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Das grüne Haus

Paula Dehmel: Das grüne Haus - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
booktitleDas grüne Haus
authorPaula Dehmel
firstpub1907
year1907
publisherHermann Schaffstein Verlag
addressKöln
titleDas grüne Haus
pages3-5
created20041124
sendergerd.bouillon
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Tine Brandhofer und die Rauschegeister

Von Tine Brandhofer soll ich euch erzählen? Nun gut, hört zu, und denkt nachher ein bißchen drüber nach. Also, ich war damals ein kleines Schulmädel und die Tine auch. Keiner mochte sie recht leiden. Sie hatte so altmodisch aufgeputzte Kleider an und dachte sich so viel Geschichten aus, die sie uns in der Schule auftischte.

Einmal war sie eine Viertelstunde lang dicht vor dem Eisenbahnzuge hergelaufen; einmal hatte der Hahn auf dem Kirchturm deutlich die Flügel geschlagen; einmal hatten drei große Heuschrecken in einer Nacht all ihre Weinbeeren abgefressen; und einmal gar wollte sie ihres Onkels Kuh getroffen haben, die ihr gesagt hätte, sie müsse umkehren, der Storch habe ein Brüderchen gebracht.

Sie wußte, daß ihr keiner glaubte und erzählte doch immer wieder solche Dinge. Wenn die andern sie auslachten, blieb sie still. Das Gehänsel mußte schon arg sein, ehe sie zu weinen anfing. Ihr blasses Gesicht wurde dann langsam rot, große Tränen standen in den verwunderten Augen, und plötzlich kam ein Weinen und Schluchzen aus ihr heraus, daß die ganze Klasse mit einem Male still wurde. Mich machte das auch traurig, und ich fing an, ihr gegen die andern zu helfen. Da hatte sie mich bald lieb, und ich wurde ihr auch gut trotz ihrer häßlichen Kleider und ihrer sonderbaren Reden. Bald fand ich auch daran Geschmack und fing an mitzutun. Vor den andern freilich schämte ich mich und kramte meine schönen Dinge bloß vor der Tine aus. Die war eine gläubige Zuhörerin, und aus Dankbarkeit oder aus Freude an unsrer Heimlichkeit fing ich auch an, ihr alles zu glauben, und wir besprachen unsre eingebildeten Erlebnisse mit großer Wichtigkeit.

Draußen bei den Scheunen stand ein alter Backofen. Er wurde nicht mehr benutzt, und Moos und Kletterkraut wuchsen aus den Steinen. Dort saßen wir bei schlechtem Wetter; und wenn der Wind um uns ging und die alten Türen knarrten, rückten wir dicht zusammen und flüsterten uns unsre schönen Geschichten zu. In dem Backofen wohnte natürlich die braune Brothexe. Wenn sie nach Hause käme auf der großen Schürgabel und uns hier fände, würde sie ihr unterirdisches Feuer anmachen und uns backen; dann dürfte sie wieder hundert Jahre leben! Hu, wie wir uns fürchteten; aber wir gingen doch immer wieder hin.

Auch auf dem Obstboden meiner Eltern hatten wir unser Eckchen. Da roch es so schön nach Heu und Äpfeln, und durch die runde Luke konnte man über die Stadt und die Berge sehn. »Ja, und bei den Äpfeln lagen welche, die man nicht essen durfte, sonst wurde man ein Tier« – und ich war so gläubig in Tines Wundersamkeit, daß ich hier oben keinen Apfel essen mochte, den sie nicht aussuchte und mit mir teilte. Nicht wahr? Wir waren ein paar närrische Kinder, aber hört weiter!

