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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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XXI.

Das kleine Haus

Wir haben Frau von La Mothe bei bei Thür des Hotels gelassen, von wo aus sie mit den Augen dem rasch verschwindenden Wagen der Königin folgte.

Als die Form des Wagens sichtbar, als sein Rollen vernehmbar zu sein aufhörte, kehrte Jeanne ebenfalls in ihre Miethkutsche zurück und begab sich nach Hause, um einen Domino und eine andere Larve zu nehmen und zugleich zu sehen, ob nichts Neues in ihrer Wohnung vorgefallen.

Frau von La Mothe hatte auf diese so glückliche Nacht eine Erfrischung für alle Gemüthsbewegungen des Tages zugesagt. Als starke Frau, wie sie war, hatte sie beschlossen, den Mann zu spielen, wie man zu sagen pflegt, und dem zu Folge alle Wonnen des Unvorhergesehenen zu schlürfen.

Aber eine Widerwärtigkeit harrte ihrer beim ersten Schritt, den sie auf diesem für lebhafte und lang im Zaume gehaltene Phantasien so verführerischen Wege machte.

Ein Bedienter wartete auf sie beim Hausmeister.

Dieser Bediente gehörte dem Herrn Prinzen von Rohan und brachte von Seiner Eminenz ein in folgenden Worten abgefaßtes Billet:

»Frau Gräfin,

Ohne Zweifel haben Sie nicht vergessen, daß wir Geschäfte mit einander abzumachen haben. Sie haben vielleicht ein kurzes Gedächtnis; ich vergesse nie, was mir gefallen.

Ich habe die Ehre, Sie da zu erwarten, wohin der Ueberbringer Sie führen wird, wenn es Ihnen genehm ist.«

Der Brief war mit dem Hirtenkreuz unterzeichnet.

Anfangs ärgerlich über diesen Querstrich, dachte Frau von La Mothe einen Augenblick nach und entschied sich dann mit jener Raschheit des Entschlusses, die sie characterisirte.

»Steigen Sie mit meinem Kutscher auf oder geben Sie ihm die Adresse,« sagte sie zu dem Bedienten.

Der Bediente stieg mit dem Kutscher auf den Bock, Frau von La Mothe stieg in den Wagen.

Zehn Minuten genügten, um die Gräfin zum Eingang des Faubourg Saint-Antoine in eine neuerdings geebnete Vertiefung zu führen, wo große Bäume, so alt wie die Vorstadt selbst, vor Aller Augen eines jener hübschen, unter Ludwig XV. mit dem äußern Geschmack des sechzehnten und dem unvergleichlichen Comfort des achtzehnten Jahrhunderts erbauten Häuser verbargen.

»Ho! ho! ein kleines Haus,« murmelte die Gräfin: »das ist sehr natürlich von Seiten eines vornehmen Prinzen, aber sehr demüthigend für den Namen Valois! ... Nun!«

Dieses Wort, aus dem die Resignation einen Seufzer oder die Ungeduld eine Ausrufung gemacht hat, enthüllte Alles, was an verzehrendem Ehrgeiz und toller Gierde in ihrem Geiste schlummerte.

Doch sie hatte nicht so bald die Schwelle des Hauses überschritten, als ihr Entschluß gefaßt war.

Man führte sie von Zimmer zu Zimmer, das heißt von Ueberraschung zu Ueberraschung, bis zu einem kleinen, äußerst geschmackvollen Speisesaal.

Hier fand sie den Cardinal allein und wartend.

Seine Eminenz durchblätterte Broschüren, welche ungemein einer Sammlung von jenen Pamphleten glichen, die es in jener Zeit zu Tausenden regnete, wenn der Wind von Holland oder von England kam.

Als der Cardinal sie erblickte, stand er auf.

»Ah! Sie hier? ich danke, Frau Gräfin,« rief er.

Und er trat auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen.

Die Gräfin wich mit einer hochmüthigen und verletzten Miene zurück.

»Was haben Sie denn, Madame?« fragte der Cardinal.

»Monseigneur, nicht wahr, Sie sind nicht gewohnt, ein solches Gesicht bei den Frauen zu sehen, denen Eure Eminenz die Ehre erweist sie hieher zu rufen?«

»Oh! Frau Gräfin...«

»Wir sind in Ihrem kleinen Hause, nicht wahr, Monseigneur?« sagte die Gräfin, mit einem verächtlichen Blicke umherschauend.

