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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Nachdem der Schuldiener zur Zwischenpause geläutet hatte, begab sich Benno gelassenen Schrittes und Gemüts in Huswädels ihm wohlbekannte Wohnung.

Ein herzensguter Kerl war Peter Huswädel. Die Jungen fühlten das und mochten ihn gern. Mit einer Art zärtlicher Scheu hängten die Kleinen, die noch eine Respektsperson in ihm sahen, sich an seine Rockschöße. Und auch mit den Größeren hatte er seine Fühlung.

Aber die Sorte Benno war ganz und gar nicht nach seinem Sinn. Und für das, was der Junge ihm antat, ballte sich ihm die Faust. In gepanzerter Haltung empfing er den Schuldigen.

Benno hatte sein Gewissen hübsch glatt frisiert. Seine Gedanken waren in den letzten Tagen ganz bei der Ringkunst. Die Ringschule in der Reihe war gegründet. Er hatte einen gewesenen Professional aufgetrieben, dessen Herz nicht mehr das Nötige hergab, und der jetzt anständig, wenn auch nicht ehrenreich, als Brauereikutscher sein Leben weiterführte. Dessen Urteil, von reichlichem Honorar unterstützt, hatte dahin gelautet, daß Benno fürs Ringen ganz hervorragende Anlagen besitze. Der geborene Champion für leichtes Gewicht. Jetzt war der Junge in ernstem Training, und das Weib lag ihm fern.

»Sie haben hinter meinem Rücken Bekanntschaft mit meiner Tochter angeknüpft – haben sich mit ihr getroffen – schreiben ihr zärtliche Briefe – und spielen an der Börse und ziehen mein Kind da in etwas hinein – ich verbitte mir das und ich verbiete es Ihnen!«

Der Alte mühte sich um einen höflichen Ton. Aber mit solchen Predigten kam man dem Jungen am wenigsten bei. Der schwankte denn auch, ob er nicht das fröhliche Register ziehen sollte. Nur daß da im Gesicht des Mannes etwas stand, was Behutsamkeit empfahl. Damit aber kam er selbst in eine gewisse Kampfstimmung, und er entgegnete bestimmt: »Verbieten, Herr Huswädel, ist ein Wort, über das man sich doch wohl erst verständigen müßte.«

Für diese Art Dialektik war der alte Peter nicht zu haben.

»Wir verständigen uns dahin, daß Sie sich hier gefälligst nach meinem Willen richten und damit basta!«

Hier bot sich Benno nun doch die Blöße für einen glücklichen Griff. »Ihr Wille, Herr Huswädel! Andere haben auch ihren Willen. Ich glaub' nicht, daß Ihre Tochter sich zum bloßen Gegenstand machen läßt. Von mir zu geschweigen.«

Da waren sie, die Jungen. Da standen sie auf der Schanz. Mit dem Banner der neuen Zeit.

Aber Peter Huswädel forcht sich nit. »Anderswo mögen ja wohl diese neuen Moden einreißen. In meinem Hause gilt, was ich meine! Und mein Kind hat mir zu gehorchen, Gott sei Dank. Und wenn Fremdes sich in mein Haus eindrängen will –!« Er hob die Brust und seine Arme strafften sich.

»Das klingt wie eine Drohung, Herr Huswädel. Und mit dem Drohen ist es so eine Sache.« Das spitzig Altkluge stach aus seinen Augen. Um die feinen Lippen grub sich ein kalter, höhnender Zug. »Sehen Sie, nun hab' ich die ganze letzte Zeit an Ihre Tochter gar nicht gedacht. Durch Ihr Verbot kommt sie mir erst wieder in den Sinn.«

Solche psychologische Niedertracht besänftigte den Alten natürlich nicht. »Ihr Sinn kümmert mich nicht. Was in Ihrem Sinn vorgeht, ist Ihre Sache.«

»Sie können es nicht hindern, daß ich mich jetzt wieder lebhafter mit ihr beschäftige. Und daß ich den Weg wieder zu ihr suche. Und auch finde.«

Sprachlos war Vater Huswädel eine Weile, das war ein Quantum von jugendlicher Frechheit, für das ihm Maß und Gewicht fehlte. Es zuckte ihm in allen Fingerspitzen. Aber er behielt den Kopf oben. Und auf den Mund war Peter Huswädel nun gar nicht gefallen, da er zum Schluß also sprach: »Was Sie sagen, Herr Obertertianer! Sie drohen also auch! Und Drohungen werden dann wohl auch auf mich ihre besondere Wirkung haben. Und damit – wollen wir denn das Weitere getrost abwarten!« Ein herzhafter Abschiedswink mit der Hand – –

Als Benno seines Weges ging, wälzte er durch sein liebes Ringergemüt die Erwägung, daß er hier, auf diesem »Eröffnungsmatch« wenigstens, so ziemlich vorbeigesiegt haben dürfte. Grimmig besah er sich noch einmal die Anrede »Herr Obertertianer« von oben bis unten. Er wollte schimpfen auf den griesen Lümmel – dann aber mußte seine Ehrlichkeit gestehen, daß der alte Knabe, alles was recht war, die Sache von seinem Standpunkt aus doch sehr resolut angepackt und »gemanaged« habe. Das warf sogar auf seinen Sproß, die kleine Betti, ein neues, lockendes Licht. Die schon genugsam im Glanz der verbotenen Frucht erstrahlte.

