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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
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Als Fortinbras heute mittag seine Wohnung betrat – sie lag im obersten Stockwerk eines alten Patrizierhauses, aus gotischen Bogenfenstern blickte er in diese Welt, die alles gotische Ranken und Blühen ins Fieberhafte zerfaserte – trat ihm seine Haushälterin entgegen, und durch ihr asthmatisches Phlegma, das sonst unerschütterliche, zitterte etwas, da sie vermeldete, daß eine Dame auf ihn warte.

Sie habe ein dringendes Anliegen und so rührend gebeten, hierbleiben zu dürfen.

Wie Joachim sein Arbeitszimmer öffnete, erhob sich eine schlanke Frauengestalt. Sehr elegant gekleidet, in hechtgrauem Frühlingskleid, unter dem kleinen modischen Hut ein feines, kindlich zartes Gesicht, von großen, schweren Augen seltsam durchleuchtet.

»Entschuldigen Sie, Herr Professor, daß ich Sie hier so belagere. Ich bin auf ein paar Stunden in der Stadt und spräche so gern mit Ihnen über meinen Jungen. Ich bin die Mutter von Benno Treutlien.«

»Die Mutter –?«

»Ja.« Sie errötete leicht unter seinen forschenden Blicken, die sich umsonst bemühten, ihr Alter zu ergründen. Geradezu mädchenhaft wirkten die Züge. Dagegen wollten die leichten Schatten und feinen Striche um ihre Augen nicht aufkommen, was sie auch von Leben und Schicksal zu berichten halten. »Glauben Sie, daß der Unband hier nun endlich zur Ruhe kommen wird?« Ihre Ratlosigkeit machte sie noch mädchenhafter.

»Gnädige Frau – wir sind uns klar darüber, nicht wahr, daß Ihr Sohn ein besonders schwieriges Kapitel ist. Ich habe ihn bisher, so gut es ging, im Auge behalten – hab' aber absichtlich die Zügel locker gelassen. Gerade hier kann der Anfang alles verderben. Solche Jungen müssen erst von selber Fühlung mit einem gewinnen – ich denke, wir finden sie, und dann werden wir sehen.«

Sie blickte zu ihm auf, gewonnen, gehalten von dem klaren, festen Ton – obschon der Inhalt der Worte nicht reine Zuversicht war. Desto mehr Vertrauen und Gläubigkeit gab es jetzt bei ihr. »Ich würde mir nicht erlaubt haben, Sie aufzusuchen, wenn Benno mir nicht von Ihnen erzählt hätte. Was er mir da sagte –« sie hielt inne und wurde leicht verlegen, zu schmeichlerisch plump erschienen ihr die starken Worte des Lobes.

Dann sprach sie sich ganz unverhohlen über sich selber aus und vergaß, daß so große Offenheit ihm noch viel eher schmeicheln konnte. Daß ihr eigenes unstetes Wesen in dem Jungen sich fortgepflanzt hätte. Niemals hätte sie ein Heimatsgefühl gehabt. Als Tochter eines Offiziers, dann als Offiziersfrau wäre sie von einer Garnison zur andern geworfen worden, darum müßte sie noch heute in der Welt herumzigeunern. Das einzige, worin sie ausruhte, wäre ihre Musik.

»Und immer bin ich eine schlechte Mutter gewesen – bald übermäßig zärtlich, bald grausam strenge, dann wieder teilnahmslos gleichgültig – so vagabundiert auch hier mein Wesen in einem fort! Mit zu großer Strenge war natürlich am wenigsten bei ihm anzufangen. Einmal hatte ich den kleinen Kerl in seinem Giebelzimmer eingesperrt. Als ich aus dem Hause ging, sah ich ihn oben an der Dachrinne hängen. Dann ließ er die eine Hand los, und winkte mir mit der höchst munter seinen Abschiedsgruß zu. ›Viel Vergnügen, Mutter! Wiedersehen!‹ Natürlich kehrte ich spornstreichs um, und er hatte seinen Willen. Sie, Herr Professor –« forschend blickte sie in sein Gesicht – »Sie hätten das nicht getan.«

»Ich glaube nein.«

»Sie hätten ihn lieber herunterfallen lassen.«

»Ich glaube ja.«

Durch ihre großen Augen zog es wie ein leiser Schreck, ein Erschauern, ein schmerzliches Erinnern. »Bei Ihnen gab es hier eben noch so etwas wie ein Besinnen. Bei seinem Vater hätte es nicht das einmal gegeben. Er war wie von Eisen.«

