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Das Glöcklein auf Rain

Meinrad Lienert: Das Glöcklein auf Rain - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Glöcklein auf Rain
authorMeinrad Lienert
year1933
firstpub1933
publisherHuber & Co.
addressFrauenfeld / Leipzig
titleDas Glöcklein auf Rain
pages367
created20100416
sendergerd.bouillon@t-online.de
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I.

Ja, das war noch ein Heimwesen, das sich sehen lassen durfte, der Hof auf Rain. Die Leute sagten von ihm, wenn man auf der Anhöhe ob dem Haus, auf dem Raingütsch stehe, der das Gut mit einem mächtigen Nußbaum krönte, sei es einem, dieser Hof gehe über die ganze Welt.

Das tat er nun keineswegs, immerhin hatte das außergewöhnlich stattliche Bauernhaus, das sich aus einer prächtigen Wirrnis von Obstbäumen starkschultrig heraushob, Weite genug um sich. Ungehindert konnten seine Fenster über die dienstbare Umgebung der Scheune, Schöpfe und Hütten hinweg nach dem nicht allzufernen Hochgebirge sehen und hinab auf einen kleinen See, der gen Abend, unterhalb des umwaldeten Raingütsches, in einer grünen Mulde des verebbenden Hügellandes lag.

Manch ansehnliches, ja fast ebenso umfängliches Bauernhaus gab's in der gottgesegneten, fruchtbaren Landschaft. Das Haus auf Rain war dennoch in seiner Art einzig. Nicht nur reckte es sich außergewöhnlich hoch auf, als wollte es sagen: Oh, endlich 6 überhöhe ich doch alle! Es hatte auf dem hochgiebeligen Dache ein fast offenes Türmchen, in dem eine kleine Glocke hing. Dieses hölzerne Türmchen, auf dem über und über verschindelten, so umfänglichen Gebäude, gab dem Hof auf Rain sein besonderes, sein eigenes Gesicht. Nirgends sonst, landauf, landab ließ sich ein Bauernhaus mit einem Glockentürmchen finden.

Man hatte sich einst ringsum im Lande gewundert, was denn da werden möchte, als man beim Bau des Hauses auf Rain ein Türmchen aus dem Dachgebälk herauswachsen sah. Ja, man ärgerte sich damals weidlich über den Rainler, der seine Wohnung zu einer Burg machen und sich selber in den Adelsstand erheben zu wollen schien. Bald aber war man's gewohnt. Man sah das Türmchen kaum mehr, außer wenn sein Glöcklein unversehens zu läuten anhob. Alsdann gingen ringsum in all den großen Bauernheimwesen und auch unten im nahen Dorf Bohlishusen und soweit des Glöckleins Stimme reichte, die Fensterscheiben. Man lachte und rief einander heitern Angesichts zu: »Hört ihr's, es läutet auf Rain! Da ist doch wohl ein neues Leben eingerückt. Gott mit ihm! Möge es einen guten Weg haben!« Oder aber man machte nachdenkliche Augen, schlug ein Kreuz und sprach: »Es läutet auf Rain. So ist also jemand mit Tod abgegangen. Gott tröste ihn und sein ewiges Licht leuchte ihm in alle Ewigkeit!«

7 Und das ist aber die Geschichte des Glockentürmchens auf dem hochgestellten Bauernhaus auf Rain, ob dem ländlichen Dorf Bohlishusen: Es war in alten Zeiten. Da lag denn eines Tags der Urahne der Hofleute auf Rain im Sterben. Er hatte noch im hohen Alter seines Vaters baufälliges, auch zu wenig räumliches Haus abtragen und ein stolzes, grundfestes Holzhaus aus seinen eigenen Tannen erbauen lassen. Und als es dann beinahe fertig erbaut war und man schon das Aufrichttännchen mit den bunten Schnupftüchern aus dem Welschland draufsetzen wollte, mußte der Baumeister, gern oder ungern, dem zähwilligen Bauern folgend, ein Türmchen aufs Dach setzen.

Der Rainler aber ließ eine kleine Glocke gießen und für die Glockenspeise mußte ihm der Meister den silbernen Weihbrunn aus seiner seligen Mutter Kammer und die zehn Krontaler aufnehmen, die er von seinem Vater bei der ersten hl. Kommunion erhalten hatte.

Da gab's große Augen im Land, als nun das Türmchen mit der kleinen Glocke auf dem Rainhaus stand. Man sprach weitherum über diesen unerhörten Aufhock. Man wunderte und werweiste, was wohl mit dem Glockentürmchen beabsichtigt sei, ob der Rainler es als Sühne für einen besonderen Frevel seines Hauses, für eine wandelnde arme Seele seiner Familie oder nur so aus lauterem Hochmut, der sich ja nie genug tun könne und auf alles mögliche verfalle, gestiftet habe. Jedenfalls, und darin war man einer Meinung, mußte das Glöcklein doch einen Zweck haben und also auch läuten. Wie man aber, und vorab unten im Dorf Bohlishusen, die Ohren sträußte: das Glöcklein auf Rain verhielt sich immer mäuschenstill; nie gab es einen Laut von sich, weder bei Tag noch bei Nacht, sogar im unbändigsten Föhnsturm verhielt es sich ruhig. So fingen die Leute zu glauben an, der Alte habe es nur so zur Zierde und des Scheins wegen ins Türmchen setzen lassen; das Glöcklein habe am End gar keinen Schwengel und sei stumm. Man ärgerte sich hierüber erst recht, denn man hatte vom Türmchen auf Rain doch ein wenig Theater erwartet. Nein, die Glocke schwieg, obwohl es doch im Frühling, zur Zeit der Lenzatzung, in der die Kühe und Rinder mit ihren Schellen und Klopfen wonnebesessen in der Hausmatte herumtollten, ja bocksprangen, seine Stimme auch getrost hätte hören lassen dürfen. Schließlich nahm man auch dieses stimmlose Glöcklein hin und die Burschen landum riefen sich etwa über Tisch und auf der Gasse zu, wenn ihnen ein Mädchen auf Anruf die Antwort schuldig blieb: »Die hat wahrscheinlich auch keinen Schwengel im Mund wie das Glöcklein auf Rain!«

Eines Tags aber begann das verschwiegen Glöcklein mit einer silberhellen, fast frohen und weitumgehenden Stimme zu läuten.

9 Siehe, da wunderte man sich im Volk gar nicht besonders darüber, denn nun wollte es jedermann immer gewußt haben, daß die kleine Glocke auf Rain keineswegs stumm sei und daß sie schon zu läuten und zu rufen anheben werde, wenn ihre Zeit gekommen sei. Und jetzt schien ja ihre Zeit da zu sein, denn der alte Lunz Hochrütiner auf Rain war gestorben.

Und als man ihn zu Grabe getragen hatte und der Tag der Testamentseröffnung gekommen war, da fand sich kein weiteres Schriftstück vor, weil ja alles seinem einzig noch vorhandenen Sohn und einer ledigen ältern Tochter zukam, als ein ziemlich mitgenommenes Papier, das der verstorbene Bauer im Kalender unter seinem Kopfkissen gehabt hatte. Drauf aber stand mit noch wehrhafter Hand geschrieben:

»In Gottes und Mariä und aller lieben Heiligen Namen in Ewigkeit, Amen. Ich, Lunz Hochrütiner auf Rain verordne allen meinen Nachfahren für jetzt und immer und ewige Zeiten, so uns der Herrgott diesen von alters her auf uns gekommenen Hof auf Rain weiter zu Lehen läßt, daß man das Glöcklein auf dem Dach unseres Hauses nur darf ziehen, wenn jemand rechtmäßiger Herkunft aus unserer Familie, der diesem Hof auf Rain vor Gott und Welt zugehört, wird oder stirbt. Und das habe ich verordnet zum ersten zum Preise Gottes und der seligsten Jungfrauen Mariä und zum andern aber zu einer Buße und zum 10 Nutzen und Frommen der Nachkommenschaft aus unserem Stamm der Hochrütiner. Auf daß sie Kommen und Gehen besser bedenken als ich es habe getan, der ich, als meine Mutter selig auf dem Sterbebett ist gelegen, zum Tanz gegangen bin und von ihr so nicht habe Abschied nehmen können. Und dann auch, weil ich getan habe wie von Verstand vor Verdruß, als mir meine Frau selig darnach ein Mädchen als erstes Kind hat geboren, anstatt des erwarteten Buben, und weil ich darnach an besagter Tochter mehr Freude habe erleben können als an meinen Söhnen, die mir gestorben oder in Untreue davongegangen sind, außer dem jüngsten und heutigen Erben, den ich seiner Schwester, meiner lieben, bis in den Tod getreuen Tochter Maria Josepha in ihre Obhut und Wartung anvertraue.

Und das ist mein Wille, daß man demnach das Glöcklein auf dem Hof, das dem hl. Leodegar geweiht ist, in obgemeldetem Geiste läute, solange wir Hochrütiner auf Rain zu eigen sitzen. Das walte Gott!«

Da erkannten endlich die Leute, warum das Türmchen und seine kleine Glocke auf das Rainhaus gekommen waren. Sie ehrten und lobten die Verfügung des alten Lunz, und nun wußte man in künftigen Tagen und Nächten, wenn das wunderlich klarstimmige Glöcklein auf Rain über das Dorf Bohlishusen hinwandelte, daß auf dem Hof Freude oder Trauer Einkehr gehalten hatten.

11 Schon lange her war's nun seit den Tagen, in denen der Ahne Lunz Hochrütiner das Haus auf Rain gebaut und das Glöcklein gestiftet hatte. Manchem aus dem Geschlecht hatte es ins Leben und aber auch ins Grab geläutet. Immer noch saßen die Hochrütiner auf dem großen, schönen und so ertragreichen Heimwesen, das in seinen Fenstern und in seinen Brunnen die Hochalpen und ihren ewigen Schnee spiegelte. Es schien, als wolle das Glöcklein mit diesem starken Stamm und auf dessen Grund und Boden den jüngsten Tag erleben und einläuten helfen, denn auch jetzt wirtschaftete ein Bauer alter kernhafter Art auf dem Hof auf Rain, der Hansbaschi Hochrütiner, nachdem seine zwei Brüder und eine Schwester vom Hof gekommen waren und sich in seiner Umwelt niedergelassen hatten.

