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Das Gymnasium von St. Jürgen

Max Dreyer: Das Gymnasium von St. Jürgen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Dreyer
titleDas Gymnasium von St. Jürgen
publisherL. Staackmann Verlag
year1925
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Am andern Morgen ging Joachim vor seiner Zeit ins Gymnasium, dem Direktor Bericht zu erstatten.

Es war in ihm etwas gestorben, die Andacht einer Trauer war über ihm. In festen, harten Händen hielt er seine Arbeit und seine Pflicht.

Falkner, auch heute der erste an Deck, war in lebhafter Tätigkeit und freudig angeregt. Er hatte eben ein telephonisches Gespräch mit dem Bürgermeister gehabt – es war richtig so gekommen, wie er gedacht und sich gewünscht hatte. Die Reaktionäre in der Bürgerschaft begingen wahrhaftig die Dummheit, den Fall Benno ihm in die Schuhe zu schieben! Famos! Besser konnten sie gar nicht das Wasser auf seine Mühe leiten. Jedenfalls war die Schulfrage durchaus in den Vordergrund der öffentlichen Teilnahme gehoben. Sie war brennend, und der Brand war Falkners Leben.

»Die öffentliche Meinung werden wir schon kriegen!« erklärte er und rieb sich die Hände, nachdem er Joachim kurz unter Schonung des alten Regiments – es galt den »Vertrauten« langsam sich kneten und zurichten – das Sachliche mitgeteilt hatte. Die öffentliche Meinung – das war sein erster Gedanke. Nun ja, so spricht der Mann, dessen Ehrgeiz das Kultusministerium ist.

Joachim wußte nicht, was ihm gleichgültiger gewesen wäre als die öffentliche Meinung – immer und nun gar hier, wo Bennos Schicksal, in seines eigenen Lebens Gang verflochten, ihn bewegte. Das der andere kalt ausschlachtete für seinen persönlichen Bedarf. Wieder stieg der Zorn gegen ihn in Joachim auf – vielleicht auch ein Stück Neid. Lebenskunst nennt man das ja wohl, so leicht um sich selbst als Mittelpunkt das Leben kreisen zu lassen. Er, Joachim, hat nun einmal zu wenig von dieser schönen Gabe mit auf den Weg bekommen.

»Ich möchte Sie also bitten, Herr Professor Braß, den amtlichen Bericht an die Behörde als mein Vertreter abfassen zu wollen. Und überhaupt die ganze Angelegenheit offiziell zu erledigen.«

In Joachim dämmerte es auf: war nicht eine besondere Taktik dabei? Nicht bloß, daß der andere die ganze Sache sich vom Leibe schaffen wollte – es lag ihm daran, nach außen hin zu zeigen: seht ihr, damit hab' ich, der neue Herr, nichts zu tun, deshalb führt auch einer von den Herren des alten Kollegiums hier die Geschäfte. So will er offen seine Hände in Unschuld waschen.

Immerzu! Wenn er es anders machte, wäre er dann noch er selbst! Aber die Kluft zwischen ihnen beiden gräbt sich Joachim damit immer tiefer ins Bewußtsein.

Mit Scheu hatte er der Frage entgegengesehen, die von der andern Seite kommen mußte – der Frage nach Bennos Mutter. Da sie nicht kam, rief er sie nicht herbei. Schon der Name, die bloße Erwähnung im Munde des andern würde roh an die kaum verharschte Wunde greifen. In seinem Bericht war eine Lücke geblieben, da er von einer Nachforschung und Erkundigung im Hause der Mutter nichts erwähnt hatte. Er schwieg auch jetzt darüber. Falkner wurde schon wieder am Fernsprecher verlangt. Joachim machte sich bereit zum gehen.

Aber wie sie sich verabschiedeten, hielt Falkner ihn nun doch zurück: »Ich habe das eine ganz vergessen – sind Sie denn nicht bei Frau Eva gewesen?«

Es war Joachim zumute, als müßte er sich wehren, als hätte er etwas zu verteidigen. Aber ruhig, sach- und ordnungsgemäß gab er jetzt die Auskunft: »Ich war in der Wohnung der Frau von Treutlien, fand sie aber nicht mehr. Sie ist an demselben Abend abgereist.«

»Abgereist – ach was! Auf lange? Und wohin?«

»Frau von Treutlien ist in Begleitung ihres Klavierlehrers gefahren. Der eine Konzertreise durch Holland macht.«

»So, so.«

Durch die hübschen Züge flammte eine unverkennbare Regung des Unmuts, der Enttäuschung, die Empfindung eines Verlustes.

Joachim hätte jetzt gehen können. Er geht nicht. Ihn hält eine Art schmerzliche, düstere Erwartung. Seine Augen bohren sich in das Gesicht des Mannes, in dem er von je den Nebenbuhler gewittert hat. Als wollten sie etwas aus ihm herausgraben, eine furchtbare Wahrheit –

Furchtbar? Was hat er noch zu fürchten? Ist die Frau nicht für ihn abgetan? Ist sie nicht überwunden und zur Ruhe bestattet? Aber ihr Bild – ihr Bild ist am Leben – und des Bildes Leben ist Klarheit! Klarheit ist, was er will.

Und jetzt spricht der andere. »Sie scheinen dem allen sehr nachzuhängen –«

Joachim wirft den Kopf. Will sich der in sein Leben drängen – als Tröster wohl gar – und hier – –! – Will der Mann so die Vertraulichkeit, auf die er es jetzt anlegt, noch enger schlingen? Warum muß er hier noch bei ihm stehen, warum ist er nicht längst gegangen –? –

Schon ist Joachim auf dem Sprung – und wieder bindet ihn das Unheimliche, das Unsägliche, das ans Licht will und soll –

Und wie herbeigezwungen von dem, was sein Wahrheitswille fordert, spielt um des andern weichen, sinnlichen Mund ein Erinnern und in diesem Erinnern eine Genugtuung, eine Regung des Selbstbewußtseins, eine Eitelkeit, die nicht darauf verzichtet, den Erfolg zu bezeugen. Um keinen Preis jetzt, nach der Abreise, als der Kaltgestellte erscheinen! Die Überlegenheit obenauf!

So kommen aus diesen verhaßten Lippen, wie herausgezogen von der Erwartung des mit allen Fibern Horchenden die Worte, die ein Achselzucken begleitet: »Mir selbst wird ja jetzt – so mancherlei fehlen. Aber du lieber Gott – Eva Treutlien ist nun einmal so. Ein Tor, wer sich über solche Frauen den Kopf zerbricht!«

Der Genießer – der Kenner – und der Tröster, haha! Der Genießer – der schamlos sich Brüstende –! –

Joachim würgt das alles mit grausamer Lust in sich herein – und dann stürzt es hervor mit wilder Gewalt wie eine Sturmflut.

»So spricht ein Bube!« Er packt die Brust des andern und schüttelt ihn, schüttelt ihn, als wolle er alles Leben aus ihm herausholen. Dann stößt er ihn von sich. Befreit! Das letzte der Qual, die in ihm tobt, hat sich erlöst –

Falkner taumelt zurück und sucht Halt und findet ihn nicht und fällt hinterwärts in den Schrank. Die berstenden Bretter krallen sich um ihn fest. Er rudert mit den Armen und Beinen, sich loszumachen – weiß der Himmel, ein unerhört lächerlicher Anblick.

Ja, so ist es gut! So sei das Ende! Der Schlußakkord meines Zusammenwirkens mit dem neuen Herrn, der nun einmal mein Zorn ist und mein Haß.

Und ich bin ein wüster Gesell' – ja, ich bin's, aber es gibt nun mal Momente, wo die Mannesfaust nicht Ruhe hält! Gott sei Dank habe ich meine Zeiten, wo ich mir selber helfe und nicht nach dem Beschwerdebuch rufe – aber bin ich wüst, so will ich es mit Lachen sein!

