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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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V

Jeshewikin

Ins Zimmer trat oder, richtiger gesagt, drängte sich durch die Tür (obgleich diese sehr breit war) eine kleine Gestalt, die sich schon in der Tür zusammenkrümmte, Verbeugungen machte, grinste und mit der größten Neugier alle Anwesenden überschaute. Es war dies ein kleiner, alter Mann, pockennarbig, mit schnellbeweglichen Spitzbubenaugen, einer Glatze und einem unbestimmten, leisen Lächeln auf den ziemlich dicken Lippen. Er hatte einen Frack an, der schon recht abgetragen und wohl von einem früheren Besitzer abgelegt war. Der eine Knopf hing nur noch an einem Faden; zwei oder drei andere fehlten gänzlich. Die zerrissenen Stiefel, die schmierige Mütze paßten zu dem schäbigen Anzug. In der Hand hatte er ein baumwollenes, kariertes Taschentuch, das von längerer Benutzung schon recht unsauber war und mit dem er sich den Schweiß von der Stirn und von den Schläfen wegwischte. Ich bemerkte, daß die Gouvernante ein wenig errötete und schnell zu mir hinblickte. Es schien mir sogar, daß in diesem Blicke etwas Stolzes, Herausforderndes lag.

»Geradeswegs aus der Stadt, mein Wohltäter! Geradeswegs von dort, Verehrtester! Ich werde alles erzählen; gestatten Sie mir nur zuerst, den Herrschaften meine Reverenz zu machen«, sagte der eingetretene alte Mann und ging gerade auf die Generalin zu; aber unterwegs blieb er stehen und wandte sich wieder an meinen Onkel.

»Sie kennen meinen wichtigsten Charakterzug, mein Wohltäter: ich bin ein Lump, ein richtiger Lump! Sobald ich irgendwo eintrete, suche ich sofort mit den Augen die wichtigste Person des Hauses; zu ihr lenke ich zuerst meine Schritte, um auf diese Weise gleich von vornherein ihre Gunst und Protektion zu erlangen. Ein Lump bin ich, mein Verehrtester, ein Lump, mein Wohltäter! Gestatten Sie mir, gnädige Frau, Exzellenz, Ihr Kleid zu küssen; denn Ihr goldenes Händchen, das Händchen einer Generalin, würde ich mit meinen Lippen beschmutzen.«

Die Generalin hielt ihm zu meiner Verwunderung ziemlich gnädig die Hand hin.

»Auch Ihnen, unserer Schönheit, mache ich meine Verbeugung«, fuhr er, sich zu Fräulein Perepelizyna wendend, fort. »Was soll man machen, gnädiges Fräulein: ich bin nun einmal ein Lump! Schon im Jahre 1841 wurde das Urteil gefällt, daß ich ein Lump sei, als ich vom Dienst ausgeschlossen wurde, gerade zu der Zeit, wo Walentin Ignatjewitsch Tichonzew hochwohlgeborener Kollegienassessor wurde; er wurde Kollegienassessor und ich ein Lump. Aber ich bin nun einmal von Natur so offenherzig, daß ich alles bekenne. Was soll man machen? Ich habe versucht, ehrenhaft zu leben, ich habe es versucht; aber jetzt muß ich es auf andere Weise versuchen. Alexandra Jegorowna, Sie unser Prachtäpfelchen«, fuhr er fort, indem er um den Tisch herumging und sich zu Alexandra durchdrängte; »erlauben Sie mir, Ihr Kleid zu küssen; von Ihnen, gnädiges Fräulein, geht ordentlich ein Duft wie nach Äpfeln und anderen delikaten Dingen aus. Dem jungen Herrn, der morgen seinen Namenstag feiert, bringe ich meinen ergebensten Gruß dar; ich habe Ihnen einen Bogen und Pfeile mitgebracht; ich habe selbst den ganzen Vormittag daran gearbeitet, und meine Kinderchen haben mir geholfen; damit können wir zusammen schießen. Wenn Sie aber groß sind, dann werden Sie Offizier werden und den Türken die Köpfe abhauen. Tatjana Iwanowna . . . ach, sie ist nicht da, meine Wohltäterin! Sonst würde ich auch ihr das Kleid küssen. Praskowja Iljinitschna, meine Hochverehrte, ich kann mich nicht zu Ihnen durchdrängen; sonst würde ich Ihnen nicht nur das Händchen, sondern auch das Füßchen küssen – ja gewiß! Anfissa Petrowna, ich drücke Ihnen meine uneingeschränkte Hochachtung aus. Noch heute habe ich für Sie, meine Wohltäterin, auf den Knien gebetet und Gott mit Tränen angefleht, und auch für Ihren lieben Sohn habe ich gebetet, daß Gott ihm alle möglichen Ehren und Talente bescheren möge, besonders alle möglichen Talente! Bei dieser Gelegenheit mache ich auch Ihnen, Iwan Iwanowitsch Misintschikow, meine untertänigste Verbeugung. Möge Gott Ihnen alles senden, was Sie sich selbst wünschen! Denn unsereiner bekommt nicht heraus, verehrter Herr, was Sie sich selbst wünschen; Sie sind gar zu schweigsam . . . Guten Tag, Nastasja! Alle meine Kleinen lassen dich grüßen; sie reden täglich von dir. Und jetzt auch dem Hausherrn meine ehrfurchtsvollste Verbeugung! Aus der Stadt komme ich, Euer Hochgeboren, direkt aus der Stadt. Dies hier ist gewiß Ihr Neffe, der auf der Universität gelehrte Studien getrieben hat? Ich bezeige Ihnen meinen tiefsten Respekt, mein Herr; gestatten Sie – Ihre Hand!«

Es wurde gelacht. Offenbar spielte der Alte freiwillig die Rolle eines Possenreißers. Seine Ankunft erheiterte die ganze Gesellschaft. Viele verstanden die sarkastischen Bemerkungen gar nicht, mit denen er fast jeden bedacht hatte. Nur die Gouvernante, die er zu meiner Verwunderung einfach Nastasja nannte, errötete und machte ein finsteres Gesicht. Ich machte Miene, meine Hand zurückzuziehen; aber darauf schien der Alte nur gewartet zu haben.

»Ich habe ja um Ihre Hand nur gebeten, um sie Ihnen zu drücken, verehrter Herr, falls Sie es erlauben, nicht aber, um sie Ihnen zu küssen. Sie dachten wohl, daß ich sie Ihnen küssen wollte? Nein, mein Teuerster, vorläufig nur drücken. Sie halten mich gewiß für einen herrschaftlichen Possenreißer, mein Wohltäter?« fragte er und sah mich dabei spöttisch an.

»N-nein, ich bitte Sie, ich . . .«

»Hm, hm, Verehrtester! Wenn ich ein Possenreißer bin, so ist es ein gewisser anderer hier ebenfalls! Sie können mir aber immerhin Achtung zollen: ich bin noch kein solcher Lump, wie Sie denken. Übrigens mag man mich meinetwegen auch einen Possenreißer nennen. Ich befinde mich in niedriger Lebensstellung und habe es mir außerdem zum Grundsatz gemacht, den Leuten zu schmeicheln. Sehen Sie, etwas profitiert man dabei doch immer, wenigstens so viel, daß man den Kinderchen Milch dafür kaufen kann. Jedem Menschen muß man Honig ums Maul schmieren; dann wird es einem besser gehn. Das teile ich Ihnen, lieber Herr, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit; vielleicht werden auch Sie diese Lebensregel einmal nötig haben. Fortuna hat mich mißhandelt, mein Wohltäter; darum bin ich jetzt ein Possenreißer.«

»Hi-hi-hi! Ach, was ist dieser Alte für ein Spaßmacher! Immer bringt er einen zum Lachen!« quäkte Anfissa Petrowna.

»Verehrte Dame, meine Wohltäterin, man kommt ja doch als Dummkopf besser durchs Leben! Hätte ich das früher gewußt, so hätte ich mich von klein auf wie ein Dummkopf benommen; dann könnte ich jetzt vielleicht ein verständiger Mensch sein. Aber da ich in meiner Jugend verständig sein wollte, so bin ich jetzt ein alter Dummkopf geworden.«

»Sagen Sie doch«, mischte sich Obnoskin ein, dem wahrscheinlich die Bemerkung über die Talente nicht gefallen hatte; er rekelte sich mit besonderer Ungeniertheit auf seinem Lehnstuhl und betrachtete den Alten durch sein Lorgnon wie einen Käfer; »sagen Sie doch . . . ich vergesse immer Ihren Familiennamen . . . wie heißen Sie doch? . . .«

»Ach, liebster Herr! Mein Familienname? Nun, meinetwegen, ich heiße Jeshewikin; aber kommt es denn darauf an? Da sitze ich nun schon neun Jahre ohne Stelle da und lebe nur so dahin nach dem Naturgesetz. Aber Kinder habe ich, Kinder, ein ganzes Rudel! Wie es in dem Sprichwort heißt: ›Der Reiche hat viele Rinder, der Arme viele Kinder‹ . . .«

»Na ja . . . Rinder . . . aber das gehört nicht hierher. Also hören Sie mal, ich wollte Sie schon längst fragen: warum sehen Sie, wenn Sie eintreten, immer gleich nach hinten? Das wirkt sehr lächerlich.«

»Warum ich nach hinten sehe? Ich habe immer die Vorstellung, lieber Herr, als wolle mich jemand von hinten mit der flachen Hand wie eine Fliege totschlagen; darum sehe ich nach hinten. Es ist so eine fixe Idee von mir, lieber Herr.«

Wieder wurde gelacht. Die Gouvernante erhob sich halb, um wegzugehen, ließ sich dann aber doch wieder auf ihren Stuhl zurücksinken. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, leidenden Ausdruck, trotz der Röte, die ihre Wangen übergoß.

»Weißt du, wer das ist, lieber Freund?« flüsterte mir mein Onkel zu. »Das ist ja ihr Vater!«

Ich sah den Onkel mit aufgerissenen Augen an. Der Name Jeshewikin war mir ganz aus dem Gedächtnis entschwunden gewesen. Ich hatte mich als edlen Helden gefühlt, hatte mich unterwegs angenehmen Träumereien über die mir vom Schicksal bestimmte Braut überlassen und mit Bezug auf sie großmütige Pläne entworfen, aber dabei ihren Familiennamen vollständig vergessen; oder, richtiger gesagt, ich hatte ihn von vornherein nicht beachtet.

»Wie, ihr Vater?« erwiderte ich, ebenfalls flüsternd. »Aber ich dachte, sie wäre eine Waise?«

»Es ist ihr Vater, lieber Freund, ihr Vater. Und weißt du, ein durchaus ehrenhafter, höchst anständig denkender Mensch; er trinkt nicht einmal; er spielt nur so aus freien Stücken den Possenreißer. Er lebt in schrecklicher Armut, lieber Freund; acht Kinder hat er noch außer Nastasja! Sie leben nur von Nastasjas Gehalt. Aus dem Amt hat man ihn wegen seiner scharfen Zunge hinausgeworfen. Er kommt jede Woche einmal hierher. Er ist so stolz, daß er um keinen Preis etwas annimmt. Ich habe ihm etwas angeboten, oftmals etwas angeboten; aber er nimmt nichts. Ein verbitterter Mensch!«

»Nun, lieber Jewgraf Larionowitsch, was gibt es Neues bei euch?« fragte der Onkel und schlug ihm kräftig auf die Schulter, da er bemerkte, daß der mißtrauische Alte schon auf unser Gespräch horchte.

»Was es Neues gibt, mein Wohltäter? Walentin Ignatjewitsch hat gestern in der Trischinschen Prozeßsache einen Bericht eingereicht. In Trischins Säcken hatte das Mehl nicht das volle Gewicht gehabt. Das ist derselbe Trischin, gnädige Frau, der, wenn er einen ansieht, ein Gesicht macht, als wollte er einen Samowar anblasen. Vielleicht erinnern Sie sich an ihn? Also Walentin Ignatjewitsch hat über Trischin geschrieben: ›Wenn der mehrfach erwähnte Trischin die Ehre seiner Nichte nicht hat behüten können‹ (die ist nämlich im vorigen Jahre mit einem Offizier durchgebrannt), ›wie konnte er dann fiskalisches Eigentum behüten?‹ Das hat er in seinem Bericht angebracht, wahrhaftig, ich lüge nicht.«

»Pfui! Was erzählen Sie für Skandalgeschichten!« rief Anfissa Petrowna.

»Gewiß, gewiß, gewiß! Das hättest du nicht erzählen sollen, lieber Jewgraf!« stimmte ihr der Onkel bei. »Paß auf, du wirst dich noch durch deine Zunge ins Unglück bringen! Du bist ein aufrichtiger, anständiger, ehrenhafter Mensch, das kann ich bezeugen; aber du hast eine spitze Zunge. Ich wundere mich, daß du da mit denen nicht in Frieden leben kannst! Es scheint ja doch, daß es gute, treuherzige Menschen sind . . .«

»Verehrter Wohltäter! Gerade solche treuherzigen Menschen fürchte ich!« rief der Alte besonders lebhaft.

Seine Antwort gefiel mir. Ich trat schnell auf Jeshewikin zu und drückte ihm kräftig die Hand. Die Wahrheit zu sagen, ich wollte gegen die allgemeine Meinung wenigstens dadurch protestieren, daß ich dem Alten offen meine Sympathie bekundete. Vielleicht aber (wer weiß das?), vielleicht wollte ich gern in Nastasja Jewgrafownas Achtung steigen. Aber dieser Schritt führte eigentlich zu nichts.

»Gestatten Sie die Frage«, sagte ich, wobei ich wie gewöhnlich errötete und verlegen wurde, »haben Sie von der Methode der Jesuiten gehört?«

»Nein, mein lieber Herr, davon habe ich nichts gehört; höchstens ein bißchen . . . wie sollte ich auch dazu kommen! Aber wieso?«

»Ich fragte nur so . . . Ich wollte ein Geschichtchen erzählen, das hierher paßt . . . Aber erinnern Sie mich lieber ein andermal daran! Jetzt will ich nur sagen: seien Sie versichert, daß ich Sie verstehe und . . . Sie zu schätzen weiß . . .«

In größter Verwirrung griff ich noch einmal nach seiner Hand.

»Ganz bestimmt werde ich daran denken, verehrter Herr, ganz bestimmt werde ich daran denken! Mit goldenen Buchstaben werde ich es mir ins Gedächtnis schreiben. Erlauben Sie, ich werde mir auch einen Knoten ins Taschentuch machen, um es nicht zu vergessen.«

Er suchte wirklich an seinem unsauberen und von Schnupftabak befleckten Taschentuch einen trockenen Zipfel und band einen Knoten hinein.

»Jewgraf Larionowitsch, nehmen Sie Ihren Tee!« sagte Praskowja Iljinitschna.

»Sofort, schöne Dame, sofort; das heißt: Prinzessin, nicht Dame! Das ist mein Dank für den Tee! Unterwegs habe ich Stepan Alexejewitsch Bachtschejew getroffen, meine Gnädigste! Was war der vergnügt! Zum Erstaunen! Ich dachte schon, er ginge auf Freiersfüßen. – Immer schmeicheln, immer schmeicheln!« sagte er flüsternd zu mir, als er mit seiner Teetasse an mir vorbeikam, blinzelte mir zu und kniff die Augen zusammen. »Aber wie geht es denn zu, daß der Hauptwohltäter Foma Fomitsch nicht zu sehen ist? Kommt er denn nicht zum Tee?«

Der Onkel zuckte zusammen, als ob ihm jemand einen Stich versetzt hätte, und blickte ängstlich zur Generalin hin.

»Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete er in unsicherem Ton und in sonderbarer Verwirrung. »Er ist gerufen worden; aber er . . . Ich weiß wirklich nicht; vielleicht ist er nicht in der richtigen Stimmung. Ich habe schon Widopljassow hingeschickt und . . . aber soll ich vielleicht selbst hingehen?«

»Ich bin soeben bei ihm gewesen«, sagte Jeshewikin geheimnisvoll.

»Wirklich?« rief der Onkel erschrocken. »Nun, und wie steht's?«

»Ich bin zuallererst zu ihm gegangen, um ihm meine Aufwartung zu machen. Er sagte, er werde seinen Tee in der Einsamkeit trinken, und fügte dann hinzu, er könne sich auch mit einer trockenen Brotrinde begnügen, ja.«

Diese Worte schienen den Onkel mit wahrem Entsetzen zu erfüllen.

»Aber du hättest es ihm doch auseinandersetzen und darlegen sollen, Jewgraf Larionowitsch!« sagte der Onkel dann endlich und sah den Alten bekümmert und vorwurfsvoll an.

»Das habe ich getan, das habe ich getan.«

»Nun, und?«

»Lange Zeit gab er mir keine Antwort. Er saß über einer mathematischen Aufgabe und versuchte etwas herauszubekommen: es war offenbar etwas zum Kopfzerbrechen. Er zeichnete vor meinen Augen die Hosen des Pythagoras; ich habe selbst dabei zugesehen. Dreimal wiederholte ich ein und dasselbe; beim vierten Mal endlich hob er den Kopf, und es schien, als ob er mich da überhaupt erst gewahr werde. ›Ich werde nicht hingehen‹, sagte er. ›Da ist jetzt ein Gelehrter angekommen; neben einer solchen Leuchte der Wissenschaft ist für mich kein Platz.‹ So drückte er sich aus: ›Neben einer solchen Leuchte der Wissenschaft‹.«

Der Alte sah mich von der Seite spöttisch an.

»Na, das hatte ich mir doch gedacht!« rief der Onkel und schlug dabei die Hände zusammen. »Das hatte ich mir doch gedacht! Damit meint er dich, Sergej, wenn er sagt: ›ein Gelehrter‹. Na, was sollen wir nun tun?«

»Ich muß gestehen, lieber Onkel«, antwortete ich mit würdevollem Achselzucken, »meiner Ansicht nach ist diese Weigerung so lächerlich, daß sie gar keine Beachtung verdient, und ich wundere mich wirklich über Ihre Aufregung . . .«

»Ach, lieber Freund, das verstehst du nicht!« rief er mit einer energisch abwehrenden Handbewegung.

»Sie haben jetzt keinen Grund, sich zu beklagen«, mischte sich Fräulein Perepelizyna ein, »da Sie doch selbst der erste Urheber dieser traurigen Lage sind, Jegor Iljitsch. Wer sein Haus anzündet, darf nicht darüber jammern, daß es abbrennt. Hätten Sie Ihrer Mama gehorcht, dann brauchten Sie jetzt nicht zu weinen.«

»Aber was habe ich denn verbrochen, Anna Nilowna? Wie können Sie so etwas sagen, wenn Sie Gott fürchten!« rief der Onkel in flehendem Ton, wie wenn er sich zu einer Auseinandersetzung erböte.

»Ich fürchte Gott, Jegor Iljitsch; aber das kommt davon, daß Sie ein Egoist sind und Ihre Mutter nicht lieben«, antwortete Fräulein Perepelizyna. »Warum haben Sie gleich von vornherein ihren Willen nicht respektiert? Sie ist Ihre Mutter. Ich aber werde Ihnen keine Unwahrheit sagen. Ich bin selbst eine Oberstleutnantstochter und nicht irgend so eine.«

Es schien mir, daß sich Fräulein Perepelizyna lediglich mit der Absicht eingemischt hatte, uns allen und besonders mir, dem neu Angekommenen, mitzuteilen, daß sie eine Oberstleutnantstochter und nicht irgend so eine sei.

»Das kommt davon, daß er seine Mutter beleidigt«, sagte endlich die Generalin selbst in drohendem Ton.

»Aber Mama; erbarmen Sie sich! Wodurch beleidige ich Sie denn?«

»Dadurch, daß du ein schrecklicher Egoist bist, Jegor«, fuhr die Generalin in wachsender Erregung fort.

»Mama, Mama! Wieso bin ich denn ein schrecklicher Egoist?« rief der Onkel in heller Verzweiflung. »Fünf Tage lang, ganze fünf Tage lang sind Sie schon auf mich böse und wollen nicht mit mir sprechen! Womit habe ich das verdient? Ja, womit? Nun wohl, mag man mich richten, mag die ganze Welt mich richten! Mag man endlich einmal auch meine Rechtfertigung anhören! Ich habe lange geschwiegen, Mama; Sie wollten mich nicht anhören: mögen nun jetzt andere Menschen mich anhören! Anfissa Petrowna! Pawel Semjonowitsch, Sie sind ein Mensch von edelster Gesinnung! Sergej, mein Freund, du bist ein Unbeteiligter, du bist sozusagen nur ein Zuschauer, du kannst unparteiisch richten . . .«

»Beruhigen Sie sich, Jegor Iljitsch, beruhigen Sie sich!« rief Anfissa Petrowna. »Töten Sie Ihre Mama nicht!«

»Ich töte Mama nicht, Anfissa Petrowna; aber da ist meine Brust, durchbohren Sie sie!« fuhr der Onkel auf dem Gipfel der Aufregung fort, was manchmal bei Menschen mit schwachem Charakter vorkommt, wenn man ihre Geduld völlig erschöpft hat, obgleich ihre ganze Hitze nur ein Strohfeuer ist. »Ich will sagen, Anfissa Petrowna, daß ich niemanden beleidige. Ich sage von vornherein, daß Foma Fomitsch der edelste, ehrenhafteste Mensch und überdies ein hochbegabter Mensch ist; aber . . . aber in diesem Falle ist er ungerecht gegen mich.«

»Hm!« brummte Obnoskin, als ob er den Onkel noch mehr reizen wollte.

»Pawel Semjonowitsch, edeldenkender Pawel Semjonowitsch! Glauben Sie denn wirklich, daß ich sozusagen ein gefühlloser Stock bin? Ich sehe ja ein, ich begreife es ja, mit blutendem Herzen, kann man sagen, begreife ich es, daß alle diese Mißverständnisse nur von seiner übergroßen Liebe zu mir herrühren. Aber nehmen Sie es nicht übel, in diesem Fall hat er, weiß Gott, unrecht. Ich will alles erzählen. Ich will jetzt den ganzen Hergang erzählen, Anfissa Petrowna, in aller Klarheit und Ausführlichkeit, damit Sie sehen, wie die Sache begonnen hat, und ob Mama mit Recht auf mich deswegen böse ist, weil ich Foma Fomitsch nicht gewillfahrt habe. Höre auch du mich an, lieber Sergej«, fügte er hinzu, indem er sich zu mir wandte, was er auch während seiner ganzen Erzählung mit Vorliebe tat, als ob er sich vor den anderen Zuhörern fürchte und an ihrer Sympathie ihm gegenüber zweifle, »höre auch du mich an und entscheide dann, ob ich im Recht bin oder nicht! Siehst du wohl, die ganze Geschichte hat folgendermaßen angefangen. Vor einer Woche (ja, ganz richtig, länger ist es noch nicht her) kam mein früherer Chef, General Russapetow, mit seiner Frau und mit seiner Schwägerin auf der Durchreise in unsere Stadt. Sie hielten sich da einige Zeit auf. Ich war freudig überrascht, benutzte schleunigst diese Gelegenheit, eilte hin, stellte mich vor und lud sie zu mir zum Mittagessen ein. Er versprach zu kommen, wenn es ihm möglich sein werde. Er ist ein höchst edler Mensch, sage ich dir, mit glänzenden Tugenden geschmückt und überdies ein hoher Würdenträger! Seiner Schwägerin hat er eine Fülle von Wohltaten erwiesen; ein verwaistes junges Mädchen hat er an einen vortrefflichen jungen Mann verheiratet (er ist jetzt Advokat in Malinowo, ein noch junger Mensch, aber man kann sagen, mit allseitiger Bildung!); kurz, er ist ein Ideal von General! Na, bei uns war natürlich großer Trubel und Spektakel, Köche, Frikassees und so weiter; auch Musiker bestellte ich. Ich war selbstverständlich glückselig und machte ein Gesicht, wie wenn ich meinen Namenstag feierte. Diese meine Freude mißfiel Foma Fomitsch! Er saß bei Tisch (ich erinnere mich noch, daß seine Leibspeise, Mehlbrei mit Sahne, herumgereicht wurde), aber er schwieg und schwieg; dann sprang er auf: ›Man beleidigt mich; man beleidigt mich!‹ – ›Aber wodurch beleidigt man dich denn, Foma Fomitsch?‹ sagte ich. – ›Sie vernachlässigen mich jetzt‹, sagte er; ›Sie interessieren sich jetzt nur für Generale; Ihre Generale sind Ihnen jetzt lieber als ich!‹ Na, ich erzähle dir das jetzt selbstverständlich nur in aller Kürze, sozusagen nur die Quintessenz; aber wenn du wüßtest, was er noch alles gesagt hat . . . kurz, ich war tief erschüttert. Was sollte ich machen? Ich war natürlich ganz niedergeschlagen; die Sache ging mir außerordentlich nahe; ich lief umher wie ein begossener Pudel. Der feierliche Tag kam heran. Der General schickte her und ließ sagen, es sei ihm leider nicht möglich; er bäte um Entschuldigung, aber er könne nicht kommen. Ich ging zu Foma. ›Nun, Foma‹, sagte ich, ›beruhige dich! Er kommt nicht!‹ Aber was meinst du? Er verzieh mir nicht, schlechterdings nicht! ›Sie haben mich beleidigt‹, sagte er, ›das bleibt bestehen!‹ Ich redete dies und das. ›Nein‹, sagte er, ›gehen Sie zu Ihren Generalen; Ihre Generale sind Ihnen lieber als ich; Sie haben‹, sagte er, ›die Bande der Freundschaft zerrissen.‹ Mein lieber Freund, ich begreife ja, weswegen er böse war. Ich bin ja doch kein Stock, kein Schaf, kein Dummkopf! Er handelte ja nur aus übermäßiger Liebe zu mir so, sozusagen aus Eifersucht (das hat er selbst gesagt); er war auf den General eifersüchtig und gönnte ihm meine Zuneigung nicht; er fürchtete, meine Freundschaft zu verlieren, stellte mich auf die Probe und wollte sehen, was für Opfer ich ihm zu bringen bereit sei. ›Nein‹, sagte er, ›ich selbst bin für Sie so gut wie ein General; ich selbst bin für Sie eine Exzellenz! Ich werde mich erst dann mit Ihnen versöhnen, wenn Sie mir beweisen, daß Sie mich hochschätzen.‹ – ›Womit soll ich dir denn das beweisen, Foma Fomitsch?‹ fragte ich. – ›Nennen Sie mich einen ganzen Tag lang Exzellenz‹, sagte er; ›damit werden Sie mir Ihre Hochschätzung beweisen.‹ Ich fiel aus allen Wolken! Du kannst dir mein Erstaunen vorstellen! ›Das wird Ihnen‹, sagte er, ›eine Lehre sein, damit Sie sich künftig nicht für Generale begeistern, während andere Leute vielleicht mehr wert sind als alle Ihre Generale!‹ Na, da konnte ich mich nicht länger beherrschen, das gestehe ich. Ich gestehe es offen! ›Foma Fomitsch‹, sagte ich, ›ist denn das überhaupt möglich? Kann ich mich denn, zu so etwas hergeben? Bin ich denn befugt und berechtigt, dich zum General zu befördern? So bedenke doch, wer die Beförderungen zum General vollzieht! Na, wie kann ich denn zu dir Exzellenz sagen? Das ist ja quasi ein Attentat auf die Majestät der göttlichen Gesetze! Ein General tut doch Dienst und ist eine Zierde des Vaterlandes; ein General ist im Krieg gewesen und hat sein Blut auf dem Feld der Ehre vergossen! Wie kann ich denn zu dir Exzellenz sagen?‹ Aber er ließ nicht locker, absolut nicht! ›Ich tue ja für dich alles, was du nur willst, Foma‹, sagte ich. ›Du hast verlangt, ich sollte mir den Backenbart abrasieren, weil er unpatriotisch aussehe; ich habe ihn abrasiert, allerdings mit Stirnrunzeln, aber ich habe ihn abrasiert. Ja, ich werde auch künftig alles tun, was dir beliebt; nur verzichte auf den Generalsrang!‹ – ›Nein‹, sagte er, ›ich werde mich nicht eher mit Ihnen aussöhnen, als bis Sie zu mir Exzellenz sagen. Das wird‹ sagte er, ›für Ihre Moral nützlich sein; das wird Ihren Geist demütig machen.‹ Und nun dauert es schon eine Woche, eine ganze Woche, daß er nicht mit mir reden will; und über jeden, der zu Besuch kommt, ärgert er sich. Als er über dich hörte, daß du ein Gelehrter seiest (das war meine Schuld: ich war in Eifer geraten und schwatzte es aus), da sagte er, er werde dieses Haus für immer verlassen, wenn du herkämest. ›Denn‹, sagte er, ›ich bin ja für Sie nun kein Gelehrter mehr.‹ Und wenn er nun erst hören wird, daß Korowkin kommt, das wird erst eine schlimme Geschichte geben! Na, ich bitte dich, na, sage selbst, was trifft mich denn hierbei für eine Schuld? Na, soll ich mich denn wirklich dazu hergeben und zu ihm Exzellenz sagen? In solcher Lage zu leben, das ist ja unerträglich. Na, und warum hat er heute den armen Kerl, den Bachtschejew, vom Tisch weggejagt? Freilich, Bachtschejew hat die Astronomie nicht erfunden; aber ich habe ja die Astronomie ebenfalls nicht erfunden, und du ja auch nicht . . . Na, warum also, warum?«

