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Das Halsband der Königin - 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Das Halsband der Königin - 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleDas Halsband der Königin - 1
publisherHeimat und Welt-Verlag Dieck & Co
addressStuttgart
year1924
firstpub1924
printrun19. Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100721
projectid370bc5dd
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VIII.

Das kleine Lever der Königin.

Kaum war der König weggegangen, als die Königin aufstand und an's Fenster trat, um die scharfe, eiskalte Morgenluft einzuathmen.

Der Tag kündigte sich glänzend und voll von jenem Reize an, den der Eintritt des Frühlings gewissen Apriltagen verleiht. Auf den Frost der Nacht folgte die sanfte Wärme einer schon fühlbaren Sonne. Der Wind hatte sich seit dem vorhergehenden Tag von Nord zu Ost gedreht.

Blieb er in dieser Richtung, so war es mit dem Winter, mit diesem furchtbaren Winter von 1784 vorbei.

Schon sah man in der That am rosenfarbigen Horizont den gräulichen Dunst hervortreten, der nichts Anderes ist, als die vor der Sonne fliehende Feuchtigkeit.

In den Garten fiel der Rauhreif allmälig von den Aesten und die kleinen Vögel fingen an, frei auf die schon gebildeten Knospen ihre zarten Klauen zu setzen.

Unter dem Frost gebeugt, wie jene armen Blüthen, von denen Dante spricht, erhob die Aprilblume, der Goldlack, ihr schwärzliches Haupt aus dem Schooße des kaum geschmolzenen Schnees, und unter den Blättern des Veilchens, dichten, harten, breiten Blättern, schoß die längliche Knospe der geheimnißvollen Blüthe ihre elliptischen Kelchblätter, die bei ihr dem Erschließen und dem Wohlgeruch vorangehen.

In den Baumgängen auf den Statuen, an den Gittern glitt das Eis in raschen Diamanten herab; es war noch nicht Wasser, es war aber auch nicht mehr Eis.

Alles verkündigte den geheimen Kampf des Frühlings gegen die aufgehäuften Wirkungen der Kälte; Alles weissagte die nahe bevorstehende Niederlage des Winters.

»Wenn wir das Eis benützen wollen, müssen wir uns, glaube ich, beeilen,« rief die Königin, die Atmosphäre befragend. »Nicht wahr, Frau von Misery,« fügte sie bei, indem sie sich umwandte, »denn der Frühling tritt hervor?«

»Eure Majestät hatte schon lange Lust, eine Partie auf dem Schweizer-Teich zu machen,« erwiderte die erste Kammerfrau.

»Nun denn, wir werden diese Partie noch heute machen! denn morgen wäre es vielleicht zu spät,« sagte die Königin.

»Um welche Stunde soll die Toilette Eurer Majestät statthaben?«

»Sogleich; ich werde leicht frühstücken und dann ausfahren.«

»Sind dieß die einzigen Befehle Eurer Majestät?«

»Man erkundige sich, ob Fräulein von Taverney aufgestanden ist, und sage ihr, ich wünsche sie zu sprechen.«

»Fräulein von Taverney ist schon im Boudoir Eurer Majestät,« erwiderte die Kammerfrau.

»Schon?« fragte die Königin, die besser als irgend Jemand wußte, um welche Zeit sich Andrée niedergelegt hatte.

»O! Madame, sie wartet schon über zwanzig Minuten.«

»Führen Sie sie ein.«

Andrée trat wirklich ein, als der Schlag von neun Uhr im Marmorhof ertönte.

Bereits sorgfältig angekleidet wie jede Frau des Hofes, die nicht das Recht hatte, sich bei der Gebieterin im Negligé zu zeigen, erschien Fräulein von Taverney lächelnd und beinahe unruhig.

Die Königin lächelte auch, was Andrée beruhigte.

