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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die andern Jungen machen eine große Strandwanderung. Joachim mit Benno steuert auf den Wartturm los. Ihm ist es, als nicke der alte Bursche freundschaftlich ihm zu: wir beide wissen miteinander Bescheid! Nun sollst du sehen, wie es aus deinen alten Träumen aufwächst – ein junges, starkes Glück! Ein schönes Bild malt er sich. Alles, was er an Frische und Frohmut in sich aufgetrunken hat, von See und Wald und von der Jugend – er trägt es vor seine Fraue. Daß es zum Labsal ihr selber werde, ihr selbst eine Stärkung für Geist und Sinne, eine Erneuerung, eine Erhebung aus Wolken und Dunst zu freiem Atemholen.

Auch ihres Jungen Wesen ist vollgesogen von demselben Geist. Doppelte Heilkraft wird sie überströmen. Ausgefegt wird der Duft dieser verlogenen Modernitis. Moderduft, wenn er auch noch sehr als Frühlingswehen sich gebärdet.

Er hat den Arm des Jungen genommen. Der plaudert ganz kindlich mit ihm – vom Ringen, daß ihm dabei ein paar wundervolle Kunstgriffe und Finten aufgegangen seien. Er glaube überhaupt, daß er zum Ringen ein ausgesprochenes Talent habe. Ob sie nicht in der »Reihe« eine besondere Ringschule errichten wollten.

»Ja, eine Palästra!« Hier kann Joachim nun getrost die Wissensquelle sprudeln lassen.

Niemals hat Benno freudiger Belehrung angenommen als jetzt, wo er von der »Pale«, dem Ringen der Griechen, vernimmt, der die ältesten Palästren ganz ausschließlich gewidmet waren, von den Ringkämpfen bei Homer, von der Ringkunst des Mittelalters, der ein Albrecht Dürer seinen Griffel lieh.

Die Geschichte des Kampfes, die älteste, ursprünglichste aller Wissenschaften, so wahr der Kampf der Anfang aller Dinge ist! Und aller Dinge Herzschlag bleiben wird bis zu ihrem Untergang.

Glücklich ist Joachim, daß er den Jungen so weit hat. Hier ist der Grund, auf dem sich bauen läßt. Und gibt es einen besseren Gehilfen für ihn, die Mutter seinem Geiste, seinem Wesen, seinem Leben zu gewinnen!

Beschwingt von diesem Gedanken tritt er durch das Tor auf den Hof. Klavierspiel tönt ihm entgegen. Er steht und lauscht und fährt schmerzlich zusammen. Vierhändig spielen sie. Er findet sie nicht allein. Der Virtuos ist bei ihr, ihr Lehrer. Und was sie spielen – er stöhnt auf – ist diese schwere, tropfende Süße Potschinakscher Herkunft, ihm verhaßt bis in den Tod.

Jetzt muß auch noch Benno sagen: »Ist er schon wieder da? Er war doch erst Mittwoch hier.«

Die Bitterkeit und Düsternis in ihm wächst. Aber dann zuckt es hell hindurch: der Junge ist ja dein Bundesgenosse! Auch ihm ist der andere zuviel und im Wege.

Und wieder ein Gefühl der Scham: brauchst du einen Bundesgenossen? Bist du nicht selber Manns genug, was dir gehören muß, dir zu erringen, selbst und eigen dir dein eigenes Leben zu schaffen?

Festen Schrittes geht er die Treppe hinauf, Benno öffnet ohne Zaudern die Tür zum Musikzimmer, und sie treten ein.

Erst spielen die beiden ungestört weiter, sie mögen an solches Eindringen von Benno gewöhnt sein und annehmen, er sei allein gekommen. Dann aber macht Bogumil eine halbe Kopfdrehung, und da er Joachim gewahrt, bricht er ab, mit einer Bewegung höchster Ungehaltenheit.

Nun wendet sich auch Eva, nicht gleich findet sie sich zurecht, dann erhebt sie sich langsam, den Gast zu begrüßen. In ihren Augen ist noch ein Schwimmendes, Verlorenes, das ihn zurückstößt. Die schwüle, feuchtwarme Hand, die sie wie mechanisch ihm reicht, läßt er gleich wieder fallen.