Himmel ja, dem alten Grimmbart sie nun erst recht aus seiner Höhle holen! Abenteurer- und Sinnenlust streckten die Hände nach ihr aus. Der echte Jungengedanke, mit ihr durchbrennen, sie entführen, wirbelte ihm durchs Hirn. Hatte er nicht sowieso schon viel zu lange in diesem traurigen Nest herumgehockt! Wie lange hatte er nichts Luftiges und Lustiges mehr unternommen! Sollte er dem alten Esel jetzt nicht ein Ding drehen, daß ihm die langen Ohren in die Wolken wuchsen!

Hatte er nicht sein Boot? Kein besseres hat je die Salzflut geschnitten. Trägt es sein weißes Tuch nicht wie ein Ehrenkleid, bewährt in Wetter und Graus! Hat er es nicht treu in der Hand, einen verläßlichen Freund?

Wie oft hat er daran gedacht, sein Mädel einmal mit hinaus zu nehmen. Ja, mein Mädel, mein Mädel, du alter struppiger Truthahn – jetzt gerade und erst recht! Nur daß es jetzt noch schwerer sein wird, an sie heranzukommen. Noch grimmiger wird der alte Wachtmeister sie in seine Obhut nehmen.

Daß die Väter ihrer Töchter niemals klug werden! Und immer wieder dieselbe Rolle spielen. Daß sie mit ihrem Schergentum immer wieder Öl auf die Lampe gießen. Immer wieder neuen Anreiz geben zu lustigen Täuschungen und fröhlichem Entschlüpfen. Daß sie es sind, die die Verliebten nur noch verliebter machen.

Ja, ein süßer Kerl ist die kleine Bettina. Kein Mädel hat diesen harten, knospenden Mund, der so durstig ist und so schmerzlich fest sich trinkt. Sie einmal ruhig und angstlos ungehetzt in den Armen haben –

Siehst du, du Peter, du Huswädel, das hast du nun davon! Ich war schon ganz auf dem rauhen, dornigen Pfad, nun ziehst du mich wieder hinab in die weichen, blühenden, lauschigen Gefilde.

Benno muß an Fortinbras denken. An die Reihe. An sein Training. An seinen Lehrer, den ringkundigen Bierkutscher. Erst noch will die ironische Leichtfertigkeit oben auf. Dann aber behauptet das zwingende, ernste Bild Joachims, des Beraters, doch das Feld.

Es ist nicht die leibliche Ertüchtigung allein. Auch eine geistige Festigung und Hebung gibt es hier. Eine Läuterung, ja, von Unsauberem. Warum es leugnen, daß er von seinen Liebeserlebnissen das Gefühl des Unreinen mit sich herumträgt. Und so sind wir denn wohl bei der so gern von uns, der jungen Generation, verlachten sittlichen Frage! Joachim hat er sich offenbart. Joachim ist sein Freund, sein Führer. Er will keine Geheimnisse vor ihm haben. Er soll auch dies wissen, von Betti und Vater Huswädel. Mit ihm will er sich darüber erheben und darüber lachen.

Wahrlich, um ihn lohnt es sich denn doch, hierzubleiben. Wie Seeluft ist es um ihn – rauh und herbe und klingend. Und mit bitterem Salzgeschmack. Schmerzlich schöne Tränen können von ihm in die Jungenaugen kommen, wie von hellem, wehendem Frost.

Ihn braucht er, ihn will er aufsuchen, gleich nach der Schule.

 

Joachim hatte an diesem Vormittag nur eine Stunde gehabt. Er hatte unterrichtet, ungestört von dem neuen Meister über die Geister, der jetzt hier seinen Einzug gehalten, und seine Jungen waren bei ihm gewesen wie je.

Nun, wo der Dienst – den er sich Herrschaft nannte – hinter ihn getreten war, kamen wieder die Gedanken an Seedorf über ihn. Er hatte am Morgen in der Aula den Nebenbuhler sich wieder einmal zu Gemüte geführt. Alles was recht – schon allein die sieghafte Sicherheit, mit der er die Dinge anpackte, war sehenswert. Und er hatte nun schon die Hand und den Blick für das Ziel, hatte schon etwas vom Geiste des Lenkers. Ganz gewiß hatte die Schöpfung etwas Besonderes mit ihm im Sinne gehabt. Der Versuch zu einem bedeutenden Manne! Und gescheitert war der Versuch auch hier an dem Unwahrhaftigen, eben an der Unehrlichkeit der Wirkung, die sich Selbstzweck geworden ist.

