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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Benno ist frühzeitig in der Stadt gewesen. Da er sich innerlich hier losgelöst hat, kann nichts mehr seinen Knabentrotz dämpfen, nichts mehr seinen Abenteurersinn ablenken und seinen Flug hemmen.

Und sein Abenteurerglück führt ihn heute noch zu seinem Mädchen. Vater Huswädel ist fortgegangen, eine Regimentsfeier ist geplant, bei der Besprechung darf er nicht fehlen. Betti sitzt wieder hinter Schloß und Riegel. Wieder klettert Benno auf den Hof. Die Kleine empfängt ihn weniger erschreckt, mit gelockerten Sinnen. Die Härte des Vaters hat den Boden gepflügt.

»Ich will fort – kommst du mit?«

»Wohin?« fragt doch noch ein Stück Vernunft in ihr.

»Das findet sich. Wir segeln. Die Nacht ist hell. Und wir pflücken die Blumen der Nacht!« deklamiert er übermütig und verliebt. Ihr Herz klopft ihm zu. Bald ist sie vollends betört.

Wie hinauskommen? Das Mädel kann nicht über die Mauer klettern. Benno untersucht das Revier und findet einen andern Weg. Währenddes packt Betti ihre Handtasche mit dem Nötigsten. Und schreibt ein paar Zeilen an den Vater. Aus Romanen weiß sie, daß es sich so gehört. Dann flieht sie mit dem Geliebten.

Benno hat das Fenster zum Kohlenkeller eingedrückt, er öffnet es, steigt hinunter und zieht Betti sich nach. Den Schlüssel zur Kellertür haben sie – er hing unter den unverdächtigen am Brett. So kommen sie in die Gewölbe der Anstalt. Sie gehen die Treppe hinauf zum Erdgeschoß, treten in die erste Klasse, deren Fenster aus den Schulhof führen und gleiten mühelos ins Freie.

Als Peter Huswädel abends nach Hause kommt, findet er die Tochter nicht, dafür aber diesen Zettel:

»Lieber Vater, Du meinst es gewiß gut, aber ich halte es nicht mehr aus. Diese Gefangenschaft – nein, was zu viel ist, ist zu viel. Ich gehe übers Wasser. Such' mich nicht und verzeihe mir. Deine Betti.«

Dem Alten sträubt sich das Haar, und Eisnadeln splittern in seinem Blut. Dann stürzt er auf die Straße.

Er findet jemanden, der das Paar vor ein, zwei Stunden gesehen hat. Durch das Marientor sind sie gegangen. Das ist die Richtung nach Seedorf. Er weiß, daß Bennos Mutter dort wohnt und daß der Junge da seine Segelkünste übt.

Ihnen nach! Blindlings stürmt Peter die Chaussee entlang. Er muß sie einholen. Dann, da er sich besinnt, wird es ihm klar, daß sie einen zu großen Vorsprung haben. Nur mit dem Wagen kann er es schaffen. Umkehren – ein Fuhrwerk nehmen – ein neuer großer Zeitverlust – vielleicht, daß er unterwegs einen Wagen trifft – sonst muß er in Marienhof, dem Dorfe auf halbem Wege, einen auftreiben, koste es, was es wolle. Und er hastet weiter. Gedankenlos – ganz hingenommen von der fliehenden Zeit und dem weiten Ziel.

Wieder und wieder steigt das Herz ihm stickend in den Hals – mahnt ihn hauszuhalten mit seinen Kräften. Aber die Zeit peitscht ihn weiter.

Und da vor ihm – fährt wirklich ein Wagen im Schritt. Er ruft – er fliegt – er ist bei ihm. Ein schweres Fuhrwerk vom Gutshof, das Korn in die Stadt geschafft hat. Der Kutscher will ihn mitnehmen, von schnellem Fahren will er nichts wissen. Die Pferde seien müde. Peter Huswädel ist kein großer Menschenkenner – aber wie schärft die Not alle Sinne. Er sieht was von Habgier in dem schrägen Blick des Mannes. Da bietet er ihm Geld.

Wo er denn hinwolle – nach Seedorf – so – ja, aber er fahre nur bis Marienhof.

Ob er nicht noch eine Strecke zulegen könne. – Das könne ihn seine Stellung kosten. – Nun, hier! Das ist für Sie! – Hm, ja – wenn er noch 'n bißchen was draufgebe, wolle er ihn bis Seedorf bringen und auch die Pferde tüchtig 'rannehmen. Sie müßten aber einen Umweg machen um Marienhof herum. Sie sind handelseinig. Peter Huswädel in seinem ganzen langen, ehrlichen Leben hat wahrlich noch nie auch im entferntesten daran gedacht, einen zu bestechen und von seiner Pflicht abzuziehen. Hier ist Peter Huswädel zum erstenmal mit moralischer Blindheit geschlagen. Ihm gelten nur die Zeit und das Ziel.

