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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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XV.

Der Cardinal von Rohan

Ohne sich entmuthigen zu lassen, begann Jeanne am andern Tage wieder die Wohnungstoilette und die Frauentoilette.

Der Spiegel hatte sie belehrt, Herr von Rohan würde kommen, hätte er nur ein wenig von ihr sprechen hören.

Es schlug sieben Uhr und das Feuer des Salons brannte in seiner ganzen Pracht, als ein Wagen den Abhang der Rue Saint-Claude herabrollte.

Jeanne hatte noch nicht Zeit gehabt, sich an das Fenster zu stellen und ungeduldig zu werden.

Aus dem Wagen stieg ein Mann in weitem Ueberrock; sobald die Hausthüre wieder hinter diesem Mann geschlossen war, fuhr der Wagen in eine benachbarte Gasse, um die Rückkehr des Gebieters zu erwarten.

Bald ertönte die Klingel, und das Herz der Frau von La Mothe schlug so gewaltig, daß man es hätte hören können.

Aber Jeanne schämte sich, daß sie einer unvernünftigen Gemüthsbewegung nachgab, befahl ihrem Herzen Stillschweigen und legte so gut als möglich eine Stickerei auf dem Tisch, eine neue Composition auf dem Clavier, eine Zeitung auf der Ecke des Kamins zurecht.

Nach einigen Secunden meldete Clotilde der Frau Gräfin:

»Die Person, welche vorgestern geschrieben.«

»Laßt sie eintreten,« erwiderte Jeanne.

Ein leichter Tritt, krachende Schuhe, ein schöner Mann in Sammet und Seide gekleidet, den Kopf hochtragend und in diesem kleinen Gemach dem Anschein nach mehr als zehn Fuß hoch, dieß war es, was Jeanne wahrnahm, als sie sich zum Empfang erhob.

Das von der Person beobachtete Incognito hatte sie unangenehm berührt.

Sie beschloß auch den ganzen Vortheil einer Frau, welche überlegt hat, zu benützen, und fragte mit einer Verbeugung nicht eines Schützlings, sondern einer Beschützerin:

»Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?«

Der Prinz schaute die Thüre des Salons an, vor welcher die Alte verschwunden war, und antwortete:

»Ich bin der Cardinal von Rohan.«

Was Frau von La Mothe, die sich den Anschein gab, als erröthete sie und als würde sie ganz verwirrt vor lauter Demuth, mit einer Verneigung erwiderte, wie man sie nur vor den Königen macht.

Dann rückte sie ein Fauteuil vor, und statt sich auf einen Sessel zu setzen, wie die Etikette es verlangt hätte, nahm sie in dem großen Lehnstuhl Platz.

Als der Cardinal sah, daß man sich's bequem machen konnte, legte er seinen Hut auf den Tisch, schaute Jeanne, die ihn ebenfalls anschaute, in's Gesicht und sagte:

»Es ist also wahr, Mademoiselle...«

»Madame,« unterbrach ihn Jeanne.

»Verzeihen Sie ... Ich vergaß ... Es ist also wahr, Madame.«

»Mein Mann nennt sich Graf von La Mothe, Monseigneur.«

»Richtig, richtig, Gendarme des Königs oder der Königin.«

»Ja, Monseigneur.«

»Und Sie, Madame, Sie sind eine geborene Valois?«

»Valois, ja, Monseigneur.«

»Ein großer Name,« sprach der Cardinal, die Beine kreuzend, »ein seltener, erloschener Name.«

Jeanne errieth den Zweifel des Kardinals.

»Erloschen,« sagte sie, »nein, Monseigneur, da ich ihn führe und einen Bruder habe, der Baron Valois ist.«

»Anerkannt?«

»Es bedarf keiner Anerkennung, Monseigneur; mag mein Bruder reich oder arm sein, er wird darum nicht minder das sein, als was er geboren ist, Baron von Valois.«

»Madame, ich bitte, erzählen Sie mir ein wenig diese Erbschaft. Sie interessiren mich, ich liebe die Wappenkunst.«

Jeanne erzählte einfach, nachlässig, was der Leser schon weiß.

Der Cardinal horchte und schaute.

Er gab sich nicht die Mühe, seine Eindrücke zu verbergen. Wozu? er glaubte weder an das Verdienst noch an den Stand von Jeanne; er sah sie hübsch, arm; er schaute, das war genug.

Jeanne, welche Alles bemerkte, errieth den schlimmen Gedanken des zukünftigen Protectors.

