Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
Schließen

Navigation:

XVI.

Mesmer und Saint-Martin.

Es gab eine Zeit, wo Paris ganz geschäftslos und voll Muße in Leidenschaft für Fragen glühte, welche in unsern Tagen das Monopol der Reichen sind, die man die Unnützen, und der Gelehrten, die man die Faullenzer nennt.

Im Jahre 1782, das heißt in der Zeit, zu der wir gelangt sind, war die Modefrage, die Frage, die obenauf schwamm, die in der Luft schwebte, die in allen ein wenig erhabenen Köpfen festhielt, wie die Dünste an den Bergen, der Mesmerismus, eine mystische Wissenschaft, schlecht definirt durch ihre Erfinder, die, da sie das Bedürfniß nicht fühlten, eine Entdeckung schon bei ihrer Geburt volksthümlich zu machen, diese den Namen eines Mannes, das heißt, einen aristokratischen Titel annehmen ließen, statt eines von den aus dem Griechischen geschöpften wissenschaftlichen Namen, mit deren Hilfe die schamhafte Bescheidenheit der modernen Gelehrten heut zu Tage jedes scientivische Element verallgemeinert.

Wozu sollte es in der That im Jahre 1784 nützen, eine Wissenschaft zu democratisiren? Das Volk, das seit mehr als anderthalb Jahrhunderten von denen, die es regierten, nicht zu Rathe gezogen worden war, zählte es für Etwas im Staat? nein: das Volk war die fruchtbare Erde, die da einbrachte, es war die reiche Ernte, die man schnitt, der Herr der Erde aber war der König, und die Schnitter waren der Adel.

Heute hat sich Alles geändert: Frankreich gleicht einer uralten Sanduhr; neunhundert Jahre hat sie die Stunde des Königthums angegeben; die mächtige Hand des Herrn hat sie umgedreht; Jahrhunderte hindurch wird sie die Aera des Volks bezeichnen.

Im Jahre 1784 war also der Name eines Mannes eine Empfehlung. Heute würde im Gegentheil der höhere Werth einem von Dingen herrührenden Manne zuerkannt werden.

Doch lassen wir heute, um den Blick auf gestern zu werfen. Was ist bei der Rechnung der Ewigkeit diese Entfernung von einem halben Jahrhundert? nicht einmal so groß wie die zwischen dem gestrigen Tage und dem morgigen bestehende.

Der Doctor Mesmer war in Paris, wie Marie Antoinette selbst, da sie den König um Erlaubniß bat, ihm einen Besuch zu machen, uns mitgetheilt hat. Man erlaube uns also, ein paar Worte über Doctor Mesmer zu sagen, dessen Name, heute nur noch im Gedächtniß einer kleinen Anzahl von Adepten, in der Zeit, die wir zu schildern versuchen, in Aller Mund war.

Der Doctor Mesmer hatte im Jahre 1777 aus Deutschland, diesem Land der nebeligen Träume, eine ganz von Wolken und Blitzen angeschwollene Wissenschaft gebracht. Beim Schimmer dieser Blitze sah der Gelehrte nichts, als die Wolken, die über seinem Kopfe ein düsteres Gewölbe bildeten; der große Haufen sah nur die Blitze.

Mesmer war in Deutschland zuerst mit einer These über den Einfluß der Planeten aufgetreten. Er hatte zu begründen gesucht, die Himmelskörper üben mittelst der Kraft, die ihre gegenseitige Anziehung hervorbringt, einen Einfluß auf die belebten Körper und besonders auf das Nervensystem durch die Vermittelung eines zarten Fluidums aus, welches das ganze Weltall erfülle. Diese erste Theorie war aber sehr abstract. Um sie zu begreifen, mußte man in die Wissenschaft eines Galilei und Newton eingeweiht sein. Es war eine Mischung von großen astronomischen Wahrheiten mit den astrologischen Träumereien, die, wie gesagt, nicht volksthümlich, sondern nur aristocratisch werden konnte. Denn hiezu hätte sich die Adelskörperschaft in eine gelehrte Gesellschaft verwandeln müssen. Mesmer gab daher dieses System auf, um sich in das der Magnete zu werfen.

Die Magnete wurden in jener Zeit stark studirt; ihre sympathetischen oder antipathetischen Eigenschaften verliehen den Mineralien ein Leben beinahe dem menschlichen ähnlich, indem sie ihnen die zwei großen Leidenschaften des menschlichen Lebens, die Liebe und den Haß, gaben. Demzufolge schrieb man den Magneten erstaunliche Kräfte, Heilung der Krankheiten zu. Mesmer verband die Wirksamkeit der Magnete mit seinem ersten System und versuchte zu sehen, was er aus dieser Zufügung ziehen könnte.

