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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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I.

Zwei unbekannte Frauen.

Den Winter von 1784, dieses Ungeheuer, das ein Sechstel von Frankreich verschlang, konnten wir, obgleich er vor den Fenstern stürmte, beim Herrn Herzog von Richelieu in dem so warmen und mit Wohlgerüchen geschwängerten Speisesaal, wo wir waren, nicht sehen.

Etwas Rauhreif an den Scheiben ist der Luxus der Natur dem Luxus der Menschen beigefügt. Der Winter hat seine Diamanten, seinen Puder und seine Silberstickereien für den Reichen, der unter seinem Pelzwerk vergraben oder in seinem Wagen verwahrt, oder in den Watten und Sammten einer geheizten Wohnung eingemummt ist. Jeder Frost ist ein Gepränge, jedes Unwetter eine Decorationsveränderung, die der Reiche durch seine Fensterscheiben von dem großen und ewigen Maschinisten, den man Gott nennt, ausführen sieht.

In der That, wer warm hat, kann die schwarzen Bäume bewundern und einen Reiz in den düstern Perspectiven der vom Winter einbalsamirten Ebenen finden.

Derjenige, welcher die süßen Wohlgerüche des Mittagsmahles, das seiner harrt, zu seinem Gehirn emporsteigen fühlt, kann von Zeit zu Zeit durch ein halbgeöffnetes Fenster den scharfen Duft des Nordostwinds und den eisigen Dunst des Schnees einschlürfen.

Derjenige endlich, welcher nach einem Tag ohne Leiden, wenn Millionen von seinen Mitbürgern gelitten haben, unter Eiderdunen, in seinen Leintüchern, in einem warmen Bett sich ausstreckt, der kann, wie jener Egoist des Lucretius, den Voltaire verherrlicht, finden, Alles sei gut in dieser besten der möglichen Welten.

Derjenige aber, welcher friert, sieht Nichts mehr von all' diesen Herrlichkeiten der Natur, die ebenso reich sind in ihrem Weißen, als in ihrem grünen Mantel.

Derjenige, welcher Hunger hat, sucht die Erde und flieht den Himmel: den Himmel ohne Sonne und folglich ohne Lächeln für den Unglücklichen.

In der Epoche nun, zu der wir gelangt sind, nämlich gegen die Mitte des Monats April, seufzten dreimalhunderttausend Unglückliche, vor Kälte und Hunger sterbend, in Paris allein, wo man unter dem Vorwand, keine Stadt enthalte mehr Reiche, nicht die geringsten Vorsichtsmaßregeln getroffen hatte, um es zu verhindern, daß die Armen durch die Kälte und die Noth umkamen.

Seit vier Monaten trieb ein eherner Himmel die Unglücklichen der Dörfer in die Städte, wie gewöhnlich der Winter die Wölfe aus den Wäldern in die Dörfer treibt.

Kein Brod, kein Holz mehr.

Kein Brod mehr für die Menschen, welche die Kälte auszustehen hatten, kein Holz mehr, um Brod zu backen.

Alle Vorräthe, die eingebracht worden waren, hatte Paris in einem Monat aufgezehrt; der Prevot der Handelsleute, ein unvorsichtiger und unfähiger Mann, verstand es nicht einmal, nach Paris, das seiner Fürsorge anvertraut war, zweimalhunderttausend in einem Umkreise von zehn Meilen um die Hauptstadt verfügbare Klafter Holz hereinzuschaffen.

Als Entschuldigung nannte er, wenn es gefror, das Eis, das die Pferde am Gehen verhindere; wenn es aufthaute, die Unzulänglichkeit der Wagen und Pferde. Ludwig XVI., stets gut, stets menschenfreundlich, stets zuerst berührt von den physischen Bedürfnissen des Volkes, dessen sociale Bedürfnisse ihm eher entgingen, fing damit an, daß er zweimalhunderttausend Livres zum Miethen von Wagen und Pferden anwies; dann nahm er die einen und die andern zwangsweise in Requisition.

