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Das Grundstück

Ernst Wichert: Das Grundstück - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleDas Grundstück
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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Am großen Friedrichsgraben. Federzeichnung von Ernst Wichert.

An dem Mingeflusse, welcher, in Russisch-Litauen entspringend, den in Nordosten in einen schmalen Zipfel auslaufenden preußischen Grenzbezirk in vielen Windungen durchläuft und vorüber an dem Marktflecken Prökuls einige Meilen südlich unterhalb der von den Schiffern gefürchteten »Windenburger Ecke« dicht neben dem mächtigen Rußstrom eine Ausbuchtung des Kurischen Haffs erreicht, liegen lang hingezogen einige litauische Ortschaften, deren Höfe nicht ein geschlossenes Dorf bilden, sondern in der Nähe des Ufers ausgebaut sind.

Wer auf flachem Kahne das Flüßchen hinauffährt, bemerkt von Zeit zu Zeit rechts und links eine Anpflanzung von Birken, Ellern und Linden, einen kleinen Busch bildend, und mitten darin einige Häuschen von Holz mit Stroh-, mitunter auch Ziegeldach. Sie bilden den wirtschaftlichen Mittelpunkt einer bäuerlichen Besitzung von einer oder zwei Hufen Acker- oder Weidelandes. Oft gehört auch ein Stück Heide, ein Torfstich und eine Haffwiese dazu.

Einer dieser Höfe gehörte von früher Zeit her der litauischen Familie Karklies. Das Wohnhaus war eines der größeren und ganz in der alten Weise aus übereinandergelegten, an den Ecken verkröpften vierkantigen Hölzern erbaut, die nun längst grau geworden waren. Auf der vorderen Schmalseite zeigte sich das Giebelfeld unter dem vermoosten Strohdach in Quadrate abgeteilt, deren Täfelungen immer in schräger Richtung zueinander standen und so ein zierliches Muster bildeten. Die vorderen Dachleisten kreuzten sich und liefen in Pferdeköpfe aus, deren einer allerdings kaum noch erkennbar war, da das Brett nach oben hin, wo der Ausschnitt das Hervortreten der Augenknochen und der Nüstern andeuten sollte, abgesplittert hatte. Drei kleine, fast viereckige Fenster mit grünglasigen Scheiben waren oben und unten mit ausgezackten Bordbrettchen und zu beiden Seiten mit blau gestrichenen Laden versehen. Links überragte das Dach, sich auf geschnitzte Holzpfeiler stützend, eine kleine offene Halle, in welcher sich hinten die Haustür befand. Zwei aus einfachen Feldsteinen gefügte Stufen führten zu derselben. An der bis zur halben Pfeilerhöhe hinaufreichenden Verkleidung hin lief ein schmales Bankbrett. Auf der andern Langseite, aber mehr nach hinten hin und vom Flur aus zugänglich, trat ein auf ebensolchen Pfeilern ruhender Vorbau in das Gärtchen hinein, in welchem einige alte Birken und Linden standen, die im Sommer das Dach beschatteten und dem Sonnenglanz und Goldregen am Staketzaune nur den knappsten Raum gönnten. Die Scheune nahm den hinteren Teil des Hauses ein. Auch ein zweites, sich in derselben Richtung langhinstreckendes, aber dreißig Schritte zurückgelegtes Gebäude mit Lehmwänden, das in den unteren Räumen Stallungen für einige Pferde und Kühe, oben Vorratskammern enthielt, war außen mit Birken umpflanzt, während es vorn mit der hinteren Giebelseite des Wohnhauses und gegenüber einem offenen Bretterschuppen zusammen eine Art Hof abgrenzte, in dessen Mitte ein Tümpel lag, der von den Enten als Teich benutzt wurde, solange ihn die Julisonne nicht völlig ausgetrocknet hatte. Dieses Stallgebäude zeigte deutliche Spuren des Verfalls. An einigen Stellen war das Dach durch Stangen gestützt, Löcher in den Wänden wurden durch Strohwische verstopft, und die Türen hingen bedenklich schief in den Angeln. Dadurch erhielt das Ganze aber nur noch mehr malerischen Charakter. Ein je nach der Jahreszeit schmutziger oder staubiger Fahrweg stellte die Verbindung mit der Landstraße her; ein schmaler sandiger Weg führte zum Flüßchen hinab und setzte sich in einem Brette fort, das in demselben auf einer zwei Pfähle verbindenden Latte auflag und das Wasserschöpfen erleichterte. Ein zum Segeln eingerichteter Fischerkahn und ein kleines, sehr schlechtes Fährboot lagen hier angebunden. Einige Bienenkörbe auf einer Bank im Schutze des Hauses sollen nicht vergessen sein.

