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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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»Kann ich nicht mit, Vater?« fragte Betti Huswädel zum zweitenmal. Unter »Rhythmus des Lebens« witterte sie ganz was Besonderes, und es zog sie mit Macht zu dem Vortrag hin.

Aber auch Vater Huswädel hatte seine Witterung. Natürlich war die ganze moderne Schulbewegung seinem alten, braven Unteroffiziersherzen ein Greuel. Und von allem, was diese Freiheitshelden schrieben und redeten, hielten verständige Väter ihre Kinder fern. Schlimm genug, daß ihn selber so etwas wie eine Amtspflicht zu dem Schrecknis dieses Vortrags führte.

»Du bleibst zu Hause und übst. Wenn ich wiederkomme, spielst du mir die Mozartsche Sonate vor.«

Vater Huswädel war ein leidenschaftlicher Musikfreund. Er kannte keine Noten, aber er hatte ein gutes, reines Gehör. Wenn er sich allein wußte und ganz unbeobachtet, machte er sich verstohlen an das Instrument, legte treuherzig die schweren, steifen Finger auf die Tasten, und leise weckte er die Töne auf – zusammenschrak er, wenn sie lauter anschwollen unter der wuchtenden Hand. Wie seine heimliche Geliebte war das Klavier.

Und nun schlich die kleine Betti wie ein eingesperrtes Kätzchen durch die Schuldienerwohnung. Unmutig reckte sie die schmalen Schultern. Viele von den großen Schülern würden da sein. Auch Benno gewiß. Wie gut hätte es sich mit dem liebäugeln lassen.

Verliebt ist der Junge – sie stellt sich vor den Spiegel. Was er manchmal für verrückt geschwollene Redensarten braucht. »In Ihren Augen ist das fragende Ungeheuer!« Der Schafskopf.

Und doch kein Schafskopf, ganz gewiß nicht. Das fragende Ungeheuer – das klingt nach was und ist wohl auch was. Und es ist sein Ernst, und er macht zugleich sich darüber lustig. Und eine Frechheit ist es auf alle Fälle. Sie kroch in sich zusammen und erschauerte wohlig.

Unter allen Umständen aber hat er seine schätzenswerten Eigenschaften. Als Wettbüro. Vorgestern hat sie ihm einen Teil ihrer Ersparnisse eingehändigt. Er hat damit auf ein Hoppegartener Pferd gesetzt und ihr den zehnfachen Betrag zurückgegeben. So einen Freund kann man brauchen in diesen Zeiten drangvoller Kümmernis.

Daß sie diesen Stubenarrest haben mußte! Wieder reckte sie sich zornig, und dann wurde ihr naschhaft zumute. Vielleicht findet sich in der Speisekammer noch ein kleiner Zungenschmatz. Abgeschlossen! Was fällt dem Vater nur ein! Ist dieser Schlüssel nun auch auf den großen Ring gewandert! Und mit all den andern im Sekretär eingeschlossen!

O du heiliges Familienleben! Sie sah in dem Wohnzimmer sich um. Diese gehäkelte Sofadecke erregte ihre Wut. Die ganze philisterhafte Enge drückte ihr die Kehle ein.

Sie hatte keine Romantik, nichts von den »historischen Sehnsüchten« – sonst hätte der alte, kleine, innere Klosterhof, auf den die Fenster der Wohnstube blickten, sie versöhnen müssen. Hier steht eine alte, einsame Linde, hoch genug, in dem engen, mauerumhegten Raum sich die Sonne vom Himmel zu holen. Ein alter Ziehbrunnen von unermeßlicher Tiefe träumt unergründlichen Traum, und der Efeu an den ganz besponnenen Mauerwänden, ein Zeitgewebe ist er endlos reicher Vergangenheiten.

Ihr aber ist dies alles nur ein Gefängnis. Und nur angemessen dünkt es sie, daß ruchlos praktische Hände den kleinen Kreuzgang, der aus dem stillen, besonderen Refektorium in den Garten führt, mit Bretterverschlägen in einen Kohlenstall verschandelt haben.

Sie fliegt in die beste Stube und blickt auf die Straße. Da huschen noch ein paar Gestalten – verspätete offenbar – in der Richtung nach der Tonhalle zu dem großen Ereignis des Tages. Und sie – sie muß hier hinter Gittern sitzen!

Üben soll sie. Zu spaßen ist mit dem Vater nicht. Aber sie trommelt nur ihren Ärger, ihre Pein auf die Tasten. Und läuft dann wieder ans Fenster.

Verlassen die Straße. Jetzt hat der Vortrag begonnen. Alle Welt ist jetzt versammelt in dem großen Saal.

Da – kommt jemand um die Ecke. Ist das nicht Benno? Natürlich ist er's! Wer sonst! Wollte er nicht auch zu dem Vortragsabend? Aber er ist nun mal die ewige Überraschung.

Schon hat er sie erspäht. Sie bekommt seinen zärtlichsten Blick. »Guten Abend. Ich geh' doch lieber zur Schule – wenn keine Schule ist.«

»Sie wollten doch heut abend –«

»Da Sie auch wollten, ja. Aber eben bin ich Ihrem Vater begegnet – allein. Da dacht' ich, warum soll meine alte Dame es besser haben, und hab' sie auch allein gehen lassen. Du sollst Vater und Mutter verlassen.«

Wie immer wehrte sie sich erst gegen ihn, nur um sich noch fester in seine Art zu verfangen. Ihre Augen lachten.

