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Das große Bestiarium der modernen Literatur

Franz Blei: Das große Bestiarium der modernen Literatur - Kapitel 8
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typeessay
authorFranz Blei
titleDas große Bestiarium der modernen Literatur
publisherErnst Rowohlt Verlag
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Biographische Belustigungen

Die beim deutschen Volke beliebtesten Literaturgeschichten stellen den Inhaltsangaben der respektiven Werke immer eine Erzählung des Lebens ihrer Verfasser voraus, kürzer oder länger, je nach der Beliebtheit. Manche gehen weiter und verflechten Werk und Leben des Belletristen oder Dichters in ein Ganzes, wobei das private Leben immer dort den Faden aufnimmt, wo dem Historiker der ästhetische Faden ausgeht oder umgekehrt. Der Erfolg des großen Bestiarium sollte nicht unter dem Mangel solcher biographischer Belustigungen leiden. Wir haben sie vom kritischen Teile sauber abgetrennt und geben sie in der essentiellen Form der Anekdote. Zu einer umfangreicheren Konzession konnten wir uns nicht entschließen. Einerseits sind wir, wie man sieht, theoretisch anders verpflichtet, andrerseits fürchteten wir, bei näherer Kenntnisnahme des Lebens unserer Verfasser das geringe Interesse, das sie uns einflößen, ganz zu verlieren. Mit den Anekdoten taten wir unser Möglichstes. Ultra posse, nicht wahr?

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Ein junger revolutionärer Literat rief: »Ich brauche zehntausend Bourgeoisköpfe!« – »Ich würde mich mit dem Ihren begnügen«, sagte Rudolf Kassner.

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Jemand fragte Arthur Schnitzler, der aus einer Gesellschaft kam, wie er sich unterhalten habe. »Ohne mich,« sagte der Plauderer, »hätte ich mich sehr gelangweilt.«

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In Wien wurde einmal der Nachlaß einer wegen ihrer Liebschaften mehr als wegen ihrer Kunst berühmten Schauspielerin öffentlich versteigert. Einige bejahrte Damen fanden entrüstet, daß die Preise zu hoch gingen. »Diese Damen,« sagte Franz Blei, »hätten die Sachen am liebsten zum Selbstkostenpreis. «

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Bei der Aufführung eines Stückes von Georg Kaiser sagte jemand: »Das Stück ist sehr schmeichelhaft für Carl Sternheim.«

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Es war Schickele, der einmal die Annette Kolb le plus honnête homme du monde nannte. Die selbige Annette nannte jemand in Bern, als sie große Sympathien für den Kommunismus zeigte, die Précieuse radicale.

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Auf den ehrgeizigen Carl Sternheim hat man folgendes Epitaph verfaßt: »Hier ruht Carl Sternheim. Es ist der einzige Platz, nach dem er nicht gestrebt hat.«

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In Berlin trat ein sehr mageres Tanzpaar auf. Wedekind sagte: »Es ist, als ob zwei Hunde um einen Knochen rauften.«

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Oscar Wilde wollte einen Roman über die Blutschande schreiben und ihn Jean Lorrain widmen als »Dem Einzigen, der mich verstehen kann«. »Aber,« sagt etwas konsterniert Lorrain, »ich habe gar keine Schwester.« – »Mein Lieber, haben Sie nicht Ihre alte Mutter?«

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Jemand traf Carl Sternheim allein in den Isarauen spazieren. »Was machen Sie da, Herr Sternheim?« – »Ich unterhalte mich mit mir selbst.« – »Dann seien Sie auf der Hut, Herr Sternheim, Sie unterhalten sich mit einem großen Schmeichler.«

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K. Edschmid las an einem Morgen seines achttägigen Pariser Aufenthaltes im Petit Journal, daß nachts vorher in der Rue Frochot eine Rauferei gewesen und dabei ein persischer Untertan verhaftet worden sei. Edschmid war es so, als hätte er vor zwei Tagen eine Gasse passiert, die er Rue Frochot las. Er pflegt seitdem gern zum Beweise seiner Lebenserfahrung seine Rede mit den Worten einzuleiten: »Ich, der ich mich in Paris mit Persern stach...«

