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Das graue Haus

Herman Bang: Das graue Haus - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/bang/grauhaus/grauhaus.xml
typefiction
authorHerman Bang
booktitleDas weiße Haus / Das graue Haus
titleDas graue Haus
publisherS. Fischer Verlag
printrun4. bis 7. Auflage
translatorTherese Krüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121129
projectid2fe1234c
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Zweiter Teil

Seine Exzellenz hatte sich an den Tisch vor die Briefe gesetzt. Der dritte, den er nahm, fiel ihm wieder aus der Hand.

Dann stand er auf, drehte die Schlüssel in beiden Türen um und setzte sich wieder. Das Gehen wurde ihm etwas schwer, aber es war ja auch schon spät am Tage für Seine Exzellenz.

Er nahm wieder den dritten Brief, und mit einem Messer schnitt er das Kuwert auf. Seine Hände zitterten nicht mehr, und die Brille hatte er abgerissen, so daß er mit seinen bloßen Augen las:

Thorsholm, den 26. Februar.

Lieber Papa.

»Ich danke für die letzten Schreiben, die in meine Hände gelangt sind und die, wie gewöhnlich, kurz waren. Ich habe Dich oft gebeten, Papa, wenn Du nicht selbst schreiben kannst, was verständlich ist, dann meinem Sohne Fritz zu diktieren, der, wenn sein Herr Kammerdiener seine bedeutungsvolle Arbeit beendet hat, sicherlich Zeit übrig hat. Was die Dinge angeht, die er dabei ganz sicher erfahren würde, so hat sein Vater nichts zu verbergen, wofern Du nicht wünschen solltest, daß er der Prachtband mit Goldverschluß bleibt, der er durch Deine Fürsorge geworden ist, ich weiß nicht in welcher Absicht. Die beigelegten Beträge sind eingetroffen, reichten aber, wie Du verstehen wirst, nicht aus für die angegebenen und in Frage kommenden Ausgaben, ohne daß ich nicht selbst und mit Hilfe des Anwalts nach andern Auswegen suchen müßte. Aber daran bin ich ja gewöhnt, und ich werde um der armen Mama und um der Meinen willen den Kampf auch nicht aufgeben, so schwer er auch ist.«

Die vorgeschobene Unterlippe Seiner Exzellenz zitterte – zum zweiten Male –, aber er las weiter:

»Du schreibst: Von Deinen Erklärungen will ich verschont bleiben. Wenn ich auch sehr wohl Deinen Wunsch kenne, verschont zu bleiben, zum wenigsten von allem, was mich betrifft, so muß ich doch diesmal Dir mit ein paar Erklärungen zur Last fallen, die ich Dich bitten muß zu lesen, da die Lage sich kaum mehr halten und nicht länger verheimlichen lassen wird, nicht einmal vor Mama, trotz meinen Anstrengungen. Ich habe, wie Du weißt, mir niemals eingebildet oder geglaubt, daß ich irgendwelche Begabung oder irgendwelches Talent für die Landwirtschaft hätte. Aber nachdem ich während einer Operation, die Dir mißlang, ohnmächtig geworden war und Du erklärt hattest, daß Dein Sohn nicht Arzt werden dürfe, wenn er kein Blut sehen könne, ging ich den Weg, den Du wohl für den angemessensten hieltest, natürlich auch deshalb, weil er in den ersten Jahren, während Bruder Fritz und Frau Stella sich im Auslande aufhielten, damit Fritz die Übersetzung Deiner Schriften fördern konnte, weniger kostete. Jedenfalls wußtest Du ja besser als alle, was es heißen will, einen großen Namen zusammen mit einer Tätigkeit zu erben, und es stand bei Dir zu entscheiden, was für mich das vorteilhafteste war, selbst wenn ich meiner Liebe zur ärztlichen Wissenschaft entsagen und in einer schwierigen Zeit Landmann werden mußte, aber wenigstens eine Stellung einnahm, wo ich Deinem Ansehen nicht hinderlich war. Es ist leider überflüssig, von den Gütern zu reden, deren Ankauf Du ja trotz allen meinen Bitten fortwährend hast durch Glud bewerkstelligen lassen, der auch Annebygaard kaufte, kurz bevor er Etatsrat wurde. Doch in Dein Verhältnis zu Konferenzrat Glud werde ich mich nicht mischen, obwohl dieses Verhältnis, wie Du vielleicht zugeben wirst, von Anfang bis zu Ende über mich hergegangen ist, indem ich vier Jahre, nachdem ich Annebygaard bekommen hatte, Thorsholm übernehmen mußte, dessen Hauptgebäude zu restaurieren genau so viel erforderte, wie die ganze Kaufsumme betrug, bevor Mama da wohnen und zum wenigsten im Sommer für ihre Person ein wenig Ruhe haben konnte. Wenn Du mich dagegen eine Pacht hättest übernehmen lassen – aber eine Pacht war natürlich weniger passend für einen Jägermeister –, so hätten doch die Mittel, die Du mir bewilligen zu können meintest, ausreichen können und wären mit einem Male gegeben worden, wodurch ich freier dagestanden hätte und wodurch vor allem die arme Mama nicht einer täglichen Sorge und Angst um mich und die Meinen preisgegeben wäre. Doch Dein bekanntes weites Herz hat ja immer viele gefunden, denen Du gibst und gibst.«

Die Hand Seiner Exzellenz erbebte wie mit einem Ruck, und die Adern an seinen Schläfen waren geschwollen wie geknüpfte Stricke, aber er las weiter.

Es war jemand an der Tür.

»Wer ist da?« rief er.

»Seine Exzellenz liest die Post,« sagte Georg auf dem Flur zu dem Vater, der die Klinke losließ.

»Ihre Gnaden klingelt,« sagte der Vater, und Georg ging.

Ihre Gnaden hatte schon zweimal auf die silberne Glocke auf ihrem Tisch geschlagen, während die Gesellschaftsdame mit ihrer gefügigen Stimme fortfuhr, aus der aufgeschlagenen Zeitung »Wohnungen« vorzulesen, ohne innezuhalten:

»Herrschaftliche Wohnung, elf Zimmer, aller Komfort. Fredericiagade 16, zweites Haus von der Bredgade aus. Näheres beim Portier.«

»Wo war das?« fragte Ihre Gnaden.

Die Gesellschaftsdame gab Antwort.

»Ja, wenn es einem gelänge, eine Beletage zu bekommen,« sagte Ihre Gnaden, »aber Hvide sagt ja, er kann die Treppen nicht vertragen.«

»Weiter.«

Die Gesellschaftsdame las wieder:

»Herrschaftliche Wohnung, zehn Zimmer, Anrichtezimmer, Badezimmer usw., Beletage. Bredgade 60. Näheres beim Portier.

»Da hat Legationsrat Duus gewohnt,« sagte Ihre Gnaden, und sie setzte hinzu – die Legationsrätin war dort gestorben, und Ihre Gnaden reflektierte nicht auf Wohnungen, in denen ihres Wissens Todesfälle vorgekommen waren –: »sonst wäre es da schön.«

Georg war eingetreten.

»Legen Sie mir die Decke um,« sagte sie, und als Georg sich gebückt hatte, um ihr die Decke über die Knie zu legen, sagte sie, während die Gesellschaftsdame weiterlas:

»Wo ist Seine Exzellenz?«

Georg, der mit den gekrümmten Fingern über die Decke strich, sagte:

»Seine Exzellenz liest die Post;« und indem er den Kopf hob und Ihre Gnaden ansah, setzte er hinzu, und dabei warf er plötzlich die Lippen auf, daß seine beiden einzigen Zähne sichtbar wurden – sie glichen den Nagezähnen einer Ratte –:

»Es war ein Brief vom Herrn Jägermeister dabei.«

Georg verbarg mit der Lippe wieder seine beiden Zähne und richtete sich auf.

»Er kann gehen,« sagte Ihre Gnaden, die an ihrem Geldbeutel herumfingerte und auf einmal mit dem Taschentuch ihre Schläfen trocknete, die feucht geworden waren.

Die Gesellschaftsdame hatte aufgehört zu lesen.

»Warum lesen Sie nicht mehr?« fragte Ihre Gnaden und hörte nicht, was das Fräulein antwortete.

Plötzlich sagte sie:

»Holen Sie Sophie;« und hielt mit einem Griff ihrer Hand die Mantille zusammen, während sie ohne Stütze durch die Räume in das Schlafgemach ging.

Sie hatte ihre Schatulle geöffnet und saß, die Hände im Schoß, vor einem kleinen Holzschrein, der auf der Klappe stand, als Sophie in das Schlafgemach trat, wo die Gardinen herabgelassen waren und halbe Dunkelheit herrschte.

»Der Jägermeister hat geschrieben,« sagte sie mit heiserer Stimme.

»Ja,« antwortete Sophie, deren schwarze Haubenbänder unterm Kinn wie ein paar dunklere Schatten im Dunkel abstanden.

Ihre Gnaden legte die Hände übereinander:

»Ich muß wissen, was er schreibt,« sagte sie.

Es war ein paar Augenblicke still im Dunkeln.

»Ihre Gnaden müßten warten,« sagte dann Sophie.

»Ja,« antwortete Ihre Gnaden und rührte sich nicht. Und sie fragte nach dem Mittagessen, und hinten aus dem Dunkel heraus nannte ihr Sophie Gericht auf Gericht.

»Das kann wegfallen,« sagte Ihre Gnaden und unterbrach die Dienerin, die eben ein Zwischengericht nannte.

Sophie wollte antworten, doch sie sagte:

»Er merkt es nicht. Er weiß nie, was er selbst ißt.«

Sophie nannte das Dessert.

»Dann verlangst du Geld,« sagte Ihre Gnaden.

»Ich habe gestern Geld bekommen.«

»Das hat er vergessen,« sagte Ihre Gnaden.

»Ich habe es von Georg bekommen,« sagte Sophie, die immer noch im Dunkeln stand.

»So hol es dir von Exzellenz selbst, wenn Georg meldet,« sagte Ihre Gnaden im Befehlston.

Sophie blieb noch stehen, obwohl nicht mehr gesprochen wurde.

Die Gedanken Ihrer Gnaden waren anderswo, oder sie waren ganz dorthin gewandert, wo sie die ganze Zeit gewesen waren, während ihr Gesicht fast wie verzerrt war von Schmerz oder von Ekel, wobei ihre dünnen Lippen ihre Fülle wiederzubekommen schienen.

»Aber ich,« sagte sie, »ich werde gequält, und ich muß zahlen,« und sie schlug mit der Hand zweimal auf die Schatulle.

Sophie antwortete nicht, sondern sah auf das Gesicht ihrer Herrin wie jemand, der längst alles verstanden hat.

»Aber kein Mensch kennt Hvide,« sagte Ihre Gnaden, deren Lippen wieder schmal geworden waren wie immer; und sie machte mit der Hand ein Zeichen, daß die Dienerin gehen könne.

Als die Tür geschlossen war, nahm Ihre Gnaden einen Schlüssel hervor und öffnete den Schrein, der vor ihr stand. Mit der Hand zählte sie ihre Banknoten, ohne sie aufzunehmen, indem sie sie gegen den Boden des Schreins hielt.

Die Mantille hatte sich gelöst. Sie fiel nieder von ihrem Rücken, nieder über den Stuhl und zu Boden, so schwer, als sei sie von Eisen.

Es klopfte an die Tür – und noch einmal.

»Wer ist da?« rief Ihre Gnaden, die den Schrein geschlossen hatte und Kraft genug besaß, selbst die Mantille von der Erde aufzunehmen und umzulegen.

»Das Frühstück ist fertig, Eure Gnaden,« sagte die Gesellschaftsdame in der geöffneten Tür.

»Ich komme.«

Ihre Gnaden ließ sich von dem Fräulein stützen, während sie die Zimmer durchschritt.

Während Georg am Mitteltisch das Frühstück anrichtete, riß Seine Exzellenz die Tür zu seinem Zimmer auf.

Ihre Gnaden und die Gesellschaftsdame hatten ihre Augen zu gleicher Zeit erhoben und schlugen sie wieder zu Boden.

»Ich soll grüßen,« sagte er, und seine Stimme war ganz ruhig.

»Von wem?« fragte Ihre Gnaden, während die Gesellschaftsdame, die die Schultern in ihrem Lehnstuhl zusammendrückte, den Blick nicht von der Gabel wandte, die in der Hand Ihrer Gnaden zitterte.

»Von Hans.«

Es war einige Augenblicke still. Seine Exzellenz stand am Fenster.

»Was schreibt er?« fragte Ihre Gnaden, die sich fortwährend zum Essen zwang.

