Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
Schließen

Navigation:

X.

Der Versucher.

Auf diesen Befehl oder vielmehr auf diese Bitte der Königin zog Philipp seine stählernen Muskeln zusammen, klammerte sich auf seinen Kniebeugen fest, und der Schlitten hielt kurz an, wie das arabische Pferd, das im Sande der Ebene auf seinen Häcksen bebt.

»Und nun ruhen Sie aus,« sagte die Königin, während sie ganz schwankend aus dem Schlitten stieg. »Ich hätte in der That nie geglaubt, daß die Geschwindigkeit so berauschend ist. Sie hätten mich beinahe toll gemacht.«

Und sie stützte sich wirklich ganz wankend auf Philipps Arm.

Ein Beben des Erstaunens, das diese ganze goldbetreßte, buntscheckige Menge durchlief, verkündigte ihr, daß sie abermals einen jener Fehler gegen die Etikette begangen hatte, die in den Augen der Eifersucht und des Knechtsinnes so unverzeihlich sind.

Ganz betäubt durch dieses Uebermaß von Ehre zitterte Philipp stärker und war beschämter, als wenn seine Fürstin ihn öffentlich beleidigt hätte.

Er schlug die Augen nieder; sein Herz pochte, daß die Brust beinahe zersprungen wäre.

Eine seltsame Aufregung, ohne Zweifel von ihrer Fahrt herrührend, erfaßte auch die Königin, denn sie zog ihren Arm sogleich wieder zurück, nahm den des Fräuleins von Taverney und forderte einen Stuhl.

Man brachte ihr einen kleinen Feldstuhl.

»Verzeihen Sie, Herr von Taverney,« sagte sie zu Philipp.

Dann fügte sie plötzlich leise bei:

»Mein Gott! es ist doch ein großes Unglück, unablässig von Neugierigen und Einfaltspinseln umgeben zu sein.«

Die gewöhnlichen Kavaliere und die Ehrendamen hatten ihre Nähe wieder erreicht, und verschlangen mit ihren Augen Philipp, der, um seine Röthe zu verbergen, seine Schlittschuhe aufschnürte.

Nachdem dieß geschehen war, wich Philipp zurück, um den Höflingen den Platz zu überlassen.

Die Königin blieb einige Augenblicke nachdenklich. Dann erhob sie das Haupt und sprach:

»Oh! ich fühle, daß ich mich erkälten würde, wenn ich so unbeweglich bliebe; noch eine Fahrt.«

Und sie stieg wieder in den Schlitten.

Philipp wartete auf einen Befehl, aber vergebens.

Da traten zwanzig Edelleute heran.

»Nein, meine Herren, ich danke Ihnen; meine Heiducken,« sagte sie.

Dann, als die Bedienten an ihren Posten waren, sprach sie zu diesen:

»Sachte, nur sachte.«

Und sie schloß die Augen und überließ sich einer inneren Träumerei.

Der Schlitten entfernte sich, wie es die Königin befohlen hatte, sachte, gefolgt von einer Menge von Gierigen, Neugierigen und Eifersüchtigen.

Philipp blieb allein und wischte die Schweißtropfen von seiner Stirne.

Er suchte mit den Augen Saint-Georges, um ihn über seine Niederlage durch irgend ein redliches Compliment zu trösten.

Doch dieser hatte eine Botschaft vom Herzog von Orléans, seinem Protector, erhalten und war schon vom Schlachtfeld abgegangen.

Ein wenig traurig, ein wenig müde und beinahe selbst erschrocken über das Vorgefallene, blieb Philipp unbeweglich an seinem Platz und schaute dem Schlitten der Königin nach, als er etwas seine Seite streifen fühlte.

Er wandte sich um und erkannte seinen Vater.

Ganz zusammengeschrumpft wie eine Hoffmann'sche Figur, ganz in Pelze gehüllt wie ein Samojede, hatte der kleine Greis seinen Sohn mit dem Ellenbogen gestoßen, um die Hände nicht aus seinem Muff thun zu müssen, den er an seinem Kragen trug.

Seine Augen blitzten vor Freude.

»Du umarmst mich nicht, mein Sohn?« sagte er.

Er sprach diese Worte mit dem Ton, den der Vater des griechischen Athleten annehmen mußte, wenn er dem Sohn für den Sieg dankte, den er im Circus davongetragen.

»Mein lieber Vater, von ganzem Herzen,« erwiderte Philipp.