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Wedekind betrat ein Speiselokal, dessen alle Tische besetzt waren, bis auf einen, an dem nur Halbe saß, mit dem er gerade »bös« war. Er ging trotzdem auf den Tisch zu, fragte, ob hier Platz sei. »Ich pflege allein zu essen«, sagte Max knurrend. Wedekind wies auf den Kalbskopf, den der berühmte Dramatiker verspeiste und sagte: »Aber, Sie sind doch bereits zwei, Herr Doktor Halbe.«

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Es war der neue Roman »Das Herz in der Faust« von Ganghofer erschienen, und der Dichter wurde von seinem kaiserlichen Herrn im Hauptquartier empfangen mit den Worten: »Das war wieder mal ein Schuß ins Schwarze, mein lieber Ganghofer.« – »Wir tun alle nur unsere gutdeutsche Pflicht«, sagte schlicht der Verfasser. Die gerade anwesende Kaiserin zerdrückte gerührt eine Träne.

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Franz Werfel wurde im Kriegspressequartier damit beauftragt, Worte und Aussprüche zu erfinden, die Kaiser Karl bei öffentlichen Anlässen von sich geben könne. Werfel erfand mit vieler Freunde Hilfe eine Menge. Das beste Wort aber machte der viel mehr als witzige Anton Kuh: »In meinem Reiche geht die Sonne nie auf.«

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Altenberg trifft auf der Straße einen seiner vielen ihm unbekannten Bekannten und wird zum zweiten Frühstück eingeladen. Herr Buda macht auf Altenberg einen nervösen Eindruck und erklärt das damit, daß er zehntausend Kronen in der Tasche habe. Er wolle sie nachher auf die Bank tragen. Peter A.: »Auf die Bank? Um von einem schmierigen Kommis darüber eine schmutzige Quittung zu erhalten? Für zehntausend Kronen bekommen Sie das schönste Mädchen von Wien, das Ihnen und Ihnen allein ihr Lächeln schenkt, ihre Seele, ihren süßen Leib. Und die Bank? Kauft Papiere dafür, die Sie schlaflose Nächte kosten, die Sie, auch schlaflos, aber wie anders, in den Armen...« Altenberg redet sich in Ekstase, Herr Buda springt auf, er werde in zehn Minuten wieder zurück sein. Herr Buda kommt zurück. »Meine Nervosität war zu groß. Ich habe mein Geld auf die Bank getragen. Ich hab nur zwanzig Kronen zurück behalten.« – »Zwanzig Kronen? Dafür können Sie das schönste Mädchen von Wien haben.« – »Was für ein Mädchen?« – »Von dem ich Ihnen vorhin erzählt hab, das schönste Mädchen von Wien, nur viel jünger.«

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Jemand, der viel von Altenbergs Witz gehört hatte, setzte sich an seinen Tisch. Peter schwieg eine geschlagene Stunde lang. Der Herr äußerte sein Erstaunen. Darauf Altenberg: »Ich glaube, Sie verwechseln mich mit dem Doktor Friedell.«

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Flake sagt, daß ihm ein Manuskript gestohlen worden sei. Schickele bemerkt: »Der Dieb kann nur einer sein, der nie was von dir gelesen hat.«

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Wilhelm II. hatte nach Sanssouci seine Tafelrunde geladen: Lauff, Ganghofer, Herzog, den Dichter von Charleys Tante und Leoncavallo. Clewing hatte seine Gitarre mitgebracht, daher bliesen Majestät nicht die Flöte. Sonst aber war alles fridericianisch.