»Wie gewöhnlich.«

Es war, als würden die Pupillen Ihrer Gnaden größer, während sie fortwährend die Exzellenz betrachtete, dessen Gesicht sie von der Seite sah.

»Und die Kinder?« sagte sie.

»Es geht ihnen gut.«

Die Exzellenz war fünf Schritt gegangen.

»Gesegnete Mahlzeit, Hvide,« sagte Ihre Gnaden und reichte ihre beiden Hände, deren Linie an den Handgelenken noch immer schön war, ihrem Manne hin.

Er ergriff sie, und hastig neigte er sich nieder und küßte sie auf die Stirn, mit genau derselben Bewegung, mit der er zu essen pflegte.

Ihre Gnaden fuhr fort zu lächeln.

»Er kann abnehmen,« sagte sie zu der Gesellschaftsdame.

»Du ißt nicht genug,« sagte Seine Exzellenz.

»Dazu sind andere da, Hvide,« sagte Ihre Gnaden mit etwas veränderter Stimme.

Georg verbeugte sich vor Ihrer Gnaden mit einer Karte auf einem Tablett.

»Harriette ist da,« sagte sie.

»So.«

»Lassen Sie die Marschallin eintreten.«

Georg öffnete die Tür, und Frau Harriette trat ein, in Samt und Pelzwerk gehüllt.

»Morgen, Tante,« sie küßte Ihre Gnaden auf die Stirn.

»Ja, da habt ihr mich.«

Mit strahlendem Gesicht ging sie auf die Exzellenz zu:

»Guten Tag, Onkel Hvide.«

»Guten Tag, Kind,« sagte er und berührte flüchtig die Wange der Marschallin mit seinen Lippen, als habe er sie gestern gesehn und als existiere zwanzigjährige Abwesenheit nicht für ihn.

»Wie ich mich darauf gefreut hatte, dich zu sehen,« sagte die Marschallin und fühlte sich plötzlich verwirrt, oder als sei es irgendwo in ihrem Herzen leer geworden.

»Wir haben uns auch darauf gefreut, dich zu sehen,« sagte Ihre Gnaden und bot mit der Hand Frau Harriette einen Stuhl.

»Und du bist ganz dieselbe.«

»Dieselbe ...«

Es war, als ob das Wort »Dieselbe« den Ausdruck in die Augen der Marschallin zurückrief, aus denen er ein paar Sekunden lang wie verschwunden gewesen war.

»Ach ja,« sagte sie, »es könnte so aussehen, wenn man im Überzeug steckt.«

Und die Marschallin begann, in konversierendem Tonfall, von ihrer Reise zu sprechen und von Wien, und plötzlich sagte sie:

»An dich habe ich Grüße, Onkel Hvide,« und sie nannte ein paar große Kollegen in Österreichs Hauptstadt.

Die Exzellenz sagte:

»Morden die immer noch?«

»Ja.«

Lachend sagte er:

»Das ist auch meine einzige Beschäftigung geworden,« und vielleicht halb in einem andern Gedankengange – denn der Ausdruck in seinem Gesicht war verändert – setzte er hinzu:

»Wir morden, und wir werden gemordet.«

»Was sagst du?« fragte Ihre Gnaden, deren Augen, sobald sie nicht sprach, wie suchend rings im Zimmer umherliefen.

»Wir sprechen von Wien,« sagte Seine Exzellenz, sich erhebend.

»Und du schreibst immer noch, Onkel Hvide,« sagte Frau Harriette, und während fast derselbe Glanz in ihre Augen trat wie vorhin, als sie zur Tür hereingekommen war, setzte sie hinzu:

»Wie rührend das war, daß du an mich gedacht hast mit allen deinen Büchern.«

Ihre Gnaden lächelte plötzlich und unterbrach dann ihr eigenes Lächeln.

»Ja,« sagte sie, »Hvide denkt an all seine Freunde.«

Und als ein paar Augenblicke verstrichen, ohne daß jemand redete, begann Ihre Gnaden vom Bischof Martensen zu sprechen, während Georg auf dem Tablett zwei Visitenkarten überbrachte, die beim Pförtner abgeliefert worden waren, und die Marschallin sagte:

»Tante, kann ich ein wenig frühstücken bei dir?«

Auf einen Blick Ihrer Gnaden sagte Georg, sich verbeugend:

»Herr und Frau Hvide gehen soeben zu Tisch.«

»Dann lauf ich hinein zu ihnen,« sagte die Marschallin und küßte wiederum die Tante auf die Stirn, bevor sie ging.

Das Gesellschaftsfräulein hatte sich in dem kleinen Wohnzimmer an ihre Arbeit gesetzt, dicht hinter die geöffnete Tür. Sie nähte viele winzige Flicken, die im ganzen Hause zusammengesammelt waren, aneinander zu großen Decken, Flicken an Flicken.

Ihre Gnaden hatte ihre Mantille am Halse gelockert, und sie fragte Seine Exzellenz:

»Wirst du Hans antworten?«

Aber er hörte es nicht.

Ihre Gnaden fragte nicht mehr.

Seine Exzellenz war hineingegangen. Unbeweglich, mit Augen, die wohl kaum etwas sahen, starrte er vor seinem Tisch vor sich hin, auf die Familienbilder oder auf die leere Wand ...

»Nein, Harriette, Harriette« – und die Mutter sprang auf, als die Marschallin ins Speisezimmer kam – »bist du es?«

Sie küßte die Marschallin zweimal.

»Fritz, wir müssen ihr gleich ins Gesicht sehen,« sagte sie und führte Frau Harriette zum Fenster hin.

»Ja, du bist noch ganz die alte,« sagte die Mutter und küßte sie wieder.

»Und du auch,« sagte die Marschallin und lächelte.

»Ja,« sagte die Mutter, »ist es nicht seltsam, daß es Menschen gibt, die sich nie verändern können?«

»Und du bist auch derselbe, Fritz,« sagte die Marschallin. Sie war zwei Schritte auf ihn zugegangen, und vielleicht war es nur das veränderte Licht, das sie ein wenig blasser erscheinen ließ, während sie dem Vater die Hand reichte.

»Willst du was zu essen haben?« sagte die Mutter, »ah, du, wir haben heute Empfang und Diner.«

Sie klingelte.

Die Marschallin wußte von dem Diner; sie wollte selbst teilnehmen.

»Aber was ist das für ein Diner?« fragte sie.

»Ich weiß nicht,« sagte die Mutter, während sie sich zu Tisch setzten; »es ist ein Galadiner für den Grafen Eck, der abreist ... Wo will er doch gleich hin?« fragte sie den Vater.

»Nach Anhalt,« sagte der Vater, »im Auftrag der Krone.«

Ein junger Mann kam herein und reichte die Koteletten herum. Er war groß und sehr schlank, in der Hvideschen Livree, die ihm so stramm saß, daß man glaubte, man müsse seine Rippen sehn können.

»Was ist das für ein schöner Armenier?« sagte die Marschallin, als er hinausging.

»Das ist der Diener meines Neffen,« sagte der Vater.

»Ah.« Die Marschallin legte die Hände in den Schoß, »wie herrlich ist es doch, daß man nach Hause gekommen ist.«

»Und herrlich, daß man dich zu sehen kriegt,« sagte die Mutter und umfaßte ihren Teller mit beiden Armen.

Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie:

»Als du fortgingst, waren wir jung;« und ein plötzlicher Schatten fiel über ihr Gesicht in dem Moment, als sie schwieg.

»Ja,« sagte die Marschallin, »da waren wir jung.« Sie lächelte einen Augenblick. »Wie war es wunderschön zu Hause.«

Wieder schwieg sie. Und dann sagte sie mit groß geöffneten Augen:

»Wißt ihr, was ich nie vergessen kann? Wie der Rasen grün war zu Hause. Diese schönen, schönen Rasenflächen,« sagte sie.

»Und der Hopfengarten,« sagte die Mutter und öffnete kaum ihre Lippen dabei.

Und sie begannen, von allen denen daheim zu sprechen, vom Pastor und seiner langbeinigen Tochter; vom Gutsverwalter und den rothaarigen Mädels, die immer gleiche, aus einem Stück genähte Kleider trugen, und von der Allee, die zum Gut hinaufführte und wo sie immer auf Stelzen gingen.

»Herr Gott,« sagte die Marschallin, »der alte Anders, der Lakai, der ist also tot.«

»Aber er zitterte doch auch schon am ganzen Körper, wenn er unsre Stelzen halten sollte.«

Frau Harriette lachte.

»Ja, da saßen sie, der Anders und der Jens.«

»Jeder vor seinem Hause gleich bei der Einfahrt,« sagte die Mutter.

»Und keiner konnte sie von da wegbringen,« setzte sie hinzu.

Die Marschallin und die Mutter lachten beide, und die Marschallin hob ihre Arme.

»Nein, denn sie starben ja nie, und ihnen den Abschied zu geben, das wagte keiner.

Aber Herrgott,« sagte sie, und ihr Gesicht änderte seinen Ausdruck, »wie sie doch geweint haben bei Papas Begräbnis.«

Alle drei schwiegen sie einen Moment, bis die Mutter anfing zu lachen:

»Aber Harriette, weißt du noch, wie Jens in Storskoven dein weißseidenes Kleid in die Kremsertür einklemmte?«

»Ach ja, das Weißseidene,« rief Frau Harriette.

»Und Mama hatte nicht haben wollen, daß ich es anzog.«

»O Gott, wie das zerfetzt wurde,« sagte die Mutter.

»Ja.«

»Du sprangst ja vom Wagen herunter, gerade als Jens die Tür zuschlug ... und bardauz! war das Kleid in zwei Fetzen ...«

Die Marschallin lachte und lachte.

Die Mutter mußte sich ins Zimmer stellen, um zu zeigen, wie die beiden Fetzen nachgeschleppt hatten.

»Es war gräßlich,« sagte Frau Harriette, und indem sie plötzlich auf den Tischaufsatz zeigte, fragte sie:

»Was sind das für Blumen?«

»Die sind sicher aus Aalbygaard,« sagte der Vater.

»Sie sind schön.«

»Aber sie müssen weggenommen werden,« sagte die Mutter, »ehe sie fallen.«

Der weiße Schnee der Blumen fiel schon auf das Tischtuch.

»Aber,« sagte die Marschallin, die mit den Gedanken an die Blumen fertig war und zum Gut zurückkehrte:

»Jens war doch am gelungensten zu Pferde.«

»Ja, wie er saß, mit gespreizten Beinen und die Augen steif geradeaus.« Die Mutter lachte, und Frau Harriette lachte mit.

»Aber du,« sagte sie, »das war ja auch, weil er den Keller unter sich hatte. Himmlischer Vater, was da draufging von Papas gutem Portwein.«

Die Marschallin und die Mutter fuhren fort, von den alten Tagen zu sprechen, und es war, als strahlten die Jugenderinnerungen aus ihren Gesichtern.

»Jens war stolz, wenn er auf dem Braunen hinter dem Stammherrn herhumpelte.«

Der Vater sagte:

»Berry war ein prächtiges Tier,« und sein Gesicht nahm plötzlich einen Ausdruck an, als säße er noch auf dem schönen Halbbluthengst.

»Nein, aber Stella, weißt du noch,« sagte die Marschallin, »wie böse Papa wurde, als du damals alle Pferde in den Ständen im Stall durcheinandergestellt hattest?«

»Es war doch noch schlimmer, als sie im Roggenfeld waren,« sagte die Mutter, die ihren Stuhl halb ins Zimmer hineingeschoben hatte.

»Ja, als du sie losmachtest und sie alle sechzehn über die Koppel setzten, in den Roggen hinein und sprangen und fraßen und wieherten und dahinflogen – und Stella stand mitten in all dem Roggen und schrie und schwenkte ihren roten Schal wie toll, als Papa mit dem Stammherrn gerannt kam.«

Die Marschallin war ganz erschöpft von der Erinnerung.

»Aber wie entzückend du aussahst,« sagte sie zur Mutter, und indem ihre Augen wieder die Blumen in dem Aufsatz streiften, sagte sie:

»Ja, sie fallen ab.«

Das Gesicht des Vaters war unbeweglich geworden, als ob nach und nach aller Ausdruck darin schwände.

»Und als du Rosenbraut warst,« fuhr Frau Harriette fort, »es war gerade in dem Jahr,« – die Marschallin sah zum Vater hinüber – »wo du von Bonn nach Hause kamst, Fritz, ... als alle Knechte und Mägde in französischen Trachten waren; 0, wie sie aussahen, als sie durch die Ehrenpforte heraufkamen. Das Stubenmädchen Margrethe voran, in grünem Leibchen mit roten Bändern ...