Immerhin – wie hat der alte Kornelius gesprochen? Man soll redlich die Sache an sich herankommen lassen. Und wenn sie uns nur neue Anregungen gibt. Er, Falkner selbst, hat immer wieder die praktische Erprobung gefordert. So soll er jetzt zeigen, was er kann. Und ich will ehrlich meine Feindschaft im Zaume halten. Verhaßt ist er mir nun mal. Verhaßt und im Innersten zuwider. Denn für mich ist und bleibt er nun mal der Blender. Und er blendet auch die Augen der Frau, der meine Gedanken gehören und um die mein Leben kämpft.

Joachim hatte keine Gelegenheit gehabt, Benno zu sprechen, und hatte sie auch nicht gesucht. Immer wieder lag die Frage auf ihm: hat dein heftiges, unbändiges, ungezügeltes Benehmen sie verletzt? Und wie wirst du wieder den Weg zu ihr finden?

Als er in sein Zimmer trat, sah er einen Brief auf dem Schreibtisch liegen. Er öffnete ihn mit fliegenden Händen. Eva war es, die ihm schrieb:

»Lieber Freund!

Warum haben Sie mich um den Sonntag abend gebracht? Mir ist es schon, als habe ich ein Recht auf solche Stunden. Ich war bald allein und hab' lange bis in den Sternenhimmel hinein nach Ihnen ausgeschaut. Nun müssen Sie bald zu mir kommen.

Herzlich
Ihre Eva Treutlien.«

Joachim brauchte heute nicht mehr in die Schule. Kaum ließ er sich Zeit zum Mittagessen. Die nächste Stunde trug ihn hinaus nach Seedorf, in seiner Sehnsucht Land.

Es war der strahlendste Junitag, der Himmel hatte sein stärkstes, freudigstes Blau. Die weißen wandernden Wolken ertranken in seiner Tiefe.

Joachims Schreiten war wie ein Frohlocken. Aber das wogende grüne Meer der Kornfelder zogen seine Gedanken nach dem weißen Strand, nach der purpurnen See. Nach dem Schloß am Meer, darin seine Königin saß und seiner wartete.

Seiner wartete! »Nun müssen Sie bald zu mir kommen.«

Er wußte jedes Wort ihres Briefes. Und in jedem Worte sah er ihr Gesicht, ihre Gestalt. »Hab' lange bis in den Sternenhimmel hinein nach Ihnen ausgeschaut.« Welch ein Bild ist dies! Wie schmiegt sich ihre mädchenhafte Anmut aus dem offenen Fenster hinein in die bestirnte Nacht. Wie strahlt in dem Sternenschein ihre feine, zarte Stirn, darüber wie trunken von zärtlichen Gedanken eine leise, lose, dunkle Haarwelle huscht. Und diese Augen, die so zutraulich sich ergeben, wie leuchten sie dem Gesicht voran in die ahnungsvolle Dämmerung. Und ihm, ihm lehnt sich das alles entgegen.

Wie sie ihm leibhaftig nahe ist! Und kann ihm nicht mehr entschwinden. Gebannt von seinem Sehnen, seinem Willen, seinem Meinen, seiner Minne. Ja, ja – die Minne ist dies. Er fühlt sie, die Wonnen der Bezauberung, die Seligkeit des Sichverlierens und sich Wiederfindens, die Schauer des Ersterbens und der Wiedergeburt in einem andern Herzen.

Und sie ist bei ihm, so nahe, so körperlich, so zum Lachen leibhaftig. Daß er die Worte des Minnesängers hinausjubelt:

»Seit ich sie in meinem Herzen sah,
Kann ich sie auch ohne Augen sehen.«

Er lacht vor sich hin wie ein Narr und gerät ins Laufen, taumelt über seine eigenen Füße und freut sich seiner lappigen Jungenhaftigkeit.

Auch du – du sollst dich ihrer freuen, du Ersehnte! Soviel hab' ich dir zu geben. Ein neues Leben bricht an. Ich löse dich aus dem Wahnversponnenen! Du wirst ja des eigenen Daseins nicht froh in der Treibhausschwüle, du liebe, tiefe, kluge, stilläugige Frau.

Nun war er bei ihr. Nun standen sie sich gegenüber und ihre Augen grüßten sich. Jetzt war sein Bild lebendig. Die Farben noch gedämpfter, als seine zarte Vorstellung sie gemalt hatte. Noch mehr von Traum und Flaum und Weichheit. Pastellartig gedeckt war alles. Er wollte sie sich herüberholen ins Helle und Wache, ins Klare und Feste. Nun, da sie selber die Hand ihm reichte, sollte sie schon mit ihm gehen.

Sie wollten eine Wanderung machen, über die Heide an den Strand. Lerchenjubel sollte über ihnen sein.

»Sie müssen mir von Ihrer Kindheit erzählen,« sagte Eva. So nahe war sie bei ihm. Sie wußte, daß hier auf der Heide zwischen den Hünengräbern seine Jungenträume ihr Heldenleben geführt hatten.