Dann spricht er hell und hart: »Verzeihung – für diesen gedankenlosen Überfall!« – Verbeugt sich und geht schnell.

Er löst sich von Bennos Blicken, die seltsam aufgestört, überrascht und fragend mit ihm wandern. Draußen stürmt er an den Strand, er braucht die See, ihre Weite, ihr Leuchten, ihr Rauschen.

Hier findet er sich zurück, und ausgelöscht wird, was er an Schrecken mit sich herumträgt vor den Augen dieser Frau, vor diesem Aufgelösten, diesem zerfließend Hingegebenen. Wem hingegeben? Der Musik, dem Musikanten? Von dem stammt diese Musik! Weich ist sie und welk und überreif und faulig – zum Ekel!

Es webt um ihn dieser Dunstkreis, aus dem er sie herausholen will. Aber sie – will sie sich da herausholen lassen? Er, der Befreier – wie lächerlich sind diese Erlöser mit dem Nichts in ihren starken, leeren Händen.

Was hat er sich da vorgepinselt, welch eine bildschöne, rührende Familienszene! Sie, der Junge und er – sie drei in gehobenem Beisammensein. Geläutert, veredelt, gehalten und geschützt – jedeiner von dem andern. Hand in Hand – und den Arm um die Schulter gelegt – eine Gruppe zum Photographiertwerden hold!

Dann fährt ein scharfer Blitzstrahl durch dieses Wettern: hab' ich nicht den Jungen im Stich gelassen? Ihn, um den es mir ging! Nun steckt er drin in dem Brodem. Und seine frische Kraft, die eben erwachte, die ich stärken und hüten wollte! Immer wieder wird sie sich wieder einlullen und einparfümieren lassen. Und neuer Unfug wird in dem Dunst emporschießen wie wucherndes Unkraut. Was wird jetzt bleiben von Wald und See und Siegerstolz! Gibt es was Schlimmeres für den jungen Spartaner als sybaritische Luft?

Der Junge – ja, ging es mir denn ehrlich um ihn? War er mir nicht Mittel zum Zweck? Ist es nicht die Frau und immer die Frau, der Sinn und Sinne und Geist und Wille anhangen?

Ist dies der Lohn dafür, daß es solange kein Weib für ihn gegeben hat! Daß er alle Empfindungen hütete und wahrte für die Eine, die Zukünftige, die Erwählte!

Das Idealweib – wie lächerlich! Das Gegenstück zu dem bekannten Bild von dem idealen Gaul, der alle Pferdekrankheiten in sich vereinigt. Nächstens ist er doch alt genug, um klug zu sein. Hat er nicht genug vom Weibe erfahren, um die alte Litanei von den Tücken und Nücken des andern Geschlechts mitsingen zu können!

Was er sich nicht nach eigenen Erlebnissen selber zusammengereimt hatte – konnte man es nicht hören und lesen bis zum Überdruß? Von des Weibes Art, wie es in ihr brodelt, dem Hexenkessel, darin alles Üble und Gute dieser Welt durcheinander gemischt sei. Das Weib mit seiner genialen Güte und ebenso genialen Niedertracht. In einem Atemzug von lachender Grausamkeit und tränenseligem Mitleid, aufopferungsvoll und tückisch, unendlich begeisterungsstark und ebenso unendlich leichtfertig, Ungeheuer an Vergeßlichkeit und Heilige in treuem Gedenken, so tiefsinnig wie gedankenlos, so feinfühlig, so geschmackvoll wie roh.

Ja, ja – so geht sie, die alte Weise vom Weibe.

Das Weib – immer und immer! Nun aber das eine: ist die Mutter nicht Weib? Seht ihr! Waltet aber das Wort Mutter über ihm, wie anders ist das Bild! Als jenes, das nur die Sinne sehen! Nur die Sinnlichkeit, die alles verzerrt, herabzieht und schmäht!

