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Das graue Haus

Herman Bang: Das graue Haus - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorHerman Bang
booktitleDas weiße Haus / Das graue Haus
titleDas graue Haus
publisherS. Fischer Verlag
printrun4. bis 7. Auflage
translatorTherese Krüger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Teil

Seine Exzellenz richtete sich in dem Föhrenholzbette empor und zündete sein Licht an. Dann stand er auf. Er übergoß sich mit Wasser während er sich im Spiegel betrachtete: der Körper war knorrig und stark wie ein alter Balken; an der weißen Wand zeichnete er sich ab wie der Schatten eines Riesen.

Seine Exzellenz kleidete sich an und ging hinein. Er ging mit dem Licht in der Hand durch die vielen Zimmer. Bronzen, Piedestale und Ehrengeschenke standen in Laken gehüllt. Sie ragten so seltsam aus dem Dunkel hervor, als ginge die Exzellenz unter lauter Gespenstern durch die Räume.

An der letzten Tür blieb er einen Augenblick stehen und lauschte. Drinnen wurde gesprochen. Es war Ihre Gnaden, die im Schlaf sprach. Im Schlaf glaubte Ihre Gnaden sich immer auf alten Bällen und tanzte mit Durchlauchten, die tot waren.

Seine Exzellenz blieb stehen, während seine erhobene Hand wie mit geballter Kralle die Portiere umfaßte: es war eine Schwäche von ihm, den Reden Ihrer Gnaden zu lauschen, wenn sie schlief.

Plötzlich stellte er das Licht fort und öffnete die Tür. Im Dunkeln ging er auf das Bett Ihrer Gnaden zu.

Ihre Gnaden sprach weiter – und noch lauter, während Seine Exzellenz lauschte:

»Weimar, Weimar,« wiederholte Ihre Gnaden.

Seine Exzellenz stand noch immer da wie eine Säule.

»Ja, Hoheit,« sagte Ihre Gnaden.

Seine Exzellenz wandte sich und schloß die Tür und ging weiter.

Seine Hände zitterten, während er die eiskalte Lampe umfaßte und anzündete, ehe er sich an seinen Tisch setzte. Er zog Schubladen aus und ein, und er nahm die großen, blauen Bogen hervor, bog einen Rand und fing an zu schreiben.

Er schrieb, den Kopf vorgebeugt und mit zusammengekniffenen Augen, als wolle er die Sehkraft erzwingen, während die linke Hand auf dem Papier lag, blauweiß und schwer, wie aus Blei; und er schrieb und schrieb ohne Pause, mit heftiger oder erbitterter Feder, Seite auf Seite, Blatt auf Blatt und schleuderte die Bogen dann zur Seite.

Kein Laut war zu hören, nur das Sieden der Öllampe.

In dem matten Licht sahen die Örsteds und Mynsters und Hvides so seltsam halbverwischt aus, wie sie rund herum in der Stube an den Wänden hingen, auf den blassen Lithographien, in ihren goldenen Rahmen, ordengeschmückt, im Ornat, offiziell – verstorben und still.

Die Exzellenz hatte sich im Stuhl zurückgelehnt.

»Ach ja, ach ja.

Ach ja, ach ja,« klang es durchs Zimmer.

Und wieder schrieb er.

Der Tag begann durchzudringen, und sein kaltes Licht mischte sich mit dem der spärlichen Lampe. Der mächtige Schädel Seiner Exzellenz ragte immer noch über seinen Tisch empor.

Der Diener kam herein, beugte seine mürben Knie vor dem Kachelofen und brachte die großen Scheite zum Brennen. Das Feuer beleuchtete die bräunliche Perücke – sie hatte so merkwürdig hochstehende Ränder – und das Gesicht, dessen Mund inmitten der hundert Runzeln an ein zusammengeklapptes Messer erinnerte.

Die Exzellenz hörte ihn nicht. Der Diener brachte den Tee zusammen mit der Morgenzeitung, und plötzlich drehte die Exzellenz sich um.

»Laß sie das zusammenheften,« sagte er und reichte dem Diener die blauen Blätter.

Der Diener Georg ging, während die Exzellenz den kochend-heißen Tee in einem Zuge schluckte – Kälte oder Wärme schien der uralte Leib nicht mehr zu spüren.

Draußen in der Küche nähte Sophie. Sie saß bei der Lampe und heftete mit einem langen schwarzen Faden die beschriebenen Blätter zusammen, mit einer Hand, die wie lauter rote Knochen aussah.

»Schreibt er?« fragte sie.

Der Diener nickte.

»Ja so.«

Die Bornholmer Uhr neben dem Küchentisch tickte langsam und schwerfällig. Es war, als hole sie jede zögernde Sekunde mühsam und stöhnend aus einem unendlichen Brunnen herauf. Die Bornholmer war die einzige Uhr im Hause, die ging. Die andern waren stehen geblieben.

Georg brachte die zusammengehefteten Blätter zurück, und die Exzellenz zog Schubladen aus und Schubladen ein. Sie waren alle voll von Heften derselben Art. Die Morgenzeitung ließ er liegen. Er las keine Zeitungen mehr:

»Passiert etwas?« sagte er.

»Was passiert?« sagte Seine Exzellenz, »sie bauen ein paar Häuser mehr, in denen sie gegen sich selber sündigen können.«

»Nimm sie fort,« sagte er.

Der Diener nahm sie fort, um sie für Ihre Gnaden zu verwahren. Ihre Gnaden ließ sich täglich von ihrer Gesellschaftsdame die Rubrik: Leerstehende Wohnungen vorlesen.

Punkt neun Uhr klingelte es, und die eiserne Glocke klang so seltsam weit ins Haus hinein; es war der Enkel.

»Exzellenz zu Hause?« sagte er.

»Ja,« antwortete Georg, und er hängte die Sachen des jungen Mannes auf denselben Haken wie gestern.

»Du hast geschrieben,« sagte der junge Mann und neigte den Kopf.

Der Alte drehte sich um.

»Ja,« und die Stimme klang heftig.

»Wie gewöhnlich. Man schreibt und verschwendet Tinte, wenn man nicht mehr leben kann. Mit Schwarz auf Weiß kann man sich die Menschen zurechtstutzen, wie man will. Da machen sie nicht mehr Dummheiten, als man ihnen erlaubt.«

»Hast du gefochten?« fragte er plötzlich.

»Ja.«

Mit einem Blick, der eine eigentümliche und plötzliche Kraft annahm, sagte Seine Exzellenz:

»Du bist ein Spätgeborener. Du mußt dich in acht nehmen.«

Während er fortfuhr, das Gesicht des Enkels zu betrachten, worin die Lippen in all der Blässe wie Blut so rot waren, sagte er mit derselben Stimme wie vorher:

»Ich weiß auch nicht, wie wir die Rasse in die Familie bekommen haben.«

Der Enkel, der den sehr schlanken Körper sehr gerade hielt, hob die dunkeln Augenlider ein wenig.

»Hast du an der Komödie geschrieben, Großpapa?« fragte er.

»Ja. Lies es vor.«

Der Enkel setzte sich in den großen Stuhl am Fenster und fing an zu lesen – sehr laut, damit Seine Exzellenz ihn hören konnte.

»Was, sagst du, steht da?« rief Seine Exzellenz.

Der Enkel las lauter und bemühte sich, die unleserliche Schrift zu ergänzen, wo Buchstaben vergessen und Sätze ausgefallen waren.

»Was steht da?«

Der Enkel las weiter.

»Nein,« rief Seine Exzellenz, »laß mich selbst.«

Er ergriff die Bogen. Und zornig und zum Licht vorgebeugt, versuchte er selbst, alle die Sätze zu lesen, die er schon vergessen hatte.

»Nein,« sagte er plötzlich, »ich kann nicht. Die Augen sind schuld. Die Augen wollen nicht.«

Er legte das Manuskript aus der Hand.

»Die Augen wollen nicht mehr.

Leg es fort.«

Der junge Mann nahm die blauen Bogen und legte sie in eine Schublade neben die andern.

Die Exzellenz folgte seinen Händen mit den Augen.

»Es sind viele,« sagte er.

»Ja, Großpapa.«

Die Exzellenz hatte die Augen geschlossen. Die Zeit war vorbei, wo Seine Exzellenz zu den Verlegern fuhr. Jahrelang war er von Tür zu Tür gefahren, hatte Manuskripte verschickt und hatte sie wiederbekommen. Nun hatte er es aufgegeben.

»Das Papier ist zu teuer geworden, mein Junge,« sagte er.

Seine Dichtungen wurden nicht mehr gedruckt. Es mußten denn schon ein paar Grabverse sein, auf ein Enkelkind oder einen Freund, der einmal berühmt gewesen und nun vergessen war. Das Regierungsblatt druckte zuweilen solch ein Gedicht hinten in der Zeitung ab, mit sehr kleinen Buchstaben.

»Du solltest deine Erinnerungen schreiben, Großpapa,« sagte der Enkel – seine Stimme war, wenn er nicht auf sie achtete, fast beängstigend weich, und er schloß die Schublade.

Seine Exzellenz lachte.

»Erinnerungen,« sagte er, »Erinnerungen – wir haben Gewäsch genug. Erinnerungen – hm, es gibt niemanden, der seine Erinnerungen geschrieben hat. Über die andern lügen sie, und von sich selber reden sie nicht ... Sie schreiben von dem Quark, den sie erlebt haben, und was sie gelebt haben, nehmen sie mit sich ins Grab.«

Seine Exzellenz lachte wieder, und seine Stimme bekam einen seltsamen, rohen Klang:

»Und sie tun recht daran, mein Bester,« sagte er; »schriebe ein einziger Mensch sich selber nieder und gäbe sich selbst nach seinem Tode zum Druck, sie würden ihn noch im Grabe zu Zuchthaus verurteilen – denn es gibt doch Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden ... –

Nein, es lohnt sich nicht, eine Auskunft zu geben.«

Seine Exzellenz schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Laßt mich die Zeit totschlagen, so gut ich kann. Das letzte Stück Weges ist das schwerste, und Denken ist dumm. Ein Loch in der Erde ist so viele Gedanken nicht wert.« Der Enkel saß eine Weile da.

»Du hast doch uns,« sagte er.

»Ja,« sagte die Exzellenz, »ihr müßt ja Brot und Kleider haben.«

Der Mund des jungen Menschen zitterte fast unmerklich. Doch der Alte fuhr fort:

»Hast – hast?« sagte er. »Die Menschen, Fritz, haben einander nicht. Sie brauchen einander und sind allein. Wenn man alt geworden ist, weiß man das und mag nicht mehr die vielen Worte reden, die keiner hört. Wer hört? Das Gras redet, ohne es selbst zu hören. –

Die Tiere, mein Junge, werden ohne Worte fertig, und es glückt ihnen doch, ihre Bestimmung zu erfüllen.«

Der Enkel saß zusammengesunken da mit merklich gesenkten Schultern.

»Gerade sitzen,« sagte der Alte.

»Ja;« der junge Mann fuhr so hastig in die Höhe, daß er sich den Kopf am Wappenschild der Stuhllehne stieß.