»Aber, Madame...«

»Monseigneur, ich hoffte, Eure Eminenz würde die Gnade haben, sich zu erinnern, in welchem Stande ich geboren bin. Ich hoffte, Eure Eminenz würde die Gnade haben, sich zu erinnern, daß mir Gott, wenn er mich arm gemacht, doch wenigstens den Stolz meines Ranges gelassen hat.«

»Ah! ah! Gräfin, ich hielt Sie für eine Frau von Geist,« versetzte der Cardinal.

»Wie es scheint, Monseigneur, nennen Sie jede gleichgültige Frau, die zu Allem, selbst zur Schande lacht, eine Frau von Geist; diesen Frauen, ich bitte Eure Eminenz um Verzeihung, pflege ich einen andern Namen zu geben.«

»Nein, Gräfin, Sie täuschen sich, Frau von Geist nenne ich jede Frau, welche hört, wenn man zu ihr spricht, oder welche nicht spricht, ehe sie gehört hat.«

»Ich höre, reden Sie.«

»Ich habe mich mit Ihnen über ernste Dinge zu besprechen.«

»Und zu diesem Ende haben Sie mich in ein Speisezimmer kommen lassen?«

»Ja; wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn ich Sie in einem Boudoir erwartet hätte, Gräfin?«

»Die Unterscheidung ist zart.«

»So glaube ich, Gräfin.«

»Es handelt sich also nur darum, mit Monseigneur zu Nacht zu speisen?«

»Nichts Anderes.«

»Eure Eminenz darf überzeugt sein, daß ich von dieser Ehre gebührender Maßen durchdrungen bin.«

»Sie spotten, Gräfin?«

»Nein, ich lache.«

»Sie lachen?«

»Ja, wäre es Ihnen lieber, wenn ich mich ärgerte? Ah! Monseigneur, Sie sind von einer wunderlichen Laune, wie es scheint.«

»Oh! Sie sind reizend, wenn Sie lachen, und nichts könnte mir angenehmer sein, als Sie beständig lachen zu sehen. Doch Sie lachen in diesem Augenblick nicht. Oh! nein, nein; es ist Zorn hinter diesen schönen Lippen, welche die Zähne zeigen.«

»Nicht im Geringsten, Monseigneur, und der Speisesaal beruhigt mich.«

»Vortrefflich!«

»Und ich hoffe, daß Sie wohl hier speisen werden.«

»Wie, daß ich wohl hier speisen werde! Und Sie?«

»Ich, ich habe keinen Hunger.«

»Wie, Madame, Sie weisen mich vom Abendbrot zurück?«

»Was beliebt?«

»Sie jagen mich fort?«

»Ich verstehe Sie nicht, Monseigneur.«

»Hören Sie, liebe Gräfin!«

»Ich höre.«

»Wären Sie weniger zornig, so würde ich Ihnen sagen, Sie mögen machen, was Sie wollen, Sie können es nicht verhindern, daß Sie reizend seien; da ich aber bei jedem Compliment verabschiedet zu werden fürchten muß, so enthalte ich mich.«

»Sie fürchten verabschiedet zu werden? In der That, Monseigneur, ich bitte Eure Eminenz um Verzeihung, aber Sie werden unverständlich.«

»Was vorgeht, ist doch so klar und durchsichtig.«

»Entschuldigen Sie meine Verblendung.«

»Nun wohl! neulich haben Sie mich mit großem Mißbehagen empfangen: Sie fanden Ihre Wohnung durchaus nicht passend für eine Person von Ihrem Rang und Ihrem Namen. Das zwang mich, meinen Besuch abzukürzen; das machte Sie ein wenig kalt gegen mich. Ich dachte damals, wenn ich Sie in die Ihnen gebührende Lebenslage versetzte, so würde ich dem Vogel, den der Physiker unter die Luftpumpe stellt, die Luft wiedergeben.«

»Und dann?« fragte die Gräfin ängstlich, denn sie fing an, zu verstehen.

»Dann, damit Sie mich mit Behagen empfangen könnten, damit ich Sie meinerseits besuchen könnte, ohne mich zu compromittiren oder Sie selbst zu compromittiren...«

Der Cardinal schaute die Gräfin fest an.