Aber es ließ sich begreifen, daß keine Harmonie zwischen dem Ton der Worte und ihrer Bedeutung herrschte.

»Gut, gut, und nun, da Du mich umarmt hast, geh geschwind!« sagte der Baron.

Und er schob seinen Sohn vorwärts.

»Wohin soll ich denn gehen, mein Herr?« fragte Philipp.

»Dorthin, bei Gott.«

»Dorthin?«

»Ja, zur Königin.«

»Oh! nein! mein Vater, ich danke.«

»Wie, nein! Wie, ich danke! Bist Du verrückt? Du willst nicht die Königin wieder einholen?«

»Nein, das ist unmöglich; es kann nicht Ihr Ernst sein, mein Vater.«

»Wie! unmöglich, die Königin einzuholen, die Dich erwartet?«

»Die mich erwartet?«

»Ja, ja, die Königin, die nach Dir begehrt?«

»Die nach mir begehrt?« sprach Taverney, den Baron starr anschauend.

Und er fügte kalt bei:

»In der That, mein Vater, ich glaube, Sie vergessen sich.«

»Bei meinem Ehrenwort, das ist zum Erstaunen!« rief der Greis, indem er sich aufrichtete und mit dem Fuß stampfte. »Ah! Philipp, mache mir das Vergnügen, und sage mir ein wenig, ob Du verrückt bist?«

»Mein Herr,« erwiderte der Chevalier traurig, »wahrlich, ich fürchte eine Gewißheit zu erlangen.«

»Welche?«

»Daß Sie meiner spotten, oder daß...«

»Oder daß?«

»Verzeihen Sie, mein Vater, – daß Sie närrisch werden.«

Der Greis packte seinen Sohn mit einer so energischen, nervösen Bewegung beim Arme, daß der junge Mann vor Schmerz die Stirne faltete.

»Hören Sie, Herr Philipp,« sagte der Greis, »ich weiß wohl, America ist ein von Frankreich sehr weit entferntes Land.«

»Ja, mein Vater, weit entfernt,« wiederholte Philipp; »aber ich begreife nicht, was Sie damit sagen wollen. Ich bitte, erklären Sie sich doch.«

»Ein Land, wo es weder einen König noch eine Königin gibt.«

»Noch Unterthanen.«

»Sehr gut! Auch keine Unterthanen, Herr Philosoph; ich leugne das nicht. Dieser Punkt interessirt mich keineswegs und ist mir sehr gleichgültig; was mir aber nicht gleichgültig ist, was mich peinigt, was mich demüthigt, ist, daß ich auch eine Gewißheit zu erlange fürchte.«

»Welche, mein Vater? Ich denke, daß in jedem Fall unsere Gewißheiten sehr von einander verschieden sind.«

»Die meinige ist die, daß Du ein Einfaltspinsel bist, mein Sohn. Und das ist einem großen Burschen von Deinem Körperbau nicht erlaubt. Aber sieh, sieh doch dorthin!«

»Ich sehe, mein Herr.«

»Nun! die Königin wendet sich um, und zwar zum dritten Mal. Ja, mein Herr, die Königin hat sich dreimal umgedreht. Und schau doch! sie dreht sich abermals um; sie sucht wen? den Herrn Einfaltspinsel, den Herrn Puritaner, den Herrn von America. Oh!...«

Und der kleine Greis biß, nicht mehr mit den Zähnen, sondern mit dem Zahnfleisch, auf den grauen hirschledernen Handschuh, der zwei Hände, wie die seinige, aufgenommen hätte.

»Wohl, mein Herr,« sprach der junge Mann, »wenn es wahr wäre, was aber nicht wahrscheinlich ist, daß die Königin mich suchte?«

»Oh!« rief der Greis, mit dem Fuß stampfend, »er hat gesagt, wenn es wahr wäre! Oh! dieser Mensch ist nicht von meinem Blut, dieser Mensch ist kein Taverney.«

»Ich bin nicht von Ihrem Blut!« murmelte Philipp.

Dann sprach er ganz leise und die Augen zum Himmel erhoben:

»Soll ich Gott dafür danken?«

»Mein Herr,« rief der Greis, »ich sage Ihnen, daß die Königin nach Ihnen verlangt; ich sage Ihnen, daß die Königin Sie sucht.«

»Sie haben ein gutes Gesicht, mein Vater,« erwiderte Philipp trocken.

