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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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II

Neuigkeiten

»Ich bin nur auf einen Augenblick zu dir gekommen, lieber Freund«, begann er eifrig; »ich wollte dir schnell dies und das mitteilen . . . Ich habe mich schon nach allem erkundigt. Es ist heute niemand von ihnen zur Messe gewesen außer Ilja, Alexandra und Nastasja. Mama hat, wie es heißt, Krämpfe bekommen; sie haben ihr den Leib mit Tüchern abgerieben und sie mit Müh und Not wieder zu sich gebracht. Jetzt sollen sich alle bei Foma versammeln, und ich bin auch dazu aufgefordert worden. Ich weiß nur nicht, ob ich Foma zum Namenstag gratulieren soll oder nicht; das ist ein wichtiger Punkt! Und dann: wie werden sie diesen ganzen Vorfall aufnehmen? Es ist entsetzlich, lieber Sergej; ich habe schon so eine Ahnung . . .«

»Im Gegenteil, lieber Onkel«, beeilte ich mich zu erwidern; »alles gestaltet sich vorzüglich. Jetzt ist es Ihnen ja schlechterdings unmöglich, Tatjana Iwanowna zu heiraten; was ist allein das schon wert! Ich wollte Sie schon unterwegs darauf hinweisen.«

»Richtig, richtig, mein Freund. Aber das ist alles nicht die Hauptsache; in alledem sieht man allerdings den Fingerzeig Gottes, wie du sagst; aber davon wollte ich nicht reden . . . Die arme Tatjana Iwanowna! Was passieren doch mit ihr für Geschichten! Dieser Obnoskin ist doch wirklich ein Schurke, wirklich ein Schurke! Übrigens, wie kann ich ihn einen Schurken nennen? Wäre denn, wenn ich sie geheiratet hätte, meine Handlungsweise nicht auf dasselbe hinausgelaufen? . . . Aber auch davon wollte ich nicht reden . . . Hast du gehört, was vorhin diese nichtswürdige Anfissa mit Bezug auf Nastasja schrie?«

»Ja, ich habe es gehört, lieber Onkel. Haben Sie nun eingesehen, daß Eile not tut?«

»Unbedingt und um jeden Preis!« antwortete der Onkel. »Der entscheidende Augenblick ist gekommen. Nur an eines, lieber Freund, haben wir beide, du und ich, gestern nicht gedacht; aber ich habe nachher die ganze Nacht darüber nachgedacht: wird sie mich auch nehmen? Siehst du, das ist die Frage!«

»Aber ich bitte Sie, lieber Onkel! Wo sie doch selbst gesagt hat, daß sie Sie liebt . . .«

»Aber, mein Freund, sie hat ja sofort hinzugefügt, sie werde mich um keinen Preis heiraten.«

»Ach, lieber Onkel! Das wird immer nur so gesagt; zudem haben sich doch auch inzwischen die Verhältnisse geändert.«

»Meinst du? Nein, lieber Sergej, das ist eine heikle Sache, eine sehr heikle Sache! Hm! . . . Aber weißt du, obwohl ich in Sorge war, war doch die ganze Nacht hindurch mein Herz von einem Glücksgefühl erfüllt! . . . Na, nun adieu; ich will schnell hin; sie warten auf mich; ich werde so schon zu spät kommen. Ich kam nur in aller Eile zu dir, um ein paar Worte mit dir zu sprechen. Ach, mein Gott!« rief er, wieder umkehrend, »ich habe ja die Hauptsache vergessen! Weißt du was: ich habe ja an ihn geschrieben, an Foma!«

»Wann denn?«

»In der Nacht; und heute morgen, als es Tag wurde, habe ich ihm den Brief durch Widopljassow zugesandt. Ich habe ihm alles auseinandergesetzt, lieber Freund, auf zwei Briefbogen; alles habe ich ihm wahrheitsgemäß und offenherzig erzählt, – kurz, daß ich verpflichtet bin, das heißt, unbedingt verpflichtet bin (du verstehst?), Nastasja einen Antrag zu machen. Ich habe ihn angefleht, von unserer Zusammenkunft im Garten nichts verlauten zu lassen, und habe mich an allen seinen Seelenadel mit der Bitte gewandt, mir bei Mama zu helfen. Ich habe das alles natürlich nur ungeschickt geschrieben, mein Freund; aber ich habe es aus tiefstem Herzen geschrieben und den Brief sozusagen mit meinen Tränen benetzt . . .«

