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Das gräfliche Milchgeschäft

Franziska zu Reventlow: Das gräfliche Milchgeschäft - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas allerjüngste Gericht
authorFranziska Gräfin zu Reventlow
year1989
publisherEulenspiegel Verlag
addressBerlin
isbn3-7833-7870-2
titleDas gräfliche Milchgeschäft
pages107-119
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Franziska Gräfin zu Reventlow

Das gräfliche Milchgeschäft

Raoul Lichtwitz kehrte von zweijährigem Aufenthalt aus Paris zurück.

Als der Zug langsam in die Halle des Münchener Centralbahnhofs einfuhr, lehnte er sich weit heraus, um dem zu seinem Empfang herbeigekommenen Freunde zuzuwinken. Dann stieg er aus, und die beiden schüttelten sich kräftig die Hand.

»Schön, daß du wieder da bist!«

»Und du bist immer noch der alte? Den Lodenmantel da kenne ich noch. Hast dich wenig verändert.«

»Ja, ja«, sagte Fritz Beier, »und du bist ja der reine jeune homme chic geworden – komm, laß uns gehen.«

Langsam bummelten sie durch die Stadt hin und hatten sich viel zu erzählen.

»Aber kehren wir ein, Fritz, ich bin müde.«

»Mir ist's recht, was meinst du zum Café Max – aus alter Erinnerung?«

»Du, existiert denn der alte Stammtisch noch von damals?«

»Gott bewahre, das ist alles längst auseinander, ich war seit Ewigkeiten nicht mehr drin. Habe keinen Schimmer, wer da jetzt verkehrt.«

»Na, dann laß uns nur mal wieder hineingehen und den Rummel anschauen.«

Erinnerungen wurden in dem Zurückgekehrten lebendig an die alte Bohème-Zeit.

Sie traten ein. Es war spät. Nur drei Gäste im Lokal. Der eine spielte mit dem Wirt Billard, der zweite saß mit der Kellnerin in einer verschwiegenen Ecke und der dritte gähnte gelangweilt hinter seiner Zeitung.

Sie setzten sich an den alten Stammtisch zu einem Absinth. Beiden wurde ganz wehmütig. Ja – damals!

Und dann fingen sie an, von den alten Zeiten zu sprechen. Raoul hatte viel zu fragen nach den einstigen Bekannten. »Ja, weißt du, es ist immer dasselbe vom Lied: Die Zigeunerei hört von selbst auf. Jeder kriegt's einmal satt und fängt an, zu streben und ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.«

Der »jeune homme chic« starrte in seinen Absinth, und verblaßte Bilder stiegen vor ihm auf.

»Was ist denn aus dem ›polnischen Hamlet‹ geworden? Denkst du noch, wie er dasaß und dozierte: Könnt ihr alle nicht verstehen, ›Hamlet‹?«

»Gott im Himmel, ja, und wie er uns wegen uns'rer Oberflächlichkeit heruntermachte. – Ich glaube, er hat jetzt die Fabrik seines Onkels übernommen und versorgt die Welt mit Seife, die er selbst nie brauchte.«

»Und seine Ophelia, die große Blonde?«

»Na, die ist ihm längst durch. Sie ist jetzt irgendwo in der Schweiz und macht Nihilismus. Na ja, diese norddeutschen Mädel, wenn die nach München kommen –«

»Damals war sie immer so unheimlich korrekt. Weißt du noch, wie wir sie damit aufzogen, daß sie in unsrer dekadenten Mitte immer noch den ›moralischen Maßkrug‹ hochhielt?«

»Ja, das hatte die Gräfin aufgebracht.«

»Gott ja, die Gräfin, was ist aus der geworden? Wo ist sie hingekommen? Ich seh' sie noch vor mir, wie sie abends hereinkam, wenn wir alle schon dasaßen. Heile Stiefel hatte sie nie an, aber dafür eine Reitgerte mit silbernem Griff, von der sie sich nie trennte. Die stammte noch aus ihrer Glanzzeit auf den väterlichen Gütern. Sie kam immer allein und meist sehr spät, und dann knallte sie mit ihrer Peitsche auf den Tisch. ›Donnerwetter, Kinder, jetzt muß ich zuallererst einen Nervenreiz haben!‹ – Du, Fritz, was weißt du von ihr? Erzähl doch, es interessiert mich.«