Schön eingezwängt und eingekeilt ist der Generalgewaltige! Haha! Hoffentlich hat er nicht gerade seinen »Rhythmus«!

In seines Lachens Takt schreitet Joachim über den Schulhof. So ist am Morgen des Johannistages sein Ausgang aus dem Gymnasium von St. Jürgen.

 

Es waren die hellen, warmen Sommertage, da die jungen Gedanken schon auf Ferienwanderungen sind, ehe die große Freizeit begonnen hat. Die Tage, an denen auch sonst in der Schule der Ernst der Arbeit Atem zu schöpfen und sich das Leben ein wenig leichter zu machen pflegte.

Und auch im Gymnasium von St. Jürgen, wo das Oberste zu unterst gekehrt wurde, wo die Arbeit immer mehr herumflatterte und flackerte, hätte sich vielleicht trotz den Reizen der Neuheit, trotz Falkners leidenschaftlicher Regsamkeit und seinem Schöpferbewußtsein – »ich brauche das Chaos, um den Kosmos zu gestalten« – auch hier hätte sich jetzt vielleicht die mehr als alle Wanderlust gefürchtete sommerliche Verdrossenheit, der gefährliche Sommerschlaf auf alles gelegt. Die Gefahr war groß bei der im Grunde phlegmatischen Natur dieses Menschenschlages. Aber die beiden Sensationen waren und blieben die Hechte im Karpfenteich: der niedergeschossene Schuldiener und das plötzliche ungeklärte Ausscheiden von Fortinbras. Freilich verwirrten sie das geistige Leben in der Anstalt noch mehr und waren also an sich ein zweifelhafter Gewinn.

Joachim hüllte sich über seine letzte Begegnung mit Falkner in gepanzertes Schweigen. Nicht nur seine Vornehmheit, die den gedemütigten Gegner schonte, auch die Furcht, an das zu rühren, was zu der Gewalttat ihn hinriß, und zuletzt eine Scham, daß er sich hatte hinreißen lassen, machten ihn unnahbarer als je.

Falkner mit seiner glücklichen Sinnesart durfte es als Sieg sich gutschreiben, daß dieser gefährlichste aller Gegner freiwillig aus dem Amte schied. Und daß als Etikett auf dieses Ereignis mit des Scheidenden Einwilligung »schwere persönliche Differenzen mit dem neuen Direktor« geklebt werden durfte.

Mochten sich nun die andern die Köpfe darüber zerbrechen – Falkner schwieg wohlweislich auch – so lag denn auch über dieser Geschichte der Zauber eines Geheimnisses.

Allerdings die Bluttat – Blut der besondere Saft – war es in erster Linie, was die Gemüter der Eltern, so träge sie waren, in Bewegung gebracht hatte. Ein Elternrat oder so was Ähnliches brachte es richtig zu ein paar Tagungen.

Es war das gewohnte Bild, alle waren sie da. In der Überzahl natürlich die Neugierigen, die Oberflächlichen und im Grunde Gleichgültigen, die eben nur die Sensation auf den Schwung gebracht hatte. Die Wortführer einmal die Konfusen, vom Neuen Benebelten, die selber nicht wußten wo aus und wo ein – dann die Redegewandten und Witzigen, denen es zuerst darauf ankam, ihr eigenes Licht leuchten zu lassen. Den Ernsten, Innerlichen aber Wortarmen brummte der Schädel von solchem Schwall.

Da saß unter den Versammelten ein schwerer helläugiger Mann, Herr von Riebnitz, Dibrands Vater. Bäuerlich fast in seinem Gehabe. Fest in seinem Urteil und seinem Wollen. Er bat ums Wort. Aber er war beileibe kein Redner. Und wie er mit der Wendung, die als eine Art Losung ihm galt: »Ordnung regiert die Welt und der Knüppel die Hunde!« seine holprigen Ausführungen schloß, kam das viel brüsker und junkerlicher heraus, als es gemeint war. Die Gemüter erregten sich, ein heftiges Durcheinander verschlang vollends alle Möglichkeiten einer Verständigung.

Auch hier das Chaos, das – angeblich – schwanger mit dem Kosmos ging. Und so gab es den richtigen Einklang mit dem, was der heilige Jürgen auf seinem Gymnasium sich abspielen sah.

Auch hier, unter den Schülern wie unter den Lehrern nach wie vor die Mehrzahl von der Gelassenheit, Oberflächlichkeit, der gedankenlosen Trägheit, die stillhält und sich schieben läßt. Einige von ausgesprochener Hartnäckigkeit und feindlich im Widerstand eigener Überzeugung. Aber so ganz unerbittlich auch von ihnen nur Professor Schruff. Der soweit geht, sich gerade jetzt alle Fragen der Schüler, wenn sie nicht »strengstens zur Sache gehören«, zu verbitten. Er ist beliebt bei den Jungen, seine unbekümmerte, forsche Art, sein Draufgängertum, gerade weil es ein wenig ruppig ist, wirkt auf die jungen Gemüter. Einige von den Knaben, die »der Zwang des alten Systems« aufsässig stimmt und die – gewiß um sich wichtig zu machen, vielleicht auch um sich beim Direktor zu schustern – über Professor Schruff wegen jener Vorschrift an höchster Stelle sich beschweren, werden am nächsten Tage von Schruff vom Katheder herab der Klasse mit Namen genannt. Und nur die nackte Tatsache wird berichtet ohne jedes Beiwort. Aber das genügt. Die Lynchjustiz der Klasse greift zu. Die »Petzer« bekommen ihre Haue. »Prügelstrafe der Schüler untereinander« nennt Schruff dieses Erziehungsmittel, das auch die neueste aller Zeiten nicht verbieten kann, das er schätzt und übt – nach wie vor.

Für Falkner gab es keine Widerstände, die er schwer genommen hätte. »Übergangszeit« – damit hatte er das erlösende Wort gefunden. Er verstand sich auf die Kunst, Geister zu bannen, und glaubte an sie.

Er selbst hatte in der obersten und in der untersten Klasse Stunden übernommen, in der Prima gab er Deutsch, in der Sexta Heimatkunde. Er scheute sich nicht vor dem Beispiellosen und Ungewohnten – das war ja sein Element – das ganze Lehrerkollegium sich als Gast zu seinem Unterricht zu laden. Damit sie alle dabei sein konnten, mußte natürlich eine besondere Zeit angesetzt werden. Daß sie alle Platz fänden, bedurfte es eines größeren Raumes. So mußte es in der Aula vor sich gehen.

»Eine Festvorstellung,« höhnte Eberhard Schruff. Sie dachten an das, was Fortinbras einmal vom Zirkus gesagt hatte, und vermißten ihn sehr.

Für die Jungen war durch das Ungewöhnliche natürlich die richtige Stimmung geschaffen. Aufgekratzt waren sie, sehr bereit, alles mitzumachen, was von ihnen verlangt wurde. Die meisten kitzelte nun doch das Gefühl, daß mit ihnen Ehre eingelegt werden sollte.

Mit der Prima begann es. Feierlich nahm die Lehrerschaft als Auditorium ihre Plätze ein.

Falkner, sehr unbefangen, war ganz der größere Bruder, der mitteilsame Freund. Er deichselte es so, daß auf Wunsch der Jungen ein Ausflug in die neueste Literatur unternommen wurde. Hier hatten die Hans Weinhold und Genossen Oberwasser. Sie mußten berichten, was sie gelesen, auch wohl rezitieren, was sie behalten hatten. Dehmel, Rainer Maria Rilke, Fritz von Unruh, Gorch Fock kamen zu Worte. Über ihre Eindrücke und Empfindungen sprachen die Jungen. Manche in der Klasse waren allerdings sachlich unbeteiligt, aber auch sie hörten aufmerksam zu. Falkner ließ dazwischen die Feinheiten seines Geschmacks, seines Urteils spielen. Aber er ließ sie spielen. Vor den Schülern, vor den Zuhörern. Und die Klugen und Tieferen unter diesen wurden das Gefühl nicht los, daß sie eben einem Schauspiel beiwohnten. Gaben sich nicht auch die Wortführer unter den Jungen ganz als »Akteurs«, die ihre Rolle hatten?

