Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Ganghofer >

Das Gotteslehen

Ludwig Ganghofer: Das Gotteslehen - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/ganghofe/gottesle/gottesle.xml
typefiction
authorLudwig Ganghofer
titleDas Gotteslehen
publisherBertelsmann Lesering
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080908
projectid1267c8dc
Schließen

Navigation:

2

Im sinkenden Dunkel stieg der junge Jäger, der das Wams eines Toten trug, durch den Wald empor. In treibender Unruh klomm er aufwärts, wie einer, dem irrende Gedanken den Schritt beflügeln. Nur einmal hielt er inne. Der verwehte Laut einer Stimme hatte ihn aus seinem Sinnen geweckt.

Tief unter ihm, wo in der Dämmerung noch matt erkennbar eine Lichtung zwischen den Bäumen schimmerte, dort mußte das Gotteslehen liegen. Er hörte das Poltern des Balkens, mit dem das Hoftor geschlossen wurde, hörte das an Wolfsgeheul erinnernde Gebell eines Hundes, das heitere Lachen einer Magd. Nun kurze Stille. Dann wieder jenes jauchzende Lied:

»Huliadei!
Sei willkommen, süßer Mai!«

Die Stimme dämpfte sich und erlosch, als wäre die junge Sängerin ins Haus getreten.

Eine Weile stand er noch und lauschte. Als er zögernd weiterschritt, summte er die Weise vor sich hin. Er kannte das Lied. Wie lange war es her, seit er den süßen Klang zum erstenmal gehört hatte? Zehn Jahre? Oder länger noch? Er sann. Und jählings tauchte die Erinnerung in ihm auf. Eine weite, weiße Halle, an deren Mauern Waffen und Geweihe hingen, erhellt vom zuckenden Lichtschein der Wachspfannen. Draußen vor den Säulenbogen die flüsternden Linden und die stahlblaue Frühlingsnacht mit ihren Sternen. An langem Tische saßen die zechenden Lehensleute, jeder mit dem blanken Zinnkrug zwischen den Armen. Und gesondert von ihnen, neben dem Herdfeuer saß die Mutter in ihrem Stuhl. Und er, ein zwölfjähriger Knabe, an ihren Schoß gelehnt. Der Bruder betrunken unter den Zechenden; lauter klang seine Stimme als die Stimmen der anderen, und seine Faust machte auf dem Tisch die Krüge tanzen. Bei jedem Fluch und Schlag ging ein schmerzliches Zucken über die Stirn der stillen Frau. Dann blickte der Knabe in scheuer Sorge zu ihr auf und schmiegte zärtlich seine Wange an ihre zitternde Hand. Und als die Zechenden der Jagdgeschichten und des Trinkens müde wurden, schrien sie nach dem Spielmann und schwiegen. Da klang die Fiedel. Und dann das Lied:

»Huliadei!
Sei willkommen, süßer Mai!«

Schwer atmend verhielt der Einsame den Schritt und preßte den Arm über die Augen, als möchte er das Bild der vergangenen Zeit verscheuchen. Hastiger stieg er durch den Wald empor; doch immer wieder summte und sang ihm die Weise durch Herz und Sinne.

Wie ein Lied doch wandern kann! Vom sonnigen, rebengrünen Frankenland bis zu den kalten, blauen Bergen. Und wie ein Lied doch Wunder wirkt! Wie es trösten kann! Und freundlich lügen! Ist ein Lied nicht wie ein Sonnenstrahl, der aus lichten Höhen seinen Weg auch in den kalten Schatten versunkener Wälder findet? Geschehenes wird ungeschehen, Vergangenes wird lebendig, und alles Kommende, das du fürchten solltest, siehst du verwandelt in frohem Bild. Hatte nicht der nahende Winter mit seinem weißen Mantel schon die Berge gestreift, lag nicht das Sterben über den Blumen und die kalte Herbstnacht über dem Wald? Dennoch hatte jene holde Stimme dort unten sonnenfroh und frühlingsfreudig aufgejubelt: »Sei willkommen, süßer Mai!«

Aus seinen Gedanken erwachend, blickte der junge Jäger im Dunkeln um sich her. Er hatte den Pfad verloren. Und suchte ihn nicht wieder. Geraden Weges begann er über den Waldhang emporzuklimmen. Immer wieder sperrte eine kleine Felswand, eine Kluft oder ein Wirrsal gefallener Bäume seinen Weg. Häufig strauchelte er bei der Hast, mit der es ihn aufwärts trieb. Oft rettete ihn nur ein kühner Sprung vor bedenklichem Sturze. Diese Mühsal erschöpfte ihn nicht, sie schien die Kraft seiner jungen Glieder zu steigern. Manchmal hielt er inne, spähte im Dunkeln umher, atmete tief und lachte vor sich hin, um sich im nächsten Augenblick über ein neues Hindernis zu schwingen, als wäre ihm dieser Kampf gegen die Finsternis, die ihn umdrohte, zu einer Freude geworden.