Der Kutscher führt in schlankem Trab. Seedorf rückt näher und näher. Aber auch diesen Ort meidet er mit seinem schlechten Gewissen. Er biegt zur Seite aus. Peter weiß sich vor Ungeduld nicht zu lassen. Gradaus! befiehlt er. Der Kutscher schüttelt den Kopf, deutet nach dem Wartturm mit dem Peitschenstiel: »Da bring' ich Sie an den Strand.«

Hier auf demselben Weg – ein Einspänner zuckelt gemächlich vor ihnen her – Peter ist aufgesprungen – seine Augen fliegen wild voraus zu dem Fuhrwerk – sie kommen dem Wagen näher – sie holen ihn ein – städtisches Fuhrwerk – ein Herr sitzt darin – langes Haar, großer Künstlerhut – jetzt fahren sie vorbei – fremd ist ihm das plattnäsige Gesicht – zurückscheut er beinahe vor diesen großen seltsamen Augen, die abwesend sind, wie nicht von dieser Welt – an Eulenaugen muß er denken – von böser Vorbedeutung rinnt es ihm über den Rücken – wohin will dieser Mann – zum Wartturm –? – Aber dann verrieseln und ersterben diese Gedanken – auf einen Hügel sind sie jetzt gekommen. Der eine Teil des Strandes ist von hier zu überblicken, um sie die leuchtende Dämmerung des Juniabends, und im Osten steigt der rote Mond aus dem Wasser. Niemand aber ist hier an der See.

Jetzt mahlt sich der Wagen langsam durch den tiefen Sand. »Ich steig' aus,« ruft Peter – und rennt über die Heide, über die Dünen nach dem Seedorfer Strand zu. Der Kutscher blickt ihm nach, aber er zerbricht sich nicht den Kopf. Er hat sein Geld – alles andere ist Blendwerk. Und schmunzelnd fährt er langsam heim.

Peter stolpert durch die Dünenklüfte – nun überblickt er auch die andere Seite des Strandes – und da – sein Herz weitet sich, daß es stockt und starrt – es schwindelt ihm – im Fortstürzen bricht er in die Knie – zwei Gestalten – wollen ein Boot flottmachen – ein weibliches, ein männliches Wesen – das sind sie – ja, das sind sie.

Er muß stehen und sich aufrichten – und diese Gewißheit in sich einatmen – zum Jubeln, zum Rasen, zum Fluchen – diese bitterböse und beglückende Sicherheit. Vereitelt die ruchlose Flucht seines ungeratenen, mißleiteten Kindes. Noch ein paar Schritte, und er kann die Hand auf sie legen –

Die beiden hantieren noch an dem Boot und sehen ihn nicht. Er geht jetzt langsam, feierlich beinahe, wie das Verhängnis schreitet; von der Düne herab auf sie zu. Hinter ihm, blutig und schicksalsdüster, glutet der volle Mond.

So sieht ihn Betti zuerst. Das Entsetzen würgt ihr den Schrei in die Kehle zurück. »Ei verflucht!« murmelt Benno, da er jetzt aufblickt. Auch er hat seinen Schreck abbekommen, aber die Ruhe verläßt ihn nicht.

Und nun steht der Alte vor ihnen. Peter Huswädel ist jetzt wie von Stein. Er ist durchaus Herr der Lage und Herr auch des Wortes. »Du hast mir,« so spricht er zu seiner Tochter, »schriftlich lebewohl gesagt – ich bin doch mehr fürs mündliche Verfahren.«

Schriftlich lebewohl gesagt – in Benno sprudelt es auf – natürlich – immer die geschwätzige weibliche Gefühlsdalberei – die hat ihn auf die Spur geführt –

Der Vater hat ihr Handgelenk gepackt. Und jetzt kriegt Benno seinen Teil. »Ihnen aber, Musjöh –« Musjöh sagt er, ist dies nun mehr oder weniger als der ›Herr Obertertianer‹? – »werden wir jetzt doch auch einen Riegel vorschieben. Sie werden mich zunächst einmal zu Ihrer Frau Mutter begleiten.«

»Ach nee,« sagt Benno, mit betonter Lässigkeit, »ich möchte Sie nicht weiter bemühen.«

Er will sich wieder an sein Boot machen. Peter, an dessen Schädelwände es brandet, tritt ihm entgegen. »Wir werden doch sehen, ob es keine Zucht mehr für dich gibt!«

Er wählt das Du mit Bedacht und verschärft damit weidlich die Lage.

»Herr Huswädel als Erzieher?« Aus Bennos Erregung blüht jetzt seine ganze Unverschämtheit auf, die in milde Herabsetzung sich kleidet. »So was tun Sie lieber nicht. Und jetzt gehen Sie mir bitte aus dem Weg, und erlauben Sie, daß ich nebenbei über Ihre Zucht mich amüsiere.«

Nun stürmt all das, was der Junge ihm angetan hat, verheerend über Peter Huswädel herein. Jetzt ist es vorbei! Er stößt das Gelenk seiner Tochter von sich, packt den Handstock, reißt den Jungen sich übers Knie und schlägt auf ihn los. Ein paarmal, aber gründlich. »So! Das ist meine Zucht, und nun amüsier' dich darüber.«

Betti hat schluchzend das Gesicht in die Hände vergraben. Düster und schwer leuchtet der Mond. Der alte Philosoph hat oft genug schmunzelnd der Handhabung dieser ur-uralten Erziehungsmethode zugeschaut. Aber hier lächelt er nicht. Er behält sein todernstes Gesicht.