»Ja, ich weiß schon, du hast immer ein Faible für exzentrische Weiber gehabt, das kennt man. – Sie soll jetzt Schauerromane für die ›Illustrierte Gerichtszeitung‹ schreiben. Damals, als sie mit ihrem Milchgeschäft pleite gegangen war.«

»Milchgeschäft?«

»Naja, mit dem Milchgeschäft. Die Geschichte spielte doch noch zu deiner Zeit?«

»Keine Spur, was war denn damit?«

»Na, stell dir vor, das verrückte Frauenzimmer verfiel eines Tages auf die Idee, ein Milchgeschäft zu betreiben. Sie hatte es ja immer mit Erwerbszweigen zu tun.«

»Ja, ich weiß, damals wollte sie sich durchaus bei einer Akrobatengesellschaft von der Oktoberwiese engagieren lassen«, sagte der »jeune homme chic«. »Sie war ganz wild darauf, drei Abende lang hat sie mit allem jongliert, was ihr in die Hand kam, und verfluchte ihre Erzieher, die ihre Gelenke hatten einrosten lassen, wie sie sagte.«

»Gut«, fuhr der andere fort. »Das ging vorbei, aber die Idee mit dem Milchgeschäft saß fest. Wochenlang redete sie von nichts anderem. Dann schwieg sie wieder und kam überhaupt des Abends nicht her. Wie wir nachher erfuhren, war sie als Statistin am Hoftheater und verdiente allabendlich 58 Pfennige und morgens für die Proben 35. Davon lebte sie und legte ihr anderes Geld zurück. Dann kam sie nach einigen Monaten endlich wieder, abgerissener als je, aber sonst gar nicht wiederzuerkennen. Sie hat nicht gesungen, nicht gepfiffen, keinen unnötigen Lärm gemacht, sondern sich ganz stillbefriedigt herangesetzt und ihren Absinth getrunken. Und dann auf einmal emporgefahren und mit dem unvermeidlichen Fuchtelknochen auf den Tisch geschlagen: ›Kinder, ich hab's.‹

›Was hast du, was ist los‹, brüllten wir ganz gespannt, denn, wenn es auch immer Blödsinn war, was sie ›hatte‹, so war es doch wenigstens meist etwas Neues, und es lag eine Art Methode darin.

Diesmal waren wir gründlich überrascht. Sie hatte die Geschichte mit ihrem Milchgeschäft wirklich zustande gebracht.«

»Na, und wo hatte sie das Geld her?« fragte Raoul Lichtwitz gespannt, »die Ersparnisse werden doch schwerlich gereicht haben.«

»Gott bewahre, sie hat da die unglaublichsten Geschichten geleistet. Finanzoperationen waren ja immer ihre starke Seite, wie du dich erinnern wirst. Da ist sie bei allen ihren Bekannten herumgegangen, die noch so glücklich waren, silberne Löffel oder goldene Uhren zu besitzen und hat sich was zum Versetzen ausgeliehen –«

»Na hör mal –«

»Nun, du weißt doch selbst, wie das in uns'rer damaligen Gesellschaft war. Was man grad' nicht selbst versetzt hat, ist doch egal, ob's jemand anders versetzt. Man hilft sich eben aus. Und sie hat so überzeugend zu reden gewußt von momentaner Verlegenheit und den Leuten plausibel gemacht, daß ein Reklamelöffel mit der Inschrift: ›Trinkt Kath'reiners Malzkaffee‹ genau dieselben Dienste leistet wie ein silberner. Genug, sie bekam alles mögliche zusammen. Aber es reichte immer noch nicht. Dann ist sie auf die Anatomie gegangen zu dem alten Professor Rüdiger. Sie hatte mal irgendwo gehört, daß man seinen Leichnam schon bei Lebzeiten zur Sektion verkaufen könne. Das hat sie uns später alles selbst erzählt: wie der weißhaarige Alte, eben aus der Vorlesung gekommen, in Seziermantel und schwarzer Samtmütze, umringt von anatomischen Präparaten, vor einem ›auserlesenen Frühstück‹ saß, während sie ihm ihr Anliegen vortrug. Wie er dann ganz desperat gesagt hat, jetzt im Karneval käme halb München und wolle sich sezieren lassen, um das Geld zu verjubeln, und schließlich hat er ihr väterlich liebevoll die Backen getätschelt und gesagt: ›Nein, nein, mein Kind, daraus wird nichts. Jetzt sind Sie mir viel zu nett zum Sezieren, und später bekommen wir Sie ja doch erst als altes Mütterchen.‹«

»Die hat doch Schneid gehabt«, meinte Raoul voll Ekstase.