Der Verbrauch fuhr indessen fort, das Ankommende wegzuraffen. Man mußte die Käufer taxiren. Niemand war berechtigt, vom allgemeinen Holzhof Anfangs mehr als eine Fuhre, dann mehr als eine halbe Fuhre wegzunehmen. Man sah nun den Schweif der Käufer vor dem Thor der Holzhöfe sich verlängern, wie er sich später vor den Thüren der Bäcker verlängern sollte.

Der König verausgabte all sein Geld in Almosen. Er erhob drei Millionen von den Einnahmen des Octroi, und verwendete diese drei Millionen auf die Erleichterung der Unglücklichen, wobei er erklärte, jeder Drang müsse weichen und schweigen vor dem Drang der Kälte und des Hungers.

Die Königin gab ihrerseits fünfhundert Louisd'or von ihren Ersparnissen. Man verwandelte die Klöster, die Hospitäler, die öffentlichen Gebäude in Zufluchtsorte, und jeder Thorweg öffnete sich auf den Befehl seiner Gebieter, nach dem Beispiel der königlichen Schlösser, um in die Höfe der Hotels den Armen, die sich um ein großes Feuer kauerten, Zugang zu gewähren.

Man hoffte so das gute Thauwetter zu erreichen.

Doch der Himmel war unbeugsam! Jeden Abend breitete sich ein kupferrother Schleier über dem Firmament aus; die Sterne glänzten trocken und kalt, wie das Feuer einer Pechpfanne bei einer Beerdigung, und das nächtliche Gefrieren verdichtete abermals den bleichen Schnee, den die Mittagssonne ein wenig flüssig gemacht hatte, in einen Diamantsee.

Am Tag häuften Tausende von Arbeitern mit Hacke und Schaufel den Schnee und das Eis längs den Häusern auf, so daß ein doppelter, dichter, feuchter Wall die Hälfte der größtentheils schon zu engen Straßen versperrte. Gewichtige Wagen mit glitschenden Rädern, wankende, jeden Augenblick niederstürzende Pferde, zogen diese eisigen Mauern für den Vorübergehenden weg, welcher der dreifachen Gefahr des Fallens, des Zusammenstoßens und des Einstürzens ausgesetzt war.

Bald wurden die Schnee- und Eishaufen so groß, daß die Buden dadurch maskirt, die Durchgänge verstopft waren, und daß man darauf verzichten mußte, das Eis wegzunehmen, da die Kräfte und Mittel der Fuhren nicht mehr genügten.

Das ohnmächtige Paris erklärte sich für besiegt und ließ den Winter gewähren. So vergingen December, Januar, Februar und März; zuweilen verwandelte ein Thauwetter von zwei bis drei Tagen ganz Paris, dem es an Gossen und Abhängen gebrach, in einen Ocean.

In solchen Augenblicken konnte man sich nur schwimmend durch gewisse Straßen durcharbeiten. Pferde kamen vom Wege ab und ertranken. Die Carrossen wagten sich nicht mehr hinein; sie hätten sich in Schiffe verwandelt.

Seinem Character getreu, machte Paris Lieder auf den Tod durch das Thauwetter, wie es Lieder über den Hungertod gemacht hatte. Man ging in Procession nach den Hallen, um die Fischweiber ihre Waaren verkaufen und ihren Kunden mit ungeheuren ledernen Stiefeln nachlaufen zu sehen, wobei sie Hosen in den Stiefeln und die Röcke bis zum Gürtel aufgeschlagen hatten; Alles lachend, gesticulirend und einander in dem Sumpf, den sie bewohnten, mit Koth bespritzend; da aber das Thauwetter ephemer war, da das Eis undurchsichtiger und hartnäckiger folgte, da die Seen vom vorhergehenden Tag am andern Tag schlüpfriger Crystall wurden, so ersetzten Schlitten die Wagen und fuhren, angetrieben von Schlittschuhläufern oder gezogen von scharf beschlagenen Pferden, auf den Chausseen der in glatte Spiegel verwandelten Straßen. Die Seine war, mehrere Fuß tief gefroren, der Sammelplatz der Müßiggänger geworden, die sich im Rennen, im Niederfallen durch Ausglitschen, im Schlittschuhlaufen, kurz in Spielen aller Art übten und, durch diese Gymnastik erwärmt, so bald die Müdigkeit sie zur Ruhe zwang, zum nächsten Feuer liefen, damit der Schweiß nicht auf ihren Gliedern gefror.