Früh hatte ihm die Mutter gefehlt, die Märchenerzählerin. So hätte er sich selbst seine Sagen gesungen. Die hätten ihn dann zu den Büchern geführt und in die Studierstube. Ganz aus der Art geschlagen wäre er. Alle Brassen wären von jeher Seefahrer und Tatmenschen gewesen.

Die Mutter, die Märchenerzählerin. Die Bezeichnung lobte sie. Darin war ein Stück ihres eigenen Lebens. Und dann kam sie zu den Büchern.

»Ihnen haben Bücher den Lebensweg gewiesen. Denken Sie, ich hab' mit Gedrucktem nie was Rechtes anzufangen gewußt. Mein Junge hat das leider von mir abgekriegt. Schon mit den Märchenbüchern war es nichts. Ich brauche das Ohr gerade für die heimlichen Dinge.«

»Ja, ja – der Musikmensch, der Sie sind!«

»Vielleicht ist es das. Jedenfalls die Kultur des gelesenen Wortes ist mir verschlossen geblieben. Von der stillen Andacht, der Religionsübung des Lesens weiß ich nichts. Und das ist schlimm. Was fehlt mir damit nicht alles.«

Er wollte sie trösten. »Wenn man so reich ist wie Sie –«

Welch nichtige, nichtsnutzige Redensart. Aber was sind ihm Worte, was ist ihm Geist, was gelten ihm Gedanken. Gefühl ist alles. Was sein Mund sagt, wie gleichgültig ist das. Sein Blut spricht, seiner Seele Innigkeit.

An dem Rand eines der Hünengräber haben sie sich hingesetzt. Über ihre Häupter ragt ein Findlingsblock, der die Gruft bedeckt.

Sie betrachtet das ungeschlachte Denkmal. »Das sind nun Buchstaben, die auch ich lese. Aber dann, wenn die Forschung sich darüber hermacht, wenn die Schriftgelehrten mit ihrem Wissen angerückt kommen –«

Er hört es mit halbem Ohr. Will sie seinem Beruf zu Leibe? Mag sie! Was geht sein Beruf ihn an. Ist hier nicht mehr als Beruf – mehr als alles – alles –

Halbwegs bringt er noch, halblaut, eine Antwort zustande. »O – es gibt nichts Phantasievolleres als das Wissen –«

So vielsagend, so nichtssagend. So gleichgültig dies all gegen das eine. Daß sie beide hier im Land seiner Kindheit sitzen. Daß zu den Träumen die Erfüllung sich gesellt.

Er lehnt sich zurück – zu der Steinplatte blickt er auf. Runen hat die Verwitterung hineingezeichnet. Buchstaben – sprach sie nicht von Buchstaben –? – Schriftzeichen sind hier – ganz deutlich – für sie beide bestimmt – für sie, die Lebenden, lesbar in der Schrift ihrer Zeit – unverkennbar, ganz klar zum Greifen – die Anfänge ihrer beiden Namen – ein E und ein J – von geheimen Kräften der Urzeit eingemeißelt – für sie beide und ihr heute –!

»Ich sehe, was du nicht siehst,« sagt er dann, ganz jung und dumm. Ein altes Kinderspiel geht so. Sie kennt es und rät: die Spinne, die in ein Moosgebüsch des Felsblockes sich birgt – eine Flechte, die ein Gnomengesicht zeichnet, dann den gewaltigen Felsblock selbst. Und jetzt ist sie wie ein munteres Mädchen.

Und nun gibt er, der große Junge an ihrer Seite, das Rätsel auf: »Zwei Buchstaben seh' ich – unsere – ein E und ein J.«

»Ei!« sagt sie ausgelassen, sieht gar nicht hin, sieht nur ihm in die Augen, die schreckhaft erbeben.

Auch sie hat sich zurückgelehnt, die Hände unterm Kopf. Leicht, lockend, winkend wiegt sie die Ellbogen, so wie ein Falter mit den Flügeln schlägt.

Und wieder rieselt durch ihn der Schreck. Es schwirrt ihm um die Ohren. Es treibt und drängt und wirft ihn – und bannt ihn wieder und läßt ihn erstarren.

Und da surrt vorüber, kichernd, der Kobold der verpaßten Gelegenheit – –

Sie drehte sich von ihm ab. Sah er noch, wie der feine Mund sich rümpfte? Wie in den Augen ein letztes Glühen erlosch? Dann langte ihre Hand lässig über den Rasen nach einer Glockenblume, einer von den vielen, die in seltsam scheuer Schönheit, verschleiert und nonnenhaft, über den Anger hinläuteten.