»Det riecht mir allens nach Schminke!« grimmte Schruff in sich hinein.

Aber Zug und Schmiß und Regie war in der Vorführung, das mußten auch die Übelwollenden zugeben.

Nun kam die Sexta an die Reihe. Heimatkunde. Die kribbelnde Schar der Kleinen ohne die Machtmittel und Kommandos einer Disziplin, die als veraltet abgelehnt wurde, in Ordnung zu halten, war nicht so ganz einfach. Indessen die feierliche Gelegenheit tat auch hier ihre Wirkung, das Bestreben artig zu sein herrschte vor. Auch wirkte die große Zahl der Lehrer bezwingend. Die Jungen blieben auch hier hübsch beieinander.

Er ließ die Kinder eine Wanderung mit sich machen, vom Schulhof durch die Stadt über die Felder bis an die See. Was ihnen auffiel, sollten sie sagen. Was sie besonders beschäftigte, darüber sollten sie sich auslassen. Hier ging es nun zuerst wie Kraut und Rüben durcheinander. Aber Heimatkunde blieb schließlich alles. Fragen taten sie aber mehr, als zehn Weise beantworten konnten. Ein anderer Lehrer wäre wohl öfters in Verlegenheit gekommen. Doch Falkner sagte ganz seelenruhig: dies und das wisse er selber nicht. Es gäbe ja so unendlich viel auf der Welt – darum müßten ja auch soviele Lehrer an einer Schule sein, von denen jeder ein großes Wissensgebiet unter sich habe. Und diese naturwissenschaftliche Frage – es war von Versteinerungen die Rede – würde am besten Herr Professor Schruff beantworten, der ja zum Glück bei der Hand sei. Und während Schruff aus der Zuhörerrolle heraustrat und kurzen Aufschluß gab – das alles hatte in seiner Ungezwungenheit wohl etwas Erfreuliches – wandte sich Falkner an das Kollegium: nichts Schlimmeres für uns, als vor den Kindern so einen Popanz der Allwissenheit zu machen! Der doch über kurz oder lang in sich zusammensinken muß. Die Jungen müssen es je eher desto besser erfahren, daß wir kein Konversationslexikon sind!

In alledem war etwas wohltuend Ehrliches und Unmittelbares. Obschon den Zweiflern auch hier eine Originalitätssucht ihr Rad zu schlagen schien. Und Falkners Art, mit den Kindern umzugehen, zeugte ganz gewiß von ursprünglicher Lehrbegabung. Nur das schließlich doch das Beste dafür fehlte, die Wahrhaftigkeit innerlicher Wärme. Und so blieb eben alles doch ein Spiel. Ein verblüffendes, ein reizvolles, ein blendendes für diesen und jenen. Aber die tiefer Blickenden wurden doch immer wieder darauf gestoßen, daß er zuerst und zuletzt nichts anderes als seine eigene Person produzierte und sich selbst von seinen Ideen beleuchten ließ. Darum fehlte das Beseelte, und was blieb, war nicht viel mehr als kalte Mache.

Keiner, der das so empfand, wie Einhart. Keiner, der wie er darunter litt. Dies war nicht die Stimme, nicht das Walten des Heilbringers, ganz gewiß nicht. In allen Fasern zuckte es ihm, selbst Zeugnis abzulegen. Ja, er war nur einer von den Kleinen, den ganz Kleinen. Und wie gering war sein Bereich. Aber kann das Große nicht auch in den Kleinsten sich auswirken? Steckt in dem Senfkorn nicht ein Baum?

Und er weiß, er hat es, das heilige Fühlen. Falkner aber ist sein Bundesbruder. Und was der will, ist gut. Nur daß dieser Wille an Berechnung hinsiecht, an armseliger Absicht, an eitler Schaustellung verödet.

Kann er, er selbst, so klein er ist, hier nicht helfen, nicht wecken – nicht erwärmen mit eigener Inbrunst? Nicht vielleicht doch einen Funken schlagen, der in dem Mächtigen eine reine Flamme entzündet? Warum offenbart er sich ihm nicht mit ganzer Kraft? Die Scheu vor dem Schein, er könne sich an den Einflußreichen hinandrängen wollen – wie kleinlich ist sie, hier, wo es um das Große geht. Falkner soll einmal zu ihm kommen, wenn er mit seinen Jungen arbeitet, mit ihnen fühlt, mit ihnen lebt! Ja, er weiß, er hat ihm was zu geben! Kann davon nicht etwas wie ein Ruf in dessen Seele klingen?

Und die freie Schule wirkte weiter. Wenn aber die Lehrer, die sich überhaupt noch um den Unterricht – nein, Unterricht ist veraltet – um das freie Schaffen an sich selber kümmerten und nicht bloß »Freiheit, die ich meine« pfiffen, wenn sie vor all dem krausen und auch dummen Zeug, das dabei zustande kam, vor den gewollten Albernheiten und ungebändigten Dreistigkeiten erschraken, tröstete sie Falkner mit der »Übergangszeit«. Erklärte, er wollte es so, wollte das Absurde, wollte den gärenden Most – denn nur aus ihm würde Wein!

So kam es, daß viele der Lehrer bloß noch zu beschaulichen Anekdotensammlern wurden, und es mehr oder weniger spaßig fanden, was die jugendliche Ungebundenheit zutage förderte. Heute im Konferenzzimmer erzählte Caligula, mit einem wehmütigen Lächeln, in der Kulturgeschichte – sie hätten gerade von Hauszeichen und Hausmarken gesprochen – wäre von einem seiner Frechlinge die Frage aufgeworfen: warum auf dem Lande die Türen eines gewissen Ortes gerade mit einem herzförmigen Ausschnitt verziert wären? Er hätte das Rätsel nicht lösen können.

»Ick hält' et jelöst!« rief Schruff. »Ick hätt' den Bengel derartig anjehaucht, daß ihm zur Illustration seiner Frage das Herz in die Hosen jefallen wäre!«

Man lachte, dieser und jener versuchte ernst zu werden, man machte Einwendungen – dann ließ man Probleme Probleme sein, sprach über Politik, wirtschaftlichen Druck, über Dienstboten und den Dollarstand.

Ganz abwesend war der Astrologe, er schlug die Augen himmelan, er verflüchtigte sich immer mehr von Tag zu Tag, er verdampfte visionär.

Falkner hatte sich bei Einhart für eine Lehrstunde zum Besuch angesagt. Er kam spät und blieb kurze Zeit. Nickte wohlwollend, dann horchte er hell und hart auf. Er fühlte, hier war mehr, viel mehr als er selbst hatte und geben konnte. Fühlte, daß die Jungen hier etwas lieb gewannen, auch den Fleiß. Und daß in dem Wissen hier die Seele sich regte. Denn hier war das, was er nicht hatte. Hier war das Herz.

Das schuf ihm eine Art Unbehagen. Ein Neid, eine Eifersucht zuckte in ihm auf. Eine Angst vor denen, die größer waren als er, weil sie tiefer und ehrlicher waren. Und vor denen er nimmermehr bestehen konnte.

Und weiter rückte er ab von dem, der als Jünger so gern seines Wesens Quell bewegt hätte. Wohl gewährte er Einhart eine kurze Unterredung. Der sprach ihm offen und zuerst noch zutraulich von seinen Nöten. Eins war es, womit er nicht fertig wurde. Wie war die Kluft zu überbrücken, die bei den Jungen zwischen Begabung und Stumpfsinn sich auftut? Er litt selbst mit an den Qualen des Genies, das mit den Langsamen und Lahmen Schritt halten mußte. Durfte der Lehrer mit den Sieghaften voranstürmen? Mußte er nicht eher mit den Bedürftigen in der Nachhut bleiben? Wie sind diese Gegensätze auszugleichen?