Endlich erreichte er das offene Weideland einer Hochalm. Auf vorgestütztem Bergstock, das Kinn über die Hände gelegt, schöpfte er Atem und blickte in die dunkle Runde. »Wie still und schön!« Es war in schweigender Nacht kein Windhauch mehr zu spüren. Gleich einem schwarzen Riesenhügel, durchwürfelt von den grauen Tönen kahler Blöcke, erhob sich das weite Almfeld, über dem sich der stahlblaue Himmel mit strahlenden Sternen wölbte. Ein Widerschein ihres Zitterlichtes blitzte hier und dort in den Eiskristallen, mit denen der Nachtreif die welken Gräser umspann. Von der Höhe des Feldes klang das Rollen gelöster Steine, und der Schrei eines starken Hirsches dröhnte durch die Nacht. Ein zweiter Hirsch gab zornige Antwort, nun schwiegen die Stimmen, und da klirrten die kämpfenden Geweihe. Zwischen prasselnden Steinen kam's über den finsteren Hang heruntergesaust. Zwei schwarze Schatten flogen an dem Jäger vorüber und verschwanden im Wald. Der Starke hatten den Schwächeren in die Flucht geschlagen, und mit stolzer Wildheit seinen Sieg hinausschreiend in die stille Nacht, stieg er wieder über den Hang empor. Noch eine Weile stand der Jäger und lauschte. Dann richtete er sich auf. »Haß und Liebe, Streit und Ringen bei allem, was Leben fühlt! Und dem klügsten aller Tiere, dem Menschen, predigen sie wider die Natur den feigen Frieden. Weil die Schwachen den Starken jagen wollen, soll er die Waffe seiner Kraft aus der Hand legen, soll lieben lernen, was er haßt, ehren, was er verachtet, meiden, was er begehrt. Wie mir ekelt vor ihnen!« Er schüttelte die jungen Arme. »Kampf! Wie schön bist du! Wie lieb ich dich!«

In dunkler Ferne dröhnte der Schrei des Hirsches, daß es widerhallte im finsteren Wald.

»Du und ich! Auf morgen!« Treibenden Schrittes stieg der Jäger über den Hang empor. Nach kurzer Wanderung kam er zu einer Almhütte, die schwarz im Dunkel lag. Die Tür stand offen, und man spürte noch den Dunst der Herde, welche die Alm vor wenigen Tagen verlassen hatte. Zögernd trat der Jäger in den finsteren Raum. Bei dem bläulichen Schein des Schwefelfadens, den er mit Feuerstein und Zunder in Brand versetzte, gewahrte er einen Haufen dürrer Äste. Als aus der Asche des Herdraumes die Flammen aufzüngelten, blickte er umher. Kahle, rußgeschwärzte Balken, ein zerklüftetes Dach und in der Ecke eine Stangenpritsche, mit zerlegenem Reisig bedeckt. Dieses Lager schien den Müden nicht zu locken. Oder fühlte er keine Müdigkeit? Er legte die Armbrust und den Bolzenköcher ab, warf ein paar klotzige Äste in die Flammen und trat ins Freie. Neben der Tür ließ er sich auf einen Holzblock nieder. So saß er, die Arme um das Knie geschlungen, und blickte sinnend in die Nacht hinaus.

»Einsame Stille! Wie bist du schön! Und wie süß das wäre, solch ein Schweigen ewig zu genießen, im Tod seiner Ruhe bewußt! Ob der Tod die Ruhe bringt? Sie sagen: nein!« Der Jäger lächelte vor sich hin. »Himmelsfreude dem Guten, Höllenqual dem Bösen? Wie klein und menschlich wäre Gott, wenn er lohnen und strafen würde gleich einer Kindermagd. Dem guten Kind den Honigkuchen, dem schlimmen die Rute. Wie sie erbärmlich von ihm denken!« Wieder lächelte er. »Und wer ist gut? Der denen dort unten wohlgefällt und zu ihrem Nutzen handelt? Wer böse? Der seine eigenen Wege geht und seine Kraft gebraucht, um sich der anderen zu erwehren? Sieht Gott nicht heller als diese Blinden in ihrem Eigennutz? Und wenn er auch die Starken haßt, weshalb erschuf er sie?«

Fern und verschwommen klang ein Jauchzer durch die Nacht, und in der Tiefe, wo zwischen den Buchenwäldern die Niederalmen lagen, glomm ein winziger Lichtschein auf. Die Almendirn, die den Gruß ihres Liebsten vernommen hatte, mußte die Tür der Hütte geöffnet haben, damit das Herdfeuer dem Kommenden leuchten und ihm sagen möchte: »Sieh, wie ich brenne für dich!« Hell und weich, wie eine schwingende Saite, klang der freudige Jodelruf der Sennerin, ihr Bub gab jauchzende Antwort, und die beiden Stimmen umschlangen sich in der schweigsamen Nacht und flossen ineinander zu einem einzigen Laut. Sie verstummten. Und der Lichtschein dort unten erlosch.

