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Das Gewissen

Charles Sealsfield: Das Gewissen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorCharles Sealsfield
titleDas Gewissen
publisherVerlag von Hermann und Friedrich Schaffstein
yearo.J.
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II.
Die Befreiung von Texas.

Die Erhebung von Texas im Jahre 1832 zeigte noch nicht klar, welchen schließlichen Ausgang der Kampf um die Freiheit ein paar Jahre später nehmen würde.

Es schien zunächst nur Groll gegen die Militärbehörde von Mexiko zu sein, die infolge höherer Unterstützung arge Bedrückung gegen die nordamerikanische Ansiedlerbevölkerung sich zu erlauben angefangen. Die Wegnahme der Forts Velasco und Nacogdoches, deren Besatzungen mit ihren Führern gefangengenommen wurden, war das Ergebnis dieses ersten Kampfes. Noch wurde jedoch der Friede zwischen der mexikanischen Militärbehörde und den Bürgern von Texas, an deren Spitze der Alkalde stand, vermittelt.

Aber der Kampf entfachte von neuem, als man es mexikanischerseits wagte, den texasschen Repräsentanten im mexikanischen Kongresse, Oberst Stephan F. Austin, einzukerkern, und nun richtete er sich gegen die ganze mexikanische Fremd- und Priesterherrschaft, mit der Folge, daß Texas im Jahre 1836 seine Unabhängigkeit erklärte und so offen die Revolution besiegelt wurde.

Merkwürdig genug, es begann dieser große Kampf durch die Umstände, die ich vorher schilderte, also unmittelbar durch so merkwürdige Leute wie Bob und Johnny, und der Alkalde von der Prärie am Jacinto war die eigentliche Seele desselben. Wo der Zündstoffe zum allgemeinen Brande so viele aufgehäuft liegen, wie es in Texas der Fall war, bedurfte es, um zu zünden, nur eines Funkens. Dieser Funke fiel und er zündete.

Der Alkalde beherrschte seine Umgebung weniger durch das Gewicht seines Besitzes und seiner Beziehungen – darin waren ihm andere auch bedeutende Männer durchaus überlegen – als durch seine außerordentliche Persönlichkeit. Man konnte ihn dem Golfstrom vergleichen, der, an der gegenüberliegenden mexikanischen Küste aufschwellend, gegen Norden rollt, alles unwiderstehlich mit sich reißt. Keiner vermochte ihm zu widerstehen. Keiner verstand es aber auch so wie er, eine beratende, gesetzgebende oder Volksversammlung zu lenken, zu leiten, zu bestimmen; denn keiner besaß wieder das so eigentümlich demokratische Rednertalent, die abstraktesten Prinzipien, die verwickeltsten politischen und historischen Probleme so gleichsam in Holzschnitten der gemeinsten Fassungskraft darzulegen, seinen eigenen Ansichten und Zwecken unterzubreiten. Vor diesem seinem Rednertalente mußte alles weichen, Überzeugung Hartnäckigkeit, Parteisucht.

Ich war in der Sitzung, in der über das Schreiben Stephan F. Austins, unseres damaligen Repräsentanten im Kongresse zu Mexiko, debattiert wurde. Es enthielt Räsonnements über die Zustände Texas' sowohl als Mexikos, die, höchst vertraulich mitgeteilt, nur für die intimsten politischen Freunde berechnet, mit keinem Gedanken an Veröffentlichung geschrieben waren. Auch sah jeder klar, daß eine solche Veröffentlichung den Schreiber nicht nur bei den mexikanischen Gewalthabern kompromittieren, sondern auch in Gefahr bringen, als Verräter stempeln mußte. Die erste Motion daher, die auf Veröffentlichung antrug, wurde mit entschiedenem Unwillen zurückgewiesen. Austin stand begreiflicherweise in der öffentlichen Meinung sehr hoch; er war einer der bedeutendsten Männer im Lande, sein Vater einer der Hauptgründer der Kolonie gewesen; aber der Alkalde, sein bester Freund, nahm das Wort, und die Veröffentlichung wurde beinahe einmütig beschlossen.

Sie hatte, wie vorauszusehen war, die Einkerkerung des berühmten Obersten, aber diese auch wieder die allgemeine Entrüstung, Erbitterung der Gemüter in Texas zur Folge, und das war es, was der Mann wollte.

Weder Mann noch Männer dürften jedoch voreilig getadelt werden, denn sie, die die Schicksale von Texas leiteten und zum Ziele führten, waren keine gewöhnlichen Seelen. Lange dürften die Bünde der Weltgeschichte durchblättert werden, ehe man eine Revolution findet, richtiger durchgedacht, konsequenter durchgeführt. Es hatte sich da eine Schar zusammengefunden, die unter den groben Filzhüten die feinsten Köpfe, unter den rauhen Hirschwämsern die wärmsten Herzen, die eisernsten Willen bargen! – Männer, die genau wußten, was sie wollten, die Großes wollten, die aber dieses Große mit den allergeringsten Mitteln durchführen, mit kaum einer Handvoll Leute es gegen die zweitgrößte Republik der Welt aufnehmen, die also ihrem Völkchen notwendig auch die stärkstmöglichen Impulse geben mußten. Denn nun handelte es sich nicht mehr bloß um Äcker und Neger, um einige bürgerliche Rechte mehr oder weniger, oder den Fortbestand einiger tausend Farmer und Pflanzer: es handelte sich um die Lebensfrage, um die höchsten Güter freier Männer, die durch den ruchlosen Abfall Santa Annas, die Vernichtung der Konstitution von 1824 bereits in ihrer Lebenswurzel getroffen, nun in den schmählichsten aller Herrschaften, der spanisch-katholischen Priesterherrschaft, ganz und gar hingeopfert werden sollten. Gegen diese Herrschaft den Schild zu erheben, war nicht nur Pflicht für den Mexikaner, sie war es auch für den Texaser, den Amerikaner.