Man sah den Augenblick vorher, wo, da der Verkehr zu Wasser unterbrochen, zu Lande unmöglich geworden, die Lebensmittel nicht mehr ankommen würden und Paris, dieser riesige Körper, in Ermangelung von Nahrung unterliegen müßte, wie jene Cetaceen, die, nachdem sie ihre Bezirke entvölkert, in den Polareisen eingeschlossen bleiben und an Entkräftung sterben, weil es ihnen nicht möglich gewesen ist, wie die kleinen Fische, ihre Beute, durch die Spalten zu entkommen und gemäßigtere Zonen, fruchtbarere Wasser zu erreichen.

Der König versammelte in dieser verzweiflungsvollen Lage seinen Rath. Er beschloß, die Bischöfe, die Aebte. die Mönche, die sich gar zu wenig um ihre Residenz bekümmerten, die Gouverneure, die Intendanten der Provinzen, die Paris zu ihrem Gouvernementssitz gemacht hatten, die Magistrate endlich, welche die Oper und die Gesellschaft ihren mit Lilien verzierten Amtsstühlen vorzogen, aus Paris zu verbannen, d. h. zur Rückkehr nach ihren Provinzen aufzufordern.

Man sollte auch noch alle adeligen Gutsbesitzer der Provinzen auffordern, sich in ihre Schlösser einzusperren. Aber Herr Lenoir, der Polizeilieutenant, bemerkte dem König, da alle diese Leute nicht dazu verpflichtet seien, so könne man sie nicht zwingen, Paris von einem Tag auf den andern zu verlassen; sie würden daher, um sich zu entfernen, mit einer Langsamkeit zu Werke gehen, welche theils dem bösen Willen, theils der Schwierigkeit der Wege zuzuschreiben wäre, und so müßte das Thauwetter eintreten, ehe man den Vortheil der Maßregel erlangt hätte, indeß alle möglichen Unannehmlichkeiten daraus hervorgegangen wären.

Das Mitleid des Königs, das die Cassen trocken legte, die Barmherzigkeit der Königin, die ihre Sparbüchse erschöpfte, hatten die sinnreiche Dankbarkeit des Volkes erregt, das durch ephemere Monumente das Andenken an die Wohlthaten heiligte, die Ludwig XVI. und die Königin den Dürftigen hatten zufließen lassen. Wie einst die Soldaten dem siegreichen Feldherrn Trophäen mit den Waffen des Feindes errichteten, von dem der Feldherr sie befreit hatte, so errichteten die Pariser auf dem Schlachtfeld selbst, auf dem sie gegen den Feind kämpften, dem König und der Königin Obeliske von Schnee und Eis. Jeder trug dazu bei, der Tagelöhner gab seine Arme, der Handwerker seine Industrie, der Künstler sein Talent, und die Obelisken erstanden zierlich, kühn und solid an jeder Ecke der Hauptstraßen, und der arme Schriftsteller, den die Wohlthat des Königs in seiner Mansarde aufgesucht hatte, brachte die Opfergabe einer mehr noch mit dem Herzen als mit dem Geist abgefaßten Inschrift herbei.

Am Ende des März trat das Thauwetter ein, aber ungleichmäßig, unvollständig, mit Wiederholungen des Gefrierens, welche die Noth, den Schmerz und den Hunger bei der Pariser Bevölkerung vermehrten, während sie zugleich die Schneemonumente aufrecht und fest erhielten.

Nie war das Elend so groß gewesen als in dieser letzten Periode; Zwischenblicke einer schon lauen Sonne ließen die Nächte des Frostes und des Nordostwindes noch kälter erscheinen; die großen Eislagen waren geschmolzen und in die Seine abgelaufen, welche an allen Theilen austrat. Doch in den ersten Tagen des April zeigte sich eine jener Erneuerungen der Kälte, von denen wir gesprochen; die Obeliske, an denen schon jener Schweiß herabgelaufen war, der ihren Tod weissagt, die Obeliske befestigten sich, halb geschmolzen, abermals ungestalt und vermindert; eine schöne Schneelage bedeckte die Boulevards und die Quais, und man sah wieder die Schlitten mit ihren muntern Rossen erscheinen. Das war herrlich auf den Boulevards und den Quais. Doch in den Straßen wurden die Kutschen und Cabriolets der Schrecken der Fußgänger, die sie nicht kommen hörten, die Ihnen häufig, durch die Eismauern verhindert, nicht ausweichen konnten, die endlich am häufigsten unter die Räder fielen, wenn sie fliehen wollten.

