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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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XVII.

Der Bottich

Das Gemälde, das wir im vorhergehenden Capitel sowohl von der Zeit, in der man lebte, als von den Menschen, mit denen man sich in diesem Augenblick beschäftigte, zu entwerfen gesucht haben, kann in den Augen unserer Leser den unerklärlichen Eifer der Pariser für das Schauspiel der von Herrn Mesmer öffentlich bewerkstelligten Curen rechtfertigen.

König Ludwig XVI., der, wenn er auch nicht sehr begierig in Betreff der Neuigkeiten war, die in seiner guten Stadt Paris Aufsehen erregten, dieselben doch wenigstens zu würdigen wußte, hatte der Königin, unter der Bedingung, daß sich der erhabene Besuch von einer Prinzessin begleiten lasse, die Erlaubniß gegeben, einmal ebenfalls das zu sehen, was die ganze Welt gesehen.

Es begab sich dieß zwei Tage nach dem Besuch, den der Herr Cardinal von Rohan bei Frau von La Mothe gemacht hatte.

Das Wetter war milder geworden und ein kräftiges Aufthauen eingetreten. Eine Armee von Gassenkehrern, glücklich und stolz, mit dem Winter ein Ende zu machen, fegte mit dem Feuereifer der Soldaten, die einen Laufgraben eröffnen, den letzten, ganz beschmutzten und in schwarzen Bächen hinschmelzenden Schnee in die Gossen.

Blau und durchsichtig beleuchtete sich der Himmel mit den ersten Sternen, als Frau von La Mothe in eleganter Kleidung und von allem Anschein des Reichthums umgeben, in einem Fiaker, den Frau Clotilde so neu als möglich gewählt hatte, auf der Place Vendôme erschien, wo sie an einem Hause von großartigem Aussehen, dessen hohe Fenster an der ganzen Façade glänzend erleuchtet waren, anhielt.

Dieses Haus war das von Doctor Mesmer.

Außer dem Fiaker von Frau La Mothe hielten viele Equipagen oder Chaisen vor diesem Hause, und außer diesen Equipagen oder Chaisen gingen zwei bis drei hundert Neugierige im Koth umher und warteten auf das Herauskommen der geheilten Kranken oder auf den Eintritt der zu heilenden Kranken.

Diese – beinahe insgesammt reich und mit Titeln versehen – kamen in ihren mit Wappen geschmückten Wagen an, ließen sich von ihren Lakaien herausheben und tragen, und die in Pelze gewickelten oder in Atlasmäntel gehüllten Ballen neuer Art waren kein geringer Trost für die ausgehungerten, halbnackten Unglücklichen, die vor der Thüre auf den schlagenden Beweis lauerten, daß Gott die Menschen krank mache, ohne ihren Stammbaum um Rath zu fragen.

War einer von diesen Kranken mit bleicher Gesichtsfarbe und matten Gliedern unter dem großen Thor verschwunden, so entstand ein Gemurmel unter den Anwesenden, und es kam selten vor, daß diese neugierige und verständige Menge, die vor der Thüre der Ballsäle und unter den Säulenlauben der Theater die ganze vergnügungssüchtige Aristocratie sich drängen sah, was ihr Vergnügen war, nicht diesen an einem Arm oder Bein gelähmten Herzog oder jenen Marschall erkannte, dem die Füße den Dienst versagten, weniger wegen der Strapazen bei militärischen Märschen, als wegen Erstarrung in Folge von Besuchen bei den Damen der Oper oder der italienischen Comödie.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Menge mit ihren Forschungen nicht bei den Männern stehen blieb.

Auch die Frau, die man in den Armen ihrer Heiducken, mit hängendem Kopf und glanzlosen Augen, gleich wie die römischen Damen, die sich nach dem Mahle von ihren Thessaliern herumtragen ließen, hatte vorüberkommen sehen, auch diese Dame, welche Nervenleiden unterworfen, oder durch Ausschweifungen und Nachtwachen geschwächt war, und von den Modecomödianten oder von den kräftigen Engeln, von denen Madame Dugazon so wunderbare Erzählungen zu machen wußte, nicht hatte geheilt oder wieder erweckt werden können, verlangte von Mesmers Bottich, was sie vergebens anderswo gesucht hatte.