Und wieder: muß ich die Frau, die mich entflammt, nicht so betrachten, ob ich sie zur Mutter meiner Kinder machen, ob ich in ihr den Lebensfunken entzünden, ob ich mit ihr an der Zukunft, an der Ewigkeit schaffen will?

Ist Eva die Frau, die ihm Kinder gebären soll? Nein und nein, ruft die mahnende Stimme, die alles übertönt. Aber da sind die Klänge im Grunde, die lachen über dieses Nein.

Und in ihnen blüht die Sehnsucht. Blüht, ja blüht. Und nur aus dem Blühen können Früchte werden.

Er ist in den Dünen, er wirft sich in den Sand, breit auf den Rücken, und spreitet die Arme wie ein Gekreuzigter.

Ruhig atmet das Meer. Wie brandet sein Pulsschlag dagegen an!

Er horcht auf sein Blut, wie darin die Sehnsucht braust. Laut und stark rauscht hier der Strom, trägt ihn schaukelnd und wirbelt ihn fort – es schwindeln die Sinne – bis schmerzlich und hart eine Kraft hineingreift – ein Herrscherwille – und das machtvoll stolze Bewußtsein: ich bin über meinen Trieben, ihre Kräfte sind mir untertan, ich kann sie meistern, kann Haus mit ihnen halten, kann sie bändigen. Bis ihre Zeit gekommen ist, schöpferisch zu werden, aus dem Vollen zu schaffen – ein Bild, das mir gleich sei.

In solchem Augenblick atmet er tief und erringt sich Ruhe. Und sucht die Wellen seines Blutes in Einklang zu bringen mit dem Herzschlag der See. So – so – so – gleichmäßig, still und groß wie die Wogen da draußen sich heben und senken, so lebt es in seinen Lungen. Und der reine, weite Odem des Alls löst all das dunkel Schleichende, zitternd Verstohlene, dumpf und schwül Brauende in seinen Adern.

So behält dieser Tag, der Tag der Jugend, seine Weihe, die Weihe der Kraft.

Er denkt an seine Jungen, an seinen Jungen Benno, den er zum Schildknappen sich erkoren. Und jetzt leben dessen Augen wieder vor ihm auf, der Blick, mit dem der Junge seine Umkehr, sein Fortstürzen aus dem Hause der Mutter begleitet. Seine Flucht.

Mußte das Brüske, Leidenschaftliche, das in das Reich der Mutter einbrach, nicht neue Regungen in Benno aufscheuchen – neue Fragen in ihm, dem bisher die Mutter fraglos war.

Unvergeßlich, wie er, ganz Kind, in ihre Arme sich schmiegte mit einer Zärtlichkeit, in der die Andacht lebte. Das »immaculata«, dieses Mysterium der Kinderseele, mit dem jedeiner vor der Mutter steht, so viele, so frühe, so häßliche Narben er vom Leben trägt – das »immaculata«, ein Heiligtum selbst dem verwahrlosten Knabengeist, darf nicht bewegt und getrübt werden.

Gedankenverloren schweifen Joachims Blicke das Ufer entlang. Da hinten geht ein kleines Fahrzeug in See – richtig, das ist das Boot von Vater Elvers, das der Junge sich gekauft hat. Nun macht er wohl allein seine Probefahrt. Hätte er selber nicht als Mentor dabei sein müssen? Ihm ist zumut, als sei das Band, kaum geschlungen, schon wieder im Begriff, sich zu lösen. Durch seine, seiner Heftigkeit Schuld, seines eitlen, selbstherrlichen Ungestüms!

Er steht auf den Füßen, streckt die Arme, hebt die Brust gegen das Meer und atmet die Weite ein. Wie töricht war mein Benehmen – so fortzulaufen – jungenhaft – gekränkt wohl gar! Gekränkt – wodurch und worüber?

Nur das eine gibt es: das dumm Vorschnelle und Übereilte wieder gutmachen. Die Musikstunde wird ja nicht ewig dauern. Den Besuch wiederholen – jetzt zu gelegenerer Zeit. Und gibt es Nebenbuhler, gilt es eben, sie zu überwinden. Nur ehrlich Auge in Auge, im Nahkampf kann das geschehen. Nicht in Schmollen und Grollen, dem albernen, aus der Ferne.

