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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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XII

Die Katastrophe

Ich blieb allein. Meine Lage war eine höchst peinliche: ich hatte einen Korb bekommen, und doch wollte mich mein Onkel beinahe mit Gewalt verheiraten. Meine Gedanken waren unklar und verworren. Misintschikow und sein Vorhaben kamen mir nicht aus dem Sinn. Um jeden Preis mußte ich den Onkel retten! Ich dachte sogar daran, Misintschikow aufzusuchen und ihm alles zu erzählen. Aber wohin war der Onkel gegangen? Er hatte selbst gesagt, er wolle Nastasja aufsuchen, dabei aber die Richtung in den Garten hinein eingeschlagen. Ein Gedanke an geheime Rendezvous blitzte in meinem Kopf auf, und ein unangenehmes Gefühl preßte mir das Herz zusammen. Ich erinnerte mich an das, was Misintschikow über ein heimliches Verhältnis der beiden gesagt hatte . . . Nach kurzem Nachdenken verwarf ich meinen ganzen Verdacht mit Entrüstung. Mein Onkel konnte nicht betrügen: das war klar. Meine Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Fast unbewußt trat ich vor die Haustür und ging in den Garten hinein, dieselbe Allee entlang, in der mein Onkel verschwunden war. Der Mond ging eben auf. Ich kannte diesen Garten nach allen Richtungen und fürchtete nicht, mich zu verirren. Als ich zu dem alten Pavillon gelangt war, der einsam am Ufer des vernachlässigten, mit Entengrütze bedeckten Teiches stand, blieb ich auf einmal wie angewurzelt stehen: ich hörte aus dem Pavillon Stimmen. Ich kann gar nicht schildern, was für ein seltsames Gefühl des Ärgers sich meiner bemächtigte! Ich war ganz sicher, daß es der Onkel und Nastasja seien, und ging näher heran, indem ich mein Gewissen für jeden Fall dadurch beschwichtigte, daß ich meinen bisherigen Schritt beibehielt und keinen Versuch machte, mich heranzuschleichen. Auf einmal wurde der Klang eines Kusses deutlich vernehmbar, dann die Töne begeisterter Worte und unmittelbar darauf der durchdringende Schrei einer weiblichen Stimme. In demselben Augenblicke kam eine weibliche Gestalt in einem weißen Kleid aus dem Pavillon herausgelaufen und huschte wie eine Schwalbe an mir vorbei. Es schien mir sogar, daß sie das Gesicht mit den Händen verbarg, um nicht erkannt zu werden; wahrscheinlich war ich vom Pavillon aus bemerkt worden. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich in dem Herrn, der hinter der erschrockenen Dame heraustrat, Obnoskin erkannte, Obnoskin, der nach Misintschikows Aussage schon längst weggefahren war! Auch Obnoskin seinerseits wurde, als er mich erblickte, außerordentlich verlegen: seine ganze Dreistigkeit war verschwunden.

»Entschuldigen Sie, aber ich hatte ganz und gar nicht erwartet, Sie hier zu treffen«, sagte er lächelnd und stotternd.

»Ich Sie auch nicht«, antwortete ich spöttisch, »um so weniger, da ich gehört habe, Sie seien längst abgereist.«

»Nein . . . ich bin nur . . . ich habe nur meine Mutter ein Stückchen begleitet. Aber darf ich mich an Sie als an den ehrenhaftesten Menschen der Welt mit einer Bitte wenden?«

»Mit welcher Bitte?«

»Es gibt (das werden Sie selbst zugeben) Fälle, wo ein wahrhaft ehrenhafter Mensch sich genötigt sieht, an die ganze Ehrhaftigkeit der Denkweise eines anderen wahrhaft ehrenhaften Menschen zu appellieren . . . Ich hoffe, Sie verstehen mich . . .«