»Genug, meine gute Misery,« sprach die Königin, »schicken Sie mir Leonard und meinen Schneider.«

Sie folgte Frau von Misery mit den Augen und sagte, als die Thür hinter ihr geschlossen war:

»Nichts, der König war allerliebst, er hat gelacht und ist entwaffnet worden.«

»Hat er erfahren?«

»Sie begreifen, daß man nicht lügt, wenn man nicht Unrecht hat und Königin von Frankreich ist.«

»Es ist wahr, Madame,« erwiderte Andrée erröthend.

»Und dennoch scheint es, meine liebe Andrée, daß wir ein Unrecht gehabt haben.«

»Ein Unrecht, Madame? ohne Zweifel mehr als eines.«

»Wohl möglich; doch das erste besteht darin, daß wir Frau von La Mothe beklagten; der König kann sie nicht leiden; ich gestehe indessen, daß sie mir gefallen hat.«

»Oh! Eure Majestät ist eine zu gute Richterin, als daß man sich nicht vor Ihren Sprüchen beugen sollte.«

»Hier ist Leonard,« sagte Madame Misery, die nun wieder eintrat.

Die Königin setzte sich vor ihre Toilette von Vermeil, und der berühmte Friseur begann seinen Dienst.

Die Königin hatte die schönsten Haare der Welt, und ihre Eitelkeit bestand darin, daß sie diese Haare bewundern ließ.

Leonard wußte das, und statt rasch zu Werke zu gehen, wie er es bei jeder Frau gethan hätte, ließ er der Königin die Zeit und das Vergnügen, sich selbst zu bewundern.

An diesem Tag war Marie Antoinette zufrieden, freudig sogar; sie strahlte von Schönheit. Von ihrem Spiegel ging sie zu Andrée über, der sie die zärtlichsten Blicke zusandte.

»Sie sind nicht ausgezahlt worden,« sagte die Königin, »Sie, die Freie, Stolze, Sie, vor der sich alle Welt ein wenig fürchtet, weil Sie, wie die göttliche Minerva, zu weise sind.«

»Ich, Madame?« stammelte Andrée.

»Ja, ja, Sie, die unerbittliche Strenge gegen alle leichtfertigen Herrlein des Hofes. Oh! mein Gott! wie glücklich preise ich Sie, daß Sie noch ein Mädchen sind, und besonders, daß Sie sich glücklich fühlen, dieß zu sein.«

Andrée erröthete, suchte zu lächeln und erwiderte:

»Es ist ein Gelübde, das ich gethan habe.«

»Und das Sie halten werden, meine schöne Vestalin?« fragte die Königin.

»Ich hoffe es.«

»Ah!« rief die Königin, »was fällt mir ein...«

»Was, Eure Majestät?«

»Daß Sie, ohne verheirathet zu sein, doch seit gestern einen Herrn haben.«

»Einen Herrn, Madame?«

»Ja, Ihren theuren Bruder. Wie heißt er ... Philipp, glaube ich.«

»Ja, Madame, Philipp.«

»Er ist angekommen?«

»Seit gestern, wie Eure Majestät mir zu sagen die Gnade hatte.«

»Und Sie haben ihn noch nicht gesehen? Wie selbstsüchtig bin ich doch! ich entzog Sie ihm gestern, um Sie nach Paris mitzunehmen. Das ist in der That unverzeihlich.«

»Oh! Madame,« erwiderte Andrée lächelnd, »ich verzeihe Ihnen von ganzem Herzen und Philipp auch.«

»Ist das sicher?« – »Ich stehe dafür.« – »Für Sie?« – »Für mich und für ihn.« – »Wie ist er?« – »Immer schön und gut, Madame.« – »Wie alt ist er nun?« – »Zweiunddreißig Jahre.«

»Armer Philipp! wissen Sie, daß ich ihn nun bald vierzehn Jahre kenne, und daß ich ihn von diesen vierzehn Jahren neun bis zehn nicht gesehen habe?«

»Will Eure Majestät die Gnade haben, ihn zu empfangen, so wird er glücklich sein, Eure Majestät zu versichern, daß die Abwesenheit den Gefühlen ehrfurchtsvoller Ergebenheit, die er für die Königin hegt, keinen Eintrag gethan hat.«

