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Das Goldmacherdorf

Heinrich Zschokke: Das Goldmacherdorf - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleDas Goldmacherdorf
pages1-148
created20030925
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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1. Wie Oswald aus dem Kriege kommt und was die Leute sagen.

An einem Sonntag Nachmittag saßen im Dorfe Goldenthal die jüngern Knaben und Mädchen unter der alten Linde und sangen, oder lachten, wenn Einer aus dem Wirthshaus hervorstolperte, der zu tief ins Glas geschaut hatte. Die andern Bauern mit ihren Weibern saßen in drei Wirthshäusern, und tranken und spielten, und jauchzten oder balgten, wie es denn nun so geht, wenn Wein und Bier wohlfeil sind.

Da kam ein großer starker Mann ins Dorf. Er mochte in den Dreißigen sein, hatte einen grauen Rock an, einen langen Säbel an der Seite, auf dem Rücken einen Habersack. Er sah gar wild drein, denn er trug über der Stirne eine große Narbe, und unter der Nase einen schwarzen Schnurrbart, daß alle Kinder davonliefen.

Aber ein Paar alte Frauen, die er anredete, erkannten ihn sogleich, und schrien: »Ei das ist ja Schulmeisters Oswald, der vor siebenzehn Jahren unter die Soldaten ging. Nein, schaut auch, wie ist er gewachsen und groß geworden!« Und wie die Weiber so schrien, kam Alt und Jung aus den Wirthshäusern und von der Linde herbeigelaufen, und bald war das ganze Dorf um den Oswald versammelt.

Oswald gab allen seinen ehemaligen Bekannten die Hand, war sehr freundlich mit Allen und sagte, er wolle nun wieder bei ihnen in Goldenthal wohnen, habe des Soldatenlebens satt, und sei froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Nun wollte ihn Jeder in ein Wirthshaus ziehen, der Eine links, der Andere rechts: man müsse eins zum Willkommen trinken; er müsse von den Kriegsgeschichten erzählen. Oswald aber dankte ihnen und sprach: »Ich bin vom Wandern müde und will ausruhen. Wer wohnt in meines verstorbenen Vaters Haus, und wer besorgt die Aecker desselben?«

Alsobald trat der Müller hervor und sagte: »Ich habe den Weber Steffen hineingethan, und ihm Haus und Feld in Zins gegeben. Nun aber muß er ausziehen, da du wiedergekommen bist. Der Gemeindsrath hat mich zum Vogt gesetzt über dein Gütlein. Kannst ein paar Tage bei mir herbergen, bis Webers ausziehen und andere Wohnung haben. Da will ich dir auch Rechnung ablegen.«

Also ging der Müller mit seinem Gast zur Mühle und ließ ihm ein gutes Nachtessen und ein gutes Bett bereiten. Oswald hatte aber viel zu fragen nach dem und diesem, wie es seitdem im Dorfe ergangen sei; und der Müller und seine Frau hatten viel zu antworten. So plauderten sie bis Mitternacht in der Mühle. Und Oswald sah immer über den Tisch hinüber nach des Müllers zarter Tochter, die hieß Elsbeth. Und es war wohl der Mühe werth, ihr in die schwarzen Augen zu sehen, denn Elsbeth war schön. Elsbeth aber sah ihrerseits auch gern über den Tisch hinüber, denn Oswald war ein hübscher Mann, wenn man sich einmal an seinen erschrecklichen Schnurrbart gewöhnt hatte, und in seinen Geberden hatte er etwas Zierliches und Gefälliges, als wäre er ein Herr aus der Stadt gewesen. Darum scheute sie sich, mit ihm zu reden, und wenn er sie ansah, wußte sie nicht, wohin mit den Augen fliehen. Doch sagte sie ihm etwas vom Schnurrbart.