Und man glaube nicht, daß wir hier zu unserem Vergnügen die Sittenverderbniß übertreiben. Man muß zugestehen, daß in jener Zeit ein Wettstreit zwischen den Damen des Hofes und den Demoisellen des Theaters stattfand. Die letztern nahmen den Frauen der vornehmen Welt ihre Liebhaber und ihre Männer, jene stahlen den Theaterfräulein ihre Cameraden und ihre selbstgemachten Vetter.

Einige dieser Damen waren eben so bekannt, als die Männer, und ihre Namen kreisten in der Menge auf eine nicht minder geräuschvolle Art; aber viele, und ohne Zweifel waren dieß nicht diejenigen, deren Namen das geringste ärgerliche Aufsehen erregt hatte, viele entgingen an dem genannten Abend wenigstens dem Lärmen und der Oeffentlichkeit, da sie, das Gesicht mit einer Atlasmaske bedeckt, zu Mesmer kamen.

An demselben Tage, der die Mitte des Faschings bezeichnete, fand nämlich ein Maskenball in der Oper statt, und diese Damen gedachten die Place-Vendome nur zu verlassen, um sich unmittelbar nach dem Palais-Royal zu begeben.

Mitten durch die Menge, die sich in Klagen, in Gespötte, in Bewunderung und besonders in Gemurre ausließ, schritt die Frau Gräfin von La Mothe, eine Larve vor dem Gesicht, aufrecht und fest, und ohne andere Spuren von ihrem Durchzug zurückzulassen als die auf dem Wege oft wiederholten Worte:

»Ah! diese muß nicht sehr krank sein.«

Man täusche sich hierin nicht, diese Worte schloßen keineswegs die Commentare aus.

Denn wenn Frau von La Mothe nicht krank war, was machte sie bei Mesmer?

Wäre die Menge, wie wir, mit den Ereignissen vertraut gewesen, die wir erzählt, so hätte sie gefunden, nichts sei einfacher, als diese Wahrheit.

Frau von La Mothe hatte wirklich viel über ihre Unterredung mit dem Herrn Cardinal von Rohan und besonders über die ganz eigenthümliche Aufmerksamkeit nachgedacht, womit der Cardinal die bei ihr vergessene oder vielmehr verlorene Büchse mit dem Porträt beehrt hatte.

Und da in dem Namen der Eigenthümerin dieser Büchse die ganze Enthüllung der plötzlichen Liebfreundlichkeit des Cardinals lag, so hatte Frau von La Mothe zwei Mittel ausgesonnen, um diesen Namen zu erfahren.

Zuerst nahm sie ihre Zuflucht zum einfacheren.

Sie ging nach Fontainebleau, um sich beim Wohlthätigkeitsbüreau der deutschen Damen zu erkundigen.

Hier erhielt sie, wie man sich leicht denken kann, keine Auskunft.

Es waren der deutschen Damen, die in Versailles wohnten, sehr viele, in Folge der offenen Sympathie, welche die Königin für ihre Landsmänninnen hegte: man zählte hundert und fünfzig bis zweihundert.

Alle waren sehr wohlttätig, doch es hatte keine den Gedanken gehabt, ein Schild an das Wohlthätigkeitsbüreau zu hängen.

Vergebens erkundigte sich daher Jeanne nach den zwei Damen, die sie besucht hatten; vergebens sagte sie, eine von den zwei Namen heiße Andrée. Man kannte in Versailles keine deutsche Dame dieses Namens, der überdieß sehr wenig deutsch war.

Die Nachforschungen führten also auf dieser Seite kein Resultat herbei.