»Nein,« fuhr die Exzellenz in dem Gedankengange fort, »der Fortpflanzung soll gedient werden. Mögen sie zeugen und sterben. Das haben sie jahrtausendelang getan. Dabei sollen sie bleiben und sich nichts weismachen. Sie erfinden und verfallen auf allerhand und bauen Städte und schaffen sich einen berühmten Namen ... Der Natur ist das ganz egal. Die Erde erkaltet einmal so gut wie der Mensch.

Oder was haben sie davon?« sagte er und sah plötzlich zu den vielen Bildern an den Wänden auf: »Da hängen sie mit ihren Ketten, in ihren Mänteln, als die Schauspieler, die sie waren, und« – die Exzellenz machte eine Bewegung mit den Füßen, als reinige er seine Sohlen – »was sie wollten, wurde zum Entgegengesetzten, und ihre Taten find so tot wie sie selbst.«

»Was ist das Ganze?« fuhr er fort, »es macht nicht satt ... Hm, ich erinnere mich an einen Tag mit Thorwaldsen ... er war wohl der größte, auch als Komödiant, denn das hängt damit zusammen ... er ging einher, als sei er selber im Festgewand und wolle Weihrauch anzünden vor dem eigenen Marmor. Aber dann kam ein Tag, wo er wach war, sonst schlief er viel, Fritz, ruhte auf seinem weltberühmten Namen. Aber an dem Tag war er wach – es war in seiner Werkstatt: da machte er eine kleine Handbewegung nach all den weißen Figuren und all dem Ton hin, und dann sagte er:

›Ja, das ist ja recht schön.‹

So ist alles, wenn man es kennt.«

Die Exzellenz lachte kurz, als genösse er die eigene Erinnerung:

»Und Ohlenschläger starb, über seinen eigenen Sokrates brüllend, den keiner lesen mochte, und Heiberg sah nach den Sternen – wenn es einer glaubt. Mögen die Sterne gehen, wie sie wollen. Ich weiß nichts davon, daß wir je eine Botschaft von ihnen bekommen hätten.«

Er fuhr sich über die Augen, und in anderm Ton sagte er:

»Doch alte Leute sollten kein starkes Hirn haben, denn dann wissen sie zuviel ... Sie sollten stumpf werden. Die es nicht werden, haben Zeit zu sehen, und das sollte den Menschen erspart bleiben. – – Man sollte nie sehen, weder sich noch andere ... Es gibt ein dummes Wort, daß, wer Jehova sieht,« – und die Exzellenz lachte bei diesem Wort – »stirbt. Aber ich sage dir, sähe ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er würde sterben. Und wäre es denkbar – doch das ist es nicht, denn sich selber belügt man allzu verstockt – daß man sich selber auf den Grund seiner Seele sähe, mein Junge, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe betrachten, ohne einen Laut sein Haupt selbst auf den Block zu legen. – – Na,« – und auf einmal brach Seine Exzellenz ab – »ich schwatze ... Aber« (plötzlich sah er den Enkel an, und weniger als eine Sekunde lang war in seinem Auge fast etwas wie in dem Blick des Schützen, wenn er zusieht, ob ein Pfeilschuß getroffen hat) »es macht wohl nichts, denn du hörst nicht zu. Eine andere Weisheit braust vor deinen Ohren.«

Der junge Mensch stand auf.

»Adieu, Großpapa,« sagte er nur.

»Hast du sonst nichts auf dem Herzen?«

Seine Exzellenz erhob sich, ging an seine Schatulle und schloß sie auf. Er schob einen Briefbeschwerer zur Seite und nahm ein paar Banknoten, die er nicht zählte.

»Die Jugend muß Geld haben,« sagte er.

»Adieu.«

»Adieu, Großpapa.«

Der junge Mann ging.

Georg wartete auf dem Flur, nahm den Überzieher herunter und half ihm hinein.

»Adieu,« sagte der junge Mann und neigte den Kopf.

Georg hängte den »Zettel« draußen an die Tür. Auf einem Stück Pappe stand mit halbverlöschten Buchstaben das Wort: Konsultation.

Dann öffnete er den Briefkasten und nahm die Post heraus. Die Briefe legte er auf die Konsole. Doch als er es getan hatte, nahm er sie plötzlich wieder in die Hand und las die Aufschrift auf dem einen Kuvert, während er eine Grimasse schnitt – ehe er die Briefe wieder hinlegte, diesmal aber weiter ins Dunkel hinein.

»Ist Ihre Gnaden wach?« fragte die Exzellenz, als Georg eintrat.

»Ihre Gnaden haben geklingelt.«

»Und mein Sohn?«

»Herr Fritz Hvide ist ausgegangen.«

»Hm. Bringen Sie mir das Journal.« Georg brachte das schwere Buch und schlug es auf.

»Der wievielte ist heute?«

»Der achtundzwanzigste, Exzellenz.«

»Der Fasching geht zu Ende,« sagte die Exzellenz.

Seine Exzellenz schrieb das Datum vor eine große Rubrik unter die andern Rubriken, die leer waren.

»Danke,« sagte er, »du kannst gehen.«

Georg ging. Draußen im Flur setzte er sich auf den Stuhl dicht bei der Tür. Seine Haltung war sehr aufrecht. Er wartete darauf, den Patienten Seiner Exzellenz zu öffnen. Allmählich fiel ihm der Kopf auf den hohen Kragen der Livree, und die Schultern sanken ein. Es war, als säße am Paneel ein bekleidetes, lebloses Stativ.

»Ach ja, ach ja,« klang es durch die Tür Seiner Exzellenz heraus.

Georg rührte sich nicht.

Es klingelte. Es war ein Diener, alt wie Georg, sehr groß, in einem sehr langen Rock. Oben saß ein Kopf, der gewissermaßen nicht richtig fest saß. Er sollte einen Brief abliefern. Er trat zur Exzellenz hinein, der den Brief las. Es war eine Einladung zum Diner von der Baronin Brahe.

»Bestellen Sie der Baronin meinen Dank,« sagte er. »Aber ich laß mich nicht mehr zur Tierschau präsentieren ... Wie geht es ihr?«

»Danke, gut, Exzellenz.«

»Und Ihm selbst?«

Der Diener stand steif an der Tür. Nur Kopf und Schultern bewegten sich. Die übrige Statur erinnerte an ein Gebäude, das man gestützt hat.

»Danke, Exzellenz ... wenn nur das Zittern nicht wäre ... aber ich nehme das ›Stärkende‹, Exzellenz.«

»Ja, stärk' Er sich,« sagte Seine Exzellenz und drehte ihm plötzlich das Gesicht zu, mit einem Ausdruck, als sehe er einen alten Hund an.

Der alte Mensch stand einen Augenblick stumm da, und dann sprach er ihn aus – seinen ewigen oder einzigen Gedanken –:

»Und mit dem Servieren geht es so schlecht.«

»So sollte Er's lassen,« sagte die Exzellenz.

»Es dankt Ihm keiner dafür, wenn Er ihm Soße über die Kleider schüttet.

Adieu.«

Seine Exzellenz drehte sich um, und die Tür glitt zu.

»Was hat er gesagt?« flüsterte Georg draußen auf dem Flur.

»Es gibt wohl nichts, was helfen könnte,« sagte der andere.

Georg nickte. Doch plötzlich zeigte er mit ganz verändertem Gesichtsausdruck nach der Tür hin und flüsterte:

»Mit ihm steht's auch dreckig genug.«

Es war, als spiegele sich der Ausdruck im Gesicht Georgs plötzlich in dem des Fremden:

»Wirklich?« sagte er, und seine Stimme bekam förmlich Klang.

»Unserer Baronesse geht's auch gottsjämmerlich,« flüsterte er.

»Also Emmely ist krank?« sagte Georg.

»Ja, Gichtfieber, wie sie es nennen.«

»Ja,« nickte Georg.

»Und das ist nun wohl aufs Herz geschlagen,« flüsterte der Brahesche Diener.

Und indem er nach der Tür Seiner Exzellenz hinzeigte, sagte er.

»Aber ihn ruft man ja nicht.«

Das Neugierige in Georgs Gesicht wich plötzlich einer gewissen Strammheit.

»Nein,« sagte er, »noch nicht.«

Doch plötzlich richteten sie sich beide auf, da ein Schlüssel sich in der Flurtür drehte. Es war der Vater. Er zog den Überzieher aus und fragte:

»Ist jemand krank beim Baron?«

»Ja, das heißt, die Baronin, sie wollte gern Seine Exzellenz zu Tisch bei sich sehen.«

Der Alte hatte es glücklich zurecht gestottert.

»So, so,« es war fast wie Blässe über des Vaters Gesicht gegangen: »Guten Morgen.«

Der Vater ging zu Seiner Exzellenz hinein.

»Bist du es?« sagte die Exzellenz, und ein plötzlicher Lichtschein kam in seine Augen beim Anblick des Sohnes, der ihm mit einem seltsam zärtlichen Lächeln, dem Lächeln eines Weibes fast, zulächelte.

»Wie geht es dir, Papa?«

»Danke. Alte Leute, Junge, dürfen nicht klagen, wenn sie nur einigermaßen Luft kriegen können.«

»Es ist rauh draußen,« sagte der Vater, immer noch über Seine Exzellenz gebeugt.

»Das ist unser Klima, lieber Junge, wir müssen es ertragen.«

Der Vater wandte sich dem Fenster zu.

»Ist Stella auf?« fragte die Exzellenz.

»Sicherlich,« sagte der Vater und vermied absichtlich ein Ja.

Wie im Verlauf einer Sekunde verdüsterte sich das Gesicht Seiner Exzellenz.

»Es geht ihr nicht gut diesmal,« sagte er nach einer Stille.

Des Vaters Gesicht war verändert wie das Seiner Exzellenz, und er antwortete nicht sofort.

»Und sie ist doch so froh, daß sie hier bei euch ist,« sagte er und sprach so eigentümlich gedämpft und tonlos, wie immer, wenn er von seiner Frau sprach.

Die Exzellenz antwortete nicht, und beide schwingen wieder.

»Harriette ist gestern abend gekommen,« sagte der Vater und stand immer noch am Fenster.

»Ja,« sagte Seine Exzellenz, »ich habe ihr sagen lassen, daß sie zu Tisch kommen soll.«

»Dann trinke ich jetzt Tee,« sagte der Vater.

»Ja.«

Die Tür fiel zu.

Georg saß wie vorher, als es wieder klingelte.

Eine winzige Art Zwergin stand vor der Tür und sah unter dem Schatten eines wunderlich geformten Tirolerhutes empor:

»Guten Morgen, Herr Jensen. Ich bin es nur,« sagte sie.

»Guten Morgen, Jungfer Villadsen,« sagte Georg.

»Schönen Dank,« sagte Jungfer Villadsen, deren Finger unaufhörlich über eine Masse ausgeblichenen Flor hinfuhren, der ihre Vorderseite bedeckte; der Rücken war verwachsen.

»Schönen Dank.«

»Kommen Sie nur herein,« sagte Georg.

Der Diener öffnete die Tür Seiner Exzellenz, ganz wenig nur, wie man für ein kleines Vieh öffnet, das unten durch die Tür schlüpft, und die Exzellenz wandte den Kopf:

»Sind Sie es?« sagte er.

