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Das Grab des Tut-ench-Amun

Howard Carter: Das Grab des Tut-ench-Amun - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorHoward Carter
titleDas Grab des Tut-ench-Amun
publisherF. A. Brockhaus
year1950
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150324
projectideedab8ba
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Das Öffnen der versiegelten Tür

Mitte Februar war unsere Arbeit in der Vorkammer beendet. Mit Ausnahme der beiden wachehaltenden Statuen war alles in das Laboratorium gebracht worden. Jeder Zoll des Bodens war gekehrt und nach der letzten Perle durchsiebt worden. Die Vorkammer war nun vollständig ausgeräumt und leer. Endlich waren wir soweit, das Geheimnis der versiegelten Tür zu lösen.

In der Vorkammer war alles vorbereitet. Um die Statuen zu schützen, hatten wir sie mit Brettern verkleidet. Zwischen ihnen hatten wir eine kleine Plattform errichtet, um an den oberen Teil der versiegelten Tür reichen zu können; denn wir hatten uns entschlossen, von oben nach unten zu arbeiten, weil es der sicherste Weg war. In geringer Entfernung hinter der Plattform war eine Schranke, und hinter ihr hatten wir Stühle für die Zuschauer aufgestellt.

Zuerst suchte ich den hölzernen Querbalken über der Tür, brach dann den Mörtel sehr vorsichtig ab und nahm die kleinen, die oberste Schicht bildenden Steine heraus. Die Versuchung, jeden Augenblick innezuhalten und hineinzuschauen, war unbezwinglich! Nachdem ich, nach ungefähr zehn Minuten, ein Loch gemacht hatte, das groß genug war, führte ich eine kleine elektrische Lampe hindurch. Staunenerregendes enthüllte ihr Licht! Kaum ein Meter von der Tür entfernt, stand dort etwas, was sich so weit wie man nur sehen konnte erstreckte und den Eingang in die Kammer versperrte. Allem Anschein nach war es eine Mauer aus massivem Gold! Für den Augenblick wußten wir nicht, welche Bewandtnis es mit dieser Mauer habe. Ich fing deshalb an, das Loch so schnell zu erweitern, wie ich es nur wagen konnte. (Abb. 29.)

siehe Bildunterschrift

29. Abtragen der Tür zur Sargkammer.
Links Mace, rechts Carter.

Nach Entfernung einiger weniger Steine war das Geheimnis der goldenen Mauer gelöst. Wir waren am Eingang der Sargkammer des Königs! Was uns den Weg versperrte war die Wand eines riesigen Schreines, erbaut, um den Sarg zu decken und zu schützen. (Abb. 30.) Jetzt konnten auch die Zuschauer in der Vorkammer diesen Schrein im Schein der Lampen sehen. Zwei Stunden schwerer Arbeit brauchten wir, um die versiegelte Tür oder wenigstens so viel davon, als für den Augenblick nötig war, niederzureißen. Nahe am unteren Ende mußten wir mit der Arbeit für eine Weile innehalten, um die zerstreuten Perlen einer Halskette zu sammeln, die die Plünderer aus der inneren Kammer geholt und auf der Schwelle hatten fallen lassen. Das war eine schwere Geduldsprobe für uns, denn es ging langsam, und wir waren alle äußerst gespannt auf das, was sich in der Sargkammer befinden mochte. Aber endlich war auch diese Arbeit erledigt, die letzten Steine wurden entfernt, und der Weg in die innerste Kammer lag offen vor uns.

siehe Bildunterschrift

30. Blick durch die teilweise abgetragene Tür der Sargkammer auf den goldenen Schrein.

Während wir die Steine der versiegelten Tür forträumten, hatten wir bereits bemerkt, daß der Boden der Sargkammer über ein Meter tiefer als der der Vorkammer lag. Da sich zwischen Tür und Schrein nur wenig Raum befand, war es also keineswegs leicht, die Sargkammer zu betreten. Zum Glück war dieser Teil der Kammer frei von Fundstücken. Ich konnte mich deshalb hinablassen und rückte mit der Lampe in der Hand vorsichtig bis an die Ecke des Schreines vor und schaute dahinter. An der Ecke versperrten zwei schöne Alabastergefäße den Weg; aber ich sah, daß wir ungehindert bis an das Ende der Kammer gelangen konnten, wenn diese entfernt wurden. Ich nahm sie daher weg, nachdem ich sorgfältig die Stelle, an der sie standen, bezeichnet hatte und reichte sie rückwärts in die Vorkammer. Lord Carnarvon und Lacau, der Generaldirektor der ägyptischen Altertümerverwaltung, folgten mir jetzt. Wir tasteten uns vorsichtig in dem engen Gang zwischen Schrein und Mauer entlang und ließen den Draht unserer Lampe nachlaufen.

