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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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IV

Beim Tee

Das Teezimmer war ebenjenes Zimmer, von dem aus man auf die Terrasse kam, wo ich vorhin Gawrila getroffen hatte. Die geheimnisvollen Voraussagen meines Onkels über den mir bevorstehenden Empfang beunruhigten mich sehr. Die Jugend ist manchmal maßlos eitel, und diese jugendliche Eitelkeit ist fast immer mit Feigheit gepaart. Man kann sich daher denken, wie unangenehm mir der folgende Vorfall war. Kaum war ich in die Tür getreten und hatte die ganze um den Teetisch versammelte Gesellschaft überblickt, als ich über den Teppich stolperte und stark ins Schwanken geriet; zwar gelang es mir noch, das Gleichgewicht zu bewahren; aber ich flog doch in recht unerwarteter Weise mitten ins Zimmer hinein. Vollkommen bestürzt, als hätte ich mit einem Mal meine ganze Karriere verdorben und meine Ehre und meinen guten Namen verloren, stand ich regungslos da, wurde rot wie ein Krebs und starrte gedankenlos die Anwesenden an. Ich erwähne diesen an sich ganz unerheblichen Vorfall einzig deswegen, weil er großen Einfluß auf meine Gemütsstimmung für fast den ganzen Rest jenes Tages und somit auch auf meine Beziehungen zu einigen der handelnden Personen meiner Erzählung hatte. Ich versuchte, eine Verbeugung zu machen, führte dies aber nicht bis zu Ende durch, sondern stürzte, noch tiefer errötend, auf meinen Onkel zu und ergriff seine Hand.

»Guten Tag, lieber Onkel«, sagte ich, mühsam atmend; ich hatte zwar etwas ganz anderes, weit Geistreicheres sagen wollen; aber unversehens brachte ich nur dieses ›Guten Tag‹ heraus.

»Guten Tag, guten Tag, lieber Freund!« antwortete mein Onkel, dem ich offenbar leid tat; »wir haben uns ja schon begrüßt. Sei nur nicht verlegen!« fügte er flüsternd hinzu; »das kann jedem passieren, und es ging ja noch glücklich ab! Mancher fällt dabei längelang hin! . . . Nun, aber jetzt, Mama, gestatten Sie, daß ich Ihnen unsern jungen Mann hier vorstelle; er ist ein bißchen verlegen geworden; aber Sie werden ihn sicherlich liebgewinnen. Mein Neffe Sergej Alexandrowitsch«, fügte er, sich zu allen insgesamt wendend, hinzu.

Aber bevor ich in der Erzählung fortfahre, möge mir der liebenswürdige Leser gestatten, ihm die ganze Gesellschaft, in die ich so plötzlich hereingeschneit war, mit Namen vorzustellen. Das ist sogar für das richtige Verständnis der Erzählung notwendig.