Zu seinem Unglück fand Mesmer, als er nach Wien kam, einen Nebenbuhler, der sich schon festgestellt hatte. Dieser Nebenbuhler hieß Hall und behauptete, Mesmer habe ihm sein Verfahren gestohlen. Sobald dieß Mesmer sah, erklärte er, als ein Mann von Phantasie, er gebe die Magnete als unnütz auf und werde nicht mehr mit dem mineralischen Magnetismus, sondern mit dem animalischen heilen.

Dieses Wort, als ein neues ausgesprochen, bezeichnete indessen keine neue Entdeckung; den Alten bekannt, bei den ägyptischen Einweihungen und dem griechischen Pythismus angewendet, hatte sich der Magnetismus im Mittelalter im Zustand der Überlieferung erhalten; einige gesammelte Fetzen von dieser Wissenschaft hatten die Hexenmeister des dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts gebildet; Viele, die man verbrannte, bekannten sich mitten in den Flammen zu der seltsamen Religion, deren Märtyrer sie waren.

Urbain Grandier war nichts Anderes als ein Magnetiseur.

Mesmer hörte von den Wundern dieser Wissenschaft sprechen.

Joseph Balsamo, der Held eines unserer Bücher, hatte eine Spur von seinem Durchzug in Deutschland und besonders in Straßburg zurückgelassen. Mesmer forschte nach dieser Wissenschaft, welche so zerstreut und flatternd war, wie jene Irrlichter, die des Nachts über die Teiche hinlaufen; er machte eine vollständige Theorie, ein gleichförmiges System daraus, dem er den Namen Mesmerismus gab.

Zu diesem Punkte gelangt, theilte Mesmer sein System der Academie der Wissenschaften von Paris, der königlichen Gesellschaft von London und der Academie von Berlin mit; die zwei ersten antworteten nicht einmal, die dritte sagte, er sei ein Narr.

Mesmer erinnerte sich des griechischen Philosophen, der die Bewegung leugnete und den sein Gegner dadurch, daß er ging, in Verwirrung brachte. Er kam nach Frankreich, nahm aus den Händen des Doctors Storck und des berühmten Augenarztes Wenzel ein Mädchen von siebenzehn Jahren, das mit einer Leberkrankheit und mit dem schwarzen Staar behaftet war, und nach einer Behandlung von drei Monaten war die Kranke geheilt, sah die Blinde hell.

Diese Kur hatte viele Leute überzeugt, und unter andern einen Arzt Namens Deslon: aus einem Feinde wurde nun ein Apostel.

Von diesem Augenblick an nahm Mesmers Ruf immer mehr zu; die Academie hatte sich gegen den Neuerer erklärt, der Hof erklärte sich für ihn: es wurden Unterhandlungen vom Ministerium angeknüpft, um Mesmer zu veranlassen, die Menschheit durch Veröffentlichung seiner Lehre zu bereichern. Der Doctor machte seinen Preis; Herr von Breteuil bot ihm im Namen des Königs eine Leibrente von zwanzigtausend Livres und eine Besoldung von zehntausend, um drei von der Regierung bezeichnete Personen zur Ausübung seines Verfahrens heranzubilden. Aber entrüstet über die königliche Sparsamkeit schlug Mesmer das aus und reiste mit einigen seiner Kranken nach den Heilquellen von Spaa ab.

Eine unerwartete Katastrophe bedrohte Mesmer, Deslon, sein Schüler, Deslon, der Besitzer des großen Geheimnisses, das Mesmer um dreißigtausend Livres jährlich zu verkaufen sich geweigert hatte, Deslon eröffnete in seinem Hause eine öffentliche Behandlung durch die Mesmer'sche Methode.

Mesmer erfuhr diese schmerzliche Kunde; er schrie über Diebstahl, Verrath, Betrug; er glaubte ein Narr zu werden. Da hatte einer seiner Kranken, Herr von Bergasse, den glücklichen Einfall, mit der Wissenschaft des ausgezeichneten Professors eine Commandite zu errichten; es wurde ein Ausschuß von hundert Personen mit einem Capital von dreimalhundert und vierzigtausend Livres unter der Bedingung gebildet, daß er seine Lehren den Actionären enthülle. Mesmer machte sich zu dieser Enthüllung anheischig, nahm das Capital in Empfang und kehrte nach Paris zurück.