»Kann ich ihn sogleich sehen?«

»In einer Viertelstunde wird er zu den Füßen Eurer Majestät sein, wenn Eure Majestät es erlaubt.«

»Gut! gut! ich erlaube es, ich will es sogar.«

Die Königin vollendete kaum, als ein lebhaftes, rasches, geräuschvolles Wesen auf den Teppich des Ankleidezimmers sprang und ein lachendes, spöttisches Gesicht in demselben Spiegel zeigte, worin Marie Antoinette dem ihrigen zulächelte.

»Mein Bruder Artois,« sagte die Königin, »Sie haben mir in der That bange gemacht.«

»Einen guten Morgen Eurer Majestät,« erwiderte der junge Prinz, »wie hat Eure Majestät die Nacht zugebracht?«

»Sehr schlecht; ich danke, mein Bruder.«

»Und den Morgen?«

»Sehr gut.«

»Das ist die Hauptsache. Ich vermuthete soeben, die Prüfung sei glücklich überstanden worden, denn ich begegnete dem König, der mir köstlich zulächelte. Das ist das Vertrauen.«

Die Königin lachte; der Graf von Artois, der nicht mehr wußte, lachte auch, doch aus einem ganz andern Grund.

»Aber was fällt mir ein!« sagte er, »ich gedankenloser Mensch! Ich habe Fräulein von Taverney nicht einmal befragt, wie sie ihre Zeit angewendet.«

Die Königin schaute in ihren Spiegel, durch dessen Reflexe ihr nichts von dem, was im Zimmer geschah, entging.

Leonard hatte sein Werk beendigt, und von ihrem Frisirmantel von indischem Mousseline befreit, zog die Königin ihr Morgenkleid an.

Die Thüre öffnete sich.

»Ah!« sagte Marie Antoinette zum Grafen von Artois, »wenn Sie sich bei Andrée nach Etwas erkundigen wollen, hier ist sie.«

Andrée trat wirklich in demselben Augenblick ein; sie hielt an ihrer Hand einen schönen Cavalier, braun von Antlitz, mit schwarzen Augen, in denen ein tiefes Gepräge von Adel und Schwermuth unverkennbar, einen kräftigen Soldaten mit verständiger Stirne, einen Mann von ernster Haltung, einem von jenen schönen Portraits ähnlich, wie Coypel und Gainsborough sie gemalt haben.

Philipp von Taverney trug einen dunkelgrauen Rock, fein mit Silber gestickt, doch dieses Grau schien schwarz, dieses Silber schien Eisen zu sein; die weiße Halsbinde, der mattweiße Jabot stachen von der dunkelfarbigen Weste ab und der Puder der Frisur hob die männliche Energie der Gesichtshaut und der Züge hervor.

Philipp trat, eine Hand in der seiner Schwester, die andere um seinen Hut gerundet, vor.

»Eure Majestät,« sprach Andrée, indem sie sich ehrerbietig verneigte, »hier ist mein Bruder.«

Philipp verbeugte sich ernst und langsam.

Als er den Kopf wieder erhob, hatte die Königin noch nicht aufgehört, in ihren Spiegel zu schauen. Sie sah allerdings in ihrem Spiegel Alles eben so gut, als wenn sie Philipp in's Gesicht geschaut hätte.

»Guten Morgen, Herr von Taverney,« sagte die Königin.

Und sie wandte sich um.

Sie war schön in jenem königlichen Glanz, der um ihren Thron her die Freunde des Königthums und die Anbeter des Weibes blendete. Sie hatte die Macht der Schönheit, und, man verzeihe uns diese Umkehrung des Gedankens, sie besaß die Schönheit der Macht.

Als Philipp sie lächeln sah, als er dieses durchsichtige, zugleich stolze und sanfte Auge auf sich geheftet fühlte, da erbleichte er und ließ an seiner ganzen Person die lebhafteste Aufregung gewahr werden.