»Nun?« fragte diese.

»Nun, ich hoffte, Sie würden die Güte haben, dieses enge Haus anzunehmen. Sie begreifen, ich sage nicht, kleines Haus.«

»Annehmen, ich? Sie schenken mir dieses Haus, Monseigneur?« rief die Gräfin, deren Herz zugleich vor Stolz und Gierde schlug.

»Sehr wenig, zu wenig, Gräfin; doch wollte ich Ihnen mehr geben, so würden Sie nicht annehmen.«

»Ohl weder mehr, noch weniger, Monseigneur,« sprach die Gräfin.

»Was sagen Sie, Madame?«

»Ich sage, es sei unmöglich, daß ich ein solches Geschenk annehme.«

»Unmöglich! Und warum?'

»Ganz einfach, weil es unmöglich ist.«

»Oh! sprechen Sie dieses Wort nicht bei mir aus, Gräfin.«

»Warum?«

»Weil ich bei Ihnen nicht daran glauben will.«

»Monseigneur!«

»Madame, das Haus gehört Ihnen, die Schlüssel liegen hier auf einer Vermeilplatte. Ich behandle Sie als einen Triumphator. Sehen Sie hierin abermals eine Beleidigung?«

»Nein, doch...«

»Sie nehmen an?«

»Monseigneur, ich habe es Ihnen gesagt.«

»Wie, Madame, Sie schreiben an die Minister und bitten um eine Pension; Sie nehmen von zwei unbekannten Damen hundert Louisd'or an!«

»Das ist ein großer Unterschied, Monseigneur. Wer empfängt...«

»Wer empfängt, verbindet, Gräfin,« sprach der Prinz mit edlem Tone. »Sehen Sie, ich habe Sie in Ihrem Speisesaal erwartet: ich habe weder das Boudoir, noch die Salons, noch die Zimmer gesehen, ich setze nur voraus, daß dies Alles vorhanden ist.«

»Ah! Monseigneur, ich bitte um Verzeihung, denn Sie nöthigen mich, zu gestehen, daß es keinen zarteren Mann gibt, als Sie.«

Und die Gräfin, die sich so lange Zwang angethan, erröthete vor Freude bei dem Gedanken, sagen zu können: Mein Haus.

Dann, als sie plötzlich sah, daß sie sich hinreißen ließ, sagte sie auf eine Geberde, die der Prinz machte, indem sie einen Schritt zurückwich:

»Monseigneur, ich bitte Eure Eminenz um ein Abendbrod.«

Der Cardinal legte einen Mantel ab, dessen er sich noch nicht entledigt hatte, rückte einen Stuhl für die Gräfin herbei, und begann in einem Civilrock, der ihm vortrefflich stand, seinen Dienst als Haushofmeister.

Das Abendbrod war in einem Augenblick aufgetragen.

Während die Diener in das Vorzimmer kamen, hatte Jeanne wieder eine Maske auf das Gesicht gesetzt.

»Ich müßte mich maskiren,« sagte der Cardinal, »denn Sie sind zu Hause, denn Sie sind inmitten Ihrer Leute, denn ich bin ein Fremder.«

Jeanne lachte, behielt aber nichtsdestoweniger ihre Maske. Und obgleich von der Freude und dem Erstaunen im höchsten Grade aufgeregt, that sie doch dem Abendbrod alle Ehre.

Der Cardinal, wir haben es bei verschiedenen Gelegenheiten gesagt, war ein Mann von großem Herzen und wahrem Geist.

Die lange Gewohnheit der civilisirtesten Höfe Europa's, von Königinnen regierter Höfe, die Gewohnheit der Frauen, welche in jener Zeit alle politischen Fragen verwickelten, aber häufig auch lösten, diese Erfahrung, so zu sagen durch den Weg des Blutes übertragen und durch ein persönliches Studium vervielfältigt, alle diese heut zu Tage so seltenen und auch damals schon seltenen Eigenschaften machten aus dem Prinzen einen Mann, der für die Diplomaten, seine Nebenbuhler, oder für seine Geliebten äußerst schwer zu durchdringen war.

Seine guten Manieren und seine große Höflichkeit waren ein Panzer, den nichts durchbrechen konnte.