Die Stunde war günstig. Es gibt Augenblicke im Alter der Völker, diejenigen, welche die Epoche der Verwandlung berühren, wo die ganze Nation wie vor einem unbekannten Hindernisse stehen bleibt, zögert und den Abgrund fühlt, an dessen Rand sie gelangt ist, den sie erräth, ohne ihn zu sehen.

Frankreich befand sich in einem dieser Augenblicke; es bot den Anblick einer Gesellschaft, deren Geist bewegt ist; man war gleichsam in einem scheinbaren Glück erstarrt, dessen Ende man nur dunkel erschaut, wie man, am Saume eines Waldes anlangend, die Ebene durch die Zwischenräume der Bäume erräth. Diese Ruhe, welche nichts Beständiges, nichts Rechtes hatte, ermüdete; man suchte überall Aufregungen, und die Neuigkeiten, wie sie auch beschaffen sein mochten, wurden gut aufgenommen. Man war zu frivol, um sich, wie früher, mit ernsten Fragen der Regierung und des Molinismus zu beschäftigen. Aber man stritt sich über die Musik, man nahm Partei für Gluck oder für Piccini, man passionirte sich für die Musik, man entflammte für die Denkwürdigkeiten von Beaumarchais.

Die Erscheinung einer neuen Oper nahm mehr Phantasien in Anspruch, als der Friedensvertrag mit England und die Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Kurz, es war eine jener Perioden, wo die Geister durch die Philosophen zum Wahren, das heißt zur Entzauberung hingeführt, der Durchsichtigkeit des Möglichen müde werden, die den Grund jeder Sache erscheinen läßt und durch einen Schritt vorwärts die Grenzen der wirklichen Welt zu überschreiten sucht, um in die Welt der Träume und Fictionen einzutreten.

In der That, wenn es bewiesen ist, daß die sehr klaren, sehr durchsichtigen Wahrheiten die einzigen sind, die sich schnell volkstümlich machen, so ist es nicht minder bewiesen, daß die Mysterien eine allmächtige Anziehungskraft auf das Volk ausüben.

Das französische Volk wurde daher auf eine unwiderstehliche Weise durch das seltsame Geheimniß des Mesmerischen Fluidums hingerissen, das nach der Behauptung der Aerzte den Kranken Gesundheit, den Narren Geist und den Weisen Narrheit verlieh.

Ueberall bekümmerte man sich um Mesmer. Was hatte er gethan? an wem hatte er seine göttlichen Wunder verrichtet? welchem vornehmen Mann hatte er das Gesicht und die Kraft wieder gegeben? welcher von einer durchwachten Nacht oder vom Spiel ermatteten Dame hatte er die Nerven wieder geschmeidig gemacht? welches Mädchen hatte er die Zukunft in einer magnetischen Crise vorhersehen lassen?

Die Zukunft! dieses große Wort aller Zeiten, dieses große Interesse aller Geister, die Lösung aller Probleme. Was war denn die Gegenwart?

Ein Königthum ohne Strahlen, ein Adel ohne Gewicht, ein Land ohne Handel, ein Volk ohne Rechte, eine Gesellschaft ohne Vertrauen.

Von der auf ihrem Throne besorgten und vereinzelten königlichen Familie an bis zu der in ihrer Dachkammer ausgehungerten Plebejerfamilie Armuth, Schmach, Angst.

Andere zu vergessen; um nur an sich zu denken; aus neuen, fremden, unbekannten Quellen die Sicherheit eines längeren Lebens und einer während dieser Daseinsverlängerung unstörbaren Gesundheit zu schöpfen; dem geizigen Himmel etwas zu entreißen, war das nicht der Gegenstand eines leicht begreiflichen Anstrebens zu dem Unbekannten, von dem Mesmer eine Falte enthüllte?

Voltaire war todt, und es fand sich in Frankreich kein einziges lautes Gelächter mehr, das Lachen von Beaumarchais ausgenommen, das noch bitterer war als das des Meisters. Rousseau war todt; es gab in Frankreich keine religiöse Philosophie mehr. Rousseau wollte Gott aufrecht halten; seitdem aber Rousseau nicht mehr lebte, mochte es Niemand wagen, um nicht unter der Last erdrückt zu werden.

Der Krieg war früher eine ernste Beschäftigung für die Franzosen gewesen. Die Könige unterhielten auf ihre Rechnung den nationalen Heldenmuth; nun war der einzige französische Krieg ein amerikanischer Krieg, um den sich überdieß der König persönlich nicht bekümmerte. Schlug man sich denn nicht wirklich für die unbekannte Sache, welche die Americaner Unabhängigkeit nennen, ein Wort, das die Franzosen durch eine Abstraktion mit Freiheit übersetzen?