»Zwei Herzen, die sich suchen mußten und die sich fanden, damit aus ihrem Glück eine neue Not des Lebens wachse!«

Lange blickte der Einsame zur Tiefe nieder, wo der Lichtschein aufgeglommen und erloschen war. »Wieder eines von den tausend Rätseln, die ich nicht fasse und nicht löse! Daß es den Mann zum Weibe zieht, das Weib zum Manne? Sie sagen, das wäre das Tier im Menschen. Ob es nicht das einzig Göttliche in ihm ist, dieses jauchzende Sorgen für die Ewigkeit des Lebens? Wenn aber Gott das in die Menschen legte, weshalb soll es mir ein Fremdes bleiben? Weil ich geschieden bin von den anderen? Gelöst von allem Lachen des Lebens? Weil sie mir sagen: Wider die Natur zu leben, ist wohlgefällig vor Gottes Augen? Das Wort ist Torheit oder Lästerung. Kann ein Menschenwort die Zwecke Gottes hindern und die Natur verkehren? Wenn aber Gott das in die Menschen legte als einen Trieb, den das Lächeln eines Weibes weckt, wie in der Blume ein Sonnenstrahl den Willen zu blühen? Weshalb erwacht es nicht in mir? Mein Herz ist stumm und ohne Sehnsucht. Mich sehnt nach Ruhe.«

Tief atmend erhob er sich und wollte in die Hütte treten, vor der Schwelle blieb er stehen.

»Ob wohl auch meine Mutter sang, als sie jenen liebte, den ich nie gekannt? Ich habe sie nur schweigsam und weinend gesehen. Nein! Mir hat sie gesungen.«

Überwältigte ihn die Erinnerung an jene Zeit, da ihn das Lied der Mutter in Schlummer wiegte? Oder erwachte jäh in ihm die Sehnsucht der Einsamkeit? Er streckte die Arme in die Nacht hinaus: »Mutter! Mutter! Steh auf und komm und streichle mich! Mich dürstet nach deiner linden Hand. Sieh, Mutter, ich kenne nur Fäuste, die mich schlagen.« Mit den Händen das Gesicht bedeckend, lehnte er sich an den Türpfosten. »Und wenn sie mich quälen bis aufs Blut, nur alles Schöne, an das ich noch glaube, Stück um Stück aus der Seele reißen? Das nennen sie Himmelsdienst und Liebe Gottes.« Er ließ die Arme fallen. »Mutter, wo bist du? Nirgends? Oder dort, wo sie sagen, daß die Guten sind? Über den Sternen? Sterne? Ein Wort, so leer, wie alle Worte sind! Leer? Nein! Sterne! Dieses Wort hat Glanz, weil das Rätsel leuchtet, das wir nennen mit ihm.«

Da fiel's in der Nacht wie ein sprühender Funke vom Himmel herunter, einen langen Feuerstreif hinter sich herziehend, und erlosch in der Finsternis wie ein Stück glühender Kohle, das zerschlagen wird.

Der Einsame lachte vor sich hin. »Wenn auch die Sterne fallen? Was ist noch ewig in der Welt? Was hat noch Kraft, die alles überdauert? Nur die Asche, zu der alles Leben zerfällt? Und aus der das Leben wieder aufersteht, wie im Frühling die Blume aus dem Kot?«

Er stand eine Zeitlang regungslos. Dann schauerte ihn, als wäre ihm die Kälte der Nacht bis ans Herz gedrungen. Er kehrte in die Hütte zurück, schürte die Flamme und ließ sich am Feuer nieder. In der Wärme, die den züngelnden Flammen entströmte, schien eine matte Wohligkeit durch seine Glieder zu fließen.

So saß er, still, bis ihm die Lider fielen.

In der Herdgrube sank das Feuer, und dann glosteten die Kohlen mit dunkler Glut.