»Höre,« fuhr der Greis sanfter fort, indem er seine Ungeduld zu mäßigen suchte, »laß mich Dir etwas erklären. Es ist wahr, Du hast Deine Gründe, aber ich, ich habe die Erfahrung. Sprich, Philipp, bist Du ein Mann, oder bist Du keiner?«

Philipp zuckte leicht die Achseln und erwiderte nichts.

Als der Greis sah, daß er vergebens auf eine Antwort wartete, heftete er seine Augen, mehr aus Verachtung als aus Bedürfnis, auf seinen Sohn, und gewahrte nun die ganze Würde, die ganze undurchdringliche Zurückhaltung, den ganzen unerklärlichen Willen, womit dieses Gesicht, leider! für das Gute bewaffnet war.

Er unterdrückte seinen Schmerz, strich sich mit dem Aermel über seine rothe Nasenspitze und sagte mit einer Stimme, so süß wie die von Orpheus, als er zu den thessalischen Felsen sprach:

»Philipp, mein Freund, höre mich.«

»Ei!« erwiderte der junge Mann, »mir scheint, ich thue seit einer Viertelstunde nichts Anderes, mein Vater.«

»Oh!« dachte der Greis, »ich will Dich von Deiner Höhe herabfallen machen, Herr Americaner, Du hast wohl Deine schwache Seite, Koloß. Laß mich diese Seite mit meinen alten Klauen packen, und Du sollst sehen.«

Dann sprach er laut:

»Du hast Eines nicht bemerkt.«

»Was?«

»Etwas, was Deiner Naivetät Ehre macht.«

»Sagen Sie es, mein Herr.«

»Es ist ganz einfach: Du kommst von America. Du bist in einem Augenblick abgereist, wo es nur noch einen König gab, und keine Königin mehr, außer etwa die Dubarry, eine nicht sehr achtbare Majestät; Du kommst zurück. Du siehst eine Königin, und sagst zu Dir: Achten wir sie.«

»Allerdings.«

»Armes Kind!« rief der Greis.

Und er erstickte in seinem Aermel zugleich einen Husten und ein Gelächter.

»Wie!« fragte Philipp, »Sie beklagen mich, weil ich das Königthum achte, Sie, ein Taverney Maison-Rouge, Sie, einer der guten Edelleute Frankreichs?«

»Warte doch, ich spreche nicht vom Königthum, ich spreche von der Königin.«

»Und Sie machen einen Unterschied?«

»Bei Gott! Was ist das Königthum, mein Lieber? eine Krone. Teufel! das rührt man nicht an! Was ist die Königin? eine Frau. Oh! eine Frau, das ist etwas Anderes, das rührt man an.«

»Das rührt man an!« rief Philipp erröthend vor Zorn und dieses Wort mit einer so stolzen Geberde begleitend, daß ihn keine Frau hätte sehen können ohne ihn zu lieben, keine Königin ohne ihn anzubeten.

»Du glaubst das nicht? Nun!« fuhr der kleine Greis mit einem beinahe grimmigen Ausdruck fort, so viel Cynismus legte er in das Lächeln, das zugleich auf seinem Gesichte hervortrat, »nun! so frage Herrn von Coigny, frage Herrn von Lauzun, frage Herrn von Vaudreuil.«

»Stille, stille, mein Vater,« rief Philipp mit dumpfem Tone, »oder ich werde für diese drei Blasphemien, da ich Sie nicht dreimal mit meinem Schwerte dafür schlagen kann, mich selbst schlagen, das schwöre ich Ihnen, und zwar ohne Mitleid, auf der Stelle!«

Taverney machte einen Schritt rückwärts, und drehte sich auf dem Absatz um, wie es Richelieu seinen Aermel schüttelnd mit dreißig Jahren gethan hätte.

»Oh! wahrhaftig,« sagte er, »das Thier ist dumm, das Pferd ist ein Esel, der Adler eine Gans, der Hahn ein Kapaun. Guten Abend, Du hast mich ergötzt. Ich hielt mich für den Ahnherrn, für den Kassander, und nun bin ich der Adonis, der Apollo. Guten Abend.«

Und er pirouettirte noch einmal auf seinen Absätzen.

Philipp war düster geworden; er hielt den Greis bei der halben Wendung an und sagte:

»Nicht wahr, mein Vater, Sie haben nicht im Ernste gesprochen? denn ein Edelmann von so gutem Geschlecht wie Sie kann unmöglich solchen Verläumdungen, die von den Feinden, nicht nur der Königin, sondern auch des Königthums, ausgestreut worden sind, länger Glauben beimessen.«

»Er zweifelt noch, der doppelte Dummkopf,« rief Taverney.