In wenigen Tagen bedeckte sich Paris mit Verwundeten und Sterbenden. Hier ein auf dem Glatteis gebrochenes Bein, dort eine durch die Gabeldeichsel eines Cabriolets, das in seinem raschen Lauf auf dem Eise nicht hatte anhalten können, eingedrückte Brust. Da fing die Polizei an, sich damit zu beschäftigen, daß sie Diejenigen, welche der Kälte, dem Hunger oder den Überschwemmungen entgangen waren, vor den Rädern bewahrte. Man ließ die Reichen, welche die Armen zermalmten, Bußen bezahlen. In jener Zeit, wo die Aristocratie herrschte, gab es sogar Aristocratie in der Art, die Pferde zu führen; ein Prinz von Geblüt fuhr mit verhängten Zügeln, und ohne: Aufgepaßt! zu rufen; ein Herzog und Pair, ein Edelmann und eine Operntänzerin in gestrecktem Trab; ein Präsident und ein Banquier im Trab; ein Petitmaitre in seinem Cabriolet fuhr selbst wie auf der Jagd, und der Jockey, der hinten obenstand, rief: »Aufgepaßt!« wenn der Herr einen Unglücklichen angehakt oder niedergeworfen hatte.

Und dann raffte sich auf, wer konnte, wie Mercier sagt; insofern aber der Pariser die schönen Schlitten mit Schwanenhälsen auf dem Boulevard hineilen sah, insofern er in ihren Marder- oder Zobelpelzen die Damen des Hofes bewunderte, welche wie Meteore auf des Eises glänzenden Furchen fortgezogen wurden, insofern die goldenen Schellen, die Purpurgarne, und die Federbüsche der Pferde die neben all diesen schönen Dingen staffelförmig aufgestellten Kinder belustigten, vergaß der Pariser Bürger die Sorglosigkeit der Polizeileute und die Brutalitäten der Kutscher, während der Arme seinerseits, wenigstens für einen Augenblick, sein Elend vergaß, denn in jener Zeit war er noch gewohnt, von den reichen Leuten oder von denen, die sich den Anschein davon gaben, in Schutz genommen zu werden.

Unter den von uns mitgetheilten Umständen sah man acht Tage nach dem Mittagsmahle des Herrn von Richelieu zu Versailles, in Paris bei einer schönen, aber kalten Sonne vier elegante Schlitten hereinfahren, welche über den verhärteten Schnee hinglitten, der den Cours-la-Reine und das Ende der Boulevards von den Champs-Elysées an bedeckte. Außerhalb Paris kann der Schnee lange seine jungfräuliche Weise bewahren, da die Füße des Wanderers selten sind. In Paris dagegen berauben hunderttausend Füße täglich den glänzenden Mantel des Winters rasch seiner Jungfräulichkeit und schwärzen ihn.

Die Schlitten, welche dumpf über die Straße hinglitten, hielten zuerst auf dem Boulevard an, das heißt, sobald der Koth auf den Schnee folgte. Die Sonne des Tages hatte in der That die Atmosphäre erweicht, und das augenblickliche Aufthauen begann; wir sagen augenblicklich, denn die Reinheit der Luft verhieß für die Nacht jenen eisigen Nordostwind, der im April die ersten Blätter und die ersten Blüthen versengt.

In dem Schlitten, der voran fuhr, befanden sich zwei Männer, in den weiten braunen doppelkragigen Reiserock von Tuch gekleidet; der einzige Unterschied, den man unter ihren Kleidern bemerkte, war der, daß der eine Knöpfe und Galonen von Gold, der andere Galonen und Knöpfe von Seide hatte.