Aber du wurdest Rosenbraut,« – die Marschallin begann zu lachen –: »Nein, wie war der Stammherr verliebt. Weißt du noch, Fritz, er betrank sich am Abend vor lauter Verliebtheit.«

Frau Harriette lachte noch und änderte dann plötzlich den Ton:

»Wie ich dich noch vor mir sehe, Stella, in dem Augenblick, wo du gekrönt wurdest, mitten auf dem grünen Rasen.«

»Unter der Blutbuche,« sagte die Mutter.

Sie hob das lächelnde Gesicht zum Vater auf und hatte plötzlich den Kopf wieder gesenkt.

Der Vater saß aufrecht da. Sein Gesicht war dem Licht des Fensters zugewandt, wie ein leerer Spiegel.

Die Marschallin sprach weiter.

Mutters Gesicht war weiß geworden. Mit leicht zusammengekniffenen Augen, wie jemand, der einen äußersten Gedanken zu Ende denkt, starrte sie vor sich hin auf die weißen Blumen auf dem Tisch und sah sie plötzlich, wie sie auf das Tuch niederfielen, Blatt für Blatt, und wie sie nach dem Fall einschrumpften an den Rändern.

Die Marschallin sprach noch immer von den Erinnerungen an Zuhause.

»Ja, das war damals,« sagte sie.

»Ja, damals,« sagte die Mutter.

Der schlanke Diener setzte – mit beständig niedergeschlagenen Augen – die Fingerschalen hin.

»Na,« sagte Frau Harriette, die seine schlanken Hände betrachtet hatte, »er pflegt sich.«

Sie nahm ihr Glas Madeira.

»Prost, Fritz,« sagte sie.

»Prosit, Harriette,« antwortete der Vater und lächelte.

»Ja, du bist dir gleich geblieben,« sagte sie und sah auf sein Gesicht.

»Du auch,« antwortete der Vater.

Die Marschallin sah plötzlich – und kaum eine Sekunde lang ging ein seltsames, flüchtiges Zittern über ihr Gesicht – das Grübchen in seinem Kinn, das Grübchen, das zum Vorschein kommen konnte, wenn er einem Weibe zulächelte.

»O nein,« sagte sie, »die Jahre fegen uns allen ihren Staub ins Gesicht.«

Der Vater stieß seinen Stuhl zurück, daß die Mutter zusammenfuhr.

»Ja, Mahlzeit,« sagte sie und reichte der Marschallin ihre beiden Hände.

»Küß die Hand,« antwortete die Marschallin, und langsam führte sie Mutters schöne Hände an ihre Lippen.

Der Vater wollte keinen Kaffee trinken, und die Mutter und die Marschallin rückten ans Fenster. Sie saßen eine Weile beide schweigend da, nachdem der Vater gegangen war.

Dann sagte die Marschallin, und sie fuhr gleichsam auf aus ihren Gedanken und sah von Wand zu Wand:

»Aber daß es so weitergehen kann ...«

»Was?« fragte die Mutter.

»Das Ganze,« entfuhr es Frau Harriette.

Doch die Mutter hatte es gewiß nicht gehört oder sie vielleicht nicht verstanden, und die Marschallin, die durch diese oder jene Gedankenverbindung auf Baron Brahes gekommen war, sagte:

»Es ist doch furchtbar mit Emmely, wie schlecht es ihr geht.«

»Mit wem?«

»Emmely Brahe ... Aber hat Onkel Hvide dir das nicht gesagt?«

»Nein,« sagte die Mutter und bekam plötzlich einen ganz roten Kopf.

Der Diener kam herein, und indem er den armenischen Kopf neigte, meldete er, der Wagen der Frau Marschallin sei gekommen; und Frau Harriette fragte die Mutter, ob sie nicht mitfahren wolle, sie habe nur ein paar Besuche zu machen.

»Ja, dann kann ich im Wagen sitzen bleiben,« sagte die Mutter, und sie gingen in die Zimmer hinein, um adieu zu sagen.

»Denk dir, Harriette, diese Geduld,« sagte die Mutter und deutete auf die Flicken der Gesellschaftsdame.

Die Gesellschaftsdame war von ihrer Arbeit aufgestanden.

»Es kommt doch immer eine Art Decke heraus,« sagte sie.

»Ja, schließlich,« sagte die Mutter.

Sie gingen ins Wohnzimmer zu Ihrer Gnaden, deren Gesichtsausdruck hastig wechselte, als sie kamen – und sie gingen weiter, zu Seiner Exzellenz hinein.

»Ja, adieu, Onkel Hvide.

Nun gehen wir, bis wir wiederkommen,« sagte die Marschallin und legte beide Hände um seinen Kopf und küßte ihn. Seine Exzellenz rührte sich nicht.

»Adieu.«

Sie fuhren die Straße entlang, als die Marschallin, die noch durch ihre Handschuhe hindurch förmlich die Marmorkälte des Kopfes Seiner Exzellenz spürte, sagte –:

»Aber Onkel Hvide ist alt geworden.«

»Das ist vielleicht nur heute,« sagte die Mutter.

»Warum?«

Die Mutter antwortete nicht.

Sie betrachtete den fallenden Schnee, bis sie plötzlich sagte:

»Ja, wenn man weit fortreisen könnte.«

»Weit fort?«

Die Marschallin wandte die Augen der Mutter zu und schlug sie wie mit einem Ruck wieder nieder.

»Weit fort,« wiederholte sie, und es sah fast aus, als ob ihre Lippen in irgendeiner unwiderstehlichen Gemütsbewegung zitterten.

»Es bleibt das gleiche,« sagte sie.

Die Mutter sah weit hinaus über den Schnee.

»Ja,« sagte sie und schloß auf einmal die Augen.

»Warum sollte es wohl anders werden?«

Beide saßen sie schweigend nebeneinander, während der Wagen durch die Straßen fuhr, bis er anhielt und die Marschallin ausstieg.

Die Mutter blieb im Wagen sitzen. Die schweren Lider fielen halb über ihre schmerzlich starrenden Augen herab.

Frau Harriette kam zurück, und sie fuhren weiter, als die Mutter halb rief:

»Da ist Hans.«

Sie hatte einen Herrn im Pelz gesehen, der in den Wagen hineinsah und hastig den Kopf wieder abwandte.

»Ist er hier?« fragte die Marschallin und drehte rasch den Kopf.

»Aber nein, das ist ja unmöglich,« sagte die Mutter, »er hat ja heute geschrieben.«

Sie saßen eine Weile. Dann sagte die Marschallin:

»Ist es noch immer dieselbe Geschichte mit Hans?«

»Es ist eher noch schlimmer.«

Die Marschallin nickte.

»Ich hatte es ja gehört,« sagte sie mit einem Seufzer.

Der Wagen hielt vor dem Portal der Exzellenz, und die Mutter ging hinein.

»Sagen Sie nur, ich sei gekommen,« sagte sie zu Georg, als geöffnet wurde, und sie ging in ihre Zimmer hinauf.

Georg schloß die Tür der Exzellenz. Ihre Gnaden schlummerte schon in ihrem Stuhl, drinnen im Wohnzimmer. Die Gesellschaftsdame hantierte lautlos mit ihren Flicken.

»Ach ja, ach ja,« stöhnte Seine Exzellenz im Schlaf. Der schlanke Diener, der die hellblauen Ärmel aufgestreift hatte, daß man fast die Hälfte von seinen sehr weißen schönen Armen sah, stellte langsam Kristallschalen auf den Tisch im Speisezimmer. Die Tür ließ er offen, während er ab- und zuging. Die Bornholmer Uhr holte langsam aus zu Minute auf Minute.

»Ach ja, ach ja,« stöhnte die Exzellenz.

Das alte Holzwerk des Hauses knackte dann und wann, als klage es in der Stille.

Die Mutter war in ihr Zimmer gegangen. Die Hände im Schoß, saß sie vor einem aufgeschlagenen Buch, ohne zu lesen.

Arkadia rumorte wieder im Zimmer des Vaters. Die drei Kommis steckten die Köpfe aus ihrem Kellerfenster wie Kettenhunde, die die heiße Zunge aus ihrem Hundehaus heraushängen lassen.

Johann ging aus und ein in dem Dunkel des Stalles.

Der Einbeinige streckte sein Stelzbein nach dem Mittagsschläfchen und stieg aus seinem Kellerloche herauf. Er fing an, den neuen Läufer auf der Treppe zu befestigen. Die Hammerschläge gegen das hohle Holz tönten Schlag auf Schlag ins Haus empor.

Georg erwachte auf seinem Stuhl an der Tür und ging hinein.

»Es ist zwei Uhr,« sagte er und blieb auf der Türschwelle stehen.

Seine Exzellenz drehte den Kopf, er hatte halb versteckt in der geschlossenen Hand einen Brief:

»Bringen Sie mir den Rock.«

Georg tat es, und während er beim Anziehen behilflich war – Georg merkte, daß Seiner Exzellenz die Arme schwer waren – streifte er mit den Augen die Schublade, in die der Brief gelegt worden war, und verzog sein Gesicht.

»Bist du es,« sagte Seine Exzellenz, der mit einem Stoß die Schublade zugeschoben hatte, als er die Mutter eintreten sah. Sie hatte die Exzellenz einen Augenblick von der Seite betrachtet. Dann ging sie hin, neigte sich mit hastiger Bewegung und, während beider Augen sich für die Dauer eines Moments trafen, küßte sie seine Wange.

»Na, na, Mädel,« sagte er und entzog sich ihr, und die Mutter stand schon in der Tür zum Wohnzimmer, als er sagte:

»Was sind das für Leichen, die heute aus den Särgen auferstanden sind?«

Die Mutter lachte und sagte:

»Es ist noch keiner gekommen.«

Der Diener hatte die Flügeltüren zurückgeschlagen, daß alle Räume geöffnet waren. In das hinterste Zimmer fiel die Sonne hinein und schien auf den erhobenen Stab eines silbernen Merkurs.

Ihre Gnaden, die sich, einen Handspiegel in der Hand, von der Gesellschaftsdame die Diamantbrosche Nikolas I. am Halse befestigen ließ, sagte zur Mutter:

»Setz dich doch, Liebste.« Die Augen der Mutter waren auf einen Anton Melbye gefallen, dessen grüne, salzige Wogen plötzlich im Sonnenlicht vorfluteten, und sie sagte:

»Wie hübsch das ist,« und ihr Gesichtsausdruck wechselte.

»Ja,« antwortete Ihre Gnaden, die es jedesmal irritierte, als würde sie bestohlen, wenn eines von den Bildern an den Wänden zu einer Ausstellung hergeliehen werden mußte; »es ist schön, wenn man es zu Hause hat.«

Und als die Gesellschaftsdame gegangen war, fragte sie und sah die Mutter an:

»Hast du mit Hvide gesprochen?«

»Fast nichts, Großmama. Ich bin ja ausgewesen.«

»Ja, ich auch nicht,« sagte Ihre Gnaden und bewegte die Hände unruhig auf dem Tisch, bis sie kurz darauf sagte:

»Und dann haben wir noch dazu heute das Diner.«

»Ist das nicht gut?« sagte die Mutter. »Es zerstreut Großpapa immer.«

Ihre Gnaden senkte den Kopf mit einem Seufzer.

»Ja,« sagte sie. »Hvide kann ja immer seine Gedanken kommandieren.«

Die Mutter antwortete nicht.

Der Vater, der durch die Zimmer hereinkam, blieb vor ein paar Flaschen mit Wein stehen und fragte den Diener:

»Was ist das für Madeira?«

Der Schlanke verbeugte sich:

»Ihre Gnaden haben Order gegeben.«

Der Vater hob einen Augenblick den Glaspfropfen hoch und führte die Flasche ans Gesicht.

»Es ist besser, wenn Sie sich von Georg einen trockneren geben lassen,« sagte er.

Der Livrierte verbeugte sich von neuem, ohne sein Gesicht zu bewegen.

Seine Exzellenz schlug die Portieren zu seinem Zimmer zurück und sagte:

»Zieh die Gardinen vor.«

Die Mutter erhob sich und zog die Gardinen vor, so daß es Halbdunkel im Zimmer war, als zwei Stiftsdamen eintraten, zwei Schwestern, von denen die ältere Hofdame bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Marianne gewesen war; bei Tisch nahmen sie nebeneinander Platz und hielten sich sehr gerade unter ihren Kapotthüten, die sich wie Diademe auf ihren Köpfen aufbauten.

Sie überbrachten, während beständig beider Münder in Bewegung waren, tausend Grüße vom Schlosse und fanden es doch herrlich, ein wenig Stadtluft zu atmen, und entzückend, daß die Mutter gerade zu Besuch, und wundervoll, daß die Exzellenz nach wie vor gesund sei.

»Immer derselbe,« sagte der eine der Kapotthüte.

