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Das grüne Haus

Paula Dehmel: Das grüne Haus - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas grüne Haus
authorPaula Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherHermann Schaffstein Verlag
addressKöln
titleDas grüne Haus
pages3-5
created20041124
sendergerd.bouillon
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Mariechen und die Sonne

Es war einmal ein liebes kleines Mädchen, das Mariechen hieß. Alle Morgen, wenn Mariechen aufstand, lief sie ans Fenster und nickte der Sonne zu; der war sie gar zu gut, weil sie so hell und warm war. Oft streckte sie die Arme nach ihr aus, wie nach ihrem Mutterchen, und freute sich und sagte: »Ei, meine allerliebste schöne Sonne!«

Eines Tages aber wachte das kleine Mädchen auf; o, da war es ganz dunkel, so dunkel, daß sie die Strümpfe nicht finden konnte. »Wo ist meine Sonne?« fragte sie da traurig, »meine helle Sonne?« Aber selbst der Fritz, der sonst so klug war und alles wußte, konnte es ihr nicht sagen.

Da zog sie die neuen Schuhe an und die Jacke mit den blanken Knöpfen und ging die Sonne suchen.

An der Haustür traf sie den Regen. »Guten Tag, Plantschpeter,« sagte das Kind, »hast du meine Sonne nicht gesehn?« »Laß doch, plinsche, plansche, laß doch,« meinte der Regen. »Warte man, du Grisegrau,« schmollte Mariechen, »warte man,« und sie spannte den Regenschirm auf.

Da kam ihr der Wind entgegen. »Ach Wind, du kommst so weit her, weißt du nicht, wo meine goldne Sonne heute bleibt?« »Heule, hule, heule,« machte der Wind. »Aber das ist doch keine ordentliche Antwort,« sagte das Kind und verzog den Mund. Doch der Wind ließ sie stehn und sauste vorüber. Wie grob der Wind ist, dachte Mariechen ärgerlich und ging weiter. Über ihr jagten große, schwarze Wolken. »Ach Wolken, habt ihr meine schöne Sonne nicht gesehen? Ihr wohnt ihr doch so nah, bitte, sagt mir, wo ich sie finde; ich will euch auch meine Puppe Hildegard schenken; sie hat blonde Locken und ist noch ganz neu.« »Wir jagen, wir jagen, wir haben keine Zeit,« antworteten die Wolken und sahen so finster auf das Kind herab, daß es ganz ängstlich wurde und in den Wald lief.

Da stand ein Rosenstrauch mit vielen Knospen. »Du lieber Rosenstrauch, ich weiß, du bist der Sonne ebenso gut wie ich, kannst du mir nicht sagen, wo sie heut so lange bleibt?« Der Rosenstrauch rauschte: »O ich war durstig; meine Blätter waren voll Staub, meine Knospen verwelkten fast, ich war so durstig.« »Aber die Sonne,« weinte das Kind. »O, ich war so durstig,« sang der Strauch weiter, »da kamen die Tropfen, meine Blätter tranken, meine Knospen richteten sich auf, es war so kühl und herrlich! Und wenn die Sonne kommen wird, werden meine Knospen blühn, und sie wird mich küssen!«

»Ja, glaubst du, daß sie noch kommt?« fragte Mariechen wieder. Der Rosenstock aber schwieg, in sich selbst versunken.

Da ging das kleine Mädchen traurig weiter. Es war so dunkel und schaurig im Walde, und die Frösche raschelten so unheimlich im nassen Grase, daß es ganz gewiß noch mehr geweint hätte, wenn da nicht plötzlich der schöne, rote Vogel angeflogen wäre. Der setzte sich auf ihre Schulter und sah sie mit den kleinen blanken Augen freundlich an. »Was schenkst du mir, Mariechen, wenn ich dir die Sonne rufe?« piepte er. »Einen Kuß, einen süßen Kuß,« rief die Kleine froh, und damit faßte sie auch schon den lieben Vogel um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß gerade auf den Schnabel. Da nickte er ihr zu, flog in die Luft und hüpfte auf den allerhöchsten Baum, ganz oben auf die Spitze. Dann fing er an zu singen, erst zart und leise, dann immer jubelnder und zuletzt so schmetternd und glückselig, daß alle Blumen die Köpfchen hoben und alle Tiere im Walde erstaunt auf das schöne Lied horchten.

Mariechen aber tanzte vor Freude; denn kaum hatte der Vogel zu singen angefangen, da war es heller und heller geworden, und plötzlich war die Sonne groß und leuchtend hinter den schwarzen Wolken hervorgekommen. Die aber flogen davon, so schnell sie konnten; der Wind legte sich still der Sonne zu Füßen; der Regen kroch in die Erde, und über dem Felde schimmerte ein prächtiger Regenbogen.

»Ei, meine allerliebste schöne Sonne!« jauchzte Mariechen und streckte beide Arme nach ihr aus. Dem schönen Vogel aber, der hoch oben in den Zweigen schaukelte, warf sie noch ihr bestes Kußhändchen zu.

Dann lief sie nach Hause, und ihr werdet's euch schon denken: Fritz bekam die ganze Geschichte von A bis Z vorerzählt. Ja, da merkte er, daß er doch noch nicht alles wußte!

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