Es waren die ersten schönen Tage nach einer langwierigen Regenzeit. Heute nun ließ die Sonne, die gestern und vorgestern noch bleich und herabgekommen aussah wie eine Wöchnerin, ihre volle Herrlichkeit ewigjung und morgenschön über den Hof auf Rain, seinen Obstwald, seine Tannen und Buchenwaldungen, über seine Wiesen und weitumgehenden Ackerbreiten hinleuchten. Der kleine teichartige See seitwärts am Hügel, zu dem ein par alte Tannen aus dem Wald hinabwanderten, blitzte und funkelte zum Hof hinauf wie ein Brennspiegelein.

Aber auch die Fenster auf Rain funkelten in der 12 Morgensonne und ließen die zwei Wappenscheiblein, die drin hingen, farbenfroh aufscheinen. Kurzum, der Tag war zum Weltvergolder geworden, sogar die kunstreichen Ranken des Eisengeländers, das die steinerne Vortreppe einfaßte, vergoldete er über und über.

Und der Morgen übersonnte auch den weitausladenden Schirm, das Dach der wahrhaft gewaltigen Scheune, mit ihren Türen in die Stallungen und Schöpfe und dem mächtigen doppelten Tenntor und dem schöngehäuselten Holzwerk der Heudieleschwemmungen, auf die nordseitig die hochgebaute Brücke der Einfahr führte. Diese Einfahr, die unter der Brücke zu einem gerätebergenden Schopf ausgebaut war, sah aus wie eine Festungsmauer. Die Mauerschwalben, die sich der langentbehrten Sonne freuten, umpfeilten sie jauchzend, aber die uralte, hochkönigliche Linde, die Haus und Hof überhöhte, erschien heute tausendarmig. Es war als wolle sie all den strahlenden Glast und Überfluß der Sonne auffangen. Alles, alles lebte in der Sonne auf, die jünger als jemals aus den langwöchigen Regenwolken hervorgegangen war. Die Amseln in der Linde waren ein unaufhörlicher Brunnen von Wohlklang. Es mochte ihnen sein, das tausendjährige Reich sei endlich aufgetan und es werde nun ineinemfort Sommer bleiben. Und auf einem Bänklein vor der Scheune spielte die rotweiße Bringlerin, die Katze, mit ihren 13 Jungen das anmutigste Spiel, das man sich denken kann.

Jetzt sprang der weißgelbe Bernhardiner neben der Roßstalltür auf, also daß seine lange Kette rasselte. Gespannt, den mächtigen Kopf stellend, schaute er aus klugen Augen, ohne jedoch anzuschlagen oder sich besonders aufzuregen, auf das Ungewöhnliche, das heute vor dem Rainhause war, auf die vielen Leute, die sich dort angesammelt hatten.

Hart vor der Treppe mit dem kunstvollen Geländer lag auf einer schwarzen Bahre ein brauner Sarg und daneben gab's auf einer schöngeschnitzten Stabelle, vor einem Kruzifix und zwei brennenden Kerzen, einen kleinen Weihbrunnen, mit einem Buchszweiglein drin.

Immer wieder kam noch jemand aus der ländlichen Nachbarschaft oder aus dem unten liegenden Dorf Bohlishusen herauf. Wer immer aber kam, ergriff das Buchszweiglein und bespritzte mit dem Weihwasser den Totenbaum.

In ehrfürchtigem Schweigen umstanden die Bauern und Dorfleute diesen Sarg, in dem die Bäuerin auf Rain, des Hansbaschi Hochrütiners Frau, lag. War aber gleichwohl keiner unter den Bauern der Trauerversammlung, der nicht seine Augen verstohlen, doch angelegentlich rundumgehen ließ; besonders wurde der gewaltigen Scheune in allem, bis auf den Dengelstein, die Haberkiste und die Viehprämienschildlein ob dem 14 Kuhstall und dem starkströmenden Brunnen, vollste Aufmerksamkeit gewidmet. Es blieb aber trotz der vielen Leute vor dem Hause eine große Stille, die der Morgenjubel der Vögel noch zu vertiefen schien. Immer wieder gingen die ernsten und frommen Augen der leidtragenden Nachbarn und Befreundeten vom Sarg weg irgendwie auf Schau und Suche und auch unter demütig geneigten Stirnen hinauf zu den Fenstern des Rainhauses, hinter denen sie den bestandenen Witwer und dessen Verwandtschaft wußten.

Die Schwester des Waisenhauses, die durch ihre Schützlinge, die Kinder, die vielen Kränze für die verstorbene Wohltäterin zum Friedhof im Dorf hinabtragen lassen wollte, hatte die liebe Not, den zur Schau getragenen Ernst der Erwachsenen auch unter dieser munterblickenden Jugend einigermaßen aufscheinen zu lassen. All die raschen Äuglein der Kinder verweilten kaum einen Augenblick auf der Totenbahre. Das alles war ja zu traurig und so langweilig. Sie wanderten soweit es nur ging über den Hof, und vor allem aber zog sie das Spiel der Katzen unter dem Scheunenvordach an. Immer wieder wollte auch ein Kichern unter den kleinen Mädchen aufkommen und dieses oder jenes Mäulchen plaudrig werden. Die Gesichter der Jugend ließen sich einfach nicht so recht verschatten, die gute Schwester mochte noch so streng auf sie blicken. Zuletzt ging unter den Kindern ein beständiges Flüstern 15 um. Ein jedes behauptete, es habe den schönsten Kranz zu tragen. Und völlig frohgestimmt schauten die Waisen jetzt auf den alten Knecht Hansuoli, der gebückt, im fadenscheinigen Sonntagskittel, begleitet vom jungen Melker Wysel und einem Handknaben, von der Scheune her aufs Haus zu hinkte. Es vergnügte die Kinder sehr, zu sehen, wie die drei Knechte, der alte Hansuoli voraus, vor der steinernen Treppe schüchtern, linkisch das Buchszweiglein handhabten, es immer wieder in den Weihbrunn tunkten und sich mit Spritzen über den Sarg nicht genugtun konnten. Daß der rasche Melker Wysel dabei noch gar stolperte und der Handknabe vergaß, seinen verwitterten Filzdeckel abzunehmen, war ihnen noch eine besondere Lustbarkeit. Sie hatten das Lachen zuäußerst, und nur mit einem vielfältigen Gebärdenspiel gelang es der Schwester, die Augen auf ihre Zöglinge machte wie der jüngste Tag, deren Lachsalve zu stauen.

Die Kinder wurden aber auf einmal völlig ruhig. Es schauten aller Augen auf den verspäteten Leidtragenden, der nun eilig über das saubergehaltene Rainsträßchen heraufhastete. Aha, da kam ja der Chemifeger, der Bruder des Bauern auf Rain, der zweitälteste Sohn des Franz Hochrütiner sel. noch dahergestiegen. Er hieß zwar Leodegar; aber die Leute allerwärts nannten ihn nur Ludi und fast noch häufiger Chemifeger. Er hatte eine Zeitlang Chemie studiert. 16 Als jedoch sein Vermögensbetreffnis gründlich und mit Heijuhu verputzt war und ihn der Bruder auf Rain nicht mehr dulden wollte, da er einer Magd ein Kind angehängt hatte, saß er ins Dorf Bohlishusen hinunter und wurde Weinreisender auf Provision. Weil er dabei allen Kunden, die er besuchte, immer vorflunkerte, die Weine, die er vermittle, vermögen alle chemischen Analysen zu bestehen, und weil er überhaupt immer mit seiner Chemie großtat, nannten ihn die Leute Chemifeger, was ja in der Mundart des Schweizerlandes gar noch Kaminfeger heißt.

Diesen zweiten Sohn vom Hof auf Rain nun kannten alle Kinder weitherum, da sie ihn zuweilen betrunken durch die Dorfgassen von einer Wirtschaft zur andern, auf der Geschäftstour, wie er zu sagen pflegte, treiben sahen. Deswegen schaute die Jugend des Waisenhauses nun so gespannt dem Heraufsteigenden entgegen, um rasch genug herauszubringen, ob er wohl noch betrunken oder schon wieder betrunken sei.

Nein, es ging noch an. Da stieg er den Rain hinauf, sein schmutzigbraunes Gesicht, das wie schlecht ausradiert aussah, unter einem entlehnten Zylinder zur Ernsthaftigkeit zusammenstellend. Wie abgetragen, unordentlich er doch aussah! Und dieser liederliche, verrupfte und verzupfte Mensch sollte ein Sohn dieses großen Hofes auf Rain sein? Nein, wie war denn so etwas möglich!

17 Aber da war er nun, der Ludi Hochrütiner. Er wischte flüchtig mit dem Rockärmel den Schweiß vom schon so ältlich aussehenden Gesicht, und nachdem er einen raschen Blick über den Sarg hin getan hatte, machte er sich unsicheren Schrittes, der ihm nun auch im nüchternen Zustand gewohnt war, wie dem Matrosen, der an Land kommt, über die steinerne Stiege hinauf und ins Haus hinein.

Kaum war er verschwunden, so tauchte aus dem Obstwald vom Dorf her eine schwarze Fahne auf.

Der Ernst auf den Gesichtern der trauernden Nachbarschaft wurde um einen Schatten dunkler, und die Waisenkinder schauten still und benommen hinab. Da kam ja nun die große, schwarze Fahne mit dem weißen Kreuz unter den Bäumen hervor aufs Haus zu und mit ihr der Vorbeter im Trauermantel, begleitet von einigen Knaben in roten Pfaffenkäpplein, roten Kutten und weißen Chorhemden drüber. Diese trugen die bunten Fähnchen der verschiedenen kirchlichen Bruderschaften. Dem Umgang voran aber fuhr der Leichenwagen.

Immer näher rückte diese kleine Trauerprozession dem Rainhause. Wie sie jetzt vor dem Sarg anhielt, hob mit einemmal, also daß die Leute fast erschraken und erstaunt aufschauten, das Glöcklein im Türmchen auf dem hochragenden Hause zu läuten an.