»Uns geht es gut,« sagte Seine Exzellenz – alles Reden über sein Befinden war ihm zuwider – und ging auf den Kammerherrn Urne zu, einen kleinen Herrn, schmächtig und mit gestutztem Bart, mit dem Aussehen eines Generals, und vor der »Niederlage« Oberpräsident in Kiel.

»Ich wollte dich doch sehen, lieber Freund,« sagte der Kammerherr, »wo ich mal in der Stadt bin.«

Der Vater, der sich vor dem kleinen Manne verbeugt hatte, ging mit ihm in das nächste Zimmer, wo der Kammerherr, der einige eigentümliche Handbewegungen hatte wie jemand, der es gewohnt ist, Verhandlungen zu leiten, von einigen Weinstöcken erzählte, die Seine Majestät König Georg ihm von den griechischen Inseln verschafft hatte und die der Kammerherr in Vedbäk in Treibhäuser zu verpflanzen versuchte.

»Man kann ja nie wissen,« sagte der Kammerherr, »ob man sie nicht am Spalier ziehen könnte. Und ob man hierzulande eine Traubenart damit gewinnt.«

Der Vater hatte zu Hause im »Weißen Haus« in einzelnen Jahren viele Trauben gehabt.

»Und es gibt ja Zeiten,« sagte Kammerherr Urne, der in dem eignen Gedankengange blieb, »wo man nicht arbeitet.«

Die Arbeit des Kammerherrn bestand darin, seine Erinnerungen aus der Dienstzeit in den Herzogtümern niederzuschreiben, und ihm fiel eben eine Erinnerung aus dieser Zeit ein, als die Mutter dazukam, und er kehrte zu den Trauben zurück.

»Wir haben auch viele Trauben zu Hause, Kammerherr,« sagte die Mutter, »aber ich zerquetsche sie auf Tines Kopf, wenn ich sie abpflücke.«

Und beim Gedanken an Tine und die Traubenbüschel lachte sie so laut, daß es durch die Zimmer hinklang.

»Das ist Stella,« sagte Ihre Gnaden, die den Kopf gesenkt hatte.

»Ja, Sie sind ja drüben geblieben,« sagte der Kammerherr.

»Ja,« erwiderte der Vater, »wir hielten es für unsere Pflicht.«

Die beiden Stiftsdamen sprachen den Kristallschalen gründlich zu, die der Hellblaue auf silbernem Tablett herumreichte, und redeten vom Krieg in der Türkei, der sie ganz in Anspruch nahm.

»Denn wir auf dem Schloß, das sage ich dir, Marie,« sagte die Jüngere, »wir haben buchstäblich in den Begebenheiten gelebt.«

Die Ältere fiel ein:

»Ja, die unglückliche kaiserliche Familie.«

»Ja,« sagte Ihre Gnaden, die sicherlich zerstreut war, – es war, als ob der Ausdruck ihrer Augen die ganze Zeit nicht mit ihren Worten übereinstimmte –:

»Ihre Majestät die Königin hat in dieser Zeit viel durchgemacht.«

»Aber es hat ja, das gebe ich zu, Abende gegeben,« sagte die Schwester Hofdame zur Hofjägermeisterin Eichwald, »wo ich zu Charlotte Amalie, wenn sie las, gesagt habe, nun müsse sie aufhören, denn es gibt ja keine Greuel, von denen man heutzutage in den Zeitungen verschont bleibt. Und das Ende war immer, daß man in der Nacht dalag und Blut in den eigenen Betten sah.«

Das Fräulein brach plötzlich mit den Schlachtfeldern ab und sagte zur Hofjägermeisterin in einem Ton, als frage sie nach dem Wetter:

»Wie geht es Ihrem Herrn Vater?«

Frau von Eichwald, die eine geborene Glud war, dankte: dem Konferenzrat gehe es einigermaßen, und sie erhob sich halb, auf Seine Exzellenz zu, der an den Tisch kam.

»Wir reden vom Krieg,« sagte sie und setzte sich wieder; der viele Brokat machte ihre Bewegungen ein wenig ungelenk.

Seine Exzellenz schob die Schultern vor.

»Die Entwicklung fordert ja ihre Schlachtopfer,« sagte er.

Ein stockdünnes, ganz weißes Männchen, mit rastlos auf- und abgehenden Fingern, die bei der Durchsicht der Arbeiten eines berühmten Vaters krumm geworden waren, sagte von einem Stuhl am Fenster her:

»Ich wußte nicht, daß Onkel Hvide an die Entwicklung glaubte.«

Die Exzellenz lachte.

»Nein,« sagte et, »aber ans Schlachten glaube ich.«

Die beiden Damen aus Vallö machten eine Bewegung mit den Köpfen wie ein paar alte Hühner, die einen Guß Spülwasser in die Augen bekommen, während Seine Exzellenz sich einem Herrn mit Stelzfuß zuwandte, der soeben eingetreten war.

»Wissen Sie, Baron, warum man die Türken totschlägt?« sagte er.

Der Baron wandte sein achtzigjähriges Kadettengesicht der Exzellenz zu: er wußte es nicht.

»Ich auch nicht,« sagte Seine Exzellenz, »vielleicht sind die Leute, alles in allem, das vernünftigste Gesindel auf Erden. Sie haben sich wenigstens im Laufe der Jahrhunderte darauf beschränken gelernt, bloß auf ihre Pfeifen zu passen.«

Der Baron lächelte freundlich, daß man alle seine weißen, eingesetzten Zähne sah, und sagte, er habe selbst in seiner Sammlung ein paar Wasserpfeifen. Der Baron, der das eine Bein bei einem Grenzgefecht gegen die Schweden verloren hatte in den Tagen, als Christian VIII. König von Norwegen war, hatte eine so wunderliche Figur wie ein Siebzehnjähriger, der zusammengeschrumpft war. Er ging auf Herrn Fritz zu, vor dem soeben sein taillenschlanker Diener einen Augenblick halt gemacht hatte.

»Befiehlt der Herr Madeira,« sagte der Diener hastig zu dem Baron.

»Danke,« sagte der Baron. »Es ist gerade die Zeit, wo ich mein Glas Madeira zu genießen pflege;« und er nahm ein Glas, worauf er wieder Herrn Fritz den Kopf zuwandte, indem er sagte:

»Wie geht es?«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, fing er in seinem gleichsam abgenutzten Norwegisch an, mit Herrn Fritz zu sprechen (der Baron redete überhaupt am liebsten mit ganz jungen Menschen, gewissermaßen als ob die ganze eigne Entwicklung an dem Tag stehen geblieben, wo er das Bein verlor), er erzählte von etwas Merkwürdigem, das er in seiner Zeitung von den Wilden im Stillen Ozean gelesen hätte: wie sie Feuer anmachten.

Herr Fritz blieb mit gesenktem Kopf stehen, bis ihn der Baron plötzlich ansah und mit den Wilden aufhörte, um durch das Zimmer zu gehn, die runden Augen unverwandt auf das Glas in seiner Hand geheftet, mit dem nicht zu schwanken sein Ehrgeiz war.

»Fritz,« rief Ihre Gnaden, und Herr Fritz ging durch das Zimmer auf die Großmutter zu, neigte den Oberkörper ein wenig vor ihr, während er sie anhörte, und ging dann weiter, ins nächste Zimmer, wo Gräfin Schulin mit Sohn und Tochter in Lehnstühlen saßen und mit einem rotblonden und breiten Gutsbesitzer aus ihrer Gegend sprachen.

»Lieber Freund,« sagte Frau Schulin zu dem Gutsbesitzer, »ich wollte ja doch, daß Francis mit herginge, jetzt wo er zu Hause war ... Es ist doch immer eine Erinnerung, wenn er alt wird, und kein Mensch weiß ja, wie lange es dauert.«

Als sie plötzlich Fritz sah, sagte sie lauter und mit etwas gerötetem Kopf – während Fritz und Graf Francis, der sich erhoben hatte, einen Augenblick einander mit einem Blicke maßen, ähnlich dem, mit dem zwei Damen bei der Ankunft vor einem Diner gegenseitig die Toilette betrachten –:

»Ihr Herr Vater ist ja in der Stadt.«

Herr Fritz hatte plötzlich – was seine einzige Bewegung war – seine Augen erhoben.

»Ja,« sagte er.

»Ja, wir sahen ihn eben, als wir herfuhren ...«

Sie sprachen von der Universität in der Schweiz, wo Graf Francis studierte, während seine Mutter plötzlich zu lachen begann.

»Ja,« sagte sie, »Francis spricht ein so elendes Dänisch ... Aber, lieber Rottböll, was soll er auch hier im Lande, wenn er sich nicht gerade für Landwirtschaft interessiert.«

Der Gutsbesitzer, dem der Rock in den Ärmellöchern etwas zu eng war, was er die ganze Zeit spürte, sagte:

»Nein, heutzutage weiß wirklich kein Mensch, was er mit seinen eignen Kindern machen soll.«

Und die Gräfin, die ihren Gedankengang weiterverfolgte, sagte:

»Nein, niemand ist, wie auch mein Mann sagt, offen gestanden, so überflüssig wie wir.«

Alle Zimmer hatten sich gefüllt, und in allen Ecken wurde laut gesprochen. Durch alle Stimmen hindurch hörte man die Marschallin lachen.

»Nein, Onkel Hvide, du bist zu schlimm,« sagte sie, und sie blieb bei der Mutter und dem österreichischen Gesandten stehen, während Seine Exzellenz auf zwei Herren zuging, die an einem Fenster standen und von der Landsthingwahl in Barde sprachen, wo vorgestern ein Mann der Linken gewählt worden war.

»Ist es nicht ganz gleichgültig?« sagte Seine Exzellenz.

Doch der eine Herr sagte:

»Ich glaube eben, die Gefahr liegt darin, daß die Linke an den Wänden entlang in die andre Kammer vordringt.«

Seine Exzellenz lachte.

»Ich glaube, es ist gleichgültig,« sagte er. »Hierzulande werden wir niemals Parteien bekommen und immer nur eine Partei haben, die Nationalliberalen, die den Namen wechseln. Der Tag kommt noch, wo sie sich auch die Radikalen nennen und doch« – Seine Exzellenz machte eine Bewegung, als wische er seine Fußsohle am Teppich ab, – »dieselbe Familie bleiben.«

Der zweite Herr lächelte.

»Man kennt die Paradoxa Euer Exzellenz,« sagte er.

»Wahrheiten, die man nicht hören will, nennt man Paradoxa,« sagte Seine Exzellenz, »aber es wird hierzulande niemals Politiker geben, man wird sich mit Rednern begnügen. Bekämen wir einmal einen Staatsmann, wir ließen ihn hängen.«

Der erste Herr sagte:

»Exzellenz sind streng gegen uns aktive Arbeiter;« und legte einen kleinen Nachdruck auf »aktive«.

Der Blick Seiner Exzellenz hatte den Sprecher gestreift.

»Ja,« sagte er, »ich habe lange gelebt.«

Und er fuhr fort:

»Wir hatten einen General – er hob plötzlich die Hand und wies auf ein Bild des Generals de Meza, das in goldnem Rahmen auf einem Tisch stand –: »Er war mein Freund, und ich weiß, was er gelitten hat.«

Die Mutter, die immer noch bei der Marschallin und dem österreichischen Gesandten stand, hatte die Handbewegung der Exzellenz gesehn und sagte aus einer plötzlichen Gedankenverbindung heraus:

»Der alte Urne ist hier, Harriette;« und in demselben Moment fiel ihr Auge auf das Gesicht des Vaters, der in dem nächsten Zimmer, lächelnd, daß man die Lachgrübchen in seinen Wangen sah, über das junge, frische Fräulein Schulin gebeugt stand.

»Wollen Sie mich nicht vorstellen,« sagte der Gesandte, und sie gingen alle drei auf den Kammerherrn Urne zu, der mit dem Sohn des berühmten Vaters sprach.

»Ich hatte noch nie die Ehre, Ihnen vorgestellt zu werden,« sagte der Gesandte und verbeugte sich.

Der Kammerherr neigte den grauen Kopf.

»Ich lebe jetzt ja so für mich,« sagte er.