Der Cardinal glaubte sich dieser von Ansprüchen aufgeblähten Provinzdame sehr überlegen, die ihm, da sie unter ihrem falschen Stolz ihre Habgier nicht hatte verbergen können, als eine leichte Eroberung erschien – von Dauer vielleicht wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Geistes, wegen eines gewissen herausfordernden Wesens, das viel mehr die übersättigten als die unschuldigen Männer verführt. Schwerer zu durchdringen, als er selbst durchdringend war, täuschte sich der Cardinal diesmal vielleicht; so viel ist aber gewiß, daß ihm Jeanne, schön wie sie war, kein Mißtrauen einflößte.

Das war das Verderben dieses erhabenen Mannes. Er machte sich nicht nur minder stark, als er war, er machte sich zum Pygmäen; zwischen Maria Theresia und Jeanne war der Unterschied zu groß, als daß ein Rohan von diesem Schlag sich die Mühe gegeben hätte, zu kämpfen.

Sobald der Kampf begonnen hatte, hütete sich Jeanne, welche ihre scheinbar geringere Kraft fühlte, wohl, ihre wirkliche Überlegenheit sehen zu lassen; sie spielte beständig die gefallsüchtige Provinzialin, sie spielte das einfältige Weib, um sich einen auf seine Stärke vertrauenden und darum in seinen Angriffen schwachen Gegner zu erhalten.

Der Cardinal, der bei ihr alle Bewegungen erlauert hatte, die sie nicht zu bewältigen im Stande gewesen war, hielt sie für berauscht von der Gegenwart, die er ihr geschaffen; sie war es in der That, denn die Gegenwart stand nicht nur über ihren Hoffnungen, sondern sogar über ihren Anmaßungen.

Nur vergaß er, daß er unter dem Ehrgeiz und dem Stolz einer Frau wie Jeanne war.

Was bei ihr bald den Rausch vertrieb, war die Reihenfolge neuer Wünsche und Begierden, welche unmittelbar an die Stelle der alten traten.

»Auf!« sagte der Cardinal, während er der Gräfin ein Glas Cyperwein in einen kleinen Crystallkelch mit goldenen Sternen goß, »auf, da Sie Ihren Vertrag mit mir unterzeichnet haben, schmollen Sie nicht mehr, Gräfin.«

»Ihnen schmollen, oh! nein.«

»Sie werden mich also zuweilen ohne zu großes Widerstreben hier empfangen?«

»Nie werde ich so undankbar sein, zu vergessen, daß Sie hier in Ihrem Hause sind, Monseigneur.«

»In meinem Hause, Tollheit!«

»Nein, nein, in Ihrem Hause, sehr in Ihrem Hause.«

»Ah! wenn Sie mir entgegen sind ... nehmen Sie sich in Acht!«

»Nun! was wird geschehen?« – »Ich werde Ihnen andere Bedingungen auferlegen.« – »Ah! nehmen Sie sich ebenfalls in Acht!« – »Wovor?« – »Vor Allem.« – »Sprechen Sie.« – »Ich bin in meinem Hause.« – »Und...«

»Und wenn ich Ihre Bedingungen unvernünftig finde, so rufe ich meine Leute.«

Der Cardinal lachte.

»Nun! Sie sehen?« sagte sie.

»Ich sehe gar nichts,« erwiderte der Cardinal.

»Doch, Sie sehen wohl, daß Sie meiner spotteten.«

»Wie so?«

»Sie lachen!«

»Das ist der Augenblick, wie mir scheint.«

»Ja, es ist der Augenblick, denn Sie wissen wohl, daß, wenn ich meine Leute riefe, diese nicht kämen.«

»Oh! doch, der Teufel soll mich holen.«

»Pfui! Monseigneur.«

»Was habe ich denn gethan?«

»Sie haben geflucht, Monseigneur.«

»Ich bin nicht mehr Cardinal hier, Gräfin; ich bin bei Ihnen, das heißt im Glück.«

Und er lachte abermals.

»Ah! das ist entschieden ein vortrefflicher Mensch,« dachte die Gräfin.

»Ei! sagen Sie,« sprach plötzlich der Cardinal, als ob ein Gedanke, der sehr weit von seinem Geiste entfernt gewesen, zufällig in diesen zurückgekehrt wäre, »was erzählten Sie mir doch neulich von jenen zwei wohlthätigen Damen, von den zwei Deutschen?«

»Von den zwei Damen mit dem Porträt?« erwiderte Jeanne, welche, da sie die Königin gesehen, die Parade erlangte und sich zum Gegenstoß bereit hielt.