Es war ohne allen Zweifel die Sargkammer, in der wir standen. Vor uns türmte sich einer der großen vergoldeten Schreine auf, unter die die Könige gelegt wurden. (Abb. 31.) So ungeheuer war dieses Bauwerk, daß es fast die ganze Kammer ausfüllte; nur ein Zwischenraum von ungefähr 65 Zentimeter trennte es an allen vier Seiten von den Wänden, während sein Dach fast bis zur Decke reichte.

siehe Bildunterschrift

31. Der erste, äußerste Schrein.
5,20 m lang; 3,25 m breit; 2,75 m hoch. 5,5 cm dicke Eichenbretter, mit Stuck überzogen und vergoldet. Die Wände mit leuchtend blauer Fayence ausgelegt.

siehe Bildunterschrift

32. Gang zwischen dem ersten Schrein und der Nordwand.
Am Boden die zehn magischen Ruder.

Von oben bis unten war es mit Gold überzogen, und in seine Seiten waren Füllungen aus leuchtend blauer Fayence eingelassen, auf denen wieder und wieder die Zauberzeichen dargestellt waren, die ihm Stärke und Sicherheit verleihen sollten. Auf dem Boden rund um den Schrein standen Totengaben, und an der Nordseite fanden sich die zehn magischen Ruder, die der König brauchte, um sich über die Gewässer der Unterwelt fahren zu lassen. (Abb. 32.) Die Wände der Kammer waren, ungleich denen der Vorkammer, mit bunten Darstellungen und Inschriften in leuchtenden Farben, aber anscheinend etwas flüchtig in der Ausführung geschmückt. (Abb. 35.)

siehe Bildunterschrift

33. Verpackung der Wächterstatuen.

siehe Bildunterschrift

34. Ein Teil vom Dach des ersten Schreins wird in die Vorkammer geschafft.

siehe Bildunterschrift

35. Wandmalereien auf der Nordwand der Sargkammer.
Das Dach des ersten Schreins ist entfernt, das leinene Bahrtuch auf den Holzstützen über dem zweiten Schrein sichtbar. Im Hintergrund die oberen Teile der Wandmalereien, die Tut-ench-Amun bei religiösen Handlungen nach seinem Tode darstellen. Ganz links Szenen aus einem Buche über die Unterwelt.

Für den Augenblick war unser einziger Gedanke nur der Schrein und seine Unversehrtheit. Waren die Diebe in ihn eingedrungen, und hatten sie die Grabstätte des Königs erbrochen? An der Ostseite waren die großen Flügeltüren verschlossen und verriegelt, aber nicht versiegelt. Sie mußten uns die Frage beantworten! Eilig zogen wir die Querriegel zurück und schlugen die Türen auf. Im Innern befand sich ein zweiter Schrein mit ähnlich verriegelten Türen, und auf diesen Riegeln befand sich ein unversehrtes Siegel! Wir beschlossen, die Siegel nicht zu erbrechen, denn unsere Zweifel waren behoben, und wir konnten nicht weiter vordringen, ohne das Denkmal zu gefährden. In diesem Augenblick wünschten wir gar nicht, das Siegel zu lösen, denn schon beim Öffnen der Türen fühlten wir uns als Eindringlinge. Dieses Gefühl wurde vielleicht durch den ergreifenden Eindruck eines mit goldenen Rosetten verzierten leinenen Bahrtuches verstärkt, das über den inneren Schrein herabhing. Wir fühlten, daß wir in Gegenwart des toten Königs waren und ihm Ehrfurcht erweisen mußten. In unserer Phantasie konnten wir die Türen der nachfolgenden Schreine sich eine nach der andern öffnen sehen, bis der allerinnerste den König selbst enthüllte. Sorgfältig und so leise wie möglich schlossen wir die große Flügeltür und schritten weiter zum andern Ende der Kammer.

