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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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XX.

Das Gold.

Man vernehme, was hinter diesen Vorhängen vorgegangen.

Zuerst war Beausire erstaunt, die Thüre mit dem Riegel verschließen zu sehen.

Dann erstaunt, Oliva so laut rufen zu hören.

Endlich noch mehr erstaunt, in das Zimmer einzutreten und seinen gewaltigen Nebenbuhler nicht darin zu finden.

Nachforschungen, Drohungen, Anforderung; da sich der Mensch verbarg, so hatte er Angst; hatte er Angst, so siegte Beausire.

Oliva nöthigte ihn, seine Nachforschungen einzustellen und auf ihre Frage zu antworten.

Ein wenig angefahren, nahm Beausire selbst einen stolzen Ton an.

Oliva, die ihr Schuldbewußtsein verloren hatte, weil der sichtbare Gegenstand des Verbrechens verschwunden war, quia corpus delicti aberat, wie der Text sagt, Oliva schrie so laut, daß Beausire, um sie zum Schweigen zu bringen, ihr die Hand auf den Mund drückte oder wenigstens drücken wollte.

Doch er täuschte sich; Oliva verstand die überredende und versöhnende Geberde Beausire's anders. Dieser raschen Hand, die sich nach ihrem Gesichte wandte, setzte sie eine Hand entgegen, die ebenso behend und leicht war, als kurz zuvor der Degen des Unbekannten gewesen.

Diese Hand parirte Quart und Terz, fuhr gerade aus und schlug Beausire auf die Wange.

Beausire that mit der rechten Hand einen Gegenschlag, der die beiden Hände Oliva's niederschlug und ihre linke Wange unter einem ärgerlichen Geräusch röthete.

Dieß war die Stelle der Verhandlung, welche der Unbekannte bei seinem Abgang vernommen hatte.

Eine so begonnene Erklärung führt, wie wir sagten, rasch eine Entwickelung herbei, eine Entwicklung indessen, die, so gut sie auch darzustellen sein mag, einer Menge von Vorbereitungen bedarf, um dramatische Wirkung zu haben.

Oliva erwiderte die Ohrfeige Beausire's durch ein schweres und gefährliches Wurfgeschoß: einen Porzellankrug; Beausire setzte dem Wurfgeschoß die radförmige Bewegung eines Stockes entgegen, der mehrere Tassen zerbrach, eine Kerze abstieß und am Ende die Schulter der jungen Frau traf.

Wüthend sprang diese auf Beausire los und preßte ihm die Gurgel zusammen. Der Unglückliche war genöthigt, zu packen, was er an der drohenden Oliva finden konnte.

Er zerriß einen Rock. Empfindlich für diese Schmach und diesen Verlust, ließ Oliva los und schleuderte Beausire zu Boden. Schäumend erhob er sich wieder.

Da sich jedoch der Werth eines Feindes nach der Vertheidigung ermißt, und die Vertheidigung sich stets Achtung erwirbt, selbst beim Sieger, so knüpfte Beausire, der viel Respect vor Oliva bekommen hatte, die mündliche Verhandlung da wieder an, wo er sie gelassen.

»Du bist ein abscheuliches Geschöpf,« sagte er, »Du richtest mich zu Grunde.«

»Du richtest mich zu Grunde,« erwiderte sie.

»Oh! ich richte sie zu Grunde! Sie hat nichts.«

»Sage, ich habe nichts mehr. Sage, Du habest Alles, was ich besessen, verkauft und verfressen, vertrunken und verspielt.«

»Und Du wagst es, mir meine Armuth vorzuwerfen?«

»Warum bist Du arm? Das ist ein Laster.«

»Ich werde Dir die Deinigen alle auf einmal abgewöhnen.«

»Durch Schläge etwa?«

Und Oliva schwang eine ziemlich schwere Feuerzange, bei deren Anblick Beausire zurückwich.

»Das fehlte Dir noch, Liebhaber anzunehmen!« sagte er.

»Und Du, wie nennst Du denn alle die Schufte, die in den Spielhäusern, wo Du Deine Tage und Nächte zubringst, bei Dir sitzen?«

»Ich spiele, um zu leben.«

»Und das gelingt Dir ganz hübsch: wir müssen verhungern; meiner Treu, eine reizende Industrie!«

»Und Du mit der Deinigen bist genöthigt, zu flennen, wenn man Dir ein Kleid zerreißt, weil Du nicht die Mittel hast, Dir ein anderes zu kaufen. Eine schöne Industrie, bei Gott!«

»Eine bessere, als die Deinige,« rief Oliva wüthend, »hier der Beweis.«

Und sie nahm aus ihrer Tasche eine Handvoll Gold und warf sie im Zimmer umher.