Diese zwei Männer, gezogen von einem Rappen, dessen Nüstern einen dichten Rauch ausströmten, fuhren vor einem andern Schlitten, auf den sie von Zeit zu Zeit ihre Blicke warfen, als überwachten sie ihn.

In diesem zweiten Schlitten saßen zwei Damen, so gut in Pelz eingehüllt, daß Niemand ihre Gesichter hätte sehen können. Man dürfte sogar beifügen, es wäre schwierig gewesen, zu sagen, welchem Geschlechte diese zwei Personen angehörten, hätte man sie nicht an der Höhe ihres Kopfputzes erkannt, auf dessen Gipfel ein kleiner Hut seine Federn schüttelte.

Von dem kolossalen Gebäude dieses mit geflochtenen Bändern durchwirkten Kopfputzes fiel eine Wolke von weißem Puder hinab, wie im Winter eine Reifwolke von den Zweigen herabfällt, die der Nordost schüttelt.

Diese zwei Damen, welche dicht beisammen saßen, unterhielten sich miteinander, ohne auf die zahlreichen Zuschauer zu achten, die sie auf dem Boulevard vorüberfahren sahen.

Wir haben vergessen, zu bemerken, daß sie nach kurzem Zögern weiter gefahren waren.

Die Eine von ihnen, die größere und majestätischere, drückte an ihre Lippen ein Sacktuch von feinem, gesticktem Batist und hielt den Kopf gerade und fest trotz des Nordosts, der den Schlitten in seinem raschen Laufe durchschnitt. Es hatte fünf Uhr auf der Kirche Saint-Croix-d'Antin geschlagen, und die Nacht fing an, sich auf Paris herabzusenken, und mit der Nacht die Kälte.

In diesem Augenblick hatten die Equipagen ungefähr die Porte Saint-Denis erreicht.

Die Dame vom Schlitten, dieselbe, welche ein Sacktuch vor den Mund hielt, machte den zwei Männern der Vorhut, die sich, den Gang des Rappen beschleunigend, weiter vom Schlitten der zwei Damen entfernten, ein Zeichen. Dann wandte sich dieselbe Dame gegen die Nachhut um, welche aus zwei andern Schlitten, jeder geführt von einem Kutscher ohne Livree, bestand, und ihrerseits dem Zeichen gehorchend, das sie verstanden hatten, verschwanden die zwei Kutscher in der Rue Saint-Denis, in deren Tiefen sie sich verloren.

Der Schlitten der zwei Männer gewann, wie gesagt, einen bedeutenden Vorsprung vor den zwei Damen und verschwand am Ende in den ersten Nebeln des Abends.

Als der zweite Schlitten auf das Boulevard de Menilmontant kam, hielt er an; hier waren die Spaziergänger selten, die Nacht hatte sie zerstreut; überdieß wagten sich in dieses abgelegene Quartier wenige Bürger ohne Stocklaternen und ohne Geleite, seitdem der Winter die Zähne von drei- bis viertausend Bettlern geschärft hatte, welche ganz sachte in Diebe verwandelt worden waren.

Die Dame, die wir schon als Befehle ertheilend bezeichnet haben, berührte mit der Fingerspitze die Schulter des Kutschers, der den Schlitten führte.

Der Schlitten hielt an.

»Weber,« sagte sie, »wie viel braucht Ihr Zeit, um das Euch bekannte Cabriolet zu bringen?«

»Madame nimmt das Cabriolet?« fragte der Kutscher mit einem scharfen deutschen Accent.

»Ja, ich werde durch die Straßen zurückkommen, um die Feuer zu sehen. Die Straßen sind aber noch kothiger, als die Boulevards, und man würde schlecht im Schlitten fahren. Und dann habe ich ein wenig kalt bekommen; Sie auch, nicht wahr Kleine?« sagte die Dame, sich an ihre Begleiterin wendend.

»Ja, Madame,« antwortete diese.

»Ihr hört also, Weber, oder Ihr wißt, mit dem Cabriolet?«

»Gut, Madame.«

»Wie viel Zeit braucht Ihr?«

»Eine halbe Stunde.«

»Es ist gut. Schauen Sie auf Ihre Uhr, Kleine.«

Die jüngere von den zwei Damen suchte in ihrem Pelz und schaute dann auf ihrer Uhr mit großer Schwierigkeit nach der Stunde, denn die Nacht verfinsterte sich, wie gesagt, immer mehr.

