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Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner

Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorFjodor M. Dostojewski
titleDas Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
publisherInsel-Verlag, Leipzig
printrunErste Auflage
year1984
translatorHermann Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20061023
modified20170411
projectid04f2c54b
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IX

Seine Exzellenz

»Mein Freund! Alles ist zu Ende, alles ist entschieden!« sagte er in einer Art von tragischem Flüsterton.

»Lieber Onkel«, erwiderte ich, »ich habe ein seltsames Geschrei gehört.«

»Allerdings, lieber Freund, allerdings; es hat mancherlei Geschrei gegeben! Mama ist in Ohnmacht gefallen, und jetzt herrscht die größte Aufregung. Aber ich habe meinen Entschluß gefaßt und werde auf meinem Willen bestehen. Ich fürchte mich jetzt vor niemand mehr, lieber Sergej. Ich will ihnen zeigen, daß auch ich Charakterfestigkeit besitze, und ich werde es ihnen zeigen. Und darum habe ich extra dich rufen lassen, damit du mir behilflich bist, es ihnen zu zeigen . . . Mein Herz blutet, lieber Sergej . . . aber ich muß, ich bin verpflichtet, mit aller Strenge zu verfahren. Die Gerechtigkeit ist unerbittlich!«

»Aber was ist denn vorgefallen, lieber Onkel?«

»Ich werde mich von Foma trennen«, antwortete mein Onkel in entschlossenem Ton.

»Lieber Onkel!« rief ich entzückt, »auf einen besseren Gedanken konnten Sie überhaupt nicht kommen! Und wenn ich Ihnen irgendwie bei der Ausführung Ihres Entschlusses behilflich sein kann, so verfügen Sie vollständig über mich!«

»Ich danke dir, mein Lieber, ich danke dir! Aber jetzt ist alles bereits entschieden. Ich erwarte Foma; ich habe schon nach ihm geschickt. Entweder er oder ich! Wir müssen uns trennen. Entweder verläßt Foma morgen dieses Haus, oder (das schwöre ich!) ich lasse alles im Stich und trete wieder bei den Husaren ein! Man wird mich schon nehmen und mir wieder zwei Schwadronen geben. Schluß mit dieser ganzen Art der Lebensführung! Jetzt soll ein neues Leben beginnen! Wozu hast du da das französische Heft?« schrie er grimmig, indem er sich zu Gawrila wandte. »Weg damit! Verbrenne es, zertritt es mit den Füßen, zerreiße es! Ich bin dein Herr, und ich befehle dir, kein Französisch zu lernen. Du kannst und darfst mir nicht ungehorsam sein; denn ich bin dein Herr und nicht Foma Fomitsch!«

»Gott sei Dank!« murmelte Gawrila vor sich hin.

Die Sache hatte offenbar eine ernste Wendung genommen.

»Mein Freund«, fuhr der Onkel höchst gefühlvoll fort, »sie fordern Unmögliches von mir! Du sollst mein Richter sein; du stehst jetzt als unparteiischer Richter zwischen denen da und mir. Du weißt nicht, du weißt nicht, was man von mir verlangt und schließlich in aller Form mit dürren Worten gefordert hat! Aber das läuft der Menschenliebe, dem Anstandsgefühle, der Ehre zuwider . . . Ich werde dir alles erzählen; aber zuerst . . .«

»Ich weiß bereits alles, lieber Onkel!« rief ich, ihn unterbrechend. »Ich errate, was Sie sagen wollen . . . Ich habe soeben mit Nastasja Jewgrafowna gesprochen.«

»Mein Freund, jetzt kein Wort davon, kein Wort!« unterbrach er mich hastig und wie erschrocken. »Später werde ich dir alles selbst erzählen; aber einstweilen . . . Was soll das heißen?« schrie er den eintretenden Widopljassow an; »wo ist denn Foma Fomitsch?«

Widopljassow brachte die Meldung, Foma Fomitsch wolle nicht kommen; er finde die Forderung, daß er erscheinen solle, überaus ungehörig, so daß er sich dadurch sehr beleidigt fühle.

»Bring ihn her! Schleppe ihn her! Her mit ihm! Schleppe ihn mit Gewalt her!« schrie der Onkel und stampfte dabei mit den Füßen.

Widopljassow, der seinen Herrn noch nie so zornig gesehen hatte, zog sich erschrocken zurück. Ich war höchst erstaunt.

›Es muß sich doch um etwas sehr Wichtiges handeln‹, dachte ich, ›wenn ein Mensch mit solchem Charakter fähig ist, in einen derartigen Zorn zu geraten und solche Entschlüsse zu fassen.‹

Einige Minuten lang ging der Onkel schweigend im Zimmer auf und ab, wie wenn er mit sich selbst kämpfte.

»Zerreiße das Heft doch lieber nicht!« sagte er endlich zu Gawrila. »Warte damit noch und bleib selbst hier; ich brauche dich vielleicht noch. – Mein Freund«, fügte er, sich zu mir wendend, hinzu, »ich bin wohl soeben etwas zu sehr ins Schreien geraten. Man muß alles mit Würde und Mannhaftigkeit ausführen, aber ohne Geschrei und ohne Beleidigungen. Das ist das richtige. Weißt du was, lieber Sergej? Wäre es nicht besser, wenn du von hier weggingest? Dir kann es ja gleich sein; denn ich werde dir nachher doch alles selbst erzählen; nicht wahr? Wie denkst du darüber? Tu mir die Liebe; ich bitte dich darum.«

»Fürchten Sie sich, lieber Onkel? Bereuen Sie Ihren Entschluß?« fragte ich, indem ich ihn forschend ansah.