»Setzen Sie sich.«

Und Jungfer Villadsen setzte sich, neben die Tür, ganz knapp auf die Stuhlkante, damit ihre Füße bis auf die Erde reichten.

»Es geht also wieder schlecht.«

»Ja, Exzellenz.«

»Ist's das alte?« fragte Exzellenz, der den Stuhl ganz herumgedreht hatte und sie nicht aus den Augen ließ, während er sich plötzlich in seinem Stuhl aufrichtete.

»Ja.«

Jungfer Villadsen sah zu ihm auf, und es begann in ihrer Brust hinter dem Flor zu arbeiten:

»Immer der Schnitt, Exzellenz,« halb meckerte sie, »es ist immer der Schnitt, der die schrecklichen Schmerzen macht ...«

»Ja,« sagte die Exzellenz, den auf einmal eine grimmige Aufgeräumtheit befallen zu haben schien, »den Freuden, Jungfer, folgen die Nachwehen.«

Jungfer Villadsen fing an zu weinen, ihre Lippen warfen sich auf; – wie sie dasaß mit dem vorgestreckten Gesicht und dem aufgeworfenen Mund sah sie aus wie eine Kröte.

»Ja, man büßt dafür,« meckerte sie, »man wird gequält dafür; man büßt dafür, wenn man ins Unglück gekommen ist ...«

»Kein Mensch kommt ins Unglück, Jungfer,« sagte Seine Exzellenz, »ihr Vergnügen wollen sie alle.«

Jungfer Villadsen weinte weiter, ein wunderliches kurzes Glucksen erschütterte den verwachsenen Leib.

»Ja, das ist freilich wahr ... das ist freilich wahr,« sagte sie.

Und zum tausendsten Male begann sie dieselbe Geschichte und dieselbe Klage, die er kannte; er hatte sie vom ersten Tage an gehört, als sie im Hospital erschien und er, der es längst aufgegeben hatte, seine Kunst als Geburtshelfer auszuüben, jene Kunst, die ihn vor allem berühmt gemacht hatte, in einem plötzlichen Anfall seltsamer und unmotivierter Lustigkeit beschlossen hatte, daß er selbst, er, der Meister, ein letztes Mal den Erlöser spielen wollte – den Erlöser dieses elenden Geschöpfes, über das trotz alledem in einer Nacht im Tiergarten ein Mannsbild hergefallen war, so daß es einen Menschen hatte zur Welt bringen können.

»Ja, Villadsen,« sagte Seine Exzellenz, »das weiß ich.«

Jungfer Villadsen, die noch immer schluchzte, sagte:

»Ja ... Exzellenz wissen es ... Exzellenz wissen es ... Aber« (es kam wie ein Strom von Tränen) »man war ja doch ein Mensch.«

Ein plötzliches Lächeln ging über sein Gesicht, und mit einer Kraft, die dem einen Wort so viel Klang verlieh, als schleudere er einen Stein durch das hohe Gemach, rief er:

»Ja.«

»Der eingerichtet ist wie die andern,« sagte Jungfer Villadsen unter unaufhörlichem Schluchzen.

Einen Augenblick war es still, bis die Exzellenz von neuem den Blick auf die Kröte wandte.

»Und wo ist er?« fragte er.

»Er« war der Sohn der Jungfer.

»Ja, nun ist er ja seiner Frau fortgelaufen.«

»So.«

»Und seine Liebsten sucht er sich unter den Schlechtesten,« sagte Jungfer Villadsen.

»Wovon lebt er?« fragte die Exzellenz.

Jungfer Villadsen antwortete nicht, sondern schluchzte nur lauter, während die Exzellenz in plötzlichem Verstehen in Lachen ausbrach und in dem gleichen Tonfall wie vorher beim Ja sagte:

»Das ist auch ein Talent, Beste, und für den Besitzer ersprießlicher als die meisten andern.«

Die Jungfer, die ihn wohl nicht verstand, senkte den Kopf, so daß der Tirolerhut ihr Gesicht verbarg.

»Es ist eine Schande, es ist eine Schande,« schluchzte sie und duckte sich vornüber.

Die Exzellenz lachte noch immer.

»Ein Appetit ist's,« sagte er, »und ein Appetit kann so stark sein, daß auch er zum Erwerbszweig wird.«

Sein Lachen stockte, und indem er wieder mit dem Fuß ausschlug wie zu einem Tritt, setzte er hinzu:

»Und was konnte er denn auch anderes erben, Jungfer, als den Appetit?«

»Nein, Exzellenz, nein, Exzellenz,« murmelte die Villadsen, und sie zitterte und bebte am ganzen Leibe.

Er hatte seinen Stuhl wieder herumgedreht:

»Sie soll dasselbe brauchen wie gewöhnlich,« sagte er und schob zwei Zehnerscheine an den Rand des Schreibtisches. Jungfer Villadsen erhob sich und nahm sie. Sie nahm sie mit der äußersten Spitze ihrer Finger, und in einer Sekunde waren sie in ihrer Handfläche verschwunden.

Seine Exzellenz hob den Kopf.

»Und wo ist Sie selbst?« sagte er.

»Ja, man ist ja bei den Schwestern,« erwiderte die Jungfer, die bei jedem Satz gleichsam in die Erde sank.

»Ist es immer das gleiche bei den Schwestern?« fragte die Exzellenz, der die Villadsen ein paarmal bei den Schwestern aufgesucht hatte, wo sie ewig in einem Winkel saß, vor einer Wiege, als hätte einer sie dahingeschmissen.

Die Jungfer fing wieder ganz leise zu schnauben an:

»Ja, Exzellenz,« sagte sie, und ihr Schnauben wurde wieder zum Weinen, »es ist das gleiche.«

»Aber das ist wohl der Segen des Himmels.«

Und die Exzellenz sah ein letztes Mal auf den Krüppel, aus dessen Fleisch er ein Menschenkind herausgeschnitten hatte.

»Und des Menschen Wille,« sagte er.

Seine Stimme hatte sich plötzlich verändert, und mit einem Ruck reichte er die Hand hin und faßte die feuchtkalten Finger der Jungfer. – Seine Exzellenz reichte nur selten die Hand.

»Na, adieu, kleine Villadsen,« sagte er.

»Und vielen Dank, Exzellenz,« sagte sie und wollte ihm die Hand küssen. Doch er riß die Hand an sich, während er plötzlich bleich wurde.

»Adieu.«

Jungfer Villadsen war draußen und die Treppe hinunter, im Portal, wo der einbeinige Pförtner mit der Kriegsmedaille auf seiner Brust wartete. Er öffnete die Tür und versperrte dabei etwa drei Viertel mit dem Stelzfuß, dem Andenken an seine Aufopferung fürs Vaterland.

»Und vielen Dank,« sagte die Villadsen und drückte dem Vaterlandsverteidiger eine kleine Münze in die Hand, die er nicht verloren hatte.

»Guten Morgen,« sagte der Pförtner und stand stramm auf seinem Stelzfuß ...

Die Tür fiel ins Schloß.

Seine Exzellenz hatte nach Georg geklingelt.

»Den Wagen,« sagte er.

»Ja, Exzellenz.«

Der Vater trat ein. »Fährst du aus?« fragte er.

Aber die Exzellenz hörte es wohl nicht; denn plötzlich sagte er, noch im Stuhl sitzend:

»Was habe ich gesagt: es müßte hier in der Welt mehr Bestien geben, die ihre eigenen Jungen fressen.«

Der Vater lachte und sagte:

»Die Aussprüche Euer Exzellenz sind verbrecherisch.«

»Vielleicht, mein Junge,« und die Exzellenz stand auf, »die Wahrheit ist immer verbrecherisch, weil sie die Wahrheit ist« ...

Georg brachte den Rock, die Exzellenz aber sprach weiter – er sprach immer so viel, wenn er sich umkleidete, und niemand wußte, von welchem Zusammenhang aus.

»Beachte aber wohl, daß die menschliche Gerechtigkeit einäugig ist. Hätte sie zwei Augen zum Sehen, wir hätten nicht Zuchthäuser genug.«

Er fand in den Rockärmel hinein.

»Oder wir hätten gar keine.«

»Aber das Unglück ist, und das Unglück bleibt,« und er erregte sich immer mehr, »daß die Menschen, die nur eitle Narren sind, tun wollen, als herrschte Zucht unter den Tieren, die sie sind. Aber es herrscht keine Zucht, und es herrscht keine Ordnung auf ihren Paarungsplätzen ... Baut entweder mehr Zuchthäuser, oder reißt die ein, die vorhanden sind, das hätte wenigstens Sinn.«

Er hielt plötzlich inne.

»Schläft Ihre Gnaden?« sagte er.

»Ihre Gnaden sind wach, Exzellenz.«

»Gut.«

Seine Exzellenz wandte sich um und öffnete die Tür. Behutsam ging er durch die drei Gemächer in das Schlafzimmer Ihrer Gnaden, wo es dunkel war, so daß in dem Zwielicht nur das Bett mit seinem Samtbaldachin über den vier Säulen sich abhob.

»Wer ist da?« rief Ihre Gnaden.

»Ich,« sagte die Exzellenz, und mit gesenktem Kopf stand er in sonderbarer Haltung da – zärtlich oder furchtsam – vor dem Bett Ihrer Gnaden.

»Wie hast du geschlafen?« fragte er.

»Du hast lange rumort,« antwortete Ihre Gnaden, ohne ihren Blick von dem Baldachin zu entfernen.

»Wie gewöhnlich,« sagte er und küßte die Hand, die Ihre Gnaden aus den vielen Decken herausgeschält hatte.

»Und nun fahre ich,« sagte er.

Ihre Gnaden wandte sich plötzlich um, so daß er ihre grauen Augen durch das Dunkel sah:

»Was fährst du und holst dir die Gicht auf all den Treppen?«

Seine Exzellenz stand noch immer in derselben Stellung da, während Ihre Gnaden einen Moment zögerte, ehe sie sagte:

»Es wartet doch niemand auf dich.«

Vielleicht hörte er es nicht. Er neigte plötzlich in Hast den Kopf – fast scheu war die Bewegung – so weit nach vorn, daß seine Lippen die Stirn Ihrer Gnaden berührten.

»Adieu.«

»Adieu,« sagte Ihre Gnaden, die sich nicht gerührt hatte.

Und während die Exzellenz ging, blieb sie unbeweglich liegen, mit geschlossenen Augen, mitten in dem mächtigen Bett, wo im Dunkeln nur die Ringe an ihren Fingern schimmerten.

Der Vater öffnete vor Seiner Exzellenz die Tür nach dem Flur.

Der Blick des Vaters fiel auf die angekommenen Briefe, die auf der Konsole lagen, und mit einer plötzlichen Bewegung schob er sie schnell noch weiter auf die Konsole zurück.

Die Exzellenz hatte es gesehn.

»Ist Post da?« sagte er und bewegte eine Sekunde lang den Kopf.

Seine Exzellenz las die Post nie, bevor er nach Hause kam.

