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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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Misintschikow

Das Gebäude, zu dem mich Gawrila führte, hieß nur aus alter Gewohnheit ›das neue Häuschen‹, war aber schon vor langer Zeit von dem früheren Besitzer des Gutes errichtet worden. Es war ein hübsches Holzhäuschen, das in einiger Entfernung von dem alten Haus mitten im Garten stand. Von drei Seiten umgaben es hohe, alte Lindenbäume, die mit ihren Zweigen das Dach berührten. Alle vier Zimmer dieses Häuschens waren nett möbliert und zur Aufnahme von Gästen bestimmt. Als ich in das mir zugewiesene Zimmer trat, in welches auch mein Koffer gebracht worden war, erblickte ich auf einem Tischchen vor dem Bett ein Blatt Briefpapier, das mit vorzüglicher Schrift in verschiedenen Schriftarten bedeckt und mit Girlanden, Federzügen und Schnörkeln verziert war. Die Anfangsbuchstaben und die Girlanden waren mit verschiedenen Farben ausgemalt. Alles zusammen stellte ein sehr hübsches Werk der Kalligraphie dar. Gleich aus den ersten Worten, die ich las, ersah ich, daß dies ein an mich adressiertes Bittgesuch war, in welchem ich ein ›hochgebildeter Wohltäter‹ genannt wurde. Die Überschrift lautete: ›Widopljassows Wehklagen‹. Aber wie sehr ich auch meine Aufmerksamkeit anstrengte, um wenigstens etwas von dem Inhalt zu verstehen, so blieben doch alle meine Bemühungen fruchtlos: es war der blühendste Unsinn, in hochtrabendem Bedientenstil geschrieben. Ich erriet nur, daß Widopljassow sich in einer traurigen Lage befand, mich um Beistand bat, in irgendwelcher Hinsicht ›von wegen meiner Bildung‹, wie er sich ausdrückte, auf mich seine Hoffnung setzte und zum Schluß bat, ich möchte mich für ihn bei meinem Onkel verwenden und auf diesen durch ›meinen Mechanismus‹ einwirken; so hieß es wörtlich am Ende dieses Schreibens. Ich war noch damit beschäftigt, dasselbe zu lesen, als sich die Tür öffnete und Misintschikow hereintrat.

»Ich hoffe, Sie werden mir erlauben, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte er ungeniert, aber sehr höflich und reichte mir die Hand. »Vorhin hatte ich nicht die Möglichkeit, auch nur ein paar Worte mit Ihnen zu reden, und doch wurde in mir gleich beim ersten Blick der Wunsch wach, Sie näher kennenzulernen.«

Ich erwiderte sogleich, daß es mir ebenfalls eine Freude sei und so weiter, obwohl ich mich in der scheußlichsten Stimmung befand. Wir setzten uns.

»Was haben Sie denn da?« fragte er mit einem Blick auf das Blatt, das ich noch in der Hand hielt. »Doch nicht etwa Widopljassows Wehklagen? Wahrhaftig! Ich dachte es mir doch, daß Widopljassow auch Sie attackieren würde. Er hat auch mir ein ganz ebensolches Blatt mit denselben Wehklagen überreicht; Ihre Ankunft aber hat er schon längst erwartet und wahrscheinlich schon im voraus ein Exemplar für Sie hergestellt. Wundern Sie sich nicht darüber: es gibt hier viel Seltsames, und man findet hier wirklich viel Stoff zum Lachen.«

»Nur zum Lachen?«

»Na, etwa zum Weinen? Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen Widopljassows Biographie erzählen, und ich bin überzeugt, daß Sie darüber lachen werden.«

»Ich muß gestehen, ich habe jetzt andere Dinge im Kopf als Widopljassow«, antwortete ich ärgerlich.

Es war mir ganz klar, daß Herr Misintschikow, wenn er meine Bekanntschaft suchte und ein liebenswürdiges Gespräch mit mir anknüpfte, dabei irgendeinen Zweck verfolgte und mich ganz einfach brauchte. Vorhin hatte er mit ernster, finsterer Miene dagesessen; jetzt aber war er heiter, lächelte und wollte offenbar lange Geschichten erzählen. Es war auf den ersten Blick deutlich, daß dieser Mensch sich ausgezeichnet zu beherrschen verstand und ein Menschenkenner war.

»Dieser verdammte Foma!« sagte ich und schlug ingrimmig mit der Faust auf den Tisch. »Ich bin überzeugt, daß er hier die Quelle alles Übels ist und überall die Hand im Spiele hat! Eine verdammte Kreatur!«

»Sie scheinen sich ja schon gehörig über ihn geärgert zu haben«, bemerkte Misintschikow.

»Na und ob!« rief ich und wurde plötzlich hitzig. »Gewiß, ich habe mich vorhin zu sehr hinreißen lassen und dadurch jedem das Recht gegeben, mich zu tadeln. Ich weiß sehr wohl, daß ich über das rechte Maß hinausgegangen bin und mich in jeder Hinsicht blamiert habe, und ich glaube, man braucht mich darauf nicht noch extra hinzuweisen! . . . Ich begreife auch, daß man sich in anständiger Gesellschaft nicht so benimmt; aber sagen Sie selbst: mußte einem da nicht mit Notwendigkeit die Galle überlaufen? Das ist ja hier geradezu eine Irrenanstalt! Und . . . und . . . schließlich . . . ich fahre einfach weg – so steht es!«

»Sind Sie Raucher?« fragte Misintschikow in aller Seelenruhe.

