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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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II.

Das Innere eines Hauses.

Ohne das Gedächtniß unseres Lesers in allzu große Unkosten zu versetzen, dürfen wir hoffen, daß er diese Rue Saint-Claude, welche östlich an das Boulevard, westlich an die Rue de St.-Louis stößt, bereits kennt; er hat in der That mehr als eine von den Personen, welche in dieser Geschichte eine Rolle gespielt oder spielen werden, sie zu einer andern Zeit durchlaufen sehen, nämlich zur Zeit, da der große Physiker Joseph Balsamo mit seiner Sibylle Lorenza und seinem Lehrer Althotas hier wohnte.

Im Jahre 1784, wie im Jahre 1770, in welcher Epoche wir zum ersten Mal unsere Leser dahin führten, war die Rue Saint-Claude eine gute, ehrliche Straße, nicht sehr hell, das ist wahr, nicht sehr reinlich, das ist auch wahr, wenig besucht, wenig mit Bauten geschmückt, wenig bekannt. Doch sie hatte ihren heiligen Namen und ihren Rang als Straße des Marais, und als solche beherbergte sie in den drei bis vier Häusern, die ihren Effectivstand bildeten, mehrere arme Rentiers, mehrere arme Handelsleute und mehrere auf den Etats des Kirchspiels vergessene neue Arme.

Außer diesen drei bis vier Häusern gab es wohl noch an der Ecke des Boulevards ein Hotel von großartigem Aussehen, mit dem sich die Rue Saint-Claude als mit einem aristocratischen Gebäude hätte brüsten können. Aber dieses Gebäude, dessen hohe Fenster, über der Mauer des Hofes, sich an einem Festtage allein mit dem Widerschein seiner Candelaber und seiner Kronleuchter erhellt hätten, dieses Gebäude, sagen wir. war das schwärzeste, stummste und verschlossenste von allen Häusern des Quartiers.

Die Thüre öffnete sich nie; die mit ledernen Polstern verstopften Fenster hatten auf jedem Blatte der Jalousien, auf jeder Leiste der Laden eine Staublage, von der Physiologen und Geologen behauptet hätten, sie gehe auf zehn Jahre zurück.

Zuweilen näherte sich ein Pflastertreter, der gerade vorüberging, ein Neugieriger oder ein Nachbar dem Thorweg und betrachtete durch das weite Schloß das Innere des Gebäudes.

Da erblickte er nichts als Grasbüschel zwischen den Pflastersteinen, Schimmel und Moos auf den Platten. Zuweilen durchschritt eine ungeheure Ratte, die souveräne Gebieterin dieser verlassenen Domäne, ruhig den Hof und versenkte sich in den Keller, eine sehr überflüssige Bescheidenheit, da sie zu ihrer unumschränkten Verfügung so bequeme Salons und Cabinets hatte, wo die Katzen sie nicht beunruhigen konnten.

War es ein Vorübergehender oder ein Neugieriger, so setzte er, nachdem er sich von der Einsamkeit des vor ihm stehenden Gebäudes überzeugt, seine Wanderung fort; war es aber ein Nachbar, so blieb er, da er ein viel größeres Interesse an dem Hotel hatte, beinahe immer lange genug auf seinem Beobachtungsposten, daß ein anderer Nachbar, durch eine ähnliche Neugierde angelockt, sich neben ihn stellte, und dann knüpfte sich ein Gespräch an, dessen Hauptinhalt, wenn auch nicht die Details, wir mit ziemlicher Sicherheit angeben können.

»Nachbar,« sagte derjenige, welcher nicht hineinschaute, zu dem Hineinschauenden, »was sehen Sie denn im Hause des Herrn Grafen von Balsamo?«

»Nachbar,« antwortete der Hineinschauende, »ich sehe die Ratte.«

»Ah! wollen Sie erlauben,« sagte der zweite Neugierige.

Und er stellte sich ebenfalls an das Schlüsselloch.

»Sehen Sie sie?« fragte der aus dem Besitz Verdrängte den im Besitz Befindlichen.

»Ja,« antwortete dieser, »ich sehe sie. Ah! mein Herr, sie ist fett geworden.«

»Sie glauben?«

»Ja, ich bin dessen sicher.«

»Ich glaube wohl, nichts stört sie.«

»Und es müssen, was man auch sagen mag, sicherlich noch gute Brocken in dem Hause übrig sein.«

»Gute Brocken, sagen Sie?«

»Ah! gewiß. Herr von Balsamo ist zu schnell verschwunden, um nicht etwas vergessen zu haben.«

»Ei! Nachbar, was soll man vergessen, wenn ein Haus halb verbrannt ist?«

»Sie können im Ganzen Recht haben, Nachbar.«

Und nachdem man die Ratte noch einmal angeschaut, trennte man sich, erschrocken darüber, daß man so viel über einen so geheimnißvollen und heikeln Gegenstand gesagt hatte.