Und wieder ein Versunkensein. »Natürlich ging es ohne Komplotte, ohne Verschwörungen zwischen mir und dem Jungen nicht ab – das gerade Gegenteil von Erziehung! Oft genug bin ich ganz einfach eine Gefährtin seiner dummen Streiche gewesen. Gerade dann, wenn sie am ausgelassensten und gottvergessensten waren, hat das Groteske seiner abenteuerlichen Einfälle mich schlechthin entwaffnet.« Sie lächelte – beinahe verschmitzt. »Ich will Ihnen mal einen solchen Fall erzählen. Vor mehreren Jahren – der Junge war zehn, elf – war ich mit ihm in Baden-Baden. Da in unserm Hotel eines Nachts – der Bengel steht auf, und als er wiederkommt – noch sehe ich das spitzbübische Gesicht, mit dem er wieder in die Kissen kriecht – da hat er, wie sich später herausstellt, von allen Toiletten des Hotels, in allen Stockwerken die Schlüssel abgezogen und sie zum Fenster hinaus ins Gartengebüsch geworfen. Der Kriegstanz, den er ausführte, als am anderen Morgen im Hause der Aufruhr losbrach! Und ich war von seinem jubelnden Geständnis wie erschlagen!«

Joachim gab sich längst keine Mühe mehr, zu verhehlen, wie die ganze Ungezwungenheit ihrer Art ihn eroberte. Der Einklang zwischen ihnen war gewonnen, sie fühlten es beide.

Und nun erzählte sie noch, mit der gleichen Offenheit, von ihrem jetzigen Leben. »Ich bin die letzten Monate in München, dann in Berlin gewesen. Jetzt hat es mich doch wieder in die Nähe des Jungen getrieben. An der See hab' ich Quartier genommen, in dem alten Vorwerk von Nordhöft.«

»Da?« rief Joachim und seine Augen wurden hell.

»Kennen Sie es?«

»Ob ich es kenne – in dem Fischerdorf daneben bin ich geboren. Damals war es noch verfallenes Gemäuer. Nur der alte Wartturm stand noch ungebrochen. Der hat an all meinen Kinderspielen teilgenommen. Der ist eigentlich schuld daran, daß ich dem väterlichen Beruf den Rücken gekehrt habe – er hat mich zum Träumer, zum Romantiker, zum Historiker gemacht.«

»O damit hat mein Wohnsitz noch an Bedeutung für mich gewonnen!« erklärte sie mit unverhohlener Wärme. »Er hat ja in der Tat was Zauberhaftes. Sie kennen die neu ausgebauten Räume nicht –?«

»Nein. Und ich bin ihnen nicht eben freundlich gesinnt. Denn sie haben mir mein Heiligtum verschandelt, an dem nur meine Phantasie bauen durfte!«

»Hat es mein Onkel Nordhöft nicht leidlich geschmackvoll gemacht? Er war auch ein Romantiker, er wollte hier seine Tage beschließen. Nun ruht er in der Champagne von seiner letzten Kriegsfahrt aus.«

»Ich schätze den alten Herrn sehr, wir sind uns näher gekommen, wir haben einmal in demselben Schützengraben gelegen. Und ich will ihm den Eingriff in mein Traumreich gewiß nicht nachtragen.«

»Ich weiß nicht,« fragte sie ein wenig unsicher – und dies Zaghafte stand ihr nun mal so gut – »ob Ihr Zorn nicht wieder aufwachen wird, wenn Sie die neuen Räume jetzt selbst einmal betreten? Ist es unbescheiden, wenn ich Sie bitte, mich einmal zu besuchen? Ich möchte mir in erzieherischen Dingen noch so manches sagen lassen. Vielleicht reizt es Sie, einmal außerdienstlich mit Herrn Oberschulrat Falkner zusammenzukommen. Der übermorgen hier sein will und mir seinen Besuch angekündigt hat.«

Hier stutzte Joachim und blickte sie befremdet an. Sie kannte den Schulrat – wollte sie protegieren!? Das lag ihm nicht. Und bei Herrn Falkner –!

Sie hatte gefragt, ob es ihn »reizte« – allerdings reizte ihn an dem neuen Herrn so mancherlei.

»Sie verkehren mit Herrn Falkner?« fragte er, nun doch etwas gehaltener im Ton.