»Danke für Schneid«, sagte Fritz Beier. »Es war denn doch etwas reichlich. Sie hat ihm auch noch die Leichen von drei oder vier ihrer guten Bekannten angeboten. Am Ende hätte sie noch den ganzen Stammtisch zum Anatomie-Futter verkauft –«

»Weiter, weiter, jetzt wird's spannend.«

»Also, mit den Leichen war es nichts, aber sie hat das Geld doch schließlich zusammengebracht. Unter anderem hat sie eine ganze Anzahl Prachtwerke, Stuck-Album und alles mögliche auf Ratenzahlung genommen, und ehe die erste Rate gezahlt war unter der Hand zu etwas herabgesetzten Preisen wiederverkauft. Und was weiß ich noch. Vor allem hat sie aufgehört, Schulden zu bezahlen, was sonst ihre Hauptbeschäftigung war.

Der besagte Abend verlief übrigens sehr lustig. Die Komtesse fühlte sich Kapitalistin und ließ Sekt anfahren. Sie behauptete, sie brauche zwar heute keinen Nervenreiz, müsse aber doch einen haben. Was die anderen Gäste an dem Abend gedacht haben, weiß ich nicht. Das Café Max erbebte nur so von Hochs auf das ›Gräfliche Milchgeschäft‹.

In acht Tagen sollte die Geschichte eröffnet werden. Bis dahin hatte sie noch viel zu tun, aber sie kam wieder allabendlich und erzählte uns von den Schritten, die noch zu tun waren. Vormittags konferierte sie zwei Stunden lang im Café Elite mit dem Verwalter des Hausbesitzers, dem die Bude gehörte. Nachmittags fuhr sie in die Schillerstraße, um sich mit Herrn Humplmayr, dem damaligen Besitzer des Geschäftes zu besprechen. Dann machte sie einen Landmann ausfindig, der die Milch um dreizehn Pfennig pro Liter abließ. Auf diesen Erfolg war sie besonders stolz, sonst mußte man immer fünfzehn Pfennig zahlen. Die Zeit, die ihr übrigblieb, verwandte sie dazu, um sich die nötigen ›Kenntnisse in der Branche‹ zu erwerben.

Wir bekamen sogar Aufträge, ich hatte ein Schild mit einer Alpenlandschaft und Kühen zu malen, darunter die Inschrift: Milch- und Butterniederlage, ausgeübt von Gräfin von so und so. Erst sollte es Humplmayrs Nachfolger heißen, aber nach eingehender Beratung kamen wir überein, die ›Gräfin‹ würde besser ziehen. Der Maxl, der Bildhauer, du kennst ihn auch noch, mußte eine Kuh für die Fensterausschmückung modellieren, die mit dem Kopf wackeln konnte. Stilvolle Annoncen wurden komponiert, kurz, wir bekamen alle Hände voll zu tun und waren alle ganz Milchgeschäft.

Schließlich war der große Tag gekommen. Humplmayr hatte das Feld geräumt. Die Gräfin war mit ihrem ganzen Besitz, der aus Bett, Koffer, Staffelei und drei schwarzen Dackeln bestand, in die Schillerstraße übergesiedelt. Sie wollte selbst im Geschäft wohnen. Es mußte doch immer jemand da sein, und die zwei Zimmer nebst Küche mußten sowieso mitgemietet werden. Unsere Bande besorgte, wie das Usus war, bei Nacht und Nebel den Umzug. Das Schild wurde befestigt, es war ein Meisterwerk, das Beste, was ich jemals gemacht habe. Dann das Schaufenster dekoriert. Die Kuh, die der Maxl überraschend naturgetreu getroffen hatte, prangte höchst effektvoll zwischen Pyramiden von Käse und Semmeln.