»Kommen Sie!« lockte er. »Wir wollen 'n schönen Abendspaziergang machen.«

»Ich darf nicht. Kann auch nicht. Eingeschlossen.« In halbem Schmerz rüttelte sie an den Gitterstäben, die die Fenster des Erdgeschosses sicherten.

Benno, der Welt- und Frauenkenner, nickte zufrieden. Dieser Vater Huswädel! Einen besseren Helfer konnte er sich nicht wünschen. Der soll nur so weitermachen.

»Ja – da werde ich zu Ihnen hineinkommen müssen.«

Sie fühlte sich in Sicherheit. »Wie Sie sich das denken!«

Durch das Gitter konnte er nicht. Aber ein Dachrinnen- und Fassadenkletterer verzagt nicht so leicht. »Das Ding werden wir schon drehen. Ich komme auf den Hof.«

Sie glaubte es nicht. Aber eine leise Furcht packte sie doch. »Dummes Zeug.« Die Fenster nach dem Hof – die waren nicht vergittert.

Sie glaubt es nicht. Aber schon macht er sich auf den Weg. Am Blitzableiter klettert er über die Mauer.

Angst, Neugier, ein zitterndes Verlangen – das ist mehr als alles Widerstreben – sie geht in das hintere Zimmer – da ist er schon munter auf den Hof gesprungen – klopft sich den Staub von den Knien und zieht grüßend die Sportmütze.

»Hier sind die Fenster ohne Gitter,
Sie öffnen sich dem treuen Ritter,«

dichtet er sie an.

Sie schüttelt lebhaft den Kopf und winkt ab mit beiden Händen.

»Gut. Dann bleibe ich hier stehen mitten auf dem Hof – auf einem Bein bleibe ich stehen – bis ich versteinere und in ein Naturalienkabinett komme. Oder in die Märchenbücher. Als Bruder vom standhaften Zinnsoldaten.«

Schon hat er das eine Knie gebeugt und steht auf einem Fuß, unbeweglich, starr, eine Bildsäule.

Sie läuft verzweifelt im Zimmer umher. Was ist dem verrückten Jungen alles zuzutrauen!

Er steht – immer noch auf dem einen Bein – und rührt sich nicht. Wie lange soll das dauern! Und wenn der Vater zurückkommt! Was bleibt ihr anders übrig, sie öffnet das Fenster, nur einen Spalt, und ruft hinaus: »Jetzt seien Sie vernünftig!«

Der Junge tut ihr auch leid in dieser quälenden, unerträglichen Stellung. Aber was sie bannt, sie unterwirft, ist seine Willensstärke – seine tödliche Entschlossenheit.

Der Spalt scheint ihm nicht zu genügen. Weiter macht sie das Fenster auf. »Wollen Sie das jetzt endlich sein lassen!«

»Auf ›sein lassen‹ reimt sich ›reinlassen‹!« Er sitzt schon auf dem Fensterbrett – springt in die Stube, schlingt die Arme um sie. »Daher der Name Rhythmus des Lebens!« ruft er laut und packt ihren Mund mit den Lippen.

 

Die Zuhörerschaft im großen Saale der Tonhalle eine lückenlose, kompakte Masse, festgefügt in Spannung, lautlos gebannt von dem klingenden und auch geistig zwingenden Wort des Redners.

Falkner war einer von den Sprechern, die nicht los und locker lassen. Alles ging mit ihm und blieb bei ihm, die, die er gewann und gleichermaßen die, die ihm widerstrebten. Er hatte die Technik, in dem allzu gleichmäßigen Fluß der Rede, daß er nicht einschläfere, kleine Stockungen sich kräuseln zu lassen – wie Improvisationen wirkten sie, die erst suchend, schürfend, bildend aus Worten das Wort sich schufen – Fortinbras freilich hatte sie in Verdacht, daß sie wohl vorbereitet und einstudiert waren. Aber gleichviel, der Inhalt nahm auch ihn gefangen und forderte seine ganze Spannkraft.

Unwillkürlich hatte er nach Frau von Treutlien gesucht. Sie hatte einen Platz eingenommen, daß er sie nicht sehen konnte. Das war ihm lieb, nun zog ihn nichts von dem Gegenstande ab.

Nur auf seine Zöglinge warf er dann und wann einen Blick. Es waren nicht eben viele gekommen – schon den ganzen Tag Schule und dann abends noch einen Vortrag über Schule! dachten ablehnend die meisten. Und da gerade die neue Richtung volle Entschlußfreiheit betonte, machten sie lieber etwas anderes. Draußen der Maiabend gab ihnen mehr. Falkner aber war sich gewiß, daß er in kürzester Zeit solche Gleichgültigkeit und Sprödigkeit bezwingen würde.

Dibrand und Bernhard waren zur Stelle. Von den Kleineren wohl nur ein paar Wichtigtuer und neugierige Frechlinge. Die Jungen hatten den Erwachsenen die Sitzplätze lassen müssen, sie standen im Hintergrunde und an den Wänden.

Von den Einwohnern der Stadt aber war alles erschienen, was Beine und was Kopf hatte – die letzteren wie überall in der Minderzahl, vorherrschend die, die darauf zu laufen wußten, die überall dabei sein wollten, die Neuheithascher und Sensationssucher. Und alle kamen sie auf ihre Kosten, durch alle strömte das prickelnde Fluidum.

Ein Prophet reckt sich der Redner vor ihnen auf und zeigt ihnen das neue Land. Anklagend, fordernd, befeuernd.

