Ihres Besuches verschafft; doch die Documente, von denen Sie sprechen, sind so kostbar für mich, daß...«

»Ich verstehe, Sie können sie nicht dem Ersten Besten übergeben.«

»Oh! Madame!« rief die Gräfin, welche endlich das würdevolle Antlitz der Beschützerin erschaut hatte; »oh! Madame, mir scheint, für mich sind Sie nicht die Erste Beste.«

Und sie öffnete sogleich einen andern Schrank, in dem eine Geheimschublade spielte, und zog die Originale der Beweisstücke heraus, welche sorgfältig in einem alten Portefeuille mit dem Wappen der Valois eingeschlossen waren.

Die Dame nahm sie und sprach nach einer Prüfung voll Verstand und Aufmerksamkeit:

»Sie haben Recht, diese Titel sind vollkommen in Ordnung; verfehlen Sie nicht, sie geeigneten Ortes zu überreichen.«

»Und was werde ich Ihrer Meinung nach dadurch erlangen, Madame?«

»Ohne Zweifel eine Pension für Sie und ein Avancement für Herrn von La Mothe, wenn dieser sich einigermaßen selbst empfiehlt.«

»Mein Mann ist ein Muster von Ehrenhaftigkeit, und nie hat er sich gegen die Pflichten des Militärdienstes verfehlt.«

»Dieß genügt, Madame,« sprach die Dame, während sie die Kaputze ganz über ihr Gesicht vorschlug.

Frau von La Mothe folgte ängstlich jeder dieser Bewegungen.

Sie sah sie in ihrer Tasche stöbern, aus der sie zuerst ein gesticktes Sacktuch zog, das ihr zum Verbergen ihres Gesichtes gedient hatte, als sie im Schlitten die Boulevards entlang fuhr.

Auf das Sacktuch folgte ein Röllchen von einem Zoll im Durchmesser und drei bis vier Zoll lang.

Die Dame legte das Röllchen auf den Nähtisch und sprach:

»Das Bureau vom guten Werk bevollmächtigt mich, Madame, Ihnen in Erwartung von Besserem diese geringe Unterstützung anzubieten.«

»Drei-Livres-Thaler,« dachte sie; »das müssen wenigstens fünfzig oder sogar hundert sein. Das sind hundertundfünfzig oder dreihundert Livres, die uns vom Himmel herab zufallen. Für hundert ist es sehr kurz, für fünfzig aber ist es sehr lang.«

Während sie diese Beobachtungen anstellte, waren die zwei Damen in die erste Stube gegangen, wo Frau Clotilde auf einem Stuhl bei einem Licht schlief, dessen rother, rauchiger Docht sich in einer Lache von flüssigem Unschlitt erhob.

Der scharfe, stinkende Geruch versetzte derjenigen von den zwei Damen, welche das Röllchen auf den Nähtisch gelegt hatte, den Athem. Sie fuhr rasch in ihre Tasche und zog einen Flacon heraus.

Doch auf den Ruf von Jeanne erwachte Frau Clotilde und ergriff mit ihren Händen den Rest des Lichtes. Sie hielt es wie ein Leuchtfeuer über die dunklen Stufen, trotz der Einwendungen der beiden Damen, die man durch diese Dienstfertigkeit zugleich vergiftete.

»Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, Frau Gräfin!« riefen sie und eilten die Treppe hinab.

»Wo könnte ich die Ehre haben, Ihnen zu danken, meine Damen?« fragte Jeanne von Valois.

»Wir werden es Ihnen zu wissen thun,« erwiderte die ältere der beiden Damen, so rasch als möglich hinabsteigend.

Und das Geräusch ihrer Tritte verlor sich in der Tiefe der unteren Stockwerke.

Frau von Valois kehrte voll Ungeduld zu erfahren, ob ihre Beobachtungen sich als wahr erweisen werden, in ihre Wohnung zurück. Während sie aber durch die erste Stube schritt, stieß ihr Fuß an einen Gegenstand, der von der Strohmatte, die dazu diente, die Thür unten zu verstopfen, auf den Boden rollte.

Sich bücken, den Gegenstand aufheben, an die Lampe laufen, dieß war die erste Eingebung der Gräfin von La Mothe.

Es war eine runde, glatte und ziemlich einfach guillochirte goldene Büchse.

Diese Büchse enthielt einige Kügelchen von duftender Chocolade: aber so glatt sie auch war, so hatte diese Büchse doch sichtbar einen doppelten Boden, dessen Feder die Gräfin einige Zeit nicht finden konnte.

Endlich fand sie die Feder und ließ sie spielen.

Sogleich erschien ein ernstes, von kräftiger Schönheit und gebieterischer Majestät glänzendes Frauenportrait vor ihren Augen.

Ein deutscher Kopfputz, ein herrliches, dem eines Ordens ähnliches Halsband verliehen dem Portrait dieser Physiognomie eine Erstaunen erregende Seltsamkeit.

Eine Chiffre, bestehend aus den zwei in einem Lorbeerkränz verschlungenen Buchstaben M und T, nahm den unteren Theil der Büchse ein.

Nach der Aehnlichkeit dieses Portraits mit dem Gesichte der jungen Dame, ihrer Wohlthäterin, vermuthete Frau von La Mothe, es sei das Portrait einer Mutter oder einer Großmutter, und es muß hier bemerkt werden, ihre erste Regung war an die Treppe zu laufen, um die Damen zurückzurufen.

Die Thüre vom Gang schloß sich.

Sie lief an's Fenster, um die Damen zurückzurufen, da es zu spät war, sie einzuholen.

Doch am Ende der in die Rue Saint-Louis einmündenden Rue Saint-Claude war ein rasches Cabriolet der einzige Gegenstand, den sie erblickte.

Als die Gräfin keine Hoffnung mehr hatte, ihre zwei Beschützerinnen zurückzurufen, betrachtete sie abermals die Büchse und gelobte sich, dieselbe nach Versailles zu schicken; dann nahm sie die auf dem Nähtischchen liegen gebliebene Rolle und sagte:

»Ich täuschte mich nicht, es sind nur fünfzig Thaler.«

Und das ausgeleerte Papier fiel auf den Boden.

»Louisd'or! Doppellouisdor!« rief die Gräfin. »Fünfzig Doppellouisdor! zweitausend vierhundert Livres!«

Und die gierigste Freude malte sich in ihren Augen, während Frau Clotilde, ganz verblüfft beim Anblick einer größern Summe als sie je gesehen, mit aufgesperrtem Mund und gefalteten Händen dastand.

»Hundert Louisd'or!« wiederholte Frau von La Mothe... »Diese Damen sind also sehr reich? Oh! ich werde sie wiederfinden!«

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