Bewegungslos liegt Benno im Sande. Auf dem Gesicht liegt er. Die Hände sind in den Boden gekrallt. Peter geht mit Betti, die seine Pranke wieder an ihn fesselt, die Düne hinauf. Hinein in das blutige Mondlicht. Leblos liegt Benno. Die Schmach – die Schmach hat ihn geschlagen. Sein Leben ist hin. Er fällt und fällt durch ungeheure Räume. Versinkt und ertrinkt in der unendlichen Tiefe –

Und wieder dieselbe tödliche Schande reißt ihn zurück und wirbelt ihn empor. Und schlägt mit Wahnsinn sein Hirn.

Ein großer Sturm tost mit ihm in die Höhe – durch Nachtschwärze fliegt er – seine Glieder erfrieren – sein Blut wird Eis – blind ist sein Auge – nichts als grausende, bösartige Finsternis –

Und jetzt – ein dumpfer, trauriger Purpurschimmer, in dem schwarze Ringe kreisen – und ein matter, schwerer Blutschein – warm ist der Schein – er löst ihn aus der Starrheit – heller wird es und wärmer –

Und es zucken seine Glieder, und es hebt sich sein Kopf. Und er trinkt die Luft des Lebens. Jetzt überstürzen sich seine Pulse, sein Atem, und Wellen brausen zu seinem Herzen – er springt auf die zitternden Füße. Da oben – auf der Höhe der Düne – die dunkle Gestalt! Blutschein ist um sie gewoben. Voll Blut ist die Luft – in seinem Auge – in seinem Hirn – in seinem Herzen – Blut – Blut –

Der Junge stürzt an sein Boot – reißt den Kasten auf – fliegt die Düne empor den beiden nach – keucht hinter dem Manne her. »Hund – du Hund!« Und da der Mann sich wendet, hebt er die Pistole und schießt ihn durch die Brust.

Peter bricht zusammen, Betti kreischt in die Nacht.

Benno schreitet langsam, wie schwebend, die Dünen wieder hinab, zu seinem Boot.

In einer Traumwelt ist er, leicht und erlöst. Ein Schweben ist all sein Tun.

Das Boot ist fertig zur Fahrt. Er kommt jetzt allein mit ihm zustande. Gut ist der Wind. Und er fährt hinaus in die helle Nacht. Anders, als er gedacht hat. Aber er denkt nicht, er schwebt.

Der Mond hat sich zu lichter Höhe aufgetan. Aber seine Miene bleibt schwer und gramvoll.

 

Am andern Morgen, zu Schulbeginn, stauten sich vor dem Gymnasium die Schülermassen, fluteten an und wieder zurück, wogten durcheinander, bewegt und erregt, ein kochendes Meer.

Die Eingangstüren der Anstalt waren verschlossen, das Hauptportal so gut wie die Seitenpforten.

Was bedeutete das? War dies auch ein Kennzeichen der neuen Zeit? »Gehen wir wieder nach Hause!« war der fröhliche Ruf, der lautstimmig aus dem summenden Geschwätz aufspritzte, der von Mund zu Mund weitergegeben ward. Und behende Aufwiegler waren bereit, eine allgemeine » secessio in montem sacrum« der Schulfreiheit herbeizuführen. Die ernstesten der Schüler, nachdem sie der Anstellung durch den allgemeinen Übermut Herr geworden, die Bernhard, Dibrand, Oswolt gingen alsbald der Frage nach, ob dem Schuldiener, der seines Amtes nicht waltete, etwas geschehen wäre, und wandten sich zu dem efeuberankten Spitzbogen, der die Eingangstür seiner Dienstwohnung umrahmte. Auch sie war verschlossen. Selbst bei der furchtbaren Erregung, die Peter Huswädel aus dem Hause jagte, hatte sein Ordnungssinn mechanisch gewaltet.

Allmählich stellten auch die Lehrer sich ein – ihr Erstaunen verlangsamte oder beschleunigte die Schritte, je nach der Gemütsart.

Als erster war Professor Schruff zur Stelle, und er wetterte ganz ungeniert seinen Unmut von sich. »Wat is denn hier los? Neuer Lehrgang unter dem neuen Regime? Unterricht im Türenaufbrechen und Indiefenstersteigen?«

Was sich hier begab, der Auflauf der Schüler vor der Schule, bewegte natürlich auch lebhaft die Gemüter der Unbeteiligten, die vorübergingen oder aus ihren Fenstern dem Schauspiele zusahen. An bitterbösen Urteilen über die neue Leitung, so sehr die Bürgerschaft bearbeitet war, das Heil von ihr zu erwarten, fehlte es nicht.

Schon aber war der neue Direktor, den das Gerücht erreicht hatte, an Ort und Stelle. Seine Anordnungen hatten Hand und Fuß. Ein Schlosser wurde herbeigeholt, der mußte ihm die Wohnung des Schuldieners öffnen. Er fand sie leer, gewahrte am Riegel das große Schlüsselbund und öffnete nun von innen eigenhändig die Tore und Türen der Anstalt. In munterer Bewegung fluteten die Schüler herein und begaben sich höchlich angeregt in ihre Klassen. Und die Stimmung mündete ungezwungen in den reichlich zwanglosen Unterricht, dem Gleichgültigkeit und Trägheit, aber auch Gehorsam gegen die neuen Forderungen und eigener Forschungstrieb und Experimentierlust der Lehrenden den Weg zu ebnen anfingen.