Wenn sie Herrn von Rohan unmittelbar nach dem Namen fragte, den er muthmaßte, so zeigte sie ihm, daß sie Gedanken über ihn hatte, und es sah aus als ob sie das Vergnügen und das Verdienst einer aller Welt zum Trotz und außer allen Möglichkeiten gemachten Entdeckung sich selbst zueignen wollte.

Da aber Geheimniß in dem Schritte dieser Damen bei Jeanne, Geheimniß in dem Erstaunen und den Halbsagereien des Herrn von Rohan gewesen war, so mußte man mit Geheimniß zu dem Schlüssel von so vielen Räthseln gelangen.

Es lag überdieß in Jeanne's Charakter eine gewaltige Neigung zu diesem Kampf mit dem Unbekannten.

Sie hatte in Paris sagen hören, es habe seit einiger Zeit ein Mann, ein Erleuchteter, das Mittel gefunden, aus dem Körper des Menschen die Krankheiten und Schmerzen auszutreiben, wie einst Christus die Teufel aus dem Leib der Besessenen ausgetrieben.

Sie wußte, daß dieser Mann nicht nur die körperlichen Uebel heilte, sondern daß er auch der Seele das schmerzliche Geheimniß entriß, das sie unterwühlte. Man hatte unter seiner allmächtigen Beschwörung den hartnäckigen Willen seiner Clienten sich erweichen und in eine sclavische Gelehrigkeit verwandeln sehen.

In dem Schlaf, der auf die Schmerzen folgte, nachdem der gelehrte Arzt die aufgeregteste Organisation, dadurch, daß er sie in die völligste Vergessenheit versenkt, beschwichtigt hatte, stellte sich also die über die Ruhe, welche sie dem Zauberer zu verdanken hatte, entzückte Seele ganz und gar zur Verfügung dieses neuen Gebieters; er leitete fortan alle ihre Operationen; er lenkte alle Fäden derselben; auch erschien ihm jeder Gedanke dieser dankbaren Seele übertragen durch eine Sprache, die gegen die menschliche Sprache den Vorzug oder den Nachtheil hatte, daß sie nie log.

Mehr noch, aus dem Leib, der ihr als Gefängniß diente, auf den ersten Befehl desjenigen, der sie für den Augenblick beherrschte, hervortretend, lief diese Seele in der Welt umher, vermengte sich mit den andern Seelen, sondirte sie ohne Unterlaß, durchforschte sie unbarmherzig und ging so gut zu Werke, daß sie, wie der Jagdhund, der das Wild aus dem Gebüsch heraustreibt, worin es sich verbirgt, da es sich hier in Sicherheit glaubt, am Ende dieses Geheimniß aus dem Herzen herauskommen machte, wo es begraben war, es verfolgte, einholte und schließlich zu den Füßen des Gebieters niederlegte – ein getreues Bild des Falken oder des wohldressirten Sperbers, der unter den Wolken für Rechnung des Falkners, seines Herrn, den Reiher, das Rebhuhn oder die seinem grausam knechtischen Gehorsam bezeichnete Lerche sucht.

Daher die Enthüllung einer Menge von wunderbaren Geimnissen.

So fand Frau von Duras ein bei der Amme gestohlenes Kind wieder, Frau von Chantons einen faustgroßen englischen Hund, für den sie alle Kinder der Erde gegeben hätte, und Herr von Vaudreuil eine Haarlocke, für die er ein halbes Vermögen gegeben haben würde.

Diese Geständnisse waren von Sehern oder Seherinnen in Folge magnetischer Operationen des Doctors Mesmer gemacht worden.

Man konnte auch in dem Hause des berühmten Doctors die Geheimnisse wählen, welche am meisten geeignet waren, diese übernatürliche Divinationsgabe zu üben, und Frau von La Mothe zählte wohl darauf, sie würde, wenn sie einer Sitzung beiwohnte, den Phönix ihrer seltsamen Nachforschungen treffen und durch seine Vermittlung die Eigenthümerin der Büchse entdecken, die in diesem Augenblick den Gegenstand der glühendsten Wünsche ihres Innern bildete.