»Somit sind Sie wirklich unglücklich gewesen?« sagte Herr von Rohan mit gleichgültigem Wesen.

»Ich beklage mich nicht, Monseigneur.«

»Man hat mir in der That die Schwierigkeiten Ihrer Lage bedeutend übertrieben.«

Er schaute umher.

»Diese Wohnung ist bequem, angenehm möblirt.«

»Für eine Grisette allerdings,« entgegnete Jeanne hart und ungeduldig, das Treffen zu beginnen; »ja, Monseigneur.«

Der Cardinal machte eine Bewegung.

»Wie?« sagte er, »Sie nennen diese Einrichtung eine Grisetteneinrichtung?«

»Monseigneur,« erwiderte sie, »ich glaube nicht, daß Sie dieses Mobiliar eine Prinzessinneneinrichtung nennen können.«

»Und Sie sind Prinzessin,« sagte er mit einer von jenen unmerklichen Ironien, welche nur die ausgezeichneten Geister oder die Leute von sehr hohem Geschlecht ohne entschiedene Unverschämtheit mit ihrer Sprache zu vermischen das Geheimniß besitzen.

»Ich bin als eine Valois geboren, wie Sie als ein Rohan, das ist Alles, was ich weiß,« sagte sie.

Diese Worte sprach sie mit so sanfter Majestät des Unglücks, das sich empört, mit so viel Majestät des Weibes, das sich verkannt fühlt, sie waren zugleich so harmonisch und so würdig, daß der Fürst nicht dadurch verletzt, der Mensch aber bewegt wurde.

»Madame,« sagte er, »ich vergaß, daß mein erstes Wort eine Entschuldigung hätte sein sollen. Ich schrieb Ihnen gestern, ich würde hieher kommen, doch ich hatte in Versailles beim Empfang von Herrn Suffren zu thun und mußte auf das Vergnügen, Sie zu sehen, verzichten.«

»Monseigneur erweist mir noch zu viel Ehre, daß er heute an mich gedacht hat, und der Herr Graf von La Mothe, mein Gatte, wird noch lebhafter die Verbannung beklagen, in der ihn die Noth hält, da ihn diese Verbannung hindert, sich eines so erhabenen Besuches zu erfreuen.«

Das Wort Gatte erregte die Aufmerksamkeit des Cardinals.

»Sie leben allein, Madame?« sagte er.

»Ganz allein, Monseigneur.«

»Das ist schön von Seiten einer jungen und hübschen Frau.«

»Das ist einfach, Monseigneur, von Seiten einer Frau, die in jeder andern Gesellschaft, als in der, von welcher ihre Armuth sie entfernt, nicht an ihrem Platze wäre.«

Der Cardinal schwieg.

»Es scheint,« sagte er nach einer Pause, »es scheint, die Genealogen ziehen Ihre Abstammung nicht in Zweifel?«

»Wozu dient mir das?« erwiderte Jeanne mit verächtlichem Tone, während sie mit einer reizenden Geberde die kleinen, rund gekräuselten, gepuderten Haarlocken von ihren Schläfen aufhob.

Der Cardinal rückte sein Fauteuil näher hinzu, als wollte er mit seinen Füßen das Feuer erreichen.

»Madame,« sagte er, »ich möchte gern wissen, wozu ich Ihnen nützlich sein könnte.«

»Zu nichts, Monseigneur.«

»Wie, zu nichts?«

»Eure Eminenz überhäuft mich mit Ehre.«

»Sprechen wir offenherziger.«

»Ich vermöchte nicht offenherziger zu sein, als ich es bin, Monseigneur.«

»Sie beklagten sich so eben,« sagte der Cardinal umherschauend, als wollte er Jeanne daran erinnern, daß sie ihr Mobiliar eine Grisetteneinrichtung genannt habe.

»Ja, es ist wahr, ich beklagte mich.«

»Nun, also. Madame...«

»Nun, Monseigneur, ich sehe, daß mir Eure Eminenz ein Almosen spenden will, nicht wahr?«

»Oh! Madame...«

»Nichts Anderes. Almosen habe ich empfangen, werde aber nicht ferner empfangen.«

»Was soll dieß bedeuten?«

»Monseigneur, ich bin seit einiger Zeit genug gedemüthigt; es ist mir nicht mehr möglich zu widerstehen.«

»Madame, Sie irren sich. Im Unglück ist man nicht entehrt...«

»Selbst mit dem Namen, den ich führe? sagen Sie, würden Sie betteln, Herr von Rohan?«

»Ich spreche nicht von mir,« erwiderte der Cardinal in einer gewissen, mit Stolz gemischten Verlegenheit.