Indes, Texas hatte, wie schon gesagt, nur eine Handvoll Leute. Es kamen mehr als hundert Mexikaner auf einen Amerikaner, und es war keine Kleinigkeit für ein Völkchen, das wie Texas damals kaum fünfunddreißigtausend Seelen zählte, es mit einer Republik aufzunehmen, deren Bevölkerung volle neun Millionen betrug, und die, trotz aller Unordnung und innerer Zwistigkeiten, Texas leicht doppelt so viele Streiter, als es Seelen zählte, über den Hals senden konnte. Aber Texas hatte seinen Willen, frei zu sein, ausgesprochen, und es gab keine Macht auf Erden, die es an dessen Ausführung zu hindern imstande war.

Die Leute von Texas ordneten, was zu ordnen war, Regierung, Verwaltung, Gesetzgebung, Gerichtsordnung, Verteidigung, Finanzen – keine so leichte Sache in einem Lande, wo es mehr Rinder als Dollars gab; vergaßen nebstbei auch die kleine Seemacht nicht – kurz, sie richteten ihre Siebensachen so gut, als es gehen wollte, ein.

Nachdem die Unabhängigkeit, oder was dasselbe sagen will, Souveränität des texasschen Landes proklamiert war, mußte natürlich unsere erste Sorge sein, die Verbindung mit dem Mutter- und Auslande zu sichern, die Seehäfen in unsere Hände zu bekommen.

General Cos hatte von Metamora aus den Hafen von Galveston militärisch besetzt, da eine Blockfeste errichtet, angeblich, um den Zollgesetzen Nachdruck zu verschaffen, eigentlich aber, uns die Verbindung mit New-Orleans und dem Norden abzuschneiden. Diese Verbindung mußte wieder – und zwar so schleunig als möglich – hergestellt werden. Mein Freund Fanning und ich erhielten dazu den Auftrag.

Unsere ganze Ausrüstung bestand in einer versiegelten Depesche, die wir in Kolumbia eröffnen sollten, und einem der Führer, dem Halfblood (Halbblut) und Jäger Agostino. – In Kolumbia angekommen, riefen wir die angesehenern Einwohner sowie die des benachbarten Marion und Bolivar zusammen, entsiegelten die Depesche, und sechs Stunden darauf war die darin aufgebotene Mannschaft beisammen, mit der wir noch denselben Tag gegen Galveston hinabzogen, den folgenden Tag vor der Blockfeste anlangten, sie überrumpelten, die Mexikaner gefangennahmen, ohne daß wir einen Mann verloren.

Noch waren wir nicht ganz mit den Arbeiten zur Sicherung unserer Eroberung fertig, als am neunten Tage abermals unser Halfblood Agostino eintraf. Wir hatten ihn mit dem Berichte von der Einnahme des Forts an die Regierung nach San Felipe zurückgesandt. Er brachte uns nun von dieser neue Verhaltungsbefehle. Diesen zufolge sollten wir die Blockfeste einem tüchtigen Kommandanten übergeben, dann aber unverzüglich an den Trinity River hinauf und von da mit soviel Mannschaft, als wir aufzubringen imstande wären, nach San Antonio de Bexar vorrücken. Derselbe Bote brachte uns zugleich die Versicherung der vollkommenen Zufriedenheit des Kongresses.

Ohne Verzug ließen wir die kleine Besatzung ihre Offiziere wählen, übergaben diesen den Oberbefehl und eilten über die Salzwerke und Liberty nach Trinity River.

Am Trinity River waren damals noch keine bedeutenden Niederlassungen, bloß zerstreute Pflanzungen, an deren einer wir abends spät anlangten. Noch war der Aufruf nicht bis hierher gedrungen, aber an demselben Abende, an dem wir anlangten, ging er an die Nachbarn herum – an die vierzig Meilen weit und breit herum. Am folgenden Morgen wimmelte es bereits vor der Pflanzung von Pack- und Reitmustangs. Auf einen derselben hatte immer der Mann seine Lebensmittel gepackt, den andern bestieg er selbst, die Büchse, das wohlgefüllte Pulverhorn samt Kugelbeutel mit Bowiemesser um die Schulter geschlungen. So ausgerüstet, brachen wir den Abend darauf mit dreiundvierzig Mann auf.

Wir hatten einen ziemlich weiten Marsch vor uns. San Antonio de Bexar – die Hauptstadt des Landes – liegt gute zweihundertfünfzig Meilen Südwest bei West vom Trinityfluß – mitten durch Prärien ohne Weg und Steg – über Flüsse und Ströme – die zwar keine Mississippis oder Potomacks, aber doch tief und breit genug sind, Armeen mehrere Tage aufzuhalten. Für unsere an Besiegung von Hindernissen aller Art gewöhnten Farmer und Hinterwäldler waren diese weglosen Prärien und brückenlosen Ströme nur Kleinigkeiten. Was sich nicht durchreiten ließ, wurde durchschwommen.

Jeder Tag brachte uns frische Entbehrungen, aber auch frische Kräfte, fröhlichere Lebensgeister. Und doch schliefen wir Nacht für Nacht unter freiem Himmel, auf feuchter Erde, einmal im stärksten Regen, mehreremal bis auf die Haut durchnäßt, mit keiner weiteren Nahrung als Panolas – Maisbrote, stark mit Zucker versetzt. Aber so vergnügt waren wir alle bei unserer spartanischen Speisung, daß, obwohl wir an Häusern und Pflanzungen vorbeikamen, doch keiner nach ihren Vorzügen verlangte, jeder nur so schnell als möglich den Bestimmungsort zu erreichen trachtete.