»Ja.«

»Dann erlauben Sie wohl, daß ich mir auch eine Zigarette anzünde. Dort ist es nicht gestattet, und ich bin schon beinah melancholisch geworden. Ich gebe zu«, fuhr er fort, nachdem er seine Zigarette angezündet hatte, »daß das alles mit einer Irrenanstalt Ähnlichkeit hat; aber seien Sie versichert, daß ich mir nicht erlaube, Sie zu tadeln; denn wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, würde ich vielleicht noch viel hitziger und heftiger geworden sein als Sie.«

»Aber warum sind Sie denn nicht heftig geworden, wenn Sie sich wirklich ebenfalls ärgerten? Aber ganz im Gegenteil erinnere ich mich, daß Sie höchst kaltblütig blieben, und ich muß gestehen, es befremdete mich sogar, daß Sie nicht für meinen armen Onkel eintraten, der doch immer bereit ist, allen und jedem Wohltaten zu erweisen!«

»Sie haben recht: er erweist vielen Leuten Wohltaten; aber für ihn einzutreten halte ich für völlig unangebracht; erstens würde es ihm nichts nützen und sogar in gewisser Hinsicht beschämend für ihn sein; und zweitens würde ich gleich morgen aus dem Haus gejagt werden. Ich bekenne Ihnen aber offen: meine Verhältnisse sind so, daß ich großen Wert darauf legen muß, hier länger Gastfreundschaft zu genießen.«

»Ich erwarte ganz und gar keine Offenheit von Ihrer Seite in bezug auf Ihre Verhältnisse . . . Indessen würde ich Sie gern etwas fragen, da Sie ja schon einen Monat lang hier wohnen . . .«

»Bitte, fragen Sie; ich stehe zu Ihren Diensten«, erwiderte Misintschikow eilig und rückte mit seinem Stuhl näher.

»Erklären Sie mir also zum Beispiel dies: soeben hat Foma Fomitsch fünfzehntausend Rubel zurückgewiesen, die er bereits in den Händen hatte; ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Was Sie sagen! Wirklich?« rief Misintschikow. »Erzählen Sie doch, ich bitte Sie!«

Ich erzählte ihm den Hergang, verschwieg aber die Anrede ›Exzellenz‹. Misintschikow hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu; sein Gesicht verklärte sich sogar ordentlich, als ich auf die fünfzehntausend Rubel zu sprechen kam.

»Sehr geschickt!« sagte er, nachdem er meine Erzählung vernommen hatte. »Das hätte ich von Foma gar nicht erwartet.«

»Aber er hat doch das Geld zurückgewiesen! Wie ist das zu erklären? Ist da wirklich sein Seelenadel die Ursache?«

»Er hat fünfzehntausend Rubel zurückgewiesen, um später dreißigtausend zu bekommen. Übrigens, wissen Sie was?« fügte er nach kurzem Nachdenken hinzu, »ich zweifle doch, daß Foma dabei aus Berechnung gehandelt hat. Er ist ein unpraktischer Mensch und hat in seiner Art etwas von einem Dichter an sich. Fünfzehntausend Rubel . . . hm! Sehen Sie: er hätte das Geld gern genommen, konnte aber der Versuchung, sich ein Air zu geben, eine grandiose Pose einzunehmen, nicht widerstehen. Ich kann Ihnen sagen, er ist und bleibt ein Stoffel, eine sentimentale Nachtmütze, und zwar trotz seines grenzenlosen Egoismus!«

Misintschikow war in Erregung geraten. Offenbar ärgerte er sich sehr und schien sogar so etwas wie Neid zu empfinden. Ich beobachtete ihn mit lebhaftem Interesse.

»Hm! Da muß man sich ja auf große Veränderungen gefaßt machen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Jetzt ist Jegor Iljitsch bereit, diesen Foma geradezu anzubeten. Und er ist am Ende auch noch imstande, aus Herzensrührung zu heiraten«, murmelte er.

»Also meinen Sie, daß diese abscheuliche, unnatürliche Ehe mit der geistesgestörten Närrin bestimmt zustande kommen wird?«

Misintschikow blickte mich forschend an.

»Die Schurken!« rief ich jähzornig.

»Übrigens ist die Idee, die die Leute da haben, eine ziemlich vernünftige: sie behaupten, er müsse etwas für die Familie tun.«

»Als ob er für sie alle nicht schon genug und übergenug getan hätte!« rief ich empört. »Und auch Sie schämen sich nicht zu sagen, daß das ein vernünftiger Gedanke sei; diese garstige Närrin zu heiraten!«

»Gewiß, ich stimme Ihnen durchaus darin bei, daß sie eine Närrin ist . . . Hm! Es ist nett von Ihnen, daß Sie Ihren Onkel so lieben; ich selbst empfinde für ihn eine herzliche Teilnahme . . . obwohl sich mit ihrem Geld das Gut prächtig erweitern ließe! Übrigens hat man noch andere Gründe: man fürchtet, Jegor Iljitsch könnte diese Gouvernante heiraten . . . Sie wissen doch, es war da noch so ein interessantes junges Mädchen?«

»Aber ist denn das . . . ist denn das etwa wahrscheinlich?« fragte ich aufgeregt. »Mir scheint, daß das nur Verleumdung ist. Ich bitte Sie inständig, sagen Sie mir, wie es damit steht; es interessiert mich außerordentlich . . .«

»Oh, er ist verliebt bis über die Ohren! Nur sucht er es selbstverständlich zu verheimlichen.«