Falkner indes nahm eine Durchsuchung der Schuldienerwohnung vor, um sich, ehe er die Behörde heranzog, Aufklärung über den Verbleib Huswädels zu verschaffen. Der Zettel Bettis fiel ihm in die Hände und gab Aufschluß. Der Vater war also hinter seinem Kinde her. Vermutlich aber war ihm etwas zugestoßen, sonst würde er bei seiner sprichwörtlichen Pflichttreue nicht den Dienst versäumt oder doch Nachricht gegeben haben.

Inzwischen kam eine Meldung aus Seedorf, die Gewißheit brachte. Ein Fischer, der in der Stadt zu tun hatte, erstattete sie in seiner gemächlichen und schwerfälligen Art. Auf Veranlassung von Joachims Bruder Andreas hatte er sich eingefunden. Nun erzählte er, was er wußte.

Der Schuldiener Huswädel läge durch die Brust geschossen in einem Seedorfer Fischerhaus. Es ginge wohl auf Leben und Tod. Der Täter wäre ein Schüler der Anstalt, Treutlien. Er hätte auf eigenem Boot gleich nach der Bluttat sich fortgemacht. Erst später hätte man das erfahren, der Niedergeschossene wäre besinnungslos gewesen, aus seiner Tochter hätte die ersten Stunden niemand ein vernünftiges Wort herausbringen können. Andreas Braß hätte sich dann sofort mit seinem Schnellsegler auf die Suche nach dem Übeltäler gemacht, aber keine Spur mehr von ihm gefunden.

Falkner war in lebhafte Schwingung geraten. Aber nicht, daß es Benno war und Frau Evas Sohn, bewegte ihn so, der »Schüler der Anstalt« war ihm das wesentliche. Eine Sensation. Sensationen sind dazu da, sie zu nutzen.

Das Geschehene reimte er sich schnell zusammen. Natürlich war der Vater, seiner ganzen inneren und äußeren Bauart gemäß, handgreiflich geworden – der Schuß war die Antwort, die Rache.

Die Handgreiflichkeit – das alte System. Hierum drehte es sich, und er selbst würde schon der Drehung richtig nachhelfen. Der alte Geist war verantwortlich zu machen. Ob es sich gleich nur um den Schuldiener handelte. Auch in ihm verkörperte sich das Unheil der »Strafanstalt«.

Und des Jungen Zügellosigkeit – auch sie eine Frucht der alten Erziehungsweise. Die nur den Zwang kennt, durch den Zwang das Vertrauen tötet und durch ihre Zucht nur Auswüchse züchtet.

O, er würde der Welt schon ein Licht aufstecken!

Sehr beklagenswert war ja der Fall. Gewiß würden seine Feinde den gegen ihn ausnützen wollen, aber wie elend würden sie gerade damit scheitern. Noch hatte sein Walten nicht begonnen, kaum hatte man seines Geistes einen Hauch verspürt. Wenn dieses Unglück schon geschehen mußte – gut, daß es dem Anfang seiner Tätigkeit als dunkle Folie diente. Seiner Sache konnte kaum etwas Eindringlicheres an Propaganda zuteil werden. Und persönliche Empfindungen hatten dagegen zu schweigen.

Eine Sensation! Sensationen sind zum Ausgenutztwerden da.

Dies war es, was in Falkner herumwirkte. Der Seedorfer Fischersmann fragte treuherzig nach Joachim Braß, dem er auch diese Mitteilungen machen und außerdem noch etwas von seinem Bruder Andreas ausrichten sollte. Es erwies sich, daß Joachim in der Schule war, im Konferenzzimmer. Nach der ersten Pause hatte er eine Unterrichtsstunde. Falkner ging mit dem Boten hinüber.

»Es ist etwas sehr Ernstes geschehen – ich spreche gleich mit Ihnen darüber,« bemerkte er zu Joachim, und ging dann mit schwerer Miene. Der erste Schreck mochte hier erst einmal mit sich selber fertig werden.

Der Schuldiener fehlte überall. Es bleibt nun mal dabei, die unterste Stufe ist die unentbehrlichste. Sehr aber kam dem Herrn Direktor seine flotte Art zustatten, die in allen Sätteln sich gerecht fühlte und zuzugreifen liebte, wo Not am Mann war – am liebsten freilich da, wo es am meisten bemerkt wurde. Er konnte es sich leisten, herabzusteigen, er blieb darum doch, wer er war – und so war er es, der an Huswädels Statt zur ersten Pause die Glocke zog.

Man beachtete es wohl. Und das: »Er ist doch einer!« beherrschte die Meinung, auch der Widerstrebenden.