Es war der erste größere Waffentanz, dem wir entgegengingen, die Aufregung also ganz begreiflich. Sie herrschte allgemein – im ganzen Lande. Von allen Seiten strömten Abteilungen von Bewaffneten herbei. Wir trafen oft mit ihnen zusammen, aber – ganz amerikanisch das – keine der zehn oder mehr kleinen Scharen, denen wir begegneten, schloß sich an eine andere an; entweder waren ihre Pferde frischer als die der Waffenbrüder, und so trabten sie vor, oder müder, und dann hinkten sie nach kurzem Gruße, fröhlichem Händedruck nach.

So waren wir dreiundvierzig Mann vom Trinityflusse ausgerückt, und dreiundvierzig Mann rückten wir am Salado River, dem Sammelplatz unserer Truppen ein.

Von da hatten wir noch etwa fünfzehn Meilen zur Hauptstadt, gegen die der erste große Schlag ausgeführt werden sollte. Es war diese Hauptstadt – wie noch gegenwärtig – durch ein starkes Fort beschützt, mit einer Garnison von beinahe dreitausend Mann versehen, einer Truppenmasse, bedeutend größer als die sämtliche disponible Militärmacht unseres Texas, daneben mit hinlänglich grobem Geschütz; das Ganze von erfahrenen, ja berühmten Offizieren befehligt.

Wir machten uns jedenfalls auf einen harten Strauß gefaßt, denn die ganze Armee, die wir am Salado unter dem Oberbefehl General Austins vorfanden, überstieg nicht achthundert Mann!

Noch an demselben Tage, an dem wir mit unsern dreiundvierzig Volontärs im Hauptquartier eintrafen, wurde Kriegsrat gehalten und in diesem beschlossen, vorzurücken. Die Avantgarde sollte sogleich aufbrechen; das Kommando über dieselbe wurde mir und meinem Freunde zuteil, um unsere jugendliche Hitze jedoch zu mäßigen, uns Mister Wharton, ein angesehener Pflanzer, der eine bedeutende Anzahl Nachbarn aus seinem Bezirke mitgebracht, beigegeben.

Wir nahmen mit unsern Waffenbrüdern ein hastiges Mahl, hoben unter den achthundert Volontärs – die alle mit wollten – zweiundsiebzig aus und brachen mit diesen wohlgemut auf.

Der Salado, an dem wir zunächst vorrückten, strömte eine Viertelmeile im Westen der Mission Espado, die wir passierten, von Nordost gegen Südost hinab; dazwischen lag noch eine kleine Muskeetinsel oder Baumgruppe, alles übrige war offene Prärie, die bis ans Ufer hinlief, das ziemlich schroff, mit einem dichten Gewinde von Weinreben überwachsen, etwa acht oder zehn Fuß zum Wasserrande hinabfiel. Der Salado bildet an dieser Stelle eine starke, bogenartige Krümmung. An beiden Enden des Bogens befindet sich eine Furt, durch die der Fluß allein passiert werden kann, da das Wasser zwar nicht breit, aber ziemlich reißend und tief ist. Wenn wir daher unsere Position innerhalb dieses Bogens nahmen, konnte es nicht schwer fallen, die beiden Furten, die etwa eine Viertelmeile voneinander lagen, zu verteidigen, da uns der Feind vom jenseitigen Ufer, das stark bewaldet und bedeutend höher, nicht leicht beikommen konnte.

Doch entging uns auch das Gefährliche dieser Stelle nicht. Sie bot keinen Stützpunkt dar, wir konnten von zwei Seiten zugleich umgangen, in der Front, ja im Rücken – vom jenseitigen Ufer her – angegriffen, eingeschlossen und gefangen werden, ohne Möglichkeit, zu entrinnen, wenn der Feind, der ohne Zweifel mit Übermacht anrückte, seine Schuldigkeit auch nur einigermaßen tat. Aber dieses Wenn – das wußten wir – würde fehlen. Wir waren jung, voll Mut, Selbstvertrauen, fühlten uns Tausenden von Mexikanern gewachsen, wünschten nur, sie möchten kommen, ehe das Hauptquartier anlangte. Uns bangte ordentlich, dieses möchte zu früh eintreffen, uns so die Lorbeeren entreißen. Und so war es denn ausgemacht zu bleiben; wir besahen das Terrain, untersuchten das Ufer, besetzten die Insel mit zwölf Mann, stellten an den beiden Furten zwölf andere auf und lagerten uns mit dem Reste wohlgemut in den duftenden Rebengrotten, die leider – keine Trauben hatten.

Der Abend, die Nacht verging, ohne daß ein Feind sich gezeigt hätte. Der Morgen brach an, noch immer kein Mexikaner. Wir trauten jedoch dem verräterischen Landfrieden nicht, ließen die Leute ihr Morgenmahl nehmen, und waren eben damit fertig, als das an der obern Furt aufgestellte Pikett mit der Nachricht kam, eine starke Kavallerieabteilung sei im Anzuge, ihre Vorhut bereits im Hohlwege, der zur Furt herab führe.

Einige Minuten später hörten wir das Schmettern ihrer Trompeten, und gleich darauf sahen wir auch die Offiziere den Uferrand herauf und in die Prärie einsprengen, ihnen nach ihre Eskadrons, deren wir sechs zählten. Es waren die Durangodragoner, sehr gut uniformiert, trefflich beritten und vollkommen mit Karabinern und Schwertern ausgerüstet. Ihre Anzahl mochte um die dreihundert herum betragen.

