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Das goldene Zeitalter

Kenneth Grahame: Das goldene Zeitalter - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorKenneth Grahame
titleDas goldene Zeitalter
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1900
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectidab02cee4
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Die Olympier

Wenn ich jetzt an jene vergangenen Tage zurückdenke, hinter denen sich die Thore längst geschlossen haben, so sehe ich deutlich ein, daß vieles darin anders anzusehen und anders zu machen gewesen wäre für Kinder mit richtigen Eltern. Aber für solche, deren nächste Anverwandte nur Onkel und Tanten sind, muß man mildernde Umstände gelten lassen. Sie behandelten uns zwar gut, wenigstens was die leiblichen Bedürfnisse anbelangt, was aber darüber hinausging war ihnen gleichgültig; sie mußten wohl der ziemlich verbreiteten Anschauung huldigen, daß Kinder wie die lieben Tiere nur ein körperliches Dasein führten. Dieser Irrtum erwuchs ihnen wie mancher andre aus geistiger Beschränktheit, und ich erinnere mich in sehr früher Jugend, ganz objektiv und ohne alles Uebelwollen diese Beschränktheit festgestellt und ihren schädlichen Einfluß in der Welt erkannt zu haben. Aehnlich wie bei Kaliban auf Setebos entstand dabei in mir ein unklarer Begriff von einer launischen, eigensinnigen, zu jeder Willkürlichkeit geneigten Vorsehung, die nur, weil's ihr so beliebt, dies und jenes anordnet – zum Beispiel diesen hoffnungslos unfähigen Geschöpfen eine Gewalt über uns einräumt, die wir von Rechts wegen über sie hätten ausüben sollen.

Diese Erwachsenen, die eine Laune des Schicksals zu unsern Vorgesetzten gemacht hatte, flößten uns durchaus keine Ehrfurcht ein, sondern eher einen gewissen Neid auf ihre begünstigte Stellung und Mitleid mit ihrer Unfähigkeit, diese auszunützen. Wenn wir uns einmal die Zeit nahmen, über sie nachzudenken, was allerdings nicht häufig vorkam, so war es doch wirklich ein trostloser Zug ihres Charakters, daß sie von der ihnen eingeräumten Freiheit, alle Freuden des Lebens zu genießen, so gut wie keinen Gebrauch machten. Sie hätten ja den lieben langen Tag im Teich herumpantschen, die Hühner scheuchen können, hätten ungestört in den heikelsten Sonntagskleidern auf Bäume klettern dürfen; kein Mensch würde ihnen verwehrt haben, bei hellem lichten Tag unverhohlen Schießpulver zu kaufen und Feuerteufel auf dem Rasen abzubrennen – und von alledem thaten sie rein nichts! Keine unwiderstehliche Gewalt trieb sie am Sonntag in die Kirche, und doch gingen sie aus freien Stücken allwöchentlich hinein, ohne indes irgendwie mehr Spaß dabei zu haben als wir.

Im ganzen war das Dasein dieser Olympier offenbar so inhaltlos, als ihre Bewegungen langsam und gezwungen waren, ihre Gewohnheiten langweilig und sinnlos. Für alles, was nicht greifbare Wirklichkeit ist, schienen diese Leute blind und taub zu sein. Das Baumgut, ein ganz wundervoller, von Elfen und Kobolden durchschwirrter Ort, brachte für sie einfach Aepfel und Kirschen hervor, und that die Natur einmal ihre Schuldigkeit nicht, so wurden nicht selten wir für ihre Unterlassungen verantwortlich gemacht. In den Tannenwald oder das Haselnußgehölze setzten sie nie einen Fuß und sie hatten keine Ahnung von den Wundern, die sie bargen; die geheimnisvollen Quellen, die den Ententeich speisten und mindestens so merkwürdig waren, wie die des Nils, übten auf sie keine Anziehungskraft aus. Von Indianern merkten sie einfach nichts und die Büffel und Seeräuber (mit Pistolen!), die doch das ganze Gut unsicher machten, bereiteten ihnen nie die geringste Sorge. Eine Räuberhöhle zu durchforschen oder nach Schätzen zu graben, machte ihnen kein Vergnügen, vielleicht aber war es noch die zweckmäßigste unter ihren thörichten Gewohnheiten, daß sie mit Vorliebe Stubenluft atmeten.

Eine Ausnahme unter den Olympiern war allerdings der Vikar, der nicht mit der Wimper zuckte, wenn man ihm erzählte, daß auf der Wiese im Baumgut eine ungeheure Büffelherde weide, unter die wir mit Moccasin und Tomahawk mit blutverkündendem Kriegsgeheul auf unsern flinken Rossen hineinsprengten. Weder lachte noch lächelte er dabei wie die andern Olympier, sondern er gab uns so interessante, mannigfaltige Ratschläge für die Verfolgung dieses gefährlichen Wilds, daß wir uns sagen mußten, er habe sein Mannesalter und seine hervorragende Stellung sicher nur durch praktische Erfahrungen mit diesen Geschöpfen in ihrem Heimatland erreicht. Ferner war er auch zu jeder Zeit bereit, auf kürzeste Mobilmachung hin, als feindliche Armee oder beutesuchender Indianertrupp auszurücken, kurz, so weit wir's beurteilen konnten, ein hochbegabter, weit über dem menschlichen Durchschnitt stehender Mann, der mittlerweile wohl Bischof geworden sein mag. Seine Fähigkeiten berechtigten ihn sicherlich zur höchsten geistlichen Würde.

