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Das grüne Haus

Paula Dehmel: Das grüne Haus - Kapitel 9
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas grüne Haus
authorPaula Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherHermann Schaffstein Verlag
addressKöln
titleDas grüne Haus
pages3-5
created20041124
sendergerd.bouillon
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Vom verkehrten Peter

In einem Lande, in dem die Scheunen brennen, wenn man sie ansteckt, und die Menschen zornig werden, wenn man sie ärgert, lebte einmal ein Junge, der Peter hieß. Er hatte rote Backen und stramme Beine, unterschied sich also nicht sichtbarlich von allen andern Petern; aber er war verhext. Wer ihn verhext hatte, wußte er nicht, und der Schulmeister, der sonst ein tüchtiger Mann war und das Lineal nicht bloß zum Linienziehen gebrauchte, wußte es auch nicht. Verhext war er aber ganz gewiß; das konnte jedermann bei helligtem Tage sehen, ohne erst die Laternen anzustecken.

Wenn er nämlich so recht von Herzen was sagen wollte, kam das Gegenteil aus ihm heraus, platzte in die erstaunte Welt wie eine Granate in die Kochschüssel und trug dem Peter manchen Puff und manch ärgerliches Dreinschauen ein; manchmal freilich auch eine gute Miene und einen dankbaren Blick, wie es sich gerade traf.

Ich will euch ein paar handliche Beispiele erzählen, damit ihr nicht etwa glaubt, ich wolle hier mit Lügen aufwarten, wie weiland der selige Herr von Münchhausen, oder euch an der Nase herumführen, wie der berühmte Meister Till Eulenspiegel gern tat. Das sollt ihr nicht glauben, also hört!

Als unser Peter noch ein kleiner Hosenmatz war, so ein schmächtiges Kerlchen, das kaum richtig sprechen konnte, kam einst der Landesherr durch seine Vaterstadt, und Peter durfte ihm den Wagenschlag aufmachen. Der Gnädige neigte sich zu dem Jungen, kniff ihn mit der rechten Hand in die Backe, langte mit Daumen und Zeigefinger der Linken in die Westentasche und fragte ihn leutselig: »Bist auch immer fein manierlich und brav?« »Nö,« sagte der Peter und wurde puterrot, »ich bin der Ruppigst' in der ganzen Stadt, fragt nur den Vater;« und damit machte er kehrt und lief davon wie ein aus dem Kohl gejagter Hase. Den silbernen Henkeltaler bekam nun der Pfarrergustav, und Peter stand am Ententeich, machte eine Faust und spuckte vor Wut immer ins Wasser.

Gab ihm seine Mutter einen Apfel, so biß er herzhaft hinein, denn im Garten wuchsen gute Sorten, und der Peter war ein Feinschmecker, der lieber einen Grafensteiner aß, als hungrig zu Bett ging. Wurde er aber gefragt: »Peter, magst einen Apfel?« so sagte der Junge gewißlich »nö, mag keinen« und sah hernach mit langem Gesicht zu, wie Schwester Grete hintereinander zwei Äpfel aß, denn sie bekam dann seinen dazu.

Einmal hatte er etwas Ernstliches ausgefressen, und eine Tracht Prügel stand in bedrohlicher Nähe. Herzlich gern hätte er dem Vater abgebeten und dadurch vielleicht den Stock in der Schrankecke festgehalten; statt dessen sagte er: »Schlag man zu, Vater, es kann gar nicht toll genug kommen;« – und nun bekam er die doppelte Ladung.

Solche Streiche spielte dem Peter sein verhextes Maulwerk noch oft; – ich denke aber, ich habe euch nun genug Beispiele erzählt, sonst komme ich vor lauter Beispielen nicht zu meiner Geschichte, und das wäre doch schade.

Ja, als der Peter merkte, daß es mit dem Bösen in ihm nicht besser wurde, trotzdem er nun schon ein großer Junge war und lange Hosen trug, beschloß er, in die Welt zu gehn und sein dummes Mundwerk kurieren zu lassen. Vielleicht gab es irgendwo einen Doktor, der ihn für gute Worte oder andere Dienste davon erlösen konnte. Vielleicht machte er auch sonstwie sein Glück, man konnte ja nicht wissen. Aber recht stattlich wollte er in die Fremde ziehn; darum schloß er seine Patenbüchse auf und kaufte sich eine goldbraune Sammetjacke mit gelben Troddeln dran und eine dazu passende Mütze. Dann lieh er sich beim Posthalter einen leibhaftigen Schimmel mit einer grünen Schabracke, steckte seine Mundharmonika in die Tasche und ritt stolz vor seines Vaters Haus, um Abschied zu nehmen.