»Ja. Ich bin in Berlin ein paarmal mit ihm zusammengewesen. Bei Fräulein Bernardine von Nordhöft, der Schwester des alten Herrn. So steht der alte Wartturm gewissermaßen auch über dieser Bekanntschaft. Allerdings, zu dem, was im Salon der Stiftsdame Freiin Bernardine von Nordhöft alles besprochen wird, würde er wohl erheblich den Kopf schütteln. Eine anarchistische Stiftsdame – was unsere Zeit für Blasen treibt! Ich muß sagen, daß sich in diesem Kreise Herr Falkner als gemäßigt und für mich verständlich sehr vorteilhaft auszeichnete. Was gab es hier sonst für mystischen, für okkultistischen, für hyperpsycho-analytischen Dunst. Vielleicht aber hab' ich auch nur deshalb für ihn etwas übrig, weil er beruhigend auf mein mütterliches Gewissen einwirkt.«

»Ich verstehe.« Joachim nickte. »Freiheit des Kindes. Freiheit auch der Eltern und der Lehrer, Freiheit auch von jeder Verantwortung. Ein Leben für Götter und Göttersöhne.«

Seine Ironie schüchterte sie ein, und sehr matt kam der Einwand, den sie aus dem anderen Heerlager bezogen: »Ist nicht an unserer Jugend all die Jahre durch Zwang so viel gesündigt –«

»Ist sie ruiniert, dürfen wir sie doch erst recht nicht sich selber überlassen! Gerade so, gerade nach alledem bedürfen sie heute doch der sorgsamsten Beratung.«

Dann reute ihn das frostig Überlegene in seinem Ton. »Ich hab' nun mal einen eigenen Freiheitskoller. Ich kann das Wort Freiheit nicht mehr vertragen,« sagte er wie zur Entschuldigung. »Wenn eines, ist dies das Wort des Unfugs. Von all seinen Definitionen hat mir immer die am besten gefallen: Freiheit – ist die Knechtschaft der andern. Und nun dies aus unsern Fall angewandt: die Freiheit der Kinder ist die Abhängigkeit, die Willenlosigkeit, das Sklaventum der Lehrer – und auch der Eltern. Wofür ich meinenteils mich bedanke. Und worüber ich mit Herrn Schulrat Falkner mich zu unterhalten gedenke. Aber dienstlich, sehr dienstlich. Und am liebsten ohne die glättende Vorbereitung persönlicher Bekanntschaft.«

Dies mußte Frau von Treutlien nun doch als eine Absage empfinden. Und da sie sich verabschiedete, allerdings unter Joachims Zusicherung, daß er Bennos sich annehmen wollte, lag wieder etwas von der alten Scheu über ihr, mädchenhaft, und wie ein Schleier.

Und dieser Schleier war es, mit dem Joachim sich herumschlug, bärbeißig und feindselig – und in den er dabei immer mehr sich verfing.

Mädchenhaft – er selbst fand das Wort und warf es dann zornig von sich als Romangewinsel. Eine reife Frau – selbst Mutter eines erwachsenen Jungen.

Was schminkte er sich da an ihr zurecht! Er wurde unmutig über sich selber, unmutig auch gegen sie. Was sollte sie ihm? Sie gehörte zu der Art Frauen, die ihm nichts zu geben hatten. Diese weiche, verschwimmende Linie – er brauchte feste, klare Konturen. Mochte sie mit dem Schulrat, dem »differenzierten« und anderen differenzierten Geistern seelisch sich verflüchtigen. Er nach seiner Natur war mehr für die Summe als für die Differenz.

Und doch – was fand er an dieser Frau, daß der Gedanke an sie nicht von ihm abließ? Wie Wein war es ihm ins Blut gegangen von ihrem Wesen, ihrer Atmosphäre, ihrer Berührung, ihrer Nähe. Aber nicht eigentlich etwas Belebendes war es, ein Betäubendes mehr und Erschlaffendes, das auf die Sinne ging und dem er sich nicht unterwerfen mochte.

Und wieder – das Unterwürfige in ihr selbst, ein Hinlauschendes, leise Tastendes, hingegeben Suchendes – eben das war es, was ihn bestrickte. Dieses Sichanlehnen mit einer Art bittender Gebärde – das, ja das war es, was so in die Phantasie sich schmiegte.

Aber lehnt sie nicht nach rechts, nicht nach links sich an – ein Rohr im Winde, sagt man ja wohl dazu.