»Bleib drinnen,« sagte er und schlug die Tür vor dem Sohn zu. Georg folgte ihm, mit der Wagendecke überm Arm.

»Woher waren die Briefe?« sagte die Exzellenz plötzlich und drehte sich auf der Treppe um.

»Ich weiß nicht, Exzellenz.«

»Er weiß nichts.«

Im Portal hielt der Wagen, dessen Bock Kutscher Johann ausfüllte.

»Wie steht es mit den Pferden?« fragte die Exzellenz, wie ein Mann, der etwas sagt, um einen andern Gedanken von sich abzuwehren.

»Scheußlich,« erwiderte Johann trocken.

Mit den Pferden Seiner Exzellenz ging es immer scheußlich. Die Kutscher Seiner Exzellenz schnitten sie oft in die Kniesehnen, so daß sie vor dem Wagen hinkten, worauf sie Seine Exzellenz von der Untauglichkeit der Tiere überzeugten und sie mit angemessenem Vorteil verkauften, um dann neue einzukaufen, gleichfalls mit Vorteil.

»Aber was fehlt dem Gaul?« fragte die Exzellenz vom Wagentritt herunter.

»Der macht's nicht lange mehr,« war alles, was Johann antwortete, der sich der Exzellenz gegenüber nicht näher auf das Wohlbefinden der Vierfüßer einließ.

Seine Exzellenz war schon im Wagen, als eine glattrasierte Mannsperson sich im Portal zur Wagentür vordrängte, die Georg eben schließen wollte.

Er möchte gern Seine Exzellenz sprechen.

Die Exzellenz wollte die Wagentür zuschlagen, aber der Mann setzte von ungefähr den Ellbogen dazwischen:

»Ich hätte Seiner Exzellenz nur ein Wort zu sagen.«

»Was?«

Und die Exzellenz ließ die Wagentür fahren.

»Exzellenz wissen ja wohl, daß ich jene Angelegenheit mit Herrn Exzellenzens Sohn hatte.«

»Ja, ja.«

»Und nun wäre es ... Exzellenz wissen, daß Ihr Herr Sohn« ... Der Mensch hatte eine sehr höfliche Stimme – etwas eigentümlich Glattes haftete ihm an, das an einen hundertmal aufgebügelten Seidenhut erinnert – doch er hielt nach wie vor den Ellbogen zwischen die Tür.

»Was will Er?« rief die Exzellenz, und er schleuderte dem Mann, der die Tür losließ, ein paar Geldstücke hin.

»Fahr zu,« rief Seine Exzellenz.

Und der Wagen fuhr an dem Einbeinigen vorbei, der die Exzellenz und die Mannsperson nicht aus den Augen gelassen hatte, auf die Straße hinaus.

Exzellenz saß sehr aufrecht in seinem Wagen, während die Leute auf der Straße ihn lange und ehrerbietig grüßten.

Georg war hinaufgegangen. Im Halbdunkel des Entrees las er noch einmal die Aufschrift auf den angekommenen Briefen und schob sie wiederum langsam tief zurück auf die Konsole, ins Dunkle.

Ihre Gnaden klingelte, daß es durch das ganze Haus gellte.

Der Vater öffnete die Tür zu den Wohngemächern, wo das Stubenmädchen Arkadia, eine junge Dame in steifem Kattun und weißen Strümpfen, alle Fenster aufgerissen hatte und, in jeder Hand einen Teppichklopfer, auf die Sammetportieren losprügelte, daß der Staub sich in schmutzigen Wolken um das gestickte Wappen der Hvides ballte.

»Ihre Gnaden klingelt,« sagte der Vater, und schloß die Tür wieder, des Auges wegen. Jungfer Arkadia hatte die Angewohnheit, zu lüften, als lüfte sie ein Jahrhundert aus.

»Ja, Herr Hvide,« sagte Arkadia und prügelte weiter.

Bald machte sie sich mit den Türvorhängen zu schaffen, bald war sie an den Fenstern.

In den alten Weinkeller der Exzellenz war im vorigen Jahr ein Schiffsproviantierungsgeschäft eingezogen, mit einem Kontoristen und zwei Kommis, die sich während der Morgenstunden abwechselnd im Kellereingang aufhielten.

»Und wohnen die Leut
auch im Keller bloß,
ihre Gemütlichkeit,
die ist groß ...«

Jungfer Arkadia prügelte auf das Hvidesche Wappen los, während sie sang.

Ihre Gnaden klingelte immer noch.

»Guten Morgen,« tönte es vom Kellereingang herauf, von einem der drei Geschäftsleute. Arkadia war wieder an den Fenstern.

»Guten Morgen.«

»Viel zu tun?« fragte der Geschäftsmann.

Jungfer Arkadia schlug mit den beiden Teppichklopfern nach dem schwarzen Kommis in der Kelleröffnung.

»Man hat wohl mehr zu tun als Sie – glücklicherweise,« sagte sie.

Und weg war sie und klopfte wieder drauf los.

Plötzlich ertönte ein:

»Kaffee, Kaffee,« klingend durch das ganze Haus.

Es war die Mutter, die aus dem Bett heraus war und, im Nachtkleid, die Entreetür oben in der ersten Etage aufriß und ihr »Kaffee, Kaffee« hinunterrief:

Drinnen in seinem Zimmer, das neben dem der Mutter lag, hämmerte der Vater an die Tür:

»Stella, Stella,« rief er, »bedenk doch, wir sind nicht zu Hause.

Was sagen denn die fremden Menschen, die sonst noch hier wohnen?«

»Lieber Fritz, laß sie sagen.«

Die Mutter war wieder im Bett und schlug mit den Händen auf ihre Bettdecke:

»Wer kennt die Leute?« sagte sie.

Jungfer Arkadia hatte den Klopfer fahren lassen, sowie sie das »Kaffee« hörte, und lief, durch das Entree und das Eßzimmer und den Flur hinaus in die Küche.

»Die gnädige Frau haben gerufen,« sagte sie.

»Ja,« antwortete Sophie, die niemals ihr Tempo änderte, goß den Kaffee auf und sagte:

»Ihre Gnaden haben geklingelt.«

»Das Fräulein ist drinnen,« (›das Fräulein‹ war die Gesellschaftsdame) sagte Arkadia, und lief mit dem Kaffee.

»Da kann sie laufen,« sagte Sophie.

»Gott sei Dank,« rief die Mutter und machte sich über das Kaffeetablett her, das Arkadia auf die Bettdecke stellte.

»Hat Ihre Gnaden geklingelt?«

Das war in den Morgenstunden während des Besuchs bei den Schwiegereltern ihr ewiger Schrecken.

»Ja,« war Arkadias Antwort.

»Hängen Sie die Uhr auf,« sagte die Mutter, die aufgerichtet im Bett saß und die Schultern bei jedem Schluck, den sie aus der Tasse nahm, auf- und niederschob, während Arkadia die Uhr am Fußende des Bettes aufhängte.

»Halb elf,« sagte die Mutter entsetzt und gleich darauf:

»Liebe Arkadia, wie Sie geträllert haben auf der Treppe. Daß Sie so früh des Morgens singen können.«

Darüber wunderte sich die Mutter jeden Morgen.

»Und was sind das eigentlich für Lieder, die Sie singen? Ich kann die Melodien nicht behalten ... wie geht es doch?«

Sie versuchte selbst einen Vers, aber sie konnte ihn nicht.

»Will ein Weibchen ehelichen
einen Mann mit unbekanntem Lebenslauf,
unbekannten Fehlern, Schlichen,
und gern wüßte, was sie macht für einen Kauf –«

Arkadia verbesserte und sang, während sie mitten vor dem Bett stand.

»Ja, ja,« sagte die Mutter und sang mit – vor lauter Eifer zog sie die Beine ganz unter sich hinauf:

»Will ein Weibchen ehelichen
einen Mann mit unbekanntem Lebenslauf,
unbekannten Fehlern, Schlichen,
und gern wüßte, was sie macht für einen Kauf,
ob er flink ist, willig, treu, beständig,
ob er überall von rechter Form,
ob er nie der Tugend war abwendig,
wird ihn gerne untersuchen Line Worm.«

Sie sangen beide. Arkadia verbesserte, und die Mutter lachte, bis sie plötzlich auf die Uhr sah.

»Zehn Minuten vor elf,« sagte sie und jagte Arkadia hinaus.

Drinnen klopfte der Vater an seine Tür:

»Stella,« sagte er, »was für Lieder läßt du denn das Mädchen singen?«

»Lieber Fritz, das weiß ich wirklich nicht,« und lachend sagte sie:

»Sind es nicht die, die sie auf der Straße verkaufen?«

Einen Augenblick lag sie da. Dann sagte sie:

»Von wem sind Briefe gekommen?«

»Von Hans,« antwortete der Vater von drinnen.

»An deinen Vater?«

»Ja.«

Mutters Gesicht hatte sich plötzlich verändert, die weiße Hand strich das Haar aus der Stirn, und sie lag still da, ohne sich zu rühren.

Drinnen tönten die Schritte des Vaters.

»Fritz, was für ein Tag ist heut?«

»Freitag.«

»Nein, welches Datum.«

»Der achtundzwanzigste.«

Die Mutter rührte sich nicht.

Drinnen tönten die Schritte.

Unten hatte die Gesellschaftsdame angefangen, Ihre Gnaden anzukleiden. Das war ein wenig beschwerlich, weil Ihre Gnaden Gicht hatte.

»Achten Sie auf die Temperatur?« sagte Ihre Gnaden.

Ja, die Gesellschaftsdame achtete darauf.

Die Thermometer brachte man in den Wohnräumen einen Zoll über dem Teppich an, um Seiner Exzellenz täglich die Fußkälte zu demonstrieren.

»Wir haben sie ja aus dem Keller,« sagte Ihre Gnaden; »ich habe ja genug gebeten meinetwegen, liebes Kind, aber Hvide wollte den Laden haben, und ich mußte meinen Weinkeller hergeben.«

Die Gesellschaftsdame wußte es.

»Wieviel sind es?« fragte Ihre Gnaden.

»Dreizehn Grad.«

»Hm. Lassen Sie es so hängen, damit Hvide es sehen kann.«

Ihre Gnaden schob die Lippen vor, deren schöne Wölbung einst Herrn Lamartine begeistert hatte.

»Aber Hvide spürt es ja nicht,« sagte sie.

Von drinnen aus den Gemächern tönte ein Papageienschrei herüber.

Das war Poppe, der bei der steigenden Temperatur aufwachte und sein: »Fortuna fortis« durch alle Zimmer schrie.

»Decken Sie das Tier doch zu,« sagte Ihre Gnaden.

»Fortuna fortis,« schrie der Papagei, bis die Gesellschaftsdame das Bauer zugedeckt hatte und wieder zurückgekehrt war.

»Danke,« sagte Ihre Gnaden, und sie fügte hinzu:

»Das mit dem Vogel ist auch Hvides Idee.«

Sie waren in der Toilette bis zu den Haaren gekommen. Das Vorderhaar Ihrer Gnaden sollte gekräuselt und hoch aufgebauscht werden.

Ihre Gnaden, die, was den übrigen Körper betraf, mit den Jahren einigermaßen wasserscheu geworden war, ließ sich Gesicht und Hände sehr sorgfältig mit Cremes und Essenzen pflegen.