Der Gesandte erzählte, er sei seinerzeit Mitglied einer österreichischen Kommission in den Herzogtümern gewesen und, als Seine Exzellenz dazukam, sagte er:

»Ich war auch in Schleswig im vorigen Jahre – im vorigen Sommer – –in Flensburg und Düppel.«

»Die Stätten,« sagte Graf Clary etwas langsamer, »wirkten recht betrüblich auf mich.«

»Ja,« sagte der Kammerherr, dessen Lippen sich nicht ganz seinem Willen fügten, »wir leben ja im Schatten der alten Schanzen.«

Die Mutter und die Marschallin sahen den Gesandten an, während er sagte:

»Im Schatten? Sie irren, Herr Kammerherr, die Gewehrfeuer von Düppel werden die Geschichte durchleuchten.«

Seine Exzellenz hatte zugehört. Dann sagte er – und sein Gesicht war ganz verändert, und er glich einer Säule, wie er so dastand –:

»Vielleicht.«

Und eine Sekunde darauf setzte er hinzu:

»Vielleicht sind es die Feuer der Ehrensalven über unserm Grabe.«

»Exzellenz,« sagte der Gesandte, »können nicht so wenig an Ihr Volk glauben.«

Seine Exzellenz schüttelte den Kopf mit dem gleichen Gesichtsausdruck.

»Ich spreche nicht vom Volke,« sagte er, »ein Volk lebt lange, und so gut es kann.

Nur die Geschlechter sterben, und nur ihre Arbeit können wir beurteilen.«

Ein Ausdruck von Rührung ging über das Gesicht des Kammerherrn, während der Gesandte sagte:

»Exzellenz haben recht.«

Und die Marschallin, die nach einem Gesprächsstoff suchte, sagte nach Verlauf von ein paar Augenblicken:

»Stella, geht es der Generalin Rye gut?« und Seine Exzellenz ging zurück durch die Zimmer, wo ein siebzigjähriger Lyriker mit sehr großer Hemdenbrust mit langem Haar neben Ihrer Gnaden Platz genommen hatte.

Seine Exzellenz ging in sein eigenes Zimmer hinein und machte die Tür hinter sich zu.

Sophie stand drinnen in einem Winkel.

»Was will Sie?« sagte er.

Sie wolle, sie wolle gern Geld haben.

»Für Ihre Gnaden,« stammelte Sophie hastig.

»Hm,« sagte Seine Exzellenz.

Ein Schatten war über sein Gesicht gegangen, während die Scheine aus der Schatulle auftauchten, und plötzlich, als er sie der Dienerin reichte, sah er ihr ins Gesicht:

»Wer sind die Hausdiebe hier im Hause?«

Sophie hatte das Gefühl, als sei sie festgenagelt an die Diele, auf der sie stand, und sie spürte ihr Herz wie einen Hammer.

»Gehen Sie,« sagte Seine Exzellenz.

Und sie ging.

Seine Exzellenz schloß die Klappe und stützte sich mit den vorgestreckten Armen einen Augenblick auf die Schatulle.

Dann ging er hin und verschloß die Tür und setzte sich in seinen Stuhl ...

Ihre Gnaden wandte den Kopf einen Augenblick von dem Poeten fort, der von H. C. Andersen und von Erinnerungen an Nysö sprach, und fragte die Mutter, die mit Frau Harriette vorbeiging:

»Wo ist Hvide?«

»Großpapa muß hier sein,« sagte die Mutter und suchte selbst mit den Augen Seine Exzellenz, während der österreichische Gesandte Platz nahm und über Frau von Eichwald weg, die sich fortwährend an der Seite Ihrer Gnaden hielt, von Gastein sprach.

»Wo Ihre Gnaden so oft gewesen sind,« sagte der Gesandte.

»Wir sind im vorigen Jahr dagewesen,« sagte Frau von Eichwald.

Der Gesandte wartete eine Sekunde, aber Ihre Gnaden rührte sich nicht, um ihn Frau von Eichwald vorzustellen.

»Und so viele Erinnerungen hinterlassen haben,« sagte der Gesandte.

Frau von Eichwald war sehr bleich geworden und hatte mit den Lidern ein plötzliches Aufblitzen in ihren grauen Augen verborgen.

»Mein Vater,« fuhr der Gesandte wieder fort, »hat, wenn er von seinen Jugenderinnerungen sprach, oft von Ihrer Gnaden gesprochen.«

»Gewiß gibt es schöne Weiber in Dänemark, pflegte er zu sagen,« schloß der Gesandte und verneigte sich vor Ihrer Gnaden, ein wenig vor Frau von Eichwald her.

Ihre Gnaden lächelte.

»Man schmeichelt so leicht in Österreich,« sagte sie, doch mit den Augen folgte sie der Mutter, die die Tür der Exzellenz angefaßt und gefühlt hatte, daß sie verschlossen war.

»Aber was ist nur, Stella?« sagte die Marschallin, als die Mutter die Türklinke losließ.

»Du bist ja ganz bleich.«

»Nichts,« sagte die Mutter, und indem sie plötzlich mit der Hand über die Stirn strich, sagte sie:

»Mir kommt es vor, als ob die Luft voll Unheil ist.«

Und während sie auf einmal anfing zu lachen, sagte sie zu dem Sohn der Berühmtheit, der hinter ihr in einer Ecke stand:

»Glauben Sie an Daten?«

Der Sohn blieb mit offenem Munde stehen.

»Ich, Kandidat, hasse alle Zahlen mit einer Acht,« sagte die Mutter.

Der Kandidat versuchte zu lachen, aber die Mutter sagte:

»Ja, achten Sie einmal darauf. Eine Acht ist den Eisen ähnlich, die man dem Verbrecher um die Knöchel legt.«

»Ja,« sagte der Sproß der Berühmtheit, der sich gefaßt hatte, »es ist ja an und für sich merkwürdig, wie oft man bestimmte Daten an das Leben berühmter Männer geknüpft findet.«

Der Kandidat verbreitete sich weiter über das Thema.

Im Leben seines Vaters schien nicht weniger als fünfmal die Zahl Siebzehn wirklich eine Rolle gespielt zu haben.

»Aber,« schloß der Kandidat, »man soll sich natürlich vor derlei Aberglauben hüten.

Denn wo würde der hinführen?« sagte der Kandidat.

»Aber wo ist nur die teure Exzellenz,« sagte eine Dame plötzlich sehr laut und pflanzte sich breit in den Stuhl zu Ihrer Gnaden, den der Dichter soeben verlassen hatte.

Es war die Frau Etatsrätin Mouritzen, die durch eine verkehrte Tür vom Entree hereingekommen war – es war eine Angewohnheit der Etatsrätin, in den Wohnungen ihrer Bekannten verkehrte Türen zu benutzen – und alle Zimmer durchsegelt hatte.

»Wo ist der teure Mann,« wiederholte sie zu Ihrer Gnaden und setzte hinzu, genau so laut wie bisher:

»Man ist doch immer besorgt um ihn, wenn man ihn nicht sieht;« und die kurzen, von Ringen funkelnden Finger fielen in ihren Schoß nieder.

»Hvide kommt sofort,« sagte Ihre Gnaden, und, als habe sie erst in demselben Moment die Hofjägermeisterin gesehen, stellte sie plötzlich den Gesandten Frau von Eichwald und Frau Mouritzen vor.

Sophie ging in die Küche. Es kam ihr vor, als hebe sie beim Gehen die Beine sonderbar hoch in die Luft.

Es ertönte ein Schlag an die Tür, als sie eintrat.

»Wer ist da?« rief sie.

Und die Küchenklingel schnarrte, ehe sie öffnete.

»Ich bin's,« sagte der Jägermeister, der in der Tür vor ihr stand, in seinem Pelz.

»Der Herr Jägermeister?«

Sophie glaubte, umfallen zu müssen.

»Ja, ich bin's,« sagte Hans Hvide und ließ sich klatschend auf einen Stuhl niederfallen, wie etwas, worin kein Leben ist.

»Herr Jägermeister, Herr Jägermeister!« Sophie blieb mit zusammengepreßten Händen vor ihm stehen, und plötzlich sagte sie:

»Nun wird's ganz toll.«

Und ohne es zu wissen – ihr Gesicht hatte die Farbe des Küchentisches angenommen – schlug sie die Tür zum Anrichtezimmer zu, wo die Küchenjungfer die Schüsseln garnierte.

»Ja, nun kracht es,« sagte der Jägermeister.

Sophie antwortete nicht. Es war, als stöhne sie wie die Bornholmer Uhr.

»Ich will mit dem Alten sprechen,« sagte der Jägermeister und wollte aufstehen.

»Wir haben Freitag,« sagte Sophie.

Hans Hvide lachte.

»Sehen Sie, ob er drinnen ist,« sagte er.

»Ja,« sagte Sophie und blieb stehen.

»Sehen Sie, ob er drinnen ist,« wiederholte der Jägermeister.

»Ja.«

Sie fing an zu gehen. Und auf einmal sagte sie und machte die Augen auf, die sie die ganze Zeit geschlossen gehalten hatte:

»Kann ich dem Herrn Jägermeister nicht etwas geben?«

Hans Hvide, der schon aus dem Halse roch, sagte:

»Ja, bringen Sie mir ein Glas.«

Sie lief durch den Gang, in das Speisezimmer hinein, und ergriff eine Karaffe. Sie goß den Wein in ein Wasserglas. Es war nichts anderes zur Hand.

»Da, Herr Jägermeister,« sagte sie.

»Danke,« sagte Hans Hvide und hatte das Glas geleert.

Sophie stieg hinauf. Sie sah alles so deutlich, die Wände und die Türen und die Rahmen der Fenster – alles, bevor sie die Tür der Exzellenz aufklinkte.

Seine Exzellenz saß noch an seinem Tisch.

»Er ist da,« sagte Sophie, als sie zurückgekehrt war.

»Es muß also sein.«

Der Jägermeister stand auf.

»Ach, Herr Jesus,« sagte Sophie, die ihm ins Gesicht sah, während sie seine beiden Hände umfaßte, die kalt waren wie die einer schwitzenden Leiche.

»Ja,« sagte er.

»Ich bin's,« sagte er, als er die Tür der Exzellenz geöffnet hatte.

Seine Exzellenz drehte den Kopf.

»Ich habe dich erwartet,« sagte er.

»Das ist ja gut,« antwortete der Sohn, der zitterte, »ich brauche Geld.«

»Kommst du je aus einem andern Grunde?« sagte die Exzellenz.

Man hörte die Stimmen aus den andern Zimmern.

»Ich komme, wenn es nötig ist,« sagte der Sohn.

»Wie kann es nötig sein, Geld zu schaffen, wenn du deine Schornsteinschlote verpfändest?« sagte Seine Exzellenz.

»Das verschlägt nicht,« sagte der Sohn.

» Was verschlägt?«

Seine Exzellenz war aufgestanden. Man hatte den Eindruck, ein Toter hätte sich erhoben.

»Es ist aus. Ich will nicht mehr,« sagte er.

Draußen wurden Türen aufgerissen und Türen zugeschlagen, und auf dem Flur ertönten Schritte. Es war, als lebten in den beiden Menschen im Zimmer Seiner Exzellenz nur die Augen.«

»Es kann nicht aus sein.«

»Es muß.«

»Es sind Wechsel da.«

»Ich bezahle sie nicht.«

»Du mußt.«

Die Worte fielen Hieb auf Hieb.

»Ich tue es nicht.«

»Du mußt.«

Drinnen wurde mit den Stühlen gescharrt, und die Leute erhoben sich.

»Warum?« sagte Seine Exzellenz.

»Weil es dein Name ist.«

Seine Exzellenz begriff nicht und stand aufrecht da.

»In deinem Namen geschrieben,« sagte der Sohn, dessen Stimme unkenntlich geworden war.

Es verging eine Sekunde, ehe Seine Exzellenz halb vornüber fiel, wie jemand, der in den Rücken getroffen ist, und schon hatte er sich wieder aufgerichtet.

»Über wieviel?« sagte er.

»Dreißigtausend.«

Seine Exzellenz rührte sich nicht. Der Tisch bebte unter seinem bebenden Arm.

»Dreißigtausend,« sagte der Sohn wieder, als habe Seine Exzellenz es nicht gehört.

Und als es immer noch still blieb, sagte er angstvoll und machte drei Schritt –:

»Hast du sie nicht?« während ihm der Schweiß über das blutlose Gesicht lief.

»Du sollst sie bekommen,« sagte Seine Exzellenz. Er hatte sich auf seinem Stuhl niedergelassen.

Es rüttelte an der Tür nach dem Flur, die Hans Hvide verschlossen hatte.

»Exzellenz, Exzellenz,« rief Georg, »Seine königliche Hoheit.«

»Ich komme,« antwortete die Exzellenz, und er wandte einen Moment dem Sohn sein Gesicht zu – es war, als seien in einer Sekunde Leiden und Leben von neunzig Jahren darein gegraben –.

»Ich komme,« sagte er wieder.

Georg ließ die Tür los. Hans Hvide hatte den Kopf gesenkt, aber dem Gesicht des Vaters gegenüber gereizt wie ein Tier, das gepeitscht wird, hob er ihn wieder und sagte:

»Ja, warum hast du nie genug gegeben, als du imstande dazu warst?

Warum?«

Und in plötzlicher Wut lief er hin und faßte die Exzellenz bei der Schulter.