Rohr im Winde – so etwas ist nicht nach seinem Herzen. Oder noch feiner mag sie sein, ein Zittergras, das im leisesten Hauche, das von selbst sich bewegt. Soll der Schulrat, der Mann der leisesten Schwingungen, sich ihrer annehmen. Ich bin zu robust dafür – zu plump meinetwegen – zu unmodern. Ja unmodern, ehrlich unmodern, völlig und von Herzen. Und wenn meine Hand führen darf, für Andersartige ist sie da. Für solche, die kräftig einschlagen, die ehrlich zupacken – nicht für zage, müde, blasse, kühle und welke Fingerspitzen. Mit diesen überzärtlich gepflegten rosenroten Nägeln.

Er sieht die eigenen Hände an. Tatzen. Eines Werkmanns schwere, harte, redliche Faust ist ihm gewachsen.

Seine Hand hatte immer mit seinem Schönheitssinn in Widerspruch gelegen. Jetzt betont er sich ihre Derbheit mit einem frohen Zorn. Der sich schniegelnde Ästhet in ihm hatte seine Hand oft genug als plebejisch beschimpft, als Zeichen seiner niedern Herkunft. Nieder? Was ist nieder? Nur das Schwache, das in Schwachheit Entartete.

Ist er nicht eines Fischers Sohn? Stammt er nicht aus einem alten Seefahrergeschlecht? Gibt es einen freieren und stärkeren Beruf als diesen, der mit dem Meere kämpft, dem das Meer dient, den das Meer segnet?

Und ist er nicht so etwas wie ein Menschenfischer geworden – als Erzieher der Jugend? Einem Amte zugeschworen, das das allerhöchste ist auf der Welt? Dessen Weihe nur die Auserlesensten empfangen dürften! So daß er oft genug und immer wieder an eigener Würdigkeit zweifelte.

Und wenn er sich so ansah, was alles in diesem Bezirk sich umtrieb! Wenn er mit anhörte, wer alles und was alles in die Heilslehre hineinredete!

Schulmeister – oft war es ein Tadel für ihn gewesen im Munde der Freunde. Ganz wahrscheinlich, daß die Schattenseiten bei ihm überwogen – das Herrische, das Starre und Sture, das Besserwissenwollen, das Lehrhafte, der Bakel und der erhobene Zeigefinger.

Haben nicht auch zärtliche Lippen ihn manchmal einen Pedanten gescholten?

Und wenn er das Weib sich vorstellt, das für sein Leben etwas bedeuten soll – muß sie nicht, eine ganz Unfertige, sich gläubig geben in seine, des Bildners Hand! Das bekannte, bespöttelte »unbeschriebene Blatt«.

Das unbeschriebene Blatt, das ein Märchen sei wie die blaue Blume. Aber er glaubte an Märchen, er würde suchen und würde finden.

Sie finden – die nun allerdings der ausgesprochene Gegensatz sein würde zu Frau von Treutlien, die eben von ihm ging – und ihn immer noch nicht verließ. Diese kein unbeschriebenes Blatt fürwahr. Vielerlei hatte das Leben in sie eingeritzt, es flimmerte von diesen Zügen. Nicht tief gegraben – die große Linie fehlt. Ob es nicht doch lohnen könnte, ihr das feste Gepräge zu geben? – Ihr – dieser Frau – kann man Fließendes fassen und festigen? Darf man an Unmögliches, an Unerreichbares seine Kraft setzen?

Darf man es nicht? Muß man – soll man das nicht gerade und erst recht! Denn nur in unserm Ziel lebt unsere Kraft!

So bist du also dabei, mit ihr, mit dieser Frau deinen Höhenkult zu treiben –? –

Und Joachim Braß nahm sich kräftig bei den Ohren. Sollte er sie nicht als Phantom beiseite tun?

Und er tat sie beiseite. Doch nicht ehe von ihr seine Gedanken zu dem erwarteten, dem feindrähtigen Schulrat, der feinnervigen Instanz hinübergeleitet wurden – kampfbereit, in dem fröhlichen Fieber der Arena.

 

Der linde Amandus hatte den Schülerrat einberufen. Im Klassenzimmer der Quarta tagte er. Wie in einem Bienenschwarm ging es zu. Die lautesten wie immer und überall die Kleinen. Der Vorsitzende, Oberprimaner Bernhard Prahn, hatte längst auf parlamentarische Ordnung verzichtet und in seinem Humor sich behaglich zur Ruhe gebettet.