Dabei hatte dieser entfernte Krieg, dieser Krieg nicht nur eines andern Volks, sondern einer andern Welt, sein Ende erreicht.

War es, Alles wohl erwogen, nicht besser, sich mit Mesmer, diesem deutschen Arzt, zu beschäftigen, der zum zweiten Mal seit sechs Jahren Frankreich in Leidenschaft versetzte, als mit Lord Cornwallis oder mit Herrn Washington, die so weit entfernt waren, daß man wahrscheinlich niemals den Einen oder den Andern zu sehen bekam?

Indeß man Mesmer, der anwesend war, sehen, berühren und, was der höchste Ehrgeiz von drei Vierteln von Paris war, von ihm berührt werden konnte.

Dieser Mann also, der bei seiner Ankunft von Niemand, nicht einmal von der Königin, seiner Landsmännin, unterstützt worden war, während er sogar die Leute seiner Heimath unterstützte, dieser Mann, der ohne den Doctor Deslon, welcher ihn seitdem verrathen, in der Dunkelheit geblieben wäre, beherrschte wahrhaft die öffentliche Meinung und ließ den König, von dem man nie gesprochen, Herrn von Lafayette, von dem man noch nicht sprach, und Herrn von Necker, von dem man nicht mehr sprach, weit hinter sich.

Und als hätte dieses Jahrhundert sich's zur Aufgabe gemacht, jedem Geist nach seiner Fähigkeit, jedem Herzen nach seiner Sympathie, jedem Körper nach seinen Bedürfnissen zu geben, erhob sich Mesmer, dem Mann des Materialismus, gegenüber Saint-Martin, der Mann des Spiritualismus, dessen Lehre alle Seelen getröstet hatte, welche die Positivität des deutschen Doctors verwundete.

Man denke sich den Atheisten mit einer Religion, milder als die Religion selbst; man denke sich einen Republicaner voll von Artigkeiten und Rücksichten gegen die Könige, einen Edelmann liberal und zärtlich gegen das Volk; man denke sich den dreifachen Angriff dieses mit der logischsten, verführerischsten Beredtsamkeit begabten Mannes gegen die Culte der Erde, die er wahnsinnig nennt, einzig und allein aus dem Grunde, weil sie göttlich sind.

Man denke sich endlich Epikur weiß gepudert, in gesticktem Frack, in einer Weste mit Flittern, in Atlasbeinkleidern, mit seidenen Strümpfen und rothen Absätzen; Epikur nicht mit dem Sturze der Götter zufrieden, an die er nicht glaubt, sondern die Regierungen erschütternd, die er wie die Culte behandelt, weil sie nie übereinstimmen und beinahe immer nur auf das Unglück der Menschen auslaufen; gegen das Gesellschaftliche Gesetz wirkend, das er mit dem einzigen Worte: »es bestraft auf gleiche Weise ungleiche Vergehen, es bestraft die Wirkung, ohne die Ursache zu würdigen,« entkräftet.

Man denke sich nun, dieser Versucher, der sich den Titel: »der unbekannte Philosoph« gibt, vereinige, um die Menschen in einen Kreis von verschiedenartigen Ideen zu bannen, alle Reize, welche die Einbildungskraft den Versprechungen eines moralischen Paradieses beizufügen vermag, und statt zu sagen, die Menschen seien sich gleich, was eine Albernheit ist, erfinde er folgende Formel, welche eben dem Munde, der sie läugnet, entsprungen zu sein scheint:

Alle verständige Menschen sind Könige.

Und dann gebe man sich Rechenschaft von einer solchen Moral, welche plötzlich mitten in eine Gesellschaft ohne Hoffnungen, ohne Führer fiel, in eine Gesellschaft, die ein mit Ideen, das heißt mit Klippen besäter Archipel war. Man erinnere sich, daß in jener Zeit die Frauen zärtlich und toll, die Männer gierig nach Macht, Ehrenstellen und Vergnügungen waren, daß die Könige die Krone hängen ließen, auf die sich zum ersten Mal, im Schatten verloren, ein zugleich neugieriger und drohender Blick heftete – wird man es dann noch wunderbar finden, daß sie Proselyten fand, diese Lehre, die zu den Seelen sprach:

»Wählt unter euch die erhabene Seele, aber die Seele, die erhaben ist durch die Liebe, durch die Leutseligkeit, durch den mächtigen Willen, sehr zu lieben, sehr glücklich zu machen. Hat sich dann diese Seele zum Menschen gemacht, geoffenbart, so beugt euch, vernichtet euch, alle ihr untergeordneten, niedrigen Seelen, um der Dictatur dieser Seele Raum zu lassen, deren Aufgabe es ist, euch wieder einzusetzen in euer wesentliches Princip, das heißt in die Gleichheit der Leiden im Schooße der gezwungenen Ungleichheit der Fähigkeiten und Verrichtungen.«

Dem füge man bei, daß sich der unbekannte Philosoph mit Mysterien umgab, daß er den Schatten wählte, um im Frieden fern von Spähern und Schmarotzern die große sociale Theorie zu erörtern, welche die Politik der Welt werden konnte.