»Monseigneur, ich kenne nur zwei Arten, Almosen zu verlangen: im Wagen oder an einer Kirchenthüre; mit Gold und Sammet oder in Lumpen. Wohl denn! vor Kurzem erwartete ich nicht die Ehre Ihres Besuches; ich glaubte mich vergessen.«

»Ah! Sie wußten also, daß ich es war, der geschrieben?«

»Habe ich nicht Ihr Wappen auf dem Siegel des Briefes gesehen, womit Sie mich beehrten?«

»Sie stellten sich jedoch, als erkennten Sie mich nicht.«

»Weil Sie mir nicht die Ehre erwiesen, sich melden zu lassen.«

»Wohl! dieser Stolz gefällt mir,« sprach lebhaft der Cardinal, indem er mit wohlgefälliger Aufmerksamkeit die feurigen Augen und die hoffärtige Physiognomie von Jeanne anschaute.

»Ich sagte also,« fuhr diese fort, »ich sagte, ich habe, ehe ich Sie gesehen, den Entschluß gefaßt, den elenden Mantel, der meine Armuth verschleiert, der die Nacktheit meines Namens bedeckt, liegen zu lassen und in Lumpen, wie jede christliche Bettlerin, um mein Brod nicht den Stolz, sondern die Menschenliebe der Vorübergehenden anzuflehen.«

»Ihre Mittel sind hoffentlich noch nicht erschöpft?«

Jeanne antwortete nicht.

»Sie haben irgend ein Gut, und wäre es auch mit Hypotheken belastet; Familienschmuck? Dieses zum Beispiel.«

Er deutete auf eine Büchse, mit der die weißen und zarten Finger der jungen Frau spielten.

»Dieses?« sagte sie.

»Eine originelle Büchse, bei meinem Wort. Erlauben Sie?«

»Ah! ein Porträt.«

Er nahm sie.

Alsbald machte er eine Bewegung des Erstaunens.

»Sie kennen das Original dieses Porträts?« fragte Jeanne.

»Es ist Maria Theresia.«

»Maria Theresia?«

»Ja, die Kaiserin von Oestreich.«

»Wahrhaftig!« rief Jeanne. »Sie glauben, Monseigneur?«

Der Cardinal schaute noch einmal die Büchse an und fragte dann:

»Woher haben Sie das?«

»Von einer Dame, die vorgestern hier war.«

»Bei Ihnen?«

»Bei mir.«

»Von einer Dame...«

Der Cardinal betrachtete die Büchse mit neuer Aufmerksamkeit.

»Ich irre mich, Monseigneur,« sagte die Gräfin, »es waren zwei Damen.«

»Und eine von den zwei Damen hat Ihnen diese Büchse gegeben?« fragte der Cardinal mißtrauisch.

»Nein, sie hat sie mir nicht gegeben.«

»Wie kommt sie dann in Ihre Hände?«

»Sie hat sie bei mir vergessen.«

Der Cardinal versank dermaßen in Gedanken, daß die Gräfin von Valois darüber besorgt wurde und dachte, sie thue wohl daran, auf ihrer Hut zu sein.

Dann erhob der Cardinal das Haupt, schaute die Gräfin aufmerksam an und sagte:

»Und wie heißt diese Dame? Nicht wahr, Sie verzeihen mir, daß ich diese Frage an Sie richte? ich schäme mich dessen und komme mir vor wie ein Richter.«

»Monseigneur, die Frage ist in der That seltsam.«

»Indiscret vielleicht; aber seltsam...«

»Seltsam, ich wiederhole es. Wenn ich die Dame kennte, welche die Bonbonniere hier hat liegen lassen...«

»Nun!«

»So hätte ich sie ihr schon zurückgeschickt. Ohne Zweifel ist ihr daran gelegen, und ich möchte nicht gern ihren freundlichen Besuch durch eine Unruhe von achtundvierzig Stunden belohnen.«

»Ah! Sie kennen sie nicht...«

»Nein, ich weiß nur, daß es die Superiorin einer Stiftung zu guten Werken ist.«

»Von hier?«

»Von Versailles.«

»Von Versailles ... die Superiorin einer Wohlthätigkeitsanstalt...«

»Monseigneur, ich empfange Frauen, die Frauen demüthigen eine arme Frau nicht, indem sie ihr Unterstützung bringen, und diese Dame, die durch menschenfreundliche Mittheilungen über meine Lage in Kenntniß gesetzt war, legte hundert Louisd'or auf mein Kamin, als sie mich besuchte.«