Als die Nacht schon auf den Morgen zuging, tönte durch die Bergwaldstille fern aus dem Tal herauf ein sanft verschwommener Hall, das Geläut einer Kirchenglocke. Leise klang es über alle Ferne her, kaum noch zu hören. Dennoch erwachte der Schläfer, wie einer, der gewohnt ist, um diese Stunde die Augen aufzutun. Verwundert sah er in der Hütte umher, die vom rötlichen Glutschein matt erleuchtet war. Dann lachte er vor sich hin und warf ein paar dürre Äste über die glühenden Kohlen. Mit Geprassel belebte sich das Feuer, und brütend starrte der Einsame in die züngelnden Flammen.

Aus diesem Sinnen weckte ihn der dröhnende Kampfschrei eines Hirsches. Mit hastigem Griff die Armbrust und den Köcher fassend, erhob er sich und trat ins Freie.

Wie Asche war das erste Zwielicht des Morgens über das Almfeld ausgestreut. Dort, wo die Sonne kommen sollte, waren die Sterne im fahlen Blau schon erloschen, gegen Westen flimmerten sie noch über den Bergen, deren gezahnte Grate mit grauen Linien das Dunkel durchschnitten. Scharf zog der Morgenwind von den Felsen nieder, die dürren Stauden raschelten, zu Füßen der Almgehänge rauschten die schwarzen Wälder, und das Murmeln der Bäche war wie ein müdes Lied.

Lautlos stieg der Jäger über das Almfeld empor und erklomm einen hohen Fels, der sich, von Krüppelföhren umwuchert, einsam aus dem kahlen Weideland emporhob. Auf der Zinne des Steines ließ er sich nieder, von Büschen gedeckt, spannte die Armbrust und legte den gefiederten Bolz in die Rinne.

Die schußbereite Waffe fest auf den Knien haltend, lauschte er hinaus in das Zwielicht. Er konnte hören, wie äsendes Wild sich näherte und vernahm den Lockton eines Muttertieres. Der Morgen dämmerte noch so grau, daß der Jäger kaum einen unbestimmten Schatten zu unterscheiden vermochte. Nur wenn von den Tieren eines den Grat des Almenhangs überstieg, war es mit schwarzem Umriß deutlich in den fahlen Himmel gezeichnet.

Da röhrte mit zornigem Schrei ein Hirsch, drei andere gaben Antwort zu gleicher Zeit. Dann wieder Stille. Jetzt ein Rennen und Flüchten im Grau, ein Schnauben und Keuchen, das sich entfernte und wieder näher kam. Ein junges Tier begann zu klagen. Den ängstlichen Laut übertönte der mächtig hallende Schrei des Hirsches. Welche Kraft und Leidenschaft in diesem wilden Liebesliede der Natur! Es widerhallte an den Felsen und im Wald, und von allen Seiten klang die Antwort, als wäre eine riesige Orgel in den Bergen aufgestellt.

Schon hatten die Augen des Jägers sich an das Zwielicht gewöhnt. Rings auf allen Gehängen des Weidelandes konnte er die huschenden Gestalten unterscheiden. Dieses Schattenbild der Leidenschaft, die zu ihm redete mit dröhnenden Stimmen, erregte ihn so heiß, daß ihm das Herz wie ein Hammer schlug. »Nicht Menschen um mich her! Nur Tiere! Wie mir wohl ist!«

Die Helle des Morgens wuchs, ein rötlicher Schein flog über den Himmel hin, und matt begann der Reif zu flimmern, der die welken Gräser umsponnen hatte. Dann war's, als flösse eine rosige Welle von Licht auf alle Felsen und Wälder nieder.

Inmitten des Almfeldes stand ein Rudel Hochwild, dicht zusammengedrängt. Wenn von den Hirschen einer röhrte, wandten alle Tiere die Köpfe der Richtung zu, aus welcher der Schrei gekommen war. Das Rudel in weitem Bogen scheu umkreisend, irrten die schwächeren Hirsche am Waldsaum hin. Zwischen ihnen und dem Trupp der Tiere zog – ein Starker, der seinen Besitz verteidigt – der mächtige Platzhirsch über das Feld, dumpf röhrend, das stolze, reich verästelte Geweih zurückgelegt in den Nacken. Jedes Tier, das sich vom Rudel entfernen wollte, trieb er mit zornigem Sprung zurück. Jedem Hirsch, der Miene machte, sich zu nähern, zog er mit dröhnendem Schrei entgegen. Nur ein einziger wagte ihm standzuhalten. Als die beiden Kämpfer röhrend einander entgegenschritten, erkannte der Jäger die zwei Stimmen, die er am Abend vernommen hatte. Nach dem Probekampf in der Dämmerung des sinkenden Tages sollte der Kampf im Morgengrauen die Entscheidung bringen. Das schienen die Tiere im Rudel zu fühlen; erregt, mit langen Hälsen die Köpfe streckend, zogen sie Schritt um Schritt den beiden Streitern entgegen. Die lagen schon mit verflochtenen Geweihen aneinander. Fast schien es im Anfang nur ein Spiel zu sein, dieses Drängen und Schieben, Stirn an Stirn. Immer straffer spannten sich die Glieder der Kämpfenden, Steine und Rasenstücke flogen unter ihren Hufschalen auf, immer tiefer gerieten sie mit der Brust zur Erde, und in der Kühle des Morgens qualmte der weiße Dampf von ihren Leibern. Da holte der Platzhirsch keuchend aus zu einem gewaltigen Stoß. Der Gegner brach zu Boden und überschlug sich. Ein röchelnder Laut, und der Kampf war zu Ende. Taumelnd erhob sich der Besiegte und schlich dem Walde zu, den Kopf gesenkt und stumm in seinen Schmerzen. Der Sieger, mit stolz erhobenem Haupt und heiserem Schrei, sprengte auf das Rudel zu und trieb von den jungen Tieren eines gegen den Fels, der sich mitten im Almfeld erhob.