Dort erwartete uns eine Überraschung, denn eine niedrige Tür gewährte Einlaß zu einer weiteren Kammer, die kleiner als die anderen und nicht so hoch war. Dieser Durchgang war weder verschlossen noch versiegelt. Ein einziger Blick genügte, uns zu zeigen, daß sich hier die größten Schätze des Grabes befanden. Dem Eingang gegenüber stand das schönste Denkmal, das ich jemals gesehen habe. (Abb. 77.) In seiner Mitte befand sich ein großer schreinartiger Kasten, der ganz und gar mit Gold überzogen und oben von einer Hohlkehle aus Uräusschlangen abgeschlossen war. Ihn umgaben die vier Schutzgöttinnen der Toten, anmutige Gestalten mit schützend ausgebreiteten Armen, so natürlich und lebendig in ihrer Haltung, so voll Mitgefühl und Erbarmen im Ausdruck ihrer Gesichter, daß man das Anschauen fast als Entweihung empfand. Jede schützte den Schrein an einer Seite. Während aber zwei ihren Blick fest auf das ihrer Obhut Anvertraute gerichtet hielten, schauten die beiden andern mit einem Ausdruck ergreifender Natürlichkeit über die Schultern nach dem Eingang, als ob sie gegen eine Überraschung Wache hielten.

siehe Bildunterschrift

77. Ostwand der Schatzkammer.
Mit der Kapelle, die den Alabasterschrein für die Eingeweide enthielt. 1,95m hoch; 1,50m lang; 1,20m breit. Zwei der vier Schutzgöttinnen sind sichtbar.

Noch eine Anzahl anderer wunderbarer Sachen befand sich in der Kammer. Aber damals wurde es uns schwer, sie genauer anzusehen, so unwiderstehlich wurden unsere Augen wieder und wieder von den lieblichen kleinen Göttinnen angezogen. Unmittelbar vor dem Eingang lag der Schakalgott Anubis auf seinem Schrein und hinter ihm der Kopf eines Stieres – beides Sinnbilder der Unterwelt. (Abb. 72.)

siehe Bildunterschrift

72. Eingang zur Schatzkammer.
Vom schakalgestaltigen Gott Anubis bewacht.

An der Südwand standen viele schwarze Schreine und Kasten und an der Rückwand schreinartige Kasten und Miniatursärge aus vergoldetem Holz. (Abb. 74.)

siehe Bildunterschrift

74. Südwand der Schatzkammer.
Rechts Westwand mit Eingang.

In der Mitte der Kammer glänzte eine Reihe prächtiger Kasten aus Elfenbein und Holz, mit Gold und blauer Fayence verziert; einer, dessen Deckel wir aufhoben, enthielt einen herrlichen Fächer aus Straußenfedern mit elfenbeinernem Griff, so frisch und fest, als ob er gerade angefertigt worden wäre. (Abb. 86.) In der Kammer verstreut befand sich eine Anzahl Schiffsmodelle, vollständig mit Segeln und Tauwerk versehen, und an der Nordseite noch ein Wagen. (Abb. 73.)

siehe Bildunterschrift

73. Nordwand der Schatzkammer.
Im Hintergrund die Ostwand mit der Kapelle.

Das war nach einem schnellen Überblick der Inhalt der Schatzkammer. Wir suchten ängstlich nach Anzeichen von Plünderung, aber es waren keine zu sehen. Die Diebe können höchstens zwei oder drei Kasten geöffnet haben.

Wieviel Zeit wir zu diesem ersten Überblick brauchten, vermag ich nicht zu sagen, aber sie muß denen endlos erschienen sein, die in der Vorkammer harrten. Nicht mehr als drei konnten mit Sicherheit eingelassen werden, und nachdem Lord Carnarvon und Lacau herausgekommen waren, gingen die andern paarweise hinein: zuerst Lady Evelyn Herbert, als einzige anwesende Dame, mit Sir William Garstin, und dann nacheinander die übrigen. Es war interessant zu beobachten, wie sie einer nach dem andern in der Vorkammertür wieder auftauchten. Allen glänzten die Augen, und alle nacheinander erhoben ihre Hände, wie in unbewußter Unfähigkeit, mit Worten die Wunder zu beschreiben, die sie sahen. Es war ein Erlebnis, das keiner vergessen kann; denn in unserer Phantasie waren wir bei den Bestattungsfeierlichkeiten eines längst verstorbenen Königs zugegen gewesen. Ein Viertel nach zwei Uhr waren wir in das Grab hinuntergestiegen, und als wir drei Stunden später erhitzt, staubig und ermüdet wieder in das Tageslicht traten, erschien uns das »Tal« verändert und in einem besonderen Licht. Uns war die Freiheit wiedergegeben.

Plan des Grabes

Einer der nächsten Tage war für die Besichtigung des Grabes durch die Ägyptologen festgesetzt worden, und zum Glück konnten die meisten anwesend sein, die sich im Land befanden. Eine Woche später wurde das Grab geschlossen und noch einmal zugeschüttet.

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