Alles lauschte andächtig und mehr noch verwundert 18 der klaren, fast fröhlichen Stimme des Glöckleins, das man ja nur zu hören bekam, wenn das Leben oder der Tod auf Rain in dessen alteingesessener Familie Einzug hielt. Dasmal galt das Läuten dem Tod, wie ja auch längere Zeit vorher, als der alte Franz Hochrütiner und seine Frau gestorben waren. Und nun lag die noch junge Frau Hansbaschis, des Kronprinzen, wie ihn sein liederlicher Bruder betitelte, im Sarg auf dem Hof, und trotz dem feierlichen Hochsommermorgen mußte das Glöcklein auf Rain doch wieder dem Tod läuten. Es war wie verhext, daß seine Stimme in den letzten Zeiten nie ein neues Leben ankündigen konnte.

Jetzt machten sich aller Augen über die Vortreppe des Hauses hinauf; denn eben öffnete sich die schwere grüne Bogentüre, und im schlichten Sonntagsrust, den Hut in der Hand, erschien der Rainler, der Hansbaschi Hochrütiner, auf dem Sandsteinbödelein der Stiege. Er tat einen ernsten, aber ruhigen Blick über die versammelte Trauergemeinde hin; dann schritt er als ein breiter, stattlicher Mann, den leichtangegrauten Kopf etwas vorwegend, die steinerne Treppe hinunter. Ihm folgte seine hochgewachsene, gewichtige Schwester Brigitt Anderbalm. Aus großen kühlen Augen umfaßte sie flüchtig das Volk, dabei ihren nachrückenden zwei Söhnen, ziemlich vernehmlich, etwas zuraunend. Für ihren nachkommenden Bruder Ludi Hochrütiner war 19 jedoch die Türschwelle ein Stein des Anstoßes; denn er stolperte darüber und der Zylinder entfiel ihm, zum besondern Vergnügen der untenstehenden, mit großen Augen hinaufwundernden Jugend. Fast wäre sein um kaum mehr als ein Jahr jüngerer Bruder, der dritte Sohn des Hofes, Hans Hochrütiner, den man seiner langen hageren Körperlichkeit wegen nur den Langhänsel nannte, auf den vor der Tür liegenden Zylinder getreten. Mit einem leisen, aber aufrichtig gemeinten Fluch stieß ihn sein Schuh beiseite, und wenn er doch wieder in die Hände seines Bruders Ludi geriet, so hatte es dieser einem ärmlichen Vetter der verstorbenen Hofbäuerin zu verdanken, der ihm nachkam und den verbeulten Hut noch knapp vor dessen Absturz über die Treppe rettete. Diesem Vetter folgten die drei Töchterchen Langhänsels mit ihrer unscheinigen, mausgrau aussehenden Mutter und alsdann die übrigen Verwandten.

Wie nun all die Trauernden unten standen und der Sarg auf dem Leichenwagen lag, über und über mit Kränzen bedeckt, fing der Vorbeter gar laut zu beten an, und nun setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Dem Wagen folgten zuerst die Waisenkinder mit den übrigen Kränzen und alsdann der Bauer auf Rain mit Brüdern, Schwester, Neffen und Nichten und den weitern anwesenden Verwandten, denen sich Großbauern, Handwerks- und Gewerbeleute aus dem Dorf 20 und Knechte und Mägde, das Männervolk voraus, anschlossen.

Es war ein ansehnlicher Trauerzug, der sich beim Abstieg ins Tal immer noch vergrößerte, da aus den Heimwesen der Nachbarschaft und unten gegen das Dorf zu sich alleweil wieder jemand dem Kirchengang anschloß. Und als nun die helle, fast sündhaft fröhliche Stimme des Glöckleins auf Rain verstummte, hörte man der hochgehenden, schrillen Stimme des Vorbeters den tiefen Brummbaß des alten Meisterknechtes, des Hansuoli, immer etwas nachhinken, was die vorangehende Jugend sehr vergnügte. Es kam den Kindern so komisch vor, daß bei dem hinkenden Hansuoli sogar die Stimme hinken mußte.

Kaum war aber das Glöcklein auf Rain still, so hoben die Glocken unten im Dorf Bohlishusen zu läuten an. Und das Geläute der zwei alten, dumpfschlägigen Glocken hielt an, bis der Leichenzug im Friedhof bei der Kirche angelangt war.

Da nahm die fast weißhaarige Stubenmagd Zille, die Haushälterin, in der großen Wohnstube auf Rain das Fenster zu. Sie hatte mit der Viehmagd Karline und einem gelegentlichen Küchendienstmädchen dem Trauerzug hinter einem Fensterladen nachgeschaut. »Macht, lauft, macht, herrschaftabeinander!« rief sie jetzt hastend, fast aufgeregt, aus. »Es dauert nicht lange, keine hundert ›Gegrüßt seist Du!‹ geht's, so sind 21 sie alle schon wieder da, die ganze Verwandtschaft, und dann muß, ja es muß alles für das Leichenmahl hergerichtet sein. Unser Bauer, so schön er sonst zur Sache schaut, wenn gefestet wird, heißt das, korrigierte sie sich, wenn's gilt, die Leute zu bewirten, will er, daß man nicht knausert. Es muß von allem, was Küche und Keller vermögen, haufensgenug auf den Tisch. Und wie ich die Verwandtschaft kenne, werden sich so ziemlich alle, und seine Allernächsten voran, auf seine Rechnung gehörig vollstopfen, von des Meisters sauberem Bruder, dem Chemifeger, zu schweigen. Dieser Süffel, der dem Hof auf Rain sowieso Schande genug macht, brächte unsern Bauer noch zu armen Tagen, ja, heißt das, wenn er ihm seinen Geldsäckel auslieferte, so wie's der Hudel gern haben wollte. Hingegen, da hat's keine Not. So gut der Meister ist, den Ludi, sagen wir ruhig den Sauludi, läßt er sich nicht mehr zu nahe kommen. Er hat genug blechen müssen, um des lustigen Herrn Chemifegers Nachkommenschaft von der malefizblonden Marie, die doch ein so tüchtiges Mädchen war, anständig abzufinden, während seine Schwester, die Holzhändlerin in der Wydlen, und der andere Bruder, der geschliffene und geizige Langhänsel, nicht einen roten Rappen für das angeschmierte Marieli gegeben haben. Aber«, sie lauschte, »aber macht, macht, wehrt euch! Es hat schon verläutet zu Bohlishusen unten. 22 Sie können eineswegs, im Hui können sie wieder da sein.«

Sie tat das Fenster mit den zwei Wappenscheiben auf und rief zur Scheune hinüber nach dem Küher, der eben einen mächtigen, strubelköpfigen Stier am Brunnen tränkte. »Oswald, hörst du Oswald, komm« gebot sie; »zieh dein dreckiges Hirthemd aus und steck den krausen Bart ein paarmal in den Brunnentrog! Mußt mir im Keller und allweg helfen; wir mögen's sonst nicht schaffen, bis sie kommen. Auch will ich jemand haben, der zuverlässig ist, irgendeinen Hupfauf kann ich nicht brauchen . . . Komm, befleiß dich!«

Und alsdann begann die weiße, aber noch umtunliche Haushälterin und Stubenmagd mit den zwei andern Mägden den Tisch zu decken und die räumliche Stube in einen heimeligen Festsaal zu verwandeln.

Nicht lange darnach gingen Schritte auf der Vortreppe des Rainhauses. Die alte Zille schaute noch einmal prüfend über den Tisch hin. Nein, es fehlte nichts mehr; der Meister und seine mittrauernden Verwandten mochten kommen. Schon standen ja die großen Flaschen voll roten und weißen Weines auf dem tadellosen, etwas groblachten Tischtuch. Diesen Wein aber hatte die Haushälterin Zille zwei Fässern abzapfen lassen, die der Bauer auf Rain einer Weinhandlung in der nicht gar weit entfernten Stadt abgekauft hatte, weil sein verluderter Bruder ihr zeitweiliger Vertreter 23 war. Der Küher Oswald mußte auch ein paar bauchige Flaschen schönfärbigen süßen Apfelmostes vom Rain auf den Tisch stellen. Umfängliche Bauernbrote vertaten sich zwischen den in der Morgensonne blinkenden und blitzenden Tellern und ihrem Zubehör. Es schien, als schaue die Urgroßmutter Franziska Hochrütinerin, die sich einst als Witwe für ihre Nachkommenschaft von einem wandernden Künstler um eine Reihe Rasttage und ein rechtes Trinkgeld hatte malen lassen, mit großen Augen auf den vielversprechenden Tisch, werweisend, was da wohl alles drauf aufgetragen werden möchte. Auch die Spatzen zwischen den feuerroten Geranien vor den Fenstern hofften wohl allerlei Brosämliches von dieser Tafel für sich; sie hielten ein großes Gezwitscher ab und pickten sogar ab und zu ungeduldig an die Scheiben.