Die ganze Gesellschaft bestand aus mehreren Damen und nur zwei Herren, wenn ich mich und den Onkel nicht mitzähle. Foma Fomitsch, den ich so sehr zu sehen wünschte und der, wie ich schon damals fühlte, der allmächtige Herrscher des ganzen Hauses war, befand sich nicht im Zimmer: er glänzte durch Abwesenheit, und es schien, als habe er alle Helligkeit aus dem Zimmer mit sich fortgenommen. Alle waren ernst und düster. Das mußte einem beim ersten Blicke auffallen; wie verwirrt und verlegen ich auch selbst in diesem Augenblick war, so sah ich doch, daß zum Beispiel mein Onkel beinah ebenso verlegen war wie ich, obwohl er die größten Anstrengungen machte, seine Unruhe unter scheinbarer Zwanglosigkeit zu verbergen. Es lastete gleichsam ein schwerer Stein auf seinem Herzen. Einer der beiden im Zimmer anwesenden Männer war noch recht jung, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, ebenjener Obnoskin, von dem mein Onkel vorher gesprochen hatte, indem er seinen Verstand und seine Moral lobte. Dieser Herr mißfiel mir außerordentlich; alles an ihm ließ einen gewissen Schick, gleichzeitig aber auch schlechten Geschmack erkennen; sein Anzug machte trotz des Schicks einen schäbigen, kümmerlichen Eindruck; auch in seinem Gesicht lag etwas Schäbiges. Sein hellblonder, dünner Schnurrbart und sein mißlungenes, flockiges Kinnbärtchen waren augenscheinlich dazu bestimmt, einen selbständig und vielleicht freigeistig denkenden Menschen erkennen zu lassen. Er kniff fortwährend die Augen zusammen, lächelte in einer gekünstelt giftigen Manier, rutschte auf seinem Stuhl herum und sah mich alle Augenblicke durch seine Lorgnette an, ließ dieselbe aber, sobald ich mich ihm zuwandte, sofort sinken, als ob er Angst bekäme. Der andere Herr, ebenfalls ein noch junger Mann von etwa achtundzwanzig Jahren, war mein entfernter Vetter Misintschikow. Er war tatsächlich außerordentlich schweigsam. Beim Tee sprach er die ganze Zeit über auch nicht eine Silbe und lachte nicht mit, wenn alle andern lachten; aber ich nahm an ihm durchaus nicht jene Niedergeschlagenheit wahr, die mein Onkel an ihm gesehen hatte; im Gegenteil bekundete der Blick seiner hellbraunen Augen einen festen, bestimmten Charakter. Misintschikow hatte einen dunklen Teint, schwarzes Haar und war recht hübsch; er war sehr anständig gekleidet, wie ich nachher erfuhr, auf Kosten meines Onkels. Von den Damen fiel mir vor allen Fräulein Perepelizyna durch ihr ungewöhnlich boshaftes, blutleeres Gesicht auf. Sie saß neben der Generalin (von der später besonders die Rede sein wird), aber nicht in einer Reihe mit ihr, sondern aus Respekt etwas zurück; alle Augenblicke bog sie sich zu ihrer Gönnerin hin und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Zwei oder drei bejahrte arme Klientinnen saßen völlig stumm in einer Reihe am Fenster, warteten in aller Ergebenheit darauf, daß ihnen Tee gereicht werde, und blickten die Generalin mit weitaufgerissenen Augen an. Mein Interesse erregte auch eine dicke, ganz auseinandergegangene Dame von ungefähr fünfzig Jahren; sie war sehr geschmacklos und grellfarben gekleidet, anscheinend geschminkt und hatte fast keine Zähne mehr; an deren Stelle ragten in ihrem Munde nur einige schwärzliche, abgebrochene Stummel hervor; dies hinderte sie aber nicht, mit gezierter Stimme zu sprechen, die Augen zusammenzukneifen, sich mit modischer Affektiertheit zu benehmen und sogar zu kokettieren. Sie war mit einer Menge Kettchen behängt und richtete, ebenso wie Monsieur Obnoskin, fortwährend ihre Lorgnette auf mich. Dies war seine Mutter. Die stille, friedliche Praskowja Iljinitschna, meine Tante, goß den Tee ein. Sie hatte offenbar die größte Lust, mich nach der langen Trennung zu umarmen und selbstverständlich dabei zu weinen; aber sie wagte es nicht. Alles hier schien sich unter einem Banne zu befinden. Neben ihr saß ein sehr hübsches, schwarzäugiges, fünfzehnjähriges Mädchen, das mich unverwandt mit kindlicher Neugier betrachtete, meine Kusine Alexandra. Endlich und vielleicht am allermeisten fiel mir noch eine sehr seltsame Dame auf, welche luxuriös und sehr jugendlich gekleidet war, obwohl sie keineswegs mehr zur Jugend gehörte, sondern mindestens fünfunddreißig Jahre alt sein mochte. Ihr Gesicht war sehr mager, blaß und vertrocknet, wirkte aber überaus enthusiastisch. Eine helle Röte erschien alle Augenblicke auf ihren blassen Wangen, fast bei jeder Gemütsbewegung, bei jeder Erregung. In Erregung war sie ununterbrochen; sie rutschte auf ihrem Stuhl herum und schien nicht imstande zu sein, auch nur einen Augenblick ruhig zu sitzen. Sie betrachtete mich mit größter Neugier und bog sich fortwährend zu Alexandra oder ihrer anderen Nachbarin hinüber, um diesen etwas ins Ohr zu flüstern, und brach dann immer sogleich in ein sehr gutherziges, kindlich vergnügtes Gelächter aus. Aber all ihr seltsames Gebaren zog zu meiner Verwunderung niemandes Aufmerksamkeit auf sich, als wäre das vorher abgesprochen worden. Ich erriet, daß dies Tatjana Iwanowna war, ebendie Dame, die nach dem Ausdrucke meines Onkels etwas Exaltiertes an sich hatte, die man ihm zur Braut bestimmt hatte und der fast alle im Hause wegen ihres Reichtums den Hof machten. Übrigens gefielen mir ihre blauen, sanften Augen, und obgleich um diese Augen herum schon kleine Fältchen sichtbar waren, so war doch der Blick derselben so harmlos, heiter und gutmütig, daß es eine besonders angenehme Empfindung war, ihm zu begegnen. Von dieser Tatjana Iwanowna, einer der wirklichen ›Heldinnen‹ meiner Erzählung, werde ich später ausführlicher sprechen; ihre Biographie ist sehr interessant.