»Ja, von den Damen mit dem Porträt.«

»Monseigneur,« antwortete Jeanne, den Cardinal anschauend, »Sie kennen sie ebenso gut und sogar besser als ich, darauf wette ich.«

»Ich? Oh! Gräfin, Sie thun mir Unrecht. Wünschten Sie nicht, wie es schien, zu wissen, wer sie sind?«

»Allerdings, mich dünkt, es ist sehr natürlich, daß man seine Wohltäterinnen kennen zu lernen wünscht.«

»Nun, wenn ich wüßte, wer sie sind, so wüßten Sie es auch schon.«

»Herr Cardinal, Sie kennen diese Damen, sage ich Ihnen.«

»Nein.«

»Noch ein Nein, und ich nenne Sie einen Lügner.«

»Oh! und ich räche mich für die Beleidigung.«

»Wie? wenn ich fragen darf.«

»Durch einen Kuß.«

»Mein Herr Botschafter am Hofe zu Wien, mein Herr Freund der Kaiserin Maria Theresia, mir scheint, wenn es nicht sehr unähnlich ist, mußten Sie das Porträt Ihrer Freundin erkennen.«

»Wie, in der That, Gräfin, es war das Porträt Maria Theresia's?«

»Oh! spielen Sie doch den Unwissenden, Herr Diplomat.«

»Nun denn, wenn dem so wäre, wenn ich die Kaiserin Maria Theresia erkannt hätte, wohin würde uns das führen?«

»Ist das Porträt Maria Theresia's von Ihnen erkannt worden, so müssen Sie einen Verdacht in Beziehung auf die Damen haben, denen ein solches Porträt gehört.«

»Aber warum soll ich denn das wissen?« versetzte der Cardinal ziemlich unruhig.

»Ah! weil es nicht sehr gewöhnlich ist, das Porträt einer Mutter – denn bemerken Sie wohl, daß dieses Porträt das Porträt einer Mutter und nicht einer Kaiserin ist – in anderen Händen zu sehen, als in denen...«

»Vollenden Sie.«

»Als in denen einer Tochter.«

»Die Königin!« rief Louis von Rohan mit einer Wahrheit der Betonung, von der Jeanne bethört wurde. »Die Königin! Ihre Majestät wäre bei Ihnen gewesen?«

»Wie! hatten Sie nicht errathen, daß sie es war, mein Herr?«

»Mein Gott! nein,« sprach der Cardinal in vollkommen einfachem Ton; »es ist in Deutschland Gewohnheit, daß die Porträts der regierenden Fürsten von Familie zu Familie übergehen. Ich, zum Beispiel, der ich mit Ihnen spreche, bin weder der Sohn, noch der Bruder, noch sogar ein Verwandter Maria Theresia's und habe dennoch ein Porträt von ihr bei mir.«

»Sie haben ein Porträt von ihr bei sich, Monseigneur?«

»Sehen Sie,« sprach kalt der Cardinal.

Und er zog aus seiner Tasche eine Tabatière und zeigte sie Jeanne.

»Sie sehen wohl,« fügte er bei, »daß, wenn ich dieses Porträt habe, während ich mich doch, wie ich Ihnen sagte, nicht der Ehre erfreue, von der kaiserlichen Familie zu sein, ein Anderer als ich es bei Ihnen vergessen haben kann, ohne deßhalb dem erhabenen Hause Oesterreich anzugehören.«

Jeanne schwieg verlegen. Sie besaß alle Instincte bei Diplomatie, aber die Praxis fehlte ihr noch.