Seit dem Brand dieses Hauses oder eines Theils vom Hause war Balsamo wirklich verschwunden, keine Wiedererscheinung hatte stattgefunden und das Hotel war verlassen geblieben.

Lassen wir es ganz düster und ganz feucht mit seinen schneebedeckten Terrassen und seinem von den Flammen ausgezackten Dach wiedererstehen, dieses alte Hotel, an dem wir nicht vorübergehen wollen, ohne uns dabei wie bei einem alten Bekannten aufzuhalten; dann betrachten wir, während wir die Straßen durchschreiten, um von links nach rechts zu gehen, dicht neben einem durch eine Mauer geschlossenen Gärtchen, ein schmales, hohes Haus, das sich, einem langen weißen Thurm ähnlich, von dem blaugrauen Grund des Himmels abhebt.

Auf dem First dieses Hauses ragt ein Kamin wie ein Blitzableiter empor, und gerade im Zenith dieses Kamins wirbelt und funkelt ein glänzender Stern.

Der letzte Stock des Hauses würde sich unbemerkt im Raume verlieren, ohne einen Lichtstrahl, der zwei Fenster von dreien röthet, welche die Façade bilden.

Die anderen Stockwerke sind düster und traurig. Schlafen die Miethleute schon? sparen sie unter ihren Decken sowohl die theuren Lichter, als das in diesem Jahre so seltene Holz? So viel ist gewiß, daß die vier Stockwerke kein Lebenszeichen von sich geben, während der fünfte nicht nur lebt, sondern sogar mit einer gewissen Affectation strahlt.

Klopfen wir an die Thüre; steigen wir die finstere Treppe hinauf; sie endigt bei diesem fünften Stock, wo wir zu thun haben. Eine einfache an die Mauer angelehnte Leiter führt zum obersten Stockwerk.

Ein Rehfuß hängt an der Thüre; eine Strohmatte und eine hölzerne Schale zieren die Treppe.

Sobald die erste Thüre geöffnet ist, treten wir in eine dunkle, kahle Stube ein; es ist diejenige, deren Fenster nicht erleuchtet ist. Diese Stube dient als Vorzimmer und führt in eine andere, deren Ausstattung und nähere Umstände unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen.

Platten statt eines getäfelten Fußbodens, plump angemalte Thüren, drei Lehnstühle von weißem Holz mit gelbem Sammet überzogen, ein armseliger Sopha, dessen Kissen unter den Falten die Spuren einer von Alter erzeugten Abmagerung tragen.

Zwei an der Wand hängende Portraits ziehen sogleich die Blicke auf sich. Ein Licht und eine Lampe, das eine auf einem dreifüßigen Tischchen, die andere auf dem Kamin stehend, verbinden ihre Feuer so, daß sie ans diesen zwei Portraits zwei Lichtbrennpunkte machen.

Mit der Faltenmütze auf dem Kopf, mit dem langen, bleichen Gesicht, dem matten Auge, der Krause am Hals empfiehlt sich das erstere von den Portraits durch die Kennbarkeit; es ist das ähnliche Bildniß Heinrichs III., Königs von Frankreich und Polen.

Unten liest man eine Inschrift mit schwarzen Buchstaben auf eine schlecht vergoldete Rahme gezeichnet:

Henry de Valois

Das zweite Portrait, das in neuerer Zeit vergoldet worden und ebenso frisch in seinen Malereien erscheint, als das andere veraltet ist, stellt eine junge Frau mit schwarzem Auge, feiner, gerader Nase, hervorspringenden Backenknochen und behutsamen Mund vor. Ihr Kopf ist geschmückt oder vielmehr schwer gedrückt von einem Gebäude von Haaren und seidenen Bändern, neben dem die Faltenmütze Heinrichs III. sich wie ein Maulwurfshaufen gegen eine Pyramide ausnimmt.