»Er sucht es zu verheimlichen! Sie meinen, daß er es zu verheimlichen sucht? Nun, und sie? Liebt sie ihn?«

»Schon möglich, daß auch sie ihn liebt. Übrigens wäre es für sie sehr vorteilhaft, wenn sie ihn heiratete; denn sie ist sehr arm.«

»Aber welche wirklichen Gründe haben Sie für Ihre Annahme, daß die beiden sich lieben?«

»Nun, das muß ja jeder Mensch sehen; zudem haben sie, wie es scheint, heimliche Rendezvous. Es wird sogar behauptet, sie stünden in einem unerlaubten Verhältnis zueinander. Aber bitte, erzählen Sie das nicht weiter! Ich sage es Ihnen nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit.«

»Wie kann man so etwas glauben!« rief ich. »Und Sie, Sie geben zu, daß Sie es glauben?«

»Selbstverständlich glaube ich es nicht sicher; ich bin nicht dabeigewesen. Indessen ist es doch gut möglich.«

»Wie können Sie sagen, es sei gut möglich! Denken Sie doch daran, was mein Onkel für ein anständiger, ehrenhafter Mann ist!«

»Einverstanden; und trotzdem kann sich jemand hinreißen lassen, wenn er sich sagt, daß demnächst unausbleiblich die legitime Eheschließung erfolgen soll. Dergleichen kommt häufig vor. Indessen, ich wiederhole: ich verbürge mich in keiner Weise für die völlige Glaubwürdigkeit dieser Nachrichten, um so weniger, als man das junge Mädchen hier auch so schon arg mit Schmutz beworfen hat; es wurde sogar behauptet, sie habe ein Verhältnis mit Widopljassow.«

»Na, sehen Sie!« rief ich. »Mit Widopljassow! Na, ist das überhaupt denkbar? Ist es nicht ekelhaft, so etwas auch nur zu hören? Glauben Sie denn auch das?«

»Ich sage Ihnen ja, daß ich es nicht glaube«, antwortete Misintschikow in aller Ruhe; »indessen unmöglich ist auch das nicht. Auf der Welt ist alles möglich. Ich für meine Person bin nicht dabeigewesen, und außerdem geht mich die Sache meines Erachtens nichts an. Aber da Sie, wie ich sehe, an all diesen Dingen großen Anteil nehmen, so halte ich es für meine Pflicht, hinzuzufügen, daß dieses Verhältnis mit Widopljassow in der Tat wenig Wahrscheinlichkeit hat. Das sind alles nur Intrigen von Anna Nilowna, diesem Fräulein Perepelizyna; sie hat diese Gerüchte hier aus Neid ausgestreut, weil sie sich selbst früher Hoffnung machte, Jegor Iljitsch zu heiraten, und zwar weil sie eine Oberstleutnantstochter ist; wahrhaftig! Jetzt sieht sie sich in dieser Hoffnung getäuscht und ist deshalb wütend. Aber ich glaube, ich habe Ihnen bereits alles erzählt, was von diesen Dingen zu sagen ist, und ich muß gestehen, ich bin ein geschworener Feind von Klatsch, um so mehr da wir damit nur unsere kostbare Zeit verlieren. Sehen Sie, ich bin nämlich mit einer kleinen Bitte zu Ihnen gekommen.«

»Mit einer Bitte? Sprechen Sie sie aus; alles, womit ich Ihnen dienen kann . . .«

»Sehr freundlich; ich hoffe sogar, daß meine Bitte Sie interessieren wird, da Sie, wie ich sehe, Ihren Onkel lieben und an seinem Geschick in bezug auf die Heirat großen Anteil nehmen. Aber bevor ich diese Bitte ausspreche, habe ich an Sie noch eine andere, vorbereitende Bitte.«

»Welche denn?«

»Es ist folgende: vielleicht werden Sie sich bereit finden lassen, meine Hauptbitte zu erfüllen, vielleicht auch nicht; aber in jedem Falle möchte ich, ehe ich sie Ihnen vortrage, Sie ergebenst bitten, mir den großen Gefallen zu tun und mir Ihr Ehrenwort als Edelmann und anständiger Mensch zu geben, daß alles, was Sie von mir hören werden, tiefstes Geheimnis zwischen uns bleibt und daß Sie dieses Geheimnis unter keinen Umständen einem Menschen verraten, auch den Gedanken, den ich jetzt für nötig erachte, Ihnen mitzuteilen, nicht für Ihren eigenen Vorteil verwerten wollen. Sind Sie damit einverstanden?«

Die Vorrede klang sehr feierlich. Ich gab ihm mein Wort.

»Nun?« fragte ich.

»Die Sache ist im Grunde sehr einfach«, begann Misintschikow. »Sehen Sie, ich will Tatjana Iwanowna entführen und heiraten; kurz, es soll so etwas wie Gretna-Green werden; Sie verstehen?«

Ich sah Herrn Misintschikow direkt in die Augen und konnte eine Zeitlang kein Wort herausbringen.