»Sie haben nicht mit mir gesprochen, wie Sie vor Gott sprechen?«

»Wahrhaftig!«

»Vor Gott, dem Sie sich jeden Tag nähern?«

Der junge Mann hatte das von ihm so verächtlich abgebrochene Gespräch wieder aufgenommen.

Das war ein Sieg für den Baron. Er trat näher zu ihm und sagte:

»Mir scheint, ich bin ein ziemlich guter Edelmann, mein Herr Sohn, und ich lüge nicht immer!«

Dieses immer war ein wenig lächerlich, Philipp lachte jedoch nicht.

»Mein Herr,« sprach er, »es ist also Ihre Meinung, die Königin habe Liebhaber gehabt?«

»Eine schöne Neuigkeit.«

»Diejenigen, welche Sie angeführt?«

»Und Andere, was weiß ich? Befrage die Stadt und den Hof; man muß von America zurückkommen, um nicht zu wissen, was man sagt.«

»Und wer sagt das? gemeine Pamphletisten!«

»Ho! ho! hältst Du mich etwa für einen Zeitungsschreiber?«

»Nein! und das ist gerade das Unglück, daß Menschen wie Sie dergleichen Schändlichkeiten wiederholen, die sich sonst wie die schädlichen Dünste auflösen würden, welche zuweilen die schönste Sonne verdunkeln. Sie und die Leute von Stand geben solchen Schmähungen, indem Sie dieselben wiederholen, eine erschreckliche Haltbarkeit! Oh! mein Herr, aus Religion wiederholen Sie dergleichen Dinge nicht.«

»Ich wiederhole sie dennoch.«

»Und warum thun Sie das?«

»Ei!« erwiderte der Greis, indem er sich am Arm seines Sohnes anklammerte und ihn mit seinem dämonischen Gelächter anschaute, »um Dir zu beweisen, daß ich nicht Unrecht hatte, wenn ich zu Dir sagte: Philipp, die Königin wendet sich um; Philipp, die Königin sucht Dich; Philipp, die Königin begehrt nach Dir; Philipp, lauf, lauf, die Königin wartet auf Dich.«

»Oh!« rief der junge Mann, sein Gesicht in seinen Händen verbergend, »um Gottes willen, mein Vater, schweigen Sie, Sie würden mich wahnsinnig machen.«

»In der That, Philipp, ich begreife Dich nicht,« sagte der Greis. »Ist es ein Verbrechen zu lieben? Das beweist, daß man Herz hat; und fühlt man nicht in den Augen dieser Frau, in ihrer Stimme, ihrem Benehmen ihr Herz? Sie liebt; liebt sie Dich? ich weiß es nicht; einen Andern, es ist möglich; glaube aber in diesem Augenblick meiner alten Erfahrung, sie liebt oder fängt an, Einen zu lieben, sage ich Dir, doch Du bist ein Philosoph, ein Puritaner, ein Quäker, ein Americaner; Du liebst nicht, laß sie also schauen, laß sie sich umwenden, laß sie warten, beleidige sie, verachte sie, stoße sie zurück, Philipp, das heißt Joseph von Taverney.«

Nach diesen Worten, die er mit einer derben Ironie betonte, entfloh der Greis, da er sah, welche Wirkung er hervorgebracht, wie der Versucher, nachdem er den ersten Rath zum Verbrechen gegeben.

Philipp blieb mit betäubtem Herzen und pochendem Hirne allein; er dachte nicht mehr daran, daß er seit einer halben Stunde an dieselbe Stelle gefesselt gewesen war, daß die Königin ihre Spazierfahrt beendigt hatte, daß sie zurückkam, daß sie ihn anschaute und ihm, aus ihrem Gefolge heraus, im Vorüberfahren zurief:

»Sie müssen nun ausgeruht haben, Herr von Taverney! Kommen Sie doch, nur Sie allein vermögen eine Königin königlich spazieren zu führen. Treten sie auf die Seite, meine Herren.«

Philipp lief geblendet, betäubt, trunken auf sie zu.

Indem er die Hand auf die Lehne des Schlittens legte, war es ihm als brenne er; die Königin war nachlässig auf ihrem Sitze zurückgeworfen; die Finger des jungen Mannes hatten Marie Antoinette's schöne Hände gestreift.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.