Sie war schon wieder aus dem Halbschlaf zum Gedanklichen erwacht und fragte wißbegierig: »Was ist das für eine wunderbare Blume?«

Er fand sich noch nicht ganz zurecht, noch verwirrten ihn Geschehenes und Nichtgeschehenes. Die Ruhe und Sicherheit ihrer veränderten Haltung machte ihn ungehalten. Und ziemlich rauh kam es heraus: »Das ist eine Küchenschelle.«

»Wie?«

»Eine Küchenschelle, eine Pulsatilla.«

»Ist es zu glauben! Küchenschelle! Dieses Märchenkind der Heide! Sowas bringen wir doch bloß fertig.«

Sie roch an der Blume, dann lachte sie, ein wenig hart und schrill. »Wissen Sie, was Goethe einmal von den Deutschen und den Blumen gesagt hat? Wenn unsereiner eine Blume vor sich hat, was tut er? Er riecht an ihr – er fragt, ob man Tee aus ihr kochen kann – und überlegt, ob sie sich künstlich nachmachen läßt.«

Joachim war aus der Stimmung gerissen. Ärgerlich war er, auf sich, auf sie, auf die Welt. Und nun biß er sich fest darauf, daß sie gegen die Deutschen etwas im Sinne hatte.

Sie fühlte nicht vaterländisch, er wußte es. Und wenn nun gar diese Vaterlandslosen Goethe – den Unverstandenen – als ihren Schutzpatron herbeirufen –! Dann sprühten bei ihm die Funken.

Er sänftigte sich, aber es klang doch scharf genug: »Wollen wir nicht heute, wo alles gegen das arme Deutschland sich kehrt – wollen wir, wir wenigstens nicht alles, was wir noch irgend aufzubringen haben an Güte, an Wärme, an Herz – wollen wir das nicht in zärtlichster Sorgfalt für unser Land, für uns selber zu Rate halten!«

Diese offene Zurechtweisung ließ sie aufhorchen. Sie wollte ihm antworten, dann schwieg sie. Dies Schweigen aber kränkte ihn noch mehr. War es ihr nicht der Mühe wert, zu sprechen?

Sie hatten sich wieder auf den Weg gemacht. Jetzt lag ein leiser Schatten auf ihrem Beieinander. Und in dessen Schutz machten sich unwillkommene Gestalten an ihn heran.

Du herzliche Frau – ich weiß es – das Heimatlose deines Wesens, von deinem Lande möchte es dich lösen. Deine Freunde stehen bereit und strecken die Hand, dich ganz von ihm abzuziehen.

Da ist der geliebte Falkner, der wurzellose Menschheitsmensch – da ist Herr Potschinak, dieser keinem Volke, sondern Völkern zugehörig, in dem sich alle östlichen Horden verewigt haben. Das ist nun ihr geistiger, ihr künstlerischer Umgang. Wie soll daran ihr Vaterlandsgefühl gedeihen?

Aber ich will euch die Stirn bieten! Ich will die Frau da herausholen. Von euch befreien will ich sie. Mir will ich sie gewinnen. Da ich mich ganz dafür einsetze, mit aller wurzelhaften Kraft – was bleibt von euch übrig, ihr Bodenlosen?

Er wendet sich zu ihr hin. Und stutzt zurück, so fremd, so anders ist ihr Gesicht geworden. Sie spürt sein Zurückbeben, und eine Frage tritt in ihr Auge. Da spricht er es aus: »Daß Sie mit einemmal – so anders sind!«

»Anders – ja nun – wer ist denn immer derselbe?« Das klingt nach einer Trivialität. Aber es steckt offenbar mehr dahinter. Und sie fügt hinzu: »Gibt es überhaupt ein ›ich‹? Wird nicht mit dem umrissenen Persönlichkeitsbegriff am meisten Unheil angerichtet?«

»Nun hören Sie!« Ihn packt ein ehrlicher Schrecken. Ein neuer Feind macht sich auf. Etwas von dem alten Verzagen rührt ihn an. Und da sie sich wieder mehr von ihm zurückzieht, ist es im Wachsen. Aber er will diesen neuen Feind kennen, ihm klar ins Auge sehen. Nicht im Dunkeln kämpfen! Und so packt er fragend zu: »Sie zweifeln an dem ›Ich‹ – darüber möchte ich doch mehr von Ihnen wissen.«

Sie sieht ihn an. Und nun ist in ihren Augen wieder ein großes Zutraun, das Hingegebene, das Ratsuchende und Anlehnungsbedürftige der Frau. In das ein Leidendes und Klagendes sich mischt, wie eine innere Not.

Ich will dir beistehen, mit allem, was in meinem Wesen stark ist und Leben hat! Bei dir will ich sein und mit dir!

Sie fühlt den Odem seiner großen Zärtlichkeit und läßt sich von ihr durchfluten. »Wir wollen nach Hause gehen,« sagt sie leise. »Nicht wahr, Sie kommen mit mir. Dann setzen wir uns still hin. Und sprechen uns aus – über das, was uns quält – und uns freut.«

Wieviel Heimliches, Inniges und Verheißungsvolles ist in diesem Wort.