»Ich muß Ihnen gestehen, ich begreife nichts«, sagte ich endlich. »Und außerdem«, fuhr ich fort, »da ich glaubte, mit einem vernünftigen Menschen zu tun zu haben, hatte ich meinerseits in keiner Weise geglaubt . . .«

»Da Sie glaubten, hatten Sie nicht geglaubt«, unterbrach mich Misintschikow. »Das heißt in einfacher Redeweise, daß ich dumm bin und mein Plan dumm ist, nicht wahr?«

»Durchaus nicht . . . aber . . .«

»O bitte, sprechen Sie ganz ungeniert! Seien Sie unbesorgt; Sie tun mir damit sogar einen großen Gefallen, da wir auf diese Weise schneller zum Ziel kommen. Ich gebe übrigens zu, daß dies auf den ersten Blick etwas seltsam erscheinen mag. Aber ich kann Ihnen versichern, daß mein Plan keineswegs dumm, sondern sogar höchst verständig ist; und wenn Sie so gut sein wollen anzuhören, wie die Dinge liegen . . .«

»O bitte! Ich werde mit größtem Interesse zuhören.«

»Übrigens ist dabei eigentlich fast nichts zu erzählen. Sehen Sie: ich stecke jetzt in Schulden und besitze keine Kopeke. Überdies habe ich eine Schwester, ein junges Mädchen von neunzehn Jahren, eine Waise, die bei fremden Leuten lebt und völlig mittellos ist. Das ist zum Teil meine eigene Schuld. Wir erbten vierzig Seelen. Da mußte es sich treffen, daß ich gerade um diese Zeit zum Kornett befördert wurde. Nun, zunächst nahm ich natürlich eine Hypothek darauf auf, und dann brachte ich unsere Erbschaft vollständig durch. Ich führte einen dummen Lebenswandel, wollte die erste Geige spielen, kehrte den Feinen heraus, spielte Karten, trank – kurz, ich trieb es so töricht, daß ich mich sogar schäme, daran zu denken. Jetzt bin ich anderen Sinnes geworden und will meine Lebensweise vollständig ändern. Aber dazu muß ich ganz notwendig hunderttausend Rubel haben. Da ich nun beim Militär nicht zu Geld gelangen kann, persönlich aber zu nichts tauge und fast keine Bildung besitze, so bleiben mir selbstverständlich nur zwei Wege: entweder zu stehlen oder eine reiche Heirat zu machen. Ich kam hierher fast ohne Stiefel, und ich kam zu Fuß her, nicht im Wagen. Meine Schwester hatte mir ihre letzten drei Rubel gegeben, als ich aus Moskau fortging. Hier sah ich diese Tatjana Iwanowna, und sogleich hatte ich eine Idee. Ich faßte sofort den Entschluß, mich zu opfern und sie zu heiraten. Sie werden zugeben müssen, daß dies eine verständige Handlungsweise ist. Überdies tue ich das in der Hauptsache um meiner Schwester willen . . . nun, natürlich auch um meinetwillen.«

»Aber erlauben Sie, wollen Sie ihr einen förmlichen Heiratsantrag machen?«

»Gott behüte! Ich würde sogleich von hier weggejagt werden, und sie selbst würde nicht darauf eingehen; aber wenn ich ihr eine Entführung, eine Flucht vorschlage, dazu wird sie sogleich bereit sein. Das ist es ja eben: es muß etwas Romantisches, Auffälliges dabeisein. Selbstverständlich wird das alles dann durch eine legitime Heirat seinen Abschluß finden. Ich muß sie nur erst von hier weglocken!«

»Aber woher nehmen Sie denn diese feste Überzeugung, daß sie bestimmt mit Ihnen fliehen wird?«

»Oh, da seien Sie unbesorgt! Davon bin ich vollständig überzeugt. Das ist ja eben der Grundgedanke, daß Tatjana Iwanowna imstande ist, schlechterdings mit einem jeden, der ihr über den Weg läuft, mit einem jeden, der sich mit ihr einlassen mag, eine Liebschaft anzuknüpfen. Das ist auch der Grund, weshalb ich Ihnen vorher das Ehrenwort abgenommen habe, diesen Gedanken nicht für sich auszunutzen. Sie sehen gewiß ein, daß es von mir geradezu sündhaft wäre, wenn ich diese Gelegenheit nicht nutzen würde, namentlich bei meinen Verhältnissen.«

»Dann ist sie also vollständig verrückt? . . . ach, entschuldigen Sie!« fügte ich, meinen Fehler gewahr werdend, hinzu. »Da Sie jetzt auf die Dame Absichten haben, so . . .«