Unter diesem Portrait liest man ebenfalls in schwarzen Buchstaben:

Jeanne de Valois

Und wenn man, nachdem man den erloschenen Herd, die armseligen baumwollenen Vorhänge des mit vergilbtem grünen Damast bedeckten Bettes betrachtet hat, wissen will, welche Beziehung diese Portraits zu den Bewohnern des fünften Stockes haben, so braucht man sich nur zu einem kleinen eichenen Tisch umzuwenden, auf welchem eine einfach gekleidete Frau, die sich mit dem linken Ellenbogen auflehnt, mehrere versiegelte Briefe übersieht und die Adressen derselben controlirt.

Diese junge Frau ist das Original des Portraits.

Drei Schritte von ihr, in einer halb neugierigen, halb ehrerbietigen Haltung, gekleidet wie eine Duenna von Greuze, wartet und schaut eine kleine alte Kammerfrau von sechzig Jahren.

»Jeanne von Valois,« sagte die Inschrift.

Doch wenn diese Dame eine Valois war, wie ertrug Heinrich III., der sybaritische König, der Wollüstling, selbst nur im Gemälde das Schauspiel eines solchen Elends, bei dem es sich nicht nur um eine Person seines Geschlechts, sondern auch um seinen Namen handelte?

Die Dame vom fünften Stock strafte übrigens den Ursprung, den sie sich gab, persönlich durchaus nicht Lügen. Sie hatte weiße, zarte Hände, die sie von Zeit zu Zeit unter ihren gekreuzten Armen erwärmte. Sie hatte einen kleinen, feinen, schmalen Fuß, bekleidet mit einem Pantoffel von noch zierlichem Sammet, den sie auch dadurch zu erwärmen suchte, daß sie damit auf den Boden schlug, der so glänzend und kalt war wie das Eis, das Paris bedeckte.

Wenn dann der Nordost unter den Thüren und durch die Spalten der Fenster pfiff, schüttelte die Zofe traurig die Schultern und schaute den feuerlosen Kamin an.

Was die Dame, die Herrin der Wohnung, betrifft, so zählte sie fortwährend die Briefe und las die Adressen.

Jedesmal nachdem sie eine Adresse gelesen, machte sie eine Bewegung.

»Frau von Misery,« murmelte sie, »erste Staatsdame Ihrer Majestät. Hier darf ich nur sechs Louisd'or rechnen, denn man hat mir schon gegeben.«

Und sie stieß einen Seufzer aus.

»Madame Patrix, erste Kammerfrau Ihrer Majestät, zwei Louisd'or.

»Herr von Ormesson, eine Audienz.

»Herr von Calonne, einen Rath.

»Herr von Rohan, einen Besuch, und wir werden darauf bedacht sein, daß er ihn uns erwidert,« sagte lächelnd die junge Frau.

»Wir haben also für die nächsten acht Tage nur acht Louisd'or sicher,« fuhr sie mit demselben singenden Tone fort.

Und sie richtete den Kopf auf und sagte:

»Frau Clotilde, putzen Sie doch das Licht.«

Die Alte gehorchte und setzte sich ernst und aufmerksam wieder an ihren Platz.

Diese Art von Inquisition, deren Gegenstand sie war, schien die junge Frau zu ermüden.

»Meine Liebe,« sagte sie, »suchen Sie doch, ob nicht ein Stümpchen von einer Wachskerze übrig ist. Ich hasse es, Talglichter zu brennen.«

»Es ist keines mehr vorhanden,« erwiderte die Alte.

»Sehen Sie immerhin nach.«

»Wo denn?«

»Im Vorzimmer.«

»Es ist dort sehr kalt.«

»Ah! hören Sie, man läutet eben,« sagte die junge Frau.

»Madame täuscht sich,« erwiderte die hartnäckige Alte.

»Ich glaube es. Frau Clotilde.«,

Und da sie sah, daß die Alte widerstand, gab sie nach, leicht murrend jedoch, wie Personen, welche aus irgend einer Ursache geringere Rechte über sich eingeräumt haben, die ihnen nicht mehr gehören sollten.

Dann setzte sie ihre Berechnung fort.

»Acht Louisd'or, von denen ich drei für Quartier schuldig bin.«

Sie nahm die Feder und schrieb.

»Drei Louisd'or. Fünf Herrn von La Mothe versprochen, um ihm den Aufenthalt in Bar-sur-Aube erträglich zu machen... Armer Teufel! unsere Heirath hat ihn nicht bereichert; doch Geduld!«

Und sie lächelte abermals, doch indem sie sich dießmal in einem Spiegel betrachtete, der zwischen den zwei Portraits angebracht war.