»Warum?« schrie er.

Seine Exzellenz antwortete nicht. Die Lider waren zugefallen über seine Augen.

Hans Hvide lachte.

»Weil du dich hast bezahlt machen wollen,« rief er, »da, wo du wolltest.« Und wie wenn er selbst erstarrte in demselben Moment, als die Worte fielen, ließ er die Schulter Seiner Exzellenz los und blieb eine Sekunde stehen; dann brach er in Tränen aus.

»Du kannst gehen,« sagte Seine Exzellenz, dessen Stimme wieder den alten Klang besaß.

Hans Hvide war gegangen.

Seine Königliche Hoheit erhob sich von dem Stuhl neben Ihrer Gnaden und näherte sich, während alle Stimmen mehr gedämpft klangen, dem Vater, den Zylinder in der Hand.

»Aber wo ist eigentlich die Exzellenz?« sagte er und ging ein paar Schritt auf die Tür Seiner Exzellenz zu.

Der Vater neigte den Kopf.

»Es ist ein Patient bei ihm, Königliche Hoheit,« sagte er, der die Stimme des Bruders durch die Tür erkannt hatte. Und wie zufällig rührte sein Ellbogen an den Knoten der Portiere, so daß die schwarze Samtgardine mit dem Hvideschen Wappen plötzlich wie eine Wand vor die Tür niederfiel.

»Ja, Hvide ist unermüdlich,« sagte Seine Königliche Hoheit und lächelte.

»Königliche Hoheit werden verzeihen,« sagte Seine Exzellenz im selben Augenblick und schob die Portiere beiseite.

»Wir ehren den Nimmermüden,« sagte Seine Königliche Hoheit und nahm die Hand der Exzellenz.

Und Seine Königliche Hoheit sprach scherzend von einem Großkreuz, das kürzlich Seiner Exzellenz von Seiner Königlichen Hoheit Bruder in Griechenland verliehen worden war.

Seine Königliche Hoheit zog den Kammerherrn Urne ins Gespräch; und der Kammerherr sagte – während jedes andere Gespräch sehr leise geworden war und ein leerer Raum im Zimmer um Seine Königliche Hoheit, die Exzellenz, den Kammerherrn und den Kadetten herum entstand – in bezug auf seine Arbeit, daß die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Herzögen und dem Thron Schwierigkeiten bereite.

Seine Exzellenz, der möglicherweise nicht zuhörte, sagte:

»Ja, Königliche Hoheit, wir Alten haben nur noch die Erinnerungen.«

»Ja, das Werk hat Seine Majestät sehr interessiert,« sagte Seine Königliche Hoheit, und indem er sich dem Kadetten zuwandte, sagte er:

»Wie steht es mit Ihrer Gesundheit, Herr Baron?«

Der Achtzigjährige verbeugte sich und sagte:

»Ein Invalide darf nicht klagen, Königliche Hoheit.«

»Ja,« sagte Seine Königliche Hoheit, während das schwindende Licht vom Fenster her ihn und die drei Greise traf, deren Gestalten sich von den Streifen mit dem Hvideschen Wappen abhoben:

»Wenn man nur eine starke Konstitution hat.«

»Ja,« sagte Seine Exzellenz und ließ die Hand auf die Schulter des Kadetten niederfallen:

»Das sind die Reste vom alten Norwegen.«

Seine Königliche Hoheit begann, vielleicht ein klein wenig schroff, eine Runde zwischen den Damen und wandte sich an die Marschallin, die er von Wien her kannte, und er sprach von den neuen Museen in der Donaustadt und von Prag.

Seine Exzellenz, der sich rings in der Stube umgesehen hatte, sagte plötzlich – nachdem er zuerst einen Augenblick die dicken Augenbrauen hochgezogen hatte:

»Frau von Eichwald kommt eben von dort, Königliche Hoheit.«

Seine Königliche Hoheit, der unwillkürlich den Hut ein wenig dichter an sich gedrückt hatte, wandte den Kopf der Hofjägermeisterin zu und sagte:

»Ist der Hofjägermeister in der Stadt, gnädige Frau?«

Es war plötzlich ganz still geworden in den Zimmern.

»Nein, Königliche Hoheit,« sagte die Hofjägermeisterin und neigte sich sehr tief, »mein Mann ist auf Egehöj.«

Es entstand eine Pause, bis Seine Königliche Hoheit sagte – die Etatsrätin Mouritzen hatte sich vorgedrängt, gleich hinter Frau von Eichwald, und bewegte sich so lebhaft, daß der unterste und üppigste Teil ihres Rückens Poppes Decke herabriß –:

»Ja, Wien ist eine hübsche Stadt.«

Die ziemlich abgerissenen Worte hörte man durch drei Zimmer hin, während Seine Königliche Hoheit sich Ihrer Gnaden zuwandte zum Abschied.

Seine Exzellenz begleitete Seine Königliche Hoheit hinaus.

Alle begannen auf einmal wieder zu sprechen, und die Mutter, die an Stelle Ihrer Gnaden Seine Königliche Hoheit zur Tür begleitet hatte, kehrte zur Gräfin Schulin zurück, die mit den beiden Stiftsdamen von Jörgen, dem Verlobten der Komtesse, sprach und die, als ihre beiden Kinder sich entfernt hatten, sagte:

»Jörgen will ja absolut jetzt heiraten.«

»Will er?« sagte die eine Stiftsdame, und die andere setzte hinzu:

»Ja, das will der Bräutigam doch immer.«

»Aber,« fuhr die Gräfin fort – und die Mutter, die dem Vater mit den Augen gefolgt war (er ging zwischen den jungen Frauen einher wie ein Gärtner zwischen seinen Blumen), hörte plötzlich zu – »es scheint mir nun eigentlich keine Eile zu haben. Junge Menschen sind immer alt genug, Kinder zu bekommen, aber sie werden selten alt genug, bis ihre Kinder anfangen, alt zu werden.«

Die Mutter sah die Gräfin an und hatte die eine Hand an ihre Brust geführt:

»Wie wahr das ist,« sagte sie, und ihre Lippen blieben leicht geöffnet, als sie gesprochen hatte, wie bei jemand, der erstaunt ist.

Die eine der Stiftsdamen, von denen keine etwas verstanden hatte, sagte:

»Ihr lieben Beiden, es ist so, wie ich so oft zu Charlotte Amalie sage, wenn wir so für uns sind und Umschau unter unsern Bekannten halten: ohne Risse geht es nie ab.«

Frau Schulin lächelte und sagte:

»Es ist etwas daran. Was meinen Sie?« wandte sie sich an die Mutter.

Die Mutter fuhr zusammen.

»Ich dachte nach,« sagte sie.

»Ja,« sagte Gräfin Schulin, immer noch zur Mutter oder ein klein wenig wie zu sich selbst, »ich bin ganz sicher nicht sehr scharfsinnig, und Gott weiß, wie man es werden sollte, aber über dies oder jenes hat man wohl immer lange nachgedacht ... Und ich glaube, daß eine Frau erst wirklich verloren hat in der Ehe, wenn sie für ihren Mann nicht länger das Weib ist, der weibliche Mensch.«

Die Mutter hatte genickt – wie eine Statue nicken würde, wenn sie den Kopf bewegen könnte.

»Ja, das glaube ich,« sagte die Gräfin, aus ihrem Gedankengange heraus.

Seine Exzellenz, den sie schon hinten an der Tür hatten lachen hören, trat in ihre Nähe und blieb plötzlich vor Graf Francis stehen, der mit fortgesetzt gleichgültiger Miene in einem andern Lehnstuhl gesessen hatte, den schönen Rassekopf in die schmale Hand gestützt, und der sich jetzt erhob. Seine Exzellenz lachte noch immer.

»Worüber lachst du, Onkel Hvide?« fragte die Gräfin.

»Über seine Jugend,« sagte die Exzellenz, den in den letzten fünf Minuten plötzlich die sturmgewaltige Heiterkeit gepackt zu haben schien, die vor einem Menschenalter der Schrecken der Kandidaten am Examenstisch zu sein pflegte.

»Ja, denke dir,« sagte die Gräfin, »er wird erst vierzig Jahre, wenn wir in ein andres Jahrhundert übergehen.«

»Ein andres Jahrhundert,« sagte Seine Exzellenz und machte eine Bewegung mit seinen Lippen, als stoße er einen Mund voll Rauch aus.

»Hm,« sagte er, »die Muskeln der Menschheit bleiben dieselben und werden dieselbe Arbeit tun.«

Er ging weiter und kam in die Nähe des Stuhls, auf dem Ihre Gnaden saß. »Wo bist du gewesen, Hvide?« fragte Ihre Gnaden und streckte ihre etwas feuchte Hand liebkosend nach ihm aus:

»Ich habe immer solche Angst, wenn ich dich nicht sehe.«

Ihre Gnaden schlug die Augen zu Seiner Exzellenz auf, und er setzte sich, schroff, auf einen Stuhl, den Arm über der Stuhllehne Ihrer Gnaden.

»Du hast viele Gäste heute,« sagte er.

»Ja, mein Freund. Aber« – und Ihre Gnaden sah der Exzellenz wieder in die Augen – »du bist abgespannt.«

»Mir,« sagte er – in seiner Stellung, wie er dasaß, war etwas, das an ein ruhendes Raubtier erinnerte –: »Mir geht es gut,« sagte er.

Die Etatsrätin Mouritzen, die drüben bei der Marschallin und Frau von Eichwald saß, sah zu Ihrer Gnaden und der Exzellenz hinüber und sagte plötzlich, mitten hinein:

»Ja, Gott, wie selten – bekommt man so eine Ehe zu sehen.«

»Aber,« fuhr sie in einer sprunghaften Verbindung fort – die Etatsrätin sprach immer so laut, daß sie ihre Gedanken eigentlich nicht vor der Mitwelt verbarg –:

»Wunderlich ist, daß keins von den Kindern sein Genie geerbt hat.«

Die Marschallin, die, ebenso wie die Mutter, den Vater betrachtet hatte, der soeben über ein paar junge Töchter vom Landadel gebeugt stand, sagte:

»Fritz hat sicherlich ... Genie geerbt.«

Der Etatsrätin blieb der Mund offen stehen.

Die Marschallin sagte, indem sie mit ihrem Lorgnon gestikulierte und im voraus über die Worte lächelte, die vermutlich nicht verstanden werden würden:

»Das Genie, das jetzt aus seinem Gesicht leuchtet.«

Seine Exzellenz, der mit Hochehrwürden gesprochen hatte, einem Manne, der in langer Erbfolge eine Kirche zustimmen mit einer hochkirchlichen Erscheinung ererbt hatte und der sich nun Ihrer Gnaden näherte – Seine Exzellenz kam hin zur Mutter und sagte:

»Wovon sprecht ihr?«

»Wir sprachen von Genies,« sagte die Marschallin.

»Genies, Genies,« sagte Seine Exzellenz. »Genies, Mädel, sind nur die Käfige um die größten Tiere.«

Die Marschallin lachte:

»Du stürzt heut alles um, Onkel Hvide.«

»Nein,« sagte Seine Exzellenz, dessen Gesichtsausdruck wechselte, »ich ordne alles.«

»Übrigens,« sagte die Marschallin, die fortwährend lächelte, »sprachen wir eigentlich über die Liebe.«

»Ja,« fuhr die Etatsrätin schroff dazwischen, die jetzt die Worte der Marschallin von vorhin verstanden hatte.

»Die Liebe,« sagte die Exzellenz, und einen Augenblick warf er seinen allzu massigen Mund auf:

»Die Liebe? Die Menschen bekommen nie gesunde Begriffe, eh nicht all die zierlichen Worte aus der Sprache herausgehobelt sind.«

Die Marschallin lachte immer noch, Seine Exzellenz aber, der sich halb umwandte, sagte, als fege er etwas weg:

»Und übrigens weiß ich auch nicht, warum ihr von den Ururenkeln der Affen soviel verlangen wollt. Oder was meinst du?« fragte er nach der Mutter hin.

»Ich,« sagte die Mutter – und ihre Worte schienen keinen Zusammenhang zu haben mit allem, was gesagt worden war –:

»Ich glaube, man muß die Menschen freigeben.«

»Sie machen sich frei,« sagte Seine Exzellenz und ging weiter.

»Die teure Exzellenz ist so munter heute,« sagte Frau Mouritzen und bewegte leicht den Kopf; und als habe ihre Nase plötzlich dieses oder jenes gewittert, sagte sie auf einmal:

»Was ist hier passiert?«

»Nichts, wovon ich wüßte,« antwortete die Marschallin, die bei ihren Worten die Augen zum Gesicht der Mutter erhoben und sie hastig wieder abgewendet hatte. Und sie fragte nach einer merkwürdigen Perleneinfassung an einem Medaillon, das halbversteckt unter dem Kinn der Etatsrätin hing.