So sah Karkleninken vor etwa dreißig Jahren aus, als sich dort etwas ereignete, wodurch überhaupt erst die Aufmerksamkeit auf dieses abgelegene Plätzchen Erde gelenkt wurde. Die Besitzer waren schwerlich wohlhabender als ihre Nachbarn, aber doch wohlhabend genug, um zu den litauischen Familien zu zählen, die sich auf ihrem Erbe zu behaupten vermochten, so wenig sie auch von ihren oft recht unwirtschaftlichen Gewohnheiten zu lassen gewillt waren. Vor nicht allzulanger Zeit verzehrten noch zwei Altsitzer zugleich, der eine verwitwet, der andere mit seiner Frau, ihr Ausgedinge in der Kammer neben der großen Wohnstube, und stets waren Geschwisterkinder des Wirtes als Knechte und Mägde gegen eine Lohnvergütung tätig, die zum großen Teil in dem Ertrage eines Stückes Acker und sonstigen Naturalien bestand. Annus Karklies hatte so eine Verwandte geheiratet, die seit ihrer Kindheit auf dem Grundstücke Pflege erhielt, da ihr Vater, ein Bernsteintaucher, sich ein Lungenleiden zuzog und früh starb. Es war für ihn ein Erbteil eingetragen, das nun gelöscht werden konnte. Ohne diese Erleichterung für das Grundstück hätte Annus die hübsche Edme, so gut sie ihm auch gefiel, wohl nicht geheiratet. Er wartete damit auch, bis die beiden Altsitzer gestorben waren und nur noch die alte Frau zu verpflegen blieb. Er hätte, da es ihm an Fleiß und Umsicht nicht fehlte, etwas vor sich bringen können, wenn das Verhältnis zu seiner Mutter besser gewesen wäre. Da sie sich aber mit der Schwiegertochter nicht vertrug, die sie noch immer als eine Untergebene behandeln wollte und oft genug durch den Vorwurf kränkte, daß sie ihrem Manne zu wenig eingebracht habe, stellte sie sich auf den Boden des Vertrages und zog bei jeder Gelegenheit ihr Dokument vor, um zu beweisen, daß sie mehr zu fordern habe, als ihr geboten wurde, und lief aufs Gericht, ihre Klage anzubringen. Dann wurden die Prozesse mit großer Hartnäckigkeit von beiden Seiten durchgeführt. Die Gerichtskosten und Zeugengebühren verzehrten alljährlich einen großen Teil der stets spärlichen Barmittel oder nötigten zu ungünstigen Verkäufen der gewonnenen Früchte. Edme war eigensinnig immer nur auf den Nutzen des Grundstückes bedacht und machte sich das Leben schwer. Sie meinte, ihrem Manne, wenn er sich gegen seine leibliche Mutter hart bewies, eine Stütze sein zu müssen und nahm deren Haß auf sich. Wegen der »eisernen Kuh«, die sie zu füttern und die Altsitzerin zu melken hatte, gab's fast täglich Streit.

So waren vierzehn Jahre hingegangen, als Annus Karklies an einem Dezembertage eine sehr unglückliche Schlittenfahrt machte. Die Minge war gegen Ende November bei scharfem Frost zugefroren. Dann hatte sich aber Tauwetter eingestellt und die Eisdecke gelockert. Auf weiten Strecken stand das Wasser darüber. Man hielt die Bahn nicht mehr für sicher, und auch Karklies war morgens zum Termin nach Prökuls lieber durch den aufgeweichten Schnee der Landstraße gefahren. Auf dem Gerichte hatte er viel Ärger gehabt und sich dann im Kruge betrunken, was sonst nicht seine Gewohnheit war. Ohne recht zu wissen, was er tat, hatte er den Rückweg über den Fluß genommen und war eingebrochen. Wahrscheinlich hatte er auf dem Schlitten geschlafen und war unter das Eis geraten, bevor er zur Besinnung kam. Mit ihm ertranken die beiden Pferde. Der Postbote, der den Weg am Ufer entlang ging, sah sie bereits wieder aufgetrieben und schlug auf dem nächsten Gehöfte Lärm. Als mit Mühe der Schlitten gehoben war, fand man auch die Leiche des Wirts.

Edme blieb zurück mit vier Kindern, von denen das älteste dreizehn, das jüngste kaum vier Jahre alt war. Das Begräbnis kostete viel Geld, und was noch die schwersten Sorgen verursachte: die beiden Pferde fehlten in der Wirtschaft, als im Frühjahr gepflügt werden sollte. Unter den härtesten Bedingungen, da die Alte nicht mit ihrem Ausgedinge zurücktreten wollte, erhielt sie durch Vermittlung des schlauen Winkelkonsulenten Davids Petrusch, der nicht in dem besten Rufe stand, ein Darlehn, das doch nirgends zureichte. Bei der Saatbestellung und später im Sommer bei der Ernte wurde überall der Mann vermißt. Es dauerte wohl noch zehn Jahre, bis der älteste Sohn ihn ersetzte. Solange konnte Edme das Grundstück gar nicht für ihn halten. Und wenn doch, in welchem Zustande würde er es annehmen müssen, und wie sollte er seiner Mutter ein zweites Ausgedinge gewähren, seinen Geschwistern das Vatererbteil auszahlen und sie bis zur Großjährigkeit unterhalten? So ließ sich gar nicht rechnen.