Wahrscheinlich hatten sie vom jenseitigen Ufer aus rekognosziert und so unsere Stellung, obgleich nicht unsere Stärke, ausgefunden, da wir, etwas dergleichen vermutend, unsere Leute so ziemlich in Bewegung erhalten, sie bald auf die Prärie aufspringen, wieder unter derselben verschwinden lassen. Das war nun alles recht wohlgetan, aber anderseits hatten wir uns einen groben Verstoß gegen alle militärische Regel zuschulden kommen lassen, kein Pikett auf das jenseitige Ufer vorgeschoben, das uns von der Annäherung des Feindes, der Richtung, die er nahm, in Kenntnis setzte. Ohne Zweifel würden etwa dreißig bis vierzig gute Schützen – und alle die Unsrigen waren es – den Feind nicht nur aufgehalten, sondern ihm höchstwahrscheinlich auch den Übergang ganz verleidet haben. Der Hohlweg, der vom jenseitigen Ufer zur Furt herablief, war eng, ziemlich abschüssig, das Ufer wenigstens zehnmal höher als das diesseitige und vollkommen im Bereiche unserer Stutzen; Pferd und Mann konnten so paarweise, wie sie aus den Windungen des Passes herauskamen, aufs Korn genommen und niedergeschossen werden. Das wurde uns freilich jetzt, wie die Dragoner in die Prärie hinaussprengten, auf einmal klar, allein der Fehler war begangen, und wir hatten uns mit dem Gedanken zu trösten, daß der Feind unser Übersehen sicherlich nicht der wahren Ursache – unserer Unerfahrenheit im Militärwesen – sondern überströmendem Mute zurechnen würde. Allenfalls beschlossen wir, der guten Meinung, die wir bei ihm voraussetzten, zu entsprechen, ihn warm zu empfangen.

Nachdem er die Prärie hinauf- und in diese eingeritten, war er eine bedeutende Strecke in westlicher Richtung vorgesprengt, hatte sich dann gegen Süden gewendet und, herüberschwenkend, in der Entfernung von etwa fünfhundert Schritten Front gegen uns gemacht. In dieser seiner Stellung nahm er gerade die Sehne des Bogens ein, den der von uns besetzte Salado hier bildet.

Kaum hatte er sich aufgestellt, so eröffnete er auch sein Feuer, obwohl wir ihm gänzlich unsichtbar, in der Wölbung der Flußbank standen, vollkommen geschützt nicht nur gegen Karabiner-, sondern auch Kartätschen-, ja Kanonenkugeln, die höchstens über unsere Köpfe wegfliegen konnten.

Nach dem ersten Abfeuern sprengte er beiläufig hundert Schritte im Galopp gegen uns vor, hielt dann zu laden an, schoß ab und sprengte dann abermals hundert Schritte vor, hielt wieder, lud, schoß ab, sprengte wieder vor, und wiederholte die seltsame Herausforderung, bis er etwa hundertundfünfzig Schritte vor uns stand.

Da schien er sich denn doch eine Weile besinnen zu wollen.

Wir hielten uns ganz ruhig. Offenbar trauten die Dragoner sich nicht, wenigstens schien ihr kriegerischer Mut sehr geschwunden, obgleich die Offiziere sich alle mögliche Mühe gaben, ihn anzufachen; endlich aber brachten sie doch zwei Eskadronen vorwärts, denen langsamer die andern folgten.

Auf dies hatten wir gewartet.

Sechs unserer Leute wurden angewiesen, aufzuspringen, die Offiziere aufs Korn zu nehmen, und sowie sie abgefeuert, wieder den Prärierand hinabzuspringen.

Mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit führten unsere sechs braven Flintenmänner das einigermaßen gefährliche Manöver im Angesichte des nun kaum fünfzig Schritte von ihnen wütend feuernden Feindes aus, sprangen auf, legten ruhig an, schossen ab und sprangen dann den Prärierand hinab.

Wie wir vermutet, so brachte ihre geringe Anzahl den Feind in unsere gewünschte Nähe. Er stutzte zwar anfangs, besonders da drei oder vier Offiziere fielen, aber kaum waren die Unsrigen den Prärierand hinab, als auch die Eskadronen wie toll ihnen nachgaloppierten. – Aber jetzt sprang Freund Fanning mit dreißig unserer Leute auf, sie warfen ihre Stutzen vor, legten an, und nacheinander losdrückend, brachten sie auch nacheinander Dragoner auf Dragoner von ihren Pferden herab, immer, wie wir sie angewiesen, die vordersten nehmend. Wharton, der erfahrene Pflanzer, der uns als Offizier beigegeben, und ich, die mit der Reserve von sechsunddreißig Mann nachsprangen, sobald Fanning abgeschossen, kamen kaum zu zehn Schüssen, als auch die Dragoner wie aufs Kommandowort »rechtsum kehrt euch« schwenkten – und sämtlich Reißaus nahmen. Unsere Büchsen hatten zu grob gewirtschaftet! Wie Schafe, unter die der Wolf gefahren, brachen sie auf allen Seiten aus. Vergebens, daß die Offiziere die Flüchtigen aufzuhalten suchten. Bitten, Drohungen, selbst gezückte Degen und Hiebe vermochten nicht, sie zum Halten zu bringen, da dieses Halten sich in der Regel verhängnisvoll erwies, denn auf hundert Schritte waren die meisten unserer Scharfschützen eines Eichhörnchens, um wieviel mehr nicht eines Durangodragoners sicher.

Wir aber hatten langsam abfeuern und nach jedem Schusse den Mann unter die Uferbank springen lassen, um schnell wieder zu laden, so daß von unserer kleinen Truppe immer dreißig bis vierzig für den Fall bereitstanden, daß der Feind einen Angriff in Masse unternahm.