Da schwirrte die Sehne der Armbrust. Jäh den Sprung verhaltend, wankte der Hirsch. Er hatte den Schuß empfangen. Über seine Glieder rann das Zittern des Geschöpfes, das der Tod berührte. Dann, als wäre nichts geschehen, als hätte sein Leben noch die ungebrochene Kraft und alle Leidenschaft der letzten Stunde, reckte er mit dumpfem Röhren das Haupt, und während das Rudel in jagender Flucht dem Wald entgegenstürzte, stand er furchtlos und starrte in wildem Trotz den Jäger an, der sich mit jauchzendem Ruf aus den Büschen erhob und über den Fels heruntersprang. Das Tier schien seinen Feind zu erkennen und senkte das Geweih zum Angriff. Ein Sprung. Da wankte der mächtige Körper und stürzte zu Boden. Keuchend raffte der Hirsch sich auf und straffte gewaltsam die Glieder, die ihm nicht mehr gehorchen wollten. Zornig stampfte er mit den Läufen, taumelte wieder, und die schwindenden Kräfte zwingend, stürmte er dem Jäger entgegen. Der hielt den blitzenden Fänger bereit, trat beim Ansturm des Tieres ruhig einen Schritt zur Seite und stieß ihm das scharfe Eisen ins Herz. Röchelnd brach der Hirsch zu Boden, übersprudelt vom roten Quell seines Lebens. Trotz und Drohung funkelten noch in seinen brechenden Lichtern. Ein letzter Krampf durchzuckte die Glieder, die sich streckten. Und alles war vorüber. Mit gesenktem Eisen, von dem die roten Tropfen niederfielen, stand der Jäger vor dem gefällten Tier, erregt und ernst, noch ganz unter dem Eindruck der wilden Schönheit, mit welcher der Todeskampf dieses Geschöpfes auf ihn gewirkt hatte, das im freien Bergwald ein König gewesen.

»Kommt meine Stunde – wer weiß, wie bald –, dann möcht ich sterben, wie dieses Tier gestorben ist, im Hochgenuß eines Sieges, in aller Kraft des Lebens, noch kämpfend um den letzten Atemzug, noch im letzten Blick den Trotz gegen die dunkle Macht, die mich mordet!«

Er ließ sich auf die Erde nieder und streichelt den starren Nacken des toten Geschöpfes.

Der wachsende Morgen leuchtete. Wie brennendes Blut lag es ausgegossen über die beschneiten Zinnen der Berge und über das steile Felsgewänd. Der klare Himmel flimmerte vom Licht, und ein gleißendes Strahlenbündel fiel durch eine Scharte der Berge über das Almfeld her, auf dem es still geworden. Der glitzernde Reif begann zu schmelzen, und der welke Rasen fing zu dampfen an. Mit goldig umglänzten Wipfeln stand der Wald, irgendwo in den Büschen flötete eine Ringdrossel, die ihre Sommerheimat noch nicht verlassen hatte, und die feuchte Erde duftete, als ob es keimen wollte in ihrem Schoß. Nicht ein Morgen im Herbste schien das zu sein, vielmehr ein Morgen, wie ihn der Frühling bringt, der süße Mai. Drunten im Tal der ziehende Nebel. Er war anzusehen wie ein Meer mit silbernem Gewoge, aus dem die sonnbeglänzten Berge aufstiegen gleich schimmernden Inseln. Hier und dort begannen die ziehenden Schleier sich zu klüften und ließen ein Stück des Tales gewahren mit winzigen Hütten und geteilten Feldern. Da klang es herauf aus der Tiefe, vom bergwärtsziehenden Sonnenwind getragen, wie ein ungeduldiger Ruf: das Geläut der Glocken.