Im Speisezimmer saß Georg und ordnete Silberzeug. In dem großen, Halbdunkeln Zimmer hörte man keinen Laut außer dem leisen Klang des Silbers, wenn er Löffel neben Löffel legte – und Wappen gegen Wappen.

Sonst war alles still.

In der Küche schlich Sophie zwischen vielen Schüsseln umher, wie eine Kuhmagd, die bei der Arbeit ist.

Das Wasser in den Hähnen gurgelte mit einem Laut, der müdem Röcheln glich.

Hinten auf dem Rohrstuhl, bei der Bornholmer Uhr, saß Jungfer Arkadia und lächelte vergnügt den eigenen, weißen und vielversprechenden Unterbeinen zu. –

 

Der Wagen fuhr weiter, auf Kongens Nytorv zu, durch die Stadt. Die Trottoire waren schon voller Menschen, die im Morast, der alle Füße beschmutzte, in der Morgenkälte aneinander vorbeiliefen.

Die Exzellenz kannte niemanden. Er grüßte mit dem gleichen Nicken alle, die ihn kannten.

Zuweilen, wenn die Mutter mit ihm durch die Stadt fuhr, fragte sie, wenn jemand grüßte:

»Wer war das, Großpapa?«

»Kenne sie nicht,« antwortete er.

Aber es kam auch vor, daß Seine Exzellenz plötzlich ein Gesicht wiedererkannte und sagte, das sei der und der.

»Nein,« sagte die Mutter und lachte, »das muß doch der Sohn sein.«

»Hm. Na ja, jetzt sind's wohl die Söhne, die herumlaufen.

Und wieder saß er und sah über die Menschengesichter der Straße hin, die bleifarbigen Hände im Schoß gefaltet.

... Der Wagen rollte die Raadhussträde hinunter bis vor das Brahesche Palais. Der Pförtner, ein alter Weißbart in rotgestreifter Weste und blauen Hosen, riß das Tor auf und öffnete die Wagentür, noch ehe der erste Diener dazukam, der förmlich erschrak, als er die Exzellenz sah; er lief wieder die Treppe hinan, lief voraus, so schnell die zitternden Beine ihn trugen, hinauf ins erste Stockwerk, – so daß der Pförtner der Exzellenz aus dem Wagen helfen mußte.

»Ja,« sagte der Pförtner, »es geht wohl schlecht, Exzellenz ... Es ist wohl schlimmer geworden in der Nacht.

Es geht wohl schlecht, Exzellenz.«

Exzellenz, der nur das Wort schlecht hörte und glaubte, der Weißbart spreche von seinem Gichtknoten, sagte:

»So schmier Er sich ein mit dem Zeug, das ich Ihm gegeben habe;« und er ging durch die Glastür hinein.

Der Diener war davongerannt, durch zwei Zimmer, ins Wohnzimmer hinein, wo zwei junge Baronessen am Mitteltisch saßen.

»Der Konferenzrat ist da,« sagte er ganz außer Atem und nannte in seiner Aufregung Exzellenz bei dem alten Titel, den er so viele Jahre geführt hatte.

Die beiden Baronessen erschraken ebenso wie er, und sie riefen beide:

»Mutter, Mutter, Onkel Hvide ist da.«

Die Lehnsbaronin, die im Schlafrock war, kam in der Tür zum kleinen Speisezimmer zum Vorschein.

»Gott,« sagte sie, »und wir haben ihn nicht gerufen« – sie schlug die fleischigen Hände zusammen.

»Ich habe es ja gesagt.

Jetzt können wir's ja nicht sagen, wo wir jetzt den Professor gerufen haben.«

Sie hörten schon die stampfenden Tritte Seiner Exzellenz in dem vordersten Zimmer.

»Laßt mich,« sagte die Mutter und ging den beiden Töchtern voraus, um ihn zu empfangen.

»Aber lieber Onkel Hvide,« und die Baronessen umarmten ihn, »bist du's. Komm, ich sitze eben beim ersten Frühstück.«

»Danke,« sagte Seine Exzellenz, »ich will nichts haben.« Er küßte beide Töchter – Seine Exzellenz küßte alle jüngeren Frauen, die ihm in den Weg kamen, mit einer seltsamen leeren Gier.

»Ich esse nicht um diese Tageszeit.«

»Aber du kannst doch bei mir sitzen,« sagte sie und führte ihn in das Speisezimmer, wo auch die Töchter vor zwei leeren Tellern Platz nahmen.

Sie sprachen schnell, bald die eine und bald die andere, von Wind und Wetter, während keine wußte, was sie selbst sagte oder ob die Exzellenz zuhörte.

»Meinen Dank für die Einladung,« sagte er plötzlich, mitten in das Schwatzen hinein.

»Ja, wir dachten, vielleicht würdest du doch kommen. Wir wollten gern ein paar von den Alten bei uns sehen,« rief die Baronin, die fortwährend aß.

»Die Alten sind tot,« sagte Seine Exzellenz, und plötzlich fragte er:

»Wo ist Emmely?«

Die Baronin, die die ganze Zeit auf die Frage nach Emmely gewartet – denn die kranke Tochter war der Liebling der Exzellenz in der Familie – und bloß in ihrer Verwirrung weitergegessen hatte, sagte:

»Ja, Emmely ...«

»Ist ausgeritten,« fiel eine der Töchter ein.

»Mit Preben,« sagte die andere.

»Ich habe gesagt, sie darf nicht reiten,« sagte Seine Exzellenz.

»Und vor allem nicht mit Preben.«

Die Baronin, die noch verwirrter wurde, sagte:

»Ja, das hast du,« und plötzlich fing sie an, vom Hofe zu reden und von der Erbprinzessin, der sie gestern einen Besuch gemacht habe.

»Sie hält sich tapfer, Onkel Hvide.«

»Hm,« sagte Seine Exzellenz, »man braucht nicht von dreizehn Königen abzustammen, um einen Schürzenjäger zu heiraten und dem Pförtner das Haushaltungsbuch zu führen.«

Die Baronin griff das Thema Prinz Ferdinand auf und sagte:

»Ja, aber diese Liebe wurde trotzdem zum Lebensinhalt für sie.«

Ein Zucken ging über das Gesicht der Exzellenz.

»Lebensinhalt« – und er lachte – »ja, das ist Lebensinhalt, einen Mühlstein auf dem Rücken zu schleppen.«

Die Baronin wurde purpurrot in ihrem runden Gesicht – sie hatte an Seiner Exzellenz eigene Ehe gedacht, noch ehe sie ausgesprochen hatte – und keiner fand etwas zu sagen, als plötzlich Lärm ertönte, im Flur hinter dem Speisezimmer, von Türen, die auf- und zugeschlagen wurden, während man die Kammerjungfer rufen hörte.

Die Frau des Hauses erhob sich halb – die Röte ging in Blässe über – und mit einem Ruck setzte sie sich wieder.

»Ida, sieh, was los ist.«

Und die älteste Tochter lief.

»Was läuft sie?« sagte Seine Exzellenz, der tat, als habe er nichts gehört.

»Sie besorgt den Tee,« sagte die Baronin und sah in demselben Moment den Teekessel unmittelbar vor sich auf dem Kohlenbecken stehen.

Draußen liefen sie immer noch hin und her – Schritte hin und Schritte zurück.

»Was ist nur los?« flüsterte die Baronin und stand auf, mit dem Teekessel, der auf einmal in ihrer Hand zu zittern begann.

»Nein, bleib,« flüsterte sie der zweiten Tochter zu, die auch aufstehen wollte.

»Was ist das für Fleisch?« fragte Seine Exzellenz und stach mit einer Gabel, die er vom Teller der Baronin genommen hatte, hinüber in eine Schüssel, die mit rotem Ochsenfleisch gefüllt war.

»Das ist Ochsenfleisch, Onkel Hvide,« sagte die Tochter.

Seine Exzellenz, der an einem sonderbaren und beständigen Hunger litt und sich darum zu allen Zeiten über alle möglichen Speisen gleichsam herstürzte, die er nicht mehr verdauen konnte, hatte schon ein Stück verschluckt und nahm noch eins, mit derselben Hast – als die Tür aufgerissen wurde und Baronesse Ida hereingelaufen kam und rief: »Mutter,« atemlos, ohne zu denken, nicht an Seine Exzellenz und nicht an irgend etwas:

»Mutter.«

»Was ist?«

Die Baronin war aufgestanden und hatte kaum ein paar Schritte getan, als Baron Preben, Emmelys Verlobter, eintrat, ganz weiß im Gesicht, weiß bis tief unter den Bart – er ließ die Türen offenstehen und rief:

»Komm, komm, Emmely ...«

Und hielt inne beim Anblick Seiner Exzellenz.

»Du entschuldigst, Onkel Hvide,« sagte die Baronin, während ihr der Schweiß auf die Stirn getreten war; und sie ging mit Ida aus dem Zimmer, während die Tür ins Schloß fiel.

Eine Minute vielleicht war es still, nachdem Seine Exzellenz sich erhoben hatte.

Im Nu hatte er das alles verstanden: daß Emmely krank war, gefährlich krank; daß ein anderer gerufen, ein anderer zu Emmely gerufen war; daß man die Einladung zu Tisch hatte überbringen lassen, da sie wußten, daß er sie abschlägig beantworten würde – eine Einladung zu Tisch, damit er nichts erriete ...

Seine Exzellenz stand noch immer, während der Stuhl, auf den er sich stützte, unter dem Griff seiner Hand zitterte, als sei selbst das leblose Holz lebendig geworden vor seinem Zorn.

Dann sagte er, und seine Stimme klang ruhig:

»Seid ihr nach Hause gekommen?«

Baron Preben, der wie angewurzelt mitten im Zimmer stand – man hatte den Eindruck, daß er fallen würde, wenn man ihn mit dem Ellbogen anstieße –, sagte:

»Wer?« und sah die Exzellenz an mit Augen, die nichts sahen.

»Ihr,« sagte Seine Exzellenz, der immer noch auf den Stuhl gestützt dastand:

»Ihr wart doch ausgeritten.«

»Ja,« antwortete Preben, der nicht wußte, was er selber sagte.

Wiederum wurde es still, während die Uhr tickte, so seltsam sprunghaft, wie alte französische Uhren es tun.

»Dann grüße von mir,« sagte Seine Exzellenz, und es war, als schleudere er etwas weg, als er seinen Stuhl losließ.

Baronesse Ingeborg war aufgestanden.

»Gehst du,« sagte sie.

»ES ist Zeit,« erwiderte Seine Exzellenz, und allein ging er – denn Baronesse Ingeborg wagte ihm nicht zu folgen – durch die Zimmer hinaus.

Preben schlich sich hinein, wo die Mutter am Bett bei Emmely saß, die weiß war, wie das Weiße weiß ist, während ihre Brust hochging.

»Es tut so weh, ach, es tut so weh.«

»Ja, ja, kleine Emmely.«

»Es tut so weh.«

»Ja, ja, richt' dich ein bißchen auf, hörst du, richt' dich ein bißchen auf ...«

Die Kranke versuchte es, während Preben mit beiden Händen die Kante des Fußendes umfaßte. Aber Emmelys Kopf blieb auf dem Kissen liegen, machtlos, als sei er vom Körper getrennt.