In der Nahe, das ist mein Heimatfluß, liegt wohl noch heut der große, alte Stein. Sein flacher Rücken ist mit Moos bewachsen. Man sagt, er sei ein Überbleibsel der alten Brücke, die vor viel hundert Jahren die Römer hier gebaut hatten, und nennt ihn den Römerstein. Auf diesem Stein, eine Viertelstunde vor der Stadt, da, wo die hohen Berge dicht am Wasser stehn, saßen wir beide oft und spielten unsre wunderlichen Spiele. Wir brachten die Schürze voll Blumen mit und warfen sie in den Fluß. »Wenn sie richtig gebunden wären und der Nixe gefielen, würde sie sie herunterziehen und uns was Schönes dafür schenken, oder sie würde uns eins von den Nixenliedern vorsingen, die so herrlich traurig klangen, daß man weinen mußte, wenn man sie zu hören bekam;« und mit heißen Backen sahn wir den schwimmenden Blumen nach. Oder wir warfen Nüsse in die Nahe; »die sollte der arme Wassermann haben, den niemand lieb hatte, und der so gern Nüsse aß.« Immer neue Dinge wußte die Tine und sagte alles so eindringlich und heilig, daß mir oft das Herz schlug, als wäre Weihnachtsabend und die Lichter sollten angesteckt werden.

Bei dem Römerstein war es auch, daß sie mir zum erstenmal von den Rauschegeistern erzählte. Es war im August und das Tal roch nach frischem Heu, als wir die Nahe entlang auf unsern Lieblingsplatz zugingen.

»Du, Tine,« sagte ich, »ich glaube, im Heu stecken die Träume, ich werde immer müde, wenn ich's rieche, und ich fühle, wie's in meiner Nase krabbelt und auf den Augen hockt, das sind doch gewiß die Träume.« »Ja,« sagte die Tine, »im Heu wohnen Träume, aber bloß die kleinen; die großen sind im Himmel und im Wasser, und im Wasser wohnen die schönsten! Gestern habe ich die Rauschegeister gehört, das war aber mal . . .«

»Die Rauschegeister?« fragte ich. »Ja, in der Nahe; sie faßten sich an den Händen und tanzten. Sie hatten graue Röckchen aus Mull an, und ganz weiße Locken hatten sie, und sie tanzten so schön! Ein Lied sangen sie auch, das konnte ich aber nicht verstehn, der Wind ging so sehr. Aber das nächstemal muß ich besser hören, ich muß das Zauberlied wissen; denn wenn ich das singen kann, kann ich auch im Wasser leben wie der Wassermann und die Nixen und die kleinen Rauschegeister.«

Mit stillem Eifer hatte ich zugehört. »Darf ich auch mit und das Lied lernen? Nicht wahr, Tine, dann kann man doch nicht mehr ertrinken; ich habe immer so Angst vorm Ertrinken.« Tine schüttelte bedächtig den Kopf, kletterte auf den Römerstein und sah ins Wasser. »Heut kommen sie nicht, es ist alles still, wir müssen warten.« Wir saßen noch eine Weile schweigsam nebeneinander. Zu unserm Blumenspiel hatten wir keine Lust, und früher als sonst gingen wir nach Hause.

Ein paar Tage später trafen wir uns an einem trüben Nachmittag in dem Backofen. Wir flüsterten und hörten dem Regen zu, der leise auf das Dach klopfte. »Er traut sich nicht herein,« sagte mir die Tine ins Ohr. Wir sahen über die Stoppelfelder in den Wald. Zwischen den Bäumen hingen graue Schleiertücher; das sah traurig aus. »Tine,« fragte ich, »hast du die Rauschegeister wieder gesehn?« Tine nickte. »Ja, gestern, an der großen Brücke. Ich guckte über das Geländer; da lachten sie unten und tanzten wie toll um die dicken Pfeiler. Als ich zu ihnen herunterging, sangen sie auch wieder das Lied, den Anfang hab ich verstanden, es war so sonderbar:

Aus heißem See
über Sterne und Schnee
rauschen die Schäume,
lauschen die Träume.

Dann waren sie weg und es wurde dunkel. Morgen geh ich wieder hin zum Römerstein; ich will das Ende wissen, das Ende von dem Liede!«

»Tine,« sagte ich, »ich komme mit.« Und wir faßten uns bei den Händen und saßen noch eine Weile still. Wir zählten die Tropfen, die langsam, tipp – tipp – auf einen Topfscherben aufschlugen. »Ob er davon wohl kaput ging?« Zuletzt fror uns; wir nahmen die Röcke über den Kopf und liefen nach Hause.

Unterwegs wiederholte ich den Vers, den die Rauschegeister gesungen hatten:

Aus heißem See
über Sterne und Schnee
rauschen die Schäume,
lauschen die Träume,

und schlief auch damit ein.