Sie sehnte sich keineswegs nach einer zweiten Heirat, aber das Grundstück brauchte einen neuen Wirt. Und einen, der etwas mitbrachte! Das war die Hauptsache. Es wurde darüber gesprochen wie über etwas ganz Selbstverständliches. Die Karklene selbst sprach in der Nachbarschaft ganz unbefangen davon und gab Davids Petrusch Auftrag, sich nach einem passenden Freier umzusehen. Hübsch oder häßlich, jung oder alt, darauf kam wenig an. Aber bares Geld müsse er zur Verfügung haben, damit die Wirtschaft wiederhergestellt werden könne.

Edme war fünfunddreißig Jahre alt und hatte einmal für eine Schönheit gegolten. Sie konnte sich trotz der faltigen Stirn noch immer unter den jüngeren Frauen sehen lassen, besonders wenn sie Kirchentoilette gemacht hatte. Ihre blaugrauen Augen blickten freilich etwas streng, und um den Mund spielte selten ein freundliches Lächeln. Aber für böse galt sie nicht, nur für entschieden, vielleicht für rechthaberisch. Das mochte sie sich so im Verkehr mit der Schwiegermutter angewöhnt haben. Sie hatte unter den andern Wirtsfrauen gerade keine Freundinnen, aber man lobte sie gern wegen ihrer Tüchtigkeit und hatte ihr auch sonst nichts nachzusagen, am wenigsten, daß sie gefallsüchtig sei und darauf ausgehe, Freier anzulocken. Sie mußten von selbst kommen. Mit dem Grundstück war sie für einen jüngeren Wirtssohn noch immer eine gute Partie. Da hätte sie auch weniger hübsch und ein paar Jahre älter sein können!

Es kamen auch Losleute die Menge, »sich die Wirtschaft anzusehen« und bei der Gelegenheit auch die Frau in Augenschein zu nehmen. Edme wußte, was sie herführte, und kannte die einleitenden Redewendungen, die in solchem Falle üblich waren. Sie ließ es auch ihrerseits an den nötigen Erkundigungen nicht fehlen und übereilte sich so wenig als sie. Handelte es sich doch nicht um ein verliebtes Weibchen, sondern um eine ehrbare Witwe, die wegen Haus und Hof wieder heiraten mußte.

Eines Tages kam die alte Katre Szelagene aus Szelagen-Peter-Purwins zu ihr und brachte das Gespräch auch gleich auf den bestimmten Punkt. »Ich höre, du willst wieder heiraten«, sagte sie.

»Ja – wenn es so paßt«, antwortete Edme.

»Das versteht sich von selbst«, meinte die Alte. »Aber es könnte wohl passen.«

»An wen denkst du?« fragte die Frau.

»An meinen zweiten Sohn, den Jurrey, mein Täubchen, an den denke ich.«

»Der Jurrey ist mir doch zu jung.«

»Nun, er hat dreißig Jahre hinter sich, das ist doch nicht zu wenig zum Heiraten.«

»Aber ich fünfunddreißig, Katre. Ich will mich nicht jünger machen als ich bin.«

»Das hast du auch nicht nötig, mein Fischchen. Wegen der fünf Jahre brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Einen jungen Mann zu haben, der nicht zu jung ist, nennt keiner ein Unglück, und dem Jurrey kann's wahrlich nicht schaden, eine verständige Frau zu bekommen, die ihn in Ordnung hält.«

Edme bedachte sich ein Weilchen. »Ich glaubte, Jurrey wolle eine andere heiraten«, sagte sie dann ganz ruhig.

»Ja, das mag ihm wohl so im Sinne gelegen haben«, entgegnete die Alte. »Aber es kann daraus nichts werden. Er hat am Kanal gearbeitet und da die Mare Admoneit kennengelernt, die beim Budiker diente. Sie ist eine hübsche Person, und ihr Vater war Wirt an der Grenze, hat aber sein Grundstück vertrunken und reitet nun für die Juden. Jurrey nahm sie zu sich, und es ist dann gegangen, wie es so geht. Für ihr Kind läßt sich etwas tun, aber heiraten kann er sie nicht, das weiß sie auch selbst. Das väterliche Grundstück hat sein Stiefbruder angenommen, dem von seiner Mutter her die Hälfte gebührt, und von den vierhundert Talern, die für ihn als Vatererbe eingetragen sind, kann er doch nichts kaufen, was ihn mit Weib und Kind nährt.«

»Vierhundert Taler sind für ihn eingetragen?« fragte Edme.

»Ja, vierhundert Taler, und wenn es darauf ankommt, können sie gleich bar ausgezahlt werden. Der Herr Rechtsanwalt kennt einen Memeler Herrn, der das Dokument gern annimmt.«

»Mag der Jurrey sich nur vorsehen«, bemerkte Edme. »Die Mare wird ihn verklagen und auf sein Erbteil Beschlag legen lassen.«

Katre zwinkerte listig mit den kleinen Augen. »Das wird nicht geschehen, mein Häschen«, entgegnete sie. »Die vierhundert Taler sind schon zum Schein an einen guten Freund abgetreten. Das Geld soll künftig von dem Memeler Herrn geradeaus an Jurrey gezahlt werden oder an seine Frau. Für dich wär's schon immer eine große Hilfe.«

Edme nickte. »Aber es ist doch fraglich, ob die Mare nicht heran kann«, sagte sie. »Ich will nicht für ein fremdes Kind meine eigenen Kinder schädigen und am Ende noch den Mann umsonst mit ernähren.«

