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Das grüne Haus

Paula Dehmel: Das grüne Haus - Kapitel 19
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas grüne Haus
authorPaula Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherHermann Schaffstein Verlag
addressKöln
titleDas grüne Haus
pages3-5
created20041124
sendergerd.bouillon
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Die Geschichte einer Winterfliege

Vor sehr langer Zeit war ich eine kleine Winterfliege. Ihr braucht nicht lachen, liebe Kinder, ich erinnere mich ganz wohl, daß ich an hohen Fensterscheiben auf und ab kroch und draußen die schwarzen Bäume und den weißen Schnee sah. Zuerst hatte ich noch Gesellschaft, eine lahme Brummfliege, die im Frühling geboren war und mir von ihm erzählte. Die schwarzen Bäume hatten da lauter weiche, grüne Blätter gehabt, und vor dem Hause, wo jetzt der Schnee lag, war alles bunt und leuchtend gewesen, voll Blumen und Gräser und Duft und Honig. Die blauen Wasserjüngferchen hatten in der Luft geschaukelt wie lebendige Blüten, und die Sonne hatte einem bis ins Herz geschienen. Und ich sehnte mich nach dem Frühling. Die alte Fliege wurde immer schweigsamer; sie mochte nicht mehr leben und fiel eines Morgens tot aufs Fensterbrett.

Ich mußte nun allein an ihren Frühling denken, und ob er wohl wiederkäme.

Das Zimmer, in dem ich flog, war hoch und warm. Es waren blanke Holzrahmen da und dunkle Schnitzereien, in denen man gut herumklettern konnte; an Nahrung fehlte es mir auch nicht, das Herumfliegen machte mir aber keine Freude, ich wartete immer.

Die alte Dame im Lehnstuhl am Fenster wartete auch, ich fühlte es. Sie hatte immer ein braunes Kleid an, in der Woche ein wollenes, am Sonntag ein seidenes. Ich kroch gern daran in die Höhe und setzte mich auf die weißen Spitzenmanschetten. Da konnte ich lange sitzen und den alten, dünnen Fingern zusehen, die emsig an wollenen Männerstrümpfen strickten. Manchmal hatte sie auch eine Zeitung in der Hand und las halblaut vor sich hin, meist von Schiffen, die ankommen sollten; manchmal guckte sie auch still und lange aus dem Fenster, und ich dachte oft, sie müsse wohl auch auf den Frühling warten.

Eines Tages bekam sie einen großen Brief, den las sie immer wieder. Ich saß grade auf dem hölzernen Löwenkopf an ihrem Lehnstuhl. »Siehst du, kleine Winterfliege,« sagte sie, »siehst du, jetzt kommt mein Junge, mein Konrad,« und sie sah ganz rot und glücklich aus. Von diesem Tage an trug sie immer das braune seidene Kleid und saß noch viel mehr an dem Fenster. Sie holte das alte Silberzeug aus dem Glasschrank und rieb es blank, und das Dienstmädchen machte reine weiße Gardinen an.

So verging ein Tag nach dem andern, und immer noch warteten wir, die alte Dame auf ihren Sohn und ich auf den Frühling. Endlich kam er. Ein junger, brauner Mann riß die Tür auf. »Muttel, Mutti, Mutterchen,« rief er; die alte Dame aber weinte bloß und sagte gar nichts und streichelte immerfort sein Haar. An der Tür stand ein junges Mädchen mit hellen Augen und einem weißen Gesicht, das nahm der junge Mann bei der Hand und sagte: »Dies ist Susanne, meine Braut, nun wirst du auch eine Tochter haben und eine liebe dazu!« Die alte Dame konnte immer noch nichts sagen; sie setzte sich auf das Sofa zwischen die jungen Menschen und streichelte ihnen abwechselnd die Hände. Dann wurde der Kaffee gebracht, ich setzte mich auf ein Stück Zucker, und die Brautleute bekamen die schönen silbernen Tassen.

Nun konnte die Mutter endlich sprechen und sie erzählte von ihrer Brautzeit, und daß sie an ihrem Hochzeitstage mit ihrem Manne aus den Tassen getrunken habe und am Tauftage ihres Konrad wieder, und daß sie die Tassen nun ihren Kindern schenken wolle, wie sie sie auch von ihrem Vater bekommen hätte.

Der junge Mann sprach von seinen Reisen über das Weltmeer und das junge Mädchen von ihrer Heimat und ihren kleinen Geschwistern, und wie lieb sie nun den Konrad hätte. Die alte Dame sah immer selig von einem zum andern und griff sich von Zeit zu Zeit nach der Brust. Ich bekam auf einmal wieder Sehnsucht nach dem Frühling und flog an die Fensterscheibe.

Draußen lag kein Schnee mehr, nur Wasserlachen standen auf der Wiese, und die Sonne blinkerte drin wie Gold. An den schwarzen Bäumen saßen überall helle, grüne Spitzen, und meine Flügel zitterten vor Verlangen hinauszufliegen, aber das Fenster war verschlossen.

In der Nacht war viel Gelaufe im Hause. Ich hörte Türen auf und zu klappen und einen Wagen hin und her fahren. Auch war mir, als würde oben geweint. Am Morgen kamen der junge Mann und das junge Mädchen blaß und mit schwarzen Kleidern in die Stube. Sie setzten sich still auf das Sofa und sprachen lange kein Wort. Plötzlich stand der junge Mann auf, strich sich mit der Hand durch die Haare und sagte: »Komm, Sannchen, sie ist vor Freude gestorben, und in Freude wollen wir an unsre liebe Mutter denken! Wir werden diesen Frühlingstag nicht vergessen und ihn alljährlich im Andenken an diesen seligen Tod feiern! Sieh, wie draußen alles zu neuem Licht ersteht! Komm!«

Und sie gingen Hand in Hand hinaus, und ich flog ihnen nach. Draußen war lauter Licht und Sonne, und mir war, als flöge ich zum erstenmal. Ich huschte selig von einem Baum zum andern, bis ich an einen kam, der kein Blatt, aber viele leuchtende Blüten hatte. Wie das duftete und flimmerte! Ich taumelte von einem Kelch zum andern und schlürfte und trank und taumelte. Und die Sonne schien mir ins Herz, und die blauen Wasserjüngferchen schaukelten um mich her, und alles rauschte, brauste, zitterte . . . Da muß ich wohl auch vor Freude gestorben sein, denn weiter weiß ich nichts mehr aus der Zeit, da ich eine kleine Winterfliege war.

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