Der erste Gruß jedoch hatte ihm die Lust für eine geraume Weile verleidet, einige Zeit blieb es selbst zweifelhaft, ob er überhaupt einen zweiten Angriff wagen würde, obwohl die Offiziere sich alle nur erdenkliche Mühe gaben, ihre Leute zum Vorrücken zu bringen; aber lange waren Bitten, Drohungen und Scheltworte gleich vergeblich. Alles aus der Ferne gesehen, erschienen ihre Gestikulationen, die furchtbaren Hiebe, die sie gegen uns führten, die Luftsprünge, die sie ihre feurigen Rosse machen ließen, drollig genug, eine wahre Theaterszene, aber doch muß ich zur Steuer der Wahrheit auch wieder gestehen, daß die Offiziere in der Tat mehr Mut und Entschlossenheit, ja Ehrgefühl bewiesen, als ich ihnen zugetraut hatte. Sie allein hatten unsere Büchsen nicht gescheut, auch waren von den zwei Eskadronen beinahe alle gefallen, und die wenigen, die noch übrig, weit entfernt, abgeschreckt zu sein, bemühten sich nur um so mehr, ihre Leute wieder zum Vorrücken zu bringen.

Endlich schien es ihnen doch gelingen zu wollen. Die Art, wie sie dieses zustande brachten, war seltsam, recht eigentlich mexikanisch! An die Spitze ihrer Eskadronen postiert, waren sie immer hundert Schritte oder mehr vor- und dann wieder zurückgaloppiert, so gewissermaßen ihren Leuten zeigend, daß keine Gefahr vorhanden. Jedes solche Vorgaloppieren hatte nun die Dragoner gleichsam unwillkürlich mechanisch ebenfalls dreißig bis vierzig Schritte vorwärts gezogen, worauf sie wieder wie aufs Kommandowort hielten, sich vorsichtig auf allen Seiten umschauten, ob noch keiner der gefürchteten Stutzen zu sehen. Dann galoppierten die Offiziere wieder vor, und wieder rückten ihre Dragoner nach, und so galoppierten und rückten sie wohl zehnmal vor, hielten, schauten, rückten wieder vor, bis sie denn abermals an die hundert Schritte herangekommen waren.

Es versteht sich von selbst, daß sie bei einem jeden solchen Vorrücken ihre Karabiner abschossen.

So allmählich mit dem Pulverdampf und unserer Nähe vertraut, begannen sich drei der noch nicht im Feuer gewesenen Eskadronen in Angriffskolonnen zu formieren und sprengten dann etwa fünfzig Schritte vor. Auf einmal kommandierten sämtliche Offiziere mit einer Donnerstimme vorwärts, setzten ihre Pferde in Galopp, und dem kräftigen Impulse folgend, stürmten auch richtig alle drei Eskadronen mit verhängten Zügeln an uns heran.

Diesmal aber ließen wir statt sechs – dreißig unserer Leute aufspringen, mit dem gemessenen Befehle, ja langsam zu feuern, keinen Schuß zu verlieren. Der Chok des ansprengenden Feindes raubte jedoch der Mehrzahl die Besonnenheit. Eilfertig schossen sie in die Masse hinein und sprangen dann den Prärierand hinab. Bei einem Haar hätte uns diese Eilfertigkeit in die Klemme gebracht. Der Feind schwankte zwar, aber er wich nicht zurück. In diesem kritischen Momente nun sprangen Wharton und ich mit der Reserve nach. »Zielt und schießt langsam und sicher, nehmt Mann für Mann!« schrien wir beide, Wharton rechts und ich links. Selbst hielten wir unser Feuer zurück. Das wirkte endlich. Schuß fiel auf Schuß; immer die Vordersten zu nehmen, mahnte ich nochmals, langsam zu schießen, um Fanning Zeit zum Laden zu geben. Ehe wir noch alle abgeschossen, war Fanning wieder mit einem Dutzend seiner fertigsten Schützen an unserer Seite. Wohl drei Minuten hielt der Feind wie betäubt unser wahrhaft mörderisches Feuer aus, aber da wir, wie gesagt, immer nur die vordersten Dragoner nahmen, die Vorsprengenden auch richtig fielen, wollte endlich keiner mehr vorwärts, die Eskadronen gerieten in Unordnung, die bald zur wildesten Flucht wurde. Wir gaben ihnen einen Denkzettel mit auf den Weg, der noch manches Pferd reiterlos in die Prärie hinaustrieb, luden dann wieder unsere Büchsen und zogen in unsere Weinlauben und Grotten zurück, der Dinge, die ferner kommen würden, harrend.

Jetzt war aber dem Feinde die Lust, einen nochmaligen Angriff zu wagen, ganz vergangen. Bis auf etwa dreihundert Schritte wagte er sich zwar heran, das Erscheinen eines Dutzends unserer Leute war aber immer hinreichend, ihn samt und sonders das Weite suchen zu machen. Jedoch drei- oder fünfhundert Schritte weg, schoß er seine Karabiner nur um so eifriger auf uns ab, was er um so ungestrafter tun durfte, als wir sein Feuer mit keinem Schusse mehr erwiderten.

Das Gefecht mochte so eine halbe oder dreiviertel Stunde gewährt haben. Noch war unsererseits kein Mann gefallen, nicht einmal verwundet, obwohl wir während der feindlichen Angriffe einen wahren Kugelregen ausgehalten. Wir konnten uns dieses seltsame Phänomen nicht erklären; die Kugeln fielen links und rechts, viele trafen, aber kaum, daß sie die Haut ritzten, einen wunden Fleck zurückließen. Wir waren auf gutem Wege, uns für unverwundbar, den Kampf bereits für entschieden zu halten, als das zweite, an der untern Furt aufgestellte Pikett gerannt kam und die einigermaßen beunruhigende Nachricht brachte, bedeutende Infanteriemassen seien gegen die Furt im Anzuge, müßten in wenigen Augenblicken sichtbar werden.

Wirklich ließ sich auch in demselben Augenblick das Wirbeln der Trommeln, das Quieken der Pfeifen hören, im nächsten defilierten bereits die ersten Kolonnen auf die Uferbank hinauf, in die Prärie hinein, gegen die Muskeetinsel zu.