Joachim war von dem, was er vernahm, aufs tiefste getroffen. Und gleich wurden die Zusammenhänge machtvoll und lebendig – die Ursache, die Schuld. Der unglückselige Junge! Kaum ist er auf die andere Bahn geleitet – da wird er schon wieder hinausgeschleudert in Unheil und Untat. Gerade jetzt in den Anfängen hätte Freundeshand und Freundesherz ihn halten müssen, selber fest und stark und rein und unbeirrt. Aber da dieses Herz von eigener Leidenschaft zerwühlt war, da die Flammen über dem Freund zusammenschlugen und der Junge selbst in den Flammentanz, in den Taumel blickte, brach seine irregeleitete Phantasie mit ihm aus. Die alte Zügellosigkeit warf ihn – bis zur Bluttat, zum Totschlag riß es ihn fort. Der unglückselige Junge! Und Eva, seine Eva, die arme, arme! Die Zärtlichkeit überwältigte ihn. Jetzt zu ihr fliegen!

Aber die Arbeit ist da. Und gleich sind Rauheit und Härte wieder obenauf.

Dann kommt Falkner zurück und lädt Joachim, nachdem der Fischer gegangen ist, in sein Arbeitszimmer.

»Ich hab' absichtlich auch Sie den unmittelbaren Bericht entgegennehmen lassen,« spricht er gewinnend. In dem Ernst des Tones ist gehaltene Bewegung. »Die Sache berührt ja auch Sie sehr stark – nicht bloß persönlich, auch amtlich. Da der – ich kann nur sagen, beklagenswerte – Junge Schüler Ihrer Klasse ist. Und jetzt möchte ich Sie bitten, da ich hier heute nicht fort kann – ich muß nun mal, wohl oder übel, einen Teil der Schuldienerpflichten mit übernehmen« – dazu lächelt er jung, und es steht ihm gut – dann aber wieder sehr ernst – »ich möchte Sie ersuchen, in dieser Angelegenheit mich freundlichst offiziell vertreten zu wollen. Zunächst einmal am Ort die nötigen Erhebungen anzustellen. Die zuständige Polizeibehörde ist, wie ich höre, schon von dem Gemeindevorstand benachrichtigt worden. Erledigen Sie, bitte, was von Schulwegen zu tun ist. Und dann führt Sie Ihr Weg naturgemäß auch zu der nicht weniger bedauernswerten Mutter. Der ich Sie auch meine innige Teilnahme an diesem – Schicksalsschlag muß man es nennen, auszusprechen bitte.«

»Dann werde ich mich also in einer Stunde auf den Weg machen.«

»Sie haben zu unterrichten?«

»Ja.«

»So werde ich Sie in der Klasse vertreten. Dieses Geschäft verträgt keinen Aufschub. Ich lasse sofort einen Wagen holen.«

Falkner schlug wieder einmal zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstlich fand er durchaus keinen Geschmack an Polizeisachen, und mit dem ›Blutbann‹ hatte er nun ganz und gar nichts im Sinn; zugleich war dann hier noch die ›Gemütskiste‹ bei der Mutter aufzumachen, was er gleichfalls gern einem andern überließ. Zweitens aber: dieser andere, Joachim Braß, war sein gefährlichster Widersacher. Er hatte von der ersten Mensur mit ihm gerade genug. Wie aber stellt man solche Feinde am besten kalt? Freundschaftlich. Man zieht sie zu sich herüber. Man gibt ihnen eine Vertrauensstellung. Gewiß, Fortinbras ist schwieriger als die meisten. Aber dafür darf er, Adalbert Falkner, sich auch für geschickter halten als den Durchschnitt. Und nun ist hier noch ein Besonderes dabei, das ihm als Großmut ausgelegt werden wird, gerade von einer Natur wie Joachim Braß. Er tritt ihm das Trösteramt bei Frau Eva ab. Daß ihm selber daran nichts liegt, daß er auch so mit Frau von Treutlien sich versteht und wie sie beide sich verstehen, davon ahnt er natürlich nichts – geht ihn auch nichts an. Aber Braß selbst ist für Eva entflammt. Mehr als einmal hat er von ihm den verstohlenen Blick des Nebenbuhlers aufgefangen. Also: wie hoch wird der es ihm anrechnen, daß er jetzt so edelmütig verzichtet!

 

Joachim war nach Seedorf unterwegs, auf demselben Wagen, der gestern abend Bogumil dahingefahren hatte.

Der Kutscher, ein behäbiger alter Knabe, erzählte sich gern etwas. Aber Joachim wies zuerst schroff jede Annäherung zurück. Er wollte mit seinen Gedanken allein sein, wollte, wollte ihre Qual, wollte mit ihnen kämpfen und sie niederzwingen. Aber sie waren wie die Hydra – doppelt wuchs nach, was er eben überwunden hatte.

Es ging ihm nun doch ans Mark, er durfte sich nicht so zergrübeln und zermürben. Er brauchte sich heute, brauchte seine ganze Kraft. So nahm er selbst die Unterhaltung wieder auf.

Der Alte sprach davon, daß ein Enkel von ihm das Jürgen-Gymnasium besuchte. Ja, so wär' das nun – er selber hätte kaum seinen Namen schreiben gelernt, und sein Enkel spräche schon alle Sprachen der Welt – das wär' ein Kerl, der hätte sich sogar beim Turmbau zu Babel nicht dumm machen lassen! Und was das Schnurrige wäre, er, der Alte, der ganz Ungebildete und der Junge mit seiner hohen Schulbildung, die verstünden sich ganz famos. Sein Sohn, der Vater von dem Jungen, wäre dazwischen so gut wie ausgeschaltet, obwohl der doch auch was gelernt hätte und doch immer der Vater wäre. Der wollte nichts andres, als seinen Jungen ganz in das blutrote Fahrwasser hineinziehen. Aber der Junge hielte stramm seinen Kurs.