»Ihrer Ansicht nach,« fuhr der Prinz Louis fort, »Ihrer Ansicht nach ist es also die Königin Marie Antoinette, die Ihnen einen Besuch gemacht hat?«

»Die Königin mit einer andern Dame.«

»Frau von Polignac?«

»Ich weiß es nicht.«

»Frau von Lamballe?«

»Eine sehr schöne und sehr ernste junge Frau.«

»Fräulein von Taverney vielleicht?«

»Es ist möglich, ich kenne sie nicht.«

»Hat Ihre Majestät Ihnen einen Besuch gemacht, so sind Sie nun der Protection der Königin sicher. Das ist ein großer Schritt zu Ihrem Glück.«

»Ich denke so, Monseigneur.«

»Ist Ihre Majestät, verzeihen Sie mir diese Frage, freigebig gegen Sie gewesen?«

»Sie hat mir ungefähr hundert Louisd'or gegeben.«

»Oh! Ihre Majestät ist nicht reich, besonders in diesem Augenblick.«

»Das verdoppelt meine Dankbarkeit.«

»Und hat sie Ihnen eine besondere Theilnahme bezeigt?«

»Eine ziemlich lebhafte.«

»Dann geht Alles gut,« sprach nachdenkend der Prälat, der den Schützling vergaß, um an die Beschützerin zu denken, »Sie haben nur Eines zu thun.«

»Was?«

»Sich Eintritt in Versailles zu verschaffen.«

Die Gräfin lächelte.

»Ah! verhehlen wir es nicht, Gräfin, hierin liegt die wahre Schwierigkeit.«

Der Cardinal lächelte ebenfalls.

»In der That,« sagte er, »Ihr Leute aus der Provinz zweifelt nie an Etwas. Weil Sie Versailles mit Gittern, die sich öffnen, und mit Treppen, die man hinaufsteigt, gesehen haben, bilden Sie sich ein, Jedermann öffne diese Gitter und Jedermann steige die Treppen hinauf. Haben Sie alle die Ungeheuer von Erz, Marmor oder Blei gesehen, mit denen der Park und die Terrassen von Versailles ausgestattet sind?«

»Ja, Monseigneur.«

»Die Hippogryphen, die Chimären, die Gorgonen und andere bösartige Thiere, die es dort zu Hunderten gibt; nun wohl! denken Sie sich zehnmal mehr boshafte lebendige Thiere zwischen den Fürsten und ihren Wohlthaten, als Sie künstliche Ungeheuer zwischen den Blumen des Gartens und den Vorübergehenden gesehen haben.«

»Eure Eminenz würde mir wohl zum Durchgang durch die Reihen dieser Ungeheuer verhelfen, wenn sie mir den Weg versperrten?«

»Ich würde es versuchen, doch es dürfte mir viel Beschwerden machen. Und vor Allem, wenn Sie meinen Namen aussprächen, wenn Sie Ihren Talisman entdeckten, so wäre er Ihnen nach Verlauf von zwei Besuchen unnütz geworden.«

»Zum Glück bin ich von dieser Seite durch die unmittelbare Protection der Königin gesichert,« sagte die Gräfin, »und wenn ich in Versailles eindringe, so komme ich mit dem guten Schlüssel hinein.«

»Welchen Schlüssel meinen Sie, Gräfin?«

»Ah! Herr Cardinal, das ist mein Geheimniß ... Nein, ich irre mich; wenn es mein Geheimniß wäre, so würde ich es Ihnen sagen, denn vor meinem liebenswürdigen Beschützer will ich nichts verborgen halten.«

»Es gibt hier ein Aber, Gräfin?«

»Leider ja, Monseigneur, es gibt ein Aber ... da es aber nicht mein Geheimniß ist, so bewahre ich es. Es genüge Ihnen, zu wissen...«

»Was denn?«

»Daß ich mich morgen nach Versailles begeben werde; daß man mich empfangen, und zwar, ich habe alle Ursache, dieß zu glauben, gut empfangen wird, Monseigneur.«

Der Cardinal schaute die junge Frau an, deren Entschiedenheit ihm wie eine etwas unmittelbare Folge der ersten Dünste des Abendbrods vorkam.

»Gräfin,« sagte er lachend, »wir werden sehen, ob Sie hinein kommen.«

»Werden Sie die Neugierde so weit treiben, daß Sie mir folgen lassen?«

»Ganz gewiß.«

»Ich widerrufe nicht.«

»Mißtrauen Sie, Gräfin; von morgen an erkläre ich Ihre Ehre dabei betheiligt, daß Ihnen der Eintritt in Versailles gestattet wird.«