»Höret mich,« sagte er, »getreue Seelen, gläubige Herzen, höret mich und suchet mich zu verstehen, oder vielmehr, höret mich nur, wenn ihr Interesse und Begierde habt, mich zu verstehen, denn es wird euch Anstrengung kosten, und ich gebe meine Geheimnisse denen nicht preis, die den Schleier nicht davon abreißen werden.

»Ich sage Dinge, die ich nicht zu sagen scheinen will, darum werde ich oft Anderes zu sagen scheinen, als ich sage.«

Und Saint-Martin hatte Recht, und er hatte wirklich um sein Werk die schweigsamen, düsteren, auf keine Ideen eifersüchtigen Vertheidiger, ein geheimnißvolles Coenaculum, dessen dunkle und religiöse Mysticität Niemand durchdrang.

So arbeiteten an der Verherrlichung sowohl der Seele als der Materie, während sie von der Vernichtung Gottes und der Vernichtung der Religion Christi träumten, diese zwei Männer, welche alle intelligenten, alle auserwählten Naturen Frankreichs in zwei Lager vertheilt hatten.

So gruppirten sich um den Bottich Mesmers, aus dem das Wohlergehen hervorsprang, das ganze Leben der Sinnlichkeit, der ganze elegante Materialismus dieser entarteten Nation, während sich um das Buch der Irrthümer und der Wahrheit die frommen, wohlthätigen, liebenden Seelen vereinigten, die, nachdem sie Chimären genossen, jetzt nach Wirklichkeit dürsteten.

Ob nun unter diesen privilegirten Sphären die Ideen divergirten oder in Verwirrung geriethen, ob die daraus entschlüpfenden Geräusche sich in Donner verwandelten, wie sich die Schimmer in Blitze verwandelt hatten, immerhin wird man den Zustand des Anflugs begreifen, in dem die subalterne Gesellschaft, das heißt, das Bürgerthum und das Volk, was man später den dritten Stand nannte, verblieb, dieser Stand, der nur errieth, daß man sich mit ihm beschäftigte, und der in seiner Ungeduld und in seiner Resignation vor Verlangen brannte, wie Prometheus das heilige Feuer zu stehlen und damit eine Welt zu beleben, welche die seinige wäre und worin er seine Angelegenheiten selbst handhaben würde.

Die Conspirationen im Zustand von Unterredungen, die Associationen im Zustand von gesellschaftlichen Kreisen, die socialen Parteien im Zustand von Quadrillen, nämlich der Bürgerkrieg und die Anarchie, das ist es, was unter dem Allem dem Denker erschien, der das zweite Leben dieser Gesellschaft noch nicht sah.

Ach! heute, da die Schleier zerrissen, heute, da die Völkerprometheuse zehnmal durch das Feuer, das sie selbst gestohlen, niedergeworfen worden sind, sagt uns, was der Denker in dem Ende dieses seltsamen achtzehnten Jahrhunderts sehen konnte, außer etwas dem Aehnliches, was nach Cäsars Tod und vor Augusts Throngelangung vorfiel.

Augustus war der Mann, der die heidnische Welt von der christlichen Welt trennte, wie Napoleon der Mann war, der die feudale Welt von der democratischen Welt trennte.

Vielleicht haben wir unsere Leser in eine Abschweifung geworfen und nachgezogen, die ihnen ein wenig lang vorkommen mußte, aber es wäre in der That schwierig gewesen, diese Epoche zu schildern, ohne mit der Feder die ernsten Fragen zu berühren, die das Fleisch und das Leben derselben sind.

Nun ist der Versuch gemacht, der Versuch eines Kindes, das mit seinem Nagel den Rost von einer antiken Statue abkratzen würde, um unter diesem Roste eine zu drei Vierteln verwischte Inschrift zu lesen.

Kehren wir zum äußeren Ansehen zurück. Wollten wir uns länger mit der Wirklichkeit beschäftigen, so würden wir zu viel für den Romandichter, zu wenig für den Geschichtschreiber sagen.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.