Die Mutter weinte vor Rührung und Wohlgefallen in den rechten, und Grete in den linken Schürzenzipfel, als sie ihren Peter so stattlich und hoch zu Roß sahen, und der Vater paffte aus seiner Pfeife doppelt soviel Rauchwolken als sonst und sagte: »Jung, laß dir deinen bösen Mund austreiben, sei ein rechter und braver Kerl, sieh aber zu, daß du ein paar Taler ins Hosenfutter nähst, arme Schlucker gibt's schon genug im Lande!« »Hol euch alle der Kuckuck,« sagte der Peter, ihm war aber ganz anders zumute, denn er drehte sich um und schnaubte sich die Nase recht kräftig aus, um die Tränen nicht sehn zu lassen, die ihm über die Backen kluckerten. »Hol euch der Kuckuck!« sagte er und ritt davon.

Es war eine lustige Welt, in die er hineinritt, denn es war Frühling. Alles schien zu lachen; die Sonne, die Wiesen, die Vögel; selbst der Bach plinkerte wie einer, der vor Vergnügen die Augen zukneift.

So kam es, daß Peter auch lachte und den Abschied und die Hexerei über all dem Lachen und Freuen bald vergaß. Er nahm seine Mundharmonika aus der Tasche und blies ein lustiges Stückchen. Das klang so vergnügt, daß die Mäuse aus den Löchern guckten und ihre durchsichtigen Öhrlein spitzten. Sogar die mürrischen Maulwürfe steckten die Nase aus der Erde und vergaßen für eine Weile die fetten Engerlinge, die sie gern zum Frühstück essen wollten. Mücken und Fliegen tanzten zu seiner Musik, und der Wind pfiff die zweite Stimme dazu; wie gesagt, es war eine lustige Reise!

Als er an ein junges Saatfeld kam, wollte er seinem Pferde eine Freude machen, stieg ab und ließ es grasen. Er selbst ging pfeifend und mit den Händen in den Hosentaschen dem nahen Walde zu. Da hatte er einen gar merkwürdigen Anblick. Ein Subjekt saß auf einem umgefallenen Baum, winselte und stöhnte und hielt sich seinen magren Bauch. Das Subjekt hatte Pferdefüße und Hörner; da wußte der Peter gleich aus seinen Büchern, daß es der Teufel sei. Das Fürchten war aber seine Sache nicht, und so ging er grade auf den Teufel los. Mach, daß du fortkommst, Sohn der Hölle, wollte er sagen, sagte aber so ziemlich das Gegenteil, nämlich: » bon jour, lieber Teufel, fehlt dir was, daß du so jammervolle Fratzen schneidest?«

Der Teufel, der an keine Freundlichkeiten dieser Welt gewohnt war, sah ihn überrascht an, faßte aber schnell Zutrauen, denn er gehörte zu den gutmütigen Teufeln, und klagte Peter sein Leid. Er hatte gestern bei der Feuertaufe eines kleinen Teufelsjungen, bei der es hoch hergegangen war, denn die Familie war von altem Adel, siebenundfünfzig Feuersalamander gegessen, die in der Hölle als größte Delikatesse gelten. Sie waren in der Hexenküche vorzüglich zubereitet und mit gespickten Regenwürmern und Schlangensalat köstlich angerichtet worden. Es war aber des Guten zuviel gewesen, er hatte schreckliches Bauchweh und einen höllischen Durst davon bekommen. Da war er auf die Erde gestiegen, um Wasser zu trinken, was in der Hölle ein rares Ding ist, konnte aber vor Schmerzen nicht weiter und bat Peter flehentlich um Hilfe.

Dem wackelte das Herz ein paar Augenblicke hin und her; er dachte, was wohl der Herr Pfarrer dazu sagen würde, und ob Christenpflicht auch dem Teufel gegenüber am Platze sei; aber schließlich lief er doch an die Satteltasche, in der er ein Fläschchen mit Trinkwasser aufbewahrte, und brachte dem höllischen Patienten auch noch von den guten Baldriantropfen, die das Mütterchen für alle Fälle hineingesteckt hatte.