»Nein, nein, mein Freund; ich bereue meinen Entschluß nicht!« rief er mit verdoppelter Lebhaftigkeit. »Ich fürchte jetzt nichts mehr. Ich habe energische Maßnahmen ergriffen, die allerenergischsten! Du weißt nicht, du kannst dir nicht vorstellen, was man von mir verlangt hat! Bin ich denn wirklich verpflichtet, dazu ja zu sagen? Nein, ich habe mich dagegen aufgelehnt; ich werde ihnen zeigen, daß ich einen eigenen Willen habe; das werde ich ihnen zeigen! Irgendwann muß ich es ihnen doch zeigen! Aber weißt du, mein Freund, ich bereue es, daß ich dich habe rufen lassen: es würde Foma vielleicht sehr peinlich sein, wenn du sozusagen ein Zeuge seiner Erniedrigung würdest. Siehst du, ich will ihm das Haus verbieten, auf anständige Weise, ohne jede Demütigung. Aber freilich sage ich das nur so, daß ich es ohne Beleidigung tun will. Denn die Sache selbst, lieber Freund, ist doch von der Art, daß sie immer kränkend bleibt, wenn man auch honigsüße Redensarten dabei macht. Ich aber bin ein plumper Mensch, ohne Bildung, und werde mich am Ende in meiner Dummheit noch so verrennen, daß es mir selbst nachher leid tun wird. Er hat doch viel für mich getan . . . Geh fort, mein Freund! . . . Aber da führt ihn der Diener schon her! Lieber Sergej, ich bitte dich, geh hinaus! Ich werde dir nachher alles erzählen. Geh hinaus, um Gottes willen!«

Und der Onkel führte mich im selben Augenblick auf die Terrasse hinaus, als Foma ins Zimmer trat. Aber ich muß bekennen: ich ging nicht weg; ich beschloß, auf der Terrasse zu bleiben, wo es sehr dunkel war und man mich folglich vom Zimmer aus nicht leicht sehen konnte. Ich beschloß zu horchen!

Ich will mein Verhalten durch nichts zu entschuldigen suchen; aber das kann ich kühn sagen: damit, daß ich da, ohne die Geduld zu verlieren, eine halbe Stunde lang auf der Terrasse stand, habe ich meines Erachtens eine Großtat des Märtyrertums vollführt. Von meinem Platz aus konnte ich nicht nur gut hören, sondern auch gut sehen, da die Tür eine Glastür war. Jetzt bitte ich den Leser, sich Foma Fomitsch vorzustellen, dem befohlen worden war, zu erscheinen, unter Androhung von Gewalt, falls er sich weigerte.

»Sie haben mir gedroht, Oberst? Kann ich meinen Ohren trauen?« brüllte Foma, als er ins Zimmer trat. »Ist es mir richtig bestellt worden?«

»Jawohl, jawohl, Foma, beruhige dich!« antwortete mein Onkel mutig. »Setz dich hin; laß uns ernsthaft, freundschaftlich und brüderlich miteinander reden! Setz dich doch hin, Foma!«

Foma Fomitsch nahm feierlich auf einem Lehnstuhl Platz. Der Onkel ging mit schnellen ungleichmäßigen Schritten im Zimmer hin und her; offenbar wußte er nicht recht, wie er das Gespräch beginnen sollte.

»Ja, laß uns brüderlich miteinander reden!« wiederholte er. »Du wirst mich verstehen, Foma; du bist kein kleines Kind; ich bin ebenfalls kein kleines Kind – kurz, wir sind beide schon bei Jahren . . . Hm! Siehst du, Foma, wir stimmen in einigen Punkten nicht überein . . . ja gewiß, in einigen Punkten, und daher, Foma, wäre es daher nicht das beste, lieber Freund, wenn wir uns trennten? Ich bin überzeugt, daß du ein edler Mensch bist, daß du mir alles Gute wünschst, und daher . . . Aber wozu rede ich erst noch lange? Foma, ich werde mein Leben lang dein Freund sein, das schwöre ich dir bei allen Heiligen! Da sind fünfzehntausend Rubel in Silber; das ist alles, lieber Freund, was ich zur Verfügung habe; die letzten Reste habe ich zusammengekratzt und meine Angehörigen beraubt. Nimm es dreist hin! Ich fühle mich verpflichtet, deine Zukunft sicherzustellen. Hier ist es, fast alles in Lombardbilletts, nur sehr wenig Bargeld. Nimm es ohne Furcht! Du stehst dadurch nicht in meiner Schuld, da ich niemals imstande sein werde, dir alles zu vergelten, was du an mir getan hast. Ja, ja, gewiß, ich fühle das, obwohl wir jetzt in einem sehr wichtigen Punkt nicht einer Meinung sind. Morgen oder übermorgen . . . oder wann es dir recht ist . . . wollen wir uns trennen. Ziehe in unser Städtchen, Foma, es sind ja nur zehn Werst; da ist ein Häuschen hinter der Kirche, in der ersten Seitengasse, mit grünen Fensterläden, ein allerliebstes Häuschen; es gehört einer verwitweten Popenfrau; das ist wie für dich gebaut. Sie will es verkaufen. Ich werde es für dich kaufen, zusätzlich zu diesem Geld. Laß dich da in unserer Nähe nieder! Beschäftige dich mit der Literatur, mit den Wissenschaften: du wirst dir Ruhm erwerben . . . Die Beamten dort sind sämtlich anständig denkende, treuherzige, uneigennützige Menschen; der Protopope ist ein Gelehrter. An den Festtagen kommst du als Gast zu uns – und wir werden leben wie im Paradiese! Hast du Lust dazu?«

›Also unter solchen Modalitäten wird Foma weggejagt!‹ dachte ich bei mir. ›Von dem Geld hat mir der Onkel aber nichts gesagt.‹

Lange herrschte tiefes Schweigen. Foma saß wie betäubt auf seinem Lehnstuhl und blickte, ohne sich zu rühren, den Onkel an, dem unter diesem Schweigen und von diesem Blick offenbar unbehaglich zumute wurde.