»Nein, ich kann nicht ...

Nein, nein, es tut so weh.«

»So, so, nun kommt der Doktor.«

Die Baronin sprach fast einlullend wie zu einem zarten kleinen Kinde:

»Nun kommt der Doktor.«

Die Kranke schlummerte ein, die Brust ging auf und nieder.

Ida stand in der Ecke und weinte leise.

»Schläft sie?« flüsterte Preben.

»Ja.«

Ida hob den Kopf, hinten aus der Ecke sah sie auf das Gesicht der Schwester, und auf einmal begann sie, lautet zu weinen, und sie ergriff den Arm der Mutter:

»Mutter,« flüsterte sie, und die Tränen hatten plötzlich aufgehört, aus ihren Augen zu rinnen, während sie unausgesetzt die Schwester auf dem Kissen anstarrte.

»Wollen wir nicht Onkel Hvide fragen?«

Die Augen von Mutter und Tochter trafen sich eine Sekunde lang.

»Nein, nein,« sagte die Baronin so laut, daß sie die Schlummernde weckte.

»Wo ist Preben?« flüsterte Emmely.

»Hier.«

»Danke.«

Und sie schloß die Augen wieder.

... Die Exzellenz war hinabgegangen. Er stützte sich nicht. Fast aufrecht stand er in seinem Wagen, als er fortfuhr. Die Haustür fiel zu.

Der Pförtner, der mit dem Kutscher Johann geschwatzt hatte, kehrte zu seinem Keller zurück, wo er sich ans Fenster setzte, während seine Frau aus ihrer Küche hereinkam.

»Es war der Alte,« sagte er.

»Die Exzellenz?«

»Ja,« sagte der Pförtner, der die Hände gefaltet hatte.

Die Frau fiel fast auf den Stuhl hinten am Ofen nieder.

»Ach, Herr Gott, ach, Herr Gott,« sagte sie und fing an, in ihrem groben Gesicht mit den Händen herumzuwischen.

Ihr Mann hatte noch immer die Hände um seine spitzen Knie gefaltet.

»Ja,« sagte er und nickte, »er kann es sehen, ob es der Tod ist.«

»Sag nicht so was, Jakob,« sagte die Frau, die anfing zu meinen, als sei Baronesse Emmely bereits tot.

Und sie saßen beide still da, jeder auf seinem Stuhl, in dem großen, stillen Hause ...

Seine Exzellenz saß steil aufrecht in seinem Wagen, der rechte Arm ruhte in dem Armhalter, dessen wappengesticktes Band zitterte – so bebte er noch –, während jede Ader in dem weißen Gesicht sich straffte.

Er dachte an die Brahes, an diese Brahes; und alle die heimlichen Geschichten des Geschlechts, die sein ärztliches Wissen durch hundert Jahre bewahrte, wie sein Vater sie ihm vererbt hatte, der berühmt war und der Erste wie er selbst – sie loderten auf vor seinem weitsehenden Auge, in einem fürchterlichen Hunger, sich mit Rache zu sättigen.

Er stöhnte laut, wie er dasaß, unter dem Zwange des eigenen Zornes.

»Gewiß, ich kenne sie ...

Ob ich sie kenne.«

Aber plötzlich ballte er die Hände, und sein Blick schien einen Augenblick leer zu werden und das ganze Auge fast weiß: mit einer gewaltigen Willensanspannung schob er dem eigenen Gedanken etwas wie einen eisernen Riegel vor – und hatte ihn begraben.

Er wußte nichts mehr davon.

Er zog an der Wagenschnur, und Kutscher Johann hielt.

»Zu Frau Urne,« rief Seine Exzellenz, und der Wagen fuhr zurück durch die Stadt, über den Markt, die Bredgade hinab. Er rollte durch das Portal in das Schacksche Haus und hielt im Hofe, vor dem Gartenhaus.

Seine Exzellenz stieg aus. Die Tür hatte keine Klingel, sondern nur einen Türhammer, der sozusagen nicht mehr wollte.

Ein Mädchen machte auf.

»Ist jemand zu Haus?« fragte die Exzellenz.

»Ja, Exzellenz, die gnädige Frau kommt sofort.«

Er ging hinein in die zwei Zimmer, wo die Möbel aus der Zeit Christians VIII. so merkwürdig steif dastanden zwischen den Korbspalieren mit dem vielen Efeu. Vor den Fenstern sah man den Garten. Der Schnee gab dem Raum ein eigentümliches Licht, wie vom Schein eines aufgehängten Lakens.

Seine Exzellenz nahm Platz, über dem Sofa hingen mit Flor verhüllte Bilder und Säbel.

Er hörte Frau Urne nicht kommen, bevor sie dastand. Sie war groß und hager und ganz in Schwarz.

»Daß du heute an mich gedacht hast,« sagte sie und nahm seine beiden Hände.

»Mein Kind,« sagte die Exzellenz, »ich habe nicht mehr an so viel zu denken.«

»Du denkst an alle,« sagte sie und behielt seine Hände, während sie sich setzte.

»Oder an keinen,« sagte Seine Exzellenz.

Es war eine kleine Weile still. Frau Urne hatte wohl nicht gehört, was er gesagt hatte. Sie hatte die Augen erhoben und betrachtete das Bild ihres im Kriege gefallenen Mannes über dem Sofa.

»Es wird alles wieder aufgerissen an einem Tage wie diesem; und es ist, als müßte man es noch einmal erleben.«

»Ja,« sagte Seine Exzellenz, »er gab sein Leben hin.«

»Ja,« sagte sie, und plötzlich sprangen die Tränen aus ihren Augen hervor, während ein Schluchzen sie schüttelte.

»Und ich kann mich nicht einmal begnügen mit dem Gedanken an seine Tat ... Und die Erinnerungen, die man pflegt und mit Flor behängt – – das sind nicht die Erinnerungen, nach denen man sich sehnt.«

Seine Exzellenz legte seine Hand über die Lehne des Stuhls, auf dem Frau Urne saß.

»Je größer er war, mein Kind, desto mehr hat er dir wohl auch geben können ...

Und desto wilder ist das Entbehren.«

Bei dem Worte wilder trafen sich einen Moment ihre Augen, und ein Blutstrom schoß in das Gesicht der Witwe.

»Onkel Hvide,« sagte sie, »du siehst alles.

Aber ich schäme mich. Ich schäme mich vor meinen Kindern.«

»Schämst dich?« und seine Stimme war härter, »warum? glaubst du nicht, alle die andern, die allein sind, ›sehnen‹ sich ebenso?«

Frau Urne hatte ihren Kopf an den Stuhlrücken gelehnt und sah in die Luft hinaus.

»Warum lügen sie denn alle?«

»Sie lügen,« sagte er, »wie du lügst.«

Er schwieg eine Weile.

»Warum sie lügen?« sagte er. »Weil wir aufgezogen werden zu dem Glauben, daß wir etwas anderes sind, als wir sind. Und wenn wir uns dann selber entdecken, so glauben wir, die andern sind besser, und wir sind die schlimmsten

Aber wir sind uns gleich und haben denselben Körper.«

Frau Urnes Hände fielen in ihrem Schoß zusammen.

»Aber,« sagte sie, »daß wir so spät alt werden.«

Ein Lächeln glitt über das Gesicht Seiner Exzellenz.

»Ja,« sagte er, »spät oder nie.«

Sie saßen einen Augenblick schweigend. Dann fragte er: »Wie geht es deinen Söhnen?«

Frau Urne griff sich an den Kopf, wie um ihre Gedanken zu sammeln:

»Ja, du weißt doch, daß Christian nicht Offizier werden will.«

»So, ist das nun aufgegeben?«

»Ja, er will nicht ...«

»Hm, was will er denn?«

Frau Urne sagte:

»Er möchte Ingenieur werden.«

»Soso,« sagte Seine Exzellenz:

»Was soll ein Mechaniker hierzulande? Hier laufen wir die Landstraßen, die da sind.«

Frau Urne sagte und sah ihn nicht an:

»Er sagt, die Welt sei groß.«

Es wurde still. Die Uhr drinnen im vordersten Zimmer tickte mit einem wunderlichen Laut, als sei jede Minute etwas Berstendes.

»Und ich meine ... daß ... daß es so schwer ist ... daß es ist, als ob, als ob wir alle das verrieten, das, wofür er starb ...«

»Was denn?« fragte er.

»Da« Land,« sagte sie (sie wollte sagen das Vaterland, aber es wurde nur »das Land« daraus).

»Das Vaterland?« sagte Seine Exzellenz.

»Das wird verraten Tag für Tag und lebt von den Resten. Jeder sorgt für das Seine, und das Vaterland kann nehmen, was übrig bleibt.

Er,« und er hob die Hand auf zu dem Bilde des verstorbenen Generalstabsoffiziers, »starb auch nicht fürs Vaterland, sondern für seinen Glauben, den er verloren hatte ...«

Frau Urne hatte vielleicht nicht verstanden, oder ihre Gedanken waren bei den Söhnen geblieben, denn sie sagte:

»Aber wenn sie beide reisen, Wilhelm und Christian, dann ist gar kein Junger vom Geschlecht mehr im Lande.«

Hvide sah vor sich hin, und seine Stimme senkte sich:

»Ich denk« manchmal, Kind, daß wir alten Geschlechter vielleicht genug gesündigt haben ...«

Er stand auf.

»Laß nun die andern weiter sündigen.«

»Aber was nennst du Sünde, Onkel Hvide?«

Seine Exzellenz nahm die Hand fort, mit der er sich auf den Tisch gestützt hatte.

»Die Lüge ist die Sünde, und wir haben nicht die Schultern dazu gehabt, um sie zu durchbrechen.«

Frau Urne schauerte zusammen, als ob Kälte sie schüttelte.

»Onkel Hvide,« sagte sie und bewegte den Kopf einmal hin und her, als sei an ihrem Halse etwas, das ihr weh tat.

»Alle Altäre werden so leer ...«

Seine Exzellenz stand noch vor ihr, und er hob seine Hand.

»ES gibt keine Altäre, mein Kind, denn es gibt keine Götter. Wir sind –«

Er schwieg einen Moment, und sein Gesichtsausdruck wechselte:

»Die, die wir sind. Und wie geht es mit Wilhelm?« fragte er.

»Er« – und Frau Urne nahm sich wieder zusammen – »er wird so leicht erregt, weißt du ...«

»Ja,« sagte die Exzellenz, »ich weiß es. Das gehört zu seinem Alter.

Aber,« sagte er, »laß ihn seine Freiheit haben und schließ ihm die Tür nicht zu.

Adieu, mein Kind.«

»Adieu, Onkel Hvide – und vielen Dank, daß du gekommen bist.«

Sie begleitete ihn hinaus, und der Wagen setzte sich in Bewegung.