Dann wurde Bier geholt und bei geschlossenen Läden das frohe Ereignis oder vielmehr die Aussicht auf die frohen Ereignisse gefeiert. Gegen ein Uhr wollte die Gräfin uns entlassen, sie war in Angst, daß sie sonst die Zeit verschlafen würde, sie müsse um vier Uhr in der Frühe am Platz sein. Sonst pflegte sie erst um elf Uhr aufzustehen. Wir machten sie darauf aufmerksam, daß es sich überhaupt nicht mehr verlohne, zu schlafen, und so zogen wir schließlich noch alle ins Luitpold. Sie war gar nicht wiederzuerkennen an dem Abend. Eine Art Feierlichkeit lag über ihrem Wesen. ›Ja, Kinder, jetzt fängt der Ernst des Lebens an‹, sagte sie mehrmals ganz ernst und weihevoll. Schließlich steckte sie uns alle an, und in banger, erwartungsvoller, beinahe andächtiger Stimmung brachen wir gegen drei Uhr auf und geleiteten sie unter Absingen von Chorälen – etwas bezecht waren wir alle – an die Stätte ihres demnächstigen Wirkens. Sie hatte keine Ruhe mehr gehabt zu bleiben, aus Furcht, es könne eingebrochen und das Inventar gestohlen werden.

Endlich standen wir vor der Ladentür. ›Verlaßt mich nicht in dieser Stunde‹, sagte sie ganz ergriffen, ›kommt mit herein. Ich mach euch einen Kaffee.‹

Wir saßen im Zimmer hinter dem Laden und erwarteten die schicksalsschwangere Morgenstunde. Die Dackel schliefen vor dem Ofen. Unsere Gastgeberin hatte sich in ihre zukünftige ›Millifrau-Uniform‹ geworfen, ein schlichtes schwarzes Kleid mit blendend weißer Schürze. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie komisch sich das ausnahm bei ihren kurzen Haaren. Sie schien das selbst zu fühlen, stand lange nachdenklich vor dem Spiegel und meinte, wenn dies Geschäft sich rentiere, werde sie sich eine Perücke mit geradem Scheitel und einladenden Zöpfen kaufen, das ganze müsse einen solid bürgerlichen Eindruck machen. Endlich schlug es vier, dann halb fünf. Etwas später rollte ein Wagen vor und ein scharfes Klingeln ertönte. Die Dackel fuhren mit einem wahren Mordsgebell in die Höh'. Die Komtesse wurde leichenblaß: ›Um Gottes willen, haltet die Köter fest und macht keinen Lärm.‹ Sie warf mir die Reitpeitsche in den Schoß, war hinaus und schlug die Tür zu.

Draußen hörten wir sie mit dem Kutscher verhandeln, dann eifriges Auf- und Abgehen im Laden, schweres Dröhnen von Gefäßen, Platschen, Klirren von Geldstücken und der Wagen rollte wieder fort. Sie kam wieder herein, ganz echauffiert: ›Die Milch ist da, nun müssen wir sie taufen. Wo mag nur die Wasserleitung sein?‹ Wir suchten, und schließlich entdeckte der Maxl sie auf dem Flur in einer dunklen Ecke. Dann saßen wir wieder atemlos in unsrer Hinterstube. Es kamen wirklich Kunden. Die Gräfin platschte, goß und klapperte mit ihren Milchgefäßen, als ob sie ihr Leben lang nichts anderes getan hätte. Ich muß wirklich sagen, an dem Morgen hat sie uns kolossal imponiert. Wir waren ganz baff vor Bewunderung über ihr routiniertes Auftreten. Wir hatten leise die Tür halb aufgemacht und sahen zu, wie sie mit den Leuten verhandelte. Die Arme hatte sie in die Seite gestemmt und sah ganz zunftmäßig aus. Die Kunden betrachteten sie etwas erstaunt und warfen dann und wann einen noch erstaunteren Blick nach unsrer Tür. Als der Laden einen Augenblick leer war, drehte sie sich um und wurde wütend, als sie uns sah. ›Um Gottes willen, ihr verjagt mir ja die Leute. So eine bezechte Bande im Hintergrund, das sieht unsolid aus. Geht lieber nach Haus, ich komme dann abends ins Max.‹

Eben kam wieder eine dicke Frau mit blauer Kanne. Die Tür flog zu. Die Dackel machten einen Mordsspektakel, wir fielen über die Cognacflasche her, und der Hamlet intonierte mit Donnerstimme: ›Hoch soll sie leben!‹ Dann machte sie aber Ernst und warf uns hinaus. Wir mußten einzeln fortgehen, um kein Aufsehen zu erregen. An dem Abend kam sie um halb elf ins Max. ›Das Geschäft geht brillant, aber müde bin ich zum Umfallen.‹ Sie strahlte, trank drei Tassen schwarzen Kaffee und stürzte wieder fort, um auszuruhen.