»Herr von Taverney,« fuhr die Königin fort, »es scheint, Ihren ersten Besuch haben Sie uns gemacht? Meinen Dank hiefür!«

»Eure Majestät hat die Gnade, zu vergessen, daß es an mir ist, zu danken,« erwiderte Philipp.

»Wie viele Jahre sind vergangen, seitdem wir uns nicht mehr gesehen? ach! die schönste Zeit des Lebens.«

»Für mich, ja, Madame; doch nicht für Eure Majestät, für die alle Tage schöne Tage sind.«

»Sie haben also viel Geschmack an America gefunden, Herr von Taverney, daß Sie dort geblieben sind, während alle Welt zurückkehrte?«

»Madame,« erwiderte Philipp, »Herr von Lafayette bedurfte, als er die neue Welt verließ, eines vertrauten Officiers, dem er einen Theil vom Commando der Hilfstruppen übergeben konnte, Herr von Lafayette hat dem zu Folge mich dem General Washington vorgeschlagen, der auch die Güte hatte, mich anzunehmen.«

»Es scheint, es kommen aus der neuen Welt, von der Sie sprechen, viele Helden zu uns zurück,« sprach die Königin.

»Eure Majestät sagt dieß nicht in Beziehung auf mich,« entgegnete Philipp lächelnd.

»Warum nicht?« versetzte die Königin.

Dann sich an den Grafen von Artois wendend:

»Betrachten Sie doch die schöne Miene und das martialische Aussehen des Herrn von Taverney, mein Bruder.«

Als Philipp sich so mit dem Grafen von Artois, den er nicht kannte, in Berührung gebracht sah, machte er einen Schritt gegen ihn und bat den jungen Prinzen durch eine Geberde um Erlaubniß, ihn begrüßen zu dürfen.

Der Graf machte ein Zeichen mit der Hand. Philipp verbeugte sich.

»Ein schöner Officier,« rief der junge Prinz, »ein edler Cavalier, dessen Bekanntschaft zu machen ich mich glücklich schätze. Was sind Ihre Absichten bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich?«

Philipp schaute seine Schwester an.

»Sire,« sagte er, »das Interesse meiner Schwester beherrscht das meinige. Was sie will, daß ich thun soll, werde ich thun.«

»Es ist aber auch noch, wie ich glaube, Herr von Taverney Vater da?« versetzte der Graf von Artois.

»Gleichviel,« unterbrach ihn rasch die Königin, »es ist mir lieber, wenn Andrée unter dem Schutze ihres Bruders und ihr Bruder unter Ihrer Protection steht. Herr Graf, Sie werden sich des Herrn von Taverney annehmen. Nicht wahr, das ist abgemacht?«

Der Graf von Artois machte ein Zeichen der Einwilligung.

»Wissen Sie, daß uns sehr enge Bande vereinigen?« fuhr die Königin fort.

»Sehr enge Bande! Sie ... meine Schwester! Oh! ich bitte, erzählen Sie mir das.«

»Ja, Herr Philipp von Taverney war der erste Franzose, der sich meinen Augen bot, als ich in Frankreich ankam, und ich gelobte mir aufrichtig, das Glück des ersten Franzosen zu machen, den ich treffen würde.«

Philipp fühlte, wie ihm die Röthe zur Stirne stieg; er biß sich auf die Lippen, um unempfindlich zu bleiben.

Andrée schaute ihn an und senkte dann ihren Kopf.

Marie Antoinette erhaschte einen der Blicke, welche Bruder und Schwester mit einander wechselten. Wie hätte sie errathen sollen, was Alles ein solcher Blick an schmerzlich angehäuften Geheimnissen verbarg!

Marie Antoinette wußte Nichts von den Ereignissen, die wir in der ersten Abtheilung dieser Geschichte erzählt haben.