Etwa fünf Minuten nach meinem Erscheinen im Teezimmer kam aus dem Garten ein sehr hübscher Knabe hereingelaufen, mein Vetter Ilja, dessen Namenstag morgen gefeiert werden sollte; seine beiden Taschen waren mit Knöcheln zum Spielen vollgestopft, und in der Hand trug er einen Brummkreisel. Hinter ihm trat ein junges, schlankes Mädchen ein, das etwas blaß und anscheinend müde, aber sehr hübsch war. Sie überflog alle mit einem forschenden, mißtrauischen und sogar ängstlichen Blick, sah mich durchdringend an und setzte sich neben Tatjana Iwanowna. Ich erinnere mich, daß mein Herz unwillkürlich stark zu klopfen begann: ich erriet, daß dies eben jene Gouvernante war. Ich erinnere mich auch, daß der Onkel bei ihrem Erscheinen mir auf einmal einen schnellen Blick zuwarf, über und über errötete, dann sich bückte, den kleinen Ilja auf den Arm nahm und ihn zu mir trug, damit ich ihn küßte. Ich bemerkte ferner, daß Madame Obnoskina zuerst starr meinen Onkel ansah und dann ihre Lorgnette mit einem spöttischen Lächeln auf die Gouvernante richtete. Der Onkel war sehr verlegen, und da er nicht wußte, was er tun sollte, wollte er Alexandra herbeirufen, um sie mit mir bekannt zu machen; aber diese stand nur auf und machte mir schweigend und mit würdevollem Ernst einen Knicks. Dies gefiel mir übrigens sehr, weil es ihr gut stand. Im selben Augenblick konnte die gute Tante Praskowja Iljinitschna sich nicht länger beherrschen, unterbrach das Teeeingießen und eilte zu mir, um mich zu küssen; aber ich hatte noch nicht zwei Worte zu ihr sagen können, als schon Fräulein Perepelizynas scharfe, kreischende Stimme ertönte: »Praskowja Iljinitschna, Sie scheinen die Mama« (die Generalin) »ganz vergessen zu haben; die Mama hat Tee verlangt; aber Sie gießen nicht ein, und sie muß warten.« So verließ mich denn Praskowja Iljinitschna und kehrte eiligst zu ihren pflichtmäßigen Obliegenheiten zurück. Diese Generalin, die wichtigste Person in diesem ganzen Kreis, der alle auf den leisesten Wink parierten, war eine hagere, böse alte Dame, die ganz in Schwarz gekleidet war; ihre Bosheit rührte übrigens hauptsächlich von ihrem Alter und von dem Verluste der letzten geistigen Fähigkeiten her, deren sie auch früher nicht allzu viele besessen hatte. Früher war sie nur launisch gewesen; aber die Rangerhöhung zur Generalin hatte sie noch dümmer und hochmütiger gemacht. Wenn sie sich ärgerte, glich das ganze Haus einer Hölle. Sie hatte zwei Arten, sich zu ärgern. Die erste Art war die schweigsame, wobei die alte Frau ganze Tage lang ihren Mund nicht auftat, hartnäckig schwieg und alles, was vor sie hingestellt wurde, wegstieß und manchmal sogar auf den Fußboden warf. Die andere Art war die völlig entgegengesetzte: die wortreiche. Es begann gewöhnlich damit, daß die Großmutter (sie war ja doch meine Großmutter) in ungewöhnliche Melancholie versank, den Untergang der Welt und ihrer ganzen Wirtschaft erwartete, Armut und alles mögliche Unglück voraussah, sich an ihren eigenen Prophezeiungen begeisterte, die bevorstehenden Leiden an den Fingern aufzählte und bei diesem Herrechnen in eine Art von frenetischem Jähzorn geriet. Natürlich erklärte sie, sie habe das alles schon längst vorhergesehen und nur deshalb geschwiegen, weil man sie ›in diesem Hause‹ mit Gewalt zum Schweigen zwinge. Aber wenn man sie nur respektieren und rechtzeitig auf sie hören wollte, dann und so weiter und so weiter. Alles dies wurde sofort von der Schar der armen Klientinnen und von Fräulein Perepelizyna als durchaus richtig anerkannt und schließlich von Foma Fomitsch feierlich bestätigt. In jenem Augenblick, als ich ihr vorgestellt wurde, war sie furchtbar zornig, und zwar, wie es schien, auf die erste, die schweigsame Manier, welche die schrecklichere der beiden war. Alle blickten voller Angst zu ihr hin. Nur Tatjana Iwanowna, der geradezu alles nachgesehen wurde, war in vorzüglicher Stimmung. Der Onkel führte mich in besonderer Absicht und sogar mit einer gewissen Feierlichkeit zur Großmutter hin; aber diese schnitt ein verdrießliches Gesicht und stieß ärgerlich ihre Tasse von sich.