»Das Kind würde ich selbst in Pflege nehmen«, beruhigte die Alte. »Wenn mein Jurrey sich so gut einheiratet, soll mir das nicht zuviel sein.«

Die Karklene versprach, sich's überlegen zu wollen. Die vierhundert Taler hatten ihr einen guten Klang, und sie erinnerte sich nun auch, daß Jurrey Szelags in Berlin bei der Garde gedient hatte, weil er groß und gut gewachsen war, und daß nach seiner Rückkehr jedesmal, wenn er in die Kirche trat, eine merkliche Unruhe unter den jungen Mädchen entstand. An dem Verhältnis mit der Mare Admoneit nahm sie gar keinen Anstoß. Sie wollte sich's wirklich überlegen und führte deshalb die Altsitzerin Katre Szelagene im Hause, im Stall und in der Kleie (dem Speicher) herum, damit sie alles in Augenschein nehmen könnte, was etwa ihr Sohn zu erwarten habe, zeigte ihr auch die Kinder und lobte sie wegen ihrer Folgsamkeit.

Nachdem die Alte gegessen und getrunken hatte, entfernte sie sich mit bestem Dank. Edme ließ ein paar Wochen vergehen. Da sich aber eine bessere oder auch nur gleich gute Partie nicht fand, stattete sie ihr dann den Gegenbesuch ab und meinte, sie wolle den Jurrey zuerst einmal auf ein oder zwei Monate »auf Probe« als Knecht annehmen. Sie könnten dann beide mit sich einig geworden sein, ob sie füreinander paßten. Die vierhundert Taler müßten ihr aber jedenfalls selbst in die Hand gegeben werden und sogleich.

Auf diese Verabredung zog Jurrey Szelags als Knecht an. Jeder in der Nachbarschaft wußte, daß er den Ehemann auf Probe spielen sollte, und darin fand niemand etwas Bedenkliches. Das geschah in solchen Fällen oft so und war eigentlich auch ganz in der Ordnung, da man einander doch erst in der Wirtschaft näher kennenlernen mußte. Jurrey war fast sechs Fuß hoch, breit in den Schultern und dabei schlank, er hatte ein glattes, frischfarbiges Gesicht und muntere Augen. Er trug eine blaue Tuchjacke mit vielen kleinen Knöpfen, ein rotes Halstuch und ein schneeweißes Beinkleid von englischer Leinwand, als er sich vorstellte, und sah viel stattlicher und sauberer aus, als es dem verstorbenen Karklies jemals hatte gelingen wollen. Von der beabsichtigten Heirat wurde natürlich kein Wort gesprochen, dafür aber ganz ordnungsmäßig der Lohn verabredet. Die vierhundert Taler zählte er auf den Tisch und bat Edme, sie ihm vorläufig aufzuheben, da sie bei ihr sicherer wären als bei ihm. Wollte sie davon etwas entnehmen, so würden sie sich wegen der Zinsen ja leicht einigen.

Er arbeitete den Tag über recht fleißig und saß abends nach dem Essen auf der Bank in der Halle oder unter den Birken im Gärtchen, seine kurze Pfeife rauchend und mit den Kindern plaudernd, die den gutmütigen und immer lustigen Menschen rasch liebgewannen. Auch Edme gesellte sich mit ihrer Handarbeit meist zu ihnen. Der Jurrey Szelags gefiel ihr mit jedem Tage mehr. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie einen Mann so mit Wohlgefallen betrachtete. Denn Annus hatte sie geheiratet, weil er ihr bestimmt war, und es in ihrer Lage Torheit gewesen wäre, den wohlbegüterten Wirt abzuweisen. Ob sie ihm gut sei, hatte sie sich kaum gefragt. Jetzt zuerst bemerkte sie, daß ein Mann hübsch oder gar schön sein, und daß es ein Vergnügen sein könne, ihn anzusehen. Sie fühlte sich so ganz eigen beunruhigt, wenn Jurrey sie beobachtete, ohne zugleich das Wort an sie zu richten; und wie jetzt mitunter ihr Herz schlug, wenn er mit ihr allein auf der Bank saß und ihr vertraulich näher rückte, so hatte es ihr noch nie vorher geschlagen. Sie machte sich ernstlich Gedanken darüber, ob das nicht ein Grund wäre, ihn fortzuschicken. Einen Mann heiraten zu wollen, der solche Macht über sie gewann, kam ihr ganz unvernünftig vor.

Aber jeden Tag überzeugte sie sich auch mehr, daß sie schon gefesselt sei und nicht wieder freikommen könnte, ohne sich einen großen Schmerz zuzufügen. Davor scheute sie zurück. Sie spähte nun nach Untugenden, die ihr Jurrey verleiden könnten. Es blieb ihr nicht verborgen, daß er der Flasche gern zusprach. Er hätte sich's bei der Arbeit auf dem Bagger und am Kanal so angewöhnt, sagte er, und könnte sich's als Wirt auch wieder abgewöhnen; über den Durst zu trinken, sei niemals seine Art gewesen. Und über den Durst tranken ja sogar oft genug die litauischen Weiber: an den Sonntagnachmittagen konnte man sie in den Chausseegräben liegen und ihren Rausch ausschlafen sehen. Wenn sie Jurrey beständig unter Aufsicht hätte –! Sie sah ein, daß sie sich nicht gegen ihn erzürnen könnte, und gab sich nun bald Mühe, ihm zu gefallen.