»Hundert Louisd'or!« sagte der Cardinal mit Erstaunen; dann, als er sah, er könnte die Empfindlichkeit von Jeanne verletzen, denn diese machte wirklich eine Bewegung, fügte er bei:

»Verzeihen Sie, Madame, ich wundere mich nicht, daß man Ihnen diese Summe gegeben hat. Sie verdienen im Gegentheil alle Fürsorge wohlthätiger Leute, und Ihre Geburt macht es für sie zum Gesetz, Ihnen nützlich zu sein. Nur der Titel: Dame vom guten Werke, setzte mich in Erstaunen; die Damen vom guten Werke pflegen kleinere Almosen zu spenden. Könnten Sie mir nicht das Porträt dieser Dame geben, Gräfin?«

»Das ist schwierig, Monseigneur,« erwiderte Jeanne, um die Neugierde des Kardinals zu stacheln.

»Wie, schwierig, da sie hier gewesen ist?«

»Allerdings. Die Dame, welche ohne Zweifel nicht erkannt sein wollte, verbarg ihr Gesicht in einer ziemlich weiten Kaputze; überdieß war sie in Pelze gehüllt. Doch...«

Die Gräfin gab sich das Ansehen, als besinne sie sich.

»Doch...« wiederholte der Cardinal. – »Doch glaubte ich zu sehen ... Ich behaupte nicht, Monseigneur.« – »Was glaubten Sie zu sehen?« – »Blaue Augen.« – »Der Mund?« – »Klein, obgleich die Lippen ein wenig dick, besonders die Unterlippe.« – »Von hohem oder mittlerem Wuchs?« – »Von mittlerem Wuchs.« – »Die Hände?« – »Vollkommen.« – »Der Hals?« – »Lang und dünn.« – »Die Physiognomie?« – »Streng und edel.« – »Der Accent?« – »Etwas gehemmt. Doch, Sie kennen vielleicht diese Dame, Monseigneur?«

»Wie sollte ich sie kennen, Frau Gräfin?« fragte lebhaft der Prälat.

»Nach der Art, wie Sie mich befragen, Monseigneur, oder sogar durch die Sympathie, welche alle Arbeiter guter Werke für einander hegen.«

»Nein, Madame, nein, ich kenne sie nicht.«

»Wenn Sie jedoch irgend eine Vermuthung hätten?«

»In welcher Hinsicht?«

»Etwa eine Vermuthung, die Ihnen dieses Porträt einflößte?«

»Ah!« erwiderte rasch der Cardinal, der befürchtete, er habe zu viel errathen lassen, »ja, allerdings, dieses Porträt...«

»Nun, dieses Porträt, Monseigneur?«

»Nun! es kommt mir immer vor, als wäre dieses Porträt...?«

»Nicht wahr, das der Kaiserin Maria Theresia?«

»Ich glaube, ja.«

»Somit denken Sie...«

»Ich denke, daß Sie den Besuch von irgend einer deutschen Dame empfangen haben, einer von denjenigen etwa, welche eine Unterstützungsanstalt gegründet...«

»In Versailles?«

»In Versailles, ja, Madame.«

Der Cardinal schwieg hierauf.

Doch man sah klar, daß er noch zweifelte, und daß die Gegenwart der Büchse im Hause der Gräfin sein ganzes Mißtrauen wieder erweckt hatte.

Nur war das, was Jeanne nicht völlig unterschied, was sie vergebens zu erklären suchte, der Grund des Gedankens des Kardinals, ein sichtbar für sie unvortheilhafter Gedanke, der in nichts Geringerem bestand, als darin, daß er sie im Verdacht hatte, sie wolle ihm durch äußern Schein eine Falle stellen.

Man konnte wirklich erfahren haben, welches Interesse der Cardinal an den Angelegenheiten der Königin nahm; es war dieß ein Hofgerücht, das entfernt nicht im Zustand eines Halbgeheimnisses geblieben, und wir haben sogar angeführt, wie sehr gewisse Feinde sich Mühe gaben, die Erbitterung zwischen der Königin und ihrem Großalmosenier zu unterhalten.

Dieses Porträt von Maria Theresia, diese Büchse, deren sie sich gewöhnlich bediente – der Cardinal hatte sie hundertmal in ihren Händen gesehen – wie fand sich das in den Händen der Bettlerin Jeanne?

War die Königin wirklich selbst in diese armselige Wohnung gekommen?

Und wenn sie gekommen, war sie Jeanne unbekannt geblieben? aus welchem Grunde verheimlichte sie die Ehre, die ihr zu Theil geworden?