»Wenn sie doch nur einmal anrücken möchten!« redete jetzt die alte Zille an ihre Gehilfinnen hin, »wenigstens die Knechte, die Theres und das Saubethli. Es ist ja für unser Arbeitsvolk in der Dienstenstube ein kräftiger Imbiß fix und fertig aufgetischt. Nur zuzulangen brauchen sie. Und sie müssen auch zulangen und sich befleißen. Es gibt da heute nichts auf den Bänken herumzulagern und zu tabaken. Wohl, das fehlte uns noch, jetzt, wo wir unsere vornehmste Frucht, den Weizen, einzubringen haben. Die Garben sehen ja prächtig aus«; sie tat einen Blick 24 durchs Fenster. »Wie ein Bataillon Soldaten stehen sie in Reih und Glied und werten nur drauf, unter Dach gebracht und einquartiert zu werden. Das Wetter ist heute wohl schön; aber wer weiß, bis morgen könnte es wieder ändern. Lange genug haben wir mit dieser Ernte zuwarten müssen; so wär's unverantwortlich, wenn wir sie heute nicht einbrächten. Es ist ja freilich ein Trauertag, die Frau ist uns aus dem Hause weggestorben, tröste sie Gott!, aber deswegen dürfen wir doch den gottverliehenen Segen nicht zu lange auf dem Feld stehen und am End verfaulen lassen.«

»He, die Knechte, der Karrer Karlima, der Oswald und die Tagnerburschen, die Mistfinken und erst der Melker Wysel werden sich schon gehörig tummeln und umtun wie das Wetterleuchten«, meinte die Viehmagd Karline, »haben ja alle noch Schmalz in den Ellbogen und klopfende Knie. Wenn die mal zugreifen, da läuft es.«

»Ja, aber wenn sie am Tisch hocken und Tranksame vor sich haben und volle Platten und wenn sie am Festen sind«, warf die Haushälterin ein, »dann läuft's ihnen noch ganz anders als im Feld. Dann schütten sie nur so hinein und fressen und saufen, bis sie überlaufen, weil sie denken: Pack's, morgen ist's weg! Und darnach, wenn sie einmal voll sind, bringt sie niemand mehr zum Aufstehen. Fester lagern sie dann als wiederkäuende Kühe. Und 25 unser Meister, so wohl er in allem sonst berichtet ist, da ist er zu gut und will nicht alles sehen und sieht aber auch nicht alles. Es ist nur ein Glück, daß wir den alten Hansuoli noch haben. Obwohl er hinkt, kommt er doch so ziemlich allem nach und ist überall wo's nottut. Der hält den Hof auf Rain mit unserm starken, gutwilligen, aber trotz seiner vierziger Jahre immer noch nicht in allem beschlagenen Meister noch wohl beisammen. der . . .«

»Da kommt ja der Hansuoli schon wieder mit den Knechten den Stutz hinaufgegangen. Das Saubethli und die Putzerin Theres sind auch bei ihnen!« rief das Seppeli, das mithelfende Nichtlein der alten Zille, aus. »He, doch wohl!« lachte es hellauf, »denen pressiert's aber. Schaut, wie der hinkende Hansuoli mit beiden Armen dahergerudert kommt und wie der Karrer Karlima so schwerfällig, so tappig, noch tappiger als seine Rosse, hintennach knebelt!«

»Heja«, meinte Karline, die Viehmagd, »wenn man den Karrer auch noch nicht hört, so sieht man's ihm doch von weitem an, daß er des raschen Aufstieges wegen schon wieder alle Zeichen flucht und drauflossakramentiert.«

Die Alte schüttelte den Kopf und das Seppeli lachte. Als aber jetzt die Knechte und Mägde mit ihrem hinkenden Meisterknecht sich dem Hause näherten, sagte die Viehmagd: »So komm Seppeli! Nun wollen 26 wir zuerst in die hintere Stube und den unsrigen aufwarten, auf daß sie gleich wieder ins Feld ausrücken können, bevor sie der Meister aufbieten und von den Bänken lüpfen muß. Du weißt ja, das tut er ungern. Er meint immer, das sollte den Leuten selber zu Sinn kommen oder wie allemal der Hansuoli sagt, sie sollten selber wissen, daß man zum Löschen immer bereit sein müsse, wenn's brennt. He, schau, schau, dort unten kommt ja unser Bauer mit seinen Gefreundeten und den Gästen allen auch schon den Rainweg hinauf!«

»Ja«, lachte das Seppeli auf, »und aus allen hervor schauen wie zwei Kamine die Zylinder des Chemifegers, des Ludi . . .«

»Fratz du!« fuhr die alte Wirtschafterin ihr Nichtlein an, »so redet man, wenigstens hier, unter dem Bildnis der Ahnenmutter Franziska selig, die ich noch wohl gekannt habe, nicht von einem Sohn aus dem Rainhaus. Leodegar heißt dieser Bruder des Meisters, daß du's weißt!«

»Ja, Base«, machte, den Schalk in den Augen, das Seppeli, »das hab' ich nicht gewußt, denn ich habe ihn nie so nennen hören.«

»Auf wessen Kopf steht denn der andere Zylinder?« wunderte die Viehmagd Karline.

»He, wer wollte denn unter diesem Kaminhut sein als der andere Bruder des Meisters«, sagte die Alte, »der . . . . .«

27 »Der Langhänsel!« rief die Karline aus, »ja richtig, diese Leichenfahnenstange, der steinstaudendürre Krämer aus dem billigen Laden, der einen so seltsam anschauen kann, als hätte er Zangen in den Augen und von dem's heißt, er habe in seinem Geschäft zweierlei Gewicht für die Waage«.

Die Haushälterin Zille schien das zu überhören, aber jetzt begann sie wieder zu eifern: »Fort, rasch hinaus in die Küche zur Kresenz! Sie wartet gewiß. Tragt sogleich die Suppe auf in die Dienstenstube. Die Kresenz soll noch ein paar Hände voll Wirsing hineinwerfen, so gibt's in diesen Freßsäcken Boden. Er wird schon noch lind. Und wenn die Köchin ein rechtes Markbein hat, so sollt ihr das dem Hansuoli in den Teller legen. Das braucht er nicht zu beißen und es tut ihm doch wohl. Machte fort, macht! Gleich sind auch die Gäste den Rain hinauf.«

Man hörte ein polterndes Schreiten irgendwo im Hause und Türen auf- und zuschlagen und ein ziemlich lärmendes Getue, das eine Weile anhielt, aber mit einemal abbrach, als jetzt des Hofbauern Hansbaschis breithinschreitende Stimme vor dem Hause laut wurde.

Zille, die alte Stubenmagd, tat die Stubentüre weit auf und rief, noch bevor sie jemand von den Leidtragenden sah, die nun die steinerne Vortreppe herauf und über den weiten Flurboden kamen, gar 28 vernehmlich, wohlwollend aus: »Willkommen bei uns, alle Gäste miteinander!«

Kaum hatte sie sich bescheidentlich neben das große Gehäuse der Wanduhr gestellt, die eben ihre Ketten herabrasseln ließ und zehn Uhr schlug. und bedauernd geäußert, wie leid es ihr sei, daß die Verwandtschaft heute keine Hausfrau empfangen könne, trat die Schwester des Rainlers, die Brigitt Anderbalm, schwergewichtig und wohlbewehrt wie ein altzeitiger Kriegswagen mit Sicheln, in die ziemlich niedrige, aber sehr räumliche und getäfelte, weißgestrichene Wohnstube, die einen eigentümlichen grünlichen Schimmer hatte. Ihr folgten, wie zwei Knappen, ihre beiden Söhne, von denen einer so ziemlich erwachsen war, der andere aber noch in den Knabenhosen steckte.

»So«, rief sie starkstimmig aus, »da wären wir also. Es ist ein heißer Aufstieg gewesen.«

»Heja«, bestätigte einer ihrer Söhne, »ich hab heillos Durst bekommen.«

»Natürlich Durst«, machte mit vertrunkener Stimme der nachhinkende Bruder des Hofbauern, der Ludi Hochrütiner, »naturgemäß Durst, meine lieben jungen Vettern, aber«, er lachte widerlich auf, »aber der Moses braucht uns kein Wasser aus dem Rain zu klopfen; wir können uns ja hier zu weißen oder roten Brunnen niederlassen oder wie der Dichter so schön sagt: An der Quelle saß der Knabe.«

29 Er zog einen Sessel vom Tisch weg und ließ sich draufplatschen.

Seine hoch- und breitschultrige Schwester Brigitt hielt es offenbar nicht der Mühe wert, auf die Auslassung des schon verdächtig nach dem Morgenschnaps riechenden Bruders zu antworten. Sie sah ihn kalt, verächtlich einen Augenblick an, alsdann sagte sie zu ihrem Bruder Hänsel, der eben mit seiner süßlichblickenden, aber fast schattenhaften Frau Seraphine und ihren drei Töchterchen über die Schwelle gekommen war: »He, Hänsel, sieht man sich auch wieder einmal auf Rain in unseres Vaters und unserer Ahnenleute Stube.« Sie schaute ans verblichene Gemälde der Franziska Hochrütiner hinauf. »Es ist mir, wie ich jetzt so dastehe, ich sei noch keinen Augenblick weg gewesen und ich sei wieder hier zu Hause und der Vater selig werde gleich aus dem heimeligen Hinterstüblein kommen und . . . .«

»Ja«, redete mit verschleierten Augen ihr Bruder Ludi von seinem Stuhl her dazwischen, »der Vater werde gleich aus dem Hinterstüblein kommen, in dem unsere teuren Eltern allemal so schön abseits ihren Schwarzen mit einem höllbrennheißen Güx, auch Kirsch genannt, genehmigt haben.«

Nein, diese Stimme schien niemand zu hören.

»Der Vater selig werde aus seiner heitern guten Stube kommen«, fuhr Frau Brigitt zu reden fort, 30 »und sich da am Tisch niederlassen und zu beten anfangen. Es war mir dann immer, wenn er so von obenher mit strengen Augen nach uns sah, es hocke ein König oder so einer auf seinem Thronstuhl.«

»Mir ist's im Gegenteil«, sagte der andere Bruder, der Langhänsel, »es sei schon eine Ewigkeit her, seit ich mich auf Rain herumgetrieben habe. Es kommt mir mehr oder weniger alles ein wenig fremd vor, außer etwa das Gemälde der Alten da oben und das Holzkreuzlein dort hinten über der Kommode. Das macht«, er ließ seine Stimme leiser werden, »weil unser Große, der Hansbaschi, einen so wohl von sich und seiner Sache, die wir ihm«, er sah sich scharfäugig um, »viel zu billig nach des Alten Willen zuschreiben lassen mußten, abzuhalten versteht. Immerhin«, er wurde nun ganz leise, »nun ist ihm ja die Frau weggestorben, mit der es übrigens nie viel war; Kinder sind keine da, ein heuriges Kaninchen ist der Hansbaschi auch nicht mehr, wenn man's allenfalls so einrichten könnte, daß er nicht mehr weiben würde oder doch nur eine, die . . . .«

»Hänsel, Hergott abeinander, so bezapf dich doch!« raunte ihm seine Schwester zu, »was fällt dir denn ein? Wir haben ja seine Frau, – nein, eine Bäuerin ist sie nicht gewesen, – eben erst begraben und zudem ist der Große noch jung genug, wenn er auch ein wenig Schnee auf dem Gesims hat, eine zweite Frau 31 und ein ganzes Kegelries Kinder zu bekommen. Es wäre ja freilich . . . . aber nein, jetzt kann man nicht schon von so was . . . . .«

»Ich hab nur so gemeint«, flüsterte der andere. »Man kann ja über alles reden. Du hast zwei Buben, Brigitt, und . . . . .«

»Ja, ja, aber jetzt sei still, man könnte uns hören. Wo ist denn aber der Hansbaschi, der Große, auf einmal hingekommen?«

»Er wird nach seinem Arbeitsvolk schauen. Wirst es ja wohl gesehen haben, er hat da hinten fast bis auf den Rainboden hinunter Garben aufmarschieren lassen und es mag wohl an der Zeit sein, gar bei diesem unsichern Wetter, daß er sie eintut. Freilich, heute hat er ja Trauer; so wird die Frucht wohl noch einen Tag warten müssen. He, unser Bruder wird schon bald anrücken«, redete er jetzt völlig laut, da sich die Stube nach und nach mit Verwandten des Rainlers, auch solchen von der Frauenseite, angefüllt hatte.