»Ist das jener Vol-ti-geur?« wandte sie sich, kaum den Mund öffnend, in gedehntem Tone an Fräulein Perepelizyna.

Diese dumme Frage brachte mich vollständig aus der Fassung. Ich begriff nicht, warum sie mich einen Voltigeur nannte. Aber solche Fragen waren bei ihr noch nicht das Schlimmste. Fräulein Perepelizyna neigte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr; aber die Alte winkte ärgerlich ab. Ich stand mit offenem Munde da und sah den Onkel fragend an. Alle wechselten Blicke miteinander; und Obnoskin grinste sogar, was mir höchlichst mißfiel.

»Sie verspricht sich manchmal, lieber Freund«, flüsterte mir der Onkel zu, der ebenfalls etwas betroffen war; »aber das hat nichts zu bedeuten; sie meint es nicht schlimm; es kommt aus gutem Herzen. Sieh nur vor allem auf das Herz!«

»Ja, das Herz, das Herz!« erscholl auf einmal die helle Stimme Tatjana Iwanownas, die während der ganzen Zeit ihren Blick nicht von mir gewandt hatte und nicht ruhig auf ihrem Platz sitzen konnte; wahrscheinlich war das geflüsterte Wort ›Herz‹ an ihr Ohr gedrungen.

Aber sie sprach nicht zu Ende, obwohl sie offenbar Lust hatte, noch etwas zu sagen. War sie nun verlegen geworden oder hatte sie irgendeinen andern Grund, genug, sie verstummte auf einmal, wurde dunkelrot, beugte sich schnell zu der Gouvernante hin, flüsterte ihr etwas ins Ohr und brach plötzlich, den Mund mit einem Taschentuch bedeckend und sich gegen die Lehne des Sessels zurückwerfend, in ein krampfhaftes Gelächter aus. In größtem Erstaunen blickte ich alle ringsum an; aber zu meiner Verwunderung waren sie alle ganz ernst und machten Gesichter, als hätte sich nichts Besonderes ereignet. Ich begriff nun natürlich, was mit Tatjana Iwanowna los war. Endlich wurde mir Tee gereicht, und ich konnte mich ein wenig sammeln. Ich weiß nicht warum, aber ich glaubte auf einmal, ich sei verpflichtet, ein recht liebenswürdiges Gespräch mit den Damen anzuknüpfen.