Nun saßen sie beide in ihrem Zimmer, Eva bereitete selbst den Tee mit dem bereitgestellten Samowar. Die Hausdame war bei der Frau Pastor auf Besuch.

Die weiche, süßliche, heliotropfarbige Melancholie des Raumes lastete auf ihm. Lieber war ihm die frische Kameradschaft da draußen gewesen im Wandern und Lagern.

Verlegen fast machte ihn das Alleinsein, ein Beobachtendes in ihrem Blick störte ihn immer wieder auf. Sie aber war ganz die sichere Dame von Welt.

Da stürzte er sich wieder auf den mystischen Feind. »Ihr Ich oder Ihr Nichtich vielmehr macht mir Pein!« rief er mit gezwungenem Lächeln. »Ist dieses Ich das Du der tat-twam-asi-Menschen oder ist es was anderes?«

»Es ist was anderes.« In ihren Augen war wieder die fast klagende Nachdenklichkeit. »Und ich glaube wohl, daß ich hier von ernster Selbstprüfung sprechen darf. Es hat mich beunruhigt, bis ich mir darüber klar geworden bin. Wir haben nicht ein Ich – aus mehreren Ichs bestehen wir.«

Joachim schüttelte heftig den Kopf. Sie bekannte sich unbeirrt weiter. »Auf den ersten Blick hat es wohl etwas Schreckhaftes. Und die Leute mit ihrer altehrwürdigen Ethik geraten darüber leicht außer sich.«

War das eine Spitze gegen ihn? Mit gerunzelter Stirne sprach er so: »Daß Sie – Sie dieser Philosophie sich ausliefern! Die ich die Philosophie der Verantwortungslosigkeit nenne.«

»Ist das nicht eben das Voreingenommene?« wandte sie ein, fest, aber bescheidenen Tones. »Heißt das nicht gerade mit den überlieferten sittlichen Werten an die Erkenntnis herantreten?«

Er sah ihr groß ins Gesicht. Gedanklich mochte sich nichts hiergegen einwenden lassen. Aber zum Teufel mit dem Gedanklichen! Der Gedanke tötet. Nur in dem gläubigen Gefühl ist das Leben. Und in ihm ist die Sittlichkeit. Unsittlich ist der Gedanke, der nur Gedanke ist.

Er will keinen Wortkampf mit ihr führen. Gütig spricht er auf sie ein, väterlich beinahe. »Es ist wieder einmal neu geworden, sich aus Systemlosigkeit ein System zu bereiten. Die Position der Negation. Was soll das? Eben die, die das Gewissen leugnen, brauchen das als Gewissensbetäubung. Und beweisen eben damit, daß auch sie ein Gewissen haben. Es ist ein modisches Spiel. Und es tut mir so leid, daß Sie es mitmachen.«

Sie prüft genau, was er sagt. Wie eine Wolke zieht es durch ihre Augen. Ist es, weil er von Gewissen spricht? Dann blickt sie still vor sich hin und geht noch einmal sorgfältig seinen Worten nach. »Ich glaube nicht, daß Sie recht haben,« spricht sie offen. »Es ist kein Spiel bei mir. Ein ernster Weg. So bin ich zu der Anschauung gekommen, die mich mir selbst erklärt. Das Wechselnde in meinen Neigungen, meinen Empfindungen und Willensregungen. Da ist ein hartes nicht Nach-, sondern Nebeneinander. Und mit dem einen Ich ist hier für mich nichts anzufangen. Sehen Sie, da sprechen die Leute immer weisheitsvoll: ›Nichts ist beständig als der Wechsel‹ und rücken sich selbst dabei höchst egozentrisch zurecht. Als ob das bloß für das Umsieherum Gültigkeit habe. Sie selber aber thronen, jeder einzelne ein kleiner Gott, selbstherrlich in seiner Persönlichkeit, seinem Willen. Ist das nicht unehrlich?«

»Liebe Frau Eva –«

»Ich will als Frau sprechen, ganz frei von der Leber.« Nun entzündet sich ein Licht in ihren weiten Augen, und über ihr Gesicht zieht eine leichte Glut. »Wir Frauen gehen vom Liebesleben aus. Ich glaube übrigens, die Männer auch,« gibt sie schalkhaft hinzu. »Und wenn ich also von mir die Wahrheit sagen soll, trocken und unverblümt: ich kann nicht treu sein.«

Wieder schneidet ein jäher Schreck durch ihn hin. Und warum sagt sie dir das? Und was ist hier Wahrheit, was ist Selbstbetrug, was ist Scherz. Was ist Spiel? Will sie schreckend dich locken und lockend dich schrecken?