In den ersten Sitzungen dieses hochwohlweisen Rates hatte eine gewisse Würde die Vertrauensmänner der Klassen getragen. Jede entsandte drei gemäß der Organisation, die sie sich selber gegeben. Ein Versuch, die untersten Klassen auszuschließen, die »rohe Gewalt der langen Knochen«, war zurückgewiesen.

»Die Kleinen sind die Großen,« kollerte eins von den Donnerworten der neuen Zeit. Dagegen kam nichts auf, nicht Dibrand von Riebnitz mit seinem lachenden Unmut: »Wir sollten Säuglinge mitbringen! Ja die noch nicht geborenen müßten dabei sein. Sie, die Schar der Embryonen – sind die wahren Myrmidonen!«

Es war der Vorschlag gemacht worden, zur Vereinfachung des Verfahrens und damit man überhaupt zu fruchtbaren Schlüssen komme, einen Ausschuß, einen Rat der Alten, eine Art Gerusia zu schaffen. Aber die kleinen, kribbelnden, quecksilbernen Geister hatten nichts damit im Sinn, und die Quartaner schrien: »Wir wollen keine Greise!«

Ihr Stimmführer war der kleine, bucklige Sally Veilchenfeld, der schlaueste und reifste Junge der Anstalt. Ein erwachsener Verstand saß in dem kümmerlichen Körper. Um den leidenden Mund schaltete eine müde Skepsis. Dann und wann aber konnte es in den großen, schwarzen Augen hinter den Brillengläsern von einem schmerzlichen Fanatismus auflodern, den er hütete wie eine heilige Flamme. Längst war er ein Meister in aller Dialektik. Geschärft war sein Blick für menschliche Schwächen, fein seine Witterung für die Forderungen der Stunde.

Keiner lachte im Innern mehr als er über dieses lächerliche Schülerparlament. Aber es war ihm eine willkommene Übungsstätte für die Technik des Worts. Daß er hier eine ausschlaggebende Rolle spielte, tat ihm wohl, und in der Opposition fand sein Geist einen erfreulichen Tummelplatz.

Amandus trug seinen Fall und seine Klage vor, umbrandet von den Spritzwellen der Erregung. Was rückte alles an Verwünschungen dem armen Philipp Hosenboden zu Leibe!

Die ältesten Jungen amüsierten sich restlos. Von den mittleren fand dieser und jener sich nicht ganz zurecht.

Und jetzt die Frage der Stürmer und Dränger: Was muß geschehen? Auf alle Fälle hat der prügelwütige Pauker feierlich Sinnesänderung zu bekunden und öffentlich Kirchenbuße zu tun. Mit Redensarten würden sie sich nicht abspeisen lassen! Denn hier handelt es sich um Grundsätze! Grundsätze, weißt du, und verstehst du und jawohl!

Einen schweren Kampf wird es geben!

Den wollen wir!

Und die oberste Schulbehörde ist auf unserer Seite!

Wenn sie's auch nicht wäre!

Und mit Pathos: Wir sind die Jugend – und die Jugend hat recht!

Höher und hohler rollten die Wogen. Sally hält eine Rede – ihm hören sie zu.

»Arbeitgeber – Arbeitnehmer, diese Cäsur des neuen Weltrhythmus geht auch durch die Schule. Arbeitgeber die Lehrer, Arbeitnehmer die Schüler – und die Arbeitnehmer auch hier ihrer Macht sich bewußt.

Auch hier gibt es das radikale und elementare Mittel, das unfehlbare Schutz- und Heilmittel gegen Willkür und Vergewaltigung – den Ausstand!«

»Hurra!«

Und in Begeisterung überkreischen sich die hellen Stimmen: »Ja, ja – wir streiken! Gestreikt wird! Streik! Streik! Streik!«

Die kleinen Fäuste schlagen die Tische und begleiten diesen Kampfruf im Takt.

Lange dauert es, ehe einer der Bedachtsamen unter den Mittelgroßen, ein nachdenklicher Junge mit dem Finger an der Nase sich Gehör verschafft. Aber dann dringt er durch: Veilchenfeld hat gut Ausstand predigen gegen den Religionslehrer – er, der sowieso am Religionsunterricht nicht teilnimmt!

Ein Schweigen – ein Stutzen – dann ein Murmeln und Grummeln. Nun fangen zwei Gruppen sich zu bilden an, in denen es rollt und grollt.