»Bitte, genieren Sie sich nicht; ich habe Sie schon einmal darum gebeten. Sie fragen, ob sie vollständig verrückt sei. Was soll ich Ihnen darauf antworten? Natürlich ist sie nicht verrückt, da sie ja noch nicht im Irrenhaus sitzt; übrigens vermag ich in dieser Manie für Liebschaften wirklich keine besondere Verrücktheit zu erblicken. Sie ist trotz alledem doch ein anständiges Mädchen. Sehen Sie: sie hat sich bis zum vorigen Jahr in schrecklicher Armut befunden, hat von ihrer Kindheit an unter der Fuchtel von allerlei Wohltäterinnen gestanden. Sie besitzt ein außerordentlich gefühlvolles Herz; aber niemand wollte sie heiraten. Nun, Sie verstehen: Träumereien, Wünsche, Hoffnungen, eine innere Glut, die sie immer unterdrücken mußte, die ewigen Quälereien von seiten der Wohltäterinnen – alles dies konnte natürlich einen empfindsamen Charakter zerrütten. Und nun gelangt sie plötzlich in den Besitz eines solchen Reichtums: Sie werden selbst zugeben müssen, daß das gar mancher den Kopf verdrehen kann. Na, natürlich ist sie jetzt eine gesuchte Persönlichkeit geworden; man machte ihr den Hof, und alle ihre Hoffnungen sind wieder aufgelebt. Vorhin erzählte sie von einem Stutzer in weißer Weste: das ist eine Tatsache und hat sich buchstäblich so zugetragen, wie sie es erzählt hat. Nach dieser Begebenheit können Sie sich auch über das übrige ein Urteil bilden. Mit Seufzern, Briefchen und Verschen können Sie sie sofort betören; und wenn Sie außerdem noch auf Strickleitern, spanische Serenaden und ähnlichen Unsinn anspielen, können Sie mit ihr machen, was Sie wollen. Ich habe schon eine Probe angestellt und ohne weiteres ein geheimes Rendezvous erlangt. Indes habe ich nun vorläufig bis zum Eintritt des günstigen Zeitpunktes haltgemacht. Aber in etwa vier Tagen muß ich sie unbedingt entführen. Tags zuvor fange ich mit Schmeichelreden und Seufzern an; ich spiele nicht übel Gitarre und singe auch. In der Nacht folgt dann ein Rendezvous im Pavillon, und beim Tagesgrauen steht ein Wagen bereit; ich überrede sie, wir steigen ein und fahren davon. Sie verstehen, daß keinerlei Risiko dabei ist; sie ist mündig und handelt außerdem ganz nach ihrem freien Willen. Wenn sie aber einmal mit mir davongelaufen ist, so ist sie natürlich mir gegenüber eine Verpflichtung eingegangen. Ich werde sie zu einer anständigen, aber armen Familie bringen (ich kenne eine solche, vierzig Werst von hier), wo man sie bis zur Hochzeit unter Aufsicht halten und niemanden zu ihr lassen wird; unterdessen aber werde ich meine Zeit nicht verlieren; innerhalb von drei Tagen werden wir Hochzeit machen; das ist möglich. Selbstverständlich brauche ich vor allen Dingen Geld; aber ich habe mir ausgerechnet, daß ich für das ganze Intermezzo nicht mehr als fünfhundert Rubel nötig habe, und in dieser Hinsicht hoffe ich auf Jegor Iljitsch; er wird mir das Geld geben, natürlich ohne zu wissen, wozu es dienen soll. Haben Sie nun verstanden?«

»Ja«, erwiderte ich, da ich endlich alles vollständig begriffen hatte. »Aber sagen Sie mir: womit kann denn gerade ich Ihnen nützlich sein?«

»Oh, ich bitte Sie, in sehr vieler Hinsicht! Sonst würde ich Sie auch gar nicht gebeten haben. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich eine achtbare, aber arme Familie in Aussicht genommen habe. Sie aber können mir sowohl hier als auch dort behilflich sein und schließlich auch als Trauzeuge fungieren. Ich gestehe, daß ich ohne Ihre Hilfe nichts anfangen kann.«

»Noch eine Frage: warum haben Sie gerade mich für würdig gehalten, diese Vertrauensstellung einzunehmen, mich, den Sie noch nicht kennen, da ich erst vor einigen Stunden angekommen bin?«

»Ihre Frage«, antwortete Misintschikow mit dem liebenswürdigsten Lächeln, »Ihre Frage bereitet mir, aufrichtig gestanden, ein großes Vergnügen, da sie mir Gelegenheit gibt, Ihnen meine besondere Hochachtung auszusprechen.«

»Oh, zu viel Ehre!«

»Nein, sehen Sie, ich habe Sie vorhin ein bißchen studiert. Sie sind allerdings aufbrausend und . . . und . . . na ja, und jung; aber von einem bin ich vollkommen überzeugt: wenn Sie mir einmal Ihr Wort gegeben haben, die Sache niemandem zu erzählen, so werden Sie Ihr Versprechen auch halten. Sie sind ein anderer Mensch als Obnoskin; das ist das erste. Und zweitens sind Sie ein Ehrenmann und werden meine Idee nicht zu Ihrem eigenen Vorteil ausnutzen, ausgenommen natürlich den Fall, daß Sie Lust hätten, mit mir ein freundschaftliches Abkommen zu treffen. In diesem Falle werde ich mich vielleicht bereit finden lassen, Ihnen meine Idee, das heißt Tatjana Iwanowna, abzutreten, und bin dann erbötig, Ihnen bei der Entführung eifrig zu helfen, aber unter der Bedingung, daß ich einen Monat nach der Hochzeit von Ihnen fünfzigtausend Rubel erhalte, worüber Sie mir selbstverständlich vorher eine Sicherheit in Gestalt eines Schuldscheines ohne Verzinsung geben müßten.«

»Wie!« rief ich; »also bieten Sie mir Ihre Idee schon an?«

»Natürlich kann ich sie abtreten, wenn Sie sich dazu entschließen können und Lust haben. Allerdings verliere ich dabei etwas; aber . . . die Idee gehört mir, und für eine Idee nimmt man doch Geld. Und drittens habe ich mich an Sie gewandt, weil ich keine andere Wahl habe. Ich darf aber in Anbetracht der hiesigen Verhältnisse nicht lange zögern. Außerdem beginnen bald die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, in denen keine Trauungen stattfinden. Ich hoffe, Sie verstehen mich jetzt völlig?«

»Völlig, und ich verpflichte mich noch einmal, Ihre Mitteilung absolut geheimzuhalten; aber Ihr Helfershelfer bei dieser Angelegenheit kann ich nicht sein, und ich halte es für meine Pflicht, Ihnen dies ungesäumt zu erklären.«