So machten sich der Langhänsel und seine Schwester Brigitt denn aus der Fensternische hervor, in die sie sich gestellt hatten und begrüßten, indem sie sich in Abwesenheit des Bauern als Hauswirte erachteten, die Verwandtschaft. Es war darunter auch der arme Vetter der verstorbenen Frau. Schüchtern, sich ehrfürchtig in der großen Stube umsehend, hatte er sich 32 neben das harthölzerne Büfett gestellt. Immer mußte er wieder auf den langen Tisch hinsehen, auf den jetzt die alte Zille mit den Mägden zwei mächtige Schüsseln, wahre Brunnenstuben, voll starkrüchiger, dampfender Suppe hinsetzte.

»He also denn, ihr liebwerten Leute«, gebot mit fast männlicher Stimme die Brigitt Anderbalm«, »laßt euch zu, der Bruder wird gleich kommen und ungern sähe er's, wenn wir die Suppe kalt und den Wein warm werden ließen. So fangen wir halt in Gottes Namen an.«

»Ja«, meinte die Haushälterin, die Zille, »der Meister ist nur noch schnell in die Dienstenstube; er kommt im Augenblick. Fangt nur herzhaft an!«

So ließen sich denn die beidseitigen Verwandten des Hauses einträglich und bescheiden am Tisch nieder und die alte Zille und Brigitt, des Rainler's Schwester begannen ihnen die einfachen, aber vielfassenden Teller mit der kräftigen Gerstensuppe, in der das Gemüse in hundert Inselchen herumschwamm, vollzuschöpfen.

Und als dann der Langhänsel Hochrütiner an seines abwesenden Bruders Statt das Tischgebet hinter sich gebracht hatte, wobei man kaum verstand, was er vor sich hin in seinen vollen Teller brummte, hoben die Löffel zu werken und zu klappern an und der Ludi Hochrütiner rief, nicht eben klarstimmig, über den Tisch hin: »Das ist wieder einmal eine Suppe, 33 wie wir sie in unseres Vaters Haus gewohnt waren, der Löffel könnte drin stecken bleiben, eine vollfütternde Suppe, die man mit einem Güßlein Wein in ein Göttergericht vulgo Ambrosia veredeln könnte, aber«, setzte er, über den Tisch hin nach der Tranksame greifend, bei, »was nicht in der Schüssel ist, kann in der Flasche sein. Gott gesegne es euch allerseits!«

Er bekam keinerlei Echo; man war vollauf mit Essen beschäftigt. Auch erschien es den Leidtragenden denn doch noch zu vorzeitig, schon jetzt auf Späße einzugehen, die Trauerfalten zu glätten und die den ganzen Vormittag umdüsterten Stirnen zu entwölken. Ab und zu fiel irgendein Wort und der arme Vetter am Tisch begann, erst fast scheu, aber angelegentlich und von Herzen seine verstorbene Base auf Rain zu rühmen und wie sie und ihr Mann an ihm und seinen Kindern so gut gewesen seien.

Man hörte ihm nur mit halbem Ohr zu, jedoch begann man von Nachbar zu Nachbarin halblaut dies und das aus dem Alltag, ja auch etwa vom Trauerfall auf Rain, zu sprechen und nur der Langhänsel Hochrütiner hörte dem dürftig angezogenen Vetter der Verstorbenen mißmutig und mit scheelen Augen zu und raunte alsdann seiner baumstarken Schwester, die bolzgrad neben ihm saß, zu: »Jetzt hör einer, wie dieses Hühnerbäuerlein da unten am Tisch ein Gerühmse hat! Der nötige Schelm hat gewiß Sachs 34 genug aus unserm Hof verschleppt; die selige Frau Schwägerin wird ihm wohl Kisten und Kasten offen gehalten haben. Der Sonntagsstaat, den er heute trägt, wird also auch vom Hansbaschi herkommen, ist ihm ja alles viel zu weit.«

Die Brigitt wollte antworten; da ging die Türe und Hansbaschi Hochrütiner, der Bauer auf Rain, trat bedächtigen Schrittes, mit der Hand über den leicht angegrauten, etwas verschwitzten Kopf streichend, in die Stube.

Was für ein breitschultriger, stattlicher Mann ist doch dieser Rainler, dachten alle. Aus gutmütigen, gescheiten Augen überschaute er seine Gäste, die nun wieder völlig verschattet waren, wie die Hügel, wenn sich die Sonne hinter einen Berg macht. Er setzte sich oben an den Tisch zu seiner Schwester und den beiden Brüdern und sagte mit volltönender, wohllautender Stimme: »So, nehmt nichts für ungut, ihr lieben Eigenen und Vettern und Basen, daß ich ein wenig wohl spät anrücke, aber ich habe noch rasch, der Ernte wegen, mein Arbeitsvolk berichten und wegleiten müssen. Ich nehme an, ihr werdet wacker zugegriffen haben. He, Zille«, rief er der eben eintretenden Haushälterin zu, »da ist eine Flasche leer! Was meinst, Ludi, der Wein wird dir und deinem Weingeschäft in der Stadt hoffentlich keine Unehre machen?«

Der Ludi Hochrütiner hob die feuchten, versumpften 35 Augen und antwortete: »Ein Weinlein, Bruderherz, ein Weinlein, sag ich dir, wie's kein Mundschenk in alten Zeiten seinem Pharao hat einschenken können. Ein honettes Weinlein, ein Gesundbrunnen, ein Wunderborn, der einen hundertjährigen Greis innerhalb fünf bis zehn Minuten in einen starkströmigen Nachtbuben umhext. Weiter rede ich kein Wort, das ist genug gesagt. Sufficit. Ein Weinlein, das die goldene Medaille der Eidgenössischen Landesausstellung und vier bis fünf silberne Ehrenzeichen aufweisen kann. Hingegen empfehlen sich ja die Weine, die ich, der Ludi Hochrütiner, vertrete, von selber.« Er hob sein Glas unter die Nase, die rot wie ein Fliegenschwamm aus seinem verschwemmten Gesicht heraussah, wichtig, mit zusammengezogenen Augenbrauen dran schnüffelnd, »eine Blume, ein Aroma . . .«

Ein Ruck und ein Schluck und da hatte er sein volles Glas schon in sich hineingeschüttet. Es abstellend, sah er aber, ärgerlich werdend, daß ihm kein Mensch, nicht einmal der arme Vetter unten am Tisch, zuhörte.

Nein, wenn er noch eine ganze Predigt aus seiner Weinfeuchte heraus gehalten hätte, es würde ihm ja doch niemand zugehört haben. Der Rindsbraten war aufgetragen worden und zugleich ein tüchtiges Holzbrett voll gedörrten Schweinefleisches, das die Tafelrunde anmächelig angleißte. Und nun kam all das 36 Eßwerkzeug, das um Teller und Platten lag, gar lebhaft in Betrieb und die umfänglichen Flaschen Weines gingen fleißig um, verneigten sich vor jedem Glase und spielten zwischen Keller und Stube stiegleinauf, stiegleinab. Hingegen hatten die Flaschen voll goldenen Süßmostes gut ruhen; selten kamen sie dazu, ein Spaziergänglein über den Tisch zu machen und etwa das Glas einer vorsichtigen Frau anzufüllen. Es wurde nach und nach recht laut in der Stube. Die nachbarlichen Gespräche und die über den Tisch wurden lebhafter und vielseitiger. Aber so ziemlich alle betrafen den brotsuchenden Tag. Ja, nicht lange dauerte es, so kam unter der Einwirkung der reichlich fließenden Tranksame eine gar muntere Stimmung unter die Tischgenossen. Die Sonnenfinsternis vom Morgen schien völlig vorübergegangen zu sein. Die Trauergäste hatten allmählich ganz vergessen, daß sie bei einem Leichenmahl zusammensaßen. Je mehr sie sich der üppigen Fleischplatten und ihres Zubehörs an Grünzeug, wie auch des Wunderborns Ludi Hochrütiners annahmen, desto gewisser wurde es ihnen, daß sie heute Kirchweihleben hätten.

Und als nun ein gar lautes Getue und ein lachendes Geschwätz um den langen Tisch war und als der Langhänsel Hochrütiner und seine Schwester Brigitt sich in ein flüsterndes Zwiegespräch eingelassen hatten und der Chemifeger, der Ludi, bereits auf beiden Armen 37 schlief, erhob sich der Hofbauer Hansbaschi so geräuschlos als es dem schweren Mann möglich war und machte sich, wohl unbemerkt, aus der Stube und aus der wahrhaft festlich aufgelegten Trauerversammlung davon.

Wie sollte man ihn auch vermissen? Es war sozusagen jedermann vollauf mit sich beschäftigt. Alles sprach ja und hörte doch jeder und eine jede nur sich, während der Bauer auf Rain mit leicht vorgeneigtem Kopf und ruhigen, aber tiefblickenden Augen auf seinem altererbten, schön geschnitzten Stuhl obenan gesessen war und mit allerlei Gedanken in die betriebsame Gesellschaft der Leidtragenden hineingeschaut hatte. Man hatte ihm freilich eine ordentliche Frist hindurch seine verstorbene Frau, von der ja die meisten Gäste eigentlich so gut wie nichts wußten, in alle Himmel hinauf gerühmt und kein Flecklein noch Stäubchen auf ihrem Wesen und Gewand dulden wollen. Als der Rainler dem allem aber stillschweigend, ernst, etwa mit dem gewichtigen Haupt ein wenig nickend, zugehört hatte und die Leute meinten, ihren Kondolationspflichten genugsam nachgekommen zu sein, vergaßen sie rasch den Tod und den Witwer und so hatten sie sich dem Leben und dem heutigen Tag wieder zugewandt und seiner zunehmenden Kurzweil, und nun gingen ihnen die Schnäbel wie hundert Brunnen.