»In die kleinen Gemächer, ja, Monseigneur.«

»Ich versichere Sie, Gräfin, daß Sie ein lebendiges Räthsel für mich sind.«

»Eines von den kleinen Ungeheuern, die den Park von Versailles bewohnen?«

»Oh! nicht wahr, Sie halten mich für einen Mann von Geschmack?«

»Ja, gewiß, Monseigneur.«

»Wohl denn, da ich hier vor Ihnen kniee, da ich Ihre Hand nehme und küsse, so kann ich nicht mehr glauben, ich drücke meine Lippen auf einen Greif oder lege meine Hand auf den Schwanz eines Schuppenfisches.«

»Monseigneur,« erwiderte Jeanne mit kaltem Tone, »ich bitte Sie inständig, erinnern Sie sich, daß ich weder eine Grisette noch ein Mädchen von der Oper bin, das heißt, daß ich ganz mir gehöre, wenn ich nicht meinem Gatten gehöre, und daß ich mich jedem Menschen in diesem Königreich gleich fühle, frei und nach meinem eigenen Willen, so bald es mir beliebt, den Mann, der mir zu gefallen gewußt hat, nehmen werde. Achten Sie mich also ein wenig, Monseigneur, Sie werden damit den Adel achten, dem wir Beide angehören.«

Der Cardinal erhob sich und sprach:

»Ah! gut, Sie wollen, daß ich Sie im Ernste liebe?«

»Ich sage das nicht, Herr Cardinal, aber ich will Sie lieben. Glauben Sie mir, wenn der Augenblick gekommen ist, werden Sie es leicht errathen. Ich werde es Ihnen zu wissen thun, falls Sie es nicht selbst wahrnehmen würden, denn ich fühle mich jung genug, leidlich genug, um einige Avancen von meiner eigenen Seite nicht fürchten zu müssen. Ein ehrlicher Mann wird mich nicht zurückstoßen.«

»Gräfin,« sprach der Cardinal, »ich versichere Sie, daß Sie mich lieben werden, wenn es nur von mir abhängt»

»Wir werden sehen.«

»Nicht wahr, Sie hegen schon Freundschaft für mich?«

»Mehr.«

»Wahrhaftig, dann haben wir den halben Weg zurückgelegt.«

»Machen wir nicht Meilenschritte, gehen wir.«

»Gräfin, Sie sind eine Frau, die ich anbeten würde...«

Und er seufzte.

»Die ich anbeten würde?...« sagte sie erstaunt, »wenn?...«

»Wenn Sie es erlaubten,« beeilte sich der Cardinal zu antworten.

»Monseigneur, ich werde es Ihnen vielleicht erlauben, wenn mir das Glück lange genug zugelächelt hat, daß Sie es sich erlassen, vor mir auf die Kniee zu fallen und mir so vor der Zeit die Hände zu küssen.«

»Wie?«

»Ja, wenn ich einmal über Ihren Wohlthaten stehe, werden Sie nicht mehr argwöhnen, ich wünsche Ihre Besuche aus irgend einem Interesse; Ihre Absichten auf mich werden einen edleren Character annehmen, ich werde dabei gewinnen, Monseigneur, und Sie werden nichts dabei verlieren.«

Sie stand abermals auf, denn sie hatte sich wieder gesetzt, um ihre Moral besser vorzutragen.

»Damit schließen Sie mich in Unmöglichkeiten ein,« sprach der Cardinal.

»Wie so?«

»Sie verhindern mich, Ihnen den Hof zu machen.«

»Nicht im Geringsten; gibt es, um einer Frau den Hof zu machen, nur das Mittel der Kniebeugung und des Blendwerks?«

»Fangen wir rasch an, Gräfin. Was wollen Sie mir gestatten?«

»Alles, was mit meinem Geschmack und mit meinen Pflichten verträglich ist.«

»Ho! ho! Sie nehmen da die zwei unbestimmtesten Gebiete, die es auf der Welt gibt.«

»Sie haben Unrecht gehabt, mich zu unterbrechen, Monseigneur, ich war im Begriff, ein drittes beizufügen.«

»Guter Gott! welches?«

»Das meiner Launen.«

»Ich bin verloren.«

»Sie weichen zurück?«

Der Cardinal unterlag in diesem Augenblick viel weniger der Richtung seines eigenen Gedankens, als der Zaubermacht dieses herausfordernden Weibes.