Der Teufel schleckte wie eine halbverhungerte Katze, der man Milch gibt und war bald gesund, denn er besaß eine gute Natur; wie denn die Teufel überhaupt leider eine zähe und lebendige Art haben. Er reckte sich vor Behagen, strich Fell und Schwanz zurecht und schenkte dem Peter eine von seinen Hahnenfedern. Er sollte sie gut aufheben, sagte er, damit könne man die wunderbarlichsten Dinge schreiben, ohne sich lange anzustrengen; Dinge, die man gar nicht verstünde, die aber hochgelehrt wären; Dinge von großer Wichtigkeit, die die Armen reich, die Reichen arm, die Dummen klug und die Klugen dumm machen könnten. Man müßte aber beim Schreiben stets die linke Hand gebrauchen; mit der rechten könne man mit dieser Feder immer nur seine eigenen Sünden aufschreiben, man möge wollen oder nicht.

Der Peter spitzte die Ohren und wollte gern alles noch genauer erfahren, aber der Teufel schien es eilig zu haben; er machte nach dieser Rede einen Kratzfuß, fuhr ab und ließ den verdutzten Peter stehn, der fast ein Loch in den Erdboden stierte, als er den seltsamen Gesellen so im Handumdrehen verschwinden sah. Er hätte gar zu gern noch einiges Interessante aus dem Teufel herausgekriegt, wie es z. B. in der Hölle aussehe, ob die bösen Menschen da wirklich in den Kesseln schmorten und an den Spießen brieten, ob die Hexen wirklich auf Ofenzangen spazieren ritten und was dergleichen erbauliche Dinge, die er aus seinen Büchern wußte, mehr waren.

Aber der Teufel war einmal weg, und Peter mußte sich mit der bunten Feder begnügen, die er neugierig von allen Seiten besah, ohne etwas Besonderes an ihr zu entdecken. Schließlich steckte er sie an seine Mütze, wo sie sich ganz manierlich und vorteilhaft ausnahm. So geschmückt ging er zu dem Schimmel zurück, schwang sich hinauf und setzte seine Reise fort.

Eine Weile noch überdachte er sein Abenteuer. Man darf doch wirklich keinen Berichten Glauben schenken, sprach er zu sich; treffe ich da einen leibhaftigen Teufel, und ist der Kerl so wohlerzogen wie unsereins auch; mancher Tropf könnte noch von ihm lernen. Es ist schade, daß die Bekanntschaft von so kurzer Dauer war.

Bei solchen Gedanken hatte er seine Mundharmonika wieder herausgelangt und blies ein Reiterstückchen. Alle Vögel ringsherum freuten sich, setzten sich auf die Bäume am Wege, schwiegen sein still und hörten zu. Verstand doch der Peter das Blasen aus dem ff, das mußte selbst die alte Amsel einräumen, die sich sonst arg viel auf ihre Kunst einbildete und karg mit Lob war. Der Dompfaff flog dem Peter auf die Mütze, um besser hören und von der neuen Weise profitieren zu können, der Distelfink flog sogar auf seine Hand, weil er sehen wollte, wo die schönen Töne herkämen.

Bloß eine alte Krähe machte Spektakel. Sie setzte sich dem Schimmel auf den Kopf und schrie: »Laß doch das verflixte Gequieke sein, ich bin sowieso schon nervös durch den niederträchtigen Specht, der mit seinem Gehacke so abscheulichen Lärm macht, daß man sein eigen Wort nicht verstehen kann; und nun kommt ihr auch noch, du und dein Gaul, und versalzt einem das bißchen Leben, kra, kra, macht euch fort, macht euch fort!«

So schimpfte das kratzbürstige Tier und hackte immerfort auf den Schimmel ein, daß selbst dieses gutmütige Vieh die Geduld verlor und hinten auszuschlagen begann. Peter ärgerte sich über die häßliche Krähmadame, wollte sie recht abkanzeln und ihr sagen, sie solle sich gefälligst nach Posemuckel auf den Altweibermarkt scheren oder ihren ungewaschenen Schnabel halten; statt dessen klappte er seine Pfeife zusammen, steckte sie lachend ein und meinte, wenn es der Gnädigen so schrecklich sei, die Mundharmonika blasen zu hören, wolle er mit Freuden auf sein Spiel verzichten. Danach kniff ihn der Schalk, und er bat mit einem tiefen Bückling die Krähe um ein Lied aus ihrer geschätzten Kehle. Das ließ sich Madame Eitelkeit nicht zweimal sagen, plusterte sich auf, und bald trieb ihr durchdringender Gesang alle Vögel in die Flucht. Peter aber klatschte in die Hände, trotzdem ihm die Ohren gellten, und rief: »Bravo, bravo!«