Darum begab sie sich in so großer Hast in den Saal, wo sich die Kranken versammelten.

Dieser Saal – wir bitten unsere Leser um Verzeihung – heischt eine ganz besondere Beschreibung.

Wir nehmen sie ohne Umschweife in Angriff.

Die Wohnung theilte sich in zwei Hauptsäle.

Hatte man die Vorzimmer durchschritten und die nothwendigen Pässe dem Huissier vom Dienst vorgezeigt, so wurde man in einen großen Salon eingelassen, dessen Fenster, hermetisch verschlossen, das Licht und die Luft bei Tage, das Geräusch und die Luft bei der Nacht auffingen und zurückhielten.

Mitten im Salon, unter einem Kronleuchter, dessen Kerzen nur eine gedämpfte und beinahe sterbende Helle gaben, bemerkte man eine große, mittelst eines Deckels geschlossene Kufe.

Diese Kufe hatte nichts Zierliches in ihrer Form; sie war nicht geschmückt, keine Draperie verbarg die Nacktheit ihrer metallenen Seiten.

Diese Kufe war es, was man den Bottich Mesmers nannte.

Welche Eigenschaft enthielt dieser Bottich? nichts ist leichter zu erklären.

Er war beinahe ganz angefüllt mit Wasser, das mit schwefeligen Bestandteilen geschwängert war, und dieses Wasser concentrirte seine Miasmen unter dem Deckel, um damit wiederum methodisch auf dem Grunde des Bottichs in umgekehrten Stellungen aufgereihte Flaschen zu sättigen.

So fand eine Kreuzung mysteriöser Strömungen statt, deren Einfluß die Kranken ihre Heilung verdankten.

An den Deckel war ein eiserner Ring angelöthet, der eine lange Schnur hielt, deren Bestimmung wir kennen lernen, wenn wir einen Blick auf die Kranken werfen.

Diese, die wir so eben in's Hotel eintreten sahen, saßen bleich und schmachtend in Lehnstühlen, die um die Kufe her aufgestellt waren.

Männer und Frauen erwarteten, mit einander vermischt, gleichgültig, ernst oder unruhig, das Resultat des Versuches.

Ein Bedienter nahm das Ende der langen, am Deckel des Bottichs befestigten Schnur und rollte sie ringförmig um die kranken Glieder, so daß alle durch dieselbe Kette Gebundenen gleichzeitig die Wirkungen der im Bottich enthaltenen Electricität empfingen.

Um sodann auf seine Weise die Thätigkeit der an jede Natur übertragenen thierischen Fluida zu unterbrechen, waren die Kranken auf die Empfehlung des Arztes dafür besorgt, daß sie einander mit dem Ellenbogen oder den Schultern oder mit den Füßen berührten, so daß der rettende Bottich gleichzeitig allen Körpern seine mächtige Wärme und Wiedergeburt zusandte.

Sie bot allerdings ein seltsames Schauspiel, diese ärztliche Zeremonie, und man wird nicht darüber staunen, daß sie die Neugierde der Pariser in so hohem Grade erregte.

Zwanzig bis dreißig Kranke um diese Kufe gereiht; ein Bedienter, stumm wie die Umhersitzenden und sie mit einer Schnur umschlingend, wie einst Laokoon und seine Söhne von ihren Schlangen umwunden waren; dann dieser Mensch selbst, der sich in aller Stille wegschlich, nachdem er den Kranken die eisernen Stangen bezeichnet hatte, welche, in gewisse Löcher der Kufe eingefügt, der heilsamen Thätigkeit des Mesmer'schen Fluidums als mehr unmittelbar örtliche Leiter dienen sollten.