Die Königin schrieb die sichtbare Traurigkeit, die sie wahrnahm, einer andern Ursache zu. Warum sollte Herr von Taverney, während sich so viele Leute im Jahre 1774 in die Dauphine verliebten, nicht auch ein wenig an dieser epidemischen Liebe für die Tochter Maria Theresia's gelitten haben?

Nichts ließ diese Vermuthung als unwahrscheinlich betrachten: nicht einmal die im Spiegel vorgenommene Inspection der Schönheit des Mädchens, das nun Frau und Königin geworden.

Marie Antoinette schrieb daher den Seufzer Philipps einer vertraulichen Mittheilung dieser Art zu, die der Bruder der Schwester gemacht; sie lächelte dem Bruder und liebkoste die Schwester mit ihren freundlichsten Blicken. Sie hatte nicht ganz errathen, sie hatte sich nicht ganz getäuscht; und bei dieser unschuldigen Coketterie, in der Niemand ein Verbrechen sieht, war die Königin stets Weib; sie setzte ihren Ruhm darein, geliebt zu sein. Gewisse Seelen haben dieses Anstreben zur Sympathie von Allem, was sie umgibt. Das sind nicht die am wenigsten edeln Seelen dieser Welt.

Ach! Du arme Königin, es wird ein Augenblick kommen, wo Du dieses Lächeln gegen die Leute, die Dich lieben, das man Dir zum Vorwurf macht, vergebens an die Leute, die Dich nicht mehr lieben, richten wirst!

Der Graf von Artois näherte sich Philipp, während sich die Königin mit Andrée über den Besatz eines Jagdkleides berieth.

»Sagen Sie mir im Ernste,« sprach der Graf von Artois, »ist Herr von Washington wirklich ein großer General?«

»Ein großer Mann, ja, Monseigneur.«

»Und welchen Effect machten die Franzosen dort?«

»Denselben im Guten, den die Engländer im Bösen machten.«

»Einverstanden; Sie sind ein Anhänger der neuen Ideen, mein lieber Herr Philipp von Taverney. Haben Sie aber Eines wohl bedacht?«

»Was, Monseigneur? Ich gestehe, daß ich dort auf dem Rasen der Lager, in den Savannen am Ufer der großen Seen oft Zeit gehabt habe, über viele Dinge nachzudenken.«

»Nun denn! darüber zum Beispiel, daß Sie, indem Sie dort Krieg führten, dieß weder gegen die Indianer, noch gegen die Engländer thaten.«

»Gegen wen denn, Monseigneur?«

»Gegen uns.«

»Oh! Monseigneur, ich werde Sie nicht Lügen strafen; das ist wohl möglich.«

»Sie gestehen...«

»Ich gebe den unglücklichen Gegenschlag eines Ereignisses zu, das die Monarchie gerettet hat.«

»Ja, doch ein Gegenschlag kann tödtlich für diejenigen sein, die vom ursprünglichen Unfall genesen waren.«

»Leider, Monseigneur.«

»Darum halte ich die Siege der Herren Washington und von Lafayette für kein so großes Glück, wie man das behauptet. Das ist Selbstsucht, ich will es nicht in Abrede ziehen, doch glauben Sie mir, es ist nicht Egoismus für mich allein.«

»Oh! Monseigneur.«

»Und wissen Sie, warum ich Sie mit allen meinen Kräften unterstützen werde?«

»Monseigneur, was auch die Ursache sein mag, ich werde Eurer Königlichen Hoheit den innigsten Dank wissen.«

»Mein lieber Herr von Taverney, Sie gehören nicht zu denjenigen, welche die Trompete auf unseren Gassen heroisirt hat. Sie haben Ihren Dienst muthig durchgemacht, Sie haben sich aber nicht unablässig in das Mundstück der Trompete gesteckt, man kennt Sie in Paris nicht, darum liebe ich Sie. Im andern Fall ... Oh! meiner Treue ... Herr von Taverney, im andern Fall ... sehen Sie, ich bin Egoist.«

Hierauf küßte der Prinz der Königin lachend die Hand, grüßte Andrée mit einer freundlichen, viel liebreicheren Miene, als das bei Frauen seine Gewohnheit war, die Thüre öffnete sich und er verschwand.