Das gefiel der kleinen, schwarzen Dame, sie krächzte zufrieden, flog zu Neste und brachte dem Schelm einen weißen Stein. »Hebe ihn gut auf,« sagte sie, »ich habe ihn dem König von Persien gestohlen, er ist aus seiner Schatzkammer und der größte von allen Steinen, die da waren.«

Damit grüßte sie huldvoll und flog fort, ohne den Dank abzuwarten. Peter besah sich das Geschenk von allen Seiten. Es war ein Stein, wie viele andere Steine auch; aber da er hübsch glänzte, steckte er ihn in die Tasche, pfiff vergnüglich vor sich hin und ritt weiter. Wieder dachte er über sein Erlebnis nach. Die Vögel sind doch akkurat wie die Menschen; den einen freut, was den andern reut; und die Krähe hält ihr Lied für den schönsten Gesang weit und breit, grade wie die Dichter, die ihre eignen Verse auch am allerliebsten hören.

Wie er noch so dachte, kam ein junger Herr des Weges. Der zog höflich sein Barett und fing mit Peter eine Unterhaltung an. Er sagte, er sei schon sieben Stunden unterwegs und recht müde, und ob Peter ihn nicht ein Stück weit hinten aufsitzen lassen möchte. Peter wollte sagen, daß sein Gaul zu schwach sei, zwei solche stramme Kerle zu tragen, statt dessen sagte er: »Sitzt nur auf, Junker, es wird schon gehn, wenn auch nicht grade im Galopp.« Und als er sah, daß es dem Schimmel in der Tat zuviel wurde, stieg er ab und nahm die Zügel in die Hand. Er müsse sich auch mal die Füße vertreten, sagte er zu dem Junker.

Der Fremde schwatzte unterdessen von diesem und jenem und fragte schließlich Peter, ob er ihm ein hübsches Reiterstückchen vormachen dürfe. Bereitwillig überließ ihm Peter die Zügel, und der junge Herr ritt davon, so schnell er konnte und rief zurück: »Das war mein Reiterstückchen!« Haltet den Dieb, haltet den Dieb, wollte der bestürzte Peter da rufen, denn es waren Holzknechte genug in der Nähe; dagegen schrie er aus Leibeskräften: »Laßt ihn laufen, laßt ihn nur laufen!« und für sich selber setzte er hinzu: »Warum bin ich so dumm, warum bin ich so dumm,« und damit ging er zu Fuß in des Königs Hauptstadt.

Dort gab es eine wunderschöne Prinzessin. Sie war so schön, daß der Mond vor Vergnügen ganz rot wurde, wenn er in ihr Schlafzimmer scheinen durfte; und der vornehme Pfau jedesmal ein Rad schlug und sich vor lauter Liebe immer um sich selber drehte, wenn die Prinzessin über den Schloßhof ging. Ja, so sehr schön war die Prinzessin, aber sie war auch verhext. Wer sie verhext hatte, wußte sie nicht, und der weise Sterndeuter ihres Vaters konnte es auch nicht herausfinden. Verhext war sie aber, daran war nicht zu zweifeln. Sie tat nämlich immer das Gegenteil von dem, was man von ihr wollte, und das ist gewiß eine üble Sache. Schon in der Wiege war diese Hexerei zu merken. Brachte man ihr die Milchflasche und sagte: trink, Prinzeßchen, so schlug sie mit den kleinen Fäusten danach und wollte sie nicht nehmen; sagte man aber: du brauchst nicht trinken, Prinzeßchen, da wollte sie durchaus die Milchflasche haben. Wenn später die Gouvernante kam und von Arbeiten sprach, ließ sie Papierschnitzel fliegen oder sang: »Lott ist tot«, und wenn die würdige Dame den Wunsch aussprach, mit ihr spazieren zu fahren, wie es höfischer Brauch sei, nahm sie ihre spanische Grammatik vor oder griff nach ihrer Mandoline. Bekam der König Besuch und wollte seine Tochter recht hübsch angezogen den Gästen vorstellen, tänzelte sie gewiß in ihrem grauen Turnkittel herein und wollte sich vor Lachen ausschütten, wenn sie verlegne Gesichter und gerunzelte Stirnen zu sehn bekam. Ja, es war eine ganz verhexte Prinzessin.