Acht Tage lang sahen wir nichts von ihr. Sie hatte sich unsere Besuche verbeten, ›um die dehors zu wahren‹. Dann kam eines Abends ein Dienstmann mit einem Brief. ›Kinder, bitte kommt auf einen Milchpunsch zu mir. Kommt möglichst vollzählig.‹

Wir erschienen in corpore und mußten circa zwanzig Liter nachgebliebene Milch in allen möglichen Gestalten vertilgen helfen. Die Komtesse machte einen ziemlich deprimierten Eindruck.

Sie zog mich beiseite und bat mich, die Inschrift auf dem Firmenschild in ›Humplmayrs Nachfolger‹ umzuändern. Sie glaube, die ›Gräfin‹ mache die Leute stutzig. Übrigens wollte sie jetzt noch einen Zeitungsverkauf und einen Schnapsausschank mit dem Milchgeschäft verbinden. Willy Stenzel, der Lithograph, der damals gerade keine Arbeit hatte, trat mit in das Geschäft ein. Er bekam dafür den Titel Kompagnon, und seine Tätigkeit bestand im Vertilgen der nachgebliebenen Milch. Der Schnapsausschank wurde unter Diskretion im Hinterzimmer betrieben, weil die Konzession zuviel kostete, und florierte ziemlich. Willy entwickelte ungeahntes Talent zum Kellner, und die blonde Luise Johannsen, die Ophelia aus Mecklenburg, mußte als Anziehungspunkt hinter dem Büfett sitzen und Buch führen. Wir andern erschienen gewissenhaft jeden Vormittag zum Milchfrühschoppen.

Das ging noch so vier Wochen, dann kam Neujahr.

Die Gräfin kam am Silvesterabend bleich und verstört ins Café. Ihr Vorgänger im Geschäft hatte ihr einen fürchterlichen Streich gespielt. Er hatte an der nächsten Straßenecke wieder einen Milchladen aufgetan und die Kunden von ihr abgezogen. Sie hatte vergessen, wie es üblich ist, die diesbezügliche Bedingung im Kaufkontrakt festzumachen. Den Milchbezug hatte sie jetzt schon von zweihundert auf hundert Liter herabsetzen müssen, es gingen höchstens fünfzig pro Tag ab, und unsere vereinten Kräfte hätten nicht vermocht, des Restes Herr zu werden. Willy Stenzel war von dem unausgesetzten Milchkonsum schon so dick geworden, daß sein Arzt ihm eine Entfettungskur anempfohlen hatte. Das ›Zweistundenweib‹ zum Austragen war längst abgeschafft, und die Komtesse lief morgens selbst treppauf, treppab mit Milchkannen, Semmeln und Zeitungen. ›Wenn ich nur einen Blick in meine Familiengruft tun könnte‹, sagte sie einmal ganz verzweifelt, ›um zu sehen, ob meine Ahnen noch auf der richtigen Seite liegen.‹

Die Schnapsproletarier waren noch ihre einzige Rettung. Sie wußte ihre Herzen zu gewinnen, indem sie sich zu ihnen setzte und mit ihnen Schnaps trank und jede Woche einmal ihren Namenstag kundgab, an dem sie die ganze Bande traktierte. Sie schickten ihr dafür ihre Frauen und Kinder zum Milchholen.

Wenn nur die Jahreswende erst überstanden war. Die Gräfin hatte alle ihre Gläubiger, und die sollen nach Legionen gezählt haben, auf das brillant gehende Geschäft vertröstet. Wir alle zitterten mit ihr.

Die ersten Januartage verliefen noch ruhig. Aber das konnte die allgemein gedrückte Stimmung nicht heben. Am 5. oder 6. Januar begann es Rechnungen zu regnen. Eines Tages vermißten wir die Dackel. ›Ich hab sie dem Schreiner gegeben, der mir den Ladentisch und die Regale gemacht hat‹, sagte sie fast mit Tränen in den Augen. ›Und dem Spengler hab ich sie auch versprochen, damit er einstweilen Ruh' gibt. Und dann war der Schnapslieferant da, dem bin ich an die 100 Mark schuldig. Der Kerl wollte mich denunzieren, weil ich ohne Konzession ausschenke, aber Willy und ich haben mit ihm gekneipt, bis er gerührt und versöhnlich abgezogen ist.‹

Wir versuchten sie zu trösten, aber es kam nicht recht von Herzen. Wir sahen ›la débâcle‹ herankommen und wußten nicht, wie man sie davor retten sollte.