»Zu Konferenzrat Glud,« rief die Exzellenz, und der Wagen rollte noch einmal durch die Straßen, bis er vor dem Hause des Konferenzrats hielt, wo ein verwachsenes Männchen seinen Kopf zu einer kleinen Seitentür herausstreckte, bevor das Tor langsam aufgeschlossen wurde und der Wagen einfahren konnte.

Das Männchen stand an der Wagentür, aber Seine Exzellenz sah ihn nicht und sprach nicht mit ihm. Er war aus dem Wagen gestiegen und rüttelte an dem Schloß der Flurtür – an all den uralten Türen des Konferenzrats waren sonderbar neue Schlösser.

»Man kommt nicht hinein vor all den Einrichtungen,« rief Seine Exzellenz, und er ging die Treppe hinauf.

Er schellte, und ein Augenpaar erschien am Guckloch der Tür, ehe aufgeschlossen wurde.

»Ja, ich bin es,« sagte Seine Exzellenz und ging hinein.

»Immer gleich stattlich,« sagte er und sah auf die Hausdame, Fräulein Erichsen, die seit zwanzig Jahren dem Hause des Konferenzrats vorstand und hochbusig und taillenschlank geblieben war wie ein Mensch, der sich nicht aufopfert, sich vielmehr behauptet und sich pflegt und wartet.

»Wie steht es?«

»Die Hofjägermeisterin ist in der Stadt,« sagte Fräulein Erichsen.

»Deswegen komme ich,« sagte Seine Exzellenz und stieß mit seinem Stock selbst die Zimmertür auf.

»Ich mache es wie die Raben.«

Fräulein Erichsen sagte – aber man wußte nicht, ob sie verstanden hatte oder nicht –:

»Ja, dem Konferenzrat geht es schlecht.«

»Lassen Sie mich ihn sehn,« sagte Seine Exzellenz.

Fräulein Erichsen ging, und er blieb mitten in dem Zimmer stehen, das die verschlossenen Fensterläden halbdunkel machten, so daß die Umrisse der Möbel halbwegs verschwanden und von den Gemälden nur die breiten Rahmen zu sehen waren, die wie goldene Streifen auf den Rokokowänden lagen, deren Verzierungen wie die goldenen Adern eines großen Leibes hier und da aufblinkten.

Seine Exzellenz schritt mitten durch die Räume, wo es überall leer war, unter den Kronleuchtern hin, die, in Drillich eingebunden, schwer herniederhingen wie gefüllte Säcke.

Vor der hintersten Tür, die angelehnt war, blieb er stehen.

»Was will er hier,« erklang eine Stimme, die vor Zorn zischte in ihrer Lähmung, »was will er hier? Ich will ihn nicht sehen. Ich habe es Ihnen gesagt.«

»Herr Konferenzrat dürfen sich nicht aufregen,« sagte Fräulein Erichsen still, wie jemand, der die Macht hat.

»Bitte, Exzellenz,« sagte sie, und sie ging.

Seine Exzellenz blieb vor dem Konferenzrat stehen, der in seinen Stuhl hinter der herabgelassenen Gardine zurückkroch, als wolle er seinen Kopf voller Schwären verbergen.

»Du willst mich nicht sehen,« sagte Hvide.

»Es hat dich keiner geholt,« lallte der Konferenzrat mit seiner dicken Zunge.

»Ich hörte, es sei schlimmer geworden,« sagte Seine Exzellenz, der sich der herabgezogenen Gardine näherte.

»Laß die Gardine in Ruh,« sagte der Konferenzrat und hob die linke, mißgestaltete Hand.

»Ich muß sehen,« sagte die Exzellenz und rollte die Gardine auf, daß plötzlich das ganze Licht hereinfiel über den aufgeschwollenen Kopf des Konferenzrats, in dem, mitten in der Eiterung, das linke Auge herausstand, oder förmlich heraushing aus seiner Höhle, wie bei den mißgestalteten Tieren, die die Prähistorie unseres Erdballs kennt.

»Es geht dir nicht gut,« sagte Seine Exzellenz, der mitten im Licht stand.

Der Konferenzrat hob das rechte und gesunde Auge zu ihm auf, mit dem Blick eines Tieres, das die Stricke sich um seine Glieder winden fühlt.

»Mir geht es so wie immer,« sagte er mit ganz dicker Zunge.

Seine Exzellenz knüpfte die Gardinenschnüre in einen festen Knoten.

»Ja so,« sagte er.

Er nahm den Puls des Gelähmten und sah auf seine Uhr, ohne das Gesicht zu bewegen. Er sagte auch nichts, während er die Uhr wieder in die Tasche steckte und mit seinem eiskalten Daumen mit hartem Griff das Gesicht des Konferenzrats zu betasten begann, rings um das heraushängende, blinde Auge herum.

Der Konferenzrat rührte sich nicht, von den Fingern der Exzellenz wie von einem Nagel gezwungen.

»Tut es weh?« fragte Seine Exzellenz.

Der Konferenzrat, der vor Schmerz in seine gelähmte Zunge gebissen hatte – seine Zähne hatte er – antwortete nicht.

Seine Exzellenz ließ los.

»Und die Beine?« fragte er.

Der Konferenzrat, der fünfzehn Jahre jünger war als die Exzellenz und in der ruhmvollen Zeit des Familienarztes aufgewachsen war, wandte das gesunde Auge nicht vom Tisch fort, ehe nicht die Exzellenz sich bückte, als wolle er die Beine anfassen.

»Sie sind wie gewöhnlich,« lallte er.

»Kannst du noch zu deinem Geldschrank kommen?« sagte die Exzellenz und lachte, indem er auf den Krückstock wies, der an den Fensterrahmen gelehnt stand.

»Du machst also noch Geschäfte?«

Der Konferenzrat hob sein Auge zu ihm auf.

»Die, die nicht abgewickelt sind,« sagte er, »unter anderm deine.«

Ein plötzliches Jucken lief, ohne daß er selbst es wußte, über das Gesicht Seiner Exzellenz, ehe er, als habe er nichts gehört, sagte:

»Du solltest dich schonen.«

Und er fügte hinzu, während er fortwährend mit der einen Krücke gegen den Fensterrahmen schlug:

»Es ist Zeit.

Das kann ich dir sagen.«

Es war einen Augenblick ganz still, während Seine Exzellenz den Blick von dem Kranken weg in das Zimmer schweifen ließ, über den mächtigen Schreibtisch hin, wo nichts zu finden war außer dem ererbten Lederbeutel mit Kupfer und dem goldenen Schreibzeug, einer Erinnerung an das bekannte Wohltätigkeitswerk, das den Weg des Konferenzrats gekennzeichnet hatte – hin zu den Stühlen, die wie eine Wache längs der Wände standen, und den zwei Paneeltüren, die dicht beieinander waren.

»Ich tue, was ich will,« sagte der Konferenzrat, und seine Sprache war unter einer übermäßigen Anstrengung beinahe deutlich geworden.

Es klopfte an die eine Paneeltür – erst schwach, dann lauter.

»Kratzt er immer noch hier?« rief Seine Exzellenz, die es plötzlich hörte.

»Herein.«

Und die Tür ging auf, während eine Mannsperson bestürzt hereinkam. Er war lang und trug schwarze, verschliffene Kleider. Man dachte unwillkürlich, daß er nichts weiter an Körper besäße als seine bleichen Hände.

Dem Konferenzrat war es fast gelungen, sich zu erheben.

»Gehen Sie, gehen Sie – was wollen Sie ...?«

Und die Tür schloß sich wieder.

Die Exzellenz lachte und hatte den Griff der einen Krücke umfaßt.

»Also du wucherst noch? Also deine Säcke sind noch nicht gefüllt genug?«

Seine Exzellenz stieß mit der Krücke gegen den Tisch des Bankiers.

»Aber du nimmst dein Gold aus deinem eigenen Sarge, das will ich dir sagen.«

Der Konferenzrat war zum Stehen gekommen, auf seine Krücke und seinen rechten, gesunden Arm gestützt.

»Das geht dich nichts an,« sagte er, und fast seine ganze Stimme hatte er wieder.

Die Exzellenz betrachtete einen Moment das entstellte Gesicht, das springen zu wollen schien unter dem zuströmenden Blut.

»Nein,« sagte er und wandte sich ab.

»Und du,« rief der Kranke, der sich gewaltsam auf den Tisch stützte, »du bleibst von hier fort. Ich brauche Ole Hvide auch nicht mehr.«

Der Konferenzrat hatte den Vornamen betont, der einst im Klange des Namens Seiner Exzellenz gewesen war wie der Schnörkel unter einem Namenszug, und Seine Exzellenz wandte sich ab wie unter einem Stoß. Aber als er sprach, klang die Stimme ruhig.

»Wahrscheinlich hast du recht,« sagte er und preßte die Krücke, die er noch in der Hand hielt.

Und als fragte er nach dem Befinden eines Freundes, sagte er:

»Die Hofjägermeisterin ist doch hier?«

Das Auge des Konferenzrats wurde rot in dem Weißen, eine Sekunde lang hob er seine Krücke mit dem gesunden Arm, und der Arm zitterte ihm.

»Hüte dich,« sagte er, und er rief die Worte in einem Atemzuge hinaus, »daß nicht die, die dich beerben sollen, Tränen vergießen.«

Die Exzellenz hatte den Krückstock umfaßt, wie um sich zu wappnen gegen einen Schlag. Einen Moment erstarrte sein Gesicht. Dann war die Krücke geräuschvoll zu Boden gefallen, und er war gegangen.

Seine Exzellenz sah Fräulein Erichsen in dem mittelsten Zimmer von ihrem Stuhl aufstehen, und er sagte, als sie auf ihn zukam:

»Es geht ihm besser.«

Die Runzeln, die Fräulein Erichsens Gesicht bedeckten, wie die Gittermaske den Fechter schützt, zitterten einen Augenblick.

Dann sagte sie:

»Gott sei Dank.«

Und mit einem Lächeln, so unmerklich, daß es eben zu erraten war, sagte sie:

»Das finde ich ja auch, Exzellenz.«

»Grüßen Sie die Hofjägermeisterin, Erichsen,« sagte er nur.

Und er ging.

Fräulein Erichsen kehrte in die Zimmer zurück. Auf einmal lachte sie, kurz und hastig, mit einem Lachen, das nichts zu tun hatte mit ihrer Sprechstimme und das eine Sekunde lang die Runzeln ihres Gesichts zu verzerrten Falten verbog, die sie unwillkürlich mit den vom Golde schweren Fingern wieder glättete, bevor sie zum Konferenzrat hineinging.

Der Konferenzrat saß in seinem Stuhl, die Krücke in der Hand.

»Er soll nie mehr herein,« sagte er, und die Zunge schlug bei jedem Wort aus dem Munde.

»Es geschieht ja, wie Herr Konferenzrat wünschen,« sagte sie; und als sie ihm die Krücke aus der Hand nahm, fühlte sie, wie er noch bebte.

Sie betrachtete ihn von der Seite, wie er im Licht dasaß – und sie hatte genau denselben Blick in den Augen, wie Exzellenz ihn hatte, als er seine Uhr betrachtete, während er den Puls des Konferenzrats fühlte.

»Ziehen Sie die Gardine hinunter,« sagte der Konferenzrat, der das Licht empfand – oder ihren Blick – wie ein an den Händen gefesselter Mann einen Mückenschwarm.