So recht böse konnte ihr aber keiner sein, denn sie hatte gar klare blaue Schelmenaugen, und ihr Lachen klang noch lieblicher als Amselschlag. Man hatte eines Tages davon gesprochen, sie wegen ihrer Hexerei in ein Kloster zu bringen; vielleicht würden die frommen Nonnen sie durch Fasten und Gebet erlösen. Kaum kam ihr das aber zu Ohren, so erklärte sie, sie wünsche sich weiter nichts zu Weihnachten als einen Mann.

Dann, meinte sie, würde sie die Gouvernante loswerden und vielleicht kleine Kinder bekommen, mit denen sie Haschen spielen könnte; Haschen wäre ihr liebstes Spiel. Ja, sie wollte sich verheiraten, das müßte allerliebst sein; und sie befahl ihrem Bruder, dem Kronprinzen, ihr einen Mann zu besorgen. »Hübsch und lustig muß er aber sein,« rief sie ihm noch nach, »und auch ein bißchen verhext, sonst kann ich ihn nicht gebrauchen.«

Niemand konnte der Prinzessin etwas abschlagen, und so beschloß der Kronprinz, für seine Schwester einen Gatten ausfindig zu machen. Vielleicht würde der sie von ihrer Hexerei erlösen. Er sollte aber der klügste, der beste und der reichste Mann im ganzen Königreiche sein, und der war schwer zu finden.

An dem Tage nun, an dem Peter in die Welt gezogen war, um sein Maulwerk kurieren zu lassen, ging der Königssohn zu dem gelehrten und witzigen Sterndeuter, von dem schon die Rede war, und fragte ihn in dieser schwierigen Angelegenheit um Rat. Der weise Mann legte sein großes Fernrohr zurecht und betrachtete aufmerksam die Sterne. Dann holte er ein altes, dickes Buch hervor und studierte so eifrig darin, daß er sich mehrere Male den Schweiß von der Stirne wischen mußte. »Eine schwierige Sache,« murmelte er, »eine schwierige Sache.« Endlich schien er gefunden zu haben, was er brauchte, wandte sich feierlich an den Prinzen und befahl ihm, auf die Landstraße hinauszuwandern, die gen Osten führe, bald würde er einen stattlichen Reiter treffen, dem er durch List sein Pferd unter dem Leibe stehlen müsse, ja, das müsse er tun, wenn er auch ein Prinz wäre und ihm das Stehlen nicht geläufig sei. Und der Sterndeuter gab dem Königssohn genaue Weisung, wie er das bewerkstelligen könne. Gelänge es ihm, so hätte er den rechten Mann für die Prinzessin gefunden. Der Prinz dankte und versprach, alles ganz genau auszuführen. So war es geschehen, daß dem Peter sein Pferd abhanden gekommen war, denn der Junker war niemand anders als der Königssohn gewesen.

Indessen kam Peter in die Stadt, wo an allen Ecken angeschlagen war, daß man den Herrn zu einem Schimmel mit grüner Schabracke suche, der im königlichen Stall untergebracht sei.

Peter war erstaunt, da ihn aber innerlich etwas dazu anstieß, ging er hin und fand richtig seinen Gaul, der behaglich über einem gutgefüllten Hafertrog kaute. Er mußte warten, bis der Prinz mit allen Räten kam. Sie setzten die Augengläser auf und betrachteten Peter von oben bis unten; der wußte gar nicht, was er davon denken sollte. Der Prinz legte den Zeigefinger an die Nase und sagte: »Hübsch und gut bist du schon, das muß ich sagen, bist du aber auch reich und klug? Das mußt du mir sagen.«

Peter begriff von alledem nichts, wollte aber bescheiden erzählen, daß er bei Lehrer Schulz in der Bürgerschule außer Lesen und Schreiben nur das Einmaleins und ein paar Bibelsprüche gelernt hätte und weiter nichts besäße als seinen goldbraunen Samtrock und die Mundharmonika; sein Mund aber sprudelte: »Ei, ich will euch beweisen, daß ich klug bin, wie weiland König Salomo und reich wie die Königin von Saba, stellt mir nur eine Aufgabe!«