Er brauchte Rat und Hilfe, aber er fand sie nicht. Wurde Falkner ein Problem lästig, richtete er sich immer zu forscher Manneshöhe auf. »Mein lieber Kollege, Sie neigen dazu, allzusehr in Gemütstiefen hinabzuklettern. Nicht allzu weichmütig werden. Nicht ganz Empfindung sein.« Und er hatte die Geste eines großen Worts bereit: »Wird nicht schließlich auch das Herz mit dem Hirn gewogen?«

Abgang. Das leg' ich dir hin. Darüber denk' einmal gründlich nach.

So entschwand ihm Falkner für immer aus der Welt seines Schaffens, seines eigenen Suchens und Findens.

Und so ging es in die großen Ferien. Falkner war mit sich zufrieden. Wo andere eine Verwüstung und Zerstörung alter wohlgepflegter Pflanzung beklagten, sah er gelockerten Boden für neue Saat.

 

Joachim hatte als Leiter der Fischereigesellschaft alle Hände voll zu tun.

Es lag hier vieles im argen, nicht nur das Schreibwerk – am großen weiten Blick hatte es doch zuletzt gemangelt und am festen Griff. Nun gab es Verhandlungen mit Reedern, mit Großhändlern, mit Räuchereien und Konservenfabriken. Sie mußten finanziell beteiligt werden. Größere Kapitalien wurden gebraucht.

Andreas war ein tüchtiger Geschäftsmann – fehlte eben nur der höhere Zug. Den hatte Joachim. Die Fischer wußten es wohl. Sie priesen sich glücklich, daß sie ihn jetzt bei sich hatten, und breiteten ihm die Hände unter die Füße.

Joachim setzte sich ein für dieses Schaffen im großen. Er war wie auf einem neuen Erdteil – ein Ozean lag zwischen ihm und dem Vergangenen. Aber seines Herzens Heimat war nicht hier, und oft genug blickte er über das große Wasser.

Zahlen – Zahlen – was sollten ihm die Zahlen! Ihm, der in den jungen Seelen auf die Ewigkeit gelauscht hatte.

Und das ganze Elend der Zeit, noch mächtiger wurde es so über ihn. O diese elende Zeit der vielen Nullen! Der vielen Nullen, weiß Gott!

Aus seinen stillen Abendwegen mied er noch den Bezirk des alten Wartturms, den düsteren Zaubergarten der Erinnerung. Sein Inneres war doch noch nicht so ganz ausgeheilt. Als er den alten steinernen Freund das erstemal wieder zu Gesicht bekommen, hatte der schwer den Kopf geschüttelt: »Die Weiber, Joachim – ja, ja, die Weiber!«

Oft saß Joachim an diesen Sommerabenden mit Huswädel vor der Tür und plauderte mit ihm von früherer Zeit. Der Alte fing an, sich langsam zu erholen. Ob er freilich seine Dienstfähigkeit wiedererlangen würde, war zweifelhaft. Er war denn auch um seine Pensionierung eingekommen. Wehmütig genug war es ihm zu Sinn. Das alte Jürgen-Gymnasium war und blieb ihm nun einmal durch den neuen Herrn verleidet, und auch als gesunder Mann hätte er schwer den Weg zu ihm zurückgefunden.

»Sie müssen nun eben auch umsatteln, Vater Huswädel,« meinte Joachim. »In unserer Fischereigesellschaft hab' ich einen Posten für Sie. Allerdings – wie soll ich sagen – Fischaugen sind keine Jungenaugen.«

Die Jungenaugen – wie er sie entbehrte, wie er sich nach ihnen sehnte! Er wußte, er würde ohne sie niemals seines Lebens froh werden.

Wer einmal ihr Licht geatmet hat – dieses groß und glücklich Erwartungsvolle, das spitzbübisch lustige und listige Lauern, die schalkhaften Schliche, dieses märchenhafte Entrücktsein, die strahlende Gläubigkeit, die lichterlohe Begeisterung – ja, ja, in den Augen sind die Seelen, und die Seelen glimmen nicht, sie flammen – das war nun mal sein Leben, das war seine Welt!

Oft genug haben sie ihm weh getan, die Jungen. Und am meisten zuletzt. Er hatte gehofft, die »Reihe« würde nach ihm sich umtun. Nur zwei hatten ihn einmal aufgesucht, Bernhard und Dibrand. Er war nicht daheim gewesen. Sie waren nicht wiedergekommen.

Was wollte er? Dankbarkeit? Du lieber Gott, er sollte doch wissen, daß es nichts Wesenfremderes gibt als Dankbarkeit und Jugend. Und dann – den Jungen war es doch auch gehörig über den Kopf gekommen. Die neue Zeit brauste ihnen nicht schlecht um die Ohren.

Schließlich aber – nun regte es sich in seinem Gewissen – hat er denen, die gerade jetzt seine Hilfe gebraucht hätten, sich nicht versagt? Hat er nicht durch persönliches Erleben, durch persönlichen Zorn, persönlichen Haß und eigene, eigenhändige Gewalttat aus dem Geleise sich werfen lassen! Ist er nicht zum ungetreuen Führer an seiner Gefolgschaft geworden?

Der letzten Worte des alten Kornelius mußte er gedenken, seines Vermächtnisses: auf der Wacht sollten sie alle bleiben. Da es ein Gut zu wahren gälte!

Wie hat er, Joachim, geholfen, dies Gut zu wahren! Und wie hat er die neuen Ideen ad absurdum geführt! Damit, daß er ihren Vorkämpfer kraft seiner stärkeren Knochen an die Wand schmiß! Den neuen Leiter der Anstalt mit dem untern Teil seines Rückens in dem Schulschrank festkeilen – das heißt in der Tat, den geistigen Sieg über ihn gewinnen!

Nein, nein – das war kein Heldenstück, Joachim! Und kein Heldenstück war es, so die Anstalt zu verlassen! So von seinen Zöglingen sich zu lösen.

Die fühlten das auch – ob sie schon von all den Einzelheiten nichts wußten. Die große, starke, freie Offenheit fehlte. Ein Verstecktes war dabei – nicht hochgehobenen Hauptes ist er seines Weges gegangen. Viel eher könnte man sagen, daß er sich fortgestohlen habe.

Darf er sich wundern, daß seine jungen Freunde an ihm irregeworden sind, ihn seinem Versteck überlassen und ihn nicht suchen? Ach und wie leicht vergißt die Jugend!

Es heißt schon, sich zurechtrücken in seinem Schmerz und mit dem sich abfinden.

Einer fehlt ihm, den er gleich nach seinem Handstreich gegen den neuen Machthaber aufgesucht und nicht mehr angetroffen hat – Kornelius, der Freund. Er war zu Verwandten nach Süddeutschland abgereist. So ist auch nach dieser Seite ein leerer Raum.

Einsam – und die ganze Härte und bittere Schärfe der Vereinsamung.

Er war nicht mehr in der Stadt gewesen. Jetzt zur Zeit der großen Ferien riefen ihn Geschäfte dorthin. Den Tag über war er nicht zur Besinnung gekommen. Die Abendstunden aber waren sein.

Seine Geschäftsfreunde, angesehene Bürger, von denen einer auch Stadtverordneter war, hatten das Gespräch zwischen den kaufmännischen Schlachten auf die Schule gebracht. Man spürte, daß die Gemüter des Landes, die schweren, trägen, nun doch in eine schnellere Bewegung gekommen waren. Joachim aber riegelte sich ein. Nichts durfte ihm an sein Inneres greifen. Auch was sich an eigener plumper Neugier in ihm regen wollte, wurde mit kurzem Ruck abgetan. Nur seinen eigenen stillen Stunden gehörte dieses Land. Dann, als die Dämmerung durch die menschenleer gewordenen Straßen schlich, begab Joachim sich auf seinen heimlichen Gang. Auf die Wallfahrt zu St. Jürgen.

