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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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XIX.

Herr Beausire.

Oliva warf sich einem wüthenden Menschen entgegen, der mit ausgestreckten Händen, bleichem Gesicht und in ungeordnetem Anzug, heisere Verwünschungen ausstoßend, in die Wohnung hereinstürzte.

»Beausire, was gibt es, Beausire?« sagte sie mit einer Stimme, die nicht erschrocken genug klang, um dem Muthe dieses Weibes Eintrag zu thun.

»Laß mich los!« rief der Eintretende, während er sich mit roher Gewalt von der Umschlingung Oliva's befreite.

Und mit einem sich steigernden Ton fuhr er fort:

»Ah! weil ein Mann hier ist, öffnete man mir die Thüre nicht. Ah! ah!«

Der Unbekannte war erwähnter Maßen in ruhiger, unbeweglicher Haltung auf dem Sopha geblieben, in einer Haltung, welche Herrn Beausire wie Unentschlossenheit oder sogar wie Schrecken vorkommen mußte.

Mit einem Zähnefletschen von schlimmer Vorbedeutung trat er vor den Unbekannten und rief:

»Ich denke, Sie werden mir antworten, mein Herr!«

»Was soll ich Ihnen sagen, mein lieber Herr Beausire?« erwiderte der Andere.

»Was machen Sie hier, und vor Allem, wer sind Sie?«

»Ich bin ein ruhiger Mann, gegen den Sie furchtbare Augen machen, und dann plauderte ich mit dieser Dame in allen Ehren.«

»Ja, ja, gewiß in allen Ehren,« murmelte Oliva.

»Willst Du wohl schweigen!« brüllte Beausire.

»Stille, stille!« sagte der Unbekannte, »schnauzen Sie Madame nicht so heftig an, sie ist vollkommen unschuldig, und wenn Sie übler Laune sind...«

»Ja, das bin ich.«

»Er wird im Spiel verloren haben,« flüsterte Oliva.

»Mord und Teufel, ich bin ausgeplündert!« brüllte Beausire.

»Und es wäre Ihnen nicht unangenehm, jetzt auch Jemand auszuplündern,« versetzte lächelnd der Unbekannte. »Das läßt sich begreifen, mein lieber Herr Beausire.«

»Genug der schlechten Späße! Und nun machen Sie mir das Vergnügen und packen Sie sich.«

»Oh! Herr Beausire, Nachsicht!«

»Tod und alle Teufel der Hölle ! Stehen Sie auf und gehen Sie, oder ich zerschmettere den Sopha und Alles, was darauf ist.«

»Ah! Mademoiselle, Sie haben mir nichts davon gesagt, daß Herr Beausire solche närrische Grillen hat. Mein Gott! welches Ungestüm!«

Außer sich, machte Beausire eine große Comödienbewegung und beschrieb, um den Degen zu ziehen, mit den Armen und der Klinge einen Kreis von wenigstens zehn Fuß im Umfang.

»Ich sage Ihnen noch einmal,« rief er. »stehen Sie auf, ober ich nagle Sie an die Lehne.«

»Wahrhaftig, man ist sehr unangenehm.« erwiderte der Unbekannte, während er sachte und nur mit der linken Hand den kleinen Degen, den er hinter sich auf dem Sopha verborgen hatte, aus der Scheide zog.

Oliva stieß durchdringende Schreie aus.

»Ahl Mademoiselle, schweigen Sie,« sprach der ruhige Mann, der endlich den Degen in der Faust hatte, ohne daß er von seinem Sitze aufgestanden war; »schweigen Sie, denn es werden zwei Dinge geschehen, einmal werden Sie Herrn Beausire betäuben und er wird sich spießen lassen; dann wird die Scharwache heraufkommen, Sie packen und geraden Weges nach Saint-Lazare führen.«

Oliva ersetzte die Schreie durch eine äußerst ausdrucksvolle Pantomime.

Es war ein seltsames Schauspiel. Auf der einen Seite führte Herr Beausire, beschmutzt, betrunken, zitternd vor Wuth, Stöße ohne Richtung, ohne Taktik auf einen undurchdringlichen Gegner.

Auf der andern ein Mann auf dem Sopha sitzend, eine Hand auf dem Knie ausgestreckt, die andere bewaffnet, mit Behendigkeit parirend, ohne zu stoßen, und dergestalt lachend, daß Saint-Georges selbst darüber erschrocken wäre.

Beständig durch die Paraden des Gegners herumgetrieben, war Beausire's Degen keinen Augenblick im Stande, die Linie zu behaupten.

Beausire fing an müde zu werden, zu schnaufen, doch der Zorn hatte einer unwillkürlichen Angst Platz gemacht; er bedachte, daß es, wenn dieser gefällige Degen sich ausstrecken und ernstlich ihm zu Leibe gehen wollte, um ihn, Beausire, geschehen wäre. Ein Bangen erfaßte ihn, er kam aus der Lage und berührte nur noch das äußerste Ende des Degens seines Gegners. Dieser faßte ihn kräftig in Terz, wand ihm den Degen aus der Hand und schnellte ihn wie eine Feder in die Luft.

Der Degen flog durch das Zimmer, durchbrach eine Fensterscheibe und verschwand außen.

Beausire wußte nicht mehr, welche Haltung er beobachten sollte.

»Ei! Herr Beausire,« sagte der Unbekannte, »wenn Ihr Degen mit der Spitze niederfällt und Jemand durchsticht, sind Sie ein Mann des Todes!«

Zum Bewußtsein zurückgerufen, lief Beausire nach der Thüre und stürzte die Treppe hinab, um seine Waffe wieder zu erwischen und einem Unglück zuvorzukommen, das ihn mit der Polizei entzweit hätte.