»Geld!« sagte Foma endlich mit einer erkünstelt schwachen Stimme. »Wo ist es, wo ist dieses Geld? Geben Sie es her, geben Sie es schleunigst her!«

»Da ist es, Foma: die letzten Reste, genau fünfzehntausend Rubel, alles, was da war. Es sind Banknoten und Lombardbilletts – sieh selbst . . . da!«

»Gawrila! Nimm dieses Geld für dich«, sagte Foma sanft, »es kann dir von Nutzen sein, alter Mann. – Aber nein!« schrie er auf einmal, stieß dabei einen eigentümlichen kreischenden Ton aus und sprang vom Stuhl auf, »nein! Gib es wieder her, dieses Geld, Gawrila! Gib es her! Gib es her! Gib diese Millionen her, damit ich sie mit Füßen trete; gib sie her, damit ich sie zerreiße, bespeie, umherstreue, beschimpfe, entehre! . . . Mir, mir wagt man Geld anzubieten! Mich will man bestechen, damit ich dieses Haus verlasse! Habe ich wirklich richtig gehört? Muß ich auch noch die schlimmste Schmach erleben? Da, da sind sie, Ihre Millionen! Sehen Sie her: da, da, da und da! So handelt Foma Opiskin, wenn Sie das bisher noch nicht gewußt haben, Oberst!«

Und Foma verstreute sämtliche Geldscheine im Zimmer. Bemerkenswert war, daß er keinen der Scheine zerriß oder bespie, was tun zu wollen er sich gerühmt hatte; er zerknitterte sie nur ein wenig und auch das ziemlich vorsichtig. Gawrila sammelte eilig das Geld vom Fußboden auf und übergab es nachher, als Foma weg war, sorgsam seinem Herrn.

Fomas Handlungsweise versetzte den Onkel in einen richtigen Starrkrampf. Ohne sich bewegen und einen Gedanken fassen zu können, stand er jetzt mit offenem Mund da. Foma hatte inzwischen wieder auf seinem Lehnstuhl Platz genommen und keuchte wie in unbeschreiblicher Aufregung.

»Du bist ein erhabener Mensch, Foma!« rief der Onkel endlich, als er wieder zu sich gekommen war. »Du bist der edelste aller Sterblichen!«

»Das weiß ich«, erwiderte Foma mit matter Stimme, aber mit unbeschreiblicher Würde.

»Foma, verzeih mir! Ich habe mich dir gegenüber wie ein Schurke benommen, Foma!«

»Ja, das haben Sie getan«, bestätigte Foma.

»Foma, ich wundere mich nicht über deinen Edelmut«, fuhr mein Onkel ganz entzückt fort, »sondern darüber, wie ich nur so roh, blind und gemein sein konnte, dir Geld unter solchen Bedingungen anzubieten. Aber, Foma, in einem Punkte irrst du dich: ich wollte dich überhaupt nicht bestechen, dich nicht dafür bezahlen, daß du das Haus verläßt, sondern ich wollte ganz einfach, daß du Geld hast, um nicht in Not zu kommen, wenn du von mir fortgehst. Das schwöre ich dir! Ich bin bereit, dich auf den Knien, auf den Knien um Verzeihung zu bitten, Foma, und wenn du es verlangst, werde ich sogleich vor dir niederknien . . . du brauchst es nur zu verlangen . . .«

»Ich trage kein Verlangen danach, Sie vor mir knien zu sehen, Oberst! . . .«.

»Aber mein Gott, Foma, bedenke doch: ich war ja aufgeregt, bestürzt, ich war außer mir . . . Aber sprich doch, sage mir doch: wodurch vermag ich, wodurch bin ich imstande, diese Beleidigung wiedergutzumachen? Belehre mich, sprich dich aus . . .«

»Durch nichts, durch nichts, Oberst! Und seien Sie überzeugt, daß ich gleich morgen auf der Schwelle dieses Hauses den Staub von meinen Füßen schütteln werde.«

Und Foma schickte sich an, vom Lehnstuhl aufzustehen. Erschrocken stürzte der Onkel auf ihn zu und zwang ihn beinah mit Gewalt, sitzen zu bleiben.

»Nein, Foma, du wirst nicht fortgehen, sage ich dir!« rief der Onkel. »Rede nicht von Staub und Schuhen, Foma! Du wirst nicht fortgehen, oder ich werde dir nachgehen bis ans Ende der Welt und werde immer hinter dir hergehen, bis du mir verzeihst . . . Ich schwöre dir, Foma, das werde ich tun!«