Wie sich Kompanie auf Kompanie nun in der Prärie aufrollte, konnten wir auch leicht ihre Stärke ermessen. Es waren zwei Bataillone – beiläufig tausend Bajonette. Zum Überfluß hatten sie noch ein Feldstück mit.

Das war denn nun freilich mehr als genug für zweiundsiebzig – mit Einschluß von uns drei Offizieren fünfundsiebzig – Mann, so daß füglich zwanzig Mexikaner auf einen Amerikaner kamen. Zwar waren alle unsere Leute vortreffliche Scharfschützen, nebst ihren Stutzen hatten die meisten auch noch Pistolen in ihren Gürteln; aber was waren fünfundsiebzig Stutzen und auch hundert Pistolen gegen tausend Musketen und Bajonette, zweihundertundfünfzig Dragoner und ein Feldstück, mit Kartätschen geladen? Wenn der Feind auch nur einigermaßen militärisch zu agieren verstand, entschlossen vorging, waren wir wie Füchse im Bau gefangen.

Jedoch dieses auch nur einigermaßen Militärisch-agieren, Entschlossen-vorgehen würde fehlen, des waren wir halb und halb gewiß. Wir kannten unsere Gegner so ziemlich, denn sonst würden wir uns doch nicht so weit vorgewagt haben. Alles, was jetzt vonnöten, war prompte Entschlossenheit; unerschütterliche Kaltblütigkeit, die sich durch nichts irremachen, unsern Feind nie zu Atem kommen ließ. Kam er zu Atem, so waren wir verloren.

Mir und Fanning war es indes doch nicht ganz leicht ums Herz. Mit unserer Empfindsamkeit und Sympathie hatten wir die Leute in diese schutz- und haltlose Prärie gleichsam auf die Schlachtbank herausgeführt, und das in einer so unüberlegt tollkühnen Weise, daß wir mit einiger Ängstlichkeit nun einander, dann wieder die Männer anschauten. Aber wie wir sie so schauten, stieg uns auch wieder der Mut, das Vertrauen: wenn die ganze mexikanische Armee aufmarschiert wäre, unsere Leute würden ebenso ruhig und wohlgemut ihre Büchsen geputzt haben. Das einzige, was zu hören, war: schont nur euer Pulver und Blei; verschleudert, verliert ja keinen Schuß.

Mit solchen Männern aber ist es eine Freude zu kämpfen und, wenn nötig – zu sterben; denn man kämpft und stirbt mit Ehre. Da wir aber letzteres doch lieber nicht wollten, so mußten wir prompt sein. Prompt beschlossen wir demnach, unsere Maßregeln zu nehmen. Fanning und Wharton sollten die Infanterie und die Dragoner beschäftigen; mir fiel die Aufgabe zu, die Kanone, einen Achtpfünder, zu nehmen.

Das Geschütz war am äußersten linken Flügel, dicht am Rande der Prärie aufgepflanzt, da, wo diese steil zum Flusse sich herabsenkt, den es in seiner ganzen Krümmung vollkommen beherrschte. Dieses Ufer war, wie gesagt, mit einem ziemlich dichten Gewinde von Weinranken überwachsen, die uns nur zur Not dem Feinde verbargen; denn bereits der erste Kartätschenschuß belehrte uns, daß wir auf dieses Versteck nicht sehr zählen durften.

Es war kein Augenblick zu verlieren, denn ein einziger wohlgerichteter Schuß – und der Kampf war so gut wie zu Ende. Nachdem ich ein Dutzend Leute zusammengerafft, arbeitete ich mich so schnell, als ich es vermochte, durch das Gewirre der Weinranken, und war bereits etwa fünfzig Schritte von der Kanone, als der zweite Schuß ganz in unserer Nähe einschlug – das Schwanken der Ranken hatte uns dem Feinde verraten. Auf diesem Wege durften wir nicht vordringen; so bedeutete ich denn den zunächst dem Prärierand Vordringenden, diesen hinaufzuspringen und vor allem die Artilleristen niederzuschießen. Ich selbst sprang, der dritte oder vierte, nach.

Wie ich aufsprang, die Büchse hob, um anzulegen, sank mir diese, als ob ein Zentnergewicht sich an die Mündung gelegt, eine unsichtbare Gewalt sie niedergedrückt.

Eine lange, hagere Figur, mit verwilderten, unkenntlichen Zügen, mehrere Zoll langem Barte, in Lederkappe, Wams und Mokassins, stand keine drei Schritte vor mir. Wie der Mann hierher gekommen, war mir sowie meinen Leuten ein Rätsel, ihre Blicke hingen nicht weniger scheu, an ihm. Aber er mußte bereits geschossen haben, denn einer der Artilleristen lag neben der Kanone hingestreckt, und einen zweiten, der den Ladestock eintrieb, schoß er jetzt nieder, und lud dann wieder so ruhig handwerksmäßig, als ob er diese Art Schießübung alle Tage seines Lebens getrieben hätte.

Man ist auf dem Schlachtfelde nicht sehr wählerisch oder skrupulös gestimmt; der angenehmste Nachbar ist immer der, welcher am meisten Feinde niederwirft, das Totschlagen am erfolgreichsten betreibt; das rohe Bluthandwerk, in dem man begriffen, erstickt für den Augenblick jede zartere Empfindung; aber doch hatte das Wesen des Mannes, seine ganze Art und Weise etwas so Schlächterisches, sein Treiben verriet eine so gefühllose, ich möchte sagen ruchlose Wegwerfung seines eigenen Lebens und des anderer Menschen, daß ich den Mann schaudernd und wie betäubt anstarrte. Und nicht nur ich, auch meine Leute waren nicht weniger ergriffen von seinem gespenstartigen Wesen. Wohl zwanzig Sekunden standen sie bereits oben auf dem Prärierande, aber noch immer hielten sie wie betäubt die Büchsen; – statt aber den Feind ins Auge zu fassen, fielen ihre stieren Blicke wieder auf ihn, bis er ihnen mit rauher Stimme zurief: »Verdammt! Was gafft ihr, Maulaffen! Nehmt drüben die Artilleristen aufs Korn – lustig! Das Blei ihnen in die Schädel!«

Erst da schossen sie – fehlten – und sprangen dann so eilfertig als ob sie getrieben würden, den Prärierand hinab.