Als ich am andern Morgen aufstand und aus dem Fenster sah, lag ein dunkles Tuch über den Bergen, und die Sonne schien gestorben.

Trotzdem kam Tine um zehn Uhr, mich abholen.

Wir stahlen uns heimlich davon, denn meine Mutter hätte uns sicher in dem Wetter keinen Spaziergang erlaubt. Mein Herz klopfte sehr; Tine war wie immer ruhig und ohne Eile. Unterwegs fing es an zu regnen, leise und durchdringend. Ich war schon klug genug, um zu wissen, daß ein solcher Regen nicht bald aufhört, ging aber trotzdem mit bis an den Römerstein.

Die Nahe war schon so hoch, daß wir nicht mehr wie sonst über die kleineren Steine zum großen gelangen konnten; sie standen tief unter Wasser. Tine überlegte nicht lange. In der Nähe hatte ihr Onkel eine Gärtnerei. Sie wußte da Bescheid, und wir holten ein Brett von den Treibhauskästen. Niemand hatte uns gesehn, und wir waren nach zwanzig Minuten wieder zurück. Die kleine Brücke war schnell fertig. Wir kletterten still auf unsern Stein. Der war heut naß und glibberig und unten ganz schwarz. Wir mußten die Füße unter den Leib ziehen, so hoch schäumten die Wellen. »Jetzt darfst du aber nicht sprechen,« sagte Tine und lehnte sich weit über den Stein vor, daß ihre braunen Zöpfe ins Wasser tauchten.

Ich zitterte vor Angst und Aufregung. Ich sah in das wilde, schwarze Wasser, das so furchtbaren Lärm um uns machte, in die dunklen Berge, von denen immer noch mehr Wasser floß – da kam's mir in den Hals – »nach Hause, nach Hause,« schluchzte ich und faltete krampfhaft die Hände. Tine sah auf. »Geh, ich brauch dich nicht.« Und als ich noch ärger heulte: »Geh nur, ich sag dir nachher das Ende von dem Liede.« »Tine,« bat ich, »komm mit, ich fürchte mich so, wenn du hier bleibst. Sieh bloß, die Nahe wird immer breiter.« »Geh, ich komme gleich nach,« sagte sie rasch, und ich ging. Ich stolperte über das Brett ans Ufer und atmete erst auf, als ich drüben war. Ich wagte sie nicht mehr zu bitten, sah aber angstvoll nach meiner Freundin, die unbeweglich, vornübergebeugt, auf dem Steine lag. Auf das Brett achtete ich nicht, bis ich plötzlich mit einem Schreck sah, daß es nicht mehr da war, und daß es die Wellen mit fortgerissen hatten.

»Tine,« schrie ich, »das Brett, das Brett.« »Hol ein andres,« rief sie laut und ruhig, und ich rannte zur Gärtnerei so gut es ging, denn meine Knie zitterten und meine Zähne schlugen aufeinander. Man konnte mich erst gar nicht verstehen, so schluchzte und stotterte ich, bis sie sich endlich aus Tine und Römerstein was zusammenreimten. Ihr Onkel und ein Arbeiter nahmen die Obstleiter und einen Strick und folgten mir. Wir kamen fast zu spät; sie war von dem Stein heruntergeglitten und hielt sich mit beiden Händen am Weidengebüsch fest. Ihr Onkel legte sich den Strick um den Leib, der Knecht mußte das Ende davon festhalten; so watete und schwamm er zu ihr hinüber und brachte sie ans Land.

Sie lag mehrere Stunden bewußtlos. Als sie aufwachte und mich neben ihrer weinenden Mutter sah, lächelte sie mir zu. »Siehst du, ich bin nicht ertrunken!« Dann schmiegte sie sich an ihre Mutter und sang leise und ingründig:

»Aus heißem See
über Sterne und Schnee
rauschen die Schäume,
lauschen die Träume,
Himmel hinan, Himmel hinab
in das Leben bringende, singende Grab.«

Acht Tage später haben wir sie doch begraben müssen. Ein schweres Fieber hatte ihrem sonderbaren Kinderleben ein Ende gemacht.

Das Lied, das ihr die kleinen Rauschegeister gesungen haben, habe ich noch lange Jahre nicht begriffen; vergessen aber hab ich's auch nicht können, weder das Lied noch die Tine Brandhofer.

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