Sie gefällt beim Tee-Einschenken sich in leichterer Plauderei. »Als Kind hörte ich unser Dienstmädchen etwas singen – im Rundreim kehrte es immer wieder anklagend, boshaft, lachend: ›Denn meine Treu' ist wie Männertreu'.‹ Ich weiß nicht, war es ein Volkslied oder eine neue Chanson. Dann klärte sie mich auf: die Männer bilden sich immer ein, die Treulosigkeit sei ihr Vorrecht – damit können wir auch aufwarten. Wenn ich dann später immer wieder lesen oder hören mußte, daß der Mann von Natur polygamisch sei, fiel mir stets das ›damit können wir auch aufwarten‹ unserer Köchin ein. Aber ich will die Frauenfrage oder Männerfrage nicht aufrollen, nicht mit und nicht ohne Dienstmädchen. Ich will von mir sprechen, wie ich bin. Und was ich darüber denke. Zu Ihnen, dem Freund.«

In Joachim kocht ein Wirbel. Darf sie mir so entgleiten, so mir versinken! Weiß sie, was ich, was mein Leben mit ihr im Sinn hat? Soll dies eine Absage an mich sein? Der alte Kleinmut will ihn betäuben. Aber er läßt sich nicht unterkriegen. Ich bin ihr lieb – ihr lieb! Also hab' ich gewonnenes Spiel. Sie reicht mir ja die Hand – was wäre ich für ein trauriger Knabe, wenn ich sie nicht packte, fest und bezwingend.

Bezwingend, ja – überwältigend mit seinem großen Gefühl! Und seine Stunde schlägt. Er rückt zu ihr hin, er nimmt ihren Arm mit der Hand – froh ist er, überlegen und von siegender Kühnheit.

»Das ist ja alles dummes Zeug. Nur eines ist klug – und das ist, sich lieb haben! Und ich habe dich lieb! Und dies ist die Philosophie!«

Er umschlingt sie. Und sie gibt ihm ihren Mund.

In Seligkeit taumelt er. Und erzählt ihr Märchen von ihrer beider Zukunft, ihrem Glück. Wie sie als Mann und Weib miteinander hausen. Wie ihr und sein Leben sich umschlingen und durchdringen, unlöslich.

Sie hat sich auf seinen Schoß geschmiegt. Sie streicht ihm das Haar aus der Stirn. »Du lieber Träumer du – du lieber Junge!« Und beugt sich wieder hinab zu seinem Mund.

Da wird die Tür aufgerissen, Benno in seiner gewohnten jähen Art stürzt herein. Bleibt stehen – ruft ein helles »Oh!« und stürzt wieder hinaus, wie er gekommen ist.

Joachim ist aufgesprungen. Eva, von seinen Knien geglitten, wischt unmutig die Haarwelle aus der Stirn. Fragend blickt sie ihn an. »Ertappte Sünder – wie lächerlich.«

Er findet sich gleich zurecht. Gerade das Ironische und ein Leichtes in ihrem Ton macht ihn fest und entschieden und kalt und klar. »Der Junge darf alles wissen. Er soll alles wissen. Ich werd' ihn holen.«

Er geht hinaus. In ihren Augen ist wieder die große versunkene Stille. Oder blinkt da in der Tiefe doch etwas auf?

Joachim sucht den Jungen im Hause. Er findet ihn nicht.

Kopfschüttelnd tritt er wieder ein. Erregt geht er ans Fenster und blickt hinaus. Der Junge ist schon draußen. Nach dem Dorf wendet er sich. Vermutlich will er zu seinem Boot. »Fortgerannt –! –«

Sie nimmt es ganz und gar nicht tragisch, das sieht er ihr an.

»Ich hab' das Verlangen, mit dem Jungen zu sprechen! Jetzt gleich!« sagt er nachdrücklich. Jetzt sieht er seinen Weg.

»Dann sollst du es tun.«

Seine Arme umschlingen sie. »Mir gehörst du – immer, immer.« Ihre Lippen erwidern seinen Kuß. Aber da er in ihre Augen sich einsenkt – ist es, darin nicht wie ein Zurückweichen, eine Flucht – eine Abwesenheit – eine Ferne – und ein Zug um den Mund ist da, den er nicht recht begreift – den er fortwischen möchte –

Mit Küssen, ja! Der Sieger in ihm behält den Kopf oben. Die Scheu des Weibes – soll er sich ihrer nicht freuen? Nie kannst du mir entweichen, nie dich mehr vor mir verstecken – unzerreißbar die Fäden –

Noch einmal preßt er sie an sich. »Vermutlich gehe ich mit dem Jungen in die Stadt. Dann also bis morgen!«

Er ist hinter dem Jungen her. Er muß ihm die anfällige Phantasie zurechtrücken. Sein Fortstürzen – wie verdächtig ist das. Ist dem Jungen etwas zerschlagen? Was braut sich jetzt in ihm zusammen?

Gleich muß der Junge es von ihm hören, daß er der Verlobte seiner Mutter ist, daß sie beide fürs Leben sich gefunden haben. Daß er an die Vaterstelle für den Jungen aufrückt. Nun noch ein stärkerer Halt für ihn.

Es ist ja nicht Benno allein – die Jugend ist es! Hier sind deine Jungen! Deine Lebensaufgabe ist hier!