»Das muß sehr alt sein,« sagte sie.

»Ja, es ist ein historisches Stück.«

Die Etatsrätin nahm das Medaillon ab:

»Es hat Marie Antoinette gehört. Mouritzen hat die Papiere,« sagte die Etatsrätin: »Aber wir haben das Stück aus Frankfurt.«

»Ja,« sagte die Marschallin, die mit dem Medaillon zwischen den Fingern dasaß. »Solche Dinge machen ja heutzutage so viele Wege.«

»Ja, es ist sonderbar,« sagte Frau Mouritzen und sie fügte hinzu – wenn die Etatsrätin von dem Medaillon sprach, sprach sie so merkwürdig in einem Zuge –, »das Pastell stellt den Dauphin vor.«

»Es ist apart, wie die Brillanten gefaßt sind,« sagte die Marschallin und kniff die Augen zusammen, wie die Kenner tun.

»Heutzutage,« sagte sie und sah unwillkürlich zu Ihrer Gnaden hinüber, während die Hofjägermeisterin ihrem Blick folgte, »faßt man ganz anders.«

»Ja,« sagte Frau von Eichwald – und ihre Lider verdeckten wieder ein hastiges Aufblitzen in ihren Augen wie vorher, als sie mit dem Gesandten neben dem Stuhl Ihrer Gnaden saß, »das wäre interessant zu sehen.«

Und indem sie ging, sagte sie:

»Ihre Gnaden wird nicht böse sein.«

Frau von Eichwald beugte sich über Ihre Gnaden und bat, ob sie die Einfassung vergleichen dürften.

Ihre Gnaden hatte ein wenig nervös Kaiser Nikolas Brosche gefaßt, beinahe als wollte sie sie verbergen.

»Es passiert ihr nichts,« sagte Frau von Eichwald lächelnd und mit derselben Stimme.

»Natürlich nicht,« sagte Ihre Gnaden, und Frau von Eichwald nahm die Brosche ab.

Die Marschallin hatte beide Kleinodien in der Hand und hielt sie empor gegen das Licht.

»Der Unterschied ist deutlich,« sagte Frau von Eichwald.

Die Marschallin hatte die Juwelen jäh vom Licht entfernt, und während sie die Brosche in der halbgeschlossenen Hand hielt, sagte sie:

»Russische Brillanten, gnädige Frau« – die Marschallin betonte das »gnädige Frau« – »sind immer ganz eigentümlich gefaßt.«

»Danke,« sagte sie und war selbst gegangen, um Ihrer Gnaden die Brosche anzustecken, mit ein wenig zitternder Hand.

Die Etatsrätin brach auf, und Frau von Eichwald sprach mit Seiner Hochehrwürden, der sie bat, dem Herrn Konferenzrat für die Leuchter zu danken. Der Konferenzrat hatte ein paar Altarleuchter in seiner Kirche vergolden lassen.

»Und sie wirken so schön an ihrer heiligen Stätte,« sagte Seine Hochehrwürden.

Die Marschallin war zu der Mutter zurückgekehrt:

»Du bist so schweigsam heute.«

Die Mutter stand an den Fensterrahmen gelehnt – sie sah aus wie ein Wanderer, der sich auf endlosem Wege eine Minute an einen Baum lehnt – und sagte:

»Ich habe so vieles durchdacht in den letzten beiden Stunden.«

Frau Harriette stand einen Augenblick da, und dann sagte sie:

»Aber zuweilen spricht man, um zu verbergen, daß man nachdenkt.«

Und indem sie sich umwandte, sagte sie und zeigte flüchtig hinüber auf den jungen Herrn Fritz, der im Hintergrunde des Zimmers in dem halben Dämmerlicht an einen Ebenholzschrank gelehnt stand:

»Ist das der Sohn von Hans?«

»Ja.«

Die Marschallin betrachtete ihn weiter.

»Ihn vergißt man nicht,« sagte sie und machte eine kleine Pause nach jedem Wort.

Und als der österreichische Gesandte hinzutrat, um zu fragen, ob sie gehen sollten, neigte sie den Kopf in der Richtung nach dem jungen Hvide hin.

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte sie.

»Ja,« sagte der Gesandte und betrachtete den jungen Herrn Fritz, der auf dem schlanken Körper den antiken Kopf gegen den Ebenholzhintergrund neigte.

»Er ist schön wie ein Grabmal.«

»Das ist sonderbar,« sagte die Marschallin, die leicht zusammengefahren war, »ich stand gerade und dachte, daß er eigentlich eine gesenkte Fackel in der Hand haben müßte.«

»Ja, wir müssen fort,« sagte sie, und der Gesandte ging, um sich zu verabschieden, als der Sohn der Berühmtheit dazukam; er wollte gern einem jüngern Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft ein altes Porträt zeigen, eine Silhouette, die am Fensterrahmen hing und die Geheimrat Goethe seinerzeit dem Vater Seiner Exzellenz während eines Besuchs in Weimar verehrt hatte.

»Das alte Bild,« sagte die Marschallin, die das Bild herabnahm.

Sie wurde dem Professor vorgestellt und fuhr fort:

»Ja, Weimar ist ein entzückender Ort ... ich war noch vor zwei Jahren dort. Ich begleitete meinen Mann, er sollte bei einer Art Regierungsjubiläum repräsentieren.«

Und sie sprachen weiter von Weimar und von Goethe.

Seine Exzellenz hatte sich in dem andern Zimmer dem Kadetten gegenüber auf einen Stuhl gesetzt, und plötzlich war er in sich zusammengesunken. Mit völlig leeren Augen saßen die beiden Greise mitten unter den Sprechenden und starrten einander an.

Die beiden Stiftsdamen, die endlich gehen wollten, kamen am Bauer des Papageis vorüber.

»Sieh mal den Vogel, Anna Frederikke,« sagte Charlotte Amalie und steckte ihren ringbesetzten Finger zu dem Vogel hinein.

Poppe wurde wütend und hackte auf den Finger ein, daß die Stiftsdame leicht aufkreischte, während Poppe mit ausgebreiteten Flügeln schrie:

»Fortuna fortis, fortuna fortis.«

»Was sagt das Tier, Charlotte Amalie?«

Seine Exzellenz erwachte jäh.

»Es ist Lateinisch,« sagte er und stand auf.

Seine Exzellenz ging an der Hofjägermeisterin und an Seiner Hochehrwürden vorbei und hörte Seine Hochehrwürden sagen:

»Ja, gnädige Frau, den Menschen wird es immer ein Bedürfnis sein, nach oben zu schauen.«

»Ganz recht, Hochehrwürden,« sagte Seine Exzellenz, »lassen Sie sie nach oben schaun. So werden sie nie die eigene Person gewahr.«

Er wandte sich zur Hofjägermeisterin.

»Deinem Vater geht es schlecht,« sagte er.

»Ja, leider,« antwortete die Hofjägermeisterin.

Es flog ein barsches Lächeln über das Gesicht Seiner Exzellenz beim Tonfall von Frau von Eichwalds Stimme.

»Haltet ihm Gemütsbewegungen fern,« sagte er, »wenn euch sein Leben lieb ist.«

Seine Exzellenz trat zu der Gruppe am Fenster und fing den Namen Goethe auf, während die Gäste, die sich alle zum Aufbruch rüsteten, sich erhoben und wie in großem Kreise im Zimmer Aufstellung nahmen, das Gesicht Ihrer Gnaden zugewandt, hinter deren Stuhl der linienschlanke Diener eine Stehlampe gerückt hatte, die er soeben anzündete.

»Goethe, ja,« sagte Seine Exzellenz, »er trieb es wohl so weit, wie ein Mensch es vermag. Sich selbst wie einen Gott verehren und ein Recht dazu haben, wenn er sich an den andern maß –«

»Fortuna fortis,« schrie der Papagei.

Der Gesandte, der ein paar Abschiedsworte an Ihre Gnaden richten wollte, griff das Wort Weimar auf und sprach von dem großherzoglichen Hause.

»Ein treffliches Geschlecht,« sagte der Gesandte.

Ihre Gnaden, die im Licht der Lampe saß, lächelte plötzlich.

»Ich habe nie,« sagte Ihre Gnaden – und einen kurzen Moment war das Gesicht Ihrer Gnaden wie verwandelt, während die tiefen blauen Augen strahlten – »so schöne Männer gesehn wie die Prinzen vom Hause Weimar.«

Eine Röte wie von zwei blutenden Blitzen schoß über das Gesicht Seiner Exzellenz, der ein Flüstern hören zu können schien, wenn Ihre Gnaden die Sprechende war.

»Ja,« sagte Kammerherr Urne, der bei den andern stand, die weiter von Goethe sprachen, »am liebsten von allem hätte ich Goethes Begegnung mit Bonaparte gesehn.«

»Das waren unvergeßliche Tage, die in Weimar,« sagte Ihre Gnaden zu dem Gesandten.

Die Augen Seiner Exzellenz zuckten zu Ihrer Gnaden hinüber wie funkelnde Feuer, und mit einer zwecklosen Armbewegung durch die Luft, als zerre er an einer unsichtbaren Fessel, sagte er, als Antwort, zu Kammerherr Urne:

»Ja, die zwei haben einander verstanden. Bonaparte wußte Bescheid. Er gab der Triebfeder Flügel und las den Zusammenhang auf dem Grunde seines Glases.«

Die Marschallin, die soeben zu Weihnachten durch die Fürstin Metternich eine Sammlung von Trinkgläsern Bonapartes erworben hatte, wurde rot wie Blut, und einen Moment sprach niemand, bis Seine Exzellenz, nachdem er einen Blick auf die Silhouette geworfen hatte, sagte:

»Und was bleibt übrig von einem Goethe?« Er sprach, als risse er unsichtbare Gewächse mit allen ihren Wurzeln aus der Erde: »Erst ein paar Bücher, dann ein Buch ... dann ein Name und schließlich nur ein paar Buchstaben, deren Form keiner mehr zu deuten vermag.«

Der Sohn der Berühmtheit, der blieb, wo er war und der alle andern berühmten Erinnerungen haßte und alles, was Erinnerungen ähnlich sehen konnte, sagte:

»Aber Goethes Gespräche kann ich nicht ausstehn.«

Alle waren im Begriff aufzubrechen. Graf Francis Schulin verneigte sich vor Ihrer Gnaden in leerer Ehrerbietung, während die beiden Stiftsdamen von der andern Stuhlseite her eine halbe Verbeugung machten.

»Fortuna fortis,« schrie der Papagei in ständiger Wut.

»Das ist Alteleuteschnack,« schloß der Sohn der Berühmtheit.

Der schlanke Diener öffnete die Tür und schloß sie wieder, aufrecht, mit niedergeschlagenen Augen, wie ein Hüter des Hauses.

Seine Exzellenz hob den Kopf jäh und stand kerzengerade da.

»Der Alteleuteschnack, mein Lieber,« sagte er zu dem Sprößling der Berühmtheit, »hat ein Jahrhundert erraten.«

Der Poet, der einen von den Politikern angehalten hatte wegen Staatsstipendien, näherte sich der Exzellenz zum Abschied (unter der Lampe neigte Ihre Gnaden unablässig den Kopf, aufrecht, mit den Brillanten Nikolas I. am Halse, einem Götzenbilde nicht unähnlich), und der Dichter, der das Wort Jahrhundert aufgriff, entweder, weil es endlich für seinen Tiefsinn ausreichte, oder vielleicht nur, um sich einen Abgang zu sichern, sagte:

»Ja, Exzellenz, was bleibt von einem Jahrhundert übrig?«

Seine Exzellenz lachte, und mit einem plötzlichen Blick, der das ganze Zimmer umfaßte und hinten im Dunkel des nächsten Zimmers den zusammengesunknen Kadetten wie eine ferne Ruine, sagte er:

»Wir sind übrig geblieben.«

Und er lachte noch einmal auf.

... Der Gesandte fuhr mit Frau Harriette zusammen fort. Er sprach von Herrn von Bismarck und von Österreichs betrüblicher Stellung während der Krise. Plötzlich sagte er:

»Sie hören nicht zu.«

»Nein, mein Freund, verzeihen Sie.«

Und kurz darauf sagte die Marschallin:

»Wenn man die Freunde seiner Jugend zwanzig Jahre lang nicht gesehen hat, so hat man über dies und jenes nachzudenken.«

»Sicherlich,« sagte der Gesandte, und kurz darauf sagte er, indem er zum Fenster hinaussah:

»Dieser alte Mann ist aufrichtig wie ein Verzweifelter.«

Frau Harriette drehte hastig den Kopf nach dem Gesandten hin:

»Ja,« sagte sie und nickte.