Unsre seltsamen Vorgesetzten erhielten mitunter Besuch von ebenso farb- und leblosen Olympiern, wie sie selbst waren, Leuten ohne verständigen Lebenszweck und geistige Interessen. Diese pflegten wie aus den Wolken gefallen bei uns einzuziehen und ebenso plötzlich wieder zu verschwinden, um ihr zweckloses Dasein irgendwo anders fortzusetzen, wir aber wurden bei solchen Gelegenheiten aufs roheste vergewaltigt. Man fing uns ein, wusch unsre Gesichter und zwängte uns in reine Kragen, wobei wir uns der rohen Gewalt mit mehr Verachtung als Empörung zu unterwerfen pflegten. Mit straff gebürstetem, geöltem Haar und krampfhaftem, blödsinnigem Freundlichkeitsgrinsen saßen wir dann da und hörten ihre nichtssagenden Redensarten mit an – wie in aller Welt konnten vernünftige Menschen ihre Zeit so vergeuden? Das war die Frage, die wir uns immer wieder vorlegten, wenn wir endlich losgelassen wurden und in der alten Lehmgrube Töpfe formten oder im Haselnußgehölz den Bären nachstellten.

Es erfüllte uns mit immer neuer Verwunderung, wie sich diese Olympier über unsre Köpfe hinweg, bei den Mahlzeiten zum Beispiel, über irgend eine politische oder gesellschaftliche Nichtigkeit mit einem Eifer unterhalten konnten, der deutlich verriet, daß sie diese blassen Schattenbilder der Wirklichkeit für ungeheuer wichtig und tatsächlich hielten. Wir, die Erleuchteten, die den Kopf voll von Plänen, Verschwörungen und Geheimnissen schweigend kauten, wir hätten ihnen sagen können, was Wirklichkeit war! Wir hatten sie ja nur vor der Thüre zurücklassen müssen und brannten darauf, wieder zu ihr zu gelangen, aber wir hüteten uns wohl, derartige Offenbarungen an sie zu verschwenden, denn wir wußten aus Erfahrung, wie fruchtlos es war, ihnen unsre Ideen mitzuteilen. Im Denken und Planen eins, aneinander geschmiedet durch die Notwendigkeit, ein gemeinsames feindliches Schicksal abzuwehren, gegen eine Strömung anzukämpfen, die uns unablässig in ihre Wirbel reißen wollte, hatten wir keine Vertrauten außerhalb unsres Kreises. Die seltsame blutlose Menschengattung der Olympier stand uns entschieden viel ferner als die freundlichen Tiere, die unser naturgemäßes Dasein im Freien teilten. Die Kluft zwischen uns wurde noch erweitert durch das Gefühl ihrer fortdauernden Ungerechtigkeit, die sich darin äußerte, daß diese Olympier niemals einen Irrtum eingestanden, sich nie verteidigten, nie ein Wort zurücknahmen und ebenso wenig derartige Zugeständnisse von unsrer Seite gelten lassen wollten. Als ich zum Beispiel einmal die Katze aus dem Fenster geworfen hatte, allerdings nicht aus Bosheit und auch nicht zu ihrem Schaden, wäre ich nach kurzem Besinnen geneigt gewesen, mannhaft zuzugeben, daß es unrecht gewesen sei. Hätte die Sache aber damit ihren Abschluß erreicht gehabt? Sicherlich nicht! Ein anderesmal, als Harold einen ganzen Tag Zimmerarrest erhalten hatte wegen Mißhandlung des nachbarlichen Schweins – eine That, deren er nie fähig gewesen wäre, denn er stand, in freundschaftlichsten Beziehungen zu dem betreffenden Borstenvieh – und man hintendrein den wahren Schuldigen entdeckte, unterblieb jede leiseste Andeutung einer Entschuldigung. Harold war weit mehr erbittert über diese Hartnäckigkeit der unfehlbaren Olympier als über seine Haft, die er sich auch insofern leicht gemacht hatte, als er mit Hilfe seiner Verbündeten sofort aus dem Fenster gestiegen und erst zur Stunde der Befreiung in sein Gefängnis zurückgekehrt war. Ein Wort würde genügt haben, allen Groll wegzuwischen, aber dieses Wort blieb ungesprochen.

Mittlerweile sind all diese Olympier dahin und vergangen, und ich weiß nicht, wie es kommt, aber es ist mir, als ob die Sonne nicht mehr ganz so hell scheine wie früher, als ob die unabsehbaren Prairieen von ehedem zu ganz gewöhnlichen kleinen Wiesen zusammengeschrumpft wären. Manchmal befällt mich eine Schwermut und ein finsterer Verdacht steigt in mir auf – et in Arcadia ego – ja, daß ich Arkadien bewohnt habe, ist über jeden Zweifel erhaben. Ist es denkbar, daß auch ich seither zum Olympier geworden bin?

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