Den strengen Mund umspielt von einem Lächeln, erhob sich der Jäger und blickte ins Tal hinunter. »Ich komme. Soll mir geschehen, was mag! Das war ein Morgen, so schön und frei, daß ich gerne für ihn büßen will ein langes Jahr.« Er wandte sich, schlug mit dem Fänger von den Krüppelföhren einen Haufen Zweige ab und bedeckte mit ihnen den gefällten Hirsch. Dann stieg er durch den Bergwald hinunter. Noch war er nicht lange unter den Bäumen gegangen, da sah er zwischen den welken Ahornblättern, die wie Blutflocken an den Ästen hingen, ein Geweih aus den wirren Büschen ragen. Dort ruhte ein Hirsch. Der Schritt des Jägers störte den Schläfer nicht auf. Es war der Besiegte, der nach dem Kampf das Almfeld verlassen hatte, nun verendet, im Tod noch blutend aus seinen Wunden. Mit einer Regung des Erbarmens blickte der Jäger auf das erloschene Geschöpf. »Unterliegen oder Sieger werden, der Schwache sein oder der Starke, hinter allem bleibt der gleiche Rest, das kalte Rätsel, das keiner löst. Wozu dann die Kraft? Wozu das Leben? Nur um die Erde zu düngen für ein Kraut, das nach uns wächst?» Er wandte sich ab, und während er hinunterstieg durch den Wald, achtete er nicht mehr des leuchtenden Morgens. Oft stand er lange wie einer, der den Weg verloren hat und nicht mehr weiß, wohin. Aus seinem Brüten weckte ihn ein Gruß. Der alte Hilpot war es. »Ich hab gedacht, Herr, ich müßt dich suchen.«

»Zwei Hirsche liegen, der eine auf der Hochalm, und wenn du auf dem Weidefeld meiner Fährte nachgehst in den Wald, so findest du den anderen.«

»Sell drüben im Wald, da schaffen Leut, die fürs Kloster das Winterholz niederschlagen. Die können mir helfen. Der Tag wird lind, und die Hirsch müssen unter Dach vor Mittag. Und du, Herr, schau, daß du heimkommst! Sie suchen dich schon.«

»Mich? Nein, Hilpot! So wichtig bin ich ihnen nicht. Sie können's erwarten, bis ich komme.«

»Ich hab sie aber doch gesehen«, flüsterte Hilpot, »von den Brüdern einen und zwei Fronboten mit ihm. Ich sorg, die suchen dich.«

»So will ich mich finden lassen!« Der junge Jäger lachte. Dann leuchtete ihm ein herzlicher Blick aus den dunklen Augen. »Hab keine Sorge! Wenn sie erfahren, daß du mir geholfen hast, so sag ich ihnen, daß ich es dir gebot mit meinem Herrenwort.«

Der Alte schüttelte den grauen Kopf. »Sag's nur, wie's wahr ist, Herr, daß ich es gern getan hab! Ich fürcht mich nit. Mein Buckel hat schon viel getragen. Auf ein Pfündl mehr oder minder kommt's nimmer an.« Mit festem Druck umspannte seine braune Faust die schlanke, weiße des anderen. Er hielt sie lange fest, als wäre die Sorge in ihm, daß er diese Hand so bald nicht wieder drücken würde. »Wenn's geschehen kann, so laß dich wieder anschauen bei uns. Ich seh dich gern. Bist mir ein Bäuml, ein jungs, von dem ich weiß, das wird von den großen einer! Und was aus dir herausschaut, tut mir wohl, wie die Sonn einem tut, dem das Frieren im Blut steckt.« Der Alte wurde verlegen. »Lachst du, weil ich so daherred, gelt? Von sechs Buben hab ich die Lieb noch aufgespart. Der siebent ist mir halb genommen. Wo soll ich hin mit der Lieb, die ich übrig hab? Nimm's nit übel, Herr! Wenn ich dich so anschau in deiner lichten Jugnet, lauft mir die Seel über.«

»Ich danke dir, Hilpot! Du hast mir viel gegeben mit diesem freundlichen Vaterwort.«

»Ein Wörtl bloß. Brauchst du einmal das ganze Mannsbild, so hast du mich auch. Jetzt laß dich nimmer verhalten! Drunten in meiner Stub, da liegt dein Zeug. Ich muß zu den Hirschen.«

Während Hilpot durch den Wald emporstieg, sah ihm der andere mit glänzenden Augen nach. »Ein Mensch. Gut und treu.« Das sprach er wie staunend vor sich hin, und alle Schwermut schien von ihm gewichen. Der Ausdruck heiteren Spottes malte sich in seinen Zügen, als er hinunterblickte gegen das Tal. »Den nehmen sie mir nimmer.« Auflachend begann er talwärts durch den Wald zu eilen. Der Grund leuchtete vom welken Laub, wie Myriaden winziger Flammen hingen die gelben und roten Blätter im Gezweig, umzittert vom Sonnenlicht; glitzernde Fäden schwammen in der flimmernden Luft, und wo die Bäume ein wenig auseinandertraten, glänzte zwischen dem Feuerlaub ein Stück des wolkenlosen Himmels neben dem andern, als wäre das gleißende Herbstgeschmeid des Waldes besetzt mit tausend Türkisen vom reinsten Blau.