»Hoffen Sie das nicht; denn ich verstehe absolut nichts.«

»Sie haben die Dame gesehen, die sich mit mir zusammen im Pavillon befand?«

»Gesehen habe ich sie, aber nicht erkannt.«

»Ah, Sie haben sie nicht erkannt . . . Diese Dame werde ich bald meine Frau nennen.«

»Ich gratuliere Ihnen. Aber womit kann ich Ihnen nützlich sein?«

»Nur damit, daß Sie das tiefste Stillschweigen darüber wahren, daß Sie mich mit dieser Dame gesehen haben.«

›Wer mag das gewesen sein?‹ dachte ich; ›doch nicht etwa . . .‹

»Ich weiß wirklich nicht«, antwortete ich ihm. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, daß ich Ihnen das nicht versprechen kann.«

»Um Gottes willen, ich bitte Sie inständig darum!« flehte Obnoskin. »Versetzen Sie sich doch in meine Lage: es ist noch ein Geheimnis. Vielleicht werden Sie selbst einmal Bräutigam sein; dann werde auch ich meinerseits . . .«

»Pst! Es kommt jemand!«

»Wo?«

Wirklich glitt, etwa dreißig Schritte von uns entfernt, kaum wahrnehmbar der Schatten eines Menschen vorbei.

»Das . . . das war gewiß Foma Fomitsch!« flüsterte Obnoskin, am ganzen Leib zitternd. »Ich erkenne ihn am Gang. Mein Gott! und da sind noch mehr Schritte, von der andern Seite! Hören Sie nur! . . . Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, und . . . ich flehe Sie an . . .«

Obnoskin verschwand. Einen Augenblick darauf stand, wie aus der Erde gewachsen, mein Onkel vor mir.

»Bist du es?« rief er mich an. »Es ist alles verloren, lieber Sergej, alles verloren!«

Ich bemerkte, daß er ebenfalls am ganzen Leib zitterte.

»Was ist verloren, lieber Onkel?«

»Komm!« sagte er, mühsam atmend, ergriff mich fest bei der Hand und zog mich mit sich. Aber auf dem ganzen Weg bis zum Sommerhäuschen sprach er kein Wort und ließ auch mich nicht sprechen. Ich machte mich auf etwas Ungeheuerliches gefaßt und irrte mich auch kaum. Als wir ins Zimmer getreten waren, wurde ihm schwindlig; er war leichenblaß. Ich bespritzte ihn sofort mit Wasser. »Es muß wohl etwas ganz Entsetzliches geschehen sein«, dachte ich, »wenn ein solcher Mann einen Ohnmachtsanfall bekommt.«

»Lieber Onkel, was ist denn mit Ihnen?« fragte ich ihn endlich.

»Es ist alles verloren, lieber Sergej! Foma hat mich im Garten mit Nastasja angetroffen, gerade in dem Augenblick, als ich sie küßte.«

»Sie haben sie geküßt? Im Garten?« rief ich, meinen Onkel erstaunt anblickend.

»Ja, im Garten, lieber Freund; Gott hat uns in Versuchung geführt! Ich war hingegangen, um sie, wenn irgend möglich, zu sehen. Ich wollte ihr alles sagen, das heißt, ihr in Hinblick auf dich den Kopf zurechtrücken. Sie hatte aber schon eine ganze Stunde auf mich gewartet, dort bei der zerbrochenen Bank, auf der anderen Seite des Teiches . . . Sie kommt oft dahin, wenn sie mit mir zu reden hat.«

»Oft, lieber Onkel?«

»Ja, oft, lieber Freund! In der letzten Zeit haben wir uns fast jede Nacht da getroffen. Aber sie haben uns gewiß nachgespürt; ich weiß, daß sie das getan haben, und ich weiß auch, daß Anna Nilowna dabei am eifrigsten gewesen ist. So stellten wir denn unsere Zusammenkünfte zeitweilig ein; seit vier Tagen hatten wir uns nicht mehr getroffen; aber heute war es doch wieder erforderlich geworden. Du hast ja selbst gesehen, wie notwendig es war, auf welche andere Weise hätte ich ihr alles sagen können? Ich ging hin in der Hoffnung, sie zu treffen, und sie hatte da schon eine ganze Stunde gesessen und auf mich gewartet; sie hatte ebenfalls etwas, was sie mir mitteilen mußte . . .«