Jedoch der Langhänsel und seine große, wehrhafte 38 Schwester hatten ihren Bruder Hansbaschi keinen Augenblick unbeobachtet gelassen. Wenn auch ihre Augen anderswo umgingen, ihre Gedanken waren beständig um des Bauers Haupt, wie ein Schmeißfliegenschwarm.

Und als sich der Bruder nun fortmachte, raunte der Langhänsel seiner Schwester, die mit ihrem kalten, immer noch glatten, wie eingefettet aussehenden Gesicht aus kugelrunden Augen in die Gespräche der Tafelrunde hineinzulauschen schien, zu: »Hast du gesehen, Brigitt, wie giltmirgleich unser Große all die Trauerreden, mit denen es ja doch keinem einzigen ernst war, aufgenommen hat? Kaum eine Wimper hat sich an ihm gerührt. Auch unten auf dem Kirchhof zu Bohlishusen, als die Erdschollen auf den Totenbaum seiner Frau selig hinunterpolterten, sind ihm beide Augen völlig trocken geblieben. Nur so dagestanden ist er und hat ins Grab hineingeschaut, wie wenn der Weggang einer Frau etwas Alltägliches, Selbstverständliches wäre. Es mochte mich recht, ja, ich sag's, gedrückt hat's mich, das Herz hat's mir . . .«

»Hänsel«, machte die Schwester halblaut, ohne ihren Bruder ansehen, obwohl er seinen mumientrockenen, länglichen Kopf mit den dünnen Haarsträhnen und dem Bocksbart völlig zu ihr hinhielt, »red doch nicht so dummes Zeug und red mir nicht von deinem Herzen. Laß das lieber in der Truhe, wenn du eines drin hast. 39 Es kann sein, aber ich könnte es nicht beschwören. Also, wir kennen uns ja von der Wiege an. Heja, und den Hansbaschi kennen wir auch gar wohl. Er ist eben immer der Erstgeborne, der Große, unser Kronprinz gewesen und jetzt ist er der König und so tut er auch wie ein König hier auf seinem Hof und allweg. Aber wenn er auch äußerlich nichts merken läßt, denn er ist nicht wie andere Leute, er ist auch sein eigener Meister, so wissen wir doch wohl genug, daß er der Mutter selig nachschlägt und ein rechter Gemütsnarr ist. Er hat's halt innerhalb. Auch ist er an seiner Frau gehangen, obwohl's mit dieser Dörflerin aus dem Hergisauer Bäckerladen nicht viel war. So für Stube und Kammer mag sie's noch getan haben, aber was konnte denn so eine Krapfenfresserin von einem Bauernbetrieb wissen. Hingegen das geht uns nichts an. Und jetzt aber«, sie ließ nun ihr von ausgiebigem Weingenuß gerötetes, unbewegliches, wie ein umfängliches Stück roter Seife blinkendes Gesicht doch etwas zu ihrem aufmerkenden Bruder herab, »jetzt ist der Große Witwer und, heja, schon ein älterer Hirsch, wenn auch freilich nicht alt, gar nicht. Er steht ja in den Vierzigern, oder, wie die Mannsleute sagen, in seinen besten Jahren, was aber«, es heiterte einen Blitzstrahl lang über ihr hartgemeißeltes Antlitz, »noch von keinem Weibervolk geglaubt worden ist, seit Adam und Eva.«

40 Der Langhänsel nahm sie einen Augenblick mit seinen scharfen, zängelnden Augen aus, alsdann ging so etwas wie das Aufscheinen einer fettäugigen Suppe, von der man den Deckel abhebt, über sein zerfurchtes, ledriges Gesicht. »Schwester«, sagte er leise, »und nun denkst du wohl, der Hansbaschi werde wirklich ein so einfältiger Hansbaschi sein und im Witwerstande so allmählich, uns zu Gefallen, zum kühlen Grab wallfahren und sich das Bett allundein Abend von irgend einem willigen Flünklein, von etwa einem Hausdienstlein, machen lassen, auf daß er sich doch nicht, wie jener heilige Waldbruder, in die Dornen legen müsse und daß also der schöne Hof auf Rain doch allenfalls noch für dich oder wenigstens einen deiner Söhne reif werde.«

»Ja«, gab die andere seelenruhig herum, »das denke ich und wenn ich dazu etwas tun könnte, würde ich's nicht versäumen.«

Der Langhänsel kicherte in sich hinein. »Gradliniger hättest du das auch einem Beichtvater nicht durchs Gitterchen hineingehen lassen können, was du da meinst, Brigitt. Und schau«, machte er völlig lispelnd, mit einem raschen suchenden Blick in die wohllebende, aufgeräumte Tischgesellschaft, »ich, ja, ich kann's wohl verstehen. Und sollte es soweit kommen, daß wir den Großen überleben, so wollte ich bei einer allenfallsigen Teilung kein Unmensch sein. Ich ließe 41 mit mir reden, denn ich habe nur drei Töchter, von denen erst die älteste weiß, woher die kleinen Kinder kommen, und so habe ich also am Hof kein großes Interesse. Dabei weiß ich ja wohl, daß du ihn nicht geschenkt haben wolltest.«

»Freilich«, redete sie fast laut, »und daß du ihn auch nicht verschenken würdest, du Geschäftleinmacher, Sparer und Zusammenscharrer!«

»Heja«, meinte er, die tiefliegenden, lauernden Augen, die aber unversehens wie Wiesel aus ihren Löchern hervorschießen konnten, in sein halbleeres Glas Rotwein versenkend, »du sagst es ja, wir kennen uns und brauchen also weder durchs Sieb noch durch Seide miteinander zu verkehren. Ich will dir's frei gestehen, den Hof selber wollte ich nicht, aber es müßte mir mein Teiltreffnis gut verbrieft und versichert werden und den obern Gupf, wenigstens den Raingütsch ob dem Wald müßtest du mir überlassen. Vielleicht würde ich doch gern auf die alten Tage ein Häuschen, natürlich nur so ein bescheidenes, dort oben erbauen, damit ich mein Leben auf unserer Ahnen Hof, der mir doch ans Herz gewachsen ist, beschließen könnte.«

Brigitt Anderbalm, seine Schwester, schaute ihn flüchtig an und lachte kurz, laut auf. Was mochte er denn wohl mit diesem Hügel ob dem Holz, mit dem Raingütsch im Sinne haben, der Heimtücker? Wohl, das Herz und die Ahnen. Sie lachte nochmals 42 auf, dann sagte sie leise: »Hänsel, es ist mir doch, wir verteilen das Bärenfell, wie man so sagt, lange bevor wir's haben. So wollen wir denn von alledem nicht weiter reden. Am End schickt es sich auch nicht. Zudem wirst du doch nicht im Ernst glauben, der Große bleibe Witwer. Ein Jahr, höchstens zwei, vergehen, so wirtschaftet da auf Rain wieder eine andere Frau und es könnte sein, eine die mehr Meister ist als die erste. Man sagt's und es mag wahr sein, die zweite Frau habe es immer besser. Die erste müsse der zweiten eben immer durch die verflüchtesten Wächten den Schneepflug machen. Es ist auch begreiflich, ja selbstverständlich, daß der Hansbaschi wieder heiratet. So hoch und breit er ist, es könnte ihm doch fehlen und gerade ein Ausbund von Gesundheit ist er auch nie gewesen. So wird er eine haben wollen, die zu ihm schaut und die ihm allenfalls das Klagmartern und Herrjeseln, das in allen Witwern steckt, hintanhält. Heja und dann gehört eben in ein solches Bauerngewerbe hinein gewiß eine Frau, und eine tüchtige dazu, eine weit andere als die erste war, wenn's auf die Dauer nicht doch den gefehlten Weg gehen soll. Ist die zweite da, werden wohl auch noch Kinder kommen und also . . .«

»Ja, ja, ja«, machte der andere mißmutig, die gefährlichen Äuglein im tannrindig aussehenden Gesicht fast verbergend und erregt seinen Bocksbart 43 melkend, »es könnte so kommen wie du sagst, aber es muß nicht so kommen, wer weiß. Der Hansbaschi ist ein eigenköpfiger Bursche, das weißt du auch, und es paßt ihm noch lange nicht eine jede. So könnte es sein . . .«

»Also sei mir von dem allem lieber still«, warf seine Schwester kurzweg ein, »das alles ist noch im weiten. Man kann aber gleichwohl darüber reden, jedoch nicht heute. Und zudem tun wir, als wären wir die einzigen Erben für diesen Hof, ja, wenn's überhaupt dazu kommen sollte, aber da ist ja auch noch der Ludi.«

»Oho«, antwortete der Langhänsel kichernd, »jetzt mußt du gar wenig mehr erwarten, daß du mit unserm vertrunkenen Studenten, mit dem Chemifeger, noch anrückst, als ob der all sein fragliches künftiges Erbgut nicht auch schon lange, wie alles andere, zum voraus aufgeholzt und vertan hätte. Er ist ja dem Großen schwer schuldig.«

»Ja, viel täte es dem Ludi nicht mehr treffen, soviel wie nichts; aber wir müssen doch mit ihm rechnen«, meinte sie, »und vielleicht können wir ihn doch so oder anders brauchen und . . .«

Nein, sie konnte nicht fertig sprechen, eben war ihr Bruder, der Ludi, vom Stuhl aufgefahren und hatte in seiner Weinwonne seinen schwarzen, braunfleckigen Köter von einem Hund in die Arme geschlossen. Dieser stinkende Kläffer war soeben durch die offenstehende 44 Türe gerast und auf seinen schlafenden Herrn losgesprungen. Und nun gab's ein lärmendes Wiedersehen.