»Sie hatten recht, lieber Onkel«, begann ich, »als Sie mir vorhin prophezeiten, es sei leicht möglich, daß ich verlegen werden würde. Ich gestehe offenherzig (wozu soll ich es verbergen?)«, fuhr ich fort, indem ich mich mit einem einschmeichelnden Lächeln an Madame Obnoskina wandte, »daß ich mich bisher fast noch gar nicht in Damengesellschaft bewegt habe, und als mir jetzt bei meinem Eintritt jenes Mißgeschick begegnete, da hatte ich die Empfindung, daß meine theatralische Stellung mitten im Zimmer wohl sehr lächerlich sei und einigermaßen an den ›Weichling‹ erinnere; nicht wahr? Sie haben gewiß den ›Weichling‹ gelesen?« schloß ich. Ich war immer mehr in Verwirrung geraten, errötete über meine schmeichlerische Offenherzigkeit und blickte drohend Monsieur Obnoskin an, der mich immer noch grinsend von Kopf bis Fuß musterte.

»Richtig, richtig, richtig!« rief der Onkel auf einmal mit großer Lebhaftigkeit; er freute sich aufrichtig darüber, daß das Gespräch ein bißchen in Gang kam und ich meine Fassung wiedergewonnen hatte. »Das ist noch nichts, was du da sagst, lieber Freund, daß man leicht verlegen werden kann. Na, wenn einer verlegen geworden ist, davon spricht nachher kein Mensch mehr! Aber ich, lieber Freund, habe bei meinem ersten Debüt sogar gelogen; kannst du das glauben? Nein, wirklich, Anfissa Petrowna, ich kann Ihnen sagen, es ist eine interessante Geschichte. Ich war soeben als Fähnrich eingetreten, da kam ich nach Moskau und begab mich mit einem Empfehlungsbrief zu einer sehr vornehmen Dame; das heißt, sie war sehr hochmütig, aber im Grunde wirklich herzensgut; da war nichts dagegen zu sagen. Ich kam hin und wurde empfangen. Der Salon war voller Menschen, lauter vornehmes Volk. Ich verbeugte mich und nahm Platz. Gleich beim zweiten Satz fragte sie mich: ›Haben Sie auch ein Gut, lieber Freund?‹ Nun besaß ich damals auch nicht ein einziges Huhn; was sollte ich antworten? Ich war entsetzlich verlegen. Alle sahen mich an; na, und ich war doch nur so ein armseliger Fähnrich! Nun, warum hätte ich nicht sagen können: ›Nein‹; das wäre anständig gewesen; denn ich hätte damit die Wahrheit gesagt. Aber ich brachte es nicht fertig! ›Ja‹, antwortete ich, ›hundertsiebzehn Seelen.‹ Und warum hängte ich noch diese siebzehn daran? Wenn ich denn einmal log, so hätte ich doch eine runde Zahl erfinden sollen, nicht wahr? Einen Augenblick darauf hatte sich durch meinen Empfehlungsbrief herausgestellt, daß ich kahl wie eine Kirchenmaus war und obendrein gelogen hatte! Na, was sollte ich tun? Ich machte schleunigst, daß ich davonkam, und ließ mich seitdem nie wieder dort blicken. Ich besaß ja damals noch gar nichts. Was ich jetzt habe, habe ich alles erst später bekommen: dreihundert Seelen vom Onkel Afanassi Matwejewitsch und zweihundert Seelen nebst Kapitonowka schon vorher von der Großmutter Akulina Panfilowna, zusammen etwas über fünfhundert; das ist ein schöner Besitz! Aber dem Lügen habe ich seitdem abgeschworen und lüge nicht mehr.«

»Na, ich hätte dem an Ihrer Stelle nicht abgeschworen. Gott weiß, was noch kommen kann«, bemerkte Obnoskin, spöttisch lächelnd.

»Nun ja, da haben Sie recht, da haben Sie recht! Gott weiß, was noch kommen kann«, stimmte ihm der Onkel gutmütig bei.

Obnoskin lachte laut auf und warf sich gegen die Stuhllehne zurück; seine Mama lächelte; in einer besonders widerwärtigen Weise kicherte auch Fräulein Perepelizyna; auch Tatjana Iwanowna lachte, ohne zu wissen warum, und klatschte sogar in die Hände, – kurz, ich sah klar, daß der Onkel in seinem eigenen Haus als eine Null galt. Alexandra blickte mit ingrimmig funkelnden Augen unverwandt Obnoskin an. Die Gouvernante errötete und schlug die Augen nieder. Der Onkel war erstaunt.