»Mein Gott, welche Unvorsichtigkeit! Sie wußten doch, daß man Ihnen nachspürte?«

»Aber es war eine kritische Lage, lieber Sergej; wir hatten uns gegenseitig vieles zu sagen. Bei Tag wage ich sie ja nicht einmal anzusehen; sie guckt in eine Ecke und ich absichtlich in eine andere, als ob ich gar nicht gewahr würde, daß sie überhaupt auf der Welt ist. Aber bei Nacht kommen wir zusammen und reden miteinander . . .«

»Nun, und was weiter, lieber Onkel?«

»Ich hatte ihr erst ein paar Worte gesagt – weißt du, das Herz klopfte mir wie ein Hammer, und die Tränen liefen mir aus den Augen; ich fing an, ihr zuzureden, daß sie dich heiraten möchte; aber sie sagte zu mir: ›Sie lieben mich gewiß nicht, gewiß nicht; Sie sehen ja nichts!‹ und auf einmal warf sie sich an meine Brust, schlang mir die Arme um den Hals und begann zu weinen und zu schluchzen! ›Ich liebe nur Sie‹, sagte sie, ›und werde niemand heiraten. Ich liebe Sie schon lange; aber auch Sie werde ich nicht heiraten; ich werde gleich morgen von hier wegfahren und ins Kloster gehen.‹«

»Mein Gott! Hat sie das wirklich gesagt? Nun, und was weiter, was weiter, lieber Onkel?«

»Ich blickte auf, und da stand Foma vor uns! Woher war er nur gekommen? Hatte er hinter einem Busch gesessen und darauf gewartet, daß wir diese Sünde begingen?«

»Der Schurke!«

»Ich war starr; Nastasja lief fort; Foma Fomitsch aber ging schweigend an mir vorbei und drohte mir mit dem Finger. Verstehst du wohl, Sergej, was es morgen für einen Skandal geben wird?«

»Na, wie sollte ich das nicht verstehen!«

»Verstehst du wohl«, rief er in heller Verzweiflung und sprang dabei vom Stuhl auf, »verstehst du wohl, daß sie sie zugrunde richten, beschimpfen, entehren wollen? Sie suchen einen Vorwand, um sie einer unehrenhaften Handlung zu beschuldigen und sie dafür aus dem Haus zu jagen, und jetzt haben sie einen solchen Vorwand gefunden! Sie haben ja gesagt, sie unterhalte mit mir ein unsittliches Verhältnis! Sie haben ja gesagt, die Schurken, sie habe ein solches Verhältnis mit Widopljassow! Das alles hat Anna Nilowna gesagt. Was wird nun werden? Was wird morgen geschehen? Ob Foma es wirklich weitererzählen wird?«

»Zweifellos wird er das tun, lieber Onkel.«

»Aber wenn er es weitererzählt, wenn er es wirklich weitererzählt . . .«, sagte er, sich auf die Lippen beißend und die Fäuste ballend. »Aber nein, das glaube ich nicht! Er wird es nicht weitererzählen; er wird Verständnis dafür haben . . . er ist ja doch ein Mann von edelster Denkungsart! Er wird sie schonen . . .«

»Ob er sie nun schont oder nicht«, erwiderte ich energisch, »jedenfalls ist es Ihre Pflicht, gleich morgen Nastasja Jewgrafowna einen Heiratsantrag zu machen.«

Der Onkel sah mich an, ohne sich zu rühren.