Doch da hatte sich der Ludi wieder am Tisch niedergelassen. Seinen Hund aber behielt er im Schoß. Er war ihm zärtlich zugetan und teilte mit ihm jeden Bissen. Zum ersten schnappte nun das schmutzige, rassenlose Hundegeschöpf, von dem aber sein Herr behauptete, er stamme in direkter Linie vom Sennenhund der Pfahlbauer ab, die Reste eines Bratenstückes vom zunächst stehenden Teller; alsdann legte er sich unter den Tisch, vor die unruhigen Füße seines Patrons. Der betrunkene alte Knabe, bei dem man das Menü des Leichenmahles sehr wohl von der offenen Weste und Hemdbrust ablesen konnte, hatte eine kindliche Freude an seinem Köter. Er begann jetzt dessen Lob in allen Tönen zu singen. Der Hund hingegen war ihm keineswegs unbedingt ergeben. Sobald er anderwärts auskömmliche Freßaussichten hatte, wurde er untreu und machte sich davon. Und fast immer, wenn der Ludi Hochrütiner von seiner Weinreise in sein Zimmer, das er zu Bohlishusen unten in einer abseitigen Wirtschaft hatte, heimkehrte und seinen Rausch verschlief, pflegte sein Pfahlbauhund noch in irgendeiner Kneipe vor dem Büfett zu hocken und um Abfälle zu betteln.

Man beachtete aber den Fliegenschnapper, wie ihn sein Meister nannte, schon lange nicht mehr. Die Frauen 45 ringsum hatten über den Tisch von ihren Krankheiten, Übeln und großen und kleinen Bresten aller Art zu sprechen begonnen, und hierin ließen sie sich nicht gern stören. Es wußte eine jede unglaublichste Unzulänglichkeiten ihrer Gesundheit aufzudecken und sie auch aufs einläßlichste darzustellen. Ja, es suchte eine die andere zu übertrumpfen. Und als die Bäumlihöferin von Balenwil meinte, sie hätte mit der jahrzehntealten offenen Wade ihres bettlägerigen Mannes über all die Krankheiten und Gebrechen der andern Weiber um den Tisch triumphiert, überhöhte sie doch noch die alte Jungfer Gut aus Willisbrunn mit den bis ins letzte hinein haarscharf aufgezeichneten schweren, geheimen Schäden, die ihre Urgroßmutter von einer Kindbettung davongetragen hatte. Und als die andern Frauen ihr entgegenhielten, soviel man wisse, sei doch ihre Urahne volle fünfundachtzig Jahre alt geworden, antwortete sie ihnen, daß diese Greisin gleichwohl an den Folgen einer Geburt gestorben sei; daß man also von ihr nicht, wie sonst landesüblich, sagen könne: da ist die Hebamme nicht mehr schuld daran, daß die mit Tod abgehen mußte. Kurz, diese Berichterstatterin von der urgroßmütterlichen, viele Jahrzehnte langen Geburtsfolgekrankheit behauptete das Feld.

Man schien's aber dabei dennoch nicht bewendenlassen zu wollen. Die Frauen redeten über ihre und ihrer Angehörigen Krankheiten mit großem Vergnügen 46 und äußerst lebhaft weiter. Ein älteres Weiblein, das es neumodischerweise in den Nerven haben wollte, erzählte, es habe letzthin sich in den Besitz eines Buches setzen können, in dem alle erdenklichen Krankheiten und Übel aufgezeichnet und aufs genaueste ausgeführt seien. Ihre Söhne hätten ihr das Buch zwar wegnehmen wollen; aber ihr Mann hätte gelacht und zu ihnen gesagt: »Buben, laßt doch der Mutter das Buch, das ihr soviel Freude macht. Nun kann sie doch einmal Krankheiten für sich daraus herauslesen, soviel sie will.« Jetzt fing auch die unscheinige Frau des Hänsel Hochrütiner, die Seraphine, die bisan nur ihr süßliches, ziemlich abgetragenes Lächeln hatte rundumgehen lassen, von den kleinen Übeln und Muttermalen ihrer unten am Tisch mit den zwei Buben der Brigitt und dem armen Vetter sich vergnügenden Töchterchen zu berichten an. Sie tat es aber in jener vorsichtigen, fast demütigen und immer verbindlichen Weise, mit der sie in ihrem Erdgeschoß zum billigen Laden die Kunden zu bedienen pflegte. Aber ihr Mann, der Langhänsel, der mit ihr nicht viel Federlesens zu machen pflegte, obwohl er sich nach der Hochzeit in ihr Geschäft warm und weich hatte hineinbetten können, wurde auf ihre Krankheitsschilderungen aufmerksam. Er begann sich zu ärgern. Und als die andern Weiber erst recht Türen und Tore wieder an ihren Privatspitälern aufzusperren anfingen, wurde er 47 fuchsteufelswild. Der Gedanke an Krankheit und gar an den Tod war ihm im höchsten Grad zuwider. Er mied alles was krank hieß wie Gift, und gar vor dem Tod machte er innerlich und etwa auch außerhalb das Kreuz; denn er hielt das Sterben, vor allem für seine Person, für eine ganz unmögliche, höchst unerwünschte Einrichtung. Ja, allenfalls für die armen Teufel, die weder einen Schuh weit Boden, überhaupt auch sonst keinen eigenen ganzen Schuh hatten, mochte der Tod ja hingehen. Sie waren dann, wie man so sagt, die Marter ab. Wie konnte man aber ihm zumuten, von Krankheit und Tod berichten zu hören, ihm, der so gern lebt, der noch soviel zusammenbringen wird und schon gebracht hat in allerlei Emsigkeit und mit rastlosem, umtunlichem Anstellen und Zugreifen. Lauerte er denn nicht immer wie die Katze vor dem Loch, bereit, einen guten Schick im Sprung zu packen oder aber auch in der schlau gerichteten Falle zu fangen. Wie gut war's ihm doch bis jetzt geraten! Wie hatte er seinen billigen Laden mit seines Vaters und seiner Frauen Geld, die ja freilich unscheinig aber warm in der Wolle war, erweitern und seinen Geschäftskreis in die Nachbardörfer ausdehnen können. Es ging ihm gut; seine heranwachsenden Töchter sollten erstrangige Erbinnen werden und die Jungmannschaft von Bohlishusen, Hergisau, Ruslangen und der Enden anziehen wie drei Honigbutterbrote die Wespen. Wenn es ihm 48 gar gelingen könnte, noch den Raingütsch auf seines Vaters Hof ob dem Wald zu bekommen, den obersten Gupf, der so schön aufs Rainseelein hinab und über die Dörfer hinweg nach den Alpen schaute, würde ihm zum Bankobersten im Land nicht mehr viel fehlen. Wie schön ließe sich auf diesem Raingütsch ein Kurhaus bauen und hochbringen! Wie sollte man's unter solchen Umständen ertragen, von Krankheiten und vom Tod reden zu hören. Ach was, Tod, das gab's für ihn gar nicht. Ja, für die Armen, für die Abgewirtschafteten und ganz Alten, an denen man nichts mehr hatte, die einem nur lästig waren und eine Art Blutegel am Geldsäckel, für solche Leute mochte das Sterben eine ganz zweckmäßige Einrichtung sein; aber für ihn, der so viel hatte und noch so viel vorhatte! Nicht dran tippen, nicht dran denken! Tod, das gab's für ihn einfach nicht. Es war ja so schön zu leben, auch wenn's noch soviel zu geschäften und zu werweisen gab. Das Leben hatte für einen ja immer wieder ein Zückerchen bereit, ein schönes, wohlschmeckendes Essen, ein gutes Glas Wein, etwa in der nahen Stadt oder im stillen Kämmerlein, und dann ließ sich auch etwa zuzeiten ein nicht zu sprödes Weibervolk irgendwie finden, ohne daß man für sein Türlein grad einen goldenen Schlüssel brauchte. Als er aber diesen anmächeligen Gedanken behaglich auszuspinnen begann, gespensterte ihm aufs neue das Wort Tod um die 49 Ohren, und als er sah, daß es jetzt wieder seine nichtsige, immer schattenhalb stehende Ehegattin sei, die dieses schreckhafte Wort herzhaft, ja freudig wie eine Fahne hochgehen ließ, schnauzte er sie an: »Seraphine, jetzt gib einmal Ruh! Wir haben ja heute den Tod begraben mit unserer lieben Schwägerin selig, so wollen wir wieder einmal die Leute leben . . .«

»Ja«, unterbrach ihn mit flotschnassem Lachen sein Bruder, der Chemifeger, »wenn's sein muß, sogar hochleben lassen!«

Aber als nun die Frauen verstummten und verwundert, auch verstimmt und unfreundlich auf den hageren Hänsel blickten, der so ungern vom Sterben reden hörte, rief auf einmal der Ludi, der vorher seiner gelangweilten Nachbarin von seinen Erfahrungen als Chemiestudent und von den glänzenden Analysen, die sein Weinhaus mit sämtlichen Marken mache, eins vorgeschwindelt hatte: »Oha, deswegen haben wir unsern Herrn Bruder, den Fürsten auf Rain, nicht mehr unter uns, weil er meint ernten zu müssen, was er gesäet hat. Ernten, ihr Trauergäste, heute, am Tag der Beerdigung seiner lieben Frau selig. Da schaut«, er zeigte durch ein Fenster, »da draußen steht er und geht er und kommandiert er!«

Alle hatten sich halbwegs oder gar ganz vom Tisch erhoben und schauten nun aufs Feld hinaus. Der Ausblick wurde ihnen zwar nicht so leicht. Die alles 50 verschattende uralte Linde zwischen Haus und Scheune ließ ihnen nur da und dort ein grünumfaßtes Guckloch offen. Immerhin konnte man rasch gewahr werden, wie in den Fruchtäckern, die sich fast bis ans Rainseelein hinabzogen, drauflosgehastet und gewerkt wurde.