»Was ist denn? Was ist passiert?« fragte er und blickte uns alle verwundert an.

Diese ganze Zeit über saß mein Vetter Misintschikow etwas abseits und schwieg; er lächelte nicht einmal, als alle laut loslachten. Er trank eifrig seinen Tee, betrachtete das ganze Publikum wie ein Philosoph und schickte sich mehrmals, wie in einem Anfalle von unerträglicher Langerweile, dazu an, zu pfeifen, wahrscheinlich aus alter Gewohnheit, hielt aber jedesmal noch rechtzeitig inne. Obnoskin, der sich über meinen Onkel lustig gemacht hatte und offenbar auch gegen mich ein Attentat plante, wagte, wie es schien, nicht, Misintschikow auch nur anzusehen: das fiel mir auf. Es fiel mir auch auf, daß mein schweigsamer Vetter häufig und sogar mit sichtlicher Neugier zu mir hinüberblickte, als wollte er gern genau feststellen, was für ein Mensch ich sei.

»Ich bin davon überzeugt«, plapperte auf einmal Madame Obnoskina los, »ich bin vollständig davon überzeugt, Monsieur Serge (so war ja doch wohl Ihr Name?), daß Sie in Ihrem Petersburg kein großer Verehrer der Damen gewesen sind. Ich weiß, es gibt jetzt dort viele, sehr viele junge Leute, die sich von Damengesellschaft völlig fernhalten. Aber meiner Ansicht nach sind das lauter Freigeister. Ich kann das nur als unverzeihliche Freigeisterei bezeichnen. Und ich muß Ihnen gestehen, das setzt mich in Erstaunen, das setzt mich in Erstaunen, junger Mann, das setzt mich geradezu in Erstaunen! . . .«

»Ich habe mich überhaupt nicht in Gesellschaft bewegt«, erwiderte ich mit großer Lebhaftigkeit. »Aber das macht nichts; so glaube ich wenigstens . . . Ich habe da nur so für mich gelebt . . . aber das macht nichts, versichere ich Ihnen. Ich werde nun Bekanntschaften suchen; bisher habe ich immer zu Hause gesessen . . .«

»Er hat sich mit den Wissenschaften beschäftigt«, bemerkte mein Onkel mit stolzer Miene.

»Ach, lieber Onkel, Sie immer mit Ihren Wissenschaften! . . . Stellen Sie sich vor«, fuhr ich, mich von neuem an Madame Obnoskina wendend, in sehr ungezwungenem Ton und mit einem liebenswürdigen Schmunzeln fort, »mein teurer Onkel ist von den Wissenschaften so begeistert, daß er auf der Chaussee einen wundertätigen, praktischen Philosophen, einen Herrn Korowkin, aufgegabelt hat; und das erste, was er heute nach so vielen Jahren der Trennung zu mir sagte, war, er erwarte diesen phänomenalen Wundertäter mit sozusagen krampfhafter Ungeduld . . . selbstverständlich aus Liebe zur Wissenschaft . . .«

Und ich fing an zu kichern in der Hoffnung, als Lohn für meine witzige Bemerkung allgemeines Gelächter hervorzurufen.

»Wer ist das? Von wem spricht er?« fragte die Generalin, sich zu Fräulein Perepelizyna wendend, in scharfem Ton.

»Jegor Iljitsch hat Gäste eingeladen, Gelehrte; er fährt auf den Chausseen herum und sucht sie zusammen«, erwiderte die alte Jungfer schadenfroh mit ihrer kreischenden Stimme.

Mein Onkel war ganz verlegen geworden.

»Ach ja! Das habe ich ganz vergessen zu sagen!« rief er, indem er mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. »Ich erwarte Korowkin. Er ist ein Mann der Wissenschaft, eine Koryphäe unseres Jahrhunderts . . .«

Er brach plötzlich ab und verstummte. Die Generalin hatte eine ärgerliche Handbewegung gemacht, und diesmal so erfolgreich, daß sie dabei an ihre Tasse stieß, die vom Tisch flog und zerbrach. Es entstand allgemeine Aufregung.