»Ich soll Ihnen verzeihen? Sie bekennen sich schuldig?« erwiderte Foma. »Aber begreifen Sie denn auch, wodurch Sie sich gegen mich vergangen haben? Begreifen Sie auch, daß Sie sich jetzt gegen mich sogar dadurch vergangen haben, daß Sie mir hier das tägliche Brot gegeben haben? Begreifen Sie auch, daß Sie jetzt in einem einzigen Augenblick alle jene früheren Brotstücke, die ich in Ihrem Hause genossen, vergiftet haben? Sie haben mir soeben diese Brotstücke, jeden Bissen Brot, den ich hier verzehrt habe, zum Vorwurf gemacht; Sie haben mir jetzt gezeigt, daß ich in Ihrem Hause als Sklave, als Lakai, als Putzlappen Ihrer Lackstiefel angesehen worden bin! Und dabei habe ich in meiner Herzensreinheit bisher gedacht, ich nähme in Ihrem Hause die Stellung eines Freundes, eines Bruders ein! Haben Sie mir nicht selbst mit Ihren Schlangenworten tausendmal diese Brüderlichkeit versichert? Warum haben Sie dann heimlich diese Netze für mich geknüpft, in die ich mich in meiner Dummheit verstrickt habe? Warum haben Sie mir in der Dunkelheit diese Wolfsgrube gegraben, in die Sie mich jetzt selbst hineingestoßen haben? Warum haben Sie mich nicht lieber vorher mit einem einzigen Keulenschlage niedergestreckt? Warum haben Sie mir nicht gleich zu Anfang den Hals umgedreht wie einem Hahn, zur Strafe dafür . . . nun zum Beispiel zur Strafe dafür, daß er keine Eier legt? Ja, genauso ist es! Ich halte an diesem Vergleich fest, Oberst, obgleich er aus dem Provinzleben genommen ist und in der Trivialität seines Tons an die zeitgenössische Literatur erinnert; ich halte an ihm deshalb fest, weil in ihm die ganze Sinnlosigkeit Ihrer Beschuldigungen anschaulich wird; denn ich habe mich Ihnen gegenüber ebensowenig schuldig gemacht wie dieser supponierte Hahn, der dadurch, daß er keine Eier legte, das Mißvergnügen seines gedankenlosen Besitzers erregte! Ich bitte Sie, Oberst! Bezahlt man denn einen Freund oder Bruder mit Geld – und wofür? Das ist die Hauptfrage: wofür? Sie sagen gleichsam: ›Da, mein lieber Bruder! Ich bin in deiner Schuld; du hast mir sogar das Leben gerettet; da hast du einige Judassilberlinge; aber pack dich fort aus meinen Augen!‹ Wie naiv, wie plump Sie mit mir verfahren! Sie glaubten, ich dürstete nach Ihrem Golde, während ich doch nur den edlen Wunsch hegte, Ihr Wohl zu fördern. Oh, wie haben Sie mein Herz verwundet! Mit meinen edelsten Gefühlen haben Sie Ihr Spiel getrieben wie ein Knabe, der mit Pfeilen nach der Scheibe schießt! Schon lange, schon lange, Oberst, habe ich das alles vorhergesehen; das ist auch der Grund, weshalb ich schon seit langem an Ihrem Brote zu ersticken glaubte! Das ist der Grund, weshalb mich Ihre Daunenbetten erdrückten, ja, erdrückten, statt mir wohlzutun! Das ist der Grund, weshalb Ihr Zucker und Ihr Konfekt mir wie Cayennepfeffer schmeckten! Nein, Oberst! Leben Sie für sich allein; seien Sie für sich allein glücklich, und lassen Sie Foma seinen traurigen Weg mit dem Bettelsack auf dem Rücken dahinwandern! So soll es sein, Oberst!«

»Nein, Foma; nein! So soll es nicht sein; das darf nicht geschehen!« stöhnte mein Onkel, der völlig geknickt war.

»Doch, Oberst, doch! Genauso soll es werden, weil es so werden muß. Gleich morgen werde ich von Ihnen weggehen. Streuen Sie Ihre Millionen hin, bedecken Sie den ganzen Weg, die ganze Landstraße bis Moskau mit Banknoten – ich werde stolz und verächtlich über Ihre Banknoten hinwegschreiten; dieser Fuß hier, Oberst, wird diese Banknoten zertreten und beschmutzen, und Foma Fomitsch wird sich allein vom Adel seiner Seele sättigen! Ich habe es gesagt und bewiesen! Leben Sie wohl, Oberst! Leben – Sie – wohl, Oberst! . . .«

Und Foma schickte sich von neuem an, sich aus dem Lehnstuhl zu erheben.

»Verzeih mir, Foma, verzeih mir! Vergiß alles! . . .« rief mein Onkel in flehendem Ton.

»›Verzeih mir!‹ Wozu begehren Sie meine Verzeihung? Nun gut, nehmen wir an, daß ich Ihnen verzeihe; ich bin ein Christ; ich fühle mich verpflichtet zu verzeihen; ich habe Ihnen auch jetzt schon beinah verziehen. Aber sagen Sie selbst: ist es denn mit dem gesunden Menschenverstand und dem Seelenadel vereinbar, wenn ich jetzt auch nur eine Minute länger in Ihrem Hause bleibe? Sie haben mich ja hinausgejagt!«

»Es ist vereinbar, es ist vereinbar, Foma! Ich versichere dir, daß es vereinbar ist!«

»Es soll vereinbar sein? Aber sind wir denn jetzt etwa Gleichstehende? Begreifen Sie wirklich nicht, daß ich Sie mit meinem Edelmut sozusagen erdrückt habe und Sie sich selbst mit Ihrer unwürdigen Handlungsweise? Sie sind erniedrigt worden und ich erhöht. Wo bleibt da die Gleichheit? Und ist Freundschaft ohne solche Gleichheit denn möglich? Ich sage das, indem ich einen schmerzlichen Klageruf ausstoße, nicht etwa triumphierend und mich über Sie hochmütig erhebend, wie Sie vielleicht denken.«

»Aber auch ich selbst stoße einen schmerzlichen Klageruf aus, Foma; ich versichere dir . . .«