 

Bennos Gemüt war nicht aus den Fugen gegangen, wie Joachims schwerer, unbeholfener, tiefer und reinlicher Sinn es sah.

Freilich, es war ein neuer Vorhang zerrissen – und wenn das, was hinter dem Schleier zum Vorschein kam, ihn auch überraschte, ihm einen Stoß gab – seine Fassung verlor er darüber nicht.

Gewiß hatte seine Vorstellung an ein Liebesleben seiner Mutter nie gedacht, und hätte sie daran denken wollen, sie hätte davor haltgemacht. In der Tat war dem Kindlichen in seinem Wesen die Mutter die immaculata geblieben.

Aber jetzt nahm seine Welterfahrung ganz von ihm Besitz. Wie dumm – wie albern, hier sich zu verwundern. Das Menschliche ist und bleibt menschlich. Ein blasiertes Lächeln ist um seinen Mund.

Auch der Fall Fortinbras ist unter diesen Gesichtswinkel zu nehmen. Obwohl – in solcher Lebenslage haben seine Gedanken Joachim, den Asketen, nie und nimmer gesucht.

Der ist doch wohl ein ganz Besonderes für ihn gewesen. Ein ganz Besonderes – nun ja, wie die Mutter auch. Und so etwas wie ein Heiligtum ist nun doch wohl eingestürzt –

Lächerlich! Was menschlich ist, ist menschlich! Aber er, Benno, mit seinen lange erwachten Sinnen darf das auch für sich ins Feld führen und in Anspruch nehmen.

Und wieder fällt der große Verdruß über das eingeschlossene Dasein hier ihn an. Die Mutter und Joachim haben's ihm erträglich gemacht, eben weil sie für ihn über allem andern standen. Nun sind auch sie in dem Gewöhnlichen versunken.

Wie eine Blamage will es ihn bedünken, daß er hier schon so lange herumgetrödelt hat. Er, Benno, der Durchgänger, der Flatterfahrer, der Abenteurer von Beruf.

Und jetzt, da nun mal das Ungemach der Enge über ihn kommt, brennt, bohrt es ihm wieder in der Seele, was der alte Knote Peter Huswädel an Schimpf ihm angetan hat.

›Ich brenne durch!‹ das steht jetzt in ihm fest. Mit Betti natürlich. Man ist solange nicht mehr über ihn Kopf gestanden und aus der Haut gefahren, das braucht er! Jetzt mehr als je.

Prachtvoller Segelwind. Ost und Mond versprechen dauernd gutes Wetter. Und die hellen Nächte sind.

»Wir steuern hinaus in die Mittnachtsonn'
Und pflücken die Blumen der hellen Nacht« –

so heißt es in einem alten nordischen Lied. Die Blumen der Nacht pflücken – das will ich.

Wie aber das Mädel erreichen? Das jetzt doppelt und dreifach bewacht wird? Er muß den Weg zu ihr finden.

Als er an den Strand geht, will Jochen Elvers gerade mit seinem Fischerboot in See. Nach Westermünde geht die Fahrt. Von da aus ist es zur Stadt gut eine Meile weniger zu wandern. Bei diesem Wind kommt er so viel schneller nach Hause.

Joachim findet den Gesuchten nicht mehr an Land. Er sieht das Boot und seinen Kurs, er kann sich denken, daß der Junge diesen Weg genommen hat. Jetzt zieht es auch ihn nach der Stadt. Er wandert wie betäubt. Schädel und Herz sind ihm dumpf. Nun hat das Glück sich ihm in den Schoß gelegt. Hat er es ganz geborgen? Er ist seiner nicht froh.

Aber das Hin und Her – es liegt so in seiner Art, sich mit sich selbst herumzuzausen – er will es heute nicht, er kann es nicht ertragen. Nichts von dem Sinnenzauber, nichts vom Jubel des Siegers, nichts vom Stolze des Besitzes – auch nichts von dem Quälenden, Beschämenden gar, daß in seine vergessene, verlorene Zärtlichkeit ein Dritter eindrang, und daß dieser Zeuge der Junge war!

Sich nicht aus der Bahn schleudern lassen! Sich des bewußt bleiben, daß sein Leben sich erfüllt! Keine Wendung – ein Aufstieg ist es, ein Empor! So gilt es, so ist es. Und so wird er die Erkorene mit sich tragen auf seinem Weg. Das Ziel seines Lebens ist unverrückt. In treuer Kraft will er darauf zuhalten, die Jugend soll sich auf ihn verlassen können.

Treu – was sagte dieser über alles geliebte Mund für törichte Dinge vom Treusein? Eine Verranntheit in Philosopheme und Abstraktionen – ja, du, das ist es – eine Art Wüten gegen dich selbst, ein Irrsein an dir selber – nur von dem großen Gefühl zu erlösen! Und dieses Gefühl ist über dir!

Aber nun ist es genug des Sinnens, und jetzt soll der Junge erst mal her.

Den ganzen Abend sucht er ihm nach und findet ihn nicht.

* * *

 

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