Der Prinz besann sich einen Augenblick, putzte sich mit seinem gelbseidnen Taschentuch die Nase, damit er besser denken könne, und sprach: »Nun gut, schreibt mir einen Brief über den Grund aller Dinge und schickt mir ein Geschenk, mit dem ich Staat machen kann.« Damit ging er stolz aus dem Pferdestalle und alle Räte mit erhobenem Haupt hinter ihm her. Peter guckte ihnen verwundert nach, schüttelte den Kopf und trabte mit einem wehmütigen Blick auf seinen Gaul nach der Herberge zurück. Er wußte ja nichts von der Prinzessin und glaubte, er müsse sich seinen Schimmel mit Brief und Geschenk einlösen.

Er nahm einen großen Briefbogen und die Feder, die ihm der Teufel geschenkt hatte, in die linke Hand. Die Feder juckte ihm ordentlich in den Fingern, als ob sie gar nicht erwarten konnte, in das Tintenfaß zu kommen; und als er sie eingetaucht hatte, glitt sie so schnell über das Papier, daß Peter kaum nachkommen konnte, und schrieb und schrieb, daß ihm das Erstaunen aus dem offnen Munde und den großen Augen sah.

Nun werdet ihr vielleicht denken, ich flunkerte euch was vor und wüßte von dem Briefe nicht mehr als das Rebhuhn von dem Sauerkraut, in dem es später gegessen wird. Darum will ich euch lieber den Anfang verraten, denn den ganzen Brief hierherzusetzen, erforderte zuviel Zeit; auch würde er am Ende Wirrnis in euren Köpfen anrichten durch seine allzugroße Gelehrsamkeit. Also der Brief begann:

»Weiser, der Du den Grund der Dinge suchest, höre. Wenn der Grund aller Dinge unsrer Dinge Grund wäre, hätten wir keinen Grund, den Grund der Dinge zu ergründen; denn wir haben Grund zu begründen, daß der Grund aller Dinge keinen Grund habe und es für uns grundlos ist, den Dingen auf den Grund zu wollen.«

So lautete der erste Satz des gelehrten Briefes, den Peter mit der Teufelsfeder schrieb, und ihr werdet mir glauben, daß der übrige Teil diesen Anfang noch an Gelehrsamkeit übertraf.

Der Peter war höchlichst erstaunt! Das war ja noch schöner geschrieben, als es der Pfarrergustav konnte; und wenn er sich's vorlas, klang es wie gedruckt! Das war wirklich eine Teufelsfeder! Er packte schnell den Brief in ein Kästchen, und da er nicht anderes besaß und sich von der Mundharmonika nicht trennen mochte, legte er den weißen Stein von der Krähe mit hinein. Das war aber ein großer Diamant und war ein halbes Königreich wert und noch fünfzehn Morgen Weizenlandes dazu.

Als er auf das Schloß kam und dem Prinzen seine Gaben brachte, las dieser den Brief einmal und noch einmal und immer wieder, bis er ihn ganz verstanden hatte. Er war begeistert von soviel Klugheit und befahl, diesen gelehrten Brief in alle Schulbücher des Landes abzudrucken, damit die Kinder noch klüger würden, als sie ohnehin schon waren, denn ich will euch verraten, daß in jenem Lande die Kinder im zweiten Jahre schon wußten, daß Confucius ein großer Chinese gewesen war, und daß sie die Schulbücher des Nachts nur unter das Kopfkissen legen brauchten, um am nächsten Tage alles wie am Schnürchen zu wissen.

Also der Prinz war sehr erbaut von der Weisheit seines künftigen Schwagers und bewunderte mit Kennermiene den großen Diamanten, bei dessen Anblick er vor Aufregung seine goldene Puderdose immer auf- und zuklappte.

Er ließ sofort seine Schwester kommen und stellte ihr den künftigen Gatten vor. Die Prinzessin sah sehr niedlich aus, und ihre Schelmenaugen lachten Peter fröhlich an, so daß ihm ganz warm ums Herz wurde. Ja, die Prinzessin gefiel ihm ausnehmend gut, und er wollte es auch sagen; statt dessen fuhr ihm heraus: »Ach was, ich will keine Frau, und dies geputzte Fräulein, das nur mit dem Fächer wedeln kann, erst recht nicht.« Damit ging er schnurstracks zur Tür hinaus.

