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Das grüne Haus

Paula Dehmel: Das grüne Haus - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas grüne Haus
authorPaula Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherHermann Schaffstein Verlag
addressKöln
titleDas grüne Haus
pages3-5
created20041124
sendergerd.bouillon
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Das Glöckchen

Vor vielen hundert Jahren lebte einmal in Deutschland ein frommes Kind, dem seine Mutter ein silbernes Glöckchen zum Spielen gegeben hatte. Das Kind aber ging vor das Haus, warf das Glöckchen in die Luft und rief: »Das soll ein liebes Engelchen haben.« Das Glöckchen kam nicht wieder zur Erde; soviel man auch suchte, es war und blieb fort. Keiner hat erfahren, wohin es gekommen ist; ich aber weiß es und will es euch verraten. Zufällig spielte wirklich ein kleiner Engel unsichtbar in der Luft, und als er die lieben Worte des Kindes hörte, fing er das Glöckchen auf.

Still flog er damit durch den Wald. Die Bäume rauschten und nickten ihm guten Tag zu, die Vögel sangen ihre schönsten Lieder, die blauen Glockenblumen winkten mit den Kelchen; sie hätten gar zu gern mit dem fremden Glöckchen gespielt; der Engel aber flog weiter bis zu einer heimlichen Quelle. Da wohnte die Waldfee, seine kleine Freundin. Als sie das liebliche Läuten hörte, kam sie rasch aus der Grotte, in der sie gebadet hatte, herausgehüpft, faßte den Freund um den Hals und küßte ihn.

»Das ist lieb von dir, daß du mich mal wieder besuchst,« sagte sie, »aber was hast du da für ein feines Glöckchen?«

»Das hat mir ein gutes kleines Menschenkind zugeworfen,« sagte der Engel, »was wollen wir damit tun?«

»Ei, wir wollen es aufhängen, damit es uns recht schön was vorklingt,« lachte die kleine Elfe.

Der Engel nickte still, und seine blauen Augen leuchteten. Er flog in die Höhe und band das Glöckchen mit einem unsichtbaren Faden an den Himmel fest.

Da hängt es tief in den Wald hinab, in dem die kleine Fee zu Hause ist, und immer zu Ostern putzt sie es hübsch blank. Gute Kinder aber hören manchmal in der Luft ein helles Klingen, das aus dem Walde herzukommen scheint; und dann fühlen sie sich wie im Himmel, als ob sie selber Engel wären, und haben die ganze Welt lieb.

Von einem solchen guten Kinde will ich euch erzählen.

Fritz war der Sohn eines armen Dorfschusters. Eines Tages mußte er aus der kleinen Stadt, die nicht weit vom Dorfe lag, ein paar Stiefel abholen und sah dabei in einem Schaufenster eine Schachtel wunderschöne, bunte Zinnsoldaten. Ach, wie herrlich die waren! Gar nicht so gequetscht und dünn, wie die Zinnsoldaten sonst gewöhnlich sind; nein dick und rund wie richtige Soldaten, die auf der Straße marschieren. Fritz hätte gar zu gern auch solche Soldaten gehabt. Sein Vater hatte ihm gesagt, er dürfe die Pfennige behalten, die er für Schuh-Austragen geschenkt bekäme, und nun sparte er und sparte.

Endlich, als schon fast ein Jahr herum war, hatte er eine Mark. »Hurrah, nun kauf ich mir Soldaten!« Sein Herz klopfte vor Freude und Erwartung. Der Weg zur Stadt führte durch einen dichten Laubwald; lustig pfiff er vor sich hin und malte sich schon aus, wie schön er mit den schönen dicken Soldaten spielen würde.

Da kam ihm ein andrer Junge entgegen; der trug ein enges hölzernes Bauerchen. Ein graues Vögelchen guckte ängstlich durch das Gitter. »Ach, das ist ja eine Nachtigall!« rief Fritz. »Ja,« rühmte sich der Junge, »die habe ich eben gefangen.« »Ach Gott, das arme Tier, laß es doch wieder fliegen,« bat Fritz, »sieh nur, wie es sich ängstigt.« »So dumm,« meinte der Junge, »dafür gibt mir der Vogelhändler wenigstens eine Mark.«

»Hier,« rief Fritz, »ich habe auch eine Mark, gib mir die Nachtigall.«

»Meinetwegen,« sagte der Junge, sah Fritzen lachend an, nahm die Mark und ging.

Da stand nun unser kleiner Fritz mit seinem Käfig und plötzlich dachte er betrübt an die schönen Soldaten. Aber das Vögelchen sah ihn mit so bittenden Augen an, daß er rasch das Gitter aufmachte. Und als das Tierchen nun aus seinem Gefängnis hochflog und jubelnd zwischen den Bäumen verschwand, da war es unserm kleinen Schusterjungen, als hörte er aus weiter Ferne ein Glöckchen klingen, viel schöner und zarter als andre Glocken; das machte ihn so selig, daß er sich vor Freude gar nicht zu lassen wußte. In großem Bogen warf er den Käfig in den Busch und lief nach Hause.

Noch lange behielt er den hellen Silberglockenklang im Ohr und im Herzen, und das kam ihm tausendmal schöner vor als die dicken, bunten Soldaten, die ja doch in ein paar Wochen entzwei gegangen wären.

Die Waldfee sitzt noch immer an der Quelle und paßt auf; jedesmal, wenn ein Kind recht von Herzen gut gewesen ist, tippt sie an das himmlische Glöckchen. Dann kommt auch der kleine Engel mit den blauen Augen, und sie freuen sich zusammen über das gute Kind.

Hast du es nicht auch schon mal klingen gehört?

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