»Und das ist nun derselbe Mensch«, fuhr Foma fort und änderte seinen strengen Ton in einen salbungsvollen, »das ist nur derselbe Mensch, um dessentwillen ich so oft nachts nicht schlafen konnte! Wie oft bin ich in schlaflosen Nächten vom Bett aufgestanden, habe das Licht angezündet und mir gesagt: ›Jetzt schläft er ruhig im Vertrauen auf dich. Aber du, Foma, schlafe nicht; vielleicht ersinnst du noch etwas zum Wohl dieses Menschen.‹ So dachte Foma in seinen schlaflosen Nächten, Oberst! Und so vergilt es ihm dieser Oberst! Aber genug davon, genug davon! . . .«

»Aber ich werde mir deine Freundschaft von neuem verdienen, Foma; das schwöre ich dir!«

»Wollen Sie das? Aber wo ist die Garantie dafür? Als Christ verzeihe ich Ihnen und werde Sie sogar wieder lieben; aber als Mensch, als edler Mensch, werde ich Sie unwillkürlich verachten. Dazu bin ich im Namen der Sittlichkeit verpflichtet und gezwungen, weil Sie (ich wiederhole es Ihnen) sich selbst verunehrt haben, ich aber eine sehr edle Tat ausgeführt habe. Nun, wer von Ihresgleichen würde eine ähnliche Tat ausführen? Wer von Ihnen würde auf eine so gewaltige Geldsumme verzichten, auf die doch der arme, von allen verachtete Foma aus Liebe zum Großen und Erhabenen verzichtet hat? Nein, Oberst, um sich mit mir gleichstellen zu können, müssen Sie jetzt eine ganze Reihe von großen Taten vollbringen. Zu welcher Großtat aber sind Sie fähig, da Sie ja nicht einmal ›Sie‹ zu mir wie zu einem Gleichgestellten sagen können, sondern mich wie einen Diener duzen?«

»Foma, aber ich habe doch zu dir aus Freundschaft ›du‹ gesagt!« wehklagte der Onkel. »Ich habe nicht gewußt, daß dir das unangenehm ist . . . Mein Gott! Aber wenn ich nur gewußt hätte . . .«

»Sie«, fuhr Foma fort, »Sie, der Sie mir nicht einmal die geringste, unbedeutendste Bitte erfüllen konnten oder, richtiger gesagt, erfüllen wollten, als ich Sie bat, mich wie einen General mit ›Exzellenz‹ anzureden . . .«

»Aber Foma, das wäre doch sozusagen ein Attentat auf die höchste Gewalt, Foma!«

»Ein Attentat auf die höchste Gewalt! Da haben Sie nun so eine Bücherphrase auswendig gelernt und wiederholen sie ständig wie ein Papagei! Aber wissen Sie auch, daß Sie mich durch Ihre Weigerung, mich ›Exzellenz‹ zu nennen, beschimpft und entehrt haben? Denn da Sie die Gründe meiner Forderung nicht begriffen, so stellten Sie mich als einen launischen Dummkopf hin, der fürs Irrenhaus reif sei: das war die Entehrung! Nun, ich begreife natürlich selbst, daß es lächerlich sein würde, wenn ich im Ernst den Titel ›Exzellenz‹ haben wollte, ich, der ich all diese Rangstufen und irdischen Würden verachte, die an sich wertlos sind, wenn die Tugend sie nicht in ihre Strahlen taucht. Nicht für eine Million nehme ich den Generalsrang an ohne die Tugend. Aber trotzdem hielten Sie mich für einen Wahnsinnigen! Ihrem persönlichen Nutzen brachte ich mein Ehrgefühl zum Opfer und ließ es zu, daß Sie, Sie mich für einen Wahnsinnigen halten konnten, Sie und Ihre ›Gelehrten‹! Einzig und allein, um Ihren Verstand zu erleuchten, Ihr Gefühl für Moral zu entwickeln und Sie mit den Strahlen neuer Ideen zu bescheinen, entschloß ich mich dazu, von Ihnen die Anrede ›Exzellenz‹ zu verlangen. Ich wollte eben, daß Sie in Zukunft die Generale nicht für die höchsten Leuchten auf dem ganzen Erdball halten sollten; ich wollte Ihnen beweisen, daß Rang ohne Seelengröße ein Nichts ist und daß Sie keinen Anlaß hatten, sich über die Ankunft Ihres Generals zu freuen, während es doch vielleicht auch in Ihrer nächsten Nähe Menschen gibt, die von der Tugend hellen Strahlen umgeben sind! Aber Sie haben beständig mir gegenüber mit Ihrem Rang als Oberst so großgetan, daß es Ihnen nun schwer wurde, mich ›Exzellenz‹ zu nennen. Das war der Grund! Da ist der Grund zu suchen und nicht in der Befürchtung, daß Sie damit ein Attentat auf irgendwelche höhere Ordnungen begehen würden! Der ganze Grund lag darin, daß Sie Oberst sind und ich bloß Foma . . .«

»Nein, Foma, nein! Ich versichere dir, daß es nicht so ist. Du bist ein Gelehrter; du bist nicht bloß Foma . . . ich schätze dich hoch . . .«

»Sie schätzen mich hoch! Nun gut! Dann sagen Sie mir doch, wenn Sie mich hochschätzen, wie Sie darüber denken: bin ich des Generalsranges würdig oder nicht? Antworten Sie gerade heraus und ohne zu zaudern: bin ich seiner würdig oder nicht? Ich will Ihren Verstand, Ihre geistige Entwicklung prüfen.«

»Für deine Ehrenhaftigkeit, für deine Uneigennützigkeit, für deinen Verstand, für deinen hohen Seelenadel hast du ihn verdient!« antwortete der Onkel stolz.