Mittlerweile ergriff Oliva die Hand des Siegers und sprach zu ihm:

»Oh! mein Herr, Sie sind sehr muthvoll; doch Herr Beausire ist ein Schurke, und wenn Sie bleiben, gefährden Sie mich; sobald Sie weggegangen sind, wird er mich sicherlich schlagen.«

»Dann bleibe ich.«

»Nein, nein, ich bitte inständig; wenn er mich schlägt, schlage ich ihn auch, und ich bin immer die Stärkere, doch das ist so, weil ich nichts zu schonen habe. Ich flehe Sie an, entfernen Sie sich.«

»Haben Sie Eines wohl im Auge, meine Schönste; gehe ich von hier weg, so lauert er mir unten oder auf der Treppe auf; man wird sich wieder schlagen; auf einer Treppe parirt man nicht immer mit so großer Sicherheit wie auf einem Canapee.«

»Nun, und dann?«

»Dann tödte ich Meister Beausire oder er tödtet mich.«

»Großer Gott! das ist wahr, wir hätten einen schönen Spectakel im Hause.«

»Dieß ist zu vermeiden: ich bleibe also.«

»Um des Himmels willen, entfernen Sie sich, gehen Sie in den oberen Stock hinauf, bis er wieder zu mir hereingekommen ist. Im Glauben, Sie hier zu finden, wird er nirgends suchen. Sobald er in meine Wohnung eingetreten ist, hören Sie mich die Thüre doppelt verschließen. Ich werde meinen Mann eingesperrt und den Schlüssel in meine Tasche gesteckt haben. Nehmen Sie dann Ihren Rückzug, indeß ich mich muthig schlage, um die Zeit auszufüllen.«

»Sie sind ein reizendes Mädchen, auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen! wann dieß?«

»Heute Nacht, wenn es Ihnen beliebt.«

»Wie, heute Nacht! Sind Sie verrückt?«

»Bei Gott, ja, heute Nacht. Ist nicht Ball im Opernhause?«

»Bedenken Sie, daß die Mitternachtsstunde schon geschlagen hat.«

»Ich weiß es wohl, doch was ist daran gelegen?«

»Man braucht Dominos.«

»Beausire wird holen, wenn Sie ihn durchgeprügelt haben.«

»Sie haben Recht,« versetzte Oliva lachend.

»Leben Sie wohl! Meinen Dank!«

Und sie schob ihn nach dem Ruheplatz.

»Gut! er schließt die Thüre unten,« sagte der Unbekannte.

»Es ist nur ein Riegel innen. Gehen Sie ... er kommt herauf.«

»Doch wenn zufällig Sie geschlagen würden, wie konnten Sie mir es sagen lassen?«

Sie überlegte und antwortete dann:

»Sie müssen Bediente haben.«

»Ja, ich werde einen unter Ihre Fenster stellen.«

»Gut, und er wird in die Luft schauen, bis ihm ein Billetchen auf die Nase fällt.«

»So sei es. Gott befohlen!«

Der Unbekannte stieg in die oberen Stockwerke hinauf. Das ließ sich sehr leicht thun, die Treppe war finster, und Oliva bedeckte, indem sie mit lauter Stimme Beausire rief, das Geräusch der Tritte ihres neuen Mitschuldigen.

»Willst Du wohl kommen, Hirnverrückter!« rief sie Beausire zu, der nicht heraufging, ohne Betrachtungen über die moralische und physische Ueberlegenheit dieses Eindringlings anzustellen, welcher sich auf eine so unverschämte Weise in der Wohnung eines Andern eingenistet hatte.

Er gelangte indessen zu dem Stockwerk, wo ihn Oliva erwartete.

Er hatte den Degen in der Scheide und dachte über eine Rede nach, die er halten wollte.

Oliva nahm ihn bei den Schultern, stieß ihn in das Vorzimmer und schloß die Thüre doppelt, wie sie es versprochen hatte.

Der Unbekannte konnte, während er sich zurückzog, den Anfang eines Streites hören, in welchem durch ihren schallenden Ton, dem der Blechinstrumente im Orchester ähnlich, jene Schläge sich hervorheben, die man gewöhnlich und onomatopoetisch Kläpse nennt.

Mit den Kläpsen vermischten sich Schreie und Vorwürfe. Beausire's Stimme donnerte, die von Oliva erschütterte die Wände.

»In der That,« sagte der Unbekannte, indem er sich entfernte, »man hätte nie glauben sollen, daß diese Frau, welche die Ankunft des Gebieters vorhin so sehr verlegen machte, eine solche Widerstandskraft besäße.

Der Unbekannte verlor die Zeit nicht damit, daß er dem Ende der Scene folgte.

»Es waltet zu viel Wärme im Anfang der Scene ob, als daß die Entwickelung fern sein sollte.«

Er wandte sich um die Ecke der Rue d'Anjou-Dauphine, wo sein Wagen, der sich rückwärts in dieses Gäßchen hineingearbeitet hatte, seiner harrte.

Rasch sagte er ein Wort zu einem seiner Bedienten; dieser eilte weg, faßte Posto den Fenstern Oliva's gegenüber und verbarg sich im dichten Schatten einer kleinen Arcade, die den Gang eines alterthümlichen Hauses überdeckte.

So gestellt, konnte der Mann, der die beleuchteten Fenster sah, durch die Beweglichkeit der Silhouetten Alles beurtheilen, was im Innern vorging.

Die Anfangs sehr regsamen Bilder wurden allmälig ein wenig ruhig. Endlich blieb nur noch eines.

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