Sally bleibt über der Situation. Seine Achseln zucken. »Hab' ich das getan? Hab' ich den Ausstand gegen Herrn Doktor Bode gepredigt? Habe ich nicht vielmehr ganz prinzipiell die Sachlage aufgedeckt? Die Kriegslage, wenn wir so sagen wollen. Und allerdings die ultima ratio als solche uns kräftig ins Bewußtsein gerückt! Ehe es zum äußersten kommt, muß es natürlich Verhandlungen geben. Wer sagt denn, daß Herr Doktor Bode nicht zu der von uns gewünschten Genugtuung bereit ist? Und diese Verhandlungen soll nicht unser guter, aber leider veralteter Direktor leiten, sondern der neue Schulrat, Herr Ministerialrat Falkner, der in diesen Tagen hier eintrifft, der Bahnbrecher einer neuen Zeit, der Bannerträger unserer Weltanschauung.«

Sally wird bewundert und wird verhöhnt. Das Los der Edlen auf der Erde, wie er mit einem Schuß Selbstironie sich bekräftigt.

Der Zündstoff aber, der in der Versammlung sich angehäuft hat, geht jetzt in helle Flammen auf. Meinungsverschiedenheiten führen zum Handgemenge. An allen Ecken verknäulen sich Arme und Beine zu höchst ergiebigen Dreschereien, in Stößen und Zuckungen wogt und keucht und sprudelt und schäumt es durch den Raum.

Die Großen denken nicht daran, diesen Gefühlsaustausch zu hemmen. Im Gegenteil. Zu Bernhard aber bemerkt Dibrand, da sie den Raum verlassen, mit einer Kopfbewegung gegen solchen handgreiflichen Kampf der Gemüter: »Jetzt haben wir's. Würdig der Väter. Ein wirkliches und wahrhaftiges Parlament.«

 

Und nun war er da, der Ersehnte, Beargwöhnte, Gefürchtete, von dem alle wußten, alle sprachen, der sie alle bewegte, die Eltern, die Lehrer, die Schüler, die ganze Stadt.

Er, die neue Zeit, die Wendung, die Epoche, die Zukunft. Und er selbst war ganz gewiß der Höhe, die ihn sichtbar machte, sich bewußt. Fühlte die Pflicht, mit seiner Wirkung gleich ins Große und aufs Ganze zu gehen. Die Mittel der Inszenierung und der Regie waren ihm wohl bekannt.

Sein erster Gang nach seiner Ankunft in der Stadt hatte ihn zu der Zeitungsredaktion geführt. Es war gegen Abend und – er liebte die Überraschungen. Auch hielt er darauf, in dienstlichen Dingen so weit wie möglich den Abstand zu wahren.

So meldete er sich nicht mehr beim Gymnasium an. Daß er morgen zur Stelle sein würde, hatte er dem Direktor brieflich mitgeteilt. Seine Anwesenheit würde das Kollegium aus der Zeitung erfahren. Die Gesichter sich auszumalen, hatte seinen Reiz.

Am andern Morgen las man denn: »Herr Oberschulrat Falkner, Referent im Kultusministerium, ist auf einer dienstlichen Inspektionsreise in unserer Stadt angelangt. Er wird heute abend in einem öffentlichen Vortrag die Ziele unserer Jugenderziehung, die wichtigste aller kulturellen Fragen beleuchten. Mittelpunkt seiner heutigen Betrachtung ist ein auf Grund der neuesten wissenschaftlichen Forschung gestelltes Problem, das der Titel: ›Die Schule und der Rhythmus des Lebens‹ kennzeichnet. Eine freie Aussprache nach dem Vortrage ist erwünscht.«

Als Joachim das las, sagte er sich lachend: der Mann versteht's! Fehlt bloß noch die Anschlagsäule. Und nächstens werden wir ein Zirkus sein. Erst kommt das hochverehrliche Publikum! Wichtiger ist die Tribüne als die Stille des Amtszimmers, der Schul- und Arbeitsstube.

Erst Volksmann, dann Schulmann – so will es der Geist der Zeit, dieser Zeit des Geistes!

Und nachdem der neue Herr so zuvor bei der großen Öffentlichkeit seine Karte abgegeben hatte, fand er andern Tages im Gymnasium sich ein.

Mit ruhiger Würde empfing ihn Kornelius in seinem Amtszimmer, auf alles gefaßt, für alles gerüstet.