Die Louisd'or rollten auf ihren Rändern und zitterten auf ihren Flächen; die einen verbargen sich unter den Schränken, die anderen setzten ihre klingenden Evolutionen bis zu den Thüren fort. Wieder andere blieben bald ermüdet platt liegen und ließen ihre Bilder wie Feuerflitter glänzen.

Als Beausire diesen Metallregen auf dem Holz der Geräthe und auf dem Boden des Zimmers klingen hörte, wurde er wie von einem Schwindel, wir müßten eigentlich sagen, wie von einem Gewissensbiß ergriffen.

»Louisd'or, Doppellouisd'or!« rief er niedergeschmettert.

Oliva hielt zwischen ihren Fingern eine zweite Handvoll von diesem Metall. Sie schleuderte sie Beausire, der dadurch geblendet wurde, in's Gesicht und in die offenen Hände.

»Ho! ho!« rief er. »Wie reich sie ist, diese Oliva!«

»Das trägt mir meine Industrie ein,« erwiderte cynisch das Weib, während es mit einem gewaltigen Pantoffelschlage zugleich das Gold, das auf dem Boden umherlag, und Beausire, der niederkniete, um es zusammenzuraffen, zurückstieß.

»Sechzehn, siebenzehn, achtzehn,« sagte Beausire kichernd vor Freude.

»Elender!« brummte Oliva.

»Neunzehn, einundzwanzig, zweiundzwanzig.«

»Erbärmlicher Schlingel!«

»Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig.«

»Schuft.«

Hatte er nun gehört, war er erröthet, ohne zu hören, Beausire stand auf.

»Gut,« sprach er mit einem so ernsten Tone, daß nichts so sehr dem Komischen gleichen konnte, »gut, Mademoiselle, Sie machten also Ersparnisse, indem Sie es mir am Nothwendigen fehlen ließen.«

Etwas verwirrt, fand Oliva keine Antwort.

»Mich,« fuhr der Bursche fort, »mich ließen Sie mit zerrissenen Strümpfen, mit einem rothen Hut und aufgeschlitztem Futter umhergehen, während Sie Louisd'or in Ihrer Kasse aufbewahrten? Woher kommen diese Louisd'or? von dem Verkauf, den ich mit meinen Kleidern vornahm, als ich mein trauriges Geschick mit dem Ihrigen verband.«

»Schurke!« murmelte Oliva leise.

Und sie schleuderte ihm einen Blick voll Verachtung zu. Er erzürnte sich nicht darüber.

»Ich verzeihe Dir,« sprach er, »nicht Deinen Geiz, aber Deine Sparsamkeit.«

»Und vorhin wolltest Du mich umbringen.«

»Vorhin hatte ich Recht, jetzt hätte ich Unrecht.«

»Warum, wenn's beliebt?«

»Weil Du jetzt eine wahre Haushälterin bist, Du trägst der Haushaltung Etwas ein.«

»Ich sage Dir, Du bist ein Schuft.«

»Meine geliebte Oliva!«

»Und Du wirst mir das Gold zurückgeben.«

»Oh! meine Theuerste!«

»Du wirst es mir zurückgeben, oder ich renne Dir Deinen Degen durch den Leib.«

»Oliva!«

»Ja oder nein!«

»Nein, Oliva, ich werde nie zugeben, daß Du mir den Degen durch den Leib rennst.«

»Rühre Dich nicht, oder ich durchbohre Dich. Das Geld!«

»Schenke es mir!«

»Ah! Elender! ah! niedrige Creatur! Du bettelst. Du flehst mich um den Ertrag meiner schlechten Aufführung an! Ah! das nennt man einen Mann; ich habe Euch stets verachtet, Alle verachtet, hörst Du wohl? ... mehr noch den, der gibt, als den, welcher empfängt.«

»Derjenige, welcher gibt, kann geben,« erwiderte Beausire mit ernstem Tone, »er ist glücklich. Ich habe Dir auch gegeben, Nicole.«

»Ich will nicht, daß man mich Nicole nennt.«

»Verzeih! Oliva. Ich sagte also, ich habe Dir gegeben, so lange ich gekonnt.«

»Schöne Freigebigkeit, silberne Ringe, sechs Louisd'or, zwei seidene Kleider, drei gestickte Sacktücher.«

»Das ist viel für einen Soldaten.«

»Schweig; die Ringe hattest Du einem Andern gestohlen, um sie mir anzubieten; die Louisd'or hat man Dir geborgt, und Du hast sie nie zurückgegeben; die seidenen Kleider...«

»Oliva! Oliva!«

»Gib mir mein Geld zurück.«

»Was willst Du dafür?«

»Das Doppelte.«

»Gut, es sei,« erwiderte der Bursche voll Ernst. »Ich gehe in's Spielhaus der Rue de Bussy und bringe Dir nicht bloß das Doppelte, sondern das Fünffache.«

Er machte ein paar Schritte gegen die Thüre. Sie packte ihn am Schooß seines mürben Rockes.