Der Prälat zweifelte.

Er zweifelte schon am Tage vorher. Der Name Valois hatte ihn auf seiner Hut zu sein gelehrt, und nun handelte es sich nicht mehr um eine arme Frau, sondern um eine von einer Königin, die ihre Wohlthaten persönlich brachte, unterstützte Prinzessin.

War Marie Antoinette auf diese Weise mildthätig?

Während der Cardinal so zweifelte, fühlte sich Jeanne die ihn nicht aus dem Blicke verlor, und der keines von den Gefühlen des Prinzen entging, auf der Folter. Für die mit einem Hintergedanken belasteten Gewissen ist der Zweifel derjenigen, die man gern mit der reinen Wahrheit überzeugen möchte, ein wirkliches Märtyrthum.

Das Stillschweigen war für Beide peinlich. Der Cardinal brach es durch eine neue Frage.

»Und die Dame, die Ihre Wohlthäterin begleitete, haben Sie dieselbe bemerkt? Können Sie mir sagen, wie sie aussah?«

»Oh! diese habe ich genau gesehen,« antwortete die Gräfin; »sie ist groß und schön, hat ein entschlossenes Gesicht, einen herrlichen Teint, reiche Formen.«

»Und die andere Dame hat sie nicht genannt?«

»Doch, einmal, bei ihrem Taufnamen.«

»Und ihr Taufname heißt?«

»Andrée.«

»Andrée!« rief der Cardinal. Und er bebte.

Diese Bewegung entging der Gräfin La Mothe so wenig, als die andern.

Der Cardinal wußte nun, woran er sich zu halten hatte, der Name Andrée benahm ihm alle Zweifel.

Man wußte in der That, daß die Königin zwei Tage vorher mit Fräulein von Taverney in Paris gewesen. Eine gewisse Geschichte von einer Verzögerung, von einem geschlossenen Thor, von einem ehelichen Streit zwischen dem König und der Königin war in Versailles in Umlauf gekommen.

Der Cardinal athmete.

Es fand sich weder eine Falle noch ein Complott in der Rue Saint-Claude. Frau von La Mothe kam ihm schön und rein vor, wie der Engel der Unschuld.

Man mußte jedoch eine letzte Probe machen. Der Prinz war Diplomat.

»Gräfin,« sagte er, »ich muß gestehen, Eines wundert mich ganz besonders.«

»Was, Monseigneur?«

»Daß Sie sich mit Ihrem Namen und Ihren Titeln nicht an den König gewendet haben.«

»An den König?«

»Ja.«

»Monseigneur, ich habe zwanzig Eingaben, zwanzig Bittschriften an den König abgeschickt.«

»Ohne Erfolg?«

»Ohne Erfolg.«

»In Ermangelung des Königs würden alle Prinzen des Königlichen Hauses Ihre Reclamationen angenommen haben. Der Herr Herzog von Orléans zum Beispiel ist mildthätig, und dann liebt er es oft, das zu thun, was der König nicht thut.«

»Ich habe bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orléans ansuchen lassen, doch vergebens.«

»Vergebens! Das setzt mich in Erstaunen.«

»Warum? Ist man nicht reich oder wird man nicht empfohlen, so geht jedes Gesuch im Vorzimmer der Fürsten verloren.«

»Da ist noch Monseigneur, bei Graf von Artois. Die verschwenderischen Leute verrichten zuweilen bessere Handlungen, als die wohlthätigen Leute.«

»Es war bei Monseigneur dem Grafen von Artois wie bei Seiner Hoheit dem Herzog von Orléans, wie bei Seiner Majestät dem König von Frankreich.«

»Doch Mesdames, die Tanten des Königs? Oh! Gräfin, diese mußten Ihnen, wenn mich nicht Alles täuscht, günstig antworten.«

»Nein, Monseigneur.«

»Oh! ich kann nicht glauben, daß Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, ein unempfindliches Herz gehabt hat.«

»Es ist wahr, auf meine Bitte hat Ihre Königlich Hoheit mir versprochen, mich zu empfangen, doch ich weiß nicht, wie es gekommen ist, nachdem sie meinen Mann empfangen hatte, wollte sie, wie dringend ich auch bat, Nichts mehr von sich hören lassen.«

»Das ist in der That seltsam,« sagte der Cardinal.