»Aber wenn ich seiner würdig bin, warum wollen Sie mich dann nicht ›Exzellenz‹ nennen?«

»Meinetwegen, Foma, ich will dich so nennen . . .«

»Ich verlange es! Und ich verlange es jetzt, Oberst; ich bestehe darauf und verlange es! Ich sehe, wie peinlich es Ihnen ist, und ebendarum verlange ich es. Dieses Opfer von Ihrer Seite wird der erste Schritt auf dem Wege Ihrer Großtaten sein; denn (vergessen Sie das nicht!) Sie müssen eine ganze Reihe von großen Taten ausführen, um die Gleichstellung mit mir zu erlangen; Sie müssen sich selbst überwinden; erst dann werde ich Ihnen Ihre Aufrichtigkeit glauben . . .«

»Gleich morgen werde ich zu dir ›Exzellenz‹ sagen, Foma.«

»Nein, nicht erst morgen, Oberst; morgen versteht es sich von selbst. Ich fordere, daß Sie jetzt, sofort zu mir ›Exzellenz‹ sagen.«

»Nun gut, Foma, ich bin dazu bereit . . . Aber wie soll ich denn das so ohne weiteres jetzt gleich machen, Foma?«

»Warum denn nicht jetzt gleich? Schämen Sie sich etwa? Wenn Sie sich schämen, wäre das eine Beleidigung für mich.«

»Nun ja, meinetwegen, Foma, ich bin dazu bereit . . . ich bin sogar stolz darauf . . . Aber, Foma, wie kann ich denn so mir nichts dir nichts sagen: ›Guten Tag, Exzellenz?‹ Das geht doch nicht . . .«

»Nein, nicht ›Guten Tag, Exzellenz‹; das klingt beleidigend; das sieht wie ein Spaß, wie eine Posse aus. Solche Späße mit mir kann ich nicht gestatten. Besinnen Sie sich, mit wem Sie reden, besinnen Sie sich sofort, mit wem Sie reden, Oberst! Ändern Sie Ihren Ton!«

»Du machst doch nicht etwa Spaß, Foma?«

»Erstens sollen Sie zu mir nicht ›du‹, sondern ›Sie‹ sagen, Jegor Iljitsch, vergessen Sie das nicht; und zweitens nicht Foma, sondern Foma Fomitsch.«

»Weiß Gott, Foma Fomitsch, das will ich sehr gern tun! Mit der größten Freude . . . Aber was soll ich denn nun sagen?«

»Sie genieren sich, zu dem, was Sie sagen, hinzuzufügen: ›Exzellenz‹; das ist ja begreiflich. Es ist sogar verzeihlich, namentlich wenn jemand (um mich höflich auszudrücken) kein Schriftsteller ist. Nun, ich will Ihnen behilflich sein, wenn Sie kein Schriftsteller sind. Sprechen Sie mir nach: ›Exzellenz‹!«

»Na, ›Exzellenz‹.«

»Nein, nicht: ›Na, Exzellenz‹, sondern einfach: ›Exzellenz!‹ Ich sage Ihnen, Oberst: ändern Sie Ihren Ton! Auch hoffe ich, daß Sie sich nicht beleidigt fühlen werden, wenn ich Ihnen vorschlage, eine leichte Verbeugung zu machen und den Oberkörper etwas nach vorn geneigt zu halten; es ist dies ein Ausdruck des Respektes und der Bereitwilligkeit, sozusagen zu fliegen, um die erteilten Aufträge auszuführen. Ich selbst habe mich viel in der Gesellschaft von Generalen bewegt und weiß mit all diesen Dingen Bescheid . . . Nun also: ›Exzellenz‹.«

»Exzellenz . . .«

»›Wie unaussprechlich freue ich mich, daß ich endlich eine Gelegenheit habe, Sie um Verzeihung dafür zu bitten, daß ich nicht gleich von vornherein Euer Exzellenz edles Herz erkannt habe. Ich wage es, zu versichern, daß ich in Zukunft meine schwachen Kräfte mit allem Eifer für das Gemeinwohl anstrengen werde . . .‹ Nun, das mag für Sie genug sein!«

Der arme Onkel! Er mußte diesen ganzen Unsinn Satz für Satz und Wort für Wort wiederholen! Ich stand da und errötete wie schuldbewußt. Die Wut erstickte mich beinahe.

»Nun, fühlen Sie jetzt nicht«, fuhr der Folterer fort, »daß Ihnen auf einmal leichter ums Herz geworden ist, wie wenn ein Engel in Ihre Seele herniedergeschwebt wäre? Fühlen Sie die Gegenwart dieses Engels? Antworten Sie mir!«

»Ja, Foma, es ist mir tatsächlich etwas leichter geworden«, antwortete mein Onkel.

»Wie wenn Ihr Herz nach dem Sieg, den Sie über sich selbst davongetragen haben, sozusagen in Öl getaucht worden wäre!«

»Ja, Foma, es ging wirklich wie mit Butter geschmiert.«

»Wie mit Butter geschmiert? Hm! . . . Von Butter habe ich doch nichts zu Ihnen gesagt . . . Nun, aber ganz egal! Da sieht man, was das Bewußtsein erfüllter Pflicht tut, Oberst! Besiegen Sie sich selbst! Sie sind egoistisch, außerordentlich egoistisch!«

»Ich bin egoistisch, Foma, das sehe ich«, antwortete mein Onkel mit einem Seufzer.