»Drei Viertel auf sechs Uhr,« antwortete sie.

»Um drei Viertel auf sieben Uhr also, Weber.«

Und, nachdem sie diese Worte gesagt, sprang die Dame leicht aus dem Schlitten, gab ihrer Freundin die Hand und fing an, sich zu entfernen, während der Kutscher mit Geberden ehrfurchtsvoller Verzweiflung laut genug, um von seiner Gebieterin gehört zu werden, murmelte:

»Unklugheit, oh! mein Gott, welche Unklugheit!«

Die zwei Frauen lachten, hüllten sich in ihre Pelze, deren Kragen bis zur Höhe ihrer Ohren gingen, und durchschritten die Gegenallee des Boulevard, wobei sie sich damit belustigten, daß sie den Schnee unter ihren kleinen, mit Pelzstiefelchen bekleideten Füßen krachen ließen.

»Sie, die Sie gute Augen haben, Andrée,« sagte diejenige von den Damen, welche die ältere zu sein schien, und dennoch nicht über dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, »suchen Sie doch an dieser Ecke den Namen der Straße zu lesen.«

»Rue du Pont-aux-Choux, Madame,« antwortete die junge Dame lachend.

»Welche Straße ist das? Rue du Pont-aux-Choux? Oh! mein Gott! wir sind verloren. Rue du Pont-aux-Choux! Man sagte mir, die zweite Straße rechts. Aber Andrée, wie es hier so gut nach heißem Brod riecht!«

»Das ist kein Wunder, wir sind hier vor der Thüre eines Bäckers,« erwiderte ihre Begleiterin,

»Nun wohl, fragen wir, wo die Rue Saint-Claude ist.«

Und diejenige, welche gesprochen, machte eine Bewegung nach der Thüre.

»Oh! gehen Sie nicht hinein,« sagte rasch die andere Frau, »lassen Sie mich.«

»Die Rue Saint-Claude, meine niedlichen Damen,« sprach eine muntere Stimme, »Sie wollen wissen, wo die Rue Saint-Claude ist?«

Die zwei Damen wandten sich zu gleicher Zeit und mit einer einzigen Bewegung in der Richtung der Stimme um und erblickten in der Thür des Bäckers lehnend einen Gesellen, der nur in seine Jacke gehüllt war und, trotz der eisigen Kalte, welche eben herrschte, eine entblößte Brust und entblößte Beine hatte.

»Oh! ein nackter Mensch!« rief die jüngere von den beiden Frauen. »Sind wir denn in Oceanien?«

Und sie machte einen Schritt rückwärts und verbarg sich hinter ihrer Gefährtin.

»Sie suchen die Rue Saint-Claude?« fuhr der Bäckergeselle fort, der die Bewegung nicht begriff, welche die jüngere der zwei Damen gemacht hatte, und an seine Tracht gewöhnt, dieser entfernt nicht die Centrifugalkraft, deren Resultat wir gesehen, zuschrieb.

»Ja, mein Freund, die Rue Saint-Claude,« antwortete die ältere von den zwei Frauen, welche selbst eine starke Lachlust bewältigte.

»Oh! die ist nicht schwer zu finden, und überdieß will ich Sie führen,« sagte der heitere, bemehlte Junge, und die That mit dem Worte verbindend, fing er an, seine mageren Beine zu öffnen, an deren Ende zwei Schlappen, so weit wie Schiffe, hingen.

»Nein, nein!« versetzte die ältere von den beiden Frauen, welche ohne Zweifel nicht gern mit einem solchen Führer getroffen werden wollte; »bezeichnen Sie uns nur die Straße, ohne sich zu bemühen, und wir werden Ihrer Andeutung folgen.«

»Die erste Straße rechts, Madame,« erwiderte der Führer, indem er sich bescheiden zurückzog.

»Ich danke,« sagten gleichzeitig die zwei Frauen.

Und sie enteilten, ihr Gelächter unter ihren Aermeln erstickend, in der bezeichneten Richtung.

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