Joachim bestätigte ihm, daß man oft diese Erfahrung machte. Wie die revolutionären Ideen schon in der nächsten Generation sich nicht mehr weiter entwickeln wollten; daß diese vielmehr an das Geschlecht der Alten anknüpfte. Der natürliche Kreislauf.

Dann hatten die Seelen eine Weile Ruh'. Die Augen gingen über die Breiten hin. Gut stand das Korn. Auf ein Haferfeld deutete der Kutscher mit der Peitsche und bemerkte, daß er sich schon gestern daran gefreut hätte. Schmunzelnd fügte er hinzu, sein Fahrgast gestern hätte den Hafer für Weizen gehalten, und er hätte ihm schon einreden wollen, daß es Zuckerrüben wären. Aber der Mann könnte wohl nicht dafür, er wär' 'n Klavierspieler. Er hätte ihn schon öfter nach dem alten Turm gefahren.

Joachim flog in die Höhe. Potschinak – wer sonst!

»Gestern abend, sagen Sie?«

»Ja.« Er merkte, daß den Herrn diese Begebenheit lebhaft berührte. Und so gab er bereitwillig noch eine Neuigkeit hinzu. »Ich hab' ihn dann gleich wieder nach der Stadt fahren müssen. Mit der Dame vom Turm. Zu dem Berliner Nachtzug.«

»Was?« Joachim riß an der Lehne des Kutschbocks, daß der Lenker fast vom Sitze fiel. »Mit der Dame vom Turm? Mit welcher Dame vom Turm? Kennen Sie sie?«

»Mit der jungen gnädigen Frau, die da wohnt. Die Herrschaften sind dann beide in den Zug gestiegen.«

Er wollte sich entschieden, arglos wie er war, durch reichliche Auskunft für die in Fluß gekommene Unterhaltung erkenntlich zeigen.

Mit der war es nun allerdings vorbei. Joachim, vergraben in sich selbst, sprach kein Wort mehr. Der Kutscher, der allmählich begriff, daß er mit seiner Neuigkeit etwas angerichtet hatte, störte ihn nicht.

Eva, daß sie es gewesen, daran gab es kaum einen Zweifel. Mit Potschinak fährt sie – und gestern nacht – steht diese Fahrt mit der Bluttat des Jungen in Zusammenhang? Aber der Junge ist zu Wasser fort – und sie fährt nach Berlin? Oder wußte sie noch nichts von Bennos Tat? Und fährt mit Potschinak nach Berlin –! –

Schon ragte der Turm vor ihnen. Der alte Freund hätte ihm heute nichts zu sagen. Leblos stand er und starr.

»Ich steige hier ab,« beschied Joachim den Fuhrmann, gab ihm mit einem Trinkgeld die Hand und schritt dann schnell durch den Torweg.

Der Alte zerbrach sich nicht weiter den Kopf. Was hatte er in seinem langen Leben schon für Menschenschicksale gefahren. Leichenwagen und Hochzeitskutschen, Liebespaare und Selbstmörder, Sterbende zum Spital, Duellanten und flüchtige Defraudanten. Aus eine Weibergeschichte mehr oder weniger kam es ihm wirklich nicht an.

Dem klingelnden Joachim öffnete die Hausdame Frau von Lehnhof.

»Guten Tag. Ich höre, Frau von Treutlien ist verreist?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was Benno gemacht hat?«

»Benno – nein!«

»Weiß die Mutter davon?«

»So wenig wie ich. Sonst hätte Frau von Treutlien doch mit mir darüber gesprochen. Sie hat sich sehr schnell entschlossen, nach Berlin zu reisen. Schnelle Entschlüsse sind ja bei Frau von Treutlien nichts Ungewohntes –«

Er litt unter dieser gut oder böse gemeinten Äußerung hausdamenhafter Seelenkunde. »Auf wie lange ist die gnädige Frau gefahren?« fragte er schroff.

»Das ist unbestimmt. Die Reisen der Frau von Treutlien sind immer von unbestimmter Dauer.«

»Hat die gnädige Frau nichts für mich hinterlassen?«

»Nein, Herr Professor.«

»Ich danke Ihnen.« Er wandte ihr den Rücken und stürzte die Treppe hinunter.

»Lebensart!« hauchte sie unhörbar hinter ihm her.

Gestern – und heute – so zerriß es Joachims Gemüt. Gestern schlingt unser Leben sich zusammen – und heute finde ich sie nicht mehr – ich weiß nichts von ihr – sie ist fort und läßt mich nichts wissen, nichts von dem Warum und dem Wohin –

Wie unfaßlich ist dies! Sollte hier nicht doch ein Zusammenhang mit Bennos Geschick obwalten? Zu gleicher Zeit verlassen die beiden Seedorf – ein zufälliges Zusammentreffen – Zufall, was ist Zufall – ein Geheimnisvolles ist hier am Werk!