Er trat in das Tor und schritt über den verlassenen Schulhof, auf dem die Abendschatten den seit Tagen verschollenen kindlichen Spielen und jugendlichen Disputationen nachträumten. In eines der Bogenfenster des Erdgeschosses lehnte er sich hinein, dessen Efeu spann zu seinen Häupten. Gräberschmuck – war sein Gedanke. Und ein Gestorbener erschien er sich selbst. Einer, den die nahende Nacht zum Spuk heraufbeschwört an die Stätte, die ihm im Leben die liebste gewesen. Und es war wie ein Rausch der Empfindsamkeit, was ihm die Sinne verzauberte. Er schluckte an etwas, wußte selbst nicht, was es war. Empfindsam, ja, ja – brutal nennen sie mich. Und daß ich mit Roheitsdelikten aufwarten kann, habe ich ja zur Genüge bewiesen. Was würden sie sagen, wenn sie mich hier so sähen – die früheren Kollegen, meine Jungen, meine Reihe – sehnsüchtig verträumt – was würden sie dazu sagen, wie ich hier so ein stilles, schmerzliches Glück mir stehle. Fehlt bloß der Mond und blinkende Tränen.

Dann strafft er sich. Habe ich mir nun wirklich das, was mein Leben ist, verbaut – und verhaut? Bin ich bloß noch gut, herumzuspuken und zu geistern?

O du großes deutsches Land – solltest du nicht einen Lehrer brauchen können, der gewiß kein praeceptor Germaniae ist, der seine Enge hat, seine Unduldsamkeit, sein stutziges und störrisches Wesen – aber der die Jugend liebt und darum der Jugend auch was sagen und bieten und schenken kann? Es gibt doch noch mehr Heilige als meinen alten St. Jürgen.

Wer aber einmal solchem Dienst an der Menschenseele ergeben war – Heringe fangen kann nicht seines Daseins Losung sein!

Und da seine starken und innersten Lebenswünsche sich regen, wirft sich wieder die Vergangenheit gegen ihn. Und an dem Schmerz wächst das Mißtrauen. Wird man nicht fragen, warum er den Schuldienst verlassen hat? Wird man nicht forschen, wird Falkner nicht sprechen? Sprechen in seiner Art – er selbst der Unverwundbare, der Unanfechtbare, der Überlegene und Sieghafte? Sollen all die andern seine Wundenmale aufdecken?

Und wieder hüllt er sich in seine bittre Einsamkeit.

 

Die Ferien waren vorüber, die Reihe von guten Tagen, mit denen, wenn sie für Menschen schwer zu ertragen, Jungen jedenfalls unter gewöhnlichen Verhältnissen unendlich leicht fertig werden. Allerdings wird auch bei ihnen wohl, damit das Helle recht erfreulich sich abhebt, ein ernster Hintergrund gebraucht. Sonst kann auch in ihnen der Mensch wach werden, der nach Schmerzen sich sehnt.

Nach Arbeit jedenfalls. Und die Schule ist Arbeit. Die oft verwünschte, oft gehöhnte und doch unentbehrliche Arbeit.

Die Jungen von St. Jürgen dachten – so weit sie das überhaupt taten – an die Anstalt, die sie wieder zusammenwinkte, diesmal mit sehr gemischten Gefühlen. Mit dem Reiz der Neuheit ist bei Kindern am allerwenigsten anzufangen, weil gerade bei ihnen das Neue das Allerflüchtigste und Vergänglichste ist. Wenn die neue Ordnung der Dinge weiter nichts in die Suppe zu brocken hatte, als daß sie neu war –!

Und mit den Brocken hatte es doch wohl seine eigene Bewandtnis. Die Jungen wollten schließlich doch was zu kauen haben, den Mund möglichst voll, was zum Knacken gar. Sie hatten Zähne und wollten sie gebrauchen. Die weichliche Kost in ihren geistigen Futternäpfen – die festen, gesunden Kaumuskel waren geneigt, sich allmählich lustig über sie zu machen.

Und eine gefährliche Ulkstimmung nahm gerade jetzt nach den Ferien, wo sonst eine straffere Anspannung und festere Zügelführung an der Tagesordnung gewesen war, Besitz von dem jungen Volk. Kenntnisse – du lieber Gott – es kam ja im Grunde auf sie nicht an – »leicht und spielend« hatte man sie sich anzueignen – sie waren im besten Falle Scherzartikel. Man amüsierte sich und faulenzte – und war doch ganz gewiß dieses Lebens nicht froh.

Übergangszeit! sagte Falkner immer wieder denen zum Trost, die allmählich die Hände über den Kopf zusammenschlugen. Er selbst brauchte keinen Trost, er glaubte an die ›Entwicklung‹. Eigene Tätigkeit, die überall die neue Saat auszustreuen nicht müde wurde, die freilich ganz und gar nicht in die Tiefe griff, alles Unbequeme mied und im Grunde nichts als geschäftiger Müßiggang war, täuschte ihn über die geistige Regsamkeit seiner Anstalt. Und all die Ausgelassenheit war er geneigt, als Arbeitsfreude zu nehmen.

Er hatte damals in seinem öffentlichen Vortrag ein paar verhängnisvolle Worte gebraucht, die die Faulpelze, die Tagediebe und Unfugstifter von Beruf sich nicht entgehen ließen. Aus der sie eine Formel sich schufen, um die Lehrer mit ihren Wünschen – Wünschen, zu denen die Forderungen von früher herabgesunken waren – wehrlos zu machen. Wenn die Burschen nichts wußten oder nicht mittun wollten, erklärten sie einfach: »In meinem Familienbaum ist was los.« Oder auch: »Ich habe gerade meinen Rhythmus.«

Gerade in dieser Formel aber lag der Todeskeim für das ganze System. Sie war es, die eine Erregung und Bewegung in die ernsten Geister unter den Schülern trug. Im Anfang war das Wort – und aus dem Wort wurde die Tat.

Es gab Jungen, die auf dieser vermaledeiten Redensart mit einem gemeinen Lachen geradezu ritten und reisten. Sie weckten den ganzen Zorn der Bernhard und Dibrand. Einmal geschah es, daß Dibrand, der leidenschaftliche, seines Unmuts nicht Herr werden konnte, einen dieser üblen Gesellen beim Kragen nahm und regelrecht verdrosch. Die berühmte Prügelstrafe der Jungen untereinander. Aber es gab viel böses Blut, gerade weil man hier auf »neue Offenbarungen« sich steifte – es gab den Fanatismus, mit dem Glaubenskämpfe ausgefochten werden, es gab Gift und Galle, Angebereien und Verhetzungen, Intrigen und Kabalen. Ein Hexenkessel brodelte das alte brave Gymnasium von St. Jürgen.

Falkner blieb unbeirrt und unerschüttert. Gärender Most – sprach er einmal über das andere. Je trüber er schäumt, je wilder er braust, um so eher klärt er sich, um so besser wird der Wein.

Er klärte sich in der Tat – schnell und gründlich, aber anders, als Falkner es sich träumen ließ. Noch lebte der Geist, der in Joachims Reihe Form gewonnen hatte. Hier wurde der Funke gehütet, aus ihm wuchs die Flamme.

Bernhard, Dibrand, Fritz Prüter und Hans Weinhold kommen von einem Vereinsabend.

Die Schülerverbindungen, die das Studententum nachäfften und es in wüsten Kneipereien zu übertreffen suchten, hatten sich überlebt. Auch war ihnen der Zauber genommen, weil sie nicht mehr in Acht und Bann getan waren. Geblieben waren ein paar Klubs, die ihre gemeiniglich belanglosen aber um so heftigeren Debatten unter dem Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse mit ein wenig Bier bescheiden zu begießen pflegten. Es waren spärliche Genüsse, meist wurde eben leeres Stroh gedroschen und Quark getreten, der davon bekanntlich breit wird und nicht stark.