Einem Moloch hat bisher die Schule geopfert, der unendlich viele verschlungen, unendlich viel vernichtet hat: dieser Götze ist das Schema. Dieselben Pensen in ewiger Wiederkehr, für dieselben Zeiten, für dieselbe Stunde! Ein Mord an dem Geiste, an der Seele der Kinder. Die nicht nur untereinander grundverschieden sind, jedes eine Eigenheit für sich – von denen auch jedes einzelne nicht zu jeder blinden, mechanisch angesetzten Stunde das gleiche an Aufnahmefähigkeit, an Kraft der Leistung, an Tätigkeit des Sinnes und der Sinne mitbringt, an Begabung mit einem Wort, die ganz und gar kein Dauerzustand ist.

Was weiß die Pädagogik von den menschlichen Gezeiten? Wenn aber wer davon wissen muß, so ist sie es!

In rhythmischen Wellen pulst die Zeit durch jeden menschlichen Körper. Die Wissenschaft hat festgestellt, daß sich die männliche Substanzeinheit alle dreiundzwanzig, die weibliche alle achtundzwanzig Tage erneuert. Es gibt nicht nur eine weibliche, es gibt auch eine männliche Periodizität.

Und nun wird so ein armer Junge Tag für Tag, Stunde für Stunde, ohne Rücksicht auf das, was in seinem Leibe, in seinen geistigen und seelischen Funktionen vorgeht, mit demselben Maß gemessen. Das außerdem nicht allein für ihn, das für viele Hunderte als eiserne Norm festgestellt ist. Starr und unerbittlich bleibt das Examen, starr und unerbittlich seine Stunde, sein Pensum.

Und was hat die Forschung uns inzwischen alles enthüllt! Weiß man auf unseren Lehranstalten nichts vom Familienkörper? Von der dauernden organischen Zusammengehörigkeit aller Glieder einer Familie, die wie Zweige eines Baumes sind, durch die dieselben Säfte kreisen? Mit denselben Trieben, demselben Steigen und Sinken? Demselben Drängen und Zögern? Demselben Rhythmus mit einem Wort.

Daß die Kinder Schößlinge sind an dem Gewächs der Familie, daß in ihnen allen der gleiche große Wechsel kreist und wirkt von guten und schlechten Tagen, von Leiden und Wohlsein – das ganze Geschehen des Stammes bebt durch die kleinen Körper, seine ganze Geschichte – so kann der Tag, die Stunde von dem Tode eines Ahnen auf dem Wohlbefinden eines unserer Zöglinge lasten!

»Nicht besser kann ich diese Materie bis auf den Grund erleuchten als mit den Worten eines bahnbrechenden Forschers: Sind Schulknaben besonders dumm oder ungezogen, so liegt die letzte Ursache vielfach außer ihnen, und ich kenne ein ›Ordnungsbuch‹, wo die Daten der Tadel zugleich die Daten der mütterlichen Periode sind.

Müssen wir nach alledem nicht zugeben, daß das bisherige starre System unserer Zensuren, unseres Tadels, unserer Auszeichnungen, unserer Strafen ebenso unzulänglich wie – ich kann mir nicht helfen – grausam, ungerecht, fast könnte man sagen verbrecherisch ist gegen die zarte Psyche des Kindes?

Über diese zu wachen ist unseres Amtes Inbegriff. Ihre Schwingungen zu beobachten muß des Lehrers erste Aufgabe sein. Wie ihre Rhythmen in den Vorstellungskreisen, der Sinnestätigkeit, den schöpferischen Regungen, der Reproduktionsfähigkeit des einzelnen, auch in seinem gruppenpsychologischen Verhalten sich auswirken, dürfen wir nicht müde werden zu verzeichnen. Die Gefühlswelt des Schülers muß uns bis ins feinste vertraut sein, mit allen Fasern müssen wir auf den Ablauf der Gefühle bei ihm lauschen – sonst finden wir niemals zu ihm den Weg!

Wahrlich, eine ganz neue Welt ist die Schule geworden. Eine Welt des Lichtes, sie, die bisher im Finstern lag. Die Flammen der Morgenröte zucken auf. Wir grüßen den Tag. In der Sonne werden wir wandeln.«

Die großen Worte hallten aus in einer langen Pause. Sie taten schon ihre Wirkung, überrumpelten die Masse durch den ersten Schwall, weckten erst langsam in den wenigen ein Widerstreben gegen die Verwunderung, riefen das Nachsinnen, die ernste Prüfung. Der Redner störte wohlweislich diese trächtige Pause nicht. Erst als die gebannten Reihen in flüsternder Zwiesprache sich zu lockern begannen, nahm er wieder das Wort zu der Bitte: »Darf ich jetzt eine Diskussion eröffnen? Für jede Frage, für jede Einwendung bin ich dankbar.«

Ein Schweigen – ein Zaudern. Dann erhebt sich wuchtig der Bürgermeister. Hoch reckt er den runden, kurzgeschorenen, massigen Kopf, sein Stiernacken glänzt. »Meine Damen und Herren, ich darf für mich und nicht nur für mich allein das Bekenntnis einer großen Genugtuung, ja einer erhebenden Freude aussprechen. Hier ist uns der Weg gezeigt, der aufwärts führt in die Höhe. Daß unsere Jugend ihn einschlägt, darin liegt das Heil unserer Zukunft beschlossen, daran haben wir alle mitzuarbeiten, dafür werde ich für mein Teil meine ganze Kraft einsetzen. Und mit ganz besonderer Freude begrüße ich es, daß unser Gymnasium von den führenden Geistern im Kultusministerium dazu ausersehen ist, als eine Art Musteranstalt die Fackel zu entzünden, die weithin ins Land leuchten soll.«

Hier war der Geist der Agitation entflammt, lauter Beifall ertönte – die anders Gesinnten hielten sich zurück, duckten sich, beschränkten sich auf Kopfschütteln und Gemurmel.