»Warum denn nicht?«

»Sie können noch fragen?« rief ich, indem ich endlich der Erregung, die sich bei mir angesammelt hatte, freien Lauf ließ. »Verstehen Sie denn wirklich nicht, daß ein solches Vorgehen unehrenhaft ist? Gesetzt, daß Ihre auf der Verstandesschwäche und der unglücklichen Manie dieses Mädchens basierende Rechnung vollkommen richtig ist, so müßte Sie als Ehrenmann doch schon ebendieser eine Umstand davon zurückhalten! Sie sagen ja selbst, daß sie trotz ihres lächerlichen Wesens achtenswert ist. Und nun wollen Sie auf einmal ihr Unglück dazu benutzen, um ihr hunderttausend Rubel abzunehmen! Sie werden ihr gegenüber gewiß nicht ein richtiger, pflichttreuer Ehemann sein, sondern werden sie zweifellos verlassen . . . Das ist so unehrenhaft, daß ich (nehmen Sie es mir nicht übel!) nicht einmal verstehe, wie Sie es haben unternehmen können, mich um meine Beihilfe zu bitten!«

»Na so was! Ist das eine romantische Anschauungsweise!« rief Misintschikow und sah mich mit echter Verwunderung an. »Übrigens liegt bei Ihnen doch wohl nicht eine romantische Anschauungsweise zugrunde, sondern, wie es scheint, verstehen Sie einfach nicht, um was es sich handelt. Sie sagen, das sei unehrenhaft; aber dabei sind doch alle Vorteile nicht auf meiner, sondern auf ihrer Seite . . . Erwägen Sie nur . . .«

»Gewiß, wenn man die Sache von Ihrem Gesichtspunkte aus ansieht, so kommt es womöglich noch so heraus, daß Sie eine höchst großmütige Tat ausführen, wenn Sie Tatjana Iwanowna heiraten«, antwortete ich mit spöttischem Lächeln.

»Aber natürlich! Gewiß ist es so, gewiß ist es eine höchst großmütige Tat!« rief Misintschikow, der nun ebenfalls heftig wurde. »Überlegen Sie nur: erstens opfere ich mich selbst dadurch, daß ich einwillige, ihr Mann zu sein – das ist doch etwas wert! Zweitens werde ich, obwohl sie dreihundertfünfzig- bis vierhunderttausend Rubel besitzt, doch nur hunderttausend Rubel nehmen und habe mir fest vorgenommen, ihr mein ganzes Leben lang, auch wenn ich es könnte, nicht eine Kopeke mehr abzunehmen: das ist wieder etwas wert! Bedenken Sie endlich noch folgendes: kann sie etwa unter den jetzigen Verhältnissen ein ruhiges Leben führen? Damit sie ein ruhiges Leben führen kann, muß man ihr eigentlich ihr Geld abnehmen und sie in eine Irrenanstalt bringen; denn sonst kann es jeden Augenblick passieren, daß irgendein Taugenichts, Schwindler oder Spekulant mit Spitzbärtchen und Schnurrbärtchen, mit einer Gitarre und Serenaden, in der Art wie dieser Obnoskin, sich an sie heranmacht, sie betört, heiratet, rein ausplündert und dann irgendwo auf der Landstraße im Stich läßt. Sehen Sie, dies hier ist zum Beispiel eine sehr ehrenwerte Familie, und doch hält man sie hier nur deshalb fest, weil man auf ihr Geld spekuliert. Vor diesen Gefahren muß man sie behüten und retten. Na aber, das werden Sie begreifen: sowie sie mich heiratet, sind alle diese Gefahren verschwunden. Ich verbürge mich dafür, daß sie dann keinerlei Unglück mehr treffen wird. Erstens werde ich sie sogleich in Moskau bei einer ehrenwerten, aber armen Familie unterbringen (das ist nicht die, von der ich vorhin sprach, sondern eine andere Familie), und meine Schwester wird beständig um Tatjana Iwanowna sein; so wird sie sich dauernd unter sorgsamer Aufsicht befinden. An Geld werden ihr zweihundertfünfzigtausend, vielleicht sogar dreihunderttausend Rubel bleiben: damit kann man schon leben, wissen Sie! Es sollen ihr alle möglichen Vergnügungen dargeboten werden, alle möglichen Zerstreuungen, Bälle, Maskenbälle, Konzerte. Sie mag sogar von Liebschaften phantasieren; nur werde ich mich selbstverständlich in dieser Hinsicht absichern: phantasieren mag sie davon, soviel sie will; aber zur Tat darf es nicht kommen! Jetzt kann sie ein jeder beleidigen, dann aber niemand: sie ist meine Gattin, sie ist Frau Misintschikowa, und ich werde meinen Namen nicht beschimpfen lassen! Was ist nicht schon dieser eine Vorteil wert? Natürlich werde ich nicht mit ihr zusammen leben. Sie wird in Moskau wohnen und ich irgendwo in Petersburg. Das bekenne ich freimütig; denn ich will Ihnen gegenüber ganz offen sein. Aber was schadet es, daß wir getrennt leben werden? Erwägen Sie es nur in aller Ruhe und bedenken Sie ihren Charakter: ist sie etwa imstande, eine richtige Ehefrau zu sein und mit ihrem Mann zusammen zu leben? Kann man denn von ihr Beständigkeit erwarten? Sie ist ja doch das leichtsinnigste Geschöpf von der Welt! Ihr ist fortwährende Abwechselung unentbehrlich: sie bekommt es fertig, gleich am nächsten Tage zu vergessen, daß sie tags zuvor geheiratet hat und Ehefrau geworden ist. Ich würde sie schließlich nur unglücklich machen, wenn ich mit ihr zusammen leben und von ihr eine strenge Erfüllung ihrer Pflichten verlangen würde. Natürlich werde ich sie einmal im Jahr oder auch öfter besuchen, aber nicht, um Geld zu holen, glauben Sie mir. Ich habe gesagt, daß ich ihr nicht mehr als hunderttausend Rubel abnehmen werde, und daran werde ich festhalten! In puncto Geld werde ich mich gegen sie höchst ehrenhaft benehmen. Wenn ich für zwei, drei Tage zu ihr zu Besuch komme, werde ich sie nicht langweilen, sondern ihr Vergnügen bereiten: ich werde mit ihr lachen, ihr Anekdoten erzählen, sie auf Bälle führen, mit ihr flirten, ihr hübsche Andenken schenken, ihr Lieder vorsingen, ihr ein Hündchen kaufen, in romantischer Weise von ihr Abschied nehmen und dann mit ihr eine verliebte Korrespondenz führen. Und sie wird von einem so romantischen, verliebten, lustigen Ehemann ganz entzückt sein! Meiner Ansicht nach zeugt das durchaus von Verstand; so sollten es alle Ehemänner machen. Lieb und wert sind die Ehemänner den Frauen nur dann, wenn sie abwesend sind, und nach meiner Methode werde ich Tatjana Iwanownas Herz in wonnevollster Weise fürs ganze Leben besitzen. Was könnte sie noch weiter wünschen? Sagen Sie selbst! Das ist ja ein Leben wie im Paradies!«