»Nun,« sprach sie weiter, »Fahrten von Versailles nach Paris und von Paris nach Versailles. Fahrten einen Louisd'or.«

Und sie schrieb diese neue Zahl zu der Colonne der Ausgaben.

»Nun Lebensunterhalt für acht Tage, einen Louisd'or.«

Sie schrieb abermals.

»Toilette, Fiaker, Geschenke an die Portiers der Häuser, wo ich sollicitire: vier Louisd'or. Ist das wohl Alles? addiren wir.«

Doch mitten unter dem Addiren unterbrach sie sich und rief:

»Man läutet, sage ich Ihnen!«

»Nein, Madame, erwiderte die Alte wie erstarrt an ihrem Platze. »Es ist nicht hier, es ist unten im vierten.«

»Vier, sechs, elf, vierzehn Louisd'or: sechs weniger als ich brauche, um meine Garderobe zu erneuern und dieses alte Thier zu bezahlen, damit ich es endlich einmal entlassen kann!«

Dann rief sie plötzlich voll Zorn:

»Ich sage Ihnen, man läutet, Unglückliche.«

Dießmal, man muß es gestehen, hätte sich das ungelehrigste Ohr nicht weigern können, den Ruf von Außen zu verstehen: kräftig gezogen, bebte die Klingel in der Ecke und vibrirte so lange, daß der Schläger wenigstens ein dutzendmal an die Wände der Glocke anschlug.

Bei dem Geräusch und während die Alte, endlich erweckt, nach dem Vorzimmer lief, raffte ihre Gebieterin, behend wie ein Eichhörnchen, die auf dem Tische zerstreuten Briefe und Papiere zusammen, warf das Ganze in eine Schublade und setzte sich, nach einem raschen Blick im Zimmer umher, um sich zu versichern, daß hier Alles in Ordnung sei, auf den Sopha, wo sie die demüthige und traurige Haltung einer leidenden, aber in ihr Schicksal ergebenen Person annahm.

Nur, bemerken wir dieß sogleich, ruhten die Glieder allein. Thätig, unruhig, wachsam befragte das Auge den Spiegel, in dem die Eingangsthüre sichtbar war, während das lauschende Ohr den geringsten Ton aufzufassen sich bereit hielt.

Die Duenna öffnete die Thüre und man hörte ein paar Worte im Vorzimmer flüstern.

Dann fragte eine frische und liebliche, dabei aber sehr feste Stimme:

»Wohnt hier die Frau Gräfin La Mothe?«

»Die Frau Gräfin La Mothe Valois?« wiederholte näselnd Clotilde.

»Sie ist es, meine gute Frau. Ist Frau von La Mothe zu Hause?«

»Ja, Madame, sie ist zu leidend, um auszugehen.«

Während dieses Gesprächs, von dem sie kein Wort verlor, schaute die angebliche Kranke in den Spiegel und sah, daß eine Frau Clotilde befragte, und daß diese Frau aller Wahrscheinlichkeit nach einer hohen Classe der Gesellschaft angehörte.

Sie verließ sogleich den Sopha und ging zum Lehnstuhl, um den Ehrenplatz der Fremden zu überlassen.

Während sie diese Bewegung ausführte, konnte sie nicht bemerken, daß sich der weibliche Besuch auf dem Ruheplatz umgedreht hatte, und zu einer andern Person, welche im Schatten geblieben sagte:

»Sie können eintreten, Madame, es ist hier.«

Die Thüre schloß sich wieder, und die zwei Frauen, die wir nach der Rue Saint-Claude fragen sahen, treten in die erste Stube der Gräfin La Mothe Valois ein.

»Wen soll ich der Frau Gräfin melden?« fragte Clotilde, indem sie neugierig, obgleich mit Respect, das Licht vor den Gesichtern der zwei Frauen hin- und herspazieren ließ.

»Melden Sie eine Dame vom guten Werk,« erwiderte die Aeltere.

»Von Paris?«

»Nein, von Versailles.«

Clotilde ging zu ihrer Gebieterin hinein, und die Fremden, die ihr folgten, befanden sich in dem Zimmer, das in dem Augenblick erleuchtet wurde, wo Jeanne von Valois sich mühsam von ihrem Stuhl erhob, um ihre zwei Gäste sehr höflich zu begrüßen.

Clotilde rückte die zwei anderen Stühle vor und zog sich dann in das Vorzimmer mit einer weisen Langsamkeit zurück, welche errathen ließ, daß sie das bevorstehende Gespräch an der Thüre belauschen würde.

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