Ihre Augen wandten sich auf Kornelius Boldewiek.

Der saß still versunken da, begraben von einer verschütteten Welt. Er war nie ein Mann der Arena gewesen. Hier aber auf den Plan zu treten – wie nutzlos kam es ihm vor, wie ungeeignet dafür erschien er sich selbst. Er fühlte nur, daß seine Zeit um war.

Da erhob sich Joachim Braß. »Herr Schulrat Falkner hat um Einwendungen gebeten. Die hab' ich allerdings zu machen. Und in größerer Zahl.«

Alles horchte auf. Jetzt gab es Kampf. Wie spannten sich die Nerven! Und ein Lehrer zückte die Klinge gegen den Vorgesetzten! Die Schauer einer neuen Sensation.

Alle musterten die beiden Kämpfer. Prüfend lagen die Augen auf den Gesichtszügen des Schulrats. Mit liebenswürdigem Gleichmut waren sie dem Gegner zugewandt.

»Für Herrn Ministerialrat Falkner ist die neue Schule, wie er sie sieht und will, eine Welt des Lichts. Für mich ist sie das Gegenteil.«

Die glatte, scharfe Kampfansage. Durch die Reihen zittert eine Bewegung wie über ein Kornfeld. Die Nacken straffen sich, und ganz groß werden die Augen.

»Licht ist Sammlung. Hier aber ist die Auflösung, die Zerfaserung, die Zersetzung schlechthin. Und damit gerade das Dunkel, das Herr Falkner überwunden haben will. Was ist der Junge in Zukunft für mich? In eine Unendlichkeit von sogenannten Rhythmen zerfällt der arme Kerl. Und diese Rhythmen sind nicht einmal alle seine eignen, sie kreisen auch außer ihm. Wir haben als Entdeckung des bahnbrechenden Forschers vernommen, daß die Frische und Leistungsfähigkeit eines Jungen abhängig sei von den Störungen des mütterlichen Wohlbefindens. Nun aber sind wir vorher darüber belehrt worden, daß es so gut wie eine weibliche auch eine männliche Periodizität gibt. Und so muß ich zunächst einmal die Frage stellen: sind Schulknaben männliche Individuen oder nicht? Sind sie das aber, so sollen sie doch ihren eigenen männlichen Rhythmus haben! Wie verhält es sich nun mit dem? Ist dieser eigene Rhythmus denn nicht ausschlaggebend für das Leben, für die Lebensäußerung des Knaben? Soll der eigene Rhythmus sich unterordnen dem doch immerhin anders gearteten weiblichen eines anderen Zweiges des sogenannten Familienbaums? Oder wie verhalten sich diese verschiedenen Bewegungskreise zu- und gegeneinander? Wie wirken aufeinander die verschiedenen einzelnen Zweige: Mutter, Vater, Schwestern, Brüder? Alle Glieder des einen Familienbaumes von seinen Säften gespeist, organisch miteinander verwachsen – jedes beeinflußt das andere, indem es zugleich wieder von ihm beeinflußt wird. Wieviel Rhythmen sind hier, und wie klingen sie zusammen? Die neue Forschung, von der Herr Falkner spricht, hat außerdem bekanntlich festgestellt, daß die Zelle eines jeden Lebewesens aus zweierlei Substanzeinheiten, männlichen und weiblichen, aufgebaut ist. Heißt also, das Individuum ist doppelgeschlechtlich – in der Weise, daß die eine Seite in ihm so oder so überwiegt – danach würde jeder ursprünglich und von selbst einen Doppelrhythmus in sich selber tragen. Womit denn das, was schon unendlich war, nun noch glücklich verdoppelt ist.

Und jetzt vergessen wir das eine nicht: diese geschlechtlichen Periodizitäten sind es durchaus nicht allein, die in der Lebensfunktion des Menschen sich auswirken, die sein Befinden, seine Aufnahmefähigkeit, seine Leistungskraft in Mitleidenschaft ziehen. Noch anderen Rhythmen ist er unterworfen. Da sind die Maße, die Zeiten, die Bedingungen des Pulsschlages und der Atmung, des Schlafens und Wachens, der Nahrungsaufnahme und Verdauung. Wer weiß nicht, welche Bedeutung diese Rhythmen, verschieden bei den verschiedenen Einzelwesen, für unser Leben, unsere Arbeit haben! Sind sie weniger bedeutsam als die geschlechtlichen?

Rhythmen und Perioden ohne Ende – wer soll die Wellen dieser zahllosen Kreise in ihrer Wirkung verfolgen und richtig abschätzen? Und nun denke ich als praktischer Schulmann an unsere hundertköpfige Zöglingsschar. Hundert Einzelne – und jeder Einzelne an sich schon ein unentwirrbares Konglomerat von Rhythmen und Perioden! Schließlich nichts als ein großer Entschuldigungszettel seiner selbst, dessen Millionen Rubriken ich auszufüllen und im Kopfe zu behalten hätte, deren Wirkungskreise, deren Bedeutung, deren Tragweite ich ausrechnen und bewerten müßte.