Die Königin brach nun mit einem gewissen Ungestüm ihr Gespräch mit Andrée ab, wandte sich gegen Philipp um und fragte ihn:

»Haben Sie Ihren Vater gesehen, mein Herr?«

»Ich fand ihn, ehe ich hierher kam, in den Vorzimmern; meine Schwester hatte mich benachrichtigen lassen.«

»Warum haben Sie Ihren Vater nicht zuerst besucht?«

»Ich schickte meinen Kammerdiener und mein geringfügiges Gepäcke zu ihm, Madame; Herr von Taverney schickte mir aber den Burschen mit dem Befehl zurück, mich zuerst zum König oder zu Eurer Majestät zu begeben.«

»Und Sie haben gehorcht?«

»Ich fühlte mich glücklich, zu gehorchen, Madame; ich konnte auf diese Art meine Schwester umarmen.«

»Das Wetter ist herrlich,« rief die Königin mit einer freudigen Bewegung. »Frau von Misery, morgen wird der Schnee geschmolzen sein, ich brauche sogleich einen Schlitten.«

Die erste Kammerfrau ging weg, um den Befehl zu vollziehen.

»Und meine Chocolade hierher,« fügte die Königin bei.

»Eure Majestät wird nicht frühstücken,« rief Frau von Misery; »oh! Eure Majestät hat gestern schon nicht zu Nacht gespeist.«

»Sie täuschen sich, meine liebe Misery, wir haben zu Nacht gespeist. Fragen Sie Fräulein von Taverney.«

»Und zwar sehr gut,« erwiderte Andrée.

»Dessen ungeachtet werde ich meine Chocolade zu mir nehmen,« sagte die Königin. »Geschwind, geschwind, meine gute Misery: diese schöne Sonne lockt mich an. Es werden viele Leute auf dem Schweizer-Teich sein.«

»Gedenkt Eure Majestät Schlittschuh zu laufen?« fragte Philipp.

»Oh! Sie werden über uns spotten, Herr Americaner,« rief die Königin, »Sie, der Sie die ungeheuren Seen durchlaufen haben, auf denen man mehr Meilen macht, als wir hier Schritte machen.«

»Madame,« erwiderte Philipp, »hier hat Eure Majestät ihre Lust an der Kälte und am Weg, dort stirbt man daran.«

»Oh! da kommt meine Chocolade. Andrée, Sie werden eine Tasse nehmen!«

Andrée erröthete vor Vergnügen und verbeugte sich.

»Sie sehen, Herr von Taverney, ich bin immer dieselbe, die Etikette eckelt mich an, wie früher. Erinnern Sie sich der früheren Zeit, Herr Philipp, haben Sie sich verändert?«

»Nein, Madame,« erwiderte er mit kurzem Ton, »nein, ich habe mich nicht verändert, wenigstens nicht, was das Herz betrifft.«

»Wenn Sie dasselbe Herz bewahrt haben, so danken wir Ihnen, da das Herz gut war, auf unsere Weise,« sprach heiter die Königin. »Eine Tasse für Herrn von Taverney, Frau von Misery.«

»Oh! Madame,« rief Philipp ganz verwirrt, »es kann Eurer Majestät nicht Ernst sein; eine solche Ehre einem armen, dunkeln Soldaten, wie ich!«

»Einem alten Freund!« rief die Königin, »so ist es. Dieser Tag macht mir alle Wohlgerüche der Jugend zu Gehirn steigen; dieser Tag findet mich glücklich, frei, stolz und toll ... Dieser Tag erinnert mich an meine ersten Tage in meinem geliebten Trianon, an die muthwilligen Streiche, die wir, Andrée und ich, machten; dieser Tag erinnert mich an meine Rosen, an meine Erdbeeren, an mein Eisenkraut, an die Vögel, die ich in meinen Blumenbeeten zu bespähen suchte. An Alles, bis auf meine lieben Gärtner, deren gute Gesichter immer eine neue Blume, eine schmackhafte Frucht bedeuteten, an Herrn von Jussieu, an das Original Rousseau, der todt ist. Dieser Tag, sage ich Ihnen, dieser Tag macht mich toll. Aber was haben Sie, Andrée? Sie sind roth. Was haben Sie, Herr Philipp? Sie sind bleich?«