Aber bald war seine Güte geneigt, alle Wehr und Waffen von ihm abzutun vor dem schlechthin Bezwingenden der Erscheinung. Auf einer schlanken, ebenmäßigen Gestalt ein Kopf mit überraschend wohlgebildeten Zügen. Bartlos, das Haar glatt zurückgestrichen. Große, dunkelblaue Augen, aus denen ein starker und heißer Wille leuchtete. Auch ihr Blick gepflegt und kultiviert, sicherlich seiner Mittel sich bewußt, nach Bedarf auch ganz auf blaue Treuherzigkeit eingestellt. Aber ganz gewiß nicht ohne innere Kraft und innerliches Leben. Und über allem eine gewisse Selbstverständlichkeit, die mit aller Aufmachung versöhnen konnte – halb göttlich, halb kindlich eine Naivität, eine »Naivität der Pose«, wie Joachim es später in Worte faßte.

Er sprach mit sehr klangreichem, tiefem und sinnlich vollem Organ – als Joachim die Stimme hörte, dachte er gleich: ›Wie muß die auf sensible Frauen wirken (und soll es natürlich auch!), wie muß das brünstig Schwingende in ihrem Ton ihnen über den Rücken rieseln.‹

Jetzt sprach er warm und herzlich mit dem Direktor. »Ich wollte Sie gestern abend nicht mehr bemühen. Vielleicht haben Sie die Güte, mich jetzt in der großen Pause mit den Herren des Kollegiums bekannt zu machen. Wenn ich bei dieser Gelegenheit ein paar allgemeine Worte sprechen darf –«

Und so geschieht es. Das Lehrerkollegium hat sich im Konferenzzimmer versammelt. Es kann sich sehen lassen. Freilich auch hier sind die Minderen in der Mehrzahl – in welchem Kollegium der Welt wäre es anders? Und wenn keiner ganz den Ansprüchen von Joachim Braß genügt – er selbst genügt ja auch seinen eigenen Ansprüchen nicht. Aber es ist kein einziger Schleicher unter ihnen, und das ist viel.

Keiner von ihnen hat sich bisher aus Überzeugung dem neuen Kurs zugewandt oder aus irgendeinem Grunde Fühlung mit ihm gesucht, und wenn sich Falkner dieser geschlossenen Phalanx gegenüberstellt und hier gerade seinen Ideen Bahn schaffen will, so soll ihm das zu Ehren angerechnet sein.

Ein paar besondere Charakterköpfe fallen ins Auge. Professor Bonsel, Physiker und Metaphysiker zugleich, Astronom und Astrolog, der wie ein byzantinischer Heiliger aussieht. Daneben das scharf gemeißelte Profil des Altphilologen und Historikers Professor Höltz, bald ein Cäsar Augustus, bald mehr ein Jesuitenpater. Dann das magere Jockeigesicht, trainiert, draufgängerisch und verschmitzt, des Naturforschers Professor Schruff.

Bescheiden im Hintergrunde und schweigend hält sich der junge, blasse, ernste Studienassessor Einhart Steffensen. Und er hätte voranstehen, er hätte führen müssen. Er, der den jungen, freien, offenen Sinn hat, das starke, gläubige Herz, in das mit Sturmeswehen der neue Geist hereinbraust. In vielen, stillen, harten Stunden hat er gerungen mit dem Schwall, der wirrend um das reine Wort und das echte Wesen der neuen Lehre sich schlingt. Eigene Gedanken beglückten ihn hier. Noch hat er nicht den Weg unter den Füßen, aber er sieht durch Wolken das Licht. Und mit hochschlagenden Pulsen lauscht er jetzt auf das, was sich entspinnt.

Die Lehrer sprechen über das, was bevorstehen mag. Aber gehalten und mattherzig. Läge nur nicht diese Resignation auf ihnen allen, eine müde Ablehnung bis zur Gleichgültigkeit auf den meisten. Zu viel hat diese mörderische Zeit erschlagen.

Fortinbras beteiligt sich nicht an dem lauen Gespräch. Er steht allein und trommelt gegen die Fensterscheiben.

Jetzt tritt der Alte mit dem Schulrat ein. Fest packen Joachims Augen ihn an.

Falkner gibt jedem einzelnen die Hand. Dann spricht er, und der Wohlklang seiner Stimme wirkt, wie die Offenheit dessen, was er sagt.