Jetzt aber sind in der Schule nicht bloß Schüler, auch Schulmeister sind da. Und bitte – ich selbst bin gefälligst auch ein Problem. Wir Lehrer sind doch auch sozusagen Lebewesen. Auch wir haben diese unendlich vielen Rhythmen im Leibe, die mit all ihren Wirkungen ewig gegeneinander branden, sich vermischen und durcheinanderwirbeln. Zunächst hätte ich mich einmal selbst zu kontrollieren, in Millionen von Kolumnen über mich selber Buch zu führen. Und dann verwirrt von mir selber hineinzutaumeln in diesen großen Hexenkessel einer chaotischen Rhythmenverschlingung, die meine Klasse vor mir aufführt. Das soll meine Klasse, das soll die Schule sein!«

Jetzt zum Schlußwort richtete er sich auf zu voller Höhe, und eine ehrliche Schwungkraft trug ihn empor.

»Wenn ich von Lebensrhythmus und Schule höre – ein anderes Bild stellt sich mir vor Augen als der Lehrer, der Hunderte von Listen zu füllen hat und Tausende von Kurven zu ziehen, die im Grunde weder er noch irgendein anderer verstehen – oder verwenden kann. Ich sehe ihn von eigenen innigen, ehrlichen, geistigen Erlebnissen bewegt, durchströmt von der seelischen Freude sie mitzuteilen, die sich auswirken muß. Der Rhythmus beginnt zu schwingen. In gleichem Takt setzt der Herzschlag seiner kleinen Hörer ein, in den gleichen Schwingungen atmen sie, zusammen leben und schaffen sie in einer lebendigen Welt und schaffen an einer Welt. Die Empfangenden geben und der Gebende empfängt. Kann das Individuelle, das Persönliche – worauf es uns ankommen soll – kann es sich irgendwo mehr und besser ausleben als in dieser Gemeinschaft der Schaffenden? Das und nichts anderes ist für mich der Lebensrhythmus in der Schule.«

Eine Stille, atemlos – von entflammten Augen durchleuchtet – wie vielen hatte er aus der Seele gesprochen! Die »Unentwegtheit« der Neuerer freilich half sich mit hochmütigem Achselzucken. Der Herr Bürgermeister murmelte Schlagwortartiges vom »geistigen Rüstzeug der Reaktion«.

Der Schulrat selbst, von der Gefährlichkeit dieses rücksichtslosen Gegners betroffen und nicht geneigt, weiter die Klinge mit ihm zu kreuzen, rettete sich, wenn auch nicht mühelos, in eine freundliche Überlegenheit. Er sagte: »Ich danke dem Herrn Kollegen Professor Doktor Braß für seine Stellungnahme. In den warmherzigen Worten seiner Schlußbetrachtung finde ich nichts, was meine eigene Auffassung nicht freudig unterschreibt. Im übrigen sind jedoch von seinem Standpunkt zu meiner Weltanschauung (Standpunkt und Weltanschauung!) noch verschiedene Brücken zu schlagen. Das eine aber möchte ich betonen. Die großen, die ungeheuern Schwierigkeiten der minutiösen individuellen Behandlung der Zöglinge, von denen Herr Professor Braß sprach, verkennen wir durchaus nicht. Aber sie schrecken uns nicht, im Gegenteil, sie feuern uns an! Sie beflügeln uns! Wir werden sie überwinden. Das hohe Ziel ist unser hoher Lohn!«

Das war ein Wort! Bravo! dröhnte der gewaltige Vater der Stadt. Und seine Gefolgschaft klatschte laut und leidenschaftlich.

Joachim mußte im stillen lachen. Der Mann versteht seinen Kram! Ich drücke ihn an die Wand – und er, mit so gewonnener Rückendeckung, spielt den Sieger.

Aber was lag ihm, Joachim, an der Publikumswirkung! Und mit dem da oben würde er nun im Engeren wieder zusammentreffen. Hart auf hart würde es gehen, an ein Ausweichen war da nicht zu denken.

Was ihm selber aber daraus erblühen würde? Er sah, da die Versammlung jetzt auseinanderging, den schrägen Blick des Stadtgewaltigen, des Vorsitzenden vom Schulkuratorium. Dieser Bulle zeigte alle Lust, ihn auf die Hörner zu nehmen.

Kampf – Kampf – nun gut! So erst freut einen das Leben. Und – »das hohe Ziel ist unser hoher Lohn« – mit und ohne Jambenpathos hat das Wort seinen Wert!

Kornelius tritt zu ihm. Ein Junges leuchtet in den ermüdeten Augen auf. Er drückt Joachim die Hand. »Unberührt abgestochen haben Sie! Sie werden ihn auch weiter zudecken. Und ich kann mich beruhigt zur Ruhe begeben.«

Blicke der Achtung, der Zustimmung, der Scheu, der Feindschaft treffen ihn aus der Menge.

Ein Augenpaar lag auf ihm, groß, klug, suchend und leuchtend. Aber in dem Leuchten war keine Gewißheit aufgeflammt, kein freudiges Zustimmen. Einhart Steffensen blickte Joachim voll ins Gesicht. Aber er hielt sich zurück. Und ihn vor allen hätte Joachim gern an seiner Seite gehabt.