Das Gesicht der zwei jungen Leute hatte wirklich diese grausame Erinnerung, in der die unbestimmte Gestalt von Gilbert schwebte, schlecht ausgehalten.

Aber beide riefen bei den letzten Worten der Königin ihren Muth zu Hilfe.

»Entschuldigen Sie mich, Madame, ich habe mir den Gaumen verbrannt,« sagte Andrée,

»Und ich, Madame,« sprach Philipp, »ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß mich Eure Majestät beehrt, wie einen vornehmen Mann.«

»Gut, gut,« unterbrach ihn Marie Antoinette, indem sie selbst Chocolade in die Tasse Philipps goß, »Sie sind ein Soldat, wie Sie gesagt haben, und als solcher an das Feuer gewöhnt; verbrennen Sie sich muthig mit der Chocolade, ich habe nicht Zeit, zu warten.«

Hiebei lachte die Königin. Philipp nahm aber die Sache im Ernst, wie es ein Landmann hätte thun können; nur daß er aus Heldenmuth vollbrachte, was dieser aus Verlegenheit gethan haben würde.

Die Königin verlor ihn nicht aus dem Blick: ihr Gelächter verdoppelte sich.

»Sie haben einen vollkommenen Character,« sagte sie.

Und sie stand auf.

Schon hatten ihr ihre Frauen einen reizenden Hut, einen Hermelinmantel und Handschuhe gegeben.

Die Toilette Andrée's war eben so schnell gemacht.

Philipp nahm seinen Hut unter den Arm und folgte den Damen.

»Herr von Taverney,« sagte die Königin, »Sie dürfen mich nicht verlassen. Ich will heute, aus Politik, einen Americaner confisciren. Gehen Sie zu meiner Rechten, Herr von Taverney.«

Taverney gehorchte; Andrée trat an die Linke der Königin.

Als die Königin die große Treppe hinabging, als die Trommeln den Feldmarsch rasselten, als die Töne der Trompeten der Gardes-du-Corps und das Klirren der Gewehre, die man bereit hielt, vom Winde der Vorhallen getragen, in den Palast hinaufstiegen, da machten dieses königliche Gepränge, diese Ehrfurcht Aller, diese Anbetungen, die dem Herzen der Königin gezollt wurden und unter Wegs Taverney begegneten, da machten, sagen wir; diese Triumphe den zuvor schon verwirrten Kopf Taverney's schwindeln; ein Fieberschweiß perlte auf seiner Stirne; seine Schritte waren unsicher. Ohne den Wirbel der Kälte, der seine Augen und seine Lippen traf, wäre er sicherlich ohnmächtig geworden.

Es war dieß für den jungen Mann nach so vielen traurig im Kummer und in der Verbannung aufgezehrten Tagen eine zu plötzliche Rückkehr zu den Freuden des Stolzes und des Herzens.

Während sich auf dem Wege der von Schönheit strahlenden Königin die Stirnen beugten und die Gewehre präsentirt wurden, blieb ein kleiner Greis, den die Befangenheit die Etikette vergessen ließ, den Kopf vorgestreckt, das Auge auf Taverney und auf die Königin geheftet, unbeweglich, statt seinen Kopf und seine Blicke zu senken.

Sobald die Königin sich entfernte, brach der kleine Greis aus seiner Reihe, mit dem Spalier, das sich um ihn her auflöste, und man sah ihn so hastig laufen, als es ihm seine kleinen, siebenzigjährigen Beine erlaubten.

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