Und sie sprachen nicht mehr, bis der Gesandte ausstieg.

Als der Wagen wieder weiterfuhr, führte die Marschallin plötzlich hastig den Muff an ihr Gesicht: sie brach in Schluchzen aus.

 

Seine Exzellenz saß vor seinem Tisch.

»Wie spät ist es?«

»Vier, Exzellenz,« antwortete Georg.

»Um fünf Uhr soll der Wagen vorfahren.«

Georg richtete sich auf.

»Es kommen Gäste zu Tisch,« sagte er und sah nach Seiner Exzellenz hin.

Seine Exzellenz rührte sich nicht.

»Lassen Sie Herrn Fritz hereinkommen.«

Georg ging, und der junge Herr Fritz kam herein.

Mit ausdruckslosem Gesicht betrachtete er Seine Exzellenz.

»Dein Vater ist wohl im Hotel d'Angleterre,« sagte die Exzellenz und drehte, als er gesprochen hatte, plötzlich den Kopf nach dem jungen Manne um.

»Sag ihm, daß hier um sechs Uhr gegessen wird. Wenn er nicht betrunken ist.«

Seine Exzellenz hatte die Augen nicht von dem jungen Mann genommen, dessen Mund vielleicht unmerklich zitterte, während er sich verneigte.

»Hast du gehört?«

»Ja, Großpapa.«

»Dann antwortet man,« sagte Seine Exzellenz.

Eine Blässe hatte das Gesicht des jungen Mannes überströmt, und er ging.

Ihre Gnaden saß noch immer in ihrem Stuhl.

»Wo ist Hvide?« fragte sie.

»Seine Exzellenz ist in seinem Zimmer,« sagte die Gesellschaftsdame.

»Ich werde um fünf Uhr angekleidet,« sagte Ihre Gnaden und machte eine Bewegung mit der Hand.

»Löschen Sie aus,« sagte sie und wandte sich an den schlanken Diener.

Das Licht über Ihrer Gnaden wurde ausgelöscht, und sie blieb allein.

Die Tür wurde leise geöffnet und geschlossen, und es schlich jemand durchs Zimmer.

»Wer ist da?« sagte Ihre Gnaden und fuhr zusammen.

»Ich bin es,« flüsterte Sophie. »Wissen die gnädige Frau es?«

»Was?« sagte Ihre Gnaden, die die Hände in ihrem Schoß hob und senkte.

»Der Herr Jägermeister ist in der Stadt,« sagte Sophie.

Die beiden weißen Gesichter starrten einander einen Augenblick an im Dunkeln.

»Ich dachte es mir,« stöhnte Ihre Gnaden. »Hast du ihn gesehn?«

Sophie antwortete nicht sofort.

»Der Jägermeister hat mit Seiner Exzellenz gesprochen.«

»Wann?«

»Während des Empfangs.«

Ihre Gnaden stöhnte von neuem und biß die weißen Lippen zusammen.

»Geh,« sagte sie so leise, daß das Mädchen es kaum hören konnte.

Die Tür wurde geschlossen.

Ihre Gnaden hatte sich plötzlich erhoben und durchschritt das Zimmer. Sie schlug die Portiere zurück und öffnete die Tür Seiner Exzellenz.

Er saß bei der Lampe und hatte sie nicht gehört.

»Hvide, was ist?« sagte sie und stand vor Seiner Exzellenz, »was ist geschehn!? Was geht hier vor?«

Er hatte den Kopf gehoben und sah sie an.

»Hans ist in der Stadt,« sagte er.

Ihre Gnaden hatte die Hände gefaltet; – in dem schwarzen Festgewand, wie sie dastand, mit den Brillanten Nikolas I. glich Ihre Gnaden einer von den wohlerhaltenen Leichen, die man bisweilen finden kann, wenn man Kirchenböden aufbricht –:

»Was hat er gesagt?«

Seine Exzellenz sah sie unentwegt an, wie jemand, der sein ganzes eignes Leben betrachtet.

»Er hat die Wahrheit gesagt,« sagte er und wandte den Kopf fort.

»Und du solltest dich ausruhen,« sagte er gleich darauf, »du bist müde.«

Ihre Gnaden wandte sich und ging.

Die Mutter war hinaufgegangen. Sie zündete die Kerzen in den Armleuchtern an und blieb vor den weißen Kerzen stehen.

»Ich müßte mich ankleiden,« sagte sie, und die Arme fielen ihr müde an den Seiten nieder.

Kurz darauf öffnete sie die Tür zum Flur.

»Arkadia!« rief sie. »Arkadia!«

Aber niemand antwortete. Die Mutter lächelte und öffnete das Fenster. Im Hof war es fast dunkel.

»Arkadia!« rief die Mutter.

»Lassen Sie mich los, Frederiksen,« ertönte es von unten her durch die Dämmerung.

Die Mutter schloß das Fenster und kehrte zu den Kerzen zurück.

Die Gesellschaftsdame klopfte an und kam herein.

Sie fragte, ob sie der gnädigen Frau nicht helfen könne.

»Ja, danke,« sagte die Mutter, während die schönen Hände in ihrem Schoß ruhten, »wenn Sie mein Kleid aus dem Koffer nehmen möchten.«

Zwei große Koffer waren da mit vielen Fächern. Die Gesellschaftsdame nahm Kleider heraus und Röcke heraus und Schachteln heraus. Die Mutter folgte ihren Bewegungen.

»Es ist ein schwarzes Barege,« sagte sie. »Mit Ripsunterkleid.«

Die Gesellschaftsdame stöberte weiter.

»Aber mein Gott, was soll ich denn mit dem?« sagte die Mutter und besah plötzlich einen strohgelben Kleiderrock.

»Das Kleid trage ich ja doch nie.« Und plötzlich sagte sie: »Wollen Sie das nicht nehmen?«

Die Gesellschaftsdame, die sich gern ihren Anteil aus den Koffern der Mutter zufließen ließ, sagte sanft abwehrend: »Aber es ist ja so gut wie neu.«

»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »ich ziehe es ja nie an. Reden Sie doch nicht davon.«

Die Gesellschaftsdame legte das gelbe Kleidungsstück auf einen Stuhl und fand schließlich das Baregekleid.

»Hier ist es,« sagte sie.

»Danke,« sagte die Mutter, »nun kann ich selbst.«

Sie blieb noch ein paar Augenblicke vor den Kerzen sitzen, und dann goß sie die Eau de Cologne in das große Waschbecken, um sich zu baden. Als sie angekleidet war, saß sie wieder vor den Kerzen.

Ihr Blick fiel auf den Strauß Tausendschönchen, den Seine Exzellenz jeden Mittag auf ihren Tisch legen ließ. Sie nahm ihn in die Hand. Die gelben Blumenaugen starrten im Lichtschein zu ihrem bleichen Gesicht empor.

Dann legte sie die Blumen hin, und von den drei Büchern auf ihrem Tisch nahm sie das eine; die beiden andern waren »Das Buch der Lieder« und »Don Juan«.

Sie schlug die Blätter des Buches auf und starrte ins Licht, und dann las sie:

Sich täglich mehr verschließt Diones Sinn,
Ein Dasein wachen Träumens nur sie lebte,
Das ewig neu Erinnerung durchwebte.
Doch nichts von Wirklichkeit war mehr dann.
Das Haupt geneigt, sah stumm sie vor sich hin
In ferne Weite, wo die Wolke schwebte
So schwer und düster auf des Windes Flügel:
Als ihrer eignen Seelenschwermut Spiegel.

Doch wozu Worte? Kann dasselbe Bild
Sich nicht bei Lebens Bühne täglich zeigen:
Erst Schmerzes Frucht an vollen Lebenszweigen,
Dann Kampf des Herzens, eh es müd und mild,
Erst Hoffnung, Sehnsucht, dann Verlust und Schweigen,
Der Leere Tränenquell, der ewig quillt.
Erst neue Kraft und doppelt reiches Leben.
Dann dumpfe Müdigkeit und schlaff Ergeben.

Die Mutter hob ihr Gesicht. Einen Augenblick schloß sie die Augen. Die roten Lippen bebten. Dann las sie wieder:

Du lässest mich im Stich, dein Sinn ist schwank, Ich rufe, doch du eilst auf flüchtgen Schwingen,
Dein Ohr hast du verschlossen meinem Gruße
Und reichst mir abgewandt den bittern Trank.
Es schwindet hin. Denn meine Sonne sank.

Die Hand der Mutter suchte auf ihrem Tisch einen angespitzten Bleistift, und sie zog einen fast unsichtbaren Strich an den Worten des Dichters herunter, während sie las:

Nichts auf der Erde kann zurück mir bringen
Das Strahlenmeer, das mir mein Glück gebar,
Nur ein Gedanke lebt in mir: es war.

Es mußte sein – wohlan denn, keine Klagen
Bringt dieses Lied zu dir aus meiner Brust,
Kein leer verhallend Seufzen soll dich plagen,
Kein Sehnen, das nicht aus noch ein gewußt.
Nur liebe Worte, die dein Herz nicht nagen,
Nur Echo einer langentschwundnen Lust.
Ein Wort nur, leer für dich, soll Lindrung schenken,
Nur ein Lebwohl zum Abschied und Gedenken.

Zwei Tränen waren auf das Blatt niedergefallen, die Mutter sah sie nicht.

Lebwohl – was ist ein Wort? und doch, der Schmerzen
Gewaltigste dies kleine Wort mich lehrt:
Ein Grab für alles, was im tiefen Herzen
An Liebe, Glück und Frieden wir begehrt;
Die letzte Blüte, die in tausend Schmerzen, –
Ein letztes Hoffen unsrer Seel beschert.
Nimm hin die Blätter; ihren Duft und Schimmer,
Die du belebt, du erbst sie nun für immer.

Große Tränen entströmten ihren Augen, und einen Augenblick stützte sie ihr Gesicht gegen die Bronze des Armleuchters. Dann trocknete sie die Tränen fort und wandte wieder die schönen Augen dem Buche zu, dessen Einband gegen den Rand des Spiegels gelehnt stand wie ein Gebetbuch gegen ein Betpult:

Mein Herz ist müde – doch kein Schlaf will fallen
Aufs heiße Aug. Mein Denken rastlos wallt,
Ein Zug des Leides, durch der Zeiten Hallen,
Vor jedem lieben Bilde macht es halt.
Ich ruf nach jenen selgen Träumen allen,
Die Arme streck ich aus vor Schmerzgewalt
Nach der Erinnrung leichten, flüchtgen Scharen,
Die locken, lächeln, winken und zerfahren.

Sie hatte den Einband des Buches mit ihren beiden weißen Händen umfaßt. Das Gesicht war leicht vorgestreckt.

O du – doch meine Schrift die Tränen tränken,
Verwischen sie – und trocknet's auch gar schnell,
Es rinnet stets von neuem, mich zu kränken,
Auf meinen Brief der heiße Schmerzensquell.
Nie werde ich vergessen, dein zu denken.
Dazu floh mir dies Leben allzu schnell.
Leb wohl, leb wohl, ich hab nichts mehr zu schreiben,
Nur diesen Kuß. Nein, nein. Doch, er mag bleiben.

Ihre Hände glitten von dem Buche nieder, und still starrte sie in den Spiegel hinein, auf ihr eigenes Bild, das sie nicht sah.

»Ja,« sagte sie ins Leere hinaus und stand auf, »es muß sein.«

Die Gesellschaftsdame klopfte wieder und fragte, ob sie nicht der gnädigen Frau das Kleid zuhaken solle.

»Danke, ich bin fertig,« antwortete die Mutter.

Die Gesellschaftsdame sah auf die Tausendschönchen.

»Aber soll ich denn nicht die Blumen befestigen?« sagte sie.

Die Mutter nahm die Blumen in die Hand. Einen Augenblick noch betrachtete sie die weißen Blüten.

»Danke,« sagte sie, »mögen die hier verwelken.«

Und indem sie der Gesellschaftsdame zulächelte, die sie ansah, sagte sie:

»Sie wissen, ich habe welkende Blumen so gern.«

Die Gesellschaftsdame wollte gehen, als man Lärm im Hof hörte.

Die Pferde wurden angespannt.

»Wird angespannt?« fragte die Mutter und wandte sich hastig der Gesellschaftsdame zu.

»Ja, Seine Exzellenz fährt aus,« antwortete die Gesellschaftsdame.

»Aber wohin denn?« fragte die Mutter.

»Seine Exzellenz hat es nicht gesagt.«

Die Mutter machte eine Handbewegung, die der Gesellschaftsdame galt, und diese ging.

Das Portal wurde zugeschlagen. Seine Exzellenz war ausgefahren.

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