»Verstehen Sie auch, lieber Onkel, daß Sie das junge Mädchen um seinen guten Ruf bringen, wenn diese Geschichte unter die Leute kommt? Verstehen Sie auch wohl, daß Sie einem solchen Unglück so schnell wie möglich zuvorkommen müssen? Sie müssen jedem kühn und stolz in die Augen blicken, ihr öffentlich einen Heiratsantrag machen, sich den Teufel was um die Einwände dieser Menschen scheren und Foma zu Staub zermalmen, wenn er gegen Nastasja Jewgrafowna auch nur einen Ton sagt.«

»Mein Freund«, rief der Onkel, »daran habe ich auf dem Weg hierher auch schon gedacht!«

»Und wie haben Sie sich entschieden?«

»Ich habe mich dazu unwiderruflich entschlossen! Und ich habe diesen Entschluß schon gefaßt, noch ehe ich anfing, dir das Vorgefallene zu erzählen!«

»Bravo, lieber Onkel!«

Ich fiel ihm um den Hals.

Wir redeten noch lange miteinander. Ich legte ihm alle Gründe für seine Heirat mit Nastasja dar und zeigte ihm, daß dies eine absolute Notwendigkeit sei; übrigens sah er das noch besser ein als ich selbst. Aber der Trieb zur Betätigung meiner Beredsamkeit war nun einmal bei mir rege geworden. Ich freute mich über meinen Onkel. Die Pflicht drängte ihn zum Handeln; sonst hätte er sich wohl niemals dazu aufgerafft. Vor der Pflicht aber hatte er einen heiligen Respekt. Trotzdem jedoch konnte ich mir schlechterdings keine rechte Vorstellung davon machen, wie diese Sache bewerkstelligt werden sollte. Ich wußte und glaubte mit aller Bestimmtheit, daß mein Onkel um keinen Preis von dem ablassen würde, was er einmal als seine Pflicht erkannt hatte; aber ich hatte doch meine Zweifel, ob seine Kraft zum Widerstand gegen seine Hausgenossen auch ausreichen würde. Und darum gab ich mir die größte Mühe, ihn anzutreiben und anzuleiten, und widmete mich dieser Aufgabe mit jugendlichem Feuereifer.

»Um so mehr, um so mehr«, sagte ich, »da jetzt schon alles entschieden und Ihre letzten Zweifel behoben sind! Es hat sich etwas zugetragen, was Sie nicht erwartet hatten, obwohl es in Wirklichkeit alle sahen und vor Ihnen gemerkt haben: Nastasja Jewgrafowna liebt Sie! Werden Sie etwa zulassen«, rief ich, »daß diese reine Liebe ihr Schmach und Schande einträgt?«

»Niemals! Aber, mein Freund, soll ich denn wirklich zu guter Letzt noch so glücklich werden?« rief der Onkel und fiel mir um den Hals. »Und wie kommt es nur, daß sie mich liebgewonnen hat, und wofür? wofür? Ich meine, ich habe doch nichts Derartiges an mir . . . Ich bin im Vergleich zu ihr ein alter Mann; schon darum hätte ich es nicht erwartet! Du mein Engel, mein Engel! . . . Hör mal, lieber Sergej, du fragtest vorhin, ob ich in sie verliebt sei: hattest du schon irgendeine Ahnung?«

»Ich sah nur, lieber Onkel, daß Sie für sie die größte Liebe fühlten, die man sich nur denken kann: daß Sie sie liebten, ohne es selbst zu wissen. Ich bitte Sie um alles in der Welt: Sie lassen mich herkommen und wollen mich mit ihr verheiraten, einzig und allein, damit sie Ihre Nichte wird und Sie sie immer um sich haben . . .«

»Und du . . . du verzeihst mir, Sergej?«

»Ach, lieber Onkel! . . .«

Er umarmte mich von neuem.