Sobald er das merkte, sagte er ihr allerhand Schmeichelhaftes über ihr gutes Aussehen, über ihre weißen Zähne und roten Backen, über ihre Beliebtheit bei den Nachbarn, auch über ihre Wirtschaftlichkeit und strenge Kinderzucht. Er stieß sie mit der Schulter an, wenn er ihr begegnete, und lachte dazu; er rückte auf der Bank dicht an sie heran und ließ die Pfeife ausgehen, um den Arm für sie frei zu haben. Er brachte das Gespräch auf die notwendigen Anschaffungen und hatte schon wenig Mühe, sie zu bewegen, von seinem Gelde zwei Kühe und ein besseres Gespann Pferde anzukaufen, durch den Maurer den Stall in Ordnung bringen zu lassen, ihre Schulden zu bezahlen und ihn selbst dafür als Gläubiger anzunehmen. »Das ist doch nur so –«, meinte er und schnippte in die Luft. Die vierhundert Taler waren bald bis auf einen kleinen Rest ausgegeben, und nun fühlte Jurrey sich schon als Mitbesitzer. Es war nicht daran zu denken, daß Edme ihn wieder laufen ließ; sie hätte die ganze Wirtschaft ruinieren müssen. Eines Abends, als sie lange beim Mondschein unter den Birken gesessen und vertraulich geplaudert hatten, vergaß sie die Stubentür zu verriegeln. Sie schien sehr böse zu sein, als er ihr nachschlich, aber er kehrte sich nicht daran. Seitdem lebten sie zusammen wie Mann und Frau, bevor noch der Herr Pfarrer den Segen gesprochen hatte. Doch bestellten sie bei ihm das Aufgebot und ließen den gerichtlichen Taxator herauskommen, das Grundstück für die Teilung abzuschätzen. Er wurde den Tag über sehr reichlich verpflegt, damit er möglichst niedrig schätze. Das war der Vorteil der Frau, wenn sie das Grundstück zum Eigentum annahm, wie sie das Recht hatte.

Als diese Geschäfte geordnet waren, wurde nach einigen Wochen die Hochzeit gefeiert – drei Tage lang, wie es die litauische Sitte wollte. Das Geld reichte nicht einmal dazu, aber die Ernte war nicht schlecht gewesen, und der Krüger, von dem die Getränke entnommen wurden, kreidete gern an. Nun war aus der Edme Karklene die Edme Szelagene geworden, und das Grundstück hatte wieder einen Wirt. Die Gäste konnten nicht müde werden, Edme zu dem »hübschen jungen« Mann und Jurrey zu der »guten Wirtin« Glück zu wünschen. Im Grundbuche ließ er der Ordnung wegen vermerken, daß er mit der Annehmerin verheiratet sei. Es gehörte ihm von Rechts wegen nun soviel davon als ihr.

Eine Zeitlang lebten die Eheleute ganz verträglich miteinander. Das Verhältnis war aber doch anders, als Edme es von ihrem ersten Mann her kannte. Karklies war der Herr im Hause gewesen. Nun konnte sie nicht vergessen, daß sie eine Weile selbständig gewirtschaftet und ihrem zweiten Manne das Grundstück zugebracht hatte. Und ebensowenig, daß Jurrey fünf Jahre jünger war als sie. Es schien sich ganz von selbst zu verstehen, daß sie die Anordnungen gab und er sie nur ausführte. Wenn er in der Wirtschaft etwas unternahm, ohne vorher ihre Genehmigung eingeholt zu haben, so ließ sie ihn ihre Unzufriedenheit fühlen und mäkelte an der Ausführung herum, bis er ärgerlich und gelegentlich auch grob wurde. Das Grundstück blieb ihr Grundstück. Nach außen hin mochte er die Ehre haben, für den Wirt zu gelten – das war sie schon sich selbst schuldig –, aber im Hause sollte er ducken. Bei seiner Gutmütigkeit vermied er es, sie zu reizen, und ging ihr aus dem Wege, wenn sie bei schlechter Laune war. Immer gelang's doch nicht. Und verdrießlich war es ihm denn doch, daß er nichts zu sagen haben sollte. Kochte ihm einmal die Galle über, so polterte er wohl seine Meinung heraus, daß er dasselbe Recht habe wie sie, und sich nicht wie einen dummen Jungen behandeln lassen werde, wo er der Herr sein könne. Dann lachte sie ihn hochmütig aus und antwortete: »Ich sage ja nur, wie ich's haben will. Willst du's anders haben, so können wir nicht in Einigkeit leben, und das wird mehr dein Schade sein als der meine.« Sie war ihm recht gut und konnte noch immer zuzeiten sehr zärtlich sein; nur durfte er darauf nicht trotzen.