Nur dieser Herr Potschinak als der ganz ungereimte Dritte – der ein neues Rätsel aufgibt! – Nicht sich weiter das Hirn zermartern! Nicht den Verstand verlieren!

Joachim steht vor seinem Bruder Andreas – er weiß nicht, wie er zu ihm gekommen ist. Als der ihm sagt, daß Huswädel in dem Fischerhaus nebenan liege, erwacht er aus seinem Traum. Und jetzt ist er wieder ganz Herr seiner selbst.

Er geht hinüber und spricht ruhig mit dem Herbergsvater des Niedergeschossenen. Läßt sich von dem berichten, was der Arzt gesagt hat, der vor einer Stunde gegangen ist. Die Lunge durchbohrt, wichtige Blutgefäße nicht zerrissen, größte Schonung und sorgsame Pflege vonnöten, der Ausgang zweifelhaft.

Betti kam aus dem Krankenzimmer. Sie hatte aus dem Entsetzen und der Verzweiflung, aus Schmerz und Reue und Sorge als eine Erwachsene sich wiedergefunden. Die Pflege des Verwundeten lag bei ihr in guter Hand. Sie gab verständig Auskunft über sein Befinden. Daß er seit einer Stunde in festem Schlaf liege.

»Ich glaube, das dürfen wir als gutes Zeichen betrachten,« sagte Joachim. »Dann gehe ich natürlich nicht zu Ihrem Vater hinein. Aber Sie selbst möchte ich noch einen Augenblick sprechen.«

Er hatte pflichtgemäß nach Bennos Verbleib zu forschen. Vielleicht – und das blieb sein Hauptgedanke – ergaben sich so auch Anhaltspunkte für Evas Abreise. Deren Geheimnis er nicht mehr ertrug. Er mußte des Dunkels Herr werden.

»Ich muß Sie bitten, mir ganz offen zu sagen, was Benno über Ihr gemeinschaftliches Reiseziel mit Ihnen gesprochen hat.«

»Von einem bestimmten Ziel hat er mir nie etwas gesagt. Er redete nur davon, daß wir hinaus in die Welt wollten, hinaus« – sie zögerte etwas – »in die helle Nacht.«

Damit hatte sie ehrlich und wahrhaftig alles gestanden, was ihr bekannt war. Joachim schüttelte den Kopf. »Ihr lieben, armen, dummen, jungen Menschen!«

Sein Weg führte ihn zu Andreas zurück. Sollte er noch hier bleiben, sollte er nach Hause? Nach Hause? Wie heimatlos flatterte er umher. Und um ihn war Dämmerung. Er war im Verdursten nach Klarheit.

Andreas hielt ihn fest. Die Fischereigenossenschaft wollte einen zweiten Dampfer kaufen. Er sollte sich doch einmal die Veranschlagungen und Bedingungen ansehen.

Erschreckt fuhr Joachim zurück. Dann aber, auf den wiederholten dringenden Wunsch, vertiefte er sich in das Geschäftliche, ernsthaft nach seiner Art. Und nun geschah es ihm, daß er vergaß, was ihn quälte, daß seine Not von ihm abfiel. So saß er mit dem Bruder, rechnete und überlegte. Der größte Teil des Nachmittags verging.

Plötzlich wieder peitschte es ihn auf. Wie ein Irrlicht flackerte es in ihm: ist all das Geschehene nicht ein Traum? Sie ist in ihrem Hause! Sie war ja gar nicht fort. Oder war sie's, war sie nicht weit! Sie ist wieder da.

Schnell nimmt er Abschied von Andreas. Wieder zum Wartturm geht es. Der sieht nicht anders aus als heute morgen, der spricht nicht mehr mit ihm.

Und nun überlegt Joachim bei ruhigem Verstand. Vielleicht ist nach all den Stunden jetzt eine Nachricht von Eva gekommen – irgend-, irgendeine. An Frau von Lehnhof – oder auch an ihn selbst. Oder die Hausdame hat doch noch etwas gefunden, was Eva hinterlassen hat – für ihn.

Wieder klingelt er. Wieder öffnet ihm Frau von Lehnhof mit demselben vergilbten, zerknitterten, unterwürfig-hochmütigen Gesicht. Joachim ist nicht so kurz angebunden und höflicher im Ton. Sie verhandeln nicht mehr zwischen Tür und Angel. Die Dame bittet ihn näherzutreten. Im Wohnraum nehmen sie Platz. Hier ist weniger von Evas Art als in ihrem Musikzimmer, aber immer noch genug. Überwältigend viel von ihrem Walten, ihrem Hausen, von der Luft, die sie umgab, strömt auf ihn ein. Die Hausdame fragt, was denn mit Benno sei.

»Habe ich Ihnen das nicht gesagt? Er hat hier in den Dünen unsern Schuldiener über den Haufen geschossen.«

»Grundgütiger Gott!« Erschüttert sinkt sie in sich zusammen. Dann, als sie die Sprache wieder hat: »Nein, davon hat die Mutter nichts gewußt! Ganz gewiß nicht. Sie hat sich mit einem Scherz von mir verabschiedet.«

Das ist ein Wort, das neue Gedanken ruft. Dann ist sie nicht weit, dann ist sie bald wieder da, dann ist sie schon wieder nach Hause unterwegs. Nur auf ein paar Besorgungen ist sie aus – wie es so die Art der Frauen ist. Sie macht kein großes Wesen davon. Darum hat sie auch nichts Besonderes hinterlassen.