»Nun seien Sie aber auf der Hut, lieber Onkel; Sie haben alle gegen sich; Sie müssen allen widerstehen und energisch entgegentreten, und zwar gleich morgen.«

»Ja . . . ja, morgen!« wiederholte er etwas nachdenklich. »Weißt du, wir wollen uns mit Mannhaftigkeit, mit wahrer Seelengröße und mit Charakterfestigkeit ans Werk machen . . . besonders mit Charakterfestigkeit!«

»Werden Sie nur nicht zaghaft, lieber Onkel!«

»Nein, ich werde nicht zaghaft werden, lieber Sergej! Nur ein Bedenken habe ich: ich weiß nicht, wie ich es angreifen, wie ich dabei vorgehen soll!«

»Denken Sie darüber nicht weiter nach, lieber Onkel! Der morgige Tag wird das alles entscheiden. Beruhigen Sie sich heute! Je mehr man darüber nachdenkt, desto schlimmer. Und wenn Foma ein Wort dagegen sagt, so jagen Sie ihn sofort aus dem Haus und zermalmen Sie ihn zu Staub!«

»Ob es nicht auch geht, ohne daß ich ihn fortjage? Ich habe mir die Sache so zurechtgelegt, lieber Freund: gleich morgen früh bei Tagesanbruch will ich zu ihm gehen und ihm alles erzählen, so wie ich es jetzt dir erzählt habe; er muß mich doch verstehen, da er ein edler Mensch, der edelste aller Menschen ist! Aber eines beunruhigt mich: wie, wenn Mama heute schon Tatjana Iwanowna von dem morgigen Heiratsantrag in Kenntnis gesetzt hat? Das wäre doch recht schlimm!«

»Über Tatjana Iwanowna brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, lieber Onkel.«

Und ich erzählte ihm die Szene, die ich vor dem Pavillon mit Obnoskin gehabt hatte. Der Onkel war höchst erstaunt. Von Misintschikow sagte ich keine Silbe.

»Eine exaltierte Person! Wirklich eine exaltierte Person!« rief er aus. »Das arme Frauenzimmer! Da machen sich nun solche Menschen an sie heran und wollen ihre Einfalt ausnutzen! War es denn wirklich Obnoskin? Aber der war doch schon abgereist . . . Sonderbar, sehr sonderbar! Ich bin ganz überrascht, lieber Sergej . . . Das müssen wir gleich morgen untersuchen und die erforderlichen Maßnahmen treffen . . . Aber bist du auch ganz sicher, daß es Tatjana Iwanowna war?«

Ich antwortete, ich hätte zwar ihr Gesicht nicht gesehen, sei aber aus gewissen Gründen fest davon überzeugt, daß es Tatjana Iwanowna gewesen sei.

»Hm! Ist es nicht vielleicht doch eine Liebelei mit einem Gutsmädchen gewesen, und ist es dir vielleicht nur so vorgekommen, daß es Tatjana Iwanowna war? War es nicht etwa Dascha, die Tochter des Gärtners? Das ist ein leichtfertiges Ding! Sie ist bei dergleichen schon überrascht worden; darum spreche ich diese Vermutung aus. Anna Nilowna hat ihr nachgespürt! . . . Aber nein, das stimmt doch nicht! Er hat ja gesagt, er werde die Betreffende heiraten. Sonderbar, sonderbar!«

Endlich trennten wir uns. Ich umarmte meinen Onkel und segnete ihn.

»Morgen, morgen«, sagte er noch einmal, »wird sich alles entscheiden; noch ehe du aufstehst, wird es sich entscheiden. Ich werde zu Foma gehen, mich ihm gegenüber ritterlich benehmen und ihm wie einem leiblichen Bruder alle verborgensten Regungen meines Herzens, mein ganzes Inneres offenlegen. Gute Nacht, lieber Sergej! Lege dich schlafen: du bist müde; ich werde gewiß die ganze Nacht über kein Auge schließen.«

Er ging weg. Ich legte mich sogleich hin, da ich unglaublich müde und erschöpft war. Das war ein schwerer Tag gewesen. Meine Nerven waren stark angegriffen, und ehe ich endgültig einschlief, fuhr ich mehrere Male zusammen und wachte wieder auf. Aber wie seltsam auch meine Empfindungen beim Einschlafen waren, so war das doch nichts im Vergleich mit der Sonderbarkeit meines Erwachens am andern Morgen.

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