Und vor Allem begann, sobald die Sitzung eröffnet war, eine gewisse sanfte und eindringliche Wärme im Saale zu kreisen; sie erweichte die ein wenig gespannten Fibern der Kranken; sie stieg stufenweise vom Boden zur Decke auf und schwängerte sich mit zarten Wohlgerüchen, unter deren Dunst sich die widerspenstigen Gehirne beschwert neigten.

Dann sah man die Kranken dem ganz wollüstigen Eindruck dieser Atmosphäre sich hingeben, als plötzlich eine sanfte, vibrirende Musik, ausgeführt von unsichtbaren Instrumenten und unsichtbaren Musikern, sich wie eine milde Flamme inmitten dieser Wohlgerüche und dieser Wärme verlor.

Rein wie der Krystall, an dessen Rand sie ihren Ursprung nahm, traf diese Musik die Nerven mit einer unwiderstehlichen Macht. Man hätte glauben sollen, es wäre eines von jenen unbekannten und geheimnißvollen Geräuschen, welche selbst die Thiere in Erstaunen setzen und entzücken, eine Klage des Windes, in den sonoren Schneckengewinden der Felsen.

Bald verbanden sich mit den Tönen der Harmonie wohlklingende Stimmen, gruppirt wie eine Masse von Blumen deren Noten, verstreut wie Blätter, den Anwesenden auf die Köpfe fielen.

Auf allen den Gesichtern, die das Erstaunen Anfangs belebt hatte, trat allmälig die materielle Befriedigung, der an allen ihren empfindlichen Stellen geschmeichelt wurde, hervor. Die Seele gab nach; sie verließ den Zufluchtsort, wo sie sich verbirgt, wenn die Leiden des Körpers sie belagern, und frei und freudig sich in der ganzen Organisation verbreitend bezähmte sich die Materie und verwandelte sich.

Dieß war bei Augenblick, wo jeder von den Kranken eine an den Deckel der Kufe angefügte eiserne Stange in seine Finger genommen hatte und diese Stange auf seine Brust, auf sein Herz, oder auf seinen Kopf, den specielleren Sitz der Krankheit richtete.

Man stellt sich nun die Glückseligkeit vor, die auf allen Gesichtern an die Stelle des Leidens und der Bangigkeit trat; man denke sich die selbstsüchtige Schlaftrunkenheit dieser absorbirenden Befriedigungen, das von Seufzern unterbrochene Stillschweigen, das auf der ganzen Versammlung lastet, und man wird die möglichst genaue Idee von der Scene haben, die wir zwei Drittelsjahrhunderte vor dem Tage, wo sie stattfand, skizzirt haben.

Nun einige besondere Worte über die theilnehmenden Personen.

Vor Allem zerfielen diese Personen in zwei Classen.

Die einen Kranken, die sich wenig um das bekümmerten, was man den menschlichen Respect nennt, – eine von den Leuten von mittelmäßiger Lebensstellung tief verehrte Grenze, aber stets übersprungen von den sehr Großen oder sehr Kleinen, die Einen, sagen wir, wahre Theilnehmer, waren nur in diesen Salon gekommen, um geheilt zu werden, und sie suchten mit ganzem Herzen zu diesem Ziel gelangen.

Die Anderen, Skeptiker oder einfache Neugierige, an seiner Krankheit leidend, waren in das Haus Mesmers gedrungen, wie man in ein Theater eintritt, hatten sie sich nun Rechenschaft von der Wirkung geben wollen, deren man in der Umgebung des Zauberbottichs theilhaftig wurde, oder war es ihre Absicht nur, als Zuschauer einfach dieses neue physische System zu studiren, und beschäftigten sie sich nur damit, daß sie die Kranken und sogar diejenigen anschauten, welche an der Cur theilnahmen, während sie sich wohl befanden.