Soll er auf den Jungen warten, bis der wieder an Land kommt? Traut er sich nicht allein? Und schon hat er sich auf die Beine gemacht, und wieder läßt er den Wartturm zu sich herüberwinken.

Aber was ist das – macht der alte Freund nicht ein bedenkliches Gesicht? Schüttelt er nicht gar den Kopf? Ist das Mißbilligung – ist das Warnung –?

Und da – ein Wagen kommt die Straße, die zu dem Burghof führt. Das glänzendste Fuhrwerk des Fuhrhalters Niedermöller, ein Break mit zwei achtbaren Füchsen. Auf dem Kutschbock thront Falkner, er fährt selbst. Was so zu einem Mann von Welt, zum Kavalier gehört. Vielleicht, daß man seinem Einzug aus dem Fenster zuschauen wird. Und er, Joachim, wird dann trübselig zu Fuß hinterhertrotten –

Es packt ihn so ein lächerlicher Zorn darüber. Und Zorn und Lachen tanzen miteinander durch sein Gehirn.

Nein – nein – heute ist nun mal ein verlorener Tag. Er räumt den beiden andern das Feld. Und sein altes Trostwort muß herhalten: zwei sind weniger als einer.

Wie? Jetzt versteckt er sich wohl gar vor dem Hochfahrenden! Hinter den Ginsterbüschen, die beginnen, ihren goldenen Jubel in die Welt zu streuen. Nein, mein Freund – du wärst wahrlich der letzte, vor dem ich mich verkröche.

Aber der andere sieht gar nicht um sich. Er ist ganz auf Zügelführung, auf Gangart und Hufschlag der Gäule eingestellt. Ja, ja. Und säßen sie dann wie damals beim Tee zusammen – mit beneidenswerter Selbsteinschätzung und Betonung eigenen Könnens, würde er wieder einen seiner ganz fürtrefflichen Gemeinplätze hinlegen. Wie war es doch damals? »Nicht wahr, Herr Kollege, wer Pädagoge sein will, muß etwas von Bach verstehn?« Und heute wird es heißen: ›Meinen Sie nicht auch, ein richtiger Erzieher muß auch kutschieren können!‹

Ein fader, übler Geschmack kommt ihm auf die Zunge. Er sehnt sich nach einem ehrlichen Seemannspriem.

Um ihn ist Heimat und Jugendzeit. Darin ausruhen, sich lösen von allem Wirrsal. Einmal wieder untertauchen in Vergessenheit.

Er geht zum Bruder ins Vaterhaus. Es schweigt sich so gut mit Bruder Andreas. Und wenn der eins seiner langsamen Worte spricht, kann man dem so gemächlich nachtrotten. Hier schlagen keine Fieber, keine Nerven.

Nur der Rundreim, der sich doch immer wieder einstellt, gibt zu denken. Er, Joachim, werde so nötig hier gebraucht. Hochseefischerei auf der Ostsee. Der ganz große Organisator tue ihnen not.

Dann sind die Gedanken an seinen Beruf wieder bei ihm und an alles, was mit dem zusammenhängt.

Und nun stellt der alte Jochen Elvers sich ein – wäre er doch draußen geblieben. Jetzt besteht die Frage nach Benno auf ihrem Recht.

Ja, der Junge fahre da draußen allein mit dem Boot herum. Er habe sich schnell in das Segeln hineingefunden und stehe seinen Mann.

Über was anderes will Joachim reden. Er legt sich auf die blaurote Narbe fest, die von dem grauen Haarbusch des Alten zu der struppigen Braue eine Brücke schlägt.

»Wo hast du eigentlich das Ding her, Jochen Elvers?«

»n' Andenken an Ewald Sengebusch.«

»Messer?«

»Nee, Ruderpinne.«

»Und du?«

»Ich? Ich hab' ihn mit 'n Bootshaken über den Brägen gehauen. Und weil ihm der Schädel rauchte, hab' ich ihn ins Wasser geschmissen. Meine Schuld is es nich, daß sie ihn wieder rausgeholt haben.« Der breite Mund schwelgt redselig in so holden Jugenderinnerungen.