Schweigend und verwundert hörte ich ihm zu. Ich sah ein, daß es unmöglich war, mit Herrn Misintschikow darüber zu disputieren. Er war von der Rechtlichkeit und sogar von dem Edelmut seines Planes fanatisch überzeugt und sprach von ihm mit der Begeisterung eines Erfinders. Aber es blieb noch ein kitzliger Punkt übrig, dessen Klarstellung unumgänglich nötig war.

»Denken Sie auch wohl daran«, sagte ich, »daß sie beinah schon die Braut meines Onkels ist? Wenn Sie sie entführen, so begehen Sie gegen ihn ein schweres Unrecht; Sie entführen sie beinah am Tage vor der Hochzeit und entleihen obendrein von ihm das Geld, dessen Sie zur Vollbringung dieser Heldentat bedürfen!«

»Gerade hier kann ich Sie trefflich widerlegen!« rief Misintschikow eifrig. »Glauben Sie mir, ich hatte Ihren Einwand vorhergesehen. Aber erstens, und das ist die Hauptsache: Ihr Onkel hat ihr noch keinen Heiratsantrag gemacht; folglich brauche ich nicht zu wissen, daß man sie ihm zur Braut bestimmt hat; überdies bitte ich Sie zu beachten, daß ich diesen Plan schon vor drei Wochen entworfen habe, als ich von den hiesigen Absichten noch nichts wußte; daher bin ich in moralischer Hinsicht ihm gegenüber vollkommen im Recht, und strenggenommen mache nicht ich ihm, sondern er mir die Braut abspenstig, mit der ich (wohl zu beachten!) schon ein heimliches nächtliches Rendezvous im Pavillon gehabt habe. Und schließlich, erlauben Sie mal: waren nicht Sie selbst soeben empört darüber, daß Ihr Onkel gezwungen werden soll, Tatjana Iwanowna zu heiraten, und jetzt treten Sie auf einmal für diese Ehe ein und reden von einem der Familie angetanen Unrecht und von Ehrbeleidigung! Ganz im Gegenteil erweise ich Ihrem Onkel einen großen Dienst: ich rette ihn; das müssen Sie doch begreifen! Er hat einen starken Widerwillen gegen diese Heirat und liebt außerdem ein anderes Mädchen! Na, was würde denn Tatjana Iwanowna ihm für eine Frau sein? Und auch sie würde mit ihm unglücklich werden; denn (das werden Sie zugeben) man müßte ihr dann doch Schranken ziehen, damit sie nicht mit jungen Männern liebäugelt. Aber wenn ich sie bei Nacht entführe, dann kann keine Generalin und kein Foma Fomitsch den früheren Plan durchsetzen. Eine Braut, die kurz vor der Trauung davongelaufen ist, wieder zurückzuholen, ist doch gar zu ehrenrührig. Ist es also nicht ein Dienst, eine Wohltat, die ich Ihrem Onkel erweise?«

Ich muß gestehen, daß dieses letzte Argument starken Eindruck auf mich machte.

»Wie aber, wenn er ihr morgen einen Antrag macht?« sagte ich. »Dann würde es doch zur Ausführung Ihres Planes zu spät sein; sie wäre dann schon in aller Form seine Braut.«

»Natürlich wäre es dann zu spät! Aber darauf muß ich eben hinwirken, daß das nicht geschieht. Und gerade deshalb bitte ich um Ihren Beistand. Für mich allein ist das schwierig; aber beide zusammen werden wir die Sache nach Wunsch gestalten und es verhindern, daß Jegor Iljitsch ihr einen Antrag macht. Dies muß mit aller Gewalt hintertrieben werden; im äußersten Notfall müßte man sogar Foma Fomitsch durchprügeln und dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit ablenken, so daß man nicht mehr an eine Hochzeit denkt. Selbstverständlich nehme ich das nur für den äußersten Notfall in Aussicht und rede nur beispielsweise. Gerade in diesem Punkt hoffe ich auf Sie.«

»Noch eine letzte Frage: haben Sie niemandem außer mir von Ihrem Plan Mitteilung gemacht?«

Misintschikow kratzte sich im Nacken und schnitt eine sehr sauere Grimasse.