Unter den ersten leidenschaftlichen Adepten Mesmers, an seine Lehre vielleicht durch die Dankbarkeit gebunden, bemerkte man eine junge Frau von schönem Wuchse, von schönem Gesicht, vielleicht etwas ausschweifend gekleidet, die, der Thätigkeit des Fluidums unterworfen und sich selbst mittelst der Stange die stärksten Dosen auf den Kopf und den Oberleib zulenkend, ihre schönen Augen zu verdrehen anfing, als ob Alles in ihr schmachtete, während ihre Hände unter diesem ersten Nervenkitzel bebten, der den übermächtig werdenden Einfluß des magnetischen Fluidums anzeigt.

Warf sich ihr Kopf auf die Lehne des Stuhles zurück, so konnten die Anwesenden nach Belieben diese bleiche Stirne, diese krampfhaften Lippen und diesen schönen, allmälig durch den rascheren Strom und Rückstrom des Blutes gemarmorten Hals anschauen.

Unter den Anwesenden, von denen Viele ihre Augen mit Erstaunen auf diese junge Frau hefteten, theilten sich dann ein paar Köpfe, die sich gegen einander neigten, eine ohne Zweifel seltsame Idee mit, welche die gegenseitige Aufmerksamkeit dieser Neugierigen verdoppelte.

Unter der Zahl dieser Neugierigen war Frau von La Mothe; keine Erkennung fürchtend oder vielleicht auch sich nicht darum bekümmernd, hielt sie die Atlasmaske, die sie auf ihr Gesicht gesetzt hatte, um die Menge zu durchschreiten, in der Hand.

Durch die Art, wie sie sich gestellt hatte, entging sie übrigens beinahe allen Blicken.

Sie stand bei der Thüre an einen Pfeiler angelehnt, war durch eine Draperie verschleiert, und sah von hier aus Alles, ohne gesehen zu werden.

Doch unter Allem, was sie sah, war das, was ihr am meisten der Aufmerksamkeit würdig schien, ohne Zweifel das Antlitz der durch das Mesmer'sche Fluidum electrisirten jungen Frau.

Dieses Gesicht war ihr in der That so sehr aufgefallen, daß sie seit mehreren Minuten, gefesselt durch eine unüberwindliche Gierde, zu sehen und zu erfahren, an ihrem Platze blieb.

»Oh!« murmelte sie, ohne mit den Augen von der schönen Kranken zu lassen, »das ist – es läßt sich nicht bezweifeln – die Dame vom guten Werke, die mich eines Abends besucht hat, die seltsame Ursache aller Theilnahme, die mir Herr von Rohan bezeigt.«

Und fest überzeugt, sie täusche sich nicht, begierig den Zufall zu benützen, der für sie that, was ihre Nachforschungen nicht hatten thun können, trat sie näher hinzu.

Doch in diesem Augenblick schloß die junge Convulsionärin ihre Augen, zog ihren Mund krampfhaft zusammen und schlug mit ihren beiden Händen schwach die Luft.

Mit ihren beiden Händen, die, es muß hier bemerkt werden, nicht jene feinen, zarten, wachsartig weißen Hände waren, welche Frau von La Mothe in ihrer Wohnung einige Tage zuvor bewundert hatte.

Die Ansteckung der Crise war electrisch bei der Mehrzahl der Kranken, das Gehirn hatte sich gesättigt mit Geräuschen und Wohlgerüchen. Die ganze Nervenaufreizung war angestrebt. Durch das Beispiel ihrer jungen Gefährtin fortgerissen, fingen bald Männer und Frauen an, Seufzer, Gemurmel, Schreie von sich zu geben, bewegten Arme, Beine und Köpfe, und überließen sich frei und ohne Widerstand dem Anfall, dem der Meister den Namen Crise gegeben hatte.

In diesem Augenblick erschien ein Mann im Saale, ohne daß ihn Jemand hatte eintreten sehen, ohne daß Jemand sagen konnte, wie er eingetreten.