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Wedekind war in Komplimenten nicht glücklich. Einer Schauspielerin, welche in der Rolle der Kleopatra aufgetreten war und meinte, für die Rolle müsse man schön und jung sein, sagte Frank: »Nun, meine Gnädige, Sie beweisen das Gegenteil.«

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Schüchtern wie Wedekind war, fiel er immer mit der Tür ins Haus und manchmal auch gleich durch das ganze Haus durch. Manche seiner Tischdamen werden sich seiner stereotypen Frage nach der ersten halben Stunde Schweigens erinnern: »Mein Fräulein, sind Sie noch Jungfrau?« Von einer Siebzehnjährigen bekam er einmal die Antwort: »In Ihrer Gesellschaft bliebe ich es bestimmt bis an mein Lebensende.«

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Dem höchst fruchtbaren und redseligen C. Hauptmann entschlüpfte in einer Gesellschaft ein Geräusch. Jemand sagte: »Dieser Ton von ihm ist mir lieber als wenn er redet.«

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Wedekind lag an einem gebrochenen Bein zu Bett und Halbe besuchte ihn, trotzdem man »bös« war. Man versöhnte sich. Als Wedekind wieder ausging, begegnete ihm der berühmte Verfasser schöner Stücke, der ihn grüßte. Wedekind sah in die Luft. »Aber Frank, wir haben uns doch versöhnt!« – »Das war nur für den Sterbefall, Herr Doktor Halbe«, sagte Frank und ging weiter.

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Schnitzler sagte: »Als Redakteur der Schönen blauen Donau hat mich Rudolf Lothar in die Literatur gebracht, jetzt hätte er mich allerdings lieber wieder draußen.«

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Hermann Bahr wollte vor Jahren eine Reise nach Rußland machen, hatte aber nicht genug Geld. »Ich schreib halt erst die russische Reise und fahr für das Honorar hin, nachschaun, ob's stimmt.« Damit ist H. Bahr auch, wie alles sonstigen Modernen, der Stammvater des Expressionismus geworden.

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Vom Nebenzimmer aus vernahm man Geräusch eines lebhaft geführten Gespräches, das Carl Sternheim und ein sächsischer Diplomat miteinander führten. Und zwar über Marx. Erst nach eineinhalb Stunden kamen die beiden Herren darauf, daß Sternheim den Marx, Herr von N. den Max von Baden gemeint hatte.

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Max Halbe wurden in einem Berliner Hotel die Stiefel gestohlen. Er depeschiert seiner Frau: »Stiefel gestohlen, kann nicht reisen.« Antwort von Frau Halbe: »Unbegreiflich. Nimm sofort besten Anwalt.«

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Friedell stand vor einer gerahmten Sache, auf der mit blauer und roter Ölfarbe Kreise und Elipsen gemalt waren. Der Maler erklärte, das sei Ragusa. »Da sehen Sie«, sagte Friedell, »wie ich von Kunst gar nichts verstehe. Ich hätte das für Spalato gehalten.«

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An dem Tage, da der achtzehnjährige Lyriker T. Kriegsminister wurde und zum ersten Male mit einem Portefeuille –. Wie? Aber die Anekdote ist ja schon zu Ende, meine Herren.

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Franz Hessel hat lang in Paris gelebt und Heimweh danach. Ich treffe ihn in München, es scheint die Sonne. Aber er hat den Regenschirm aufgespannt, die Hose aufgekrempelt. »Warum denn, Herr H.?« – »Es regnet in Paris,« sagt er.

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November 19 sagte Sternheim: »Man kann schon wieder mit Paris verkehren.« Meine Bemerkung, es dürfte noch Peinlichkeiten haben, überhörend, fährt er fort: »Ich habe gestern zwei Hypotheken nach Frankreich vergeben.«

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Als d'Annunzio, il Imaginifico, in seiner Villa in Capponcina wohnte, kam er jeden Sonntag mittag in schneeweißem Anzug auf alabasterweißem Schimmel auf den Marktplatz geritten und hörte da, unbeweglich er und das Pferd, der Musik der Dorfkapelle zu. »Signore Gabriele probiert sein Monument,« sagten die Bauern.

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Als Wilde im Sterben lag, sagte ein Bekannter zu ihm: »Wenn Sie droben im Himmel meine Frau sehen, sagen Sie ihr –« Wilde unterbrach: »Ach besorgen Sie doch Ihre Angelegenheiten selber.«

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Einige Wochen nach einer Börsenhausse erzählt Sternheim bei dem Dichter E. A. Rheinhart: »Ich hab da ein paar Literaten Tipps gegeben, und sie haben ganz nett verdient. Mein Gott, keine großen Summen, aber für einen Literaten ganz nett.«

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