Jetzt ging der Wald zu Ende, und der junge Jäger trat in die freie Sonne. Ziehender Nebel verhüllte noch immer das tiefere Tal. Doch strahlende Morgenschöne war ausgegossen über den Wiesenhang, der inmitten des sinkenden Waldes lag. Zwischen schattigen Schluchten baute sich aus dem Gehäng ein geräumiger Hügel hinaus, der zwei Gehöfte trug, ein kleines und ein großes, beide umschlossen von einem mannshohen, einer Mauer gleichenden Flechtzaun mit nur einem einzigen Tor. Im Hof des kleineren Gütls erhob sich nur ein niederer Bau, plump aus Steinen gemauert, Wohnraum und Stall unter gemeinsamem Strohdach. Wie der Schwache den Schutz des Starken sucht, so hatte sich dieses bescheidene Heimwesen in den festen Zaun des reichen Nachbars hineingeschmiegt, dessen Besitz mit dem alten, aus mächtigen Stämmen gefügten Wohnhaus und mit den Ställen und Scheunen sich ansah wie ein achtbares Herrengut. Die Schuppen und Ställe waren mit Stroh gedeckt, das Wohnhaus hatte ein schlank aufgegiebeltes Schindeldach, und der altersgrauen Balkenmauer war ein neuer schmucker Erker angebaut, dessen Holz noch weiß erschien und dessen Fenster mit eckig in Blei gefaßten Scheiben verglast waren. Birnbäume, an denen noch die Früchte hingen, überragten mit ihrem knorrigen Gezweig die Strohdächer, und hoch über den First des Wohnhauses stieg eine vielhundertjährige Ulme hinaus, mit weitgebreiteten Ästen, von denen jeder sich ansah wie ein Baum für sich. Eine hölzerne Wendeltreppe kletterte an dem riesigen Stamm hinauf und führte zu einem Lugaus, hoch droben im Gezweig.

Mit träumender Stille lag der milde Herbstmorgen über dem Gehöft und seinen Dächern. Kein Laut war hinter dem Flechtzaun zu vernehmen. Alles so schweigsam, als wär's eine verzauberte Stätte. Nun ein Schritt über Steine, schwer und langsam. Dann eine Männerstimme: »Sonnscheinige Zeit, Juttla, gelt? Spürst du, wie lind der Morgen ist?«

»Ja, lieber Nachbar!« gab bei der Ulme eine helle Stimme zur Antwort. Der Jäger am Waldsaum blickte lauschend auf. War's nicht die Mädchenstimme, die am verwichenen Abend das Maienlied gesungen hatte? »Ja, ich spür's! Und völlig sehen tu ich's. Alles seh ich. Dich auch. Du stehst in der blumigen Wies, und um dich her ist alles ein Glanz.«

»Ja, Juttla, 's ist ein Morgen, heilig wie in der Frühlingszeit. Gib acht, heut bringt der Vater wieder ein Körbl voll heim von der Waldhut.«

»Steigst du hinunter zu ihm?«

»Heut nimmer, Juttla. Ich muß die Mutter Hanna was fragen. Meinem Weib ist ein lützel ungut worden.«

»Das sagst du, und ich hör ein Lachen aus deiner Stimm. Und sehen tu ich, wie glanzig deine Augen schauen.«

»Geh, was weißt denn du!«

»Was mir die Helgard verraten hat. Gott soll dir's geben, Nachbar!«

»Was?«

»Daß nach der Eisblumenzeit der Jacho weinen muß vor deiner Haustür.«

»Ja, Juttla, Gott soll mir's geben! Lang tu ich schon passen drauf.« Was der Mann noch weiter sagte, blieb unverständlich bei dem Lärm, den das schwere Zauntor machte, als es geöffnet wurde und wieder zufiel. Aus der Umfriedung trat ein Bauer; er war nicht alt, kaum dreißig; das Gesicht schon hart und verwittert, der Rücken gekrümmt von mühsamer Arbeit; er trug einen grauen Kittel bis zu den Knien, dazu eine ärmellose Jacke aus Fell. Die schweren Holzschuhe klapperten auf dem steinigen Weg.