»Sie sind ein Egoist, ja sogar ein schrecklicher Egoist . . .«

»Ein Egoist, das bin ich, das ist wahr, Foma, und ich sehe es ein; seit ich dich kennengelernt habe, ist mir auch das zum Bewußtsein gekommen.«

»Ich will jetzt zu Ihnen wie ein Vater, wie eine zärtliche Mutter reden: Sie stoßen alle Menschen von sich weg und vergessen, daß, wie man zu sagen pflegt, ein sanftes Kalb an zwei Müttern saugt.«

»Auch das ist richtig, Foma.«

»Sie sind plump. Sie wollen sich in so plumper Manier in das Herz anderer Menschen eindrängen, suchen in so egoistischer Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, daß ein ordentlicher Mensch vor Ihnen bis ans Ende der Welt fliehen möchte!«

Der Onkel seufzte noch einmal tief.

»Seien Sie zarter, aufmerksamer, liebenswürdiger gegen andere; vergessen Sie sich selbst um anderer willen; dann werden die andern auch an Sie denken. Leben und leben lassen, das ist mein Grundsatz! Dulde, mühe dich, bete und hoffe – das sind die Weisheitsregeln, die ich der ganzen Menschheit tief einprägen möchte! Befolgen Sie diese Regeln, und ich werde der erste sein, der Ihnen sein Herz aufschließt und an Ihrer Brust weint . . . wenn es nötig sein sollte . . . Bisher hat es bei Ihnen immer nur geheißen: ›Ich und ich und meine werte Person!‹ Aber Ihre werte Person wird einem schließlich direkt zum Ekel, mit Verlaub zu sagen.«

»Nein, wie süß und glatt der Mensch redet!« sagte Gawrila in andächtiger Bewunderung.

»Das ist wahr, Foma; ich fühle all das selbst«, stimmte ihm mein Onkel ganz gerührt zu. »Aber es ist nicht alles bloß meine Schuld, Foma; ich bin nun einmal so erzogen worden und habe unter Soldaten gelebt. Aber ich schwöre dir, Foma: auch ich bin nicht jeder Empfindung bar gewesen. Als ich von meinem Regiment Abschied nahm, da haben alle Husaren, meine ganzen beiden Schwadronen, geradezu geweint; sie sagten, so einen wie mich bekämen sie nie wieder! . . . Ich dachte damals, daß auch ich vielleicht kein ganz schlechter Mensch sei.«

»Wieder ein egoistischer Zug! Wieder ertappe ich Sie bei der Selbstsucht! Sie brüsten sich und machen mir so en passant einen Vorwurf aus den Tränen Ihrer Husaren. Warum brüste ich mich denn mit niemandes Tränen? Und doch hätte ich Anlaß dazu, hätte ich vielleicht Anlaß dazu.«

»Das ist mir nur so rausgerutscht, Foma; ich konnte mich nicht beherrschen; ich dachte an die alte gute Zeit.«

»Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir schaffen sie selbst; sie liegt in unserm Herzen eingeschlossen, Jegor Iljitsch. Warum bin ich denn immer glücklich und trotz aller Leiden zufrieden und seelenruhig und bei allen beliebt, mit Ausnahme der Dummköpfe und der Gelehrten, die ich allerdings nicht schone und nicht schonen will. Ich kann diese Dummköpfe nicht leiden! Und was ist denn dran an diesen Gelehrten? Da sagt man: ›Ein Mann der Wissenschaft!‹ Aber seine Wissenschaft ist weiter nichts als Flunkerei und Schwindel. Na, was hat Ihr Neffe denn vorhin geredet? Bringen Sie ihn einmal her! Bringen Sie alle Gelehrten her! Ich kann alles widerlegen; alle ihre Thesen kann ich widerlegen! Ich rede gar nicht einmal vom Adel der Seele . . .«

»Gewiß, Foma, gewiß. Wer zweifelt daran?«

»Vorhin zum Beispiel bewies ich Verstand, Talent, eine kolossale Belesenheit, Kenntnis des Menschenherzens, Kenntnis der zeitgenössischen Literatur, und zeigte in glänzender Weise, wie sich unter den Händen eines talentvollen Menschen sogar aus so einem Komarinski-Tanze ein hohes Gesprächsthema entwickeln kann. Und was geschah? Verstand es auch nur einer von ihnen, mich gebührendermaßen zu würdigen? Nein, sie wandten sich ab! Ich bin davon überzeugt, daß Ihr Neffe Ihnen bereits gesagt hat, ich sei ein unwissender Mensch. Und doch hat vielleicht ein Machiavelli in eigener Person oder ein Mercadante vor ihm gesessen, dessen einziger Fehler es ist, arm und unbekannt zu sein . . . Nein, das soll ihnen nicht so durchgehen! . . . Da höre ich noch von einem gewissen Korowkin. Was ist das für ein Rindvieh?«

»Das ist ein verständiger Mensch, Foma, ein Mann der Wissenschaft . . . Ich erwarte ihn. Das wird gewiß ein guter Mensch sein, Foma.«

»Hm! Ich bezweifle es. Wahrscheinlich so ein moderner Esel, der mit Büchern beladen ist. Diese Leute haben keine Seele, Oberst, kein Herz! Und was ist die Gelehrsamkeit wert ohne Tugend?«

»Nein, Foma, nein! Wie hat er über das Glück des Familienlebens gesprochen! Das Herz geht einem ordentlich dabei auf, Foma!«

»Hm! Wir wollen sehen; wir wollen auch diesen Korowkin examinieren. Aber nun genug!« schloß Foma und erhob sich von dem Lehnstuhl. »Ich kann Ihnen noch nicht vollständig verzeihen, Oberst; die Beleidigung war gar zu arg; aber ich werde beten, und vielleicht wird Gott meinem gekränkten Herzen Frieden senden. Wir werden morgen noch weiter darüber reden; jetzt aber wollen Sie mir gestatten, mich zu entfernen. Ich bin müde und matt geworden . . .«