»Erst die Decke, Herr Konferenzrat,« sagte sie und bückte sich, um das Plaid fester um seine Knie zu legen.

Dann richtete sie sich auf und löste den Knoten der Exzellenz. Sie behielt, während die Gardine herunterrollte, die weiße Schlinge in der Hand – um keinen Lärm zu machen.

Sie ging zurück an den Tisch und sagte:

»Es ist Freitag, Herr Konferenzrat.«

»Ja.«

Er zog die Schlüssel hervor, zog eine Schublade auf und öffnete einen eisernen Kasten darin. In dem Kasten lag Geldrolle an Geldrolle, in weißes Papier gewickelt. Da war nur Gold.

Der Konferenzrat nahm eine Rolle und wollte das Papier öffnen. Aber er konnte es nicht aufbekommen, und Fräulein Erichsen mußte ihm helfen, so daß die Goldstücke in seine flache Rechte flossen. Mit der gelähmten Linken machte er einen Versuch, als wolle er sie zählen, aber er vermochte es nicht. Da ließ er sie auf den Tisch fallen – sie fielen langsam, vielleicht weil seine Hand feucht war, Geldstück auf Geldstück.

»Es geht ja immer mehr drauf in der Woche, wenn die Hofjägermeisterin in der Stadt ist,« sagte Fräulein Erichsen, die die fallenden Goldmünzen verfolgte.

Sie hatte ihre auffallend weiße Hand auf den Tisch gelegt, sehr dicht neben die des Konferenzrats, um das Geld aufzunehmen. Der Konferenzrat richtete den Blick vom Golde fort, auf die Weiße der Hand.

»Ja,« sagte er und drückte plötzlich das Gold in die Hand des Fräuleins, die er ergriff.

»Jetzt sollten Herr Konferenzrat ruhen,« sagte Fräulein Erichsen und machte ihre Hand frei.

»Nein, lassen Sie Hansen hereinkommen.«

»Jetzt, Herr Konferenzrat?«

»Ja, es eilt.«

Fräulein Erichsen ging durch das Zimmer und öffnete die Paneeltür:

»Hansen,« rief sie und schloß die Tür wieder.

Sie blieb mitten im Zimmer stehen.

»Herr Konferenzrat sollten vorsichtig sein,« sagte sie – und man wußte nicht recht, ob sie seine Gesundheit meinte oder das Geschäft, das seiner wartete – und ging auf die große Tür zu.

»Das weiß ich.«

Fräulein Erichsen ging.

Hansen schlich sich zur Paneeltür herein. Er trug einen Haufen Papiere in der Hand.

Der Konferenzrat wandte ihm sein Auge zu.

»Ist es in Ordnung?« fragte er, und seine Stimme wurde auf einmal wieder deutlich, wie vorhin, als Seine Exzellenz; da war.

»Ja.«

»Alles?«

»Ja.«

Der Konferenzrat griff nach den Dokumenten.

»Lassen Sie mich sehen,« sagte er.

Sein sehendes Auge wurde größer, während seine gesunde Hand in den Papieren blätterte, die mit Gerichtssiegeln und Stempeln bedeckt waren.

»Ja, die Hypothekenbriefe sind hier,« sagte er.

Er behielt die Dokumente einen Augenblick in der Hand.

»Dann kann der Betrag abgeschickt werden,« sagte er.

Herr Hansen, der die ganze Zeit zwei Ellen vom Tisch entfernt stand, sagte:

»Herr Hans Hvide kommt selbst um zwei Uhr.«

Der Konferenzrat ließ seine Papiere los.

»Ist er hier?« sagte er, und seine Stimme wurde auf einmal wieder undeutlich.

»Er ist heute morgen gekommen.«

Herr Hansen fand, heute sei der Konferenzrat ganz elend, auch die rechte Hand zitterte ja dem Konferenzrat.

»Ich will ihn nicht sehen,« sagte der Konferenzrat.

»Bezahlen Sie das Geld aus, und lassen Sie ihn quittieren.«

»Sehr wohl, Herr Konferenzrat.«

»Aber dies da will ich kuwertiert haben,« sagte der Konferenzrat.

»Jetzt?«

»Ja,« sagte der Konferenzrat.

Herr Hansen ging und kehrte mit einer großen schwarzen Mappe zurück, die er vor den Konferenzrat hinlegte. Auf dem Einband stand, auf einem Etikett, der Name Hvide in schwarzer, steiler Schrift.

»Wo ist das Kuwert?«

»Hier, Herr Konferenzrat.«

»Legen Sie die hinein,« und der Konferenzrat zeigte auf die Papiere.

Herr Hansen tat es, während das Auge seines Herrn seinen Händen folgte.

»Holen Sie nun den Kandelaber.«

Herr Hansen holte den Kandelaber von der Konsole und zündete das eine Licht an. Er brachte auch Lack und das Petschaft.

»Gut.«

Der Konferenzrat hielt den roten Lack in das Licht, wo er hoch aufflammte, und ließ ihn auf das blaue Kuwert niederfallen. Ein paar rote Tropfen fielen auf den Tisch (ja, er zittert auch mit der rechten, dachte Herr Hansen), bevor ihm das Versiegeln gelang.

»Öffnen Sie die Mappe.«

Herr Hansen tat es.

Der Konferenzrat legte das Kuwert zu oberst auf die vielen Papiere in der Mappe. Seine Hand blieb einen Augenblick schwer auf dem großen Haufen liegen.

»Räumen Sie jetzt fort,« sagte er.

Herr Hansen räumte fort, alles, bis der Konferenzrat wieder vor seinem leeren Tisch saß.

»Rufen Sie das Fräulein herein,« sagte er.

»Ja, Herr Konferenzrat.«

Herr Hansen ging durch die große Tür, und Fräulein Erichsen kam herein.

»Die Kissen, Herr Konferenzrat?« fragte sie.

»Ja.«

Fräulein Erichsen legte sie behutsam dem Konferenzrat in den Rücken und unter den Kopf. Während sie es tat, sagte er:

»Die Sachen wären in Ordnung.«

»Sitzen Herr Konferenzrat nun gut?«

»Aber die Schillinge werden ihm nicht helfen,« fuhr der Konferenzrat fort, »dazu ist mehr nötig.

Das Loch ist zu tief. Es ist nicht genug. Dazu ist mehr nötig.«

Plötzlich versuchte der Konferenzrat zu lachen, mit einem Lachen, das wie der Schrei eines seltsamen Vogels klang.

»Um das Loch zuzustopfen,« sagte er, »muß Ole Hvide seinen steifen Rücken beugen.«

»Herr Konferenzrat behalten ja immer recht,« sagte Fräulein Erichsen und ging mit ihren behutsamen Schritten durch das Zimmer.

Der Konferenzrat war allein in seiner Stube.

Sein großer, unförmiger Kopf glich dem mißgestalteten Steinhaupt einer Sphinx.

 

Die Mutter war angekleidet. Sie hatte ihr Fenster der kalten, schneidenden Luft geöffnet.

Der Vater hatte es von seinem Zimmer aus gehört.

»Stella, deine Brust,« rief er.

»Fritz, man muß Luft haben.«

Und sie blieb stehen und sah hinaus in den schneeschweren Tag.

»Jetzt haben sie Englisch.«

Sie dachte an das »Weiße Haus« daheim und an die Kinder, deren Stundenplan und Tageslauf sie in Gedanken von Stunde zu Stunde verfolgte.

»Und das Kleinste kann nichts,« dachte sie, und sie lächelte. Sie hörte den Vater seine Tür öffnen und schließen und gehen.

Die Mutter sah zu den Wolken auf.

Wie schwer die Wolken heute waren, Hagelwolken, fast wie die Gewitterwolken, wenn sie zu Hause über ihrem Garten zusammenzogen.

Die Mutter erschauerte in dem kalten Luftzug, während sie drinnen im Zimmer des Vaters Arkadia mit ihren Gerätschaften rumoren und krachend die Fenster aufstoßen hörte.

Plötzlich sah die Mutter in den Hof hinaus und hinüber zu den Kellerfenstern im Flügel: Bald tauchte das eine, bald das andere Männergesicht am Kellerfenster auf.

Drei waren es.

Ein schwarzes und zwei blonde.

Und alle verdrehten sie die Augen und guckten nach oben.

Nun war es der Blonde.

»Ach so, es gilt nicht mir,« sagte die Mutter plötzlich ganz laut. Sie hatte Arkadia gesehen, die sich, nicht vier Ellen von ihr entfernt, weit aus dem Fenster des Vaters hinauslehnte.

Sie ging ein wenig vom Fenster zurück, während sie, in munterem Staunen, auf die Mannsfiguren hinuntersah, die alle abwechselnd zu einem und demselben weiblichen Wesen emporguckten.

Plötzlich hörte sie den Wagen Seiner Exzellenz im Portal und sah ihn in den Hof einrollen.

»Nein, Kinderchen,« sagte sie, »der Gaul hinkt wieder.«

Und sie lachte.

Johann war von seinem Bock heruntergestiegen. Der Einbeinige stand daneben und betrachtete die Pferde.

»Der macht's nicht lange mehr,« sagte er.

»Kann wohl sein,« sagte Johann und sah den Medaillenmann scharf an.

»Guten Morgen, Johann,« rief die Mutter von hoch oben aus ihrem Fenster.

Es klopfte an die Tür. Es war der Vater.

»Nun komme ich,« sagte die Mutter und ging hinaus.

Zusammen gingen sie die Treppe hinunter und hinein zu Seiner Exzellenz. Mitten in der Tür lachte die Mutter.

»Nein,« sagte sie, »ich werde niemals den menschlichen Appetit begreifen.«

Sie hatte auf einmal in Gedanken wieder den blonden Kopf am Kellerfenster auftauchen sehn.

Der Vater antwortete nicht, sein Gesicht blieb unbeweglich, und über Mutters Züge fiel plötzlich ein müder Schatten.

Seine Exzellenz öffnete seine Tür.

»Georg, die Briefe,« rief er.

»Guten Morgen, Kind,« sagte Seine Exzellenz, als er die Mutter sah, und seine Stimme bekam einen andern Klang.

»Guten Morgen, Grandpapa,« antwortete sie und bückte sich, während Seine Exzellenz sie mit den kalten Lippen auf die Stirn küßte.

Alle drei gingen sie in das vorderste Wohnzimmer, wo Ihre Gnaden in einer Moireemantille am mittleren Tisch saß.

Seine Exzellenz sah nach ihr hin – mit demselben fast ängstlichen Blick wie am Morgen. –

»Brahes lassen grüßen,« sagte er und bückte sich, um seine Lippen an ihr Haar zu führen.

Ihre Gnaden senkte schroff den Kopf.

»Guten Morgen,« sagte sie, während die Mutter ihr flüchtig die Hand küßte.

»Wieviel Grad haben wir hier?« fragte sie sehr laut.

Und die Gesellschaftsdame ging zu dem aufgehängten Thermometer, um die Temperatur abzulesen.

... Georg hatte auf dem Tisch Seiner Exzellenz die Briefe zurechtgelegt.

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