»Darum, weil du neidisch bist, Jegor«, murmelte die Generalin wieder.

»Mama!« rief der Onkel ganz verzweifelt, »Sie bringen mich um den Verstand! . . . Sie sagen das nicht von sich aus, sondern wiederholen fremde Reden, Mama! Schließlich werde ich nicht mehr Ihr Sohn sein, sondern ein Pfosten, ein Prellstein, ein Laternenpfahl!«

»Ich habe gehört, lieber Onkel«, unterbrach ich ihn, erstaunt über seine Erzählung, »ich habe von Bachtschejew gehört (ich weiß übrigens nicht, ob es zutreffend ist), daß Foma Fomitsch den kleinen Ilja um seinen Namenstag beneidet und behauptet, er selbst habe morgen ebenfalls seinen Namenstag. Ich muß gestehen, dieser Charakterzug hat mich dermaßen in Verwunderung versetzt, daß ich . . .«

»Seinen Geburtstag, lieber Freund, seinen Geburtstag, nicht seinen Namenstag, sondern seinen Geburtstag!« unterbrach mich der Onkel hastig. »Er hat sich nur falsch ausgedrückt; aber er hat recht: morgen ist sein Geburtstag. Die Wahrheit, lieber Freund, geht über alles . . .«

»Er hat gar nicht Geburtstag!« rief Alexandra.