»Und was geschah? Haben Sie keine Antwort erhalten?«

»Bis jetzt noch nicht; aber heute früh, als wir zur Verfolgung aufbrachen, begegnete ich ihm auf dem Flur; er war noch im Morgenmantel, in Pantoffeln und Schlafmütze; er trägt in der Nacht immer eine Schlafmütze; er ging irgendwohin. Er sagte kein Wort und sah mich nicht einmal an. Ich blickte ihm ins Gesicht, so von unten her; aber es war ihm nichts anzusehen!«

»Lieber Onkel, hoffen Sie nicht auf ihn; er ist Ihnen feindlich gesinnt.«

»Nein, nein, lieber Freund, sag das nicht!« rief mein Onkel mit einer abwehrenden Handbewegung; »ich bin mir sicher. Und zudem ist das ja meine letzte Hoffnung. Er wird mich verstehen; er wird meine Handlungsweise zu würdigen wissen. Er ist mürrisch und launisch, das bestreite ich nicht; aber wenn es sich um den höchsten Seelenadel handelt, dann glänzt er gleichsam wie eine Perle . . . ja, ganz wie eine Perle. Daß du so über ihn urteilst, Sergej, kommt nur daher, daß du ihn noch nie in solchem Zustand erlebt hast . . . Aber mein Gott! Wenn er wirklich das Geheimnis von gestern unter die Leute bringt, dann . . . ich weiß nicht, was dann geschehen wird, Sergej! Woran in der Welt kann man dann noch glauben? Aber nein, er kann kein solcher Schuft sein. Ich kann mich in moralischer Hinsicht gar nicht mit ihm vergleichen! Schüttle nicht den Kopf, lieber Freund; das ist die Wahrheit; es ist so.«

»Jegor Iljitsch! Ihre Frau Mutter ist in großer Unruhe«, erscholl von draußen Fräulein Perepelizynas unangenehme Stimme; wahrscheinlich hatte diese Dame durch das offene Fenster unser ganzes Gespräch mit angehört. »Man sucht Sie im ganzen Haus und kann Sie nicht finden.«

»Mein Gott, ich habe mich verspätet! So ein Unglück!« rief der Onkel in großer Aufregung. »Lieber Freund, um Gottes willen, zieh dich um und komm auch hin! Ebendeswegen war ich zu dir gekommen, damit wir zusammen hingehen . . . Ich komme, ich komme, Anna Nilowna; ich komme!«

Als ich allein geblieben war, erinnerte ich mich an die Begegnung, die ich am Morgen mit Nastasja gehabt hatte, und war recht zufrieden, daß ich dem Onkel nichts davon erzählt hatte; ich hätte seine Unruhe dadurch nur vergrößert. Ich sah ein schweres Unwetter voraus und konnte nicht begreifen, auf welche Weise der Onkel seinen Willen durchsetzen und Nastasja einen Heiratsantrag machen werde. Ich wiederhole: obwohl ich von seiner edlen Absicht völlig überzeugt war, zweifelte ich doch unwillkürlich daran, daß es ihm gelingen würde, sie auszuführen.

Indes, ich mußte mich beeilen. Ich hielt es für meine Pflicht, ihm zu helfen, und begann sogleich, mich umzuziehen; aber da ich mich möglichst gut ankleiden wollte, so verging darüber trotz aller Eile doch mehr Zeit, als mir lieb war. Da trat Misintschikow ins Zimmer.

»Ich soll Sie holen«, sagte er. »Jegor Iljitsch läßt Sie bitten, unverzüglich zu kommen.«

»Gehen wir!«

Ich war jetzt vollständig fertig. Wir gingen.

»Was gibt es dort Neues?« fragte ich unterwegs.

