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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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II

Herr Bachtschejew

Ich näherte mich schon dem Ziel meiner Reise. Als ich durch das kleine Städtchen B. kam, von wo ich nur noch zehn Werst bis Stepantschikowo hatte, war ich gezwungen, bei der Schmiede dicht am Schlagbaum anzuhalten, weil die Schiene an dem einen Vorderrad meines Reisewagens gebrochen war. Sie konnte in verhältnismäßig kurzer Zeit so weit festgemacht werden, daß sie für die noch fehlenden zehn Werst vorhielt, und daher beschloß ich, nicht erst in ein Wirtshaus zu gehen, sondern bei der Schmiede zu warten, bis die Schmiedegesellen mit der Arbeit fertig sein würden. Als ich aus dem Wagen stieg, sah ich einen dicken Herrn, der, ebenso wie ich, genötigt war, wegen einer Reparatur seiner Equipage zu halten. Er stand schon eine ganze Stunde in der unerträglichen Sonnenglut da, schrie und schimpfte und trieb mit mürrischer Ungeduld die Schmiedegesellen an, die an seiner schönen Kutsche arbeiteten. Gleich beim ersten Blick machte mir dieser ärgerliche Herr den Eindruck eines ewigen Nörglers. Er war ungefähr fünfundvierzig Jahre alt, von mittlerer Größe, sehr wohlbeleibt und pockennarbig. Seine Dicke, sein Doppelkinn und die quabbligen Hängebacken zeugten von dem behäbigen Leben eines Gutsbesitzers. Etwas Weibisches lag in seiner ganzen Erscheinung und fiel einem sogleich ins Auge. Sein Anzug war weit, bequem und sauber, aber durchaus nicht modern.

Ich begriff nicht, warum er auch auf mich ärgerlich war, um so weniger, da er mich zum ersten Mal im Leben sah und noch kein Wort mit mir gesprochen hatte. Ich bemerkte das, sowie ich aus dem Wagen stieg, an seinem ungewöhnlich zornigen Blick. Ich jedoch hatte die größte Lust, seine Bekanntschaft zu machen. Denn aus den Reden seiner Diener entnahm ich, daß er eben aus Stepantschikowo von meinem Onkel kam, und ich hatte daher die Möglichkeit, mich nach vielem zu erkundigen. Ich lüftete also die Mütze und bemerkte in möglichst liebenswürdigem Tone, wie unangenehm doch manchmal ein solcher unfreiwilliger Aufenthalt unterwegs sei; aber der Dicke musterte mich nur mit einem unzufriedenen, mürrischen Blick vom Kopf bis zu den Füßen, brummte etwas vor sich hin und wandte mir schwerfällig den Rücken zu. Diese Seite seiner Person war zwar ein sehr interessanter Gegenstand für einen Beschauer; aber natürlich war ein angenehmes Gespräch von ihr nicht zu erwarten.

»Grischka! Was brummst du da vor dich hin! Ich lasse dich durchpeitschen! . . .« schrie er auf einmal seinen Kammerdiener an, als hätte er das, was ich über unerwünschten Aufenthalt auf der Reise gesagt hatte, gar nicht gehört.

Dieser ›Grischka‹ war ein grauhaariger, altmodischer Diener mit einem langschößigen Rock und einem sehr großen, grauen Backenbart. Nach einigen Anzeichen zu urteilen, war er ebenfalls sehr ärgerlich und murmelte verdrießlich etwas vor sich hin. Zwischen dem Herrn und dem Diener fand nun sofort eine Auseinandersetzung statt.

»Durchpeitschen willst du mich lassen! Na, schrei doch noch lauter!« brummte Grischka, anscheinend nur so für sich, aber so laut, daß alle es hörten. Dann wandte er sich entrüstet ab, um etwas im Wagen in Ordnung zu bringen.

»Was? Was hast du gesagt? ›Schrei doch noch lauter‹? Welche Unverschämtheit!« schrie der Dicke, dunkelrot im Gesicht.

»Warum fahren Sie mich denn eigentlich so an? Man darf wohl nicht einmal mehr ein Wort sagen?«

»Warum ich ihn anfahre! Hört ihr das? Er brummt über mich, und ich soll ihn nicht einmal anfahren!«

»Weshalb sollte ich denn brummen?«

»Weshalb er brummen sollte! Gar nicht brauchst du zu brummen. Ich weiß aber, worüber du brummst: darüber, daß ich weggefahren bin, ehe das Mittagessen zu Ende war. Das ist der Grund!«

»Was geht das mich an! Meinetwegen brauchen Sie überhaupt nicht zu Mittag zu essen. Ich brumme nicht über Sie, ich habe nur den Schmieden ein Wort gesagt.«

»Den Schmieden . . . Aber was hast du denn über die Schmiede zu brummen?«

»Über die brumme ich auch nicht; ich brumme über die Kutsche.«

»Aber was hast du über die Kutsche zu brummen?«

»Weil sie entzweigegangen ist! Sie soll künftig nicht wieder entzweigehen, sondern hübsch ganz bleiben.«

»Über die Kutsche . . . Nein, du hast über mich gebrummt, und nicht über die Kutsche. Er ist selbst schuld, und dann will er noch schimpfen!«

»Aber warum sind Sie denn eigentlich über mich hergefallen, gnädiger Herr? Bitte lassen Sie mich doch in Ruhe!«

»Aber warum hast du denn während der ganzen Fahrt wie eine Eule dagesessen und kein Wort mit mir gesprochen, he? Du redest doch sonst auch!«

»Es war mir eine Fliege in den Mund gekrochen; darum schwieg ich und saß wie eine Eule da. Soll ich Ihnen etwa Märchen erzählen? Dann nehmen Sie doch die Märchenerzählerin Malanja mit, wenn Sie gern Märchen hören!«

Der Dicke machte schon den Mund zu einer Erwiderung auf, fand aber offenbar keine Antwort und schwieg daher. Der Diener aber, der mit seiner eigenen Schlagfertigkeit und mit seiner vor Zeugen bewiesenen Macht über seinen Herrn sehr zufrieden war, wandte sich mit verdoppelter Gravität zu den Gesellen und begann, ihnen etwas auseinanderzusetzen.

Mein Versuch, die Bekanntschaft des Herrn zu machen, war erfolglos geblieben, namentlich wegen meiner Ungeschicklichkeit; aber ein unvorhergesehener Umstand kam mir zu Hilfe. Aus dem Fenster eines geschlossenen Wagenkastens, der seit undenklichen Zeiten ohne Räder bei der Schmiede stand und täglich, aber vergeblich auf seine Reparatur wartete, blickte auf einmal ein verschlafenes, ungewaschenes und ungekämmtes Gesicht heraus. Bei dem Erscheinen dieses Gesichtes erhob sich unter den Schmiedegesellen ein allgemeines Gelächter. Die Sache war die, daß der Mensch, der aus dem Wagenkasten heraussah, darin fest eingesperrt war und jetzt nicht herauskonnte. Nachdem er darin seinen Rausch ausgeschlafen hatte, bat er jetzt vergebens um seine Befreiung; schließlich fing er an zu bitten, es möchte ihm jemand sein Handwerkszeug holen. Alles dies diente zu großer Erheiterung der Anwesenden.

Es gibt Naturen, denen recht sonderbare Dinge die größte Freude und das größte Vergnügen machen. Die Grimassen eines betrunkenen Bauern, ein Mensch, der auf der Straße stolpert und hinfällt, das Gezänk zweier Weiber und so weiter rufen bei manchen Leuten aus nicht recht verständlichem Grunde ein durchaus gutmütiges Entzücken hervor. Der dicke Gutsbesitzer gehörte gerade zu dieser Menschenklasse. Allmählich verwandelte sich seine Miene aus einer mürrischen und ingrimmigen in eine zufriedene und freundliche und hellte sich schließlich vollständig auf.

»Ist das nicht Wassiljew?« fragte er lebhaft interessiert. »Wie kommt denn der da 'rein?«

»Jawohl, gnädiger Herr Stepan Alexejewitsch; es ist Wassiljew!« wurde von allen Seiten gerufen.

»Er hat sich in den Schenken umhergetrieben, gnädiger Herr«, fügte einer der Gesellen hinzu, ein schon älterer, hochgewachsener, hagerer Mann mit pedantisch solidem Gesichtsausdruck; unter den Gesellen schien er der oberste zu sein. »Er hat sich in den Schenken herumgetrieben, gnädiger Herr; vorgestern ist er von seinem Meister weggegangen, nun versteckt er sich bei uns, hat sich an uns herangemacht! Jetzt fragt er nach seinem Stemmeisen. Na, wozu brauchst du jetzt das Stemmeisen, du Dummkopf? Gewiß will er sein letztes Handwerkszeug versetzen!«

»Ach, lieber Archip! Das Geld ist wie die Tauben: sie kommen zugeflogen und fliegen wieder weg! Laß mich 'raus, um des himmlischen Schöpfers willen!« bat Wassiljew mit hoher, zitternder Stimme, indem er den Kopf aus dem Wagenkasten herausstreckte.

»Bleib du nur da sitzen, du Taugenichts, es ist zu deinem Besten, daß wir dich da eingesperrt haben!« antwortete Archip finster. »Schon seit vorgestern ist er sinnlos betrunken; von der Straße haben wir ihn heute frühmorgens hergeschleppt; danke Gott, daß wir dich versteckt haben! Und zu Matwej Iljitsch haben wir gesagt, du wärest krank geworden; du hättest bei uns das Faulfieber bekommen.«

Wieder lachte alles.

»Aber wo ist mein Stemmeisen?«

»Unser Küchenjunge hat es an sich genommen! Immer dieselbe Frage! Er ist ein richtiger Trunkenbold, gnädiger Herr Stepan Alexejewitsch.«

»He-he-he! Ach, du Kanaille! Also so arbeitest du in der Stadt: dein Handwerkszeug versetzt du!« rief der Dicke mit seiner heiseren Stimme; er erstickte fast vor Lachen, fühlte sich höchst zufrieden und war auf einmal in die vergnügteste Stimmung geraten.

»Und dabei ist er ein Tischler, wie man ihn selbst in Moskau lange suchen kann! Aber so führt er sich immer auf, der Schurke«, fügte er hinzu, indem er sich völlig unerwarteterweise an mich wandte. »Laß ihn heraus, Archip: vielleicht hat er auch ein leibliches Bedürfnis.«

Man gehorchte dem Herrn. Der Nagel, mit dem sie den Wagenschlag zugemacht hatten, um sich über Wassiljew nach seinem Aufwachen zu amüsieren, wurde herausgezogen, und Wassiljew erschien im Freien, beschmutzt, unordentlich und mit zerrissenen Kleidern. Er kniff die Augen vor der hellen Sonne zusammen, nieste und taumelte; dann hielt er sich die Hand als Schirm über die Augen und blickte um sich.

»So 'ne Menge Menschen, so 'ne Menge Menschen!« sagte er, den Kopf hin und her wiegend, »und alle nüchtern, glaub ich«, fügte er, die Worte dehnend, hinzu, als ob er in trübes Nachdenken versunken sei und sich selbst Vorwürfe mache. »Na, guten Morgen, Brüder!«

Von neuem erfolgte ein allgemeines Gelächter.

»›Guten Morgen!‹ Mach doch die Augen auf und sieh, was für eine Tageszeit ist, du verdrehter Mensch!«

»Du lügst, Jemelja! Das ist wohl deine Woche!«

»Sicher, wenn auch nur für eine Stunde, aber im Galopp!«

»He-he-he! Ein Prachtkerl!« rief der Dicke, wobei er sich noch einmal vor Lachen schüttelte und mich wieder freundlich anblickte. »Schämst du dich denn gar nicht, Wassiljew?«

»Ich habe mich doch nur aus Kummer betrunken, gnädiger Herr Stepan Alexejewitsch, nur aus Kummer«, antwortete Wassiljew ganz ernst und mit einer Handbewegung, die sein schweres Leid ausdrücken sollte. Er war offenbar sehr zufrieden damit, daß sich eine Gelegenheit bot, noch einmal von seinem Kummer zu sprechen.

»Aus was für Kummer denn, du Dummkopf?«

»Wegen eines Unglücks, wie wir es bisher noch nie erlebt haben: wir gehen in Foma Fomitschs Besitz über.«

»Wer? Wann?« schrie der Dicke ganz aufgeregt.

Ich tat ebenfalls einen Schritt vorwärts: ganz unerwarteterweise berührte die Sache auch mich.

»Wir alle in Kapitonowka. Unser Herr, der Oberst (Gott gebe ihm Gesundheit!), will unser ganzes Dorf Kapitonowka, sein Stammgut, diesem Foma Fomitsch schenken; ganze siebzig Seelen will er ihm überlassen. ›Da nimm sie hin, Foma!‹ sagte er. ›Bis jetzt hast du nichts gehabt; du bist nur ein kleiner Gutsbesitzer; es gehören dir nur zwei Stinte im Ladoga-See, die an dich Abgabe zu entrichten haben; mehr Seelen hast du von deinem verstorbenen Vater nicht geerbt. Denn dein Vater‹«, fuhr Wassiljew mit boshaftem Vergnügen fort, indem er in seiner Erzählung alles, was sich auf Foma Fomitsch bezog, gleichsam mit Pfeffer bestreute, »›denn dein Vater war von altem Adel, nur daß niemand wußte, woher er stammte und wer er war; er hat ebenso wie du bei Herrschaften gelebt, die ihm aus Gnade und Barmherzigkeit erlaubten, in der Küche zu sitzen. Aber jetzt, wenn ich dir Kapitonowka übertrage, wirst auch du ein Gutsbesitzer sein, ein vornehmer Edelmann, und wirst deine eigenen Leute haben und kannst dich auf den Ofen legen und wie ein Edelmann leben . . .‹«

Aber Stepan Alexejewitsch hörte nicht mehr zu. Die Wirkung, die die Erzählung des halbbetrunkenen Wassiljew bei ihm hervorbrachte, war eine ganz außerordentliche. Der Dicke war so aufgebracht, daß er purpurrot wurde; sein Doppelkinn zitterte; die kleinen Augen unterliefen mit Blut. Ich dachte, es würde ihn im nächsten Augenblick der Schlag rühren. »Das fehlte nur noch!« sagte er keuchend. »Dieser Schuft, dieser Schmarotzer, der Foma, ein Gutsbesitzer! Pfui Deibel! Hole euch alle der Henker! He, ihr, macht schnell, daß ihr fertig werdet! Nach Hause!«

»Gestatten Sie mir eine Frage«, sagte ich, unentschlossen herantretend; »Sie erwähnten soeben einen gewissen Foma Fomitsch; sein Familienname ist ja wohl, wenn ich nicht irre, Opiskin. Sehen Sie, ich würde gern . . . kurz gesagt, ich habe besondere Ursachen, mich für diese Persönlichkeit zu interessieren, und würde meinerseits sehr gern erfahren, inwieweit man den Worten dieses braven Mannes Glauben schenken kann, daß sein Herr, Jegor Iljitsch Rostanew, eines seiner Dörfer jenem Foma Fomitsch schenken will. Es interessiert mich das ganz außerordentlich, und ich . . .«

»Aber erlauben Sie, daß ich Sie meinerseits frage«, unterbrach mich der dicke Herr, »von welcher Art das Interesse ist, das Sie an dieser ›Persönlichkeit‹ nehmen, wie Sie sich ausdrückten; denn nach meiner Ansicht muß man ihn einen verdammten Schurken nennen und nicht eine Persönlichkeit! Was ist er denn für eine Persönlichkeit, dieser räudige Hund! Ein Lump ist er, aber keine Persönlichkeit!«

Ich setzte ihm auseinander, daß ich mich in betreff dieses Menschen einstweilen noch in Unkenntnis befände, daß aber Jegor Iljitsch Rostanew mein Onkel und ich selbst Sergej Alexandrowitsch Soundso sei.

»Also Sie sind dieser gelehrte Mann? Bester Herr, Sie werden ja dort mit der größten Ungeduld erwartet!« schrie der Dicke in maßloser Freude. »Ich komme ja jetzt eben von ihnen her, aus Stepantschikowo; vom Mittagstisch bin ich aufgestanden, gerade beim Pudding, und weggefahren: ich konnte mit diesem Foma nicht länger an einem Tische sitzen! Um dieses verfluchten Foma willen habe ich mich dort mit allen verzankt . . . Das ist einmal eine Begegnung! Nehmen Sie mir nichts übel, liebster Freund! Ich bin Stepan Alexejewitsch Bachtschejew und erinnere mich Ihrer noch, als Sie so klein waren« (er zeigte es mit der Hand) . . . »Na, wer hätte das gedacht? . . . Aber erlauben Sie, daß ich Sie . . .«

Und der Dicke machte sich daran, mich abzuküssen.

Nach den ersten Minuten der Aufregung nahm ich sofort meine Erkundigungen in Angriff; die Gelegenheit war doch gar zu günstig.

»Aber wer ist denn dieser Foma?« fragte ich. »Wie ist es denn zugegangen, daß er sich das ganze Haus untertänig gemacht hat? Warum jagt man ihn nicht mit der Peitsche fort? Ich muß gestehen . . .«

»Ihn fortjagen, ihn? Haben Sie den Verstand verloren? Jegor Iljitsch geht ja in seiner Nähe nur auf den Fußspitzen! Foma aber befahl einmal sogar, es solle statt Donnerstag Mittwoch sein, und so nannten sie denn dort sämtlich den Donnerstag Mittwoch. ›Ich will nicht, daß Donnerstag sei; es soll Mittwoch sein!‹ sagte er. Da hatten sie nun in einer Woche zwei Mittwoche. Glauben Sie, ich schwindle Ihnen was vor? Da, nicht so viel habe ich geschwindelt!« (Er zeigte es an seinem Finger.) »Es passieren dort tolle Geschichten, lieber Freund!«

»Das habe ich gehört; aber ich muß gestehen . . .«

»›Ich muß gestehen, ich muß gestehen!‹ Das sagen Sie ja fortwährend! Was ist denn da zu gestehen? Fragen Sie mich doch lieber einfach und geradezu; Sie haben es ja doch mit einem schlichten, natürlichen Menschen zu tun. Die Mutter des Obersten ist zwar eine sehr würdige Dame und überdies Generalin; aber meiner Ansicht nach hat ihr Geist durch das Alter schon sehr gelitten; sie zittert ja ordentlich vor diesem dreimal verfluchten Foma. An allem ist sie schuld: sie ist es gewesen, die ihn ins Haus gebracht hat. Er hat sie so behext, daß sie ganz widerstandslos geworden ist, wenn sie auch Exzellenz genannt wird, weil sie als Fünfzigjährige mit aller Gewalt den General Krachotkin geheiratet hat! Von Jegor Iljitschs Schwester Praskowja Iljinitschna, dieser vierzigjährigen Jungfer, mag ich schon gar nicht reden. Immer ächzt und stöhnt sie und gackert wie ein Huhn; ganz zuwider ist sie mir geworden, hol sie dieser und jener! Das einzige, was an ihr zu respektieren ist, ist ihre Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht! Aber pfui Deibel, es ist unanständig von mir, so zu reden, da sie ja Ihre Tante ist. Bloß Alexandra Jegorowna, die Tochter des Obersten, sie ist ja noch ein kleines Kind, erst fünfzehn Jahre alt, aber die ist meiner Ansicht nach klüger als sie alle zusammen, die hat vor Foma keinen Respekt; es war ordentlich amüsant, es mit anzusehen. Ein liebes Fräulein, das muß man sagen! Und wie kann ihn eigentlich auch jemand achten? Er, dieser Foma, hat ja bei dem verstorbenen General Krachotkin die Stellung eines Possenreißers bekleidet! Um den General zu amüsieren, hat er allerlei Tiere nachgemacht. Es ist, wie es in dem Verschen heißt: ›Früher hackt' und grub Iwan, jetzt ist er ein Edelmann.‹ Und der Oberst, Ihr Onkel, verehrt den ehemaligen Possenreißer wie einen leiblichen Vater, macht einen Götzen aus dem Schurken und verbeugt sich tief vor seinem eigenen Schmarotzer – pfui Deibel!«

»Aber Armut ist noch kein Laster . . . und . . . ich muß Ihnen gestehen . . . gestatten Sie die Frage: ist er denn schön oder klug?«

»Foma? Bildschön!« antwortete Bachtschejew, und seine Stimme zitterte nur so vor Ingrimm. Meine Fragen schienen ihn zu reizen, und er fing schon an, mich mißtrauisch anzusehen. »Bildschön! Hört nur, liebe Leute: etwas ganz Neues: Foma ist ein schöner Mensch! Nein, lieber Freund, mit allen Bestien hat er Ähnlichkeit, wenn Sie schon alles genau wissen wollen. Und wenn er noch klug wäre und wenigstens durch Klugheit die Oberherrschaft behauptete, der Halunke – na, dann würde ich allenfalls meinen Ärger unterdrücken und um seiner Klugheit willen nichts dagegen haben. Aber auch von Klugheit ist bei ihm nicht die Rede! Er muß ihnen geradezu einen Zaubertrank eingegeben haben, der Hexenmeister! Pfui Deibel! Die Zunge ist mir ganz müde geworden. Das Richtige ist: ausspucken und schweigen. Sie haben mich ganz aufgebracht durch Ihre Fragen, lieber Freund! Heda, ihr! Ist der Wagen fertig?«

»Der Rappe muß noch beschlagen werden«, bemerkte Grigori mürrisch.

»So! Ich werde dich lehren! Jetzt kommst du damit, daß der Rappe beschlagen werden muß! . . . Ja, mein Herr, ich kann Ihnen Dinge erzählen, daß Sie Mund und Nase aufsperren und in dieser Stellung bis zum Jüngsten Tag verharren werden. Ich habe ja früher selbst vor ihm Respekt gehabt; was sagen Sie dazu? Ich gestehe es, ich gestehe es offen: ich war ein Schafskopf! Auch mich hatte er betört. Ein Alleswisser! Alle Geheimnisse kennt er; alle Wissenschaften hat er studiert! Er hat mir Tropfen gegeben; denn ich bin ja ein kranker Mensch, lieber Freund, ich habe einen aufgedunsenen Körper. Sie glauben es vielleicht nicht; aber ich bin wirklich krank. Na, seine Tropfen haben mich damals an den Rand des Grabes gebracht. Schweigen Sie jetzt nur still und hören Sie mir zu; und wenn Sie hinkommen, werden Sie ja alles selbst sehen. Der Oberst wird um seinetwillen noch blutige Tränen weinen; aber dann wird es zu spät sein. Die ganze Umgegend hat ja schon den Verkehr mit ihnen wegen dieses dreimal verfluchten Foma abgebrochen. Denn jedem, der hinkommt, fügt er Beleidigungen zu. Von mir gar nicht zu reden; aber auch hochgestellte Personen verschont er nicht! Jedem hält er eine Strafpredigt; denn er hat sich jetzt auf die Moral geworfen, der Halunke. ›Ich bin ein Weiser‹, sagt er, ›ich bin klüger als ihr alle; hört auf niemanden als auf mich! Ich bin ein Gelehrter.‹ Aber was macht das, daß er ein Gelehrter ist? Braucht er denn deshalb, weil er ein Gelehrter ist, notwendig die Ungelehrten zu malträtieren? . . . Und wenn er mit seiner gelehrten Zunge zu plappern anfängt, dann geht das immer: Ta-ta-ta, ta-ta-ta! Das ist eine so geschwätzige Zunge, sage ich Ihnen: wenn man sie herausschneidet und auf den Mist wirft, so schwatzt sie noch immer weiter, bis die Krähen sie zerpicken. Er ist stolz und hochmütig geworden wie die Maus in der Grütze! Er versteigt sich da jetzt zu Dingen, die absolut unmöglich sind. Denken Sie sich: er ist auf den Einfall gekommen, das Gutsgesinde Französisch lernen zu lassen! Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie es nicht zu glauben! ›Das ist ihnen nützlich‹, sagt er. Einem Knechte, einem Diener! Pfui Deibel! Ein verdammter Schandkerl ist er, weiter nichts! Wozu braucht ein Leibeigener Französisch zu verstehen, frage ich Sie? Ja, wozu braucht auch unsereiner Französisch zu verstehen, wozu eigentlich? Um mit den jungen Damen bei der Mazurka Süßholz zu raspeln und fremden Frauen Liebenswürdigkeiten zu sagen? Ein Mittel zur Liederlichkeit ist es, weiter nichts! Meine Ansicht ist die: trink eine Flasche Schnaps, dann kannst du alle Sprachen sprechen. Das ist meine Hochachtung vor Ihrem Französisch! Sie plappern gewiß auch Französisch! ›Táta, táta, táta, táta, unsre Katz heirat't den Kater!‹« fügte Bachtschejew hinzu und sah mich verächtlich und entrüstet an. »Sie sind ein Gelehrter, lieber Freund – was? Haben sich auf die Gelehrsamkeit geschmissen?«

»Ja . . . ich interessiere mich zum Teil . . .«

»Da haben Sie wohl alle Wissenschaften studiert?«

»Ja, das heißt nein . . . Ich muß Ihnen gestehen, ich interessiere mich jetzt mehr dafür, Welt und Menschen zu beobachten. Ich habe immer in Petersburg gelebt, und jetzt fahre ich zu meinem Onkel . . .«

»Was zieht Sie denn zu Ihrem Onkel hin? Sie hätten ruhig zu Hause bleiben sollen, wenn Sie ein Zuhause hatten. Nein, lieber Freund, das kann ich Ihnen sagen, dort werden Sie mit Ihrer Gelehrsamkeit herzlich wenig erreichen und da wird Ihnen auch kein Onkel helfen; Sie werden bald den Fangstrick um den Hals haben! Ich bin bei denen innerhalb von vierundzwanzig Stunden ganz mager geworden. Na, glauben Sie es, daß ich bei denen mager geworden bin? Nein, ich sehe Ihnen an, daß Sie es nicht glauben. Na gut, meinetwegen, dann glauben Sie es nicht!«

»Aber nicht doch, ich bitte Sie, ich glaube Ihnen vollständig; ich verstehe nur noch nicht alles«, erwiderte ich; ich wurde immer verlegener.

»Ja, Sie sagen: ›Ich glaube Ihnen‹; aber ich für meine Person glaube Ihnen nicht! Ihr seid allesamt Faxenmacher mit eurer Gelehrsamkeit. Möchtet immer auf einem Bein herumhüpfen und euch zeigen! Ich kann die Gelehrsamkeit nicht leiden, mein Freund; sie liegt mir schwer im Magen! Ich bin früher schon mit euch Petersburgern zusammengestoßen – ein nichtsnutziges Volk! Lauter Freigeister. Sie verbreiten Unglauben; ein Glas Schnaps zu trinken, davor fürchtet sich so einer, als ob es ihn beißen würde, – pfui Deibel! Sie, mein Lieber, haben mich ganz böse gemacht, und ich will Ihnen nichts weiter erzählen! Ich habe mich ja auch wirklich nicht dazu verdingt, Ihnen hier Geschichten zu erzählen, meine Zunge ist schon ganz lahm. Über alle kann man ja doch nicht schimpfen, lieber Freund, und es wäre auch nicht recht. Aber jetzt eben hat er bei Ihrem Onkel den Lakaien Widopljassow beinah verrückt gemacht, Ihr Gelehrter! Widopljassow hat durch Foma Fomitschs Schuld den Verstand verloren . . ..«

»Ich aber würde diesen Widopljassow«, mischte sich Grigori ein, der bis dahin mit ehrbarer, ernster Miene dem Gespräch gefolgt war, »ich aber würde diesen Widopljassow so mit Ruten peitschen lassen, daß er das Aufstehen vergäße! Wenn er mit mir anbände, würde ich ihm die deutschen Dummheiten schon austreiben! Ich würde ihm so viele Hiebe verabreichen lassen, daß ihm das Zählen schwer werden sollte.«

»Schweig still!« rief der Herr. »Hüte deine Zunge; mit dir redet niemand!«

»Widopljassow«, sagte ich (ich war ganz verwirrt und wußte nicht, was ich sagen sollte), »Widopljassow . . . sagen Sie mal, was ist das für ein sonderbarer Name?«Er läßt sich etwa mit ›Scheintänzer‹ übersetzen.

»Wieso soll er sonderbar sein? Nun fangen Sie auch noch so an! Ach, Sie Gelehrter, Sie Gelehrter!«

Ich verlor die Geduld.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich; »aber warum sind Sie denn auf mich so böse? Was habe ich denn begangen? Ich muß Ihnen gestehen, ich höre Ihnen nun schon eine halbe Stunde zu und begreife nicht einmal, um was es sich handelt . . . .«

»Aber warum fühlen Sie sich denn gekränkt, mein Bester?« antwortete der Dicke. »Dazu ist doch gar kein Grund vorhanden! Ich rede ja mit Ihnen in aller Freundschaft. Daraus brauchen Sie sich doch nichts zu machen, daß ich ein solcher Schreier bin und eben meinen Diener angebrüllt habe. Er ist zwar eine Kanaille durch und durch, mein Grigori; aber gerade deswegen habe ich ihn gern, den Schurken. Mein empfindsames Herz hat mich zu Schaden gebracht, das sage ich ganz offen; und an alledem ist allein dieser Foma schuld! Er bringt mich noch um; ich versichere Ihnen, daß er mich noch umbringt! Ihm habe ich es zu verdanken, daß ich hier jetzt zwei Stunden in der Sonne brate. Ich wollte schon den Protopopen besuchen, bis diese dummen Trödelfritzen mit der Reparatur fertig sind. Ein prächtiger Mensch, der hiesige Protopope. Aber er hat mich in solche Erregung versetzt, dieser Foma, daß ich auch den Protopopen nicht besuchen mochte! Na, hol sie alle zusammen dieser und jener! Hier gibt es ja nicht einmal ein ordentliches Wirtshaus. Alle sind sie Schurken, sage ich Ihnen, alle ohne Ausnahme! Wenn er wenigstens noch einen hohen Rang hätte«, fuhr Bachtschejew, wieder auf Foma Fomitsch zurückkommend, fort, von dem er offenbar gar nicht loskommen konnte, »na, dann könnte man sein Benehmen allenfalls mit seinem Range entschuldigen; aber er hat ja schlechterdings gar keinen Rang; ich weiß zuverlässig, daß es so ist. Er sagt, er habe irgendwo für Wahrheit und Recht gelitten; wer weiß, wann das gewesen ist; und dafür soll man ihn nun fußfällig verehren! Mit dem Teufel kann man nicht brüderlich verkehren! Sowie etwas nicht nach seinem Sinne ist, springt er auf und schreit: ›Man beleidigt mich; man spottet meiner Armut; man hat keine Achtung vor mir!‹ Ohne Foma wagt niemand sich an den Tisch zu setzen; aber er kommt nicht ins Eßzimmer: ›Man hat mich gekränkt‹, sagt er; ›ich bin ein armer Pilger; ich kann mich auch von Schwarzbrot nähren.‹ Aber kaum haben sie sich zu Tische gesetzt, so erscheint auch er, und nun geht die Leier wieder los: ›Warum hat man sich ohne mich zu Tische gesetzt? Also mich achtet man für nichts!‹ Kurz, es ist ein Hauptvergnügen! Ich schwieg lange, lieber Freund. Er dachte, auch ich würde wie ein Hündchen vor ihm auf den Hinterbeinen tanzen: ›Da, mein Tierchen, nimm, friß!‹ Nein, mein Lieber, setz du dich auf den Bock, und ich werde mich in den Wagen setzen! Ich habe ja mit Jegor Iljitsch in ein und demselben Regiment gedient. Ich nahm schon als Fähnrich den Abschied, und er besuchte mich im vorigen Jahre als Oberst a. D. auf meinem Gute. Ich habe zu ihm gesagt: ›Hören Sie mal, Sie richten sich zugrunde; verwöhnen Sie diesen Foma nicht! Es wird Ihnen noch leid tun!‹ – ›Nein‹, antwortete er, ›er ist ein ganz vortrefflicher Mensch‹ (das sagte er von Foma!); ›er ist mein Freund; er unterweist mich in der Moral.‹ – ›Na‹, dachte ich, ›gegen die Moral kann man nicht aufkommen; wenn er schon angefangen hat, ihn in der Moral zu unterweisen, dann ist die Sache hoffnungslos.‹ Was glauben Sie wohl, weshalb er heute wieder einen argen Skandal angerichtet hat? Morgen ist Eliastag (Herr Bachtschejew bekreuzigte sich); da hat Ilja, der kleine Sohn Ihres Onkels, seinen Namenstag. Ich hatte eigentlich vor, auch diesen Tag noch bei ihnen zu verleben und dort zu Mittag zu essen, und hatte ein Spielzeug aus der Residenz kommen lassen: ein Deutscher küßt mittels eines Mechanismus seiner Braut die Hand, und die wischt sich mit dem Taschentuch eine Träne weg – ein vorzügliches Ding! (Jetzt werde ich es nicht mehr schenken; fällt mir nicht ein! Es liegt da in meinem Wagen, und dem Deutschen ist schon die Nase abgebrochen; ich nehme es wieder mit nach Hause.) Jegor Iljitsch selbst wäre nicht abgeneigt gewesen, an einem solchen Tage ein kleines Fest zu veranstalten; aber Foma verbot es: ›Warum‹, sagte er, ›haben Sie angefangen, sich so viel mit Ilja zu beschäftigen? Ich werde jetzt gar nicht mehr gebührend beachtet!‹ Was sagen Sie dazu? So ein Dummerjan: beneidet einen achtjährigen Knaben um seinen Namenstag! ›Aber‹, sagte er, ›ich habe morgen ebenfalls meinen Namenstag!‹ Es wurde ihm entgegengehalten, morgen sei doch Eliastag und nicht Thomastag. ›Nein‹, sagte er, ›ich begehe morgen auch meinen Namenstag.‹ Ich hörte das mit an, sagte aber nichts dazu. Was meinen Sie nun wohl? Jetzt gehen sie da auf den Zehenspitzen umher und beraten flüsternd, wie sie sich verhalten sollen. Sollen sie den Eliastag für seinen Namenstag ansehen oder nicht? Ihm gratulieren oder nicht? Gratulieren sie ihm nicht, so kann er sich beleidigt fühlen, und gratulieren sie ihm, so faßt er es womöglich als Spott auf. Pfui Deibel noch einmal! Wir setzten uns zu Tisch. . . . Aber hören Sie eigentlich zu, lieber Freund?«

»Aber ich bitte Sie, natürlich höre ich zu; sogar mit besonderem Vergnügen höre ich zu; denn durch Sie habe ich ja jetzt erfahren . . . und . . . ich muß gestehen . . . .«

»Hm, hm, mit besonderem Vergnügen! Das kann ich mir denken, das besondere Vergnügen. . . . Ist das auch nicht etwa Ironie, was Sie mir da von Ihrem Vergnügen sagen?«

»Ich bitte Sie, wieso denn Ironie? Durchaus nicht. Und zudem, Sie drücken sich so originell aus, daß ich sogar Lust hätte, Ihre Worte aufzuschreiben.«

»Wie meinen Sie das, lieber Freund: aufzuschreiben?« fragte Herr Bachtschejew mit einem gelinden Schrecken und sah mich mißtrauisch an.

»Nun, ich werde sie vielleicht auch nicht aufschreiben . . . ich habe das nur so hingeredet.«

»Sie wollen mich gewiß in eine Falle locken?«

»Wieso in eine Falle locken?« fragte ich erstaunt.

»Folgendermaßen: Sie verführen mich jetzt dazu, Ihnen alles zu erzählen; ich Dummerjan tue das, und Sie schildern mich dann irgendwo in einem Schriftwerk.«

Ich versicherte Herrn Bachtschejew sofort, daß ich nicht zu diesen Leuten gehörte; aber er blickte mich immer noch mißtrauisch an.

»Hm, hm, Sie sagen, Sie gehören nicht zu diesen Leuten! Aber wer kennt Sie? Vielleicht sind Sie sogar noch schlimmer. Auch Foma hat mir gedroht, er wolle mich schildern und es drucken lassen.«

»Gestatten Sie mir eine Frage«, unterbrach ich ihn in dem Wunsch, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu bringen; »sagen Sie, ist das wahr, daß mein Onkel heiraten will?«

»Na, was ist denn dabei, wenn er das will? Das wäre ja noch nichts Schlimmes. Mag einer doch heiraten, wenn's ihn dazu treibt; das ist weiter nicht schlimm; aber etwas anderes ist schlimm . . .« fügte Herr Bachtschejew nachdenklich hinzu. »Hm! Darauf, lieber Freund, kann ich Ihnen keine zuverlässige Antwort geben. Es hat sich jetzt dort viel Weibervolk von allerlei Art zusammengefunden wie Fliegen beim Eingemachten; da wird man nicht leicht daraus klug, welche von ihnen heiraten will. Aber ich sage Ihnen, mein Bester, freundschaftlich: ich kann das Weibervolk nicht leiden! Es ist nur so ein Gerede, daß sie auch Menschen seien; doch in Wirklichkeit sind sie eine Schmach und schaden unserem Seelenheil. Aber daß Ihr Onkel verliebt ist wie ein sibirischer Kater, das kann ich Ihnen versichern. Davon jedoch, lieber Freund, will ich jetzt nicht reden; Sie werden ja selbst sehen; dumm ist nur, daß er die Sache aufschiebt. Willst du heiraten, dann heirate; aber er fürchtet sich, es diesem Foma zu sagen, und auch seiner Alten es zu sagen, hat er Angst; die würde ebenfalls ein Geschrei machen, daß man's durchs ganze Dorf hört, und mit den Hinterbeinen ausschlagen. Sie steht auf Fomas Seite, und für Foma wäre es ein schwerer Schlag, wenn die, die der Onkel liebt, als Gattin ins Haus einzöge; denn dann könnte Foma keine zwei Stunden mehr im Hause bleiben. Die Gattin würde ihn, wenn sie nicht dumm ist, eigenhändig im Nacken packen und mit Fußtritten unter solchem Eklat aus dem Hause treiben, daß er nachher im ganzen Kreise keine Stelle mehr fände! Darum intrigiert er auch jetzt im Verein mit der Mama, und sie möchten Ihrem Onkel so eine von andrer Art andrehen . . . Aber warum haben Sie mich unterbrochen, lieber Freund? Ich wollte Ihnen gerade die Hauptgeschichte erzählen, und da unterbrachen Sie mich! Ich bin älter als Sie, und es schickt sich nicht, einen bejahrten Mann zu unterbrechen . . .«

Ich bat um Entschuldigung.

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Ich möchte Ihnen, lieber Freund, als einem gelehrten Mann, zur Beurteilung vorlegen, wie er mich heute beleidigt hat. Na, urteilen Sie selbst, wenn Sie ein guter Mensch sind! Wir setzten uns zum Mittagessen hin, und während des Essens hat er mich, sage ich Ihnen, beinahe zu Tode gequält! Gleich zu Beginn der Mahlzeit sah ich: er saß da und ärgerte sich, daß er innerlich nur so knirschte. Er hätte sich gefreut, wenn er mich in einem Löffel voll Wasser hätte ertränken können, der boshafte Kerl! Er ist ein so eingebildeter, egoistischer Mensch, daß er beinah platzt! Und da fiel es ihm ein, mit mir Händel zu suchen und auch mich in der Moral zu unterweisen. Er ging mir mit der Frage zu Leibe, warum ich nicht dünn wäre, sondern so dick. Na, sagen Sie, lieber Freund, was ist das für eine Frage? Steckt da ein Witz darin? Ich antwortete ihm verständig: ›Das hat Gott nun einmal so eingerichtet, Foma Fomitsch: der eine ist dick, und der andere ist dünn; gegen die allweise Vorsehung kann ein Sterblicher nicht ankämpfend.‹ Das war doch verständig geantwortet; meinen Sie nicht auch? ›Nein‹, sagte er, ›Sie haben fünfhundert Seelen und leben üppig von Ihren Einnahmen, bringen aber dem Vaterlande keinen Nutzen. Sie müßten ein Amt bekleiden; aber statt dessen sitzen Sie immer zu Hause und spielen Harmonika.‹ Und das ist richtig: wenn mir mal traurig zumute ist, dann spiele ich gern ein bißchen auf meiner Harmonika. Ich antwortete wieder ganz verständig: ›Was soll ich denn für ein Amt übernehmen, Foma Fomitsch? In was für eine Uniform soll ich denn meinen dicken Körper hineinzwängen? Wenn ich eine Uniform anziehe, wenn ich mich wirklich hineinzwänge und dann niesen muß, dann springen ja alle Knöpfe ab, womöglich noch in Gegenwart meines höchsten Vorgesetzten, und dann hält man das (Gott soll mich davor bewahren!) am Ende noch für einen dummen Witz von mir; was dann?‹ Na, sagen Sie selbst, lieber Freund, hatte ich damit etwas Lächerliches gesagt? Aber er wollte sich ausschütten vor Lachen über mich; es ging nur immer: ›Hahaha‹ und ›Hihihi‹ . . . Anstandsgefühl besitzt er überhaupt nicht die Bohne, kann ich Ihnen sagen. Und dann erdreistete er sich noch, mich auf französisch zu beschimpfen: ›Cochon‹, sagte er. Na, cochon, was das heißt, das verstehe ich auch. ›Ach du verfluchter Marktschreier‹, dachte ich; ›glaubst du, daß ich vor dir zu Kreuze krieche?‹ Ich bezwang mich lange; aber auf die Dauer hielt ich es doch nicht aus, stand vom Tisch auf und sagte ihm vor der ganzen ehrenwerten Tafelrunde direkt ins Gesicht: ›Ich habe Ihnen unrecht getan, teuerster Foma Fomitsch‹, sagte ich; ›ich dachte, Sie wären ein wohlerzogener Mensch; aber nun stellt es sich heraus, lieber Freund, daß Sie genauso ein Schweinehund sind wie wir alle.‹ So sagte ich, stand vom Tisch auf, wo gerade der Pudding herumgereicht wurde, und ging hinaus. ›Hol euch mitsamt eurem Pudding der Kuckuck!‹ dachte ich.«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich, nachdem ich Herrn Bachtschejews ganze Erzählung angehört hatte, »ich stimme Ihnen natürlich gern in allen Punkten bei. Etwas Positives weiß ich allerdings noch nicht . . . Aber sehen Sie, es sind mir darüber soeben besondere Gedanken gekommen.«

»Was sind denn das für Gedanken, die Ihnen gekommen sind, lieber Freund?« fragte Herr Bachtschejew mißtrauisch.

»Sehen Sie«, begann ich einigermaßen verwirrt, »der jetzige Zeitpunkt ist dazu vielleicht nicht geeignet; aber ich bin doch gern bereit, sie Ihnen mitzuteilen. Ich denke folgendermaßen: vielleicht befinden wir uns beide über Foma Fomitsch im Irrtum; vielleicht verbirgt sich hinter all diesen Sonderbarkeiten eine eigenartige, vielleicht sogar eine hochbegabte Natur; wer weiß das? Vielleicht ist das ein verbitterter, durch viele Leiden sozusagen zerschlagener Charakter, der sich nun an der ganzen Menschheit rächt. Ich habe gehört, daß er früher eine Art von Possenreißer gewesen ist: vielleicht hat ihn das entwürdigt, beleidigt, gebeugt? . . . Sie verstehen: ein vornehm denkender Mensch . . . der Selbstbewußtsein besitzt . . . und da muß er die Rolle eines Possenreißers spielen! . . . Und da ist er denn mißtrauisch gegen die ganze Menschheit geworden, und . . . und vielleicht, wenn man ihn mit der Menschheit versöhnt . . . das heißt mit den Menschen, so erweist er sich vielleicht als eine eigenartige Natur, vielleicht sogar als eine sehr merkwürdige Natur, und . . . und . . . und es muß doch wirklich etwas an diesem Menschen dran sein; es muß doch ein Grund vorhanden sein, weswegen sich alle vor ihm beugen?«

Ich hatte selbst die Empfindung, daß ich in schrecklicher Weise aus dem Konzept gekommen war. Man konnte mir das wegen meiner Jugend noch verzeihen. Aber Herr Bachtschejew verzieh mir nicht. Ernst und streng sah er mir in die Augen und wurde schließlich puterrot.

»Also Foma soll ein besonderer Mensch sein?« fragte er kurz und scharf.

»Wohlgemerkt: ich glaube selbst noch nichts von dem, was ich jetzt gesagt habe. Ich habe es nur so als Vermutung ausgesprochen . . .«

»Erlauben Sie eine neugierige Frage, lieber Freund: haben Sie etwa Philosophie studiert?«

»Das heißt . . . in welchem Sinne?« fragte ich erstaunt.

»Nein, nicht in einem Sinne; sondern antworten Sie mir geradezu, lieber Freund, ohne jeden Sinn: haben Sie Philosophie studiert?«

»Ich muß gestehen, ich beabsichtige es allerdings, aber . . .«

»Na, da haben wir's!« rief Herr Bachtschejew, seiner Entrüstung freien Lauf lassend. »Noch bevor Sie den Mund aufmachten, lieber Freund, habe ich es mir gedacht, daß Sie Philosophie studiert hätten! Mich betrügt man nicht! Kein Gedanke daran! Auf drei Werst Entfernung wittre ich einen Philosophen! Küssen Sie nur Ihren Foma Fomitsch! Da haben Sie also einen besonderen Menschen entdeckt! Pfui Deibel! Mag alles in der Welt verrotten und verderben! Ich hatte schon gedacht, Sie wären auch ein vernünftiger Mensch; aber Sie . . . Fahr vor!« rief er seinem Kutscher zu, der bereits auf den Bock der reparierten Equipage gestiegen war. »Nach Hause!«

Nur mit Mühe gelang es mir, ihn einigermaßen zu beruhigen; schließlich geriet er in mildere Stimmung; aber es dauerte doch recht lange, bis er sich entschloß, vom Zorn zur Freundlichkeit überzugehen. Unterdessen war er mit Grigoris und Archips Beihilfe in den Wagen gestiegen, eben jenes Archip, der dem trunksüchtigen Wassiljew eine Strafpredigt gehalten hatte.

»Gestatten Sie die Frage«, sagte ich, an den Wagen herantretend: »werden Sie meinen Onkel nun nie mehr besuchen?«

»Ihren Onkel? Spucken Sie jeden an, der Ihnen das einreden will! Sie glauben wohl, ich sei ein charakterfester Mensch und könne es aushalten, dauernd wegzubleiben? Das ist ja eben mein Kummer, daß ich ein solcher Waschlappen bin! Es wird keine Woche vergehen, dann komme ich da wieder angeschlichen. Warum ich das tue? Sehen Sie, das weiß ich selbst nicht, warum; aber ich werde wieder hinfahren und mich mit Foma herumbalgen. Das ist eben mein Kummer, lieber Freund! Zur Strafe für meine Sünden hat mir Gott diesen Foma gesandt. Ich habe einen weibischen Charakter; es fehlt mir durchaus an Standhaftigkeit! Ich bin ein Feigling erster Sorte, lieber Freund . . .«

Wir schieden ganz freundschaftlich voneinander; er lud mich sogar ein, bei ihm einmal zu Mittag zu essen.

»Kommen Sie zu mir, lieber Freund, kommen Sie zu mir; dann wollen wir mal speisen! Ich habe mir ein feines Schnäpschen aus Kiew kommen lassen, und mein Koch ist in Paris gewesen. Der macht Ihnen solche Ragouts und Fischpasteten, daß Sie sich nachher die Finger ablecken und ihm eine tiefe Verbeugung machen, dem Schurken. Er ist ein gebildeter Mensch! Ich habe ihn nur seit längerer Zeit nicht durchpeitschen lassen; ich verwöhne ihn . . . gut, daß Sie mich jetzt daran erinnert haben . . . Kommen Sie nur! Ich würde Sie schon heute zu mir einladen; aber ich bin ganz kaputt, ganz zermürbt; die Hinterbeine versagen den Dienst. Ich bin ja ein kranker Mensch, habe einen aufgedunsenen Körper. Sie glauben es vielleicht nicht . . . Na, dann leben Sie wohl, lieber Freund! Es ist auch für mich Zeit, abzusegeln. Sehen Sie, Ihr Reisewagen ist auch fertig geworden. Diesem Foma aber sagen Sie, er möchte mir nicht über den Weg laufen; sonst würde ich ihm einen so zärtlichen Empfang bereiten, daß er . . .«

Aber die letzten Worte konnte ich nicht mehr hören. Der Wagen, von vier kräftigen Pferden gleichzeitig angezogen, verschwand in den Staubwolken. Auch mein Reisewagen fuhr vor; ich stieg ein, und wir fuhren sogleich durch das Städtchen hindurch. »Gewiß, dieser Herr übertreibt«, sagte ich zu mir; »er ist zu erbost und kann nicht unparteiisch sein. Aber auf der anderen Seite ist alles, was er über den Onkel gesagt hat, sehr bemerkenswert. Da stimmen nun schon zwei Aussagen darin überein, daß der Onkel dieses junge Mädchen liebt . . . Hm! Heirate ich, oder heirate ich nicht?« Diesmal wurde ich doch recht nachdenklich.

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