Dann rief er plötzlich und als tauchte dieser Gedanke erst in diesem Augenblick in seinem Geiste auf:

»Aber, mein Gott! wir vergessen...«

»Was?«

»Die Person, an die Sie sich vor Allem hätten wenden müssen.«

»An wen hätte ich mich wenden müssen?«

»An die Gnadenspenderin, an diejenige, welche nie eine verdiente Unterstützung versagt hat, an die Königin.«

»An die Königin?«

»Ja, an die Königin. Haben Sie sie gesehen?«

»Nie,« antwortete Jeanne mit vollkommener Einfachheit.

»Wie, Sie haben der Königin kein Gesuch überreicht?«

»Nie.«

»Sie haben nicht von Ihrer Majestät eine Audienz zu erlangen gesucht?«

»Ich habe mich bemüht, doch ist es mir nicht gelungen.«

»Sie haben es wenigstens versucht, sich ihr auf den Weg zu stellen, um bemerkt und an den Hof berufen zu werden. Das war ein Mittel.«

»Nein, wahrhaftig, ich bin in meinem Leben nur zweimal in Versailles gewesen, und habe nur zwei Personen dort gesehen, den Herrn Doctor Louis, der meinen unglücklichen Vater im Hotel Dieu behandelt hatte, und den Herrn Baron von Taverney, dem ich empfohlen war.«

»Und was hat Ihnen Herr von Taverney gesagt? Er war vollkommen im Stande, Ihnen Zugang zu der Königin zu verschaffen.«

»Er hat mir gesagt, ich sei sehr ungeschickt.«

»Warum?«

»Daß ich als einen Anspruch auf das Wohlwollen des Königs eine Verwandtschaft geltend mache, welche natürlich Seiner Majestät widrig sein müsse, da ein armer Verwandter nie gefalle.«

»Das ist der selbstsüchtige, brutale Baron,« sagte der Prinz.

Dann überlegt er sich wieder den Besuch Andrée's bei der Gräfin und dachte:

»Es ist seltsam, der Vater weist die Bittstellerin zurück, und die Königin führt die Tochter zu ihr. In der That, aus diesem Widerspruch muß etwas hervorgehen.«

»So wahr ich ein Edelmann bin,« sprach er dann, »ich bin ganz erstaunt, daß ich sagen höre, eine Bittstellerin, eine Frau vom ersten Adel, habe weder den König noch die Königin gesehen.«

»Höchstens gemalt,« sagte Jeanne lächelnd.

»Wohl denn,« rief der Cardinal, dießmal überzeugt von der Unwissenheit und Aufrichtigkeit der Gräfin, »ich werde Sie, wenn es sein muß, selbst nach Versailles führen und die Thüren für Sie öffnen lassen.«

»Oh! Monseigneur, welche Güte!« rief die Gräfin im höchsten Grad erfreut.

Der Cardinal näherte sich ihr und sprach:

»Gräfin, binnen Kurzem muß sich nothwendig alle Welt für Sie interessiren.«

»Ach! Monseigneur,« sagte Jeanne mit einem anbetungswürdigen Seufzer, »glauben Sie das aufrichtig?«

»Oh! ich bin davon überzeugt.«

»Ich glaube, Sie schmeicheln mir,« sagte Jeanne.

Und dabei schaute sie ihn fest an.

Diese plötzliche Veränderung mußte mit Recht die Gräfin in Erstaunen setzen, die der Cardinal zehn Minuten vorher mit einer ächt prinzlichen Vornehmheit behandelt hatte.

Wie der Pfeil eines Bogenschützen abgeschossen, traf Jeanne's Blick den Cardinal in sein Herz oder in seine Sinnlichkeit. Er enthielt das Feuer des Ehrgeizes oder des Verlangens; aber es war Feuer.

Herr von Rohan, der sich auf die Frauen verstand, mußte sich zugestehen, er habe wenige so verführerische gesehen.

»Ah! Bei meiner Treue,« sagte er zu sich selbst mit dem ewigen Hintergedanken der durch die Diplomatie erzogenen Hofleute, »ah! bei meiner Treue, es wäre ein zu außerordentlicher oder zu glücklicher Fall, wenn ich zugleich eine ehrliche Frau, die das Aussehen einer Verschmitzten hat, und im Elend eine allmächtige Beschützerin fände.«

»Monseigneur,« unterbrach ihn die Sirene, »Sie beobachten bisweilen ein Stillschweigen, das mich beunruhigt; verzeihen Sie mir, daß ich es Ihnen sage.«

»Wie soll ich das verstehen, Gräfin?« fragte der Cardinal.