»Ah!« sagte er, »gut, der Rock ist zerrissen.«

»Desto besser, Du wirst einen neuen haben.«

»Sechs Louisd'or, Oliva, sechs Louisd'or! Gut, daß in der Rue de Bussy die Banquiers und Pointeurs im Punkte der Toilette nicht sehr streng sind.«

Oliva faßte ruhig den andern Rockschooß und ritz ihn ebenfalls ab. Beausire wurde wüthend.

»Tod und Teufel,« schrie er, »Du machst, daß ich Dich umbringe. Die freche Person entkleidet mich ganz. Ich kann nicht mehr ausgehen.«

»Im Gegentheil, Du wirst auf der Stelle gehen.«

»Das wäre seltsam, ohne Rock.«

»Du ziehst Deinen Winterüberrock an.«

»Durchlöchert, geflickt?«

»Du ziehst ihn nicht an, wenn Dir das lieber ist. Doch Du wirst gehen.«

»Nie.«

Oliva nahm aus ihrer Tasche, was sie noch an Gold übrig hatte, ungefähr vierzig Louisd'or, und ließ sie zwischen ihren beiden zusammengehaltenen Händen springen.

Beausire wäre beinahe närrisch geworden; er kniete abermals nieder.

»Befiehl!« rief er, »befiehl!«

»Du läufst nach dem Capucin-Magique in der Rue de Seine, man verkauft dort Dominos für den Maskenball.«

»Nun?« – »Du kaufst mir einen vollständigen.« – »Gut.« – »Für Dich einen schwarzen, für mich einen weißen von Atlas.« – »Ja.« – »Und ich gebe Dir hiefür nur zwanzig Minuten.« – »Wir gehen auf den Ball?« – »Auf den Ball.« – »Und Du führst mich auf das Boulevard zum Abendbrot?« – »Gewiß; doch unter einer Bedingung.« – »Unter welcher?« – »Daß Du gehorsam bist.« – »Oh! immer, immer.« – »Auf, zeige Deinen Eifer.« – »Ich laufe.« – »Wie, Du bist noch nicht weggegangen?« – »Aber die Kosten...« – »Du hast fünfundzwanzig Louisd'or.« – »Wie, ich habe fünfundzwanzig Louisd'or? Woher nimmst Du das?« – »Die Goldstücke, die Du aufgerafft hast.« – »Oliva, Oliva, das ist nicht schön von Dir.« – »Was willst Du damit sagen?« – »Oliva, Du hattest sie mir geschenkt.«

»Ich sage nicht, Du sollst sie nicht bekommen; doch wenn ich sie Dir jetzt gäbe, würdest Du nicht zurückkehren. Geh also und kehre rasch wieder.«

»Sie hat bei Gott Recht,« sagte der Bursche etwas verwirrt. »Es war meine Absicht, nicht zurückzukommen.«

»Fünfundzwanzig Minuten, hörst Du wohl?« rief sie.

»Ich gehorche.«

In diesem Augenblick geschah es, daß der den Fenstern gegenüber im Hinterhalt liegende Bediente eine der beiden redenden Personen verschwinden sah.

Es war Herr Beausire, der mit einem Rock ohne Schooß herunter kam, hinter welchem der Degen frech baumelte, während das Hemd unter der Weste wie zur Zeit Ludwigs XIII. aufgebauscht war.

Der Taugenichts nahm seine Richtung nach der Rue de Seine, und Oliva schrieb mittlerweile rasch auf ein Papier folgende Worte, welche die ganze Episode zusammenfaßten:

»Der Friede ist unterzeichnet, die Theilung gemacht, der Ball angenommen. Um zwei Uhr werden wir im Opernhause sein. Ich habe einen weißen Domino und auf der linken Schulter ein blaues Band.«

Oliva rollte das Papier um einen Scherben von dem zerbrochenen Porzellankrug, streckte den Kopf zum Fenster hinaus und warf das Billet auf die Straße.

Der Bediente stürzte auf seine Beute los, hob sie auf und entfloh.

Es ist beinahe gewiß, daß Herr Beausire nicht mehr als dreißig Minuten brauchte, um zurückzukehren; es folgten ihm zwei Schneidergesellen, welche um den Preis von achtzehn Louis d'or zwei Dominos von ausgezeichnetem Geschmack brachten, wie man sie im Capucin-Magique bei dem guten Arbeiter, dem Lieferanten Ihrer Majestät der Königin und der Hofdamen verfertigte.

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