Edme hatte die Schlüssel, nicht nur zur Speisekammer und zum Wandschrank, sondern auch zur Klete. Sie händigte sie ihm nicht einmal aus, wenn etwas herausgenommen werden sollte, sondern ging selbst mit und verschloß wieder oder schickte eins von den Kindern. Sie mißtraute ihrem Manne, daß er nicht ehrlich verfahren und einen Scheffel Getreide oder ein Bund Flachs für sich nehmen könnte, um sich heimlich einen Trinkgroschen zu verschaffen. Wenn Vorräte verkauft werden sollten, fuhr sie regelmäßig mit, handelte selbst mit dem Kaufmann und strich auch selbst das Geld ein. Zu jeder Ausgabe erhielt er das Erforderliche vorgezählt. Ging er in den Krug, was sie immer ungern sah, so bekam er ein Taschengeld, das nach ihrer Meinung zureichen konnte. Zu Hause füllte sie nicht immer seine Branntweinflasche, sobald er sie ihr leer hinreichte, sondern setzte ihn auf ein bestimmtes Maß. »Gibt man dir, soviel du willst,« meinte sie, »so würdest du bald Haus und Hof fortgetrunken haben.« Das empörte ihn zumeist, denn er war oft durstig.

Edme rechnete doch zu sicher auf seine Gefügigkeit. Mitunter ging er ohne Abschied fort und blieb dann gleich die ganze Nacht aus, auch wohl noch einen Tag. Das geschah anfangs selten, gewöhnlich nach einem heftigen Wortstreit, aus dem sie als Siegerin hervorgegangen war. Tagelang gönnte sie ihm dann keinen freundlichen Blick, bis er abgebeten und Besserung versprochen hatte. Nach einiger Zeit brauchte er schon solchen Anlaß nicht mehr. Am Sonnabendnachmittag ließ er sich nicht halten. Das Fuhrwerk freilich durfte er nicht benutzen, und auch den Kahn hatte Edme angeschlossen; zu Fuß nach dem Marktflecken zu gehen, konnte sie ihn doch nicht hindern. Nun legte sie sich aufs Bitten, aber er entgegnete: »Tu' ich nicht meine Arbeit? Was willst du mehr? Die andern Wirte sitzen auch nicht immer zu Hause. Man will einmal erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich habe von früher her gute Freunde, mit denen treffe ich zusammen. Und die Verwandtschaft will doch auch wissen, ob man noch lebt. Es geht dich nichts an.«

Unerklärlich war ihr's nur, wo er die Mittel zu seinen Ausschweifungen hernahm. So genau sie aufpaßte – und sie war jetzt noch mißtrauischer als früher –, eine Veruntreuung ließ sich ihm nicht nachweisen. Fragen mochte sie ihn nicht. Sie fürchtete eine Antwort zu bekommen, die ihr nicht gefallen könnte. Und sie würde doch für nichts gutstehen dürfen, dachte sie sich, wenn sie von nichts wüßte. Der Krüger freilich rechnete anders: er schrieb ohne Widerrede an, was Jurrey schuldig blieb, und wahrscheinlich noch etwas mehr. Der war ihm ja sicher. Von Zeit zu Zeit sagte er ihm einmal: es sei schon soundso viel. Jurrey nickte und antwortete: »Laß noch wachsen – es ist hinterher dasselbe.«

Eines Tages forderte er von Edme Geld. Es war eine beträchtliche Summe. »Was willst du damit?« fragte sie ihn überrascht.

»Schulden bezahlen«, entgegnete er patzig. Er hatte sich vorgenommen, recht keck aufzutreten und ihr endlich einmal den Herrn im Hause zu zeigen.

»Was für Schulden?« fuhr sie ihn an. »Ich habe keine.«

»Aber ich! Das ist das gleiche.« »Das ist nicht das gleiche. Wer dir geborgt hat, mag zusehen, wie er zu dem Seinigen kommt.«

»Der Krüger wird mich verklagen.«

»Das kümmert mich nicht.«

»Meinst du? Aber wenn der Exekutor anrückt –«

»Er mag dir nehmen, was du hast.«

Jurrey lachte. »Er wird nehmen, was er findet.«

Die Frau hob das Kinn und sah ihn über die Schulter an. »Das Grundstück gehört mir.«

»Aber ich bin mit eingetragen«, antwortete er.

»Das hat nichts zu bedeuten«, meinte sie.

»Das wirst du schon sehen!« Da sie darauf schwieg und sich mit ihrer Arbeit beschäftigte, fragte er: »Willst du mich auslösen?«

»Nein«, sagte sie sehr bestimmt.

»So gib mir von meinem Gelde.«

Edme blickte verwundert um. »Von deinem Gelde?«

»Ja – was ich eingebracht hatte.«

»Wo ist das?« »Du wirst doch nicht vergessen haben –«

»Du hast es ja selbst ausgegeben.«

»Ja, fürs Grundstück.«

»So steckt's darin. Ich habe dein Geld nicht.«

»Ja, dann ...« Er schloß den Satz nicht, sondern fing an zu pfeifen. Er hatte gemeint, daß sie wild werden und gewaltigen Lärm schlagen werde. Das geschah nun nicht; sie blieb nur bocksteif. Wie denkt sie sich das eigentlich? überlegte er. Das Pfeifen ärgerte sie. Daß ihm nicht so lustig zumute wäre, wußte sie ganz gut. Sie hielt aber an sich. Wenn nur von dem Gelde gar nicht mehr gesprochen würde.