»Nein,« sagte er, »ich werde nicht zurückweichen.«

»Weder vor meinen Pflichten?«

»Noch vor Ihrem Geschmack, noch vor Ihren Launen.«

»Der Beweis?«

»Sprechen Sie.«

»Ich will heute Abend auf den Opernball gehen.«

»Das ist Ihre Sache, Gräfin, Sie sind frei wie die Luft, und ich weiß nicht, was Sie abhalten sollte, auf den Opernball zu gehen.«

»Einen Augenblick Geduld, Monseigneur, Sie sehen nur die Hälfte meines Wunsches; die andere ist, daß Sie auch dahin kommen.«

»Ich! in die Oper ... oh! Gräfin!«

Und der Cardinal machte eine Bewegung, welche, ganz einfach für einen gewöhnlichen Privatmann, für einen Rohan von diesem Rang ein ungeheurer Sprung war.

»Oh! wie Sie mir schon zu gefallen suchen!« sagte die Gräfin.

»Ein Cardinal geht nicht auf den Opernball, Gräfin; das ist, als schlüge ich Ihnen vor, in eine Gassenschenke zu gehen.«

»Nicht wahr, ein Cardinal tanzt auch nicht?«

»Oh! ... nein!«

»Nun, warum habe ich denn gelesen, der Herr Cardinal von Richelieu habe eine Sarabande getanzt?«

»Vor Anna von Oesterreich,« entschlüpfte dem Prinzen.

»Es ist wahr, nur vor einer Königin,« sprach Jeanne, den Cardinal fest anschauend. »Wohl! Sie würden das vielleicht für eine Königin thun...«

Der Prinz konnte sich, so gewandt, so stark er auch war, des Erröthens nicht erwehren.

Hatte das boshafte Geschöpf Mitleid mit seiner Verlegenheit, dünkte es ihm zuträglich, dieses Mißbehagen nicht zu verlängern, rasch fügte die Gräfin bei:

»Warum sollte ich mich nicht verletzt fühlen, wenn Sie mich mit Betheuerungen überströmen und ich doch sehen muß, daß Sie mich weniger schätzen, als eine Königin, wenn es sich darum handelt, unter einem Domino und unter einer Larve verborgen zu sein, wenn es sich darum handelt, in meinen Augen mit einer Gefälligkeit, die ich nicht genug anzuerkennen vermöchte, einen jener Riesenschritte zu thun, mit denen sich Ihr Meilenschritt von vorhin nie zu messen vermöchte?«

Glücklich, so wohlfeilen Kaufes durchzukommen, glücklich besonders über den beständigen Sieg, den ihn die Geschicklichkeit Jeanne's bei jeder Unbesonnenheit davon tragen ließ, ergriff der Cardinal die Hand der Gräfin und drückte sie voll Inbrunst.

»Für Sie Alles, selbst das Unmögliche,« sprach er.

»Meinen Dank, Monseigneur, der Mann, der dieses Opfer für mich gebracht hat, ist ein sehr kostbarer Freund, ich entbinde Sie der Frohne, nun, da Sie sich derselben unterzogen haben.«

»Nein, nein, nur derjenige kann den Lohn fordern, welcher seine Aufgabe vollbracht hat. Gräfin, ich folge Ihnen, doch im Domino.«

»Wir fahren in die Rue Saint-Denis, die in der Nähe des Opernhauses ist; ich trete verlarvt in ein Magazin und laufe für Sie Domino und Maske; Sie kleiden sich im Wagen...«

»Gräfin, wissen Sie, daß dieß eine reizende Partie ist?«

»Oh! Monseigneur, Sie sind von einer Güte gegen mich, die mich ganz verwirrt. Doch, da fällt mir eben ein, vielleicht hätte Eure Eminenz im Hotel Rohan einen Domino gefunden, der mehr nach Ihrem Geschmack gewesen wäre, als der, welchen wir laufen wollten.«

»Das ist eine unverzeihliche Bosheit, Gräfin. Wenn ich auf den Opernball gehe, so glauben Sie mir Eines...«

»Was, Monseigneur?«

»Daß ich eben so erstaunt sein werde, mich dort zu sehen, als Sie es waren, unter vier Augen mit einem andern Mann, als Ihrem Gatten, zu Nacht zu speisen.«

Jeanne fühlte, daß sie nichts zu antworten hatte; sie dankte.

Ein Wagen ohne Wappen nahm vor der kleinen Hausthüre die zwei Flüchtlinge auf und schlug in scharfem Trab den Weg nach den Boulevards ein.

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