»Wie kannst du das sagen?« rief der Onkel verlegen.

»Er hat gar nicht Geburtstag, Papa! Sie sagen einfach die Unwahrheit, um sich selbst zu täuschen und um Foma Fomitsch damit einen Dienst zu erweisen. Aber sein Geburtstag war im März; erinnern Sie sich? Wir fuhren noch tags zuvor zum Gottesdienste ins Kloster, und er ließ keinen im Wagen ruhig sitzen: immer schrie er, das Kissen drücke ihn in die Seite, und kniff die andern; Tantchen hat er aus Bosheit zweimal gekniffen! Und als wir dann an seinem Geburtstag zu ihm kamen, um ihm zu gratulieren, da wurde er böse, weil in unserem Bukett keine Kamelien waren. ›Ich liebe die Kamelien‹, sagte er, ›weil ich den Geschmack der höheren Gesellschaftsschichten habe; ihr aber habt um meinetwillen keine Kamelien im Treibhaus abschneiden mögen; sie sind euch zu schade gewesenen.‹ Und den ganzen Tag machte er ein mürrisches Gesicht und maulte und wollte nicht mit uns reden . . .«

Ich glaube, wenn eine Bombe mitten ins Zimmer gefallen wäre, so hätte das nicht so ein Staunen und Entsetzen hervorgerufen wie diese offene Empörung, und Empörung von seiten wessen? Von Seiten eines Mädchens, dem nicht einmal erlaubt war, in Gegenwart seiner Großmutter laut zu reden. Die Generalin, die vor Erstaunen und Wut verstummt war, erhob sich ein wenig, richtete sich gerade und blickte, ihren Augen nicht trauend, ihre dreiste Enkelin an. Der Onkel war starr vor Entsetzen.

»So etwas wird hier geduldet! Man will die Großmutter umbringen!« schrie Fräulein Perepelizyna.

»Alexandra, Alexandra, besinne dich, was du tust! Was ist mit dir, Alexandra?« rief der Onkel und lief bald zur Generalin, bald zu Alexandra, um die letztere zum Schweigen zu bringen.

»Ich will nicht schweigen, Papa!« rief Alexandra, sprang plötzlich von ihrem Stuhl auf und stampfte mit den Füßen; ihre Augen funkelten. »Ich will nicht schweigen! Wir alle haben lange genug unter diesem Foma Fomitsch, Ihrem garstigen, widerwärtigen Foma Fomitsch gelitten! Er richtet uns alle zugrunde; ihm wird ja beständig versichert, er sei klug, hochherzig, edel, gelehrt, eine Vereinigung aller möglichen Tugenden, so eine Art Potpourri, und Foma Fomitsch, dumm wie er ist, glaubt das alles! Es sind ihm so viele süße Speisen vorgesetzt worden, daß ein anderer sich schämen würde; aber Foma Fomitsch hat alles aufgegessen, was vor ihn hingestellt wurde, und verlangt immer noch mehr. Ihr werdet sehen, er wird uns alle zu Tode quälen, und Papa ist an allem schuld! Ein abscheulicher Mensch, ein abscheulicher Mensch ist Foma Fomitsch; das sage ich geradeheraus und fürchte mich vor niemand! Er ist dumm, launenhaft, unsauber, unfein, hartherzig, ein Tyrann, ein Verleumder, ein Lügner . . . Ach, ich würde ihn unbedingt, unbedingt sofort aus dem Hause jagen; aber Papa vergöttert ihn ja, Papa ist ganz verrückt nach ihm!«

»Ach!« rief die Generalin und sank ohnmächtig auf das Sofa.

»Liebste Agafja Timofejewna, mein Engel!« rief Anfissa Petrowna, »nehmen Sie mein Flakon! Wasser, schnell Wasser!«

»Wasser, Wasser!« rief der Onkel. »Mama, Mama, beruhigen Sie sich! Auf den Knien flehe ich Sie an, sich zu beruhigen! . . .«

»Bei Wasser und Brot müßte man Sie in ein dunkles Zimmer einsperren . . . Sie Menschenmörderin!« zischte Fräulein Perepelizyna, die vor Wut zitterte, Alexandra an.

»Nun, dann werde ich bei Wasser und Brot sitzen; ich fürchte mich vor nichts!« rief Alexandra, die ihrerseits in eine Art von Verzückung hineingeriet. »Ich verteidige meinen Papa, weil er selbst sich nicht verteidigen kann. Was ist euer Foma Fomitsch denn gegen Papa? Er ißt Papas Brot und erniedrigt ihn, der Undankbare! Ich möchte ihn am liebsten in Stücke reißen, euren Foma Fomitsch! Zum Duell möchte ich ihn fordern und mit zwei Pistolen totschießen . . .«

»Alexandra, Alexandra!« schrie der Onkel verzweifelt. »Noch ein Wort, und ich bin verloren, rettungslos verloren!«

»Papa!« rief Alexandra, zu ihrem Vater hinstürzend, in Tränen ausbrechend und ihn fest mit den Armen umschlingend, »Papa! Wie können Sie, ein so guter, prächtiger, lustiger, kluger Mensch, wie können Sie sich selbst so zugrunde richten? Wie können Sie sich diesem häßlichen, undankbaren Patron unterordnen, sich zu seinem Spielzeug machen, sich dem Gelächter preisgeben? Papa, mein goldener Papa! . . .«

Sie fing heftig zu schluchzen an, schlug die Hände vors Gesicht und lief aus dem Zimmer.