Nach einiger Zeit schickte sie Jurrey mit Getreide zur Mühle in der Nähe des Marktfleckens. Sie konnte nicht mitfahren, weil es gerade in der Wirtschaft zuviel zu tun gab, setzte aber ihr ältestes Töchterlein auf den Wagen und sagte: »Du bleibst bei den Pferden und siehst darauf, daß der Vater gleich zurückkommt.«

Der Befehl war aber leichter gegeben als ausgeführt. Nachdem das Getreide auf die Mühle gebracht war, nahm Jurrey die Leine, hieb auf die Pferde ein und jagte davon, in der Richtung nach dem Marktflecken. Dem Mädchen, das noch nicht aufgestiegen war, rief er zu: »Lauf nach Hause und sag' der Mutter, die Pferde sind durchgegangen, ich hab' sie nicht halten können.«

Am andern Tage kam er zu Fuß, noch nicht ganz ausgenüchtert. »Wo ist das Fuhrwerk?« fragte Edme, die deswegen schon eine unruhige Nacht gehabt hatte.

»Verkauft«, antwortete er lustig.

»Verkauft? Das ist gelogen.«

»Warum soll es gelogen sein?«

»Wie kannst du das Fuhrwerk verkaufen? Es gehört zum Grundstück.«

»Jetzt nicht mehr.«

Ihre Augen blitzten zornig, sie streckte befehlend die Hand aus. »Du wirst es auf der Stelle zurückschaffen!«

Er zuckte die Achseln. »Das kann nicht sein. Der Krüger hat's für die Schulden angenommen.«

»Das hält nicht«, schrie sie. »Er ist so ein Spitzbube wie du.«

Jurrey fing wieder an zu pfeifen.

Sie drehte sich rasch um und schlug ihn auf den Mund. »Du –!« drohte er, »Ein Kuß war das nicht. Nimm dich in acht!«

Edme wich zurück. »Wo ist mein Fuhrwerk?«

»Beim Krüger.«

»Er muß es zurückgeben.«

»Da kennst du ihn schlecht. Was der hat, das behält er. Das Fuhrwerk war auch von meinem Gelde angeschafft.«

»Das ist gleichgültig.«

»Und überhaupt – ich kann verkaufen, was ich will.«

»Das wollen wir doch sehen!«

Sie zog sich sogleich an und lief nach dem Marktflecken. Zuerst zum Krüger. Der lachte sie aus. »Szelags ist doch kein Kind«, sagte er. »Das Geschäft ist abgemacht. Aber ich will nicht hart mit dir sein. Wenn du das Fuhrwerk brauchst – zahle mir, was dein Mann mir schuldig war und noch zwanzig Taler zu, so hast du's noch immer billig. Es ist da einer, der schon soviel geboten hat.«

»Da müßt' ich nicht bei gesunden Sinnen sein«, rief sie und rannte wütend fort. Jetzt nach dem Gericht. Da wurde sie aber belehrt, daß der Mann verkaufen könne und die Frau keinen Einspruch dagegen habe. »Das Grundstück kann er verkaufen?« fragte sie ganz verwundert. Das Grundstück nicht, aber alle bewegliche Habe. »So gibt's keine Gerechtigkeit mehr auf Erden!« rief sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Sie eilte zum Rechtsanwalt, der ihr keinen günstigeren Bescheid gab, und dann zu dem alten Pfiffikus, dem Davids Petrusch. Aber auch der konnte ihr nicht helfen. »Es steht so einmal im Gesetz«, sagte er. Er verschwieg, daß Szelags ihn schon um Rat gefragt hatte.

Nun blieb ihr nichts übrig, als das Fuhrwerk auszulösen. Von dem Aufgeld handelte sie noch ein paar Taler ab. Daß sie auch das noch »dem Hunde« zahlen müsse, empörte besonders ihr Gemüt. Jetzt hatte sie keine ruhige Stunde mehr. Was Jurrey einmal getan hatte, konnte er wieder tun. Er stellte ihr zwar vor, daß er doch kein Tor sein werde, ohne Not »das Grundstück zu schwächen«. Aber der Rest von Vertrauen war hin.

Jurrey änderte seine Lebensweise auch nicht. Je unfreundlicher ihn seine Frau behandelte, um so mehr wurde er geneigt, außer dem Hause sein Vergnügen zu suchen. Er wußte nun schon, wie er seine Schulden würde bezahlen können, wenn Edme wieder hartnäckig sein sollte. Übrigens sah er auch recht gut ein, daß sie Grund hätte, mit ihm unzufrieden zu sein, und suchte sie durch Zärtlichkeiten zu begütigen. Dafür war sie nicht unempfänglich. Warum hatte sie denn den »hübschen jungen Mann« geheiratet? Aber der Friede war nie von langer Dauer. Wenn Jurrey wieder einmal Tag und Nacht ausgeblieben war, gab's hinterher die ganze Woche Spektakel.