»Monseigneur, ein Mann, wie Sie, verfehlt sich gegen die Höflichkeit nur bei zwei Arten von Frauen.«

»Oh! mein Gott, was wollen Sie mir sagen, Gräfin? Bei meinem Wort, Sie erschrecken mich.«

Er nahm sie bei der Hand.

»Ja,« sprach die Gräfin, »bei zwei Arten von Frauen, ich habe es gesagt und wiederhole es.«

»Lassen Sie hören, bei welchen?«

»Bei Frauen, die man zu sehr liebt, und bei Frauen, die man nicht genug schätzt.«

»Gräfin, Gräfin, Sie machen mich erröthen. Ich hätte der Höflichkeit gegen Sie ermangelt?«

»Gewiß.«

»Sagen Sie das nicht, es wäre entsetzlich.«

»Wahrhaftig, Monseigneur, denn Sie können mich nicht zu sehr lieben, und ich habe Ihnen, bis jetzt wenigstens, nicht das Recht gegeben, mich zu wenig zu schätzen.«

Der Cardinal nahm Jeanne's Hand und erwiederte:

»Oh! Gräfin. Sie sprechen in der That, als wären Sie gegen mich aufgebracht.«

»Nein, Monseigneur, denn Sie haben meinen Zorn noch nicht verdient.«

»Und ich werde ihn nie verdienen, Madame, von diesem Tage an, wo ich das Vergnügen gehabt habe, Sie zu sehen und Sie kennen zu lernen.«

»Oh! mein Spiegel, mein Spiegel!« dachte Jeanne.

»Und von diesem Tage an wird meine teilnehmende Sorge Sie nicht mehr verlassen.«

»Oh! Monseigneur, genug, genug,« sagte die Gräfin, die ihre Hand nicht aus den Händen des Cardinals zurückgezogen hatte.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Protection.«

»Gott verhüte, daß ich je das Wort Protection ausspreche. Oh! Madame, nicht Sie würde es demüthigen, sondern mich.«

»Dann nehmen wir Eines an, Herr Cardinal, was mir unendlich schmeicheln würde.«

»Wenn dem so ist, so nehmen wir das Eine an.«

»Nehmen wir an, Sie haben Frau von La Mothe Valois einen Höflichkeitsbesuch gemacht. Nicht wahr?«

»Natürlich nichts Geringeres als das,« erwiderte der galante Cardinal.

Und er hob Jeanne's Finger an seine Lippen und drückte einen ziemlich langen Kuß darauf.

Die Gräfin zog ihre Hand zurück.

»Oh! Höflichkeit,« sagte der Cardinal mit dem feinsten Geschmack und dem größten Ernst.

Jeanne gab ihre Hand zurück, die der Cardinal dießmal ganz ehrfurchtsvoll küßte.

»O! so ist es sehr gut, Monseigneur.«

Der Cardinal verbeugte sich; die Gräfin aber fuhr fort:

»Wenn ich wüßte, daß ich einen ob auch noch so geringen Theil an dem so erhabenen und so sehr in Anspruch genommenen Geiste eines Mannes, wie Sie sind, besäße, oh! ich schwöre Ihnen, das könnte mich ein Jahr trösten.«

»Ein Jahr! Das ist sehr kurz ... hoffen wir mehr, Gräfin.«

»Nun! ich sage nicht nein, Herr Cardinal,« erwiderte sie lächelnd.

Herr Cardinal ganz kurz war eine Vertraulichkeit, deren sich Frau von La Mothe zum zweiten Male schuldig machte. Reizbar in seinem Stolz, hätte sich der Cardinal darüber wundern können, aber die Dinge hatten einen Grad erreicht, daß er sich nicht nur nicht darüber wunderte, sondern sogar damit, wie mit einer Gunst, zufrieden war.

»Oh! Vertrauen,« rief er, während er noch näher auf sie zurückte. »Das ist gut, das ist gut.«

»Ja, ich habe Vertrauen. Monseigneur, denn ich fühle in Eurer Eminenz...«

»Sie sagten vorhin Herr, Gräfin.«

»Sie müssen mir verzeihen, Monseigneur, ich kenne den Hof nicht. Ich sage also, ich habe Vertrauen, weil Sie im Stande sind, einen abenteuerlichen, muthigen Geist, wie der meinige, und ein ganz reines Herz zu begreifen. Trotz der Prüfungen der Armuth, trotz der Kämpfe, welche niedrige Feinde gegen mich gekämpft haben, wird Eure Eminenz in mir, das heißt in meinem Gespräche, zu nehmen wissen, was Ihrer würdig ist. Im Uebrigen wird mir Eure Eminenz Nachsicht gewähren.«

»Somit sind wir Freunde, Madame. Das ist unterzeichnet, beschworen.«

»Mir ist es ganz lieb.«

Der Cardinal stand auf und ging auf Frau von La Mothe zu; da er aber die Arme für einen einfachen Schwur ein wenig zu weit offen hatte, so wich ihm die Gräfin leicht und geschmeidig aus.