Kam er wie Phöbus aus der Kufe hervor? War er, ein Apollo des Wassers, der balsamische und harmonische Dunst des Saales, der sich verdichtete? So viel ist immerhin gewiß, daß er sich plötzlich anwesend fand, und daß sein lila Kleid, sanft und frisch für das Auge, und sein schönes, bleiches, verständiges und heiteres Antlitz den ein wenig göttlichen Character dieser Erscheinung nicht Lügen straften.

Er hielt in der Hand einen langen Stab, der auf den gepriesenen Bottich gestützt, oder vielmehr so zu sagen an diesem befestigt war.

Er machte ein Zeichen, die Thüren öffneten sich, zwanzig kräftige Diener liefen herbei, ergriffen behend und geschickt jeden von den Kranken, die auf ihren Stühlen das Gleichgewicht zu verlieren anfingen, und trugen sie in weniger als einer Minute in den anstoßenden Saal.

In dem Augenblick, wo diese Operation vorging, welche besonders durch den Paroxismus wüthender Glückseligkeit, dem sich die junge Convulsionärin hingab, anziehend geworden war, hörte Frau von La Mothe, die mit den Neugierigen bis zu diesem neuen, für die Kranken bestimmten Saal vorgerückt war, einen Mann schreien:

»Oh! sie ist es, sie ist es!«

Frau von La Mothe wollte eben diesen Mann fragen:

»Wer sie?«

Da erschienen plötzlich im ersten Saal, an einander gelehnt, zwei Frauen, denen in einiger Entfernung ein Mann folgte, der ganz das Aussehen eines vertrauten Dieners hatte, obgleich er das Kleid eines Bürgers trug.

Die Haltung dieser zwei Frauen, der einen besonders, fiel der Gräfin dergestalt auf, daß sie einen Schritt gegen dieselbe machte.

Ein gewaltiger Schrei, der aus dem zweiten Saal und von den Lippen der Convulsionärin kam, zog in diesem Augenblick Jedermann nach der Verzückten hin.

Alsbald rief der Mann, der schon gesagt hatte: »Sie ist es!« und der sich in der Nähe der Frau von La Mothe befand, mit dumpfem, geheimnißvollem Ton:

»Aber, meine Herren, schauen Sie doch, es ist die Königin!«

Bei diesem Worte bebte Jeanne.

»Die Königin!« riefen gleichzeitig mehrere erschrockene und erstaunte Stimmen.

»Die Königin bei Mesmer!«

»Die Königin in einer Crise!« wiederholten andere Stimmen.

»Oh! das unmöglich!« sagte der Eine.

»Schauen Sie,« erwiderte ruhig der Unbekannte, »kennen Sie die Königin, ja oder nein?«

»In der That,« murmelten die meisten Anwesenden, »die Aehnlichkeit ist unglaublich.«

Frau von La Mothe hatte eine Maske, wie alle Frauen, die, wenn sie von Mesmer weggingen, sich auf den Ball im Opernhause begeben wollten.

Sie konnte also, ohne Gefahr zu laufen, sich erkundigen.

»Mein Herr,« fragte sie den Mann der Ausrufungen, der einen umfangreichen Körper, ein volles, gefärbtes Gesicht und funkelnde, scharf beobachtende Augen hatte, »sagen Sie nicht, die Königin sei hier?«

»Oh! Madame, es ist nicht zu bezweifeln,« erwiderte der Unbekannte.

»Und wo dieß?«

»Jene junge Frau, die Sie dort auf veilchenblauen Kissen in einer so heftigen Crise erblicken, daß sie ihre Entzückungen nicht mäßigen kann, ist die Königin.«

»Aber, mein Herr, worauf gründen Sie die Idee, diese Frau sei die Königin?«

»Ganz einfach darauf, Madame, daß diese Frau die Königin ist,« erwiderte unstörbar der Anschuldigende.

Und er verließ Jeanne, um die Kunde in den Gruppen zu begründen und zu verbreiten.