»Meine Herren Berufsgenossen – ich finde in Ihrem Kreise mit einer Bitte mich ein. Sie wissen – wie ich –, daß bisher von Ihnen zu mir keinerlei Fäden sich spinnen, und ich weiß, daß bei den heute mehr als je gesteigerten Stimmungen und Empfindungen unseres geistigen deutschen Lebens solche Zusammenhanglosigkeit eine Art Gegensatz bedeutet. Nirgendwo ist mehr für mich zu tun als hier, in Ihrem alten Gymnasium – da ich mit Ihnen allen, um Sie alle zu ringen habe – eben deshalb bin ich gekommen. Eben deshalb habe ich Ihre Anstalt als besonderen Platz für meine Tätigkeit mir erkoren.«

Hier verlängern sich die ausdrucksvollen unter den Gesichtern des Kollegiums, der Bart des byzantinischen Heiligen zieht sich fadenartig nach unten.

»Nur ein Kampfmittel,« fährt der Sprecher mit Betonung fort, »soll es und kann es für mich geben: das Überzeugen. Ich glaube an die überzeugende Kraft meiner Ideen, so wahr ich an sie selber glaube. Und jetzt meine Bitte: lassen Sie das, was mich erfüllt, auf Sie einwirken, ohne daß Sie aus irgendeinem Grunde sich verschließen oder gar sich widersetzen. Es handelt sich hier um Dinge, die nicht uns allein, die alle, alle aufs innigste angehen. Ich habe es deshalb für gut gehalten, vor größerem Auditorium den neuen Fragen, die die ganze geistige Welt bewegen, den stärkeren und lebendigeren Widerhall zu schaffen. Da sollen denn auch alle Einwendungen, alle Bedenken, alle Zustimmungen, alle Hoffnungen, alle Besorgnisse zu Worte kommen. Wenn wir Schulleute hier auch in erster Linie zuständig und berufen sind, so sind wir es doch nicht allein. Weil Sie aber vor allen hier mitzusprechen haben, darum darf ich hoffen, auch Sie alle heute abend in den Reihen meiner Zuhörer zu sehen. Ich kann mich für heute morgen damit begnügen, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Mich nehmen heute hier noch persönliche Besorgungen in Anspruch,« – jetzt geht er zu Frau Treutlien! denkt Fortinbras und wird wütend über sich selbst, weil ein Zorn ihn packt – »morgen beginnt dann hier meine dienstliche Arbeit.«

Nach ein paar Worten zwangloser Unterhaltung verabschiedet er sich von den Herren. Kornelius geleitet ihn hinaus.

Nun war es doch lebendig geworden in dem Kollegium und geteilte Meinungen schwirrten gegeneinander.

Das ist doch ein famoser Kerl auf seine Art!

Die Sorglosen: Ja, der stippt keine Fensterläden ein! Und wird mit sich reden lassen.

Die Behutsamen: Mit sich reden lassen! Wenn einer selbst so gut und so gerne redet!

Der cäsarische Jesuitenpater von oben: Was wären wir für traurige Monde, wenn wir mit dem Herrn nicht fertig würden!

Der byzantinische Heilige nach unten: Ich weiß nicht – für mich ist etwas Unbehagliches, etwas Unheimliches unter der schillernden Hülle!

»Das böseste ist ja die Mache, meine Herren! Diese Mache –!« sagte Hände ringend der alte Neusprachler Strübing.

»Ach was! Das nennt sich Schulpolitik!« hieß es dagegen. »Der Mann kommt aus dem Ministerium.«

Professor Schruff aber, der Jockeimäßige, verbiß sich immer mehr in einen Grimm, verzog seinen breiten Mund und berlinerte sein Urteil: »Der Mann is jar nich so schlimm – wie einem bei ihm werden kann! Donnerwetter! Ick sage bloß: Damenprediger! 'n Kognak!« Und er schüttelte sich.

Jetzt wandte man sich an Braß, der schweigend dastand. »Und was sagen Sie?«

Joachims Gedanken hatten den Vorgesetzten gemessen wie einen Gegner, mit dem er auf die Mensur zu treten hatte. Ganz kühl, sehr sorgsam, ohne irgendwelche eigene Überschätzung. »So ganz einfach ist der Mann jedenfalls nicht. Nun wollen wir erst mal hören, was er heute abend uns erzählt. Ich glaube, er wird uns so manches zu knacken geben.«

Still und in sich gewandt war Einhart, schmerzlich versunken. ›Ihr führenden Geister,‹ so dachte er, ›soll das euer Sendbote sein?‹ Der Scharfblick seines lauteren Herzens warnte ihn vor der Gewiegtheit, dem Gesalbten, dem Wirkungsbewussten dieses Selbstsicheren. Und die Zweifel quälten ihn: ist er der Mann für das heilig Neue, das nur reine Hände reichen dürfen?

* * *

 

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