»So macht sie es immer, wenn sie böse wird; dann wirft sie ohne weiteres etwas auf den Fußboden«, flüsterte mir der verlegene Onkel zu. »Aber das tut sie nur, wenn sie böse ist . . . Sieh nicht hin, lieber Freund; tu, als ob du es gar nicht bemerkt hättest; sieh beiseite . . . Warum hast du aber auch von Korowkin zu reden begonnen?«

Aber ich sah ohnehin schon beiseite: ich war soeben einem Blick der Gouvernante begegnet, und es schien mir, als liege in diesem auf mich gerichteten Blick eine Art von Vorwurf, ja sogar eine gewisse Verachtung; die Röte der Entrüstung flammte hell auf ihren blassen Wangen. Ich verstand ihren Blick und erriet, daß ich durch meinen kleinlichen, häßlichen Versuch, den Onkel lächerlich zu machen, um meine eigene Lächerlichkeit ein wenig herabzumindern, in der Achtung dieses Mädchens nicht sehr gestiegen war. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich mich schämte!

»Ich will mit Ihnen immerzu von Petersburg sprechen«, schwatzte Anfisa Petrowna wieder weiter, sobald die durch die zerschlagene Tasse hervorgerufene Aufregung sich gelegt hatte. »Ich erinnere mich mit solchem, ich kann sagen, Ge-nus-se an unser Leben in dieser entzückenden Residenz . . . Wir waren damals sehr nahe bekannt mit einer Familie – erinnerst du dich noch, Paul?« (Statt Pawel zu sagen, bediente sie sich der französischen Namensform.) »General Polowizyn . . . Ach, was für ein bezauberndes, be-zau-bern-des Wesen war die Generalin! Und dann, wissen Sie, diese Aristokratie, diese beau monde! . . . Sagen Sie: Sie sind den Herrschaften wahrscheinlich begegnet . . . Ich muß gestehen, ich habe Sie hier mit Ungeduld erwartet; ich hoffte von Ihnen vieles, vieles über unsere Petersburger Freunde zu erfahren . . .«

»Es tut mir sehr leid, daß ich nicht imstande bin . . . entschuldigen Sie . . . Ich sagte bereits, daß ich nur sehr selten in Gesellschaft gewesen bin; den General Polowizyn kenne ich gar nicht, habe auch nie von ihm gehört«, antwortete ich ungeduldig. An die Stelle der Bemühung, liebenswürdig zu sein, war plötzlich bei mir eine sehr verdrießliche, reizbare Stimmung getreten.

»Er hat sich mit Mineralogie beschäftigt!« fiel der unverbesserliche Onkel stolz ein. »Die Mineralogie, lieber Freund, das ist ja doch wohl die Wissenschaft, die allerlei Steinchen betrachtet?«

»Ja, lieber Onkel, sie beschäftigt sich mit den Steinen . . .«

»Hm . . . Es gibt viele Wissenschaften, und alle sind sie nützlich. Aber ich, lieber Freund, habe, die Wahrheit zu sagen, nicht einmal gewußt, was eigentlich die Mineralogie ist! Ich habe nur so von weitem etwas läuten hören. Mit anderen Dingen weiß ich noch so einigermaßen Bescheid; aber in den Wissenschaften bin ich dumm; das gestehe ich offen ein!«

»Das gestehen Sie offen ein?« fragte Obnoskin lächelnd.

»Papachen!« rief Alexandra und sah ihren Vater vorwurfsvoll an.

»Was denn, mein Herzchen? Ach, mein Gott, ich unterbreche Sie ja immer, Anfisa Petrowna«, sagte in plötzlichem Schreck der Onkel, der Alexandras Ausruf nicht verstanden hatte. »Um Himmels willen, nehmen Sie es mir nicht übel!«