Und als er folgenden Morgens zum Frühstück kam, war unter seiner Nase der Schnurrbart schon verschwunden. Oswald hätte Zeitlebens in der Mühle wohnen mögen, denn der Müller und seine Frau waren gute Leute, und der Elsbeth sah die Güte hell und klar aus den Augen. Aber nach acht Tagen schon konnte Oswald in das kleine Haus seines Vaters einziehen und nach seinen Feldern sehen. Er hatte fünf Juchart Baumgarten mit Wiesen und fünf Juchart Ackerland; dazu kaufte er sich eine schöne Kuh aus den vom Vogt ersparten Zinsen.

Und weil das Haus alt und zerfallen war, erhielt er Holz und Steine von der Gemeinde. Da ließ er alles ausbessern, weißen und hobeln und waschen. Er selber mauerte, handlangte, fegte vom Morgen bis in die Nacht, damit es schön werde, und ihn doch nicht viel koste.

Im Herbst war sein kleines Haus das sauberste und schönste im ganzen Dorf, mitten in einem Garten am Bach. Und der Garten war schön, wie einer in der Stadt. Er hatte sogar in die Wege zwischen den Beeten Sand und Grien getragen. Er hatte es gern, wenn Müllers Elsbeth zuweilen über den grün angestrichenen Hag in den Garten sah; sie hatte ihm auch Blumen beigesteuert, und versprach ihm zum Frühjahr noch mehr.

Die Leute zu Goldenthal wußten lange nicht, was aus dem Oswald machen? Er war so arm aus dem Kriege gekommen, als er hineingezogen war, das sahen sie wohl. Er hatte eine Kiste aus der Stadt bekommen mit Kleidern und Wäsche; sogar Bücher hatten darin gelegen. Das war sein Reichthum. Aber des Geldes wegen mochte die Kiste nicht schwer gewogen haben.

»Laßt ihn laufen!« sagten die Einen: »Er ist ein armer Teufel, und ein dummer Teufel dazu, der im Kriege seine Sache nicht verstanden hat zu machen. Nicht einmal Sonntags kann er ins Wirthshaus gehen und sein Glas trinken, geschweige einen Tanz zahlen. Dabei muß er arbeiten wie ein Pferd, von Sonnenaufgang bis in die finstere Nacht. Ein Glück für ihn, daß er vom Vater noch etwas geerbt hat, sonst läge er der Gemeinde zur Last.«

»Laßt ihn laufen!« sagten die Andern: »Heldenthaten hat er nicht viel verrichtet, denn er weiß nicht viel zu erzählen. Und wer weiß, wo der Narr den Hieb über die Stirn geholt hat. Der ist froh, daß er kein Pulver mehr riechen muß.«

»Laßt ihn laufen!« sagten wieder Andere: »Er gibt nur Keinem ein gutes Wort, und meint, weil er Soldat gewesen, müsse man Respekt vor ihm haben. Wir wollen's ihm aber zeigen. Er ist ein hochmüthiger Bursch, der froh sein soll, wenn wir ihm keinen Tritt geben.«

»Laßt ihn laufen!« sagten noch Andere: »Der hat im Kriege nichts Gutes gelernt. Er hat Bücher, die kein Mensch lesen kann, vielleicht der Pfarrer selber nicht. Und Zeichen und Karaktere stehen darin, daß es ein Graus ist. Was gilt's, der geht mit dem Teufel um und kann ihn beschwören.«

»Gott sei bei uns!« riefen Andere: »Richtig ist es bei ihm nicht, das weiß man wohl. Er hat noch keinen Menschen in seine kleine Hinterstube gehen lassen, selbst Müllers nicht, die viel mit ihm zu thun haben. Da sieht der Wächter alle Nacht noch Licht brennen, was durch die Fensterladen schimmert. Die Stube hält er beständig verschlossen, und die Vorladen der Fenster sind auch bei hellem Tage nie auf.«

So sprachen die Leute, und machten ans Oswald nicht viel.

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