Ich vermochte weder ihnen zu folgen, noch den Stutzen zu heben, und wenn der Feind statt siebzig Schritten sieben von mir gewesen wäre, ich hätte es nicht vermocht. Die Stimme des Mannes hatte mich so entsetzlich durchschauert! Die Augen auf das Gespenst geheftet, stand ich, gerade als ob das Grab eines von mir Gemordeten sich geöffnet, das Opfer meiner Bluttat aus diesem sich erhöbe, mit klaffender Wunde mir entgegenschritte. Das Blut war mir halb erstarrt! Noch immer wußte ich nicht, wer er war; seine Züge schwebten mir zwar dunkel vor der Phantasie, aber zu erkennen vermochte ich ihn nicht. Irgendwo hatte ich sie gesehen, diese Züge, diese Stimme gehört, und zwar unter Umständen, die mir damals wie jetzt, das Blut in den Adern erstarrt hatten. Deutlich bewußt war ich mir, dieselben Schauer, die ich jetzt empfand, bereits früher empfunden zu haben, und zwar in seinem Beisein empfunden zu haben, ja, daß er es gewesen, der mir das Herzblut erfrieren gemacht, mich bis in den innersten Lebensnerv erschüttert; – aber wo und wann, konnte ich mich nicht besinnen. Die feindlichen Kugeln fielen wie Hagelkörner vor mir, um mich herum; ich stand wie versteinert, bis endlich einer meiner Leute aufsprang und mich am Arm den Prärierand hinabriß.

Erst da – befreit von dieser schrecklichen Nachbarschaft – kam ich wieder zu mir, konnte mich aber doch nicht enthalten, scheue Blicke hinauf nach der Erscheinung zu werfen und seltsam! bei jedem solchen Blicke durchzuckte mich ein Etwas wie Verlangen – den Mann fallen zu sehen.

Die Artilleristen hatten, als wir noch auf der Prärie standen, das Stück gegen uns gerichtet; ehe sie es aber loszubrennen imstande gewesen, waren wir bereits wieder unter dem Prärierande, und er schoß den dritten weg. Sich ihres furchtbaren Gegners auf alle Weise zu entledigen, brannten nun die beiden noch übrigen das Geschütz auf ihn allein los, aber weder Kartätschen noch Musketenkugeln des nun auf weniger denn fünfzig Schritte herangerückten Feindes vermochten etwas über ihn. Mit eiserner Ruhe lud er fort, schoß den vierten – und endlich den letzten nieder, und schrie uns dann mit rauher Stimme zu: »Verdammt, ihr trödeligen Gesellen! Auf, nehmt den Kerlen das Geschütz!«

Um alle Welt aber wäre jetzt keiner von uns aufgesprungen. Wir hatten alle geladen, standen aber wie Salzsäulen, ihn – dann wieder uns gegenseitig anstierend – und gleichsam fragend, ob die seltsame Erscheinung denn auch wirklich einer unseresgleichen – ein Erdenbewohner – und nicht vielmehr ein Präriegespenst vor unsern Augen Spuk treibe?

Aber wie er so ganz allein in der Prärie oben stand – mit den verwitterten Zügen – dem mehrere Zoll langen Barte – der wie spanische Moosflocken um Hals und Nacken herumhing – die Zielscheibe von Hunderten feindlicher Kugeln – glich er so ganz und gar einem der unzähligen Kobolde, mit denen der spanisch-katholische Aberglaube eben diese Prärie so reichlich ausgestattet, daß mir noch zu gegenwärtiger Stunde, wenn ich ihn mir so recht vor die Augen rufe, unwillkürlich Zweifel aufsteigen, ob es denn doch auch mit ihm geheuer gewesen. – Er glich in der Tat weniger einem Erdenbewohner als einem wüsten Wald- oder Präriegespenste, und wie ein solches hätte er bei einem Haar eine arge Teufelei über uns gebracht.

Unsere geringe Anzahl, die im Entsetzen verfehlten Schüsse – vor allem aber die augenscheinliche Furcht, mit der wir unsere Flucht den Prärierand hinab bewerkstelligten, hatte den Feind so über alle Erwartung ermutigt, daß er die hinter der Kanone aufgestellte Kompanie im Doppelschritt vorrücken und unsern Versteck mit einem heftigen Feuer bestreichen ließ. Bereits schwenkte eine Rotte vor, um uns, die wir noch immer wie gelähmt standen, von den Unsrigen abzuschneiden, als – es war die höchste Zeit – Fanning mit dreißig unserer Büchsenmänner erschien. Dieser Anblick brachte uns mit einem Male wieder zur Besinnung. Ein freudiges Hurra! und dann waren meine Leute auf der Bank oben; ohne sich jedoch an Fanning anzuschließen – war es das Gefühl der Scham, war es der neu erwachende Mut? ich weiß es nicht – rückten sie im Sturmschritt bis auf zwanzig Schritt an den Feind heran, legten auf diesen an und schossen ein Dutzend Infanteristen mit einer so verzweifelten Ruhe und Kaltblütigkeit nieder, daß die Kompanie, entsetzt, einen Augenblick schwankte, dann aber im äußersten Schrecken die Musketen wegwarf und mit einem gellenden Diablos! Diablos! über Hals und Kopf Reißaus nahm.