Dessen Antwort – ja, eine Abfertigung möchte man es nennen – hatte Falkner für Einhart verdient. Immer mehr war es dem reinen und feinen Gefühl des jungen, wahrhaftigen Herzens aufgegangen: dem, was wir wollen, um was wir ringen, was uns tragen und führen soll auf die Höhe, die wir sehen und die wir haben müssen, dem ist in diesem Manne nicht der rechte Prophet beschieden. Der die kleinen Künste des Bluffs handhabt und die Kniffe persönlichen Rattenfängertums. Die »sieghafte Persönlichkeit« – hatten die leitenden Männer in ihm sie erblickt? Daß sie ihn als Eroberer ausziehen ließen in die Welt? Mußten sie ihm das Flammenschwert in die Hand geben – das ihm zuerst dazu dient, einen Glorienschein um das eigene Haupt zu schwingen!

Warum bist du, Joachim Braß, nicht beheimatet in dem Lande, aus dem er kommt – und aus dem das Heil uns kommen wird, des bin ich gewiß! Du, der du nichts, nichts Inneres gemein hast mit diesem Pompösen! Du, in dem der reine Wille ist der innerlichen Kraft! In deine Hand gehörte dies Schwert!

Jetzt, wirst du vor dem, was dir zuwider ist, nicht noch feindlicher und trotziger dich verschanzen in unwegsamem Kampfgelände, wo keine Früchte wachsen können?

Nun sieht Joachim Frau von Treutlien, und sie sieht ihn. In Begleitung eines Herrn, den er nicht kennt, kommt sie ihm entgegen.

»Herr Potschinak, mein Klavierlehrer.«

Joachim starrt in die wirre Wildnis dieser aus allen Rassen der Welt gemischten Züge, dann erschrickt er fast vor den Augen, so unergründlich ist ihre Pracht. Die stört und beklemmt ihn. Erst durch die kleine, unscheinbare Gestalt mit der schlechten, schiefen Haltung und durch die Pockennarben des Gesichts wird er wieder versöhnt.

Wie zur Klarstellung fügt sie hinzu: »Herr Potschinak kommt jede Woche einmal zum Unterricht aus Berlin herüber.« Das trübt nun eigentlich mehr als es klärt. »Er ist der beste Bachspieler der Welt.«

Im Leben nicht! ruft es in Joachim, dem der Mann gerade sein Tatarenprofil zugekehrt hat. Linie bleibt Linie. Johann Sebastian – du reiner deutscher Bergquell im deutschen Waldesdom! Was hast du mit diesem Irrwisch von asiatischem Steppenreitersproß zu schaffen! Nur die Augen! Geschlitzt hätten sie sein müssen, aber sie sind das Gegenteil.

Und schon spricht Frau von Treutlien über den Vortrag. »Es ist für mich noch ein Rest geblieben,« sagt sie ehrlich. »Darüber spräche ich gern einmal mit Ihnen.«

Das verdrießt ihn, der gerne vor ihr, wie vor sich selber als Sieger gegolten hätte. Dann, nach seiner Art, ärgert er sich, daß es ihn verdrießt. Und so, in Ärger und Verdruß, rückt er weiter von ihr ab.

Er macht eine gemessene Verbeugung, sagt aber nichts. Da fühlt sie seine Ablehnung, wird verlegen, und springt auf eine Frage über: »Haben Sie meinen Benno nicht gesehen? Er ist mir wieder einmal auf der Straße abhanden gekommen.«

»Nein, gnädige Frau.«

»Im Grunde bin ich nicht unglücklich, daß er nicht hier war.«

Falkner kommt in Sehweite. Joachim verabschiedet sich und wendet sich Kollegen zu, die sich an ihn heranmachen.

»Glatt jekniffen hat er zum Schluß,« knirscht der Naturwissenschaftler mit seinem malmenden Mund.

Caligula von Loyola – wie Braß scherzend den Historiker nennt: »Weidwund ist er. Jetzt wird er sacht bei uns verenden.«

Der Astrologe aber holt sich Unheil aus den Sternen zusammen. »Dies ist ja erst der Auftakt, Kinder! Was wird uns noch der Schädel brummen. Und manch einem wird er auseinandergehen.«

 

Joachim nahm durch eine Querstraße allein seinen Weg. Nur einer hastete hier noch nach Hause: der Schuldiener Huswädel. Als der Professor ihn eingeholt hatte, grüßte er in Ergebenheit und wollte zurückbleiben.

»Kommen Sie nicht mit?« fragte Joachim.

»Wenn Herr Professor erlauben?«

»Ich möchte gern von Ihnen wissen, was Sie über den Vortrag denken.«

Huswädel reckte sich auf zu strammer Haltung und sagte ehrlich: »Angst und bange wird mir vor all dem Neuen. Glücklich, wer heute keine Kinder hat.«

»Dann sagen Sie doch lieber gleich, wer begraben ist!«

»Die haben es allerdings am besten.«

»Stop, Huswädel, so bald packen wir denn doch noch nicht ein.«

»Ja, Herr Professor sind noch jung – aber wir Alten! Ich habe immer unsern verehrten Herrn Direktor ansehen müssen. Wie er bei dem Vortrag immer mehr in sich zusammensank. Und wie er dann in die Höhe wuchs, als der Herr Professor in die Bresche sprangen und unsere Sache verfochten, daß die Fetzen flogen. Entschuldigen, Herr Professor, wenn ich unsere Sache sage –«

»Na, Huswädel, wenn Sie nicht zum Bau gehören!«

»Und was soll jetzt werden?«

»Krieg wird es geben, bis aufs Messer.«

»Gut!« Das alte Soldatenherz schlug. »Ich bedauere bloß, daß mir so wenig geistige Waffen gegeben sind – nicht mal ein Messer. Ist das eine Welt! Und meine Tochter wollte durchaus mit in den Vortrag! Es treibt mich nach Hause – als müßt' ich sie vor Unheil behüten!«

Er kam ins Laufen – ihre Wege trennten sich sowieso hier an der Ecke. –

Joachim war allein in seinem Zimmer.