Bald darauf kamen sie und Willy eines Abends ganz verstört zu uns. Die Komtesse war sichtlich nervös, sie warf die Reitpeitsche in die Ecke, pfiff den Dackeln, stieß dann einen tiefen Seufzer aus, als ihr einfiel, daß sie nicht mehr da waren. Dann setzte sie sich an den Tisch und sagte resigniert: ›Jetzt haben wir den Dalles, wir sind ruiniert!‹

Der Kompagnon sah rotbackig und geknickt zu ihr herüber und erzählte dann, daß der Buchhändler die Komtesse auf Betrug verklagt habe; sie hatte schon längst keine Raten mehr für die Prachtwerke gezahlt, und als er dann die Werke selbst zurückverlangte, mußte sie zugeben, sie verkauft zu haben. Nun würde sie brummen müssen, und wer sollte dann das Geschäft führen? Willy kannte sich in der ›Branche‹ nicht genügend aus, und die Ophelia war zu faul. Heute schlief sie seit 24 Stunden, weil sie gestern in der Schnapskantine hat ausschenken müssen. Morgen sollte ihr gekündigt werden. Die ganze Tafelrunde war mit niedergeschmettert.«

Fritz Beier machte eine lange Pause und bestellte 2 Melanges.

»Nun und?« fragte Lichtwitz, während er in seinem Glase rührte.

»Ja, damit war die Geschichte eigentlich zu Ende. Der Krach war nicht mehr aufzuhalten. Es gingen noch ein paar Wochen hin, während denen sie unaufhörlich vor Gericht zitiert wurde. Der Schnapslieferant hatte sie sofort denunziert, nachdem er seinen Rausch ausgeschlafen, und die Schnapskantine wurde polizeilich aufgehoben. Ein paarmal hatten wir uns allesamt wegen nächtlicher Ruhestörung zu verantworten, denn weil keine Kunden mehr kamen, saßen wir schließlich Tag und Nacht im Laden und tranken Milchpunsch, um sie wenigstens noch etwas aufzuheitern. Willy war ganz verzweifelt. Die Komtesse tröstete sich noch damit, daß man vielleicht noch mit Vorteil betrügerischen Bankrott machen könne. Der Maxl hatte ein Pleitelied komponiert, das den ganzen Tag gesungen wurde. Ich sage dir, die Nachbarn standen oft scharenweise vor der Tür und vor den Fenstern und hörten dem Radau zu. Schließlich wurde eines Tages das Inventar gepfändet und die Bude bis auf weiteres geschlossen.«

»Und sie, die Gräfin, was tat sie nachher?«

»Was sollte sie tun? An dem Abend, wie das geschehen war, waren wir natürlich wieder hier, und sie kam auch, schlug einmal wieder mit der Reitgerte auf den Tisch, was sie schon lange nicht mehr getan hatte, und verlangte einen Nervenreiz nach dem andern. Sie schien ganz aufgekratzt, aber wir wußten schon, daß sie nur so tat, die Geschichte war ihr doch sehr nahe gegangen. Als wir aufbrechen wollten, sagte sie: ›Na, Kinder, mich werdet ihr nicht so bald wieder sehen. Ich gehe ins Ausland. Sonst kann ich den ganzen Rest meiner kostbaren Jugendzeit hinter Schloß und Riegel sitzen. Ich habe einen ganzen Stoß von Vorladungen und Anklagen, die lasse ich euch zum Andenken da. Und meine Ahnen würden sich gar zuviel im Grabe umdrehen müssen, dazu habe ich doch noch zuviel Pietät. Ich gehe lieber fort.‹«

»Ist sie denn wirklich ins Ausland?«

»Wenigstens war sie fort. Sie soll damals irgendwo hier in der Nähe aufs Land gegangen sein, und die Münchener Polizei hat sie nicht ausfindig gemacht. Sie schrieb nie und ließ nichts von sich hören, um jede Spur zu verwischen. Man hörte nur hier und da noch irgendwelche Gerüchte über sie.«

»Schade«, sagte der »jeune homme chic«, »ich hätte sie doch gerne einmal wiedergesehen.«

»Wer weiß«, antwortete Fritz Beier tiefsinnig, »solche Existenzen tauchen immer mal wieder auf. – Zahlen –«








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