»Und warum das?«

»Warum? Ja, er is mir bei 'ne Dirn in die Quere gekommen.«

»Darum? Darum gleich Mord und Totschlag? Tut man denn das?«

»Ja, tut man das nicht?« Die alte selbstverständliche Naturkraft blitzt aus den rotgeränderten blauen Augen. Natürlich! Weswegen denn sonst mordet ein rechter Mann!

Als die gesuchte Ablenkung hat sich nun doch nicht die blaurote Narbe von Jochen Elvers erwiesen. Die Fischdampfer kommen wieder an die Reihe. Dann steht Vater Elvers auf, es ist die Zeit, Benno mit dem Boot wieder in Empfang zu nehmen.

Es zuckt Joachim in allen Gliedern, den Alten zu begleiten. Aber der letzte Ruck wirft ihn zurück. Dem Jungen nachlaufen – und der Frau – der Frau und dem Jungen – nein, Joachim!

Mit einem zornigen Eifer vertieft er sich in die Fischereiangelegenheit. Bruder Andreas führt sich dankbar hellhörig die neuen Gedanken und Anregungen zu Gemüte.

Zwischendurch wieder das Schweigen, wie diese Wände hier es gewohnt sind. Und aus der Stille heben sich dann Gestalten – die Frau, der Junge und dann die beiden andern, die Verhaßten –

Der Junge kommt ja her und holt dich! Natürlich! Er hört von Jochen, daß du hier bist. Er holt dich ab, und sie beide gehen wieder zur Mutter. Die andern fahren am Abend wieder in die Stadt. Das will ich dem Herrn auf dem Kutschbock gönnen, daß er zum Abschied der Frau am Fenster seine Fahrkunst zeigen darf. Denn – der Abend gehört mir.

Froh und innig schlägt sein Herz. Mit einer Fülle von Ideen überströmt er den Bruder. Kaum kann dessen Dankbarkeit den Reichtum fassen und bergen.

Joachim wartet – noch ist er seiner Sache gewiß – und weiter sprudelt der Quell –

Dann schweigt er. Andreas hat genug in sich zu verarbeiten. Die Dämmerung schleicht, der Abend sinkt. Joachim springt auf. Er wartet nicht mehr, er hat heute nichts mehr zu erwarten.

Der Tag mit dem strahlenden Beginnen – wie grau und elend er verendet. Nicht grau. Der Abendhimmel loht. Da ist ein Streif, blaurot, wie die Narbe des alten Recken, des blutfrohen Schlagetots. Und durch Joachims Hirn geht es wie ein Sausen von Rede und Gegenrede, die er mit dem Alten gepflogen – »ist mir bei einer Dirn in die Quere gekommen« – »und darum Mord und Totschlag, tut man denn das –?« – »ja, tut man das nicht –!« – – –

 

Falkners Regiment hub an in dem Gymnasium von Sankt Jürgen.

Der erste Morgen der neuen Zeit fand alle Klassen in der Aula versammelt. Ministerialrat Doktor Falkner, der sich herabgelassen hatte, hier eigenhändig das Direktorium zu übernehmen, hielt seine Ansprache. Ihr Leitwort, ihr Auftakt und Ausklang war so. Ein böser Spruch, den bisher die Erziehungslehre im Wappen führte. »Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen.« Diese alte Inschrift, die auf dem Giebelfeld der Schulanstalten prunkt, mit stählernem Meißel muß sie ausgemerzt werden. Freunde der Jugend sind wir, nicht ihre Schinder!

Eine Bewegung rollte durch die Reihen der Jungen. Dies Wort schlug ein. Das rechte Schlagwort, an dem die Knabenherzen sich entzündeten. In Hans Weinholds empfänglichem, leicht befruchtetem Gemüt blühten Hymnen auf, die den Lichtbringer, den Sonnengott feierten, den Ormuzd, den Mithra, den Osiris, den Dionysos, den Balder. Und suchte sich die schwersten Worte für die schwersten Reime.