»Alle sind bei Foma versammelt«, antwortete Misintschikow. »Foma zeigt sich nicht launisch; er ist nachdenklich und redet nur wenig, oder vielmehr er murmelt nur etwas vor sich hin. Er hat sogar den kleinen Ilja geküßt, worüber Jegor Iljitsch natürlich ganz entzückt war. Erst vor einem Weilchen hat er durch Fräulein Perepelizyna ausrichten lassen, man solle ihm nicht zum Namenstag gratulieren; er habe alle nur prüfen wollen . . . Die Alte hat zwar so eine Witterung, verhält sich aber ruhig, da auch Foma ruhig ist. Von der Geschichte mit der Entführung und Verfolgung läßt keiner eine Silbe verlauten, als ob gar nichts geschehen wäre; sie schweigen, weil auch Foma schweigt. Er hat den ganzen Vormittag über niemand zu sich gelassen, obgleich die Alte vorhin, als wir weg waren, ihn bei allen Heiligen angefleht hat, zur Beratung zu ihr zu kommen; ja sie hat sogar selbst an seine Tür geklopft; aber er hatte sich eingeschlossen und antwortete, er bete für das Menschengeschlecht, oder etwas in der Art. Er führt irgend etwas im Schilde: das ist ihm am Gesicht abzulesen. Aber da Jegor Iljitsch niemandem etwas am Gesicht ablesen kann, so ist er jetzt ganz entzückt von Foma Fomitschs Sanftmut. Er ist eben das reine Kind! Ilja hat ein Gedicht auswendig gelernt, das er deklamieren soll; und mich hat man losgeschickt, um Sie zu holen.«

»Und Tatjana Iwanowna?«

»Was wollen Sie über Tatjana Iwanowna wissen?«

»Ist sie auch da? Mit denen zusammen?«

»Nein, sie ist auf ihrem Zimmer«, antwortete Misintschikow trocken. »Sie erholt sich und weint. Vielleicht schämt sie sich auch. Es ist jetzt anscheinend diese . . . diese Gouvernante bei ihr. Aber was ist das? Da braut sich wahrhaftig ein Gewitter zusammen. Sehen Sie nur, da am Himmel!«

»Es scheint allerdings ein Gewitter zu kommen«, sagte ich nach einem Blick auf die schwarze Wolke am Horizont.

In diesem Augenblick betraten wir die Terrasse.

»Aber was sagen Sie zu diesem Obnoskin, wie?« fuhr ich fort; ich konnte dem Verlangen nicht widerstehen, Misintschikow damit ein bißchen zu ärgern.

»Reden Sie mir nicht von dem! Erinnern Sie mich nicht an diesen Schurken!« schrie er, indem er plötzlich stehenblieb, rot wurde und mit dem Fuß stampfte. »So ein Dummkopf! So ein Dummkopf! Ein so prächtiges Unternehmen, einen so glänzenden Plan zu verpfuschen! Hören Sie: ich bin natürlich ein Esel, weil ich sein hinterlistiges Treiben nicht gemerkt habe; das gestehe ich feierlich, und vielleicht wollten Sie gerade dieses Geständnis von mir hören. Aber ich schwöre Ihnen: wenn er es verstanden hätte, all dies so, wie es sich gehört, durchzuführen, so hätte ich ihm sogar vielleicht verziehen! So ein Dummkopf, so ein Dummkopf! Daß man solche Leute in der Gesellschaft erträgt und duldet! Man sollte sie nach Sibirien zur Ansiedlung oder Zwangsarbeit schicken! Aber sie irren sich! Sie werden mich nicht überlisten! Jetzt bin ich wenigstens um eine Erfahrung reicher, und wir werden uns noch miteinander messen. Ich denke jetzt über einen neuen Plan nach . . . Sagen Sie selbst: soll ich denn das Meinige nur deswegen verlieren, weil ein Dummkopf, den es gar nichts anging, mir meine Idee gestohlen und die Sache nicht anzugreifen verstanden hat? Das wäre doch unbillig! Und schließlich muß diese Tatjana unbedingt heiraten; das ist ihre Bestimmung. Und wenn bisher noch niemand sie hat ins Irrenhaus bringen lassen, so ist das doch eben deshalb unterblieben, weil man sie immer noch heiraten konnte. Ich möchte Ihnen meinen neuen Plan mitteilen . . .«

»Aber das werden Sie wohl ein andermal tun können«, unterbrach ich ihn; »denn wir sind schon am Ziel.«

»Schön, schön, ein andermal!« antwortete Misintschikow, indem er seinen Mund zu einem krampfhaften Lächeln verzog. »Jetzt aber . . . Aber wohin wollen Sie denn? Ich habe Ihnen ja gesagt, daß wir geradeswegs zu Foma Fomitsch gehen! Folgen Sie mir; Sie sind noch nicht dort gewesen. Sie werden eine zweite Komödie mit ansehen . . . Denn zu einer Komödie hat sich die Sache schon entwickelt . . .«

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