»Ach, Foma!« rief der Onkel besorgt. »Das mußte dich ja auch ermüden! Weißt du was? Willst du dich nicht ein bißchen stärken, einen kleinen Imbiß zu dir nehmen? Ich werde sogleich etwas kommen lassen.«

»Einen Imbiß zu mir nehmen! Ha-ha-ha! Einen Imbiß zu mir nehmen!« erwiderte Foma, verächtlich lachend. »Zuerst wird man mit Gift getränkt und dann gefragt, ob man nicht etwas essen will. Die dem Herzen geschlagenen Wunden sollen mit gesalzenen Pilzen oder eingemachten Äpfeln geheilt werden! Was sind Sie für ein kläglicher Materialist, Oberst!«

»Ach, Foma, ich habe es doch wahrhaftig nur in bester Absicht gesagt . . .«

»Nun gut; genug davon! Ich gehe. Sie aber sollten sofort zu Ihrer Mutter gehen; fallen Sie ihr zu Füßen, weinen und schluchzen Sie, und bitten Sie sie um Verzeihung; das ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit.«

»Ach, Foma, ich habe die ganze Zeit über daran gedacht; sogar jetzt, während ich mit dir sprach, mußte ich daran denken. Gern will ich die ganze Nacht über vor ihr auf den Knien liegen. Aber bedenke doch, Foma, was man von mir verlangt! Das ist doch ungerecht; das ist doch grausam, Foma! Setze deiner Großmut die Krone auf, mache mich vollkommen glücklich, überlege, entscheide, und dann . . . dann . . . ich schwöre dir! . . .«

»Nein, Jegor Iljitsch, nein, das ist nicht meine Sache«, erwiderte Foma. »Sie wissen, daß ich mich in diese Angelegenheit nicht einmische; das heißt, Sie sind allerdings wohl davon überzeugt, daß ich der Anstifter von alledem bin; aber ich versichere Ihnen: von Anfang an habe ich mich davon vollständig ferngehalten. Dabei ist einzig und allein der Wille Ihrer Mutter von Belang, und diese wünscht selbstverständlich Ihr Bestes . . . Gehen Sie hin, eilen, fliegen Sie zu ihr, und bringen Sie die Situation durch Ihren Gehorsam in Ordnung! . . . Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen! Ich aber . . . ich werde die ganze Nacht für Sie beten. Ich weiß schon seit langer Zeit nicht mehr, was Schlaf ist, Jegor Iljitsch. Gute Nacht! Ich verzeihe auch dir, Alter«, fügte er, an Gawrila gewandt, hinzu. »Ich weiß, daß das, was du tatest, nicht auf deinem Mist gewachsen war. Verzeih auch du mir, wenn ich dich, gekränkt habe! . . . Gute Nacht euch beiden, der Herr segne euch! . . .

Foma ging hinaus. Ich stürzte sogleich ins Zimmer.

»Du hast gelauscht?« rief mein Onkel.

»Ja, lieber Onkel, ich habe gelauscht! Und Sie, Sie haben es fertiggebracht, zu ihm ›Exzellenz‹ zu sagen! . . .«

»Was sollte ich tun, lieber Freund? Ich bin sogar stolz darauf . . . Das ist noch keine Großtat; aber er, was für ein edler, uneigennütziger, großartiger Mensch ist er, Sergej. Aber du hast es ja gehört . . . Und wie konnte ich es nur mit diesem Geld versuchen; das verstehe ich einfach nicht! Mein Freund, ich war erregt, ich war ergrimmt; ich verstand ihn nicht; ich hatte ihn im Verdacht; ich beschuldigte ihn . . . Aber nein! Er konnte nicht mein Gegner sein; das sehe ich jetzt ein . . . Und erinnerst du dich wohl, was für einen edlen Ausdruck sein Gesicht zeigte, als er das Geld zurückwies?«

»Gut, lieber Onkel, seien Sie so stolz, wie es Ihnen beliebt; ich aber werde abreisen: meine Geduld ist zu Ende! Zum letzten Mal bitte ich Sie, mir zu sagen: was verlangen Sie von mir? Warum haben Sie mich hierher gerufen, und was erwarten Sie von mir? Und wenn nun alles erledigt ist und ich Ihnen nicht von Nutzen sein kann, dann werde ich abreisen. Ich kann solche Szenen nicht ertragen! Noch heute werde ich abreisen!«

»Mein Freund . . .«, entgegnete der Onkel in seiner eifrigen, hastigen Art, »warte nur noch zwei Minuten! Ich werde jetzt zur Mama gehen . . . dort muß ich die Sache zu Ende bringen . . . es ist eine große, wichtige, ungeheuer wichtige Sache! Du aber geh unterdessen auf dein Zimmer! Gawrila hier wird dich zum Sommerhäuschen führen. Du kennst doch das Sommerhäuschen noch? Es liegt mitten im Garten. Ich habe schon das Nötige angeordnet, und dein Koffer ist auch vom Zwischengeschoß dorthin gebracht worden. Ich aber will dorthin gehen, mir Verzeihung erbitten, einen Entschluß fassen (ich weiß jetzt, wie ich es machen muß) und dann sofort zu dir zurückkommen und dir alles, alles, alles bis auf das letzte Tüpfelchen erzählen und dir mein ganzes Herz ausschütten. Und . . . und . . . und es werden auch für uns einmal glückliche Tage kommen! Zwei Minuten, nur zwei Minuten, Sergej!«

Er drückte mir die Hand und ging eilig hinaus. Es blieb mir nichts anderes übrig: ich mußte mich mit Gawrila auf den Weg machen.

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