Die vier leiden denn auch heute wieder an zorniger Leere. Und Dibrand spricht: »Können wir nun noch tiefer herab schliddern? Auf der Rutschbahn zur geistigen Öde? Ich habe das jetzt satt hier. Ich will mich nicht so durchdalbern – durch meine Lehrjahre. Jawohl, meine Lehrjahre! Um was zu lernen bin ich hier!«

Um was zu lernen – dies Wort hat es in sich – dies Wort klagt und weckt und ruft und flammt – dies Wort wird eine Macht.

Selbst Hans Weinhold spitzt diesem Feldgeschrei die Ohren. Auch ihm ist es der ›Knochenerweichung‹ allmählich zu viel geworden, er ist dabei, sich aus dem Dunst seiner schwärmenden Lyrismen zur epischen Feier harter, härterer, härtester Heldenhaftigkeit emporzurecken. Sein Freund Fritz Prüter aber hat längst den Finger an die spitze Nase gehoben zu der weisheitsvollen, erlösenden Entdeckung: »Auch der Hedonismus ist nur in der Opposition denkbar. Wenn alles hedonisch wird, wenn die große Schlagsahne über die Welt hereinbricht, dann wird eben Grobbrot wieder Trumpf.«

Jetzt, auf dem gemeinsamen Heimweg, nimmt Bernhard das Wort, ernst, bedachtsam, und aus dem, was er spricht, wächst ihm dann selbst die starke Bereitschaft. »Ja, Dibrand, das ist es. Wir lernen hier auf diese Weise nichts. Die Windbeutelei behält die Oberhand. Ich war in den Ferien mit einigen Hamburger Primanern zusammen. Auch bei denen ist ja manches anders geworden, aber sie haben doch den festen Boden unter den Füßen behalten. Und die leisten was, die erreichen was, aus denen wird was. Wir wollen die Sache doch mal ganz brutal praktisch anfassen. Wir hier kommen später mit den andern Abiturienten ganz einfach nicht mit. Wir bleiben nachher im Leben bei jedem Wettbewerb glatt auf der Strecke. Unsere beste Zeit wird so einfach vertan, verzettelt – hingemordet wird sie.«

Hier hakt Dibrand wieder ein. »So ist es – und sollen wir das dulden! Oft genug hat man uns zu Gemüte geführt, daß wir Schüler selber was zu sagen haben! Das meiste sogar! Man hat uns die Initiative, die Aktion zuerkannt. Gut, so wollen wir sie üben.«

All die jungen agitatorischen Kräfte regen sich. In Hans Weinhold, dem Dichter, erwacht der Regisseur. Er sieht große Bühnenbilder, Umzüge, Kundgebungen, wehende Standarten.

»Ein Schauspiel muß es werden – großartig, eindringlich, überwältigend! Auch die Trägen und Widerstrebenden müssen fortgerissen werden! Begeisterung soll lohen. Wie ein Kreuzzug soll es sein. Die Sturmfahne soll flattern. Eine Oriflamme leuchtet uns voran.« Um die Stilreinheit seiner Bilder macht er sich keine Sorgen – er feiert sie, wie sie fallen.

Fritz Prüter streut den Staub seiner trockenen Bedenken darüber. »Ihr kriegt sie ja bloß nicht zusammen! Und wenn wir nicht den großen Heerkörper haben! Auch hier muß die Masse es bringen. Oder es wird überhaupt nichts. Ob aber die meisten nicht mit dem fidelen Schlendrian sehr einverstanden sind –«

»Die meisten sind Herdenvieh!« erklärt Dibrand. »Die haben wir, sobald die Sache im Zuge ist. Und jetzt wollen wir einmal schonungslos im Bilde bleiben. Wir haben doch nicht den Größenwahn der Kleinen – daß wir nun mit einemmal die Großen sind. Also: wir brauchen einen Großen, einen Hirten, einen Führer. Oder unsere Sache wird als Kinderkomödie mit wohlwollendem Lächeln abgetan. Als ob sie nicht auch eine Sache der Erwachsenen wäre, auch eine Sache der Eltern und Lehrer. Und also – kurz und bündig – ein Mann gehört an ihre Spitze.«

Überzeugend ist das. Und das Nächste ist, daß sie ihre Lehrer Revue passieren lassen. Von denen sie wissen, daß die meisten innerlich der neuen Herrschaft widerstreben. Sie fassen Professor Höltz ins Auge, den Mann mit dem Römerkopf, der äußerlich ganz gewiß die beste Figur macht. Aber sein Wesen ist in zuviel Reflexion untergetaucht, es fehlt ihm die Wärme, die Hingabe, die wirkende Kraft und die Tat.

An Professor Schruff bleiben die Gedanken hängen. Der hat den Raketensatz, und ein Sturmbock ist er. Aber ein Feldherr – nein, ein Feldherr ist er nicht.

Sie aber brauchen einen Heerkönig. Und zu Fortinbras schweift der Jungen großes und heißes Sehnen.

»Ja, wenn wir Fortinbras noch hätten!« –

Und wieder auf dem Schulhof standen sie in der Pause. Die Primaner an ihrem Bogenfenster. Und rauchten keine Zigaretten. Die fingen doch an, großer Luxus zu werden. Und dann – sie waren ja hier längst kein hochnotpeinlich verbotener Genuß mehr.

Und in diesem Winkel wurde die Tat geboren. Hier wuchs der Ruf schwungkräftig sich aus: »Wir wollen was lernen!« Von Mund zu Mund ging er, von Herzen zu Herzen. Genug taube Herzen waren dabei – aber lärmen nicht die tauben Herzen am lautesten?

»Wir wollen was lernen!« Der Ruf schwoll an wie der Schrei nach Brot. Unabweisbar, mit der ursprünglichen Gewalt eines Naturrechts! Wir wollen Brot!

Und im Akkord dazu klang es, stiller, noch gehalten und gedämpft, noch mehr traumhaft und in wünschender Sehnsucht: »Fortinbras muß wieder her!«

Das Klingelzeichen wurde jetzt gegeben. Huswädels alte Glocke hatte ausgetönt, ein elektrisches Läutewerk hatte sie abgelöst. Wieder war ein Stück Überlieferung zu Grabe getragen. Der neue provisorische Schuldiener, ein gelernter Monteur, jung, lebhaft, beweglich, hatte die Anlage gemacht.

Mit ihm, der ganz unpersönlich und selbst ein Stück Maschine war, verband die Jungen keinerlei Freundschaft, so wenig wie mit seinem Gebimmel, das schrill und gellend, springend und zuckend und reißend und funkend über Haus und Hof hinsprühte, ein Lauffeuer der Unruhe, mit unzähligen glühenden Nadeln, die in die Ohren, die Sinne sich bohrten. Wo war er, der ruhige, feierliche, väterliche Glockenklang mit seiner Sammlung, seiner Anleitung, seinem Charakter – er, der Hausgeist, der gütige?

Und dieser widerwärtig beißende Funkenregen, in dem all das Neue sich tollte, das haschende, tändelnde, spielende, wirbelnde – er war nicht dazu angetan, die in Wallung gekommenen Gemüter zu glätten. Vielleicht war er es, der ihnen den letzten Anreiz gab zu Wurf und Wagnis.

»Nun geht es wieder hinein in den Wirrwarr!« rief Bernhard. Dibrand ging an seiner Seite. »Wenn wir wissen, was wir wollen,« sagte der – »und ich denk', wir wissen es, dann gibt es nur das eine: los!«

Bernhard sieht ihn an mit seinen großen, gründigen Augen. »Wir machen es, Dibrand.« Er nimmt seine Hand. »Wir beide. Geredet wird jetzt nicht mehr. Feuer gefangen haben sie – die, auf die es ankommt. Jetzt eine große Schülerversammlung. Man hat uns ja oft genug gezeigt, wie es gemacht wird. Und dann der große Schlag.«

»Ja! Und du sollst sehen, sie warten ja alle darauf, daß was geschieht. Die Lehrer, die Eltern. Nur daß sie selber den Dreh nicht finden. Dafür sind wir da. Heißt es nicht, von uns Jungen kommt das Heil? So soll es denn von uns kommen.«

Dibrand geht nach der Stunde zum Direktor. Für die große Schülerversammlung brauchen sie die Aula. Unterwegs macht die Frage ihm zu schaffen: ›Wie weit darf er sich offenbaren, wenn der Direktor nach dem Zweck dieser Versammlung sich erkundigt?‹ Der Diplomat in ihm muß sehr auf der Wacht sein.