Ein mächtiger Brückenwagen war zu sehen und drauf der Bauer Hansbaschi in Hemd und Hose, wie er die goldscheinigen Garben aufbaute, die ihm der Melker Wysel, eine nach der andern, gar behend hinaufreichte. Es war eine Augenweide zuzuschauen, wie der flinke Bursche, dessen junger, nackter Oberleib durch die Linde lachte, die schweren Garben mit seiner neumodischen Schaufel aufnahm und in flottem Schwung unermüdlich hinaufreichte und wie sie dann der bäumige Bauer auf dem Wagen auffing und so bedachtsam und ruhig verteilte. Aber neben den zwei breitrückigen, hochbeinigen Rossen, Vögi und Griß, die sich in ewiger Unruhe, trotz Schutzgarnen und Rauch, der Schmeißfliegen wegen verschüttelten, legte Oswald, der bärtige Küher, die Garben bereit und das Saubethli band sie unablässig für den Wysel zurecht. Die Fuhre erwellte sich vom Erntesegen immer mehr, und es schien, als wolle sie überschäumen. Der alte Meisterknecht, der Hansuoli, war auch noch zu sehen. Er schien nachzurechen! Und nun konnten die Gäste durch die Stubenfenster auch noch die Küchenmagd, die Kresenz, erblicken, die watschelnd wie eine martinigerechte Gans, mit einer gewaltigen Korbflasche in den Armen, auf den hochbeladenen Wagen zustrebte, gefolgt vom Seppeli, dem Nichtlein der alten Zille, das ihr, mit bloßen Füßen zimpferlich über das Stoppelfeld gehend, ein großes Glas nachtrug.

Nein, sonst vermochte man aus der Stube, außer dem riesigen Miststock vor der Scheune, um den sich die weißen Hühner herumtrieben, nicht viel mehr zu sehen. Es schien in den Äckern draußen bei der Ernte gar ruhig herzugehen. Man hörte nichts als das immerwährende Klirren des Roßgeschirrs und zuweilen einen landüblichen Fluch des vieleckigen, jetzt unsichtbaren Karrers Johannes, den man aber, kein Mensch wußte, woher und warum, kurzweg Karlima nannte.

Jetzt bekam man doch noch etwas anderes zu hören.

>Es donnert!« rief der Ferdi, der Brigitt Anderbalm Erstgeborner aus.

»Ja, beim Strahl!« machte seine Mutter. »Ist denn so etwas bei heiterhellem Wetter christenmenschenmöglich?«

»Warum nicht?«, meinte der hochstimmige Sigrist von Bohlishusen, der für acht Tage vom heutigen, ungewohnt guten Futter in sich aufgenommen hatte, »so was kann doch passieren. Ich habe übrigens dem Wetter keinen Augenblick getraut. Es hat mir vorgestern zu schnell in der grauen Nebelwolle 52 aufaufgetan, nach einer so langen Regenzeit. Die Alpen sind mir zu nahscheinig geworden. Auch hat's mich die große Zehe des linken Fußes heute morgen wohl merken lassen, daß es ändern will. Es kann landauf, landab kein zuverlässigeres Barometer geben.«

Ja, nun wollte die Wetteränderung auch von der weitumgehenden Base ab dem Gerisbüel schon gestern abend gespürt worden sein, und zwar hatten es ihr alteingesessene Krämpfe in beiden Waden wie immer angezeigt, während der alte Pate der verstorbenen Bäuerin ein todsicheres Barometer im Kopf haben wollte. Er behauptete, jedesmal schon acht Tage vorher den Alpenwind, den Föhn, zu spüren, indem er mehr als gewöhnlich nießen müsse und allenfalls schon im kühlsten Nachwintertag schwärmende Bienen zu sehen bekomme.

Nein, das gefiel dem Langhänsel nicht, daß man wieder auf dem Umweg über die Witterung auf die Krankheiten zurückkommen wollte. »Roseli, Agnesli und Mikeli«, rief er mit einer Stimme, die noch trockener sich anhörte, als er aussah, »kommt, wir wollen heimzu. Es schickt sich denn doch nicht völlig, daß wir hier auf der faulen Haut liegen und fressen und saufen und über alles Übelzeitige kalendermachen und herrjeseln bis auf die sieben oder acht Landplagen in Ägypten und der Enden zurück; heute wo doch der Vetter, dem wir eben seine Frau zum Grab haben 53 geleiten helfen, da draußen im Feld so draufloswerkt. Und das begreift man auch, daß er sich wehrt, denn man muß mahlen, wenn man Wasser hat. Morgen brächte er wohl die Frucht nicht mehr trocken unter Dach und sündhaft wär's, sie dem bösen Wetter, den Vögeln und Mäusen und der Fäulnis zu überlassen. Kommt, ich muß dann noch mit meiner Base da geschäftshalber auf Gerisbüel hinauf. Sie will mir die neue, im Bau begriffene Sennhütte zeigen, für die ich ihr die Fensterbeschläge, Türfallen und anderes liefern kann. Vielleicht, daß ich dir dann«, wandte er sich an die alte, rauhwollige Bäuerin, die sich mit den andern wieder am Tisch niedergelassen hatte, »im Herbst dagegen einen rechten Posten Obst für meine Süßmosterei im Keller zum billigen Laden abnehme.«

»Wohl«, antwortete die Alte, »du kannst gleich mit mir hinauffahren, habe ja Wagen und Knecht da im Dorf unten. Es hätte mir zwar mit Fortgehen nicht grad so malefizisch pressiert, hingegen dagegen sein möchte ich auch nicht, denn es ist wahr, wir können nicht wohl ewig hier drin ohne den Hansbaschi hocken bleiben und festen, wo er doch draußen so ernten und schwitzen muß.«

Sie erhob sich und mit ihr der Gemeindepräsident, der als ein entfernter Verwandter des Bauers auf Rain auch unter den Gästen saß. »Ja«, sagte er, »es ist wohl an der Zeit, daß wir uns ab Rain und 54 heimzu machen. Wir haben ja wacker eingepackt; in den nächsten acht Tagen sollte keines von uns verhungern und verdursten. Ich meinerseits habe heute auch noch einen Strich Öhmd einzubringen, das mir lang genug gelegen ist und ausschaut wie nasser Tabak. Und da es mit dem Wetter«, er tat einen Blick nach der Gartenseite durch die Nußbäume, »immer drohender aussieht, die Sonne hat sich ja richtig in die Wolkenwolle einwickeln lassen, so will ich schauen, noch zeitig genug ins Dorf hinunter zu kommen. Vielleicht solange hält's doch noch an, bis ich meine paar Bürden Öhmd unter Dach habe. Also tröste Gott die liebe, allzufrüh verstorbene Base, und«, rief er der alten Stubenmagd, der Zille zu, die eben gewunderig in die Küchentüre getreten war, »wir lassen dem Vetter Hansbaschi Vergeltsgott sagen. Er soll sich nicht übertun.«

»Ja, wollt ihr denn wirklich schon gehen?«

»Natürlich, Zille«, antwortete die Holzhändlerin Brigitt, sich mit ihren beiden jungen Söhnen erhebend, »wir wollen nun heimzu. Das wird etwa unser Bruder, der Große, schon verstehen, daß wir hier nicht wie die Jünger am Ölberg herumlagern können, wenn er so ins Zeug geht und, es ist wahr, ins Zeug gehen muß. Also sag ihm, es sei alles recht, gut und genug gewesen und ich werde dann bald wieder einmal zu euch hinauf auf Rain kommen. Ich denke halt, der Hansbaschi wird dies und das mit mir zu bereden 55 haben, da es jetzt auf dem Hof doch eine Änderung gegeben hat und weiter geben kann. Er soll also die Sache nicht zu schwer nehmen. Ich hab's ihm ja schon am Todbett seiner Frau selig gesagt, es werde allweg wieder gehen und das sicher. Jetzt behüt dich Gott, Zille, alte Habermuskiste!« sie lachte kurz auf. »Du hast uns ja schon die Mutterbrust mit Habermus entwöhnt. Und weißt du noch, ein junger Doktor hat uns Kindern sogar die Milch aberkennen wollen, schon für die Wiege und behauptet, Apfelmus wäre das einzig Richtige für kleine Kinder. Da hast du zu ihm gesagt – bist damals noch ein baumstarkes, resolutes Weibervolk gewesen – ob denn seine Kinder an der Mutterbrust auch Apfelmus bekommen hätten?«

Ein Gelächter ringsum.

»Aber es ist wahr«, redete die breitschultrige Frau, »wir sind bei der Habermusplatte und darnach bei Erdäpfeln und Äpfeln in der Uniform gut geraten und der Vater selig ist dabei nicht ärmer geworden. Also grüß mir den Großen! Und jetzt«, wandte sie sich an ihre Söhne, »macht euch zum Vetter hinaus aufs Feld und schaut, ob er euch irgendwie brauchen kann. Vielleicht nicht grad wichtig, denn er hat Leute genug für heute, aber nachfragen könnt ihr. Adieu, ihr Gefreundeten allerseits, laßt euch Zeit und kommt gut heimzu!«

Mit festem Händedruck nahm sie von den 56 Anwesenden Abschied und schritt dann aufrecht, mit völligem Männerschritt aus der Wohnstube auf Rain.

Es folgte ihr alles nach. Ganz zuletzt der ärmliche Vetter der verstorbenen Frau. Er war bescheiden wie ein Nelkenstock auf einem Fenstergesims, unten am Tisch gesessen, hatte sich immer mit dem gleichen zutraulichen Lächeln von des Langhänsels Töchterchen und der Holzhändlerin jungen Söhnen hänseln lassen und dabei aber sich der guten Sachen auf dem Tisch und des weißen und roten Weins von ganzem Herzen und aus all seinen Kräften angenommen. Und als nun die andern schon über die steinerne Vortreppe des Hauses hinunterschritten und sich von der Haushälterin Zille verabschiedeten, schenkte er sich nochmals sein Glas topfebenvoll und nachdem er's blitzgeschwind in sich hineingeleert hatte, griff er mutig und mit großer Behendigkeit nach den süßen Krapfen, die auf einer umfänglichen Platte, noch gar nicht stark abgebaut, vor ihm standen und stopfte sich dann mit beiden Händen auf Leben und Tod die vielfassenden Säcke seines verschossenen Trauerrockes voll. Alsdann hastete er, mit nicht ganz sicheren Beinen, den andern Leidtragenden nach. 57

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