Der junge Jäger spähte nach der Ulme hinüber und stieg am Waldsaum ein wenig höher, um über den Flechtzaun hinweg das Mädchen sehen zu können, dem diese helle klingende Stimme gehörte und das so wunderliche Dinge redete. Der stille Friede dieses Ortes und das Gespräch, das er vernommen, hatten ihn seltsam berührt. Er hatte Worte gehört, doch keinen Sinn verstanden. Ein Herbsttag, an dem viel hundert Blumen ihre Kelche erschließen? Freude, über die man weint? Die Eisblumenzeit? Es war, als hätten Kinder miteinander gesprochen, die ihr Geheimnis haben und ihre selbsterfundenen Namen für Dinge, von denen kein anderer weiß. Aus diesen Gedanken weckte ihn die Stimme des Bauern. »He, Du!« Ein forschender Blick begleitete diesen Ruf. Die Stimme, die im Gehöft so freundlich mit dem Mädchen geplaudert hatte, klang rauh und grob.

»Wer bist du? Was willst du?«

»Nichts will ich. Von dort oben komm' ich her, von der Jagd.«

»Daß du ein Jäger bist, das merk ich. Wärst du ein Bauer, so wärst du ohne Wehr und hättest zwei Fäust im Sack.«

»Du redest zu mir, als war ich dein Feind. Was hab ich dir getan?«

»Du? Mir? Ich seh dich zum erstenmal. Aber dein Brot wird im Kloster gebacken. Wer die Herren kennt, der weiß, was er halten muß von ihrem Knecht.«

Nun lachte der Jäger. »Ach so? Haben dir die Chorherren einmal zu hart ans Fleisch gegriffen? Oder zu tief ins Butterfaß? Darum brauchst du mir nicht feind zu sein. Mir gefallen sie auch nicht.« Der Bauer machte mißtrauische Augen und schwieg, als hätte sich der Verdacht in ihm geregt, daß ihn diese Rede zu einem unvorsichtigen Wort verleiten sollte.

Da fragte der Jäger: »Was ist das für ein Gehöft?«

Jetzt lachte der Bauer, hart und gallig. »Geh, frag nit so! Das Haus mußt du kennen, wenn du ein guter Knecht deiner Herren sein willst. Hast du im Kloster noch nie was gehört vom Gotteslehen?«

»Gotteslehen? Was bedeutet der Name?«

»Frag deine Herrenleut! Die wissen's.« Der Bauer wollte gehen.

»Gib Antwort! Bist du der Bauer in diesem Hof?«

»Ich?« Der Mann sah über die Schulter. »Wär ich der Gotteslechner, so wären mir zwanzig gute Fäust heut lieber als mein Recht. Und um den Zaun her müßt ein Graben liegen, so tief, daß keiner drüberspringt mit Klosterschuh, für die der Bauer das Leder hat steuern müssen. So, jetzt klag's deinem Herren: Das hat der Steinhauser gesagt!«

Der Bauer stieß mit dem Fuß einen dürren Ast aus seinem Weg, stieg über die Wiese hinunter und verschwand im Wald.

Stärker begann der Wind über das Tal heraufzuziehen. Ein paar leichte Nebelschleier flatterten über das Gotteslehen hin. Dann wieder blaute über den stillen Dächern der sonnige Morgenhimmel, während in der Tiefe die Massen des Nebels kochten, als wüßten sie nicht, ob sie steigen oder sinken sollten. Im Walde rauschten die Bäche. Und bei der Ulme sang das Mädchen:

»Ein Maidl ruht allein im Gras
Und weinet. Warum tut sie das?
Sie weinet, weil im Maien
Kein Bub sie holt zum Reien.«

Raschen Ganges schritt der Jäger über die Wiese hinunter und dem Gehöft entgegen.

»Da kommt, mit Veiglen um die Stirn,
Der Mai selbeigen zu der Dirn.
Der tut sich lieb der Armen
Erbarmen

Und tut die Maid mit Singen
Auf grünem Anger schwingen.
Huliadei,
Sei willkommen –«

Das Lied brach ab, bevor es zu Ende war. Denn als der Jäger das Hoftor öffnete, fuhr eine weißzottige Wolfshündin mit Gebell auf ihn zu, so drohend, daß er nach der Waffe griff. Da verstummte der Gesang, und die Mädchenstimme rief: »Zenta! Sei gut! Und komm zu mir!« Das Tier gehorchte; es knurrte nur noch ein wenig, gab den Eingang frei und trabte zur Ulme.

Zögernd betrat der Jäger das Gehöft, und hinter ihm fiel das schwere Tor ins Schloß.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >>