Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fjodr Michailowitsch Dostojewski >

Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
Schließen

Navigation:

IV

Aus dem Hause gejagt

»Sie fragen, was das zu bedeuten hat, Oberst«, erwiderte Foma feierlich, der sich an dem Anblick des allgemeinen Erstaunens zu weiden schien. »Ich wundere mich über diese Frage! Erklären Sie mir doch Ihrerseits, auf welche Weise Sie es fertigbringen, mir jetzt offen in die Augen zu sehen! Erklären Sie mir dieses schwierigste psychologische Problem menschlicher Schamlosigkeit, und dann werde ich bei meinem Scheiden wenigstens um eine neue Erfahrung über die Verderbtheit des Menschengeschlechtes reicher sein.«

Aber mein Onkel war nicht imstande, etwas zu erwidern; erschrocken und ganz vernichtet, mit offenem Mund und weitgeöffneten Augen, sah er Foma an.

»O Gott, wie schrecklich!« stöhnte Fräulein Perepelizyna.

»Begreifen Sie auch, Oberst«, fuhr Foma fort, »daß Sie mich jetzt ohne weiteres, ohne alle Fragen ziehen lassen müssen? In Ihrem Haus fange sogar ich, ein bejahrter, ruhig denkender Mensch, schon an, ernstlich um die Reinheit meiner Sitten besorgt zu sein. Glauben Sie mir, weitere Fragen können zu nichts anderem führen als zu Ihrer eigenen Beschämung.«

»Foma! Foma! . . .«, rief mein Onkel, dem der kalte Schweiß auf die Stirn trat.

»Und daher gestatten Sie mir bitte, Ihnen ohne alle weiteren Auseinandersetzungen nur ein paar Abschiedsworte zu sagen, meine letzten Worte in Ihrem Haus, Jegor Iljitsch. Es ist nun einmal geschehen und läßt sich nicht ungeschehen machen! Hoffentlich verstehen Sie, wovon ich rede. Aber ich flehe Sie auf den Knien an: Wenn in Ihrem Herzen noch ein Funke von Moral übriggeblieben ist, so zügeln Sie das Ungestüm Ihrer Leidenschaften! Und wenn das verderbenbringende Element noch nicht das ganze Gebäude erfaßt hat, so löschen Sie die Feuersbrunst nach Möglichkeit!«

»Foma, ich versichere dir, du bist im Irrtum!« rief der Onkel, der allmählich wieder zu sich kam und mit Entsetzen die Lösung ahnte.

»Mäßigen Sie Ihre Leidenschaften!« fuhr Foma in demselben feierlichen Ton fort, wie wenn er den Ausruf meines Onkels gar nicht gehört hätte; »besiegen Sie sich selbst! ›Wenn du die ganze Welt besiegen willst, so besiege dich selbst!‹, das ist meine stete Maxime. Sie sind der Herr dieses Gutes; Sie sollten auf Ihren Besitzungen wie ein Brillant strahlen; aber was für ein abscheuliches Beispiel der Zügellosigkeit geben Sie hier Ihren Untergebenen! Ganze Nächte hindurch habe ich für Sie gebetet und gezittert, in der Sorge um Ihr Glück. Es ist mir nicht gelungen, Sie glücklich zu machen; denn die Bedingung des Glücks ist die Tugend . . .«

»Aber du darfst nicht so reden, Foma!« unterbrach ihn der Onkel von neuem. »Du hast es falsch aufgefaßt, und deine Worte treffen gar nicht das Richtige . . .«

»Vergessen Sie also nicht, daß Sie Gutsherr sind«, fuhr Foma fort, wieder ohne auf den Zwischenruf des Onkels zu achten. »Glauben Sie nicht, daß Müßiggang und Sinnenlust die Bestimmung dieses Standes seien. Das wäre eine verderbliche Anschauung! Nicht Müßiggang, sondern treue Bemühung steht dem Gutsherrn an; dafür ist er Gott, dem Zaren und dem Vaterland verantwortlich! Zu arbeiten, zu arbeiten ist der Gutsherr verpflichtet, zu arbeiten wie der Geringste seiner Bauern!«

»Nanu, soll ich etwa für den Bauern pflügen?« brummte Bachtschejew. »Ich bin ja doch auch Gutsbesitzer . . .«

»Jetzt wende ich mich an euch, ihr Diener«, fuhr Foma, an Gawrila und Falalej gewandt, fort. »Liebet eure Herrschaft und erfüllt ihren Willen in Ehrerbietung und Sanftmut! Dafür wird euch auch eure Herrschaft lieben. Und Sie, Oberst, seien Sie gegen Ihre Leute gerecht und barmherzig! Ihr Untergebener ist ebenso ein Mensch wie Sie, ein Ebenbild Gottes, und ist Ihnen sozusagen wie ein unmündiges Kind vom Zaren und vom Vaterland anvertraut worden. Groß ist die Pflicht; aber groß wird auch Ihr Verdienst sein, wenn Sie sie erfüllen!«

»Foma Fomitsch! Liebster Freund! Wie bist du nur auf diesen Einfall gekommen?« rief die Generalin ganz verzweifelt und war nahe daran, vor Schreck in Ohnmacht zu fallen.

»Nun, jetzt ist es ja wohl genug?« schloß Foma, der nicht einmal der Generalin irgendwelche Beachtung schenkte. »Jetzt noch einige Einzelheiten, die zwar geringfügig, aber doch auch notwendig sind, Jegor Iljitsch! Auf der abgelegenen Wiese von Charinskoje ist bei Ihnen das Heu noch nicht gemäht. Schieben Sie das nicht zu lange auf: lassen Sie es mähen, und zwar so bald wie möglich! Das ist mein Rat . . .«

»Aber, Foma . . .«

»Sie beabsichtigten, wie ich weiß, die Waldparzelle von Syrjanowo abholzen zu lassen; tun Sie das nicht; das ist mein zweiter Rat. Erhalten Sie die Wälder; denn die Wälder erhalten die Feuchtigkeit auf der Oberfläche der Erde . . . Schade, daß Sie das Sommergetreide zu spät haben säen lassen; ich muß mich wundern, daß Sie das erst so spät getan haben! . . .«

»Aber Foma . . .«

»Doch nun sei es endlich genug! Alle wünschenswerten guten Lehren kann ich Ihnen jetzt doch nicht geben; dazu reicht die Zeit nicht aus! Ich werde Ihnen eine schriftliche Anweisung schicken, in einem besonderen Heft. Nun, dann leben Sie wohl, lebt alle wohl! Gott sei mit euch; der Herr segne euch! Ich segne auch dich, mein Kind«, fuhr er, an Ilja gewandt, fort; »möge Gott dich vor dem tödlichen Gift deiner künftigen Leidenschaften bewahren! Auch dich, Falalej, segne ich; vergiß den Komarinski! . . . Alle, alle segne ich . . . Vergeßt Foma nicht! . . . Nun, dann wollen wir gehen, Gawrila! Hilf mir beim Einsteigen, Alterchen!«

Mit diesen Worten schritt Foma auf die Tür zu. Die Generalin schrie auf und stürzte ihm nach.

»Nein, Foma, ich lasse dich nicht so weg!« rief der Onkel, holte ihn ein und ergriff ihn bei der Hand.

»Das heißt, Sie wollen mich mit Gewalt zurückhalten?« fragte Foma in hochmütigem Ton.

»Ja, Foma . . . auch mit Gewalt!« erwiderte mein Onkel, vor Aufregung zitternd. »Du hast zu viel gesagt und bist dafür eine Erklärung schuldig! Du hast meinen Brief falsch aufgefaßt, Foma! . . .«

»Ihren Brief!« kreischte Foma in plötzlich auflodernder Wut, als ob er mit dem Ausbruch extra auf diesen Augenblick gewartet hätte; »Ihren Brief! Da ist er, Ihr Brief! Da ist er! Ich zerreiße diesen Brief; ich spucke auf diesen Brief! Ich trete Ihren Brief mit Füßen und erfülle damit die heiligste Pflicht gegen die Menschheit! Da! Das tue ich, wenn Sie mich mit Gewalt zu näheren Erklärungen zwingen! Sehen Sie her! Sehen Sie her! Sehen Sie her! . . .«

Und die Papierfetzen flogen im Zimmer umher.

»Ich wiederhole es, Foma: Du hast das Ganze nicht verstanden!« rief mein Onkel, der immer blasser wurde. »Ich mache ihr einen Heiratsantrag, Foma; ich will mit ihr glücklich werden . . .«

»Einen Heiratsantrag! Sie haben dieses Mädchen verführt und wollen mir nun mit diesem Heiratsantrag blauen Dunst vormachen; denn ich habe Sie gestern nacht mit ihr im Garten gesehen, unter den Büschen!«

Die Generalin schrie auf und sank ohnmächtig in ihren Lehnstuhl. Es entstand ein schreckliches Durcheinander. Die arme Nastasja saß totenblaß da. Tief erschrocken umschlang Alexandra ihren Bruder Ilja mit den Armen und zitterte wie im Fieber.

»Foma!« rief der Onkel ganz außer sich. »Wenn du dieses Geheimnis verrätst, so begehst du die schändlichste Tat der Welt!«

»Ich verrate dieses Geheimnis«, schrie Foma, »und begehe damit die edelste aller Taten! Ich bin von Gott selbst gesandt, um die ganze Welt ihrer Schändlichkeit zu überführen! Ich bin bereit, auf das Strohdach eines Bauernhauses zu steigen und von dort allen Gutsbesitzern der Umgegend und allen Vorüberfahrenden zuzuschreien, wie nichtswürdig Sie gehandelt haben! . . . Ja, mögt ihr alle hier es wissen, daß ich ihn gestern nacht mit diesem so unschuldig aussehenden Mädchen im Garten unter den Büschen angetroffen habe! . . .«

»Ach, welche Schande!« quiekte Fräulein Perepelizyna.

»Foma! Stürze dich nicht ins Verderben!« rief mein Onkel mit geballten Fäusten und funkelnden Augen.

». . . Er aber«, kreischte Foma, »er hat, erschrocken darüber, daß ich ihn gesehen hatte, den Versuch gewagt, mich ehrenhaften und offenherzigen Menschen durch einen lügenhaften Brief zur Verheimlichung seines Verbrechens zu überreden, – ja, seines Verbrechens! . . . Denn was haben Sie aus diesem bisher völlig unschuldigen Mädchen gemacht? Sie haben aus ihr . . .«

»Noch ein beleidigendes Wort über sie, und – ich schlage dich tot, Foma; das schwöre ich dir! . . .«

»Ich spreche dieses Wort aus: Sie haben sie aus einem bisher völlig unschuldigen Mädchen zu einem ganz verderbten Geschöpf gemacht!«

Kaum hatte Foma diese letzten Worte gesprochen, als mein Onkel ihn an der Schulter packte, ihn wie einen Strohhalm herumdrehte und ihn mit Gewalt gegen die Glastür schleuderte, die von dem Arbeitszimmer auf den Hof führte. Der Anprall war so heftig, daß die geschlossene Tür weit aufsprang und Foma wie ein Kreisel die sieben steinernen Stufen hinunterflog und auf dem Hof ausgestreckt liegenblieb. Die zerbrochenen Scheiben fielen klirrend weit und breit auf die Treppenstufen.

»Gawrila, heb ihn auf!« rief mein Onkel, der leichenblaß aussah. »Setz ihn in den Wagen und sorge dafür, daß er in zwei Minuten aus Stepantschikowo verschwunden ist!«

Was auch immer Foma Fomitsch beabsichtigt haben mochte, diesen Ausgang hatte er gewiß nicht erwartet.

Ich vermag nicht zu beschreiben, was in den ersten Minuten nach diesem Ereignis geschah. Die Generalin, die sich in ihrem Lehnstuhl hin und her wälzte und ohrenbetäubend schrie; Fräulein Perepelizyna, die angesichts des unerwarteten Verhaltens des bisher immer so fügsamen Onkels wie von einem Starrkrampf befallen war; die armen Klientinnen, die ›Ach!‹ und ›Oh!‹ riefen; Nastasja, die vor Schreck einer Ohnmacht nahe war und um die sich ihr Vater bemühte; die vor Angst fast besinnungslose Alexandra; der Onkel, der in unbeschreiblicher Aufregung im Zimmer hin und her ging und darauf wartete, daß seine Mutter wieder zu sich käme; endlich der laut weinende Falalej, der über das Unglück seiner Herrschaft jammerte: alles dies ergab ein Bild, das jeder Beschreibung spottet. Ich füge noch hinzu, daß in diesem Augenblick ein starkes Gewitter losbrach; die Donnerschläge folgten immer rascher aufeinander, und ein heftiger Regen schlug gegen die Fenster.

»Na, das ist ein netter Festtag!« murmelte Herr Bachtschejew, indem er den Kopf hängen ließ und resigniert die Arme ausbreitete.

»Eine böse Geschichte!« flüsterte ich ihm zu; ich war ebenfalls vor Aufregung ganz außer mir. »Aber wenigstens ist Foma aus dem Haus gejagt und wird wohl nicht mehr zurückgeholt werden.«

»Mama! Sind Sie wieder zu sich gekommen? Fühlen Sie sich wieder besser? Können Sie mich endlich anhören?« fragte der Onkel, indem er vor dem Lehnstuhl der alten Frau stehenblieb.

Diese hob den Kopf, faltete die Hände und blickte mit flehender Miene ihren Sohn an, den sie noch nie in ihrem Leben so zornig gesehen hatte.

»Mama!« fuhr er fort; »der Becher war übervoll; Sie haben es selbst gesehen. Ich wollte diese Angelegenheit auf andere Art vorbringen; aber die Stunde hat geschlagen, und es ist kein Aufschub mehr möglich! Sie haben die Verleumdung mit angehört; so hören Sie denn auch die Rechtfertigung! Mama, ich liebe dieses ehrenwerte, edle Mädchen; ich liebe es schon lange und werde nie aufhören, es zu lieben. Sie wird meine Kinder glücklich machen und Ihnen eine gehorsame Tochter sein, und darum lege ich ihr jetzt in Ihrer Gegenwart sowie in Gegenwart meiner Verwandten und Freunde meine Bitte zu Füßen und flehe sie an, mir die unendliche Ehre zu erweisen und einzuwilligen, meine Frau zu werden.«

Nastasja fuhr zusammen; dann wurde sie über und über rot und sprang von ihrem Stuhl auf. Die Generalin sah ihren Sohn eine Zeitlang an, wie wenn sie nicht verstanden hätte, was er zu ihr gesagt hatte, und warf sich dann auf einmal mit durchdringendem Geschrei vor ihm auf die Knie.

»Liebster Jegor, du, mein Täubchen, hole Foma Fomitsch zurück!« rief sie; »hole ihn sogleich zurück! Sonst sterbe ich gleich heute abend ohne ihn!«

Der Onkel wurde ganz starr, als er seine alte, sonst so eigensinnige und launische Mutter vor sich auf den Knien liegen sah. Eine schmerzliche Empfindung spiegelte sich auf seinem Gesicht wider; endlich sammelte er seine Gedanken wieder, hob die Kniende schnell auf und veranlaßte sie, sich wieder in ihren Lehnstuhl zu setzen.

»Hole Foma Fomitsch zurück, lieber Jegor!« fuhr die alte Frau fort zu schreien; »hole ihn zurück, Täubchen! Ich kann nicht ohne ihn leben!«

»Mama!« rief der Onkel traurig; »haben Sie denn nichts von dem verstanden, was ich soeben zu Ihnen gesagt habe? Ich kann Foma nicht zurückholen – verstehen Sie das doch! Ich kann und darf es nicht, nachdem er diesen Engel an Ehrenhaftigkeit und Tugend in so gemeiner, nichtswürdiger Weise verleumdet hat. Sehen Sie denn nicht ein, Mama, daß es meine Pflicht ist, daß meine Ehre mir befiehlt, den guten Ruf dieses Mädchens zu schützen? Sie haben es gehört: ich bewerbe mich um die Hand dieses Mädchens und bitte Sie inständig, unseren Bund zu segnen.«

Die Generalin sprang wieder von ihrem Platz auf und warf sich vor Nastasja auf die Knie.

»Liebste, Beste!« winselte sie, »heirate ihn nicht! Heirate ihn nicht, sondern überrede ihn, Foma Fomitsch zurückzuholen! Allerteuerste Nastasja Jewgrafowna! Alles, was ich habe, will ich dir geben; alles will ich dir opfern, wenn du ihn nicht heiratest. Ich alte Frau habe noch nicht alles aufgebraucht; ich habe noch ein bißchen Geld übrig von meinem seligen Mann her. Alles soll dein sein, alles will ich dir schenken, und auch Jegor wird dich beschenken; nur lege mich nicht bei lebendigem Leib in den Sarg; überrede ihn, Foma Fomitsch zurückzuholen! . . .«

Lange würde die Alte noch geheult und gefaselt haben, wenn nicht Fräulein Perepelizyna und die armen Klientinnen, empört darüber, daß sie vor einer in Lohn und Brot stehenden Gouvernante auf den Knien lag, mit Geschrei und Gestöhn zu ihr hingestürzt wären, um sie aufzuheben. Nastasja konnte sich vor Bestürzung kaum auf den Beinen halten; Fräulein Perepelizyna aber weinte geradezu vor Wut.

»Ermorden werden Sie Ihre Mutter«, schrie sie dem Onkel zu; »ermorden werden Sie sie! Und Sie, Nastasja Jewgrafowna, hätten nicht Mutter und Sohn entzweien dürfen; das verbietet auch Gott der Herr unter Androhung von Strafe . . .«

»Anna Nilowna, halten Sie Ihre Zunge im Zaum!« rief mein Onkel. »Ich habe genug durchgemacht! . . .«

»Und ich habe von Ihnen genug ertragen. Wie können Sie mir mein Waisentum zum Vorwurf machen? Werden Sie mich arme Waise noch lange beleidigen? Ich bin noch nicht Ihre Sklavin! Ich bin selbst eine Oberstleutnantstochter! Ich werde nicht länger in Ihrem Haus bleiben; nein, gewiß nicht . . . gleich heute werde ich ausziehen! . . .«

Aber der Onkel hörte nicht zu: er war zu Nastasja getreten und faßte ehrfürchtig ihre Hand.

»Nastasja Jewgrafowna! Sie haben meinen Antrag gehört?« sagte er, indem er sie kummervoll, ja beinahe verzweifelt anblickte.

»Nein, Jegor Iljitsch, nein! Wir wollen es lieber lassen!« antwortete Nastasja, die ihrerseits allen Mut verloren hatte. »Es ist alles vergebens«, fuhr sie fort, indem sie ihm die Hände drückte und in Tränen ausbrach. »Sie sagen das wegen des Ereignisses von gestern . . . aber es kann nicht geschehen; das sehen Sie selbst. Wir haben uns geirrt, Jegor Iljitsch . . . Aber ich werde immer an Sie als an meinen Wohltäter denken und . . . und mein Lebtag, mein Lebtag für Sie beten! . . .«

Tränen erstickten ihre Stimme. Der arme Onkel hatte diese Antwort offenbar vorausgesehen; er dachte nicht einmal daran, etwas zu entgegnen und auf seinem Verlangen zu beharren . . . Zu ihr herabgeneigt und sie noch immer bei der Hand haltend, hörte er stumm und niedergeschlagen zu. Die Tränen traten ihm in die Augen.

»Ich habe Ihnen schon gestern gesagt«, fuhr Nastasja fort, »daß ich nicht Ihre Frau werden kann. Sie sehen ja: man will mich bei Ihnen nicht haben . . . und das habe ich schon lange gefühlt; Ihre Mutter wird Ihnen ihren Segen nicht geben . . . und andere ebenfalls nicht. Und wenn auch Sie selbst es später nicht bereuen würden (denn Sie sind der edelste Mensch, den es gibt), so würden Sie doch durch Ihre Gutherzigkeit meinetwegen unglücklich sein . . .«

»Ganz richtig, durch Ihre Gutherzigkeit! Ganz richtig! Ja, Nastasja, ja!« stimmte ihr ihr alter Vater bei, der auf der anderen Seite des Lehnstuhles stand. »Ganz richtig; damit hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Ich will nicht, daß meinetwegen Zwietracht in Ihrem Haus herrscht«, fuhr Nastasja fort. »Um mich aber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Jegor Iljitsch: mir wird niemand zu nahe treten, niemand wird mir etwas zuleide tun . . . ich werde zu meinem Vater gehn . . . gleich heute . . . Es ist das beste, wenn wir nun Abschied voneinander nehmen, Jegor Iljitsch . . .«

Und die arme Nastasja brach wieder in Tränen aus.

»Nastasja Jewgrafowna! Ist das wirklich Ihr letztes Wort?« fragte mein Onkel und sah sie mit unbeschreiblicher Verzweiflung an. »Sagen Sie nur ein einziges Wort – und ich bringe Ihnen alles zum Opfer! . . .«

»Es ist ihr letztes Wort, ihr letztes Wort, Jegor Iljitsch«, fiel wieder Jeshewikin ein, »und sie hat Ihnen das so gut dargelegt, wie ich es, offen gestanden, nicht erwartet hätte. Sie sind der allerbeste Mensch; Jegor Iljitsch, wirklich der allerbeste Mensch und haben uns eine große Ehre erwiesen! Eine große Ehre, eine große Ehre! . . . Aber dennoch passen wir nicht zusammen, Jegor Iljitsch. Sie brauchen eine Braut, Jegor Iljitsch, die reich und vornehm und eine blendende Schönheit ist und auch eine schöne Stimme hat und ganz mit Brillanten und Straußenfedern geschmückt in Ihren Zimmern umhergeht. Dann wird sich vielleicht auch Foma Fomitsch nachgiebig zeigen und Ihnen seinen Segen erteilen. Und Foma Fomitsch, den müssen Sie zurückholen. Er hat ja nur aus Tugendhaftigkeit, in übergroßem Eifer so gesprochen. Daß er es nur aus Tugendhaftigkeit getan hat, das werden Sie später selbst sagen, – Sie werden sehen! Er ist der herrlichste Mensch. Aber jetzt wird er ganz naß werden. Das beste wird schon sein, wenn Sie ihn jetzt zurückholen; denn zurückholen werden Sie ihn ja doch müssen . . .«

»Hol ihn zurück! Hol ihn zurück!« schrie die Generalin; »er sagt dir die Wahrheit, lieber Sohn! . . .«

»Ja«, fuhr Jeshewikin fort, »sehen Sie: auch Ihre Mutter grämt sich zu Tode – ganz unnötigerweise . . . Holen Sie ihn nur zurück! Ich und Nastasja aber wollen uns unterdessen auf den Weg machen . . .«

»Warte, Jewgraf Larionowitsch!« rief der Onkel; »ich bitte dich inständig! Nur noch ein Wort will ich sagen, Jewgraf, nur noch ein Wort . . .«

Nachdem er das gesagt hatte, ging er beiseite, setzte sich in einer Ecke in einen Lehnstuhl, ließ den Kopf hängen und bedeckte die Augen mit den Händen, wie wenn er über etwas nachdächte.

In diesem Augenblicke ertönte ein furchtbarer Donnerschlag, beinahe direkt über dem Haus. Das ganze Gebäude erzitterte. Die Generalin schrie auf, Fräulein Perepelizyna ebenfalls; die Klientinnen, die vor Angst ganz dumm geworden waren, bekreuzigten sich, und mit ihnen zugleich auch Herr Bachtschejew.

»Hilf, heiliger Prophet Elias!« flüsterten auf einmal fünf oder sechs Stimmen, alle gleichzeitig.

Nach dem Donnerschlag stürzte ein so furchtbarer Platzregen herab, daß es schien, als ergieße sich plötzlich ein ganzer See über Stepantschikowo.

»Aber was wird nun aus Foma Fomitsch draußen werden?« wimmerte Fräulein Perepelizyna.

»Lieber Jegor; hol ihn zurück!« schrie die Generalin im Ton der Verzweiflung und stürzte wie eine Unsinnige zur Tür. Ihre Klientinnen hielten sie auf; sie umringten sie, trösteten sie, schluchzten und winselten. Es war eine schauderhafte Szene!

»Im bloßen Rock ist er weggegangen; wenn er doch wenigstens einen Mantel mitgenommen hätte!« fuhr Fräulein Perepelizyna fort. »Einen Regenschirm hat er auch nicht mit. Jetzt wird ihn der Blitz erschlagen! . . .«

»Sicherlich!« stimmte ihr Bachtschejew bei. »Und vom Regen wird er auch noch naß werden.«

»So schweigen Sie doch!« flüsterte ich ihm zu.

»Na, er ist ja auch ein Mensch!« antwortete mir Bachtschejew zornig. »Er ist doch kein Hund. Sie selbst würden bei solchem Wetter doch gewiß nicht auf die Straße gehen. Oder probieren Sie es mal, und nehmen Sie zum Vergnügen ein Duschbad!«

Da ich die weitere Entwicklung der Sache voll ernster Besorgnis ahnte, trat ich zu meinem Onkel, der wie erstarrt in seinem Lehnstuhl saß.

»Lieber Onkel«, sagte ich, indem ich mich zu seinem Ohr niederbeugte, »werden Sie denn wirklich einwilligen, Foma Fomitsch zurückzuholen? Sie müssen doch begreifen, daß das der Gipfel der Unschicklichkeit wäre, wenigstens solange Nastasja Jewgrafowna noch hier ist.«

»Mein Freund«, antwortete der Onkel, indem er den Kopf hob und mir mit entschlossener Miene in die Augen sah; »ich habe in diesem Augenblick über mich zu Gericht gesessen und weiß jetzt, was ich tun muß. Sei unbesorgt; es wird Nastasja keine Kränkung widerfahren; ich werde die erforderlichen Maßnahmen treffen . . .«

Er erhob sich von seinem Stuhl und trat zu seiner Mutter.

»Mama!« sagte er; »beruhigen Sie sich: ich werde Foma Fomitsch zurückholen; ich werde ihn noch einholen können; er kann noch nicht weit weg sein. Aber ich schwöre Ihnen: nur unter einer Bedingung wird er zurückkehren: er muß hier, öffentlich, vor allen, welche Zeugen der Beleidigung gewesen sind, seine Schuld eingestehen und dieses edle Mädchen feierlich um Verzeihung bitten. Das werde ich durchsetzen! Dazu werde ich ihn zwingen! Sonst wird er die Schwelle dieses Hauses nicht mehr überschreiten! Ich schwöre Ihnen auch feierlich, Mama: wenn er von selbst und freiwillig sich dazu versteht, dies zu tun, dann bin ich bereit, mich ihm zu Füßen zu werfen und ihm alles zu geben, was ich weggeben kann, ohne meine Kinder zu schädigen! Ich selbst werde mit dem heutigen Tag mich von allem zurückziehen. Der Stern meines Glückes ist untergegangen! Ich werde Stepantschikowo verlassen. Mögt ihr alle hier ruhig und glücklich leben! Ich werde wieder in mein Regiment eintreten und in den Stürmen des Kampfes, auf dem Schlachtfeld mein trauriges Schicksal hinnehmen . . . Genug! Ich fahre!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Gawrila, ganz durchnäßt und in unglaublicher Weise mit Schmutz bedeckt, erschien vor der betroffenen Versammlung.

»Was ist mit dir? Wo kommst du her? Wo ist Foma?« rief mein Onkel und stürzte auf ihn zu.

Auch alle andern drängten hinzu und umringten in größter Neugier den Alten, von dem das schmutzige Wasser buchstäblich in Strömen herabfloß. Gekreisch, Gestöhn und Geschrei begleiteten jedes Wort Gawrilas.

»Er ist bei dem Birkenwäldchen geblieben, anderthalb Werst von hier«, begann er mit weinerlicher Stimme. »Das Pferd erschrak über einen Blitz und sprang in den Graben.«

»Weiter!« rief der Onkel.

»Der Wagen schlug um . . .«

»Weiter! . . . Und Foma?«

»Er fiel in den Graben.«

»Aber so erzähle doch und quäle uns nicht lange!«

»Er bekam bei dem Fall einen starken Schlag gegen die Seite und fing an zu weinen. Ich spannte das Pferd aus und ritt her, um es zu melden.«

»Und Foma ist dort geblieben?«

»Er stand auf und ging einfach am Stock weiter«, schloß Gawrila seinen Bericht; dann seufzte er und ließ den Kopf hängen.

Das Weinen und Schluchzen des weiblichen Teils der Gesellschaft war unbeschreiblich.

»Den Zentaur!« rief mein Onkel und stürzte aus dem Zimmer. Der Zentaur wurde vorgeführt; der Onkel schwang sich auf das ungesattelte Pferd, und einen Augenblick darauf ließ uns der Schall der Hufschläge erkennen, daß Foma Fomitschs Verfolgung begonnen hatte. Mein Onkel war sogar ohne Mütze davongesprengt.

Die Damen stürzten an die Fenster. Es wurde viel gestöhnt und gejammert; dazwischen wurden auch Ratschläge laut. Manche sagten, Foma Fomitsch müsse unverzüglich ein warmes Bad nehmen; man müsse ihn mit Spiritus abreiben, ihm Brusttee zu trinken geben; er habe seit dem Morgen keinen Bissen zu sich genommen, so daß er jetzt gewiß sehr hungrig sei. Fräulein Perepelizyna fand die von ihm vergessene Brille im Futteral, und dieser Fund machte einen ganz außerordentlichen Eindruck: die Generalin stürzte schreiend und weinend auf die Brille los und eilte dann, ohne sie aus der Hand zu lassen, wieder ans Fenster, um den Weg entlang zu spähen. Die Erwartung erreichte schließlich den allerhöchsten Grad der Spannung . . . In einer anderen Ecke versuchte Alexandra Nastasja zu trösten; sie hielten sich beide umschlungen und weinten. Nastasja hielt den kleinen Ilja bei der Hand und küßte alle Augenblicke ihren Schüler zum Abschied. Ilja weinte und schluchzte, ohne zu wissen warum. Jeshewikin und Misintschikow redeten, etwas abseits stehend, miteinander, ich weiß nicht worüber. Es schien mir, als ob Bachtschejew beim Anblick der jungen Mädchen die größte Lust hatte, ebenfalls loszuweinen. Ich trat zu ihm.

»Nein, lieber Freund«, sagte er zu mir, »Foma Fomitsch würde sich vielleicht von hier entfernen, hält aber den richtigen Zeitpunkt noch nicht für gekommen: man hat ihm noch keine Ochsen mit goldenen Hörnern vor seine Equipage gespannt! Sie können ganz sicher sein, lieber Freund: der wird noch die Wirtsleute aus dem Hause treiben und selbst dableiben!«

Das Gewitter war vorübergegangen, und Herr Bachtschejew hatte offenbar seine Ansicht geändert.

Auf einmal wurde gerufen: »Er bringt ihn! Er bringt ihn!«, und die Damen stürzten aufschreiend zur Tür. Seit der Onkel weggeritten war, waren noch keine zehn Minuten vergangen: es erschien als ein Ding der Unmöglichkeit, Foma Fomitsch so schnell zurückzubringen; aber das Rätsel löste sich nachher auf sehr einfache Weise: Foma Fomitsch war, nachdem er sich von Gawrila getrennt hatte, tatsächlich am Stock weitergegangen; aber als er sich völlig allein gelassen gefühlt hatte, da war eine schmähliche Feigheit über ihn gekommen; er hatte in Richtung Stepantschikowo kehrtgemacht und war hinter Gawrila hergelaufen. Der Onkel hatte ihn schon im Dorf getroffen. Sogleich hatte er einen vorüberfahrenden Bauernwagen angehalten; mehrere Bauern waren zusammengelaufen und hatten Foma Fomitsch, der ganz friedlich geworden war, hinaufgehoben. So wurde er nun geradewegs in die offenen Arme der Generalin geführt, die vor Schreck beinahe umkam, als sie sah, in welchem Zustand er sich befand. Er war noch schmutziger und nasser als Gawrila. Nun entwickelte sich ein überaus geschäftiges Treiben; manche wollten ihn sogleich nach oben in sein Schlafzimmer schleppen, um ihn die Wäsche wechseln zu lassen; andere sprachen von Holundertee und anderen Stärkungsmitteln; die Damen liefen ohne Sinn und Verstand hierhin und dorthin; alle redeten zu gleicher Zeit . . . Aber Foma schien niemanden und nichts wahrzunehmen. Er wurde, unter die Arme gefaßt, hereingeführt. Als er zu seinem Lehnstuhl gelangt war, ließ er sich schwerfällig in ihn hineinsinken und schloß die Augen. Jemand von den Anwesenden rief: »Er stirbt!« Es erhob sich ein allgemeines Geschrei; am meisten von allen aber brüllte Falalej, der sich durch den Schwarm der Damen zu Foma Fomitsch durchzudrängen versuchte, um ihm unverzüglich die Hand zu küssen . . .

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.