Dann ging es in die Klassen. In all den Schlingelherzen läuteten Feiertagsglocken. »Ein Bockbierfest!« so bezeichnete Professor Schruff die Stimmung.

Die, die ihren Strang nicht weiter zogen, fielen der Ratlosigkeit anheim. Es wurde gemütlich gefaulenzt.

Aber einer war da, dem wuchsen die Schwingen von Tag zu Tag, und sie trugen ihn in rastlosem Flug. In leidenschaftlicher Arbeit schuf er, ganz für sich allein, Einhart Steffensen. Nicht in tote Rubriken, in sein eigenes Erkennen, Verstehen, Mitfühlen trug er die seelischen Regungen seiner Zöglinge ein. Zwischen jedem einzelnen und sich spann er mühsam, gütig, geduldig, besonnen und warmblütig die Fäden. Er gab ihnen die weite Freiheit, und sie verflogen und zerflatterten ihm nicht. Denn das Herz war, was sie hielt. Aber nicht müde durfte er werden, seines Wesens ganze Innigkeit auszustrahlen. So fing sie an, sie, die Freude des schaffenden Wissens, um sie alle das Band zu schlingen.

Noch war es in den Anfängen. Aber schon hätte er etwas zeigen können. Hätte nicht auch der alte Herr, Kornelius Boldewiek, daran seine Freude gehabt? Und auch Joachim – er vor allen!

Merkwürdig, daß er zuletzt erst an Falkner dachte. Ganz zuletzt an ihn. Aber auch dieser – sicherlich – würde und sollte es sehn. War dies hier nicht seines Geistes –?

Priesterlich war er entflammt. Er hatte seine Sendung, eine hohe und frohe Botschaft glühte in ihm.

Im Amtszimmer des Direktors stand der Schuldiener Peter Huswädel vor dem neuen Befehlshaber und nahm dessen Aufträge entgegen. Als Falkner zu Ende war, zauderte er noch. »Nun?« fragte der Herrscher.

»Ich habe – ich möchte Herrn Direktor noch einen Augenblick um Gehör bitten.«

»Was gibt's?«

»Es handelt sich um einen Schüler der Anstalt. Ich muß – ich hab' über ihn Beschwerde zu führen.«

Das Langsame, die unbeholfene Trächtigkeit des Klägers empfahl ihn nicht bei Falkner, dessen lebhafter Geist nicht wußte, wohin.

»Ja, ja – ich höre!«

Das Tempo wurde beschleunigt. Der Beschwerdeführer ging mitten in die Dinge. »Der Obertertianer von Treutlien macht unziemliche Annäherungsversuche an meine Tochter.«

Fürchterlicher Ernst stand in den harten, eckigen Zügen. Zart und tastend wählte er die Worte, als hätten sie die Macht, schreckliche Tatsachen zu bannen. Er wollte – wollte nur an einen Versuch, an bloße Versuchung glauben. Wie sein Kind es ihm geschworen hatte. Konnte sein Fleisch und Blut lügen?

Falkner war hellhörig geworden. Benno, der Schlingel! Jetzt war er ganz bei der Sache.

»Darf ich Herrn Direktor bitten, diesen Brief zu lesen? Den ich bei meiner Tochter gefunden habe.«

Adalbert las: »Bettina, mein Mäuschen – sitzt immer im Häuschen – kommst nie mehr heräuschen? Ich hätte Dir soviel Schönes in den Mund und ins Ohr zu sagen. Wissen sollst Du, wie gut ich bei Laura gelegen habe. Und sollst selbst davon profitieren. Also, kleines Mägdelein, vertrau' Dich getrost weiter meiner Führung an. Benno, Deine Bonne.«

Fieberhaft zehrend liegen die großen Augen des schweren Mannes auf den Mienen des Lesenden. Die blieben leicht und liebenswürdig angeregt. Und jetzt lächelten sie gar.

»Sie haben die eine Stelle unterstrichen?«

»Ja.« Die ganze Schicksalswucht war in diesem Wort.