Die adligen Leute, die im Saal umherstanden, wollten ihm nach und ihn umbringen; die Prinzessin sagte aber, den dürft ihr nicht anrühren, den will ich selbst für seine Sünden strafen. In ihrem Herzen dachte sie aber ganz anders, wie ihr gleich sehen werdet. Peters Benehmen hatte natürlich Wasser auf ihre Mühle gegossen; der sollte schon kirre werden; wenn er sie nicht haben wollte, sollte er sie erst recht bekommen, wofür war sie denn Prinzessin? Und außerdem hatten ihre hellen Augen dem Peter ins Herz gesehen und da seine Hexerei entdeckt.

In der Nacht, als alles schlief, zog sie ein altes schwarzes Kleid an, setzte sich eine große Perücke auf, machte sich mit Willen recht alt und häßlich und ging in die Herberge, wo der dumme Peter sich abhärmte, daß er die schöne Prinzessin verschmäht hatte. Er saß ganz trübsinnig und löffelte in seiner Erbssuppe herum, die ihm gar nicht schmecken wollte. Da klopfte es, und herein kam ein altes, häßliches Weiblein. Raus! wollte der Peter schreien, aber er sagte: »Komm, Mütterchen, setz' dich her, und wenn du Hunger hast, kannst du meine Erbssuppe ausessen.«

Das tat die Prinzessin aber nicht, sondern faßte ihn zärtlich um den Hals und fragte ihn, ob er sie nicht zur Frau nehmen wolle. Dich, alte häßliche Schraube, wollte da Peter rufen, doch sein Mund sprach kleinlaut: »Meinetwegen, ich will dich heiraten; nun ich die schöne Prinzessin doch nicht bekomme, ist mir alles egal.« Da lachte die Prinzessin hell auf, riß sich die Perücke ab, rieb sich die Farbe vom Gesicht und guckte Peter strahlend an. Der machte eine Miene wie die Katz' wenn's donnert und sagte: »Was willst du hier? Geh zurück in deines Vaters Haus.« Aber er meinte es natürlich anders. Die Prinzessin auch, denn sie sagte: »O, mir gefällt's hier sehr gut,« und dabei stand sie mit ihren gelben Locken und den Grübchen in den Backen so verführerisch vor Peter, daß er gar nicht anders konnte und sie abküßte, als wenn er das schon gedurft hätte; eigentlich hätte er doch warten müssen, bis sie seine Frau war.

Das wurde sie freilich bald, und Peter wurde der erste Minister im Staat. Mit seiner Teufelsfeder hatte er gut regieren; denn damit konnte er alle Räte und Beamten zwingen, ihre Sünden aufzuschreiben und bekam lauter tugendhafte Leute in die wichtigen Ämter, und das will was heißen!

Mit seiner Frau lebte er sehr glücklich. Als er das erstemal ernstlich etwas verlangte, hatte sie das Gegenteil getan, und das war gerade das Richtige gewesen, so daß die beiden Hexereien ineinander aufgingen wie ein gut aufgegebenes Rechenexempel. Als sie sich aber hernach in die Augen guckten und das begriffen, kam ihnen das Lachen in die Kehle, erst leise und verhalten, dann immer lauter und herzhafter. Sie konnten gar nicht mehr aufhören mit Lachen! Wenn der Peter Atem holte, lachte die Prinzessin allein, und wenn sie sich verschnaufte, lachte Peter weiter. Die Stühle fingen an zu wackeln; der Papagei hakte sich vor Vergnügen mit der Kralle in seinen Ring und lachte mit; die Tauben flogen ins offne Fenster und lachten mit; der kleine Mohr, der das Frühstück bringen wollte, zeigte seine weißen Zähne und lachte mit, und bald dröhnte das ganze Haus von unbändigem Gelächter!

Nun müßt ihr aber wissen: Bei allen Verhexten gilt als oberste Regel, daß sie selbst zu Hexenmeistern werden, wenn sie über sich zu lachen anfangen, und zwar so zu lachen, daß alles um sie her aus ganzer Seele und ohne Falsch mitlachen muß! Das hatten nun Peter und seine Frau, wie ich euch eben erzählt habe, gründlich getan und sind von jenem Tage an ihrer Hexereien und Verkehrtheiten quitt und ledig gewesen! Sie waren nun selbst zu Hexenmeistern geworden und konnten sich ihr Leben wunderschön zurechthexen; und das haben sie auch getan!

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