Fanning hatte, trotz des kritischen Momentes, mit wahrhaft bewundernswürdigem Gleichmute seine Leute langsam feuern lassen, so daß, als wir nun von unserm Angriffe zurückkehrten, etwa noch ein halbes Dutzend nicht zum Schusse gekommen war, von Whartons Reserve, die jetzt gleichfalls vorgerückt, gar keiner. – Die Kompanie war vollkommen gesprengt und lief bereits dreihundert Schritte von uns, aber statt dieser zeigte sich der Achtpfünder, der mittlerweile mit frischer Bemannung versehen und soeben zum Losbrennen gegen uns gerichtet ward. Hätte die Bemannung aus Artilleristen bestanden, sie würden uns wahrscheinlich auf eine Weise begrüßt haben, die dem Kampfe bald ein Ende gemacht hätte; aber so waren es Infanteristen, die mit ihrer Unbeholfenheit nicht eher fertig wurden, als bis wir die Hälfte weggeschossen und unter den Prärierand hinabgesprungen waren.

Der Schuß ging los, wir sprangen wieder auf.

Ein wahrer Waffentanz, bei dem uns denn aber doch allmählich heiß zu werden begann! Es war keine Minute zwischen unserm Hinab- und Wiederaufspringen verstrichen, aber der kurze Zwischenraum hatte doch die der zerstreuten Kompanie zunächst aufgestellten, weiter in die Prärie hinausstehenden Kolonnen um ein beträchtliches gegen uns vorgebracht. Wir sahen jetzt, daß das zweite in Staffeln aufgestellte Bataillon gleichfalls im Vorrücken gegen uns begriffen, daß es seine schiefe Stellung so genommen, daß die hinteren Kolonnen die vorderen unterstützten, so daß wir leicht mit einem Dutzend Kompanien nacheinander anzubinden gehabt hätten, eine Aussicht, die uns denn doch bedenklich erschien. Nicht, als ob wir im mindesten besorgt gewesen wären, mit den zunächst avancierten Kompanien nicht ebenso leicht fertig zu werden; aber es stand auch – und das nicht ohne Grund – zu befürchten, daß der Feind, wenn sich der Kampf in die Länge zog, allmählich auch den panischen Schrecken, den ihm bisher unsere Büchsen eingeflößt, überwinden, sich ermutigen und vom sinnlosen Pelotonfeuer, das er der ganzen Linie entlang gegen uns unterhielt, zum Angriff mit dem Bajonett übergehen würde. Wenn nur eine einzige Kompanie zu einem solchen Angriff gebracht wurde, mußte unsere Lage schon deshalb gefährlich werden, weil unsere Kräfte dann geteilt waren. Wir bemerkten ferner nicht ohne Unruhe, daß die Kavallerie, die sich bisher ruhig in heilsamer Ferne gehalten, nun gleichfalls in Bewegung geraten, stark gegen die Muskeetinsel hinabgedrückt, und daß der äußerste rechte Flügel der Infanterie sich ihr bereits auf Schußweite genähert, zweifelsohne, um ihr die Hand zu reichen und dann vereint gegen uns vorzudringen. Wo waren aber unsere zwölf Mann, die wir in der Insel gelassen? Was war aus ihnen geworden? Waren sie noch da, oder hatten sie sich im Schrecken vor der Übermacht zur Mission zurückgezogen? Das wäre nun ein böser Streich gewesen! Es waren treffliche Schützen, alle mit Pistolen versehen, die uns jetzt sehr gut zustatten gekommen, in der Mission aber absolut verloren waren. Wir hatten sie sowohl als die acht Mann der Mission mehr in der Ahnung, daß sie uns da nützlich sein konnten, als mit klarer strategischer An- oder Einsicht zurückgelassen. Aber was vermochten zwölf Mann – wenn auch noch so treffliche Scharfschützen – gegen zweihundertundfünfzig Dragoner und eine oder ein paar Kompanien? Wir bedauerten nun, diese zwölf Scharfschützen, die uns gerade jetzt so treffliche Dienste leisten konnten, gleichsam auf den Würfel gesetzt zu haben – denn was das allerbedenklichste, unsere Ammunition begann stark zu schwinden, nur wenige hatten mehr als sechzehn Ladungen Pulver und Blei mitgenommen, die bis auf sechs verschossen waren – Dinge, die keine sehr angenehme Musik zu diesem unsern Waffentanze gaben. Aber »ein feiges Herz erwirbt sich nimmer die Braut«; einen Augenblick überlegten wir, und im nächsten waren wir entschlossen. Die Tat rasch dem Entschlusse folgen lassend, übernahm ich es mit zwanzig Mann, in die Lücke, die die zerstreute Kompanie in der feindlichen Linie gelassen, vorzudringen – den Feind so in die Flanke – die Kanone aber endlich in unsere Gewalt zu bringen; Fanning und Wharton sollten ihn in der Front angreifen.

Die Bemannung dieser Kanone – mittlerweile wieder niedergeschossen – bestand jetzt bloß noch aus einem Offizier, der allein es gewagt, bei ihr auszuharren und sie zu laden. Er fiel gerade, als ich mich zu unseren Leuten wandte, um die zwanzig aufzufordern, mir zu folgen. In demselben Augenblicke aber taumelte etwas an meine Seite – ich wende mich: der gespenstisch wilde Mann, den ich während des obenerwähnten kritischen Momentes glücklich aus den Augen verloren, fällt mit einem gellenden Schrei an mich an, die losgebrannte Büchse krampfhaft mit beiden Händen erfaßt, die Augen verdreht, wild in den Höhlen rollend – der ganze Mann wie ein mit der Axt vor den Kopf getroffenes Rind vor mir niederschmetternd.

In dem furchtbaren Rollen der Augen, den gräßlichen Blicken erkenne ich ihn.

»Bob!« – kreischte ich.

»Bob!« – röchelte er, einen entsetzten und entsetzlichen Blick auf mich werfend; – »Bob! Und wer seid – Ihr?«

Einen