Aber es bedarf keiner Winkelzüge, und Dibrand atmet auf. Falkner ist von anderen Dingen in Anspruch genommen, er bewilligt ohne weiteres den Saal und fragt erst gar nicht nach dem Warum und Wofür.

Er hat mit dem Bürgermeisteramt zu tun. Da ist etwas geschehen, was auch ihn sehr lebhaft angeht. Der Oberbürgermeister, der Bulle, der rücksichtslos »der Freiheit die Gasse« gebahnt hatte, ist auf Urlaub gegangen – man munkelt für immer, weil er sich Über- und Unter- und Nebengriffe habe zuschulden kommen lassen. Kräfte in der Bürgerschaft, die beiseite getreten waren und geschwiegen hatten, regen sich wieder und machen sich ans Werk. Die Geschäfte führt der zweite Bürgermeister, der aus dem Handwerkerstand hervorgegangen ist, ein klaräugiger Mann, klug, besonnen, vorurteilslos, unbefangen und ehrenwert. Falkner muß mit ihm erst Fühlung gewinnen. Daß er auch ihn sich »beibiegen« werde, daran zweifelt er nicht. Neuer Machtwirkung bedarf es. Im Grunde ist es ein Reiz mehr.

 

Am Sonnabend nachmittag zwei Uhr öffnet sich der Saal des Gymnasiums von St. Jürgen der bewegten Knabenschar.

Aus geschwätzigen, fröhlichen, springenden Bächen rinnt es zusammen zu einem großen gewichtigen Strom. Alle sind gekommen, die Großen, die Kleinen, und alle sind sie von sich durchdrungen. Denn alle wissen sie, daß heute etwas noch nicht Dagewesenes geschehen wird. Und daß jeder mitschafft an beispielloser Tat.

Bernhard leitet die Versammlung. Alle geben sie sich willig in seine Hand. Er spricht kurz, klar, eindringlich.

»Man hat uns gesagt, daß das Entscheidende über den Geist und das Leben der Schule wir, wir die Schüler sind. So wollen wir denn nun auch entscheiden (»bravo! ja das wollen wir!«). Dem Ruf, der an uns ergangen ist, sind wir gefolgt. Man bemüht sich täglich um neue Definitionen, was die Schule ist und was sie sein soll – aber um das eine kommt niemand herum: die Schule ist dazu da, daß man auf ihr was lernt! Auf unserm Gymnasium von St. Jürgen haben wir einmal etwas gelernt – (»ich nicht«, ruft ein Witzemacher, aber er wird gleich zur Ruhe gewiesen) – heute aber lernen wir hier nichts mehr. Eine neue Lehrmethode oder wie sie sich nennt, ist auf uns – ich darf wohl sagen – losgelassen. (»Sehr gut!«) Wir sind dazu ausersehen, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Man experimentiert mit uns. (»Versuchskaninchen – wir wollen keine Versuchskaninchen sein!«) Freie Schule nennt man das, was man mit uns aufstellt. In Freiheit an uns selber schaffen sollen wir. Aber schaffen wir was? Wir sind so frei, es nicht zu tun. (»Sehr gut!«) Gespielt wird hier. Eine Spielschule ist das Gymnasium von St. Jürgen geworden. Sind wir Spielkinder?«

Ein Sturm der Entrüstung pfeift durch die Halle. So hat er, der Redner, sie mit Haut und Haar – fast schämt er sich des Agitators, den die Öffentlichkeit in ihm heraufbeschworen. Er braucht nicht weiter zu reden – sie tun es für ihn. Das Wort, das in der Luft liegt – sie greifen nach ihm mit tausend Händen, sie halten es, sie reichen es sich zu. »Wir wollen was lernen! Wir wollen was lernen!« so braust und rauscht und donnert das Meer.

Natürlich richtet die Opposition sich auf – wir sind in Deutschland. Gerade dem Machtvollen und Einheitlichen gegenüber erscheint sie sich märtyrerhaft. Ein paar schwärmende Jungen von denen um Oswolt – er selbst hält sich zurück, ihm war Falkner nicht der Bringer des Heils – schwingen die Zuchtrute der Propheten.

Traurig ist es um uns bestellt! Hier ist nun etwas Großes am Werk – eine große Idee soll Leben gewinnen, an uns soll sie verwirklicht werden. Statt daß wir stolz darauf sind und das ganze Herz ihr auftun, wird der Philister in uns mächtig. Wir fragen nach der Nützlichkeit. Wir schielen nach der Konkurrenz. Wir drängen uns an die Krippe! Aber so ist Deutschland von je mit großen Ideen umgestanden.«

Das sind Worte von Wirkung – sie packen, drängen und stoßen, wie ein Kornfeld im Winde wogen all die Köpfe – Hans Weinhold ist dabei, seinen Schwarmgeist, der gründlich umgeschwärmt hat, zu satteln und auf ihm in das Getümmel zu sprengen. Aber schon ist Dibrand zur Stelle, und ein deutscher Junge spricht so:

»Da ihr von Deutschland redet – immer hat Deutschland einen Überfluß an Ideen gehabt! Und immer auch hat die Bärenhaut bei uns dicht daneben gelegen. Aber Ideen allein können uns nicht retten. Sie sind sogar eine Gefahr für uns. Was unser armes, zertretenes Land braucht, ist Arbeit, härteste, ehrlichste, leidenschaftliche Arbeit! (»Bravo!« All die Köpfe haben sich wieder aufgerichtet.) Ob die Idee, um die es sich hier handelt, groß ist oder klein, das vermögen wir wohl nicht zu beurteilen. Aber das fühlen wir ganz genau, daß wir hier nicht das richtige damit anfangen können. Im Süden vielleicht – in den Tropen, wo die Bananen einem in den Mund wachsen, und die Arbeit die Natur nur stört. Aber in unsern Norden scheint sie uns nicht zu gehören, und nicht in unser Deutschland, wo jetzt geschuftet werden muß, daß die Schwarte knackt! Und nun halten wir, die Unreifen, in unserer Sehnsucht Ausschau nach einem Mann, der uns hilft und unsere Sache führt. Dieser Mann ist da. Wir alle wissen, wer es ist – wer es sein muß!«

»Fortinbras!« erschallt der Ruf – und geht reihum und schwillt an zu einem Donner: »Fortinbras!«

»Ja!« fährt Dibrand fort. »Und wer will behaupten, daß Professor Braß nicht Träger einer Idee ist! Hie Falkner, hie Fortinbras! heißt es! Wir wissen, daß zwischen beiden der Kampf war von Anfang an. Professor Braß hat sich stolz zurückgezogen. Er konnte mit dem neuen Direktor nicht arbeiten. Die Behörden waren gegen ihn. Und wir, die wir uns mit Hochgefühl seine Schüler nennen – unsere Arme hätten ihn fassen und nicht fortlassen dürfen! Hie Falkner, hie Fortinbras! heißt es jetzt. Auf welcher Seite stehen wir?«

»Hie Fortinbras!« Ein hallender Schrei wie aus einem Munde.

»Und jetzt – was wird jetzt geschehen? Was tun wir jetzt?«

»Wir gehen zu Fortinbras!« Die Antwort, die einzige, die selbstverständliche fliegt nur so. »Wir gehen zu Fortinbras!«

»Ja, das tun wir! Und sofort! In großem Zuge! Das ganze Gymnasium von St. Jürgen!«

»Hurra!« Sie jubeln, sie springen, sie umschlingen sich in heller Begeisterung. Natürlich ist genug Strohfeuer dabei, Freude am Lauten, am Massenhaften, am Ungewöhnlichen. Auch stehlen sich verschiedene beiseite. Die Überzeugten wie die Schleicher. Die Überängstlichen, die Einsamen, ein paar ganz Eitle und Eigene, darüber gekränkt, daß sie hier keine Rolle spielen.