»Oh, beunruhigen Sie sich deswegen nicht!« antwortete Anfissa Petrowna mit säuerlichem Lächeln. »Übrigens habe ich Ihrem Neffen schon alles gesagt, was ich ihm sagen wollte, und möchte nur noch zum Schluß hinzufügen, Monsieur Serge (so war ja wohl Ihr Name?); daß Sie sich entschieden bessern müssen. Ich glaube, die Wissenschaften und die Künste . . . zum Beispiel die Bildhauerkunst . . . nun, kurz gesagt, alle diese hohen Ideen haben sozusagen etwas Be-zau-bern-des; aber sie können die Damen nicht ersetzen! . . . Die Frauen, die Frauen, junger Mann, sind es, die Ihren Charakter bilden, und darum sind sie Ihnen unbedingt notwendig, junger Mann, unbedingt, un-be-dingt!«

»Unbedingt, unbedingt!« erscholl wieder Tatjana Iwanownas etwas kreischende Stimme. »Hören Sie«, begann sie in kindlicher Hast und wurde natürlich dabei über und über rot, »hören Sie, ich will Sie etwas fragen . . .«

»Was befehlen Sie?« erwiderte ich, sie aufmerksam anblickend.

»Ich wollte Sie fragen: sind Sie zu längerem Besuch hergekommen?«

»Das weiß ich wirklich nicht; das wird von den Umständen abhängen . . .«

»Von den Umständen! Was können denn das für Umstände sein? . . . O Sie verdrehter Mensch! . . .«

Und Tatjana Iwanowna, deren Erröten sich im höchsten Grade steigerte, verbarg sich hinter ihrem Fächer, neigte sich zu der Gouvernante hin und begann sogleich, ihr etwas zuzuflüstern. Dann lachte sie plötzlich auf und klatschte in die Hände.

»Warten Sie, warten Sie!« rief sie, indem sie von ihrer Vertrauten abließ und sich mir eilig wieder zuwandte, als hätte sie Angst, ich könnte weggehen, »hören Sie mal, wissen Sie, was ich Ihnen sagen will? Sie haben eine außerordentliche, eine außerordentliche Ähnlichkeit mit einem jungen Mann, einem ent-zük-ken-den jungen Mann! . . . Alexandra, Nastasja, erinnert ihr euch? Er hat eine außerordentliche Ähnlichkeit mit jenem verdrehten Menschen – erinnerst du dich, Alexandra? Wir begegneten ihm, als wir spazierenfuhren; er war zu Pferd und hatte eine weiße Weste an . . . er richtete noch seine Lorgnette auf mich, der Unverschämte! Erinnert ihr euch, ich zog mir noch den Schleier vors Gesicht, konnte mich dann aber doch nicht beherrschen, steckte den Kopf aus dem Wagen und rief ihm zu: ›Sie unverschämter Mensch!‹ und dann warf ich mein Bukett auf die Landstraße . . . Erinnern Sie sich, Nastasja?«

Das mannstolle Mädchen bedeckte in großer Aufregung ihr Gesicht mit den Händen; dann sprang sie plötzlich von ihrem Platz auf, lief zum Fenster, riß von einem Rosenstock eine Rose ab, warf sie in meiner Nähe auf den Fußboden und lief aus dem Zimmer. Weg war sie! Diesmal entstand sogar eine gewisse Aufregung, obgleich die Generalin, ebenso wie das erstemal, völlig ruhig blieb. Anfissa Petrowna zum Beispiel machte ein zwar nicht erstauntes, aber sorgenvolles Gesicht und blickte beunruhigt nach ihrem Sohn hin; die jungen Damen erröteten; Paul Obnoskin machte, was mir damals unerklärlich war, ein ärgerliches Gesicht, stand von seinem Stuhl auf und trat ans Fenster. Der Onkel begann mir Zeichen zu machen; aber in diesem Augenblick trat eine neue Persönlichkeit ins Zimmer und zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.

»Ah, siehe da! Jewgraf Larionowitsch! Du kommst wie gerufen!« rief mein Onkel hocherfreut. »Nun, lieber Freund, kommst du aus der Stadt?«

›Was sind das bloß für wunderliche Menschen! Die scheinen hier alle expreß zusammengekommen zu sein!‹ dachte ich bei mir, ohne noch recht zu begreifen, was vor meinen Augen geschah, und ohne zu argwöhnen, daß auch ich diese Kollektion von wunderlichen Menschen durch mein Erscheinen vielleicht noch um ein Exemplar vergrößerte.

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