»Freundschaft zu Drei,« sagte sie mit einem unnachahmlichen Ausdruck von Spott und Unschuld.

»Wie, Freundschaft zu Drei?« fragte der Cardinal.

»Allerdings, gibt es nicht in der Welt einen armen Gendarmen, einen Verbannten, den man den Grafen von La Mothe nennt?«

»Oh! Gräfin, welch ein beklagenswerthes Gedächtniß besitzen Sie!«

»Ich muß wohl von ihm sprechen, da Sie nicht von ihm sprechen.«

»Wissen Sie, warum ich nicht von ihm spreche?«

»Sagen Sie es mir.«

»Weil er immerhin selbst genug sprechen wird; glauben Sie mir, die Ehemänner vergessen sich nie.«

»Und wenn er von sich spricht?«

»Dann wird man von Ihnen, man wird von uns sprechen.«

»Wie so?«

»Man wird Zum Beispiel sagen, der Herr Graf von La Mothe habe es gut oder habe es schlecht gefunden, daß der Herr Cardinal von Rohan drei-, vier- oder fünfmal in der Woche Frau von La Mothe in der Rue Saint-Claude besuche.«

»Aber werden Sie mir so viel sagen, Herr Cardinal, drei-, vier- oder fünfmal in der Woche?«

»Wo wäre dann die Freundschaft, Gräfin? Ich sagte fünfmal und irrte mich. Sechs- oder siebenmal mußte ich sagen, die Schalttage nicht gerechnet.«

Jeanne lachte.

Der Cardinal bemerkte, daß sie zum ersten Mal seinen Scherzen die Ehre erwies, und fühlte sich auch dadurch geschmeichelt.

»Werden Sie es verhindern, daß man spricht?« sagte sie. »Sie wissen wohl, daß dieß unmöglich ist.« – »Ja,« erwiderte er. – »Und wie?« – »Ah! das ist eine ganz einfache Sache; mit Recht oder mit Unrecht kennt mich das Volk von Paris.« – »Oh! gewiß, und zwar mit Recht, Monseigneur.« – »Aber Sie ist es so unglücklich nicht zu kennen.« – »Nun!« – »Stellen wir die Frage anders.« – »Stellen Sie sie, das heißt...« – »Wie Sie wollen. Wenn Sie zum Beispiel...« – »Vollenden Sie.« – »Wenn Sie ausgingen, statt daß Sie mich ausgehen machten.« – »Ich soll in Ihr Hotel gehen, Monseigneur?« – »Sie gingen wohl zu einem Minister.« – »Ein Minister ist kein Mann, Monseigneur.« – »Sie sind anbetungswürdig. Nun wohl! es handelt sich nicht um mein Hotel, ich habe ein Haus.« – »Ein kleines HausMit petit maison, kleines Haus, bezeichnete man in Paris ein Haus, wie es die vornehmen Herren in abgelegenen Quartieren für ihre geheimen Liebschaften besaßen., drücken wir uns deutlich aus.« – »Nein, ein Haus, das Ihnen gehört.« – »Oh!« rief die Gräfin, »ein Haus, das mir gehört. Und wie dieß? Ich wußte nichts von diesem Haus.«

Der Cardinal, der sich wieder gesetzt hatte, stand auf.

»Morgen früh um zehn Uhr werden Sie die Adresse davon erhalten.«

Die Gräfin erröthete, der Cardinal nahm artig ihre Hand.

Und dießmal war der Kuß zugleich ehrerbietig, zärtlich und kühn.

Beide grüßten sich sodann mit dem Reste von lächelnder Ceremonie, welche eine nahe bevorstehende Vertraulichkeit bezeichnet.

»Leuchten Sie Monseigneur,« rief die Gräfin.

Die Alte kam und leuchtete.

Der Prälat ging hinaus.

»Mir scheint, ich habe da einen großen Schritt in der Welt vorwärts gemacht,« dachte Jeanne.

»Ah! ah!« dachte der Cardinal, während er in seinen Wagen stieg, »ich habe ein doppeltes Geschäft gemacht. Diese Frau besitzt zu viel Geist, um nicht die Königin einzunehmen, wie sie mich eingenommen hat.«

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