Aber es bleibt bei dem großen Zuge. Und der große Zug ist in ihm. Auch die Halben und Lauen und Trägen werden immer mehr befeuert.

Das Aufsehen, das sie in der Stadt erregen, beflügelt sie. Daß sie eine Aufgabe zu erfüllen haben, eine Sendung, daß sie eine Tat verrichten, gibt ihnen immer mehr Haltung und leuchtendes Selbstgefühl. Sie fühlen ihre Verantwortung, fühlen, daß jeder an ihr trägt, und lassen sich von ihr inniger zusammenbinden.

Draußen kommt es von selbst, daß sie in gleichem Schritt und Tritt Marschlieder anstimmen und vaterländische Gesänge. Schnell marschieren sie. Noch am Nachmittage sind sie in Seedorf. Die Fischer sperren die Augen auf.

Vor dem Hause von Andreas, auf der Heide, auf den Dünen lagert sich die große Schar.

Bernhard und Dibrand gehen hinein. Sie finden Joachim in einem der hinteren Zimmer über Geschäftsbüchern. Das Rauschen der See hat das Stimmengewirr verschlungen, er ahnt nichts von dem machtvollen, brausenden Gruß, den St. Jürgen ihm entbeut. Wie glänzen seine Augen, als die beiden Jungen bei ihm eintreten. Wie schiebt die Hand den Rechnungskram beiseite. Und dann – da er hört, um was es geht – ein Starren, wie eine Betäubung – der große Schreck einer großen Erfüllung. Dann das erste, was sich regt, die alte Disziplin, der Verantwortungssinn. »Kinder, was habt ihr da bloß angestellt!«

»Man will doch unsere Meinung hören! Und dies ist sie!«

Und jetzt – wie eine Naturkraft das Gefühl der Zusammengehörigkeit – so stürmt er hinaus –

All die Jungenaugen, die ihm entgegenflammen, all die Jungenseelen, die nach ihm rufen – da taumelt er und bricht fast in die Knie vor so viel Glück – aber aufrecht steht er gleich, und aus voller Brust bricht es hervor, nichts anders als dies: »Jungs – Jungs« – – Und dann ist eine Zeitlang tief atmende, keuchende Stille. Ein Zittern geht durch den starken Mann, so wie der Eichstamm bebt im Frühlingssturm.

Die Jungen sehen und fühlen sein Glück, sie stürzen auf ihn und packen seine Hände.

Und wieder: »Jungs – Jungs –« und jetzt ein festes, rauhes und lachendes: »Ihr braucht mich und ich brauch' euch – ja weiß Gott, das tu' ich – und so müssen wir denn schon zusammen verbraucht werden. Ja, wir bleiben zusammen – so oder so.«

Ein jauchzendes ›Hurra!‹ und ein jubelndes ›Hoch!‹ aus all den hellen jungen Kehlen.

In der Tür des Nachbarhauses steht Peter Huswädel und blickte erst ratlos, dann verstehend und nun wie verklärt mit feuchten Augen in dieses junge, ungestüme und unbekümmerte Fest der Wiedergeburt.

Am andern Morgen lief es durch die Stadt: »Was sagt die Welt zu unsern Jungen? Sie haben sich einen andern Direktor geholt.« Dieses Wort wies dem Geschehen, dem es vorausging, seinen Weg.

Falkner, zum erstenmal in seinem Leben bis zur Sprachlosigkeit überrascht, hatte sich dem Ereignis gegenüber als einer »scherzhaften Episode« in die Brust geworfen. Dann aber hielt er es doch für geraten, sich auf den Morgenzug zu setzen – er hatte dem Kultusministerium über verschiedene Angelegenheiten (»beileibe nicht nur allein über diese«) Bericht zu erstatten. Mit seiner Vertretung beauftragte er Professor Höltz.

Auf der Fahrt galt es, sich und der Behörde das Geschehene mundgerecht zu machen. Ein » novum« war es ja. Und daß zu Joachim Braß die Wallfahrt der Jungen ging! Es gab schon was zu kauen. Aber – nun ja – wenn einer, durfte er sich auf seine Kinnbacken verlassen.

Der Bürgermeister aber, der heute früh noch die Besprechung mit ihm gehabt, hatte einen klaren Blick hinter die Kulissen seiner Seele getan. Er rief das Schulkuratorium, dessen Vorsitzender er war, zu einer Beratung zusammen. »Herr Ministerialrat Falkner kommt nicht wieder. Auch nicht, wenn er wollte – aber er will gar nicht. Die aktive Jugend hat ihn mit seinen eigenen Waffen in die Flucht geschlagen. Und jetzt müssen wir selber schnellstens Ordnung im eigenen Hause schaffen. Ich denke, wir holen zunächst einmal die Meinung der Lehrerschaft ein.«

Das geschah sofort. Durch den Fernsprecher wurde Professor Höltz ersucht, in einer Lehrerkonferenz zum Fall Professor Braß Stellung zu nehmen. Noch am selben Vormittag kam die Mitteilung zurück, daß das Lehrerkollegium ein Direktorium Braß einhellig mit ganz besondrer Freude und Genugtuung begrüßen würde.

Nun hat der Bürgermeister Joachim zu einer Unterredung gebeten. Die beiden Männer kennen sich, sie haben sich mehrfach ins Auge gesehen, sie wissen, woran sie miteinander sind. »In dieser ungewöhnlichen Lage tun wir natürlich das Ungewöhnliche,« sagt hell und schnell entschlossen der Vorsitzende des Kuratoriums. »Ich hole mir dafür schon die Genehmigung der Regierung. Sie ergreifen jetzt erst einmal die schleifenden Zügel. Die endgültige Regelung wird sich finden.« So übernimmt Joachim als stellvertretender Direktor die Leitung des Gymnasiums von St. Jürgen.

»Eine Bitte habe ich noch, Herr Bürgermeister. Ich möchte unsern alten Schuldiener wiederhaben. Er ist, allerdings zunächst unter Schonung, wieder dienstfähig. Er kann nicht leben ohne die Schule – und – er gehört nun einmal dazu!«

»Natürlich nehmen wir ihn wieder.«

Und keine drei Tage sind verstrichen, da läutet wieder Peter Huswädels treue Hand, ernst und inhaltschwer, die neubelebte, tief und voll und rein tönende Hausglocke zur Arbeit und zur Rast.

Wen aber hat Joachim sich zu seinem besonderen Adjutanten erkoren? Niemanden anders als Einhart Steffensen, den junggläubigen, sehnsuchtsstarken – der an das Neue andächtig sein lauschendes Ohr gelegt hat, an ein Werdendes seines Herzens wunderspürende Inbrunst. Und der im stillen begonnen hat, Neuland zu bereiten.

Mit großen fragenden Augen, doch unbeirrt im eigenen Wesen und Willen, ist er dem neuen Direktor entgegengetreten.

»Bin ich für Sie der schwarze Mann?« sagt ihm Joachim. »Bin ich die Finsternis der Reaktion? Ich will Ihnen ganz gewiß keine Quellen verschütten. Alles, was lebendig ist und rein und echt und stark aus der Tiefe dringt, all das soll uns gelten. Alle, alle Quellen – suchen sie nicht alle den Weg zu dem einen großen Meer? Quellfinder wollen wir sein – und Meerfahrer!«

Sie verstehen sich gleich. Haben sie nicht von je sich gesucht?

Und da Joachim zum ersten Male wieder vom Fenster auf das flutende Leben im Schulhof herabblickt, wie schwellt es ihm die Brust, wie leuchtet es ihm in Herz und Auge: Gebt uns die Jugend und wir machen das Jahrhundert!

* * *

 

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