Aber zur Sicherheit fragte er noch einmal, ob sich nicht doch noch für ihn eine Nachricht gefunden habe. Die Antwort lautet »nein«, wie sie zu erwarten war. Trotzdem legt sich ihm das wieder aufs Gemüt. Und düster nimmt er Abschied.

Nun bedauert er seine Gedankenlosigkeit, daß er den Wagen heimgeschickt hat. Wie zieht es ihn jetzt heimwärts! Vielleicht sind auf dem Gymnasium diese oder jene Mitteilungen eingelaufen.

Zu Fuß geht es also in die Stadt zurück, den wohlbekannten Weg. Der wie ein guter Kamerad ist, soviel hat er mit erlebt. Was an Gedanken und Empfindungen hat er tragen helfen!

Heut nichts mehr von Gedanken – von Empfindungen nichts mehr. Genug davon hat dieser Tag in Bewegung gesetzt. Nun heißt es Ruhe halten. Nun gilt das dumpfe Schreiten. Wie er es als Soldat von den großen Feldmärschen gewohnt ist. Was einen erregt, sinkt langsam in sich zusammen, was einen beschäftigt, wird blasser und erlischt, die Sinne fallen in Schlummer. Ein Schlafwandler taumelt fort, ohne Wissen, ohne Fühlen. Er wacht erst wieder auf, als das Stadtbild ihm die Abendsonne verdeckt, die hinter den Häusern sich zur Ruhe begibt. Und wie seine Feindin wirft sich die Wirklichkeit auf ihn. Er hat an sich zu tragen, da er die Treppen zu seiner Wohnung hinaufsteigt. Seine Haushälterin ist nicht da – schade – er sehnt sich fast nach Gleichgültigkeiten und Trivialitäten.

In seinem Zimmer will er müde aus das Ruhebett sich werfen – da – auf dem Schreibtisch ein Brief – er stürzt auf ihn zu – es ist Evas Hand, die nervöse, unruhige, springende Steilheit –

Und er liest:

»Lieber Joachim,

ehrlich – Sie wissen, ich halte nicht hinterm Berge: ich bin vor Ihnen geflohen. Oder auch so: ich habe Sie von mir befreit. Deshalb, weil Sie kein Glück an mir gefunden hätten. Das heißt, ich will nicht die Opfermütige spielen. Auch Sie hätten mir kein Glück gebracht. Forderungen, die man nicht erfüllen kann, ängstigen. Ja, ich hatte Angst vor Ihrer Welt mit ihren absoluten Begriffen und Gesetzen von Stetigkeit und Einheit und Einigkeit und Ewigkeit. Ich, die ich nun einmal in der Niederung des Relativen und des Wechselnden zu Hause bin. Die Höhe oder die Fähigkeit zur Höhe, die Sie mir andichten, fehlt mir durchaus. Nur Verstellung würde sie bei mir sein. Sie sehen, wohin man blickt: das Beschämende, das Ängstigende.

Ich habe nie an Freundschaft zwischen Mann und Weib geglaubt. Vielleicht wären Sie der Mann gewesen, mir hier neues Land zu zeigen. Dann aber – geschah nicht auch uns, was, wie ich nun einmal meine, immer kommt und immer kommen muß? Die Bahn aber, die Sie mich nun führen wollten, konnte ich nicht mit Ihnen gehen.

Was ich in meiner Ehe durchlebt habe, hat mir gezeigt, daß ich, wie ich bin, nicht heiraten darf, will mich nicht versündigen an mir, so gut, wie an dem, der mich erwählt.

Sie sind der Bessere, darum, weil Sie der Stärkere sind. Als der Stärkere aber werden Sie Worte der Empfindsamkeit ablehnen – auch schon deshalb, weil sie so leicht sich tröstend gebärden. Ganz abgesehen davon, daß sie in Abschiedsbriefen immer ins Herkömmliche entgleiten, was gewiß nicht in unserm Sinne ist. Aber danken darf und muß ich Ihnen, lieber Freund, denn Sie haben mich reich beschenkt aus Ihres Wesens Fülle.

Und wenn ich Ihnen eine Bitte ans Herz legen darf: nehmen Sie Bennos sich an.

Sie sollen von mir selber hören, daß ich Herrn Potschinak auf seiner Konzertreise durch Holland begleite.

Leben Sie wohl!
Ihre Eva Treutlien.«

Und Joachim saß die halbe Nacht und las den Brief immer und immer wieder. Und bohrte sich ein in jedes Wort bis auf den tiefsten Grund, und wand sich in Schmerz und lachte in Hohn und schmähte in Zorn und ward wieder andächtig vor solcher Wahrhaftigkeit. Dann reckte er sich, und es war ihm, als spränge ein schwerer Reif klingend in ihm entzwei. Wie erlöst atmete er und lachte nicht mehr so wild und so bitter, da er durchs Haar sich fuhr: »Ich grasgrüner Narr!«

Und danach fiel er in todtiefen Schlaf.

* * *

 

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