»Ich muß Ihnen gestehen«, antwortete er, »diese Frage berührt bei mir einen sehr wunden Punkt. Das ist eben das Malheur, daß ich von meinem Plan schon gesprochen habe . . . kurz, ich bin ein schauderhafter Dummkopf gewesen! Und was meinen Sie, mit wem ich darüber gesprochen habe? Mit Obnoskin! Ich kann es selbst kaum glauben. Ich begreife nicht, wie ich dazu gekommen bin! Er trieb sich immer hier herum; ich kannte ihn noch nicht genauer, und als die Inspiration über mich kam, war ich natürlich wie im Fieber; und da ich schon damals einsah, daß ich einen Gehilfen nötig haben würde, so wandte ich mich an Obnoskin . . . Es ist unverzeihlich, unverzeihlich!«

»Nun, und wie benahm sich Obnoskin?«

»Er erklärte sich mit Begeisterung einverstanden; aber am andern Tag frühmorgens war er verschwunden. Drei Tage darauf erschien er wieder, und zwar mit seiner Mama. Mit mir spricht er kein Wort und geht mir sogar aus dem Weg, als ob er vor mir Furcht hätte. Ich roch sofort Lunte. Seine Mama aber ist ein ganz durchtriebenes, mit allen Wassern gewaschenes Frauenzimmer; ich kenne sie noch von früher. Natürlich hat er ihr alles erzählt. Ich schweige und warte ab; sie spionieren herum, und die Situation ist jetzt ziemlich gespannt . . . Darum beeile ich mich auch.«

»Was befürchten Sie denn eigentlich von ihnen?«

»Viel Schaden werden sie mir allerdings nicht zufügen; aber daß sie irgend etwas Schändliches vorhaben, daran zweifle ich nicht. Sie werden Geld für ihr Schweigen und für ihre Beihilfe verlangen; darauf bin ich gefaßt . . . Aber viel kann und werde ich ihnen nicht geben; ich habe meinen Entschluß bereits gefaßt; mehr als dreitausend Rubel geben kann ich nicht. Urteilen Sie selbst: dreitausend denen; fünfhundert die Hochzeit (denn Ihrem Onkel muß ich die ganze Summe zurückzahlen); dann die alten Schulden; na, und meiner Schwester muß ich doch auch etwas geben, wenigstens etwas. Wieviel bleibt da noch von den Hunderttausend übrig? Das ist ja ein Elend! . . . Die Obnoskins sind übrigens weggefahren.«

»Weggefahren?« fragte ich lebhaft interessiert.

»Ja, gleich nach dem Tee. Hol sie der Teufel! Morgen aber, Sie werden sehen, sind sie wieder da. Nun also, wie steht es: sind Sie einverstanden?«

»Ich muß gestehen«, antwortete ich, mich hin und her windend, »ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist eine heikle Sache . . . Gewiß, ich werde alles geheimhalten; ich bin nicht so einer wie Obnoskin; aber . . . ich glaube, Sie dürfen nicht auf mich rechnen.«

»Ich sehe«, erwiderte Misintschikow, indem er sich von seinem Stuhl erhob, »daß Ihr Ärger über Foma Fomitsch und die Großmutter noch nicht den richtigen Grad erreicht hat und daß Sie, wenn Sie auch Ihren guten, braven Onkel lieben, doch noch nicht hinreichend einsehen, wie sehr man ihn quält. Sie sind hier eben noch neu . . . Aber nur Geduld! Wenn Sie morgen noch hier sind, so sehen Sie sich bitte die Dinge an, und am Abend werden Sie einwilligen. Sonst ist Ihr Onkel verloren – verstehen Sie? Die Verbündeten werden ihn jedenfalls zwingen, Tatjana Iwanowna zu heiraten. Vergessen Sie nicht, daß er ihr vielleicht morgen schon einen Heiratsantrag machen wird. Dann ist es zu spät; Sie sollten sich heute schon entschließen!«

»Wirklich, ich wünsche Ihnen allen Erfolg; aber Ihnen zu helfen . . . ich weiß doch nicht . . .«

»Ich weiß schon! Warten wir also bis morgen!« schloß Misintschikow spöttisch lächelnd. »La nuit porte conseil. Auf Wiedersehen! Ich werde morgen so früh wie möglich zu Ihnen kommen; überlegen Sie sich die Sache bis dahin! . . .«

Er drehte sich um und verließ, etwas vor sich hinpfeifend, das Zimmer. Ich ging fast unmittelbar nach ihm ebenfalls hinaus, um ein bißchen frische Luft zu atmen. Der Mond war noch nicht aufgegangen; die Nacht war dunkel, die Luft warm und schwül. Die Blätter an den Bäumen rührten sich nicht. Trotz meiner schrecklichen Müdigkeit wollte ich noch ein bißchen umhergehen, mich zerstreuen, mit meinen Gedanken zurechtkommen; aber ich war noch keine zehn Schritte weit gegangen, als ich auf einmal die Stimme meines Onkels hörte. Er stieg mit jemand die Stufen vor der Tür des Sommerhäuschens hinauf und redete außerordentlich lebhaft. Ich kehrte sogleich wieder um und rief ihn an. Der, mit dem er gesprochen hatte, war Widopljassow.

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