Es folgte ein schrecklicher Wirrwarr. Die Generalin lag ohnmächtig da. Der Onkel kniete vor ihr und küßte ihr die Hände. Fräulein Perepelizyna war neben ihnen in geschäftiger Tätigkeit und warf uns wütende, aber triumphierende Blicke zu. Anfisa Petrowna befeuchtete die Schläfen der Generalin mit Wasser und hantierte mit ihrem Flakon. Praskowja Iljinitschna zitterte und zerfloß in Tränen. Jeshewikin hatte sich ein Winkelchen gesucht, wo er sich verbergen konnte, und die Gouvernante stand blaß und ganz fassungslos vor Furcht da. Nur Misintschikow war vollständig derselbe geblieben, der er vorher gewesen war. Er stand auf, trat ans Fenster und begann unverwandt hinauszusehen, ohne der Szene im Zimmer auch nur die geringste Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Auf einmal erhob sich die Generalin halb vom Sofa, richtete sich auf und maß mich mit einem drohenden Blick.

»Hinaus!« schrie sie mir zu und stampfte dabei mit dem Fuß.

Ich muß gestehen, daß ich das nicht im entferntesten erwartet hatte.

»Hinaus! Hinaus aus dem Haus; hinaus! Warum ist er hergekommen? Er soll sich nie wieder hier blicken lassen! Hinaus!«

»Mama, Mama, was reden Sie? Das ist ja Sergej«, murmelte der Onkel, am ganzen Leibe zitternd vor Furcht. »Er ist ja doch zu Besuch zu uns gekommen, Mama!«

»Was für ein Sergej? Hinaus! Ich will nichts hören; hinaus! Es ist Korowkin. Ich bin sicher, daß es Korowkin ist. Meine Ahnung täuscht mich nicht. Er ist gekommen, um Foma Fomitsch zu vertreiben; darum hast du ihn hergerufen. Mein Herz ahnt es. Hinaus, Taugenichts!«

»Lieber Onkel, wenn es so steht«, sagte ich, und die Stimme versagte mir fast vor edler Entrüstung, »wenn es so steht, dann will ich . . . entschuldigen Sie mich . . .« Und ich griff nach meinem Hut.

»Sergej, Sergej, was tust du? . . . Nun sieh bloß einer diesen Menschen an . . . Mama! Es ist ja Sergej . . . Aber Sergej, ich bitte dich!« rief er, mir nachlaufend und bemüht, mir den Hut abzunehmen, »du bist mein Gast; du bleibst hier; ich will es! Das redet sie ja nur so hin«, fügte er flüsternd hinzu; »so ist sie ja nur, wenn sie sich ärgert . . . Verstecke dich nur jetzt irgendwo während der ersten Zeit . . . halte dich woanders auf – und die Sache hat weiter nichts zu bedeuten; es wird alles vorübergehen. Sie wird dir verzeihen, glaube mir! Sie ist eine gute Frau; nur spricht sie manchmal Unsinn, ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken . . . Du hörst ja, sie hält dich für Korowkin; aber nachher wird sie dir verzeihen, glaube mir . . . Was willst du denn?« schrie er den Diener Gawrila an, der zitternd vor Furcht ins Zimmer trat.

Gawrila kam nicht allein; mit ihm erschien ein zum Gutsgesinde gehöriger, etwa sechzehnjähriger Bursche, ein sehr hübscher Mensch, der, wie ich später erfuhr, eben wegen seiner Schönheit ins Haus genommen worden war. Er hieß Falalej. Er war ganz extravagant gekleidet: ein rotes, seidenes Hemd, dessen Kragen mit Litzen benäht war, einen Gürtel von Goldtresse, schwarze Plüschhosen und bocklederne Stiefel mit roten Stulpen. Dieses Kostüm war eine eigene Erfindung der Generalin. Der junge Bursche schluchzte bitterlich, und die Tränen rollten nur so eine nach der andern aus seinen blauen Augen.

»Was ist denn das nun wieder?« rief der Onkel. »Was ist denn passiert? So rede doch, du Schlingel!«

»Foma Fomitsch hat uns befohlen hierherzugehen; er selbst kommt auch gleich«, antwortete Gawrila betrübt. »Ich soll examiniert werden, und der hier . . .«

»Nun, und der?«

»Er hat getanzt«, antwortete Gawrila weinerlich.

»Getanzt!« rief der Onkel erschrocken.

»Ja, ge-tanzt!« heulte Falalej, Tränen schluckend.

»Den Komarinski-Tanz?«

»Ja, den Ko-ma-rin-ski-Tanz.«

»Und Foma Fomitsch hat dich dabei erwischt?«

»Ja, er hat mich er-wischt.«

»Ihr bringt mich um!« rief der Onkel. »Das kostet mich den Kopf!« Und er griff mit beiden Händen nach seinem Kopf.

»Foma Fomitsch!« meldete, ins Zimmer tretend, Widopljassow.

Die Tür öffnete sich, und Foma Fomitsch erschien in höchsteigener Person vor der bestürzten Gesellschaft.

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