»Über das ›gut bei Laura gelegen‹ kann ich Sie beruhigen. Das ist Börsenjargon. Der Junge hat glücklich in Laurahütte spekuliert.«

Eine Last wälzte sich von den keuchenden Lungen des Vaters. Aber das, was Falkner hinzufügte: »und in diesem ganzen kindlich dalbernden Ton des Briefes haben Sie doch die Gewähr für die Harmlosigkeit,« überzeugte den Hörenden ebensowenig, wie der Sprechende im Grund daran glaubte. Und neue Bedrängnis warf sich auf das Vaterherz. ›Du sollst selbst davon profitieren‹ stand jetzt in Flammenschrift vor ihm. Er suchte nach Worten.

»Börsenspiel – ich weiß nicht, Herr Direktor, wie Sie über Börsenspiel denken – aber das Börsenspiel von Schuljungen« –

»Nach Ihren aufgeschreckten Augen zu urteilen, lieber Huswädel, denke ich wahrscheinlich anders darüber als Sie.«

Hier war es, das Neue, das Leichtfertige, das Böse, ja das Böse, dem er, Peter Huswädel, Kampf angesagt hatte. Kampf auf Leben und Tod, da es jetzt in sein eigenes Haus einbrach. Und es galt, Farbe zu bekennen. Der Vorgesetzte sollte sehen, daß er einen Mann von Charakter vor sich hatte. Der sah es. Aber es bewegte ihn nicht tief, was Peter Huswädel ihm bekannte: »Ich kann mir nicht helfen – nach meiner Meinung wäre keine Strafe dafür schwer genug.«

»Also Prügel.«

»Meinetwegen auch Prügel.«

Das Lächeln, das über das Gesicht des neuen Herrn funkte, schätzte er richtig ein, aber es schreckte ihn nicht. Und er blieb unverwundbar vor jedweder Ironie.

»Ja, lieber Freund, wir zwei beide können hier jetzt keine Konferenz über Erziehungsmethoden abhalten.«

Standhaft und stur blieb Peter Huswädel:

»Darf ich fragen, was Herr Direktor nach dem, was ich hier vorgebracht habe – was Herr Direktor mit dem Obertertianer Treutlien zu tun gedenken?«

»Gar nichts, mein Verehrtester.«

»Gar nichts?«

»Jedenfalls nichts Plötzliches und Unmittelbares.«

»Sein Verhalten ist nicht gegen die Schulordnung?«

»Nein.«

»Auch nicht gegen die Hausordnung? Ein weibliches Wesen hier im Hause galt von jeher als Rührmichnichtan. Ich erinnere mich noch – vor drei Jahren – meine Frau lebte noch – da hatten wir ein junges, hübsches Dienstmädchen. Einer der Primaner knüpfte im Hausflur eine Unterhaltung mit ihr an. Das wurde als Verstoß gegen die Sitten geahndet. Der Schüler bekam Karzer –«

Falkner war schon über die Redseligkeit des alten Mannes ungeduldig geworden. Jetzt lachte er hell auf. »Um des Himmels willen! Ja, lieber Huswädel, früher, was gab es da nicht alles! Wir hatten auch mal Hexenprozesse und Spießrutenlaufen.«

»Dann bleibt mir also nichts anderes übrig,« – Huswädel reckte sich auf – »als selber in meinem Hause gründlich nach dem Rechten zu sehen.«

»Das kann Ihnen natürlich niemand verwehren. Aber – wenn ich Ihnen raten darf – es handelt sich hier um zerbrechliche Gegenstände. Die man jedenfalls nicht heftig anpacken soll. Wenn Sie das beherzigen wollen, halte ich es fürs Beste, daß Sie sich selbst mit dem jungen Treutlien einmal aussprechen. Offenheit! Ich will gern in der Zwischenstunde den Jungen zu Ihnen schicken. Ist es recht so?«

»Ich danke Ihnen, Herr Direktor. Ja, ich will mit ihm sprechen.«

Huswädel ging. Für die Not und Qual des Mannes, die in den großen Augen klagte und stürmte und aufbegehrte, hatte Adalbert Falkner keinen Sinn. Väterliche Pathetik nannte er so was. Die Virginius und Odoardo lagen ihm nicht.

* * *

 

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