Jeanne wandte sich von dem fast empörenden Schauspiel ab, das die Epileptische bot. Doch kaum hatte sie ein paar Schritte nach der Thüre gemacht, als sie sich von Angesicht zu Angesicht den zwei Damen gegenüber befand, die, bis sie zu den Convulsionären übergehen sollten, nicht ohne ein lebhaftes Interesse den Bottich, die Stangen und den Deckel anschauten.

Kaum hatte Jeanne das Gesicht der älteren von den zwei Damen gesehen, als sie ebenfalls einen Schrei ausstieß.

»Was gibt es?« fragte diese.

Jeanne riß rasch die Maske ab und fragte:

»Erkennen Sie mich?«

Die Dame machte eine Bewegung, bewältigte sie aber beinahe in demselben Augenblick wieder.

»Nein,« antwortete sie mit einer gewissen Befangenheit.

»Wohl, ich erkenne Sie, und will Ihnen einen Beweis hievon geben.«

Bei dieser Anrufung preßten sich die Damen ängstlich einander an.

Jeanne zog aus ihrer Tasche die Büchse und sagte:

»Sie haben das bei mir liegen lassen.«

»Aber wenn dem so wäre,« fragte die Aeltere, »warum sind Sie so bewegt?«

»Ich bin erschrocken über die Gefahr, die Eure Majestät hier läuft.«

»Erklären Sie sich.«

»Oh! nicht eher, als bis Sie diese Maske vorgenommen haben.«

Und sie reichte ihre Maske der Königin, doch diese zögerte, da sie sich unter ihrer Haube hinlänglich verborgen glaubte.

»Ich bitte, es ist kein Augenblick zu verlieren,« fuhr Jeanne fort.

»Thun Sie es, thun Sie es, Madame,« sagte leise die zweite Frau zur Königin.

Die Königin setzte maschinenmäßig die Larve auf ihr Gesicht.

»Und nun kommen Sie,« sprach Jeanne.

Und sie zog die zwei Frauen so rasch fort, daß sie erst bei der Hausthüre, wo sie sich in einigen Secunden befanden, anhielten.

»Aber was ist es denn?« fragte die Königin athmend.

»Eure Majestät ist von Niemand gesehen worden?«

»Ich glaube nicht.«

»Desto besser.«

»Werden Sie uns wohl erklären...«

»Für den Augenblick glaube Eure Majestät ihrer getreuen Dienerin, wenn diese ihr sagt, sie laufe die größte Gefahr.«

»Was für eine Gefahr ist es denn?«

»Ich werde die Ehre haben, Ew. Majestät Alles zu sagen, wenn sie mir eines Tags eine Stunde Audienz zu bewilligen geruht. Doch die Sache ist lang, Ew. Majestät kann erkannt, kann bemerkt werden.«

Und als sie wahrnahm, daß die Königin einige Ungeduld kundgab, sagte sie zu der Prinzessin von Lamballe:

»Oh! Madame, ich flehe Sie an, verbinden Sie sich mit mir, um Ihre Majestät zu bewegen, daß sie sich entfernt und zwar auf der Stelle.«

Die Prinzessin machte eine flehende Geberde.

»Gehen wir, da Sie es wollen,« sprach die Königin.

Dann wandte sie sich gegen Frau von La Mothe um und sagte:

»Sie haben mich um eine Audienz gebeten.«

»Ich strebe nach der Ehre, Eurer Majestät eine Erklärung über mein Benehmen zu geben.«

»Wohl, bringen Sie mir diese Büchse zurück, und fragen Sie nach dem Concierge Laurent, er wird unterrichtet sein.«

Hierauf rief sie deutsch nach der Straße hinaus:

»Kommen Sie hieher, Weber!«

Rasch näherte sich ein Wagen, die zwei Prinzessinnen sprangen hinein.

Frau von La Mothe blieb bei der Thüre, bis sie die Carrosse aus dem Gesicht verloren hatte.

»Oh!« sagte sie ganz leise, »es war gut, daß ich gethan, was ich gethan, auch für die Folge, ... überlegen wir.«

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