So war nach einiger Zeit sein Konto beim Krüger wieder stark angeschwollen. Auch bares Geld erhielt er von ihm, soviel er forderte. Jurrey zerbrach sich gar nicht den Kopf darüber, wie das enden sollte. Herr Reichelt werde ja doch wissen, was er tue, und ihm gewiß nicht zuviel borgen. So war's auch. Der Krüger hatte ein Plänchen, und mit dem rückte er eines Abends vor. »Der neue Kanal wird nicht weit von deinem Grundstücke vorüberführen«, sagte er ihm; »ich könnte recht gut den Plan an der Minge brauchen, darauf ein Wirtshaus für die Schiffer und Flößer zu bauen. Ich könnte dir einen Preis zahlen, wie du ihn von keinem andern bekommst. Auf das Kaufgeld rechnen wir ab, was du mir schuldig bist, und der Rest kann stehenbleiben. Für die Zinsen magst du bei mir trinken.« Er machte ihm ein Gebot.

Jurrey Szelags schob seine Mütze von der Stirn fort. »Ei ja,« antwortete er, »das könnte mir schon ganz recht sein. Aber die Edme tut's nicht – die tut's nimmermehr.«

»Wenn du's nur richtig anfängst«, meinte der Krüger. »Sie ist deine Frau und muß parieren. Sie wird auch einsehen, daß sie ein gutes Geschäft macht. Die Weiber verstehen sich auf so etwas. Die paar Morgen bedeuten für das Grundstück nicht viel. Und wenn du willst, kannst du ja auf der andern Seite billig zukaufen. Mir kommt's nun gerade auf den Fluß an. Den Zugang zum Wasser behaltet ihr ja doch.«

Jurrey überlegte sich's. »Das kann mir doch wenig helfen«, meinte er. »Wenn die Edme darauf eingeht, so nimmt sie auch das Geld, und meine Schulden bin ich nicht losgeworden.«

»Da läßt sich wohl vorbauen«, bemerkte der Krüger pfiffig. »Die Edme braucht ja nicht gerade den genauen Preis zu kennen, den wir verabredet haben, und das Gericht noch weniger. Man kann etwas an den Kosten sparen. Was ich dir zulege, geht keinen etwas an, und streiche ich deine Rechnung durch, so wissen wir beide, was das bedeutet.«

Der Litauer ließ sich's eine Weile im Kopfe herumgehen. Das Land am Fluß tauge nicht viel, äußerte er sich gelegentlich zu Hause, man sollte es zu verkaufen suchen und einen besseren, wenn auch kleineren Acker einhandeln. Darauf antwortete Edme nicht einmal. Er mußte nun wohl näherrücken. Es sei da einer, der den Plan kaufen und darauf bauen wolle. Er biete unverständig viel Geld, weil's ihm gerade um die Lage zu tun sei.

»Wer ist der?« fragte sie, die Achseln zuckend.

»Der Krüger Reichelt.«

»Dann weiß ich schon genug«, sagte sie und wandte sich ab.

»Er ist ein wohlhabender Mann, und was er verspricht, das hält er auch.«

»Er ist ein Spitzbube, der dir zu trinken gibt, soviel du willst.«

»Das geht keinen etwas an.«

»Mich doch! Du möchtest das Land vertrinken, und er will dir dazu helfen.«

»So groß ist mein Durst nicht«, versicherte er lachend. »Das Geld soll eingetragen werden, bis wir etwas anderes kaufen. Dann bist du doch sicher.«

»Ich will aber nicht verkaufen,« sagte sie mit aller Entschiedenheit, »nicht zehn Morgen und nicht zehn Ruten. Nicht so viel Land, als du mit der Hand bedecken kannst, soll vom Grundstück abgenommen werden. So wie ich es erhalten habe, so soll's bleiben.«

Er suchte ihr die Einwilligung abzuschmeicheln, aber sie war fest. »Rede kein Wort weiter,« schloß sie, »es ist ganz vergeblich. Wir haben nicht nötig, zu verkaufen, und werden's, so Gott will, auch ferner nicht nötig haben; das Geld lockt mich nicht, es mag viel oder wenig sein, um von den Zinsen zu leben, ist's immer zu wenig. Wenn der Herr Reichelt aber auch das Doppelte oder gar Dreifache bieten wollte, ich gebe das Land nicht hin. Wenn du mich dazu drängst, so sehe ich, daß du noch heimlich etwas im Sinne hast, wovon ich nichts wissen soll.«

Da Jurrey nun merkte, daß ihr weder mit Bitten, noch mit Drohen etwas abzugewinnen sein würde, klagte er bei nächster Gelegenheit dem Krüger seine Not und meinte, der schöne Plan müßte nun wohl aufgegeben werden. Herr Reichelt zog die Stirn in Falten und sagte: »Es tut mir leid, daß du eine so unvernünftige Frau hast. Kannst du's nicht gegen sie durchsetzen, so wirst du freilich bedenken müssen, wie du mir auf andere Weise gerecht wirst. Denn daß ich mein Geld verliere, wirst du doch nicht wollen. Von heute ab bekommst du aber bei mir nichts mehr geborgt. Höre ich aber, daß du's woanders versuchst, so klage ich die Schuld sofort aus und schicke dir den Exekutor auf den Leib. Wie du dann mit deiner Frau fertig wirst, magst du zusehen.«

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