Er schloß das Fenster. Eisig wehte es von Norden her von der See. Ein Nachtfrost kündigte sich an. Es war ein hartes Frühjahr.

Den elektrischen Teekessel setzte er in Betrieb. Die kurze Pfeife wurde angesteckt. Eine Stunde der Beschaulichkeit sollte es geben.

Einen Trank braute er sich, gut für kräftig gründiges Behagen. Heiße Milch mit Whisky. So hatte es sein Bruder Jürgen, der Schiffskapitän, befahren auf allen Meeren und allen Getränken der Welt, ihn gelehrt.

Alles in allem ist er zufrieden mit dem Abend. Jedenfalls kennt er jetzt den Gegner, kennt seine Klingenführung, seine Künste, seine Paraden und Finten, kennt seine Stärke und seine Schwäche.

Aber dann und jetzt – er wehrt sich, doch es hilft ihm nichts – das Weib meldet sich. Immer das schaumgeborene, das feuchte – sie steigt nun einmal auf aus dem Getränk.

Kurz und schlecht behandelt hat er sie. Warum muß sie nun auch noch mit diesem kuhhessigen und kuhäugigen Klavierspieler angezogen kommen – nicht genug, daß sie mit dem Kerl, dem Schönredner von Schulrat sich beschnüffelt!

Aber schließlich – sind zwei nicht weniger als einer!

Diese feurige Milch ist nun doch nicht das Sachgemäße! Was sie entflammt, ist regelrechte Sehnsucht.

Joachim stößt das Fenster wieder auf und drängt den Kopf in den Nordwind hinein. Die Mondsichel zittert in der kalten Luft, die Sterne flimmern wie im Winter. Als wären sie Schnee, so glitzern die armen, frierenden Blüten da unten in den Obstgärten der Stadt.

Seewind – Joachim atmet die Heimat in dem Rauschen. Morgen ist Sonntag. Er will wieder einmal nach Hause. Will wieder einmal segeln, wieder einmal was wagen. So dicht vorbeischrammen an dem neuesten und ältesten und letzten aller Erdteile – dann läßt es sich zur Not hier wieder leben.

Wenn sie nur nicht auch da wäre, da an der See.

O du Lügner, du Schwindler! Ist sie es nicht grade, die dich dahinzieht. Mehr noch als dein Heimatgefühl!

Schnee sind die Blüten. Hart macht er sich. Soll bei ihm etwas aufsprießen, dem Weiberfesten, so lange Entweibten?

Herrgott! – ein höllisches Zeug, was er da schlürft! So etwas von Liebestrank! Jürgen – Kerl – der beste Bruder bist du auch nicht!

Eine neue Pfeife – von dem guten Shag – das muß auf andere Gedanken bringen.

Die Jungen hatten ihn gebeten, am Sonntag mit ihnen in die Wälder zu wandern. Es gab drei Jugendbünde in der Stadt, einen sozialistischen, einen nationalen, einen der ideologisch über die Parteien sich stellte – die andern, die »Zielbewußten«, nannten ihn dafür die Wassersuppe. Oswolt von Riebnitz, der Schwärmer, war hier der Leitende.

In diesem Kreise war am meisten weiche Empfänglichkeit und entzündbare Begeisterung für die neuen Ideen, deren Banner der neue Schulrat trug. Joachim fand hier, ob selbst auch aus ganz anderm Holz geschnitzt und von anderer innerer Struktur, die tieferen Quellen und den größeren Reichtum, der den Jungen nur zu sehr zerfloß. Hier die harte, feste Form zu schaffen, war eine Aufgabe, und in den Jungen selber ward diese Sehnsucht wach. Darum horchten sie gerade auf den kräftigen, den rauhen Ton, der die Lebensmelodie von Fortinbras durchzog. Und er wiederum fühlte, daß er hier einen Widerhall wecken konnte, der in den vielfältigsten Modulationen sich ausschwingen mußte.

Eben mit diesen Jungen wollte er am Sonntag zusammen sein. Und gerade jetzt, wo ihnen mit der neuen Herrschaft eine Ära der Auflösung zu drohen schien, konnte er hier um eine Sammlung der Kräfte sich mühen, die sowieso dazu neigten, in die Wolken zu zerflattern.

Ich gehe mit den Jungen in den Wald!

Das letzte Glas Whiskymilch trank er.

O du lieber Himmel – was nützt das all! Zu viel Milch der unfrommen Denkart hatte er genossen. Flammen kreisten durch sein Blut. Und er beschloß – morgen – nicht mit den Jungen zu gehen. Allein mit sich zu bleiben! Oder doch – seine eigenen Wege zu wandeln. Nach der Heimat! war die Losung.

 

In einer sonnenbeschienenen Waldlichtung, geschützt vor dem Nordwind, lagert am Sonntag die Jugendgruppe, die Oswolt führt.

Ein Wandervogellager, Mädchen und Jungen. In viele einzelne Gruppen aufgelöst. Alle Schattierungen spielen hier. Fanatiker der Menschheitsidee, schwärmende Pazifisten, kosmische Weltentdecker, grübelnde Gottsucher, Frauenverächter und Asketen – bis hinüber zu den Fraglosen, Unbeschwerten, den leichtherzigsten, verliebtesten Sangesbrüdern und hinunter zu den denkfaulsten Mitläufern.

Sie alle einig in der Jugend, dem Taumeln, dem hellen Flattern, dem Fliegen und wieder dem dunklen Irren und Graben des Jugenddranges.

Die Vorsitzenden und Berater dieses Bundes wollten die Politik fernhalten. Aber die Zeit duldete nun mal solche Ausschaltung nicht. Und an der unsagbaren deutschen Not wuchs auch in diesen jungen Herzen hier der Flammengeist deutschen Zornmuts, dort der utopistische Sehnsuchtsrausch, der nach dem Chaos rief. Auch bei ihnen ein linker und ein rechter Flügel, an deren Rand die brausenden Strömungen der nationalen und der kommunistischen Jugendbewegung leckten.

Auch Bernhard war in diesem Kreise, aber er stand hier nicht mehr auf festen Füßen. Auch ihm war die Zeit gekommen, wo das Vaterlandsgefühl allem voranging. Immer mehr kehrte er von Oswolt sich ab zu Dibrand hin, dem Führer der Nationalen.

Die beiden großen Jungen hatten eine schwere Auseinandersetzung gehabt. Jetzt lagen sie wortlos nebeneinander im Gras. Zwei andere hatten ihnen zugehört, auch sie blieben schweigend – sie alle nahmen es nicht leicht, sie trugen an Weltanschauung und Verantwortung.

Der eine von diesen beiden andern war der Kleinste von den vieren und wirkte als der am meisten Erwachsene. Weißblond war er und hatte etwas von einem alten Mann, zäh, trocken und hart. Er hatte hier eigentlich nichts zu suchen, der Gegensatz hatte ihn hergezogen. So steckte er die spitze, verstandesscharfe Nase in diese »weihräuchernde Mystik«. Und der Gegensatz auch war es, der ihn, Fritz Prüter, mit dem vierten der Jungen, Hans Weinhold, freundschaftlich verband. Der war die rechte unreife Jugendmischung von Leichtherzigkeit und Sentimentalität – bald ein ungestüm triumphierendes Vorwärtsbegehren, bald ein zages Verträumtsein und Hindämmern in Halbgedanken.

Die vier, noch mit dem verklungenen Wortkampf beschäftigt, lagen still und hörten mit halbem Ohr nach der nächsten Gruppe hinüber. Männlein und Weiblein lagen einem Lautenspieler zu Füßen, der etwas von dem jungen Schiller hatte. Und er war voll Sturm und Drang. Neuerdings war der alte, junge, überselig-unselige Christian Günther von ihm ausgegraben, von den trunkenen Versen hatte er selbst welche in Musik gesetzt. Nun sang er ihnen vor.

»Laß des edlen Tages Schein
Unser sein!
Laß die freien Jauchzer klingen!
Laß des Bacchus Traubenblut
Wie den Mut
In dem Glase springen.
Manche liebe, lange Nacht
Hat gewacht,
Wenn wir auf dem Fasse schliefen,
Oder auch, nachdem es kam,
In dem Kram
Art'ger Mädchen liefen.«

Es schäumte in der Musik von genialischer Jugendgärung. Und begeistert lauschten all die Gesichter zu ihr empor, halb noch in Kindesanmut befangen und doch schon durchzogen von dem fordernden Lebenstrotz der ersten Jugendzeit.

Hans wandte immer mehr diesen Tönen sich zu, die drei andern – sie hatten gestern alle den Falknerschen Vortrag mit angehört – waren jetzt wieder bei dem neuen Kurs.

»Ich kann mir nicht helfen,« sagte Bernhard, »für mich hat Fortinbras den Mann glatt zur Strecke gebracht. Wie er ihm auf den Pelz rückte – ein Bild für Götter war's!«

Fritz Prüters Spitzmausgesicht ward noch schärfer – er bemühte sich um eine Formel und fand sie, die dürrste von allen. »Es ist der alte Kampf zwischen Theorie und Praxis,« meinte er überlegen.

»Herrgott ja!« rief Bernhard, unmutig über das leere Wort. »Aber schließlich ist doch die Schule nun mal Praxis und nichts anderes.«

Oswolt hob die schweren Augen. »Ich möchte es anders fassen,« sagte er, »den alten Kampf zwischen Gesetz und Geist möchte ich es nennen. An den Gesetzen hat die Welt gelitten von Anbeginn, an Gesetzen geht sie zugrunde – wenn der Geist sie nicht heilt! Und daß hier ein Heilungsprozeß ansetzen soll, ist das nicht eine Lust!«

»Ja, eine Lust ist es,« rief Hans, sprang auf und reckte die schlanken Glieder. »Bisher war die Schule Zwang – jetzt ist sie Freiheit! Es gibt keine Examina mehr – Kinder denkt das aus! Und macht nicht weiter eure Froschgesichter! Wir brauchen nicht mehr zu büffeln! Und das Ganze heißt: freie Bahn dem Tüchtigen!«

Lachend sprang er zu dem Sängerkreis, nahm sich ein blondes Mädel und tanzte mit ihr auf dem Rasen. Zum Saitenspiel klang es dabei:

»Doch Vergangenes hilft nicht mehr,
Gib Gehör,
Heute geht es von dem Frischen,
Heute soll sich Rauch und Trank
Und Gesang
In der Gurgel mischen!«

Kein Paar auf der Welt tanzte besser als die beiden, ein einziger Akkord der Körper. Alles sah ihnen zu. Eigene Tanzlust ward von der Augenweide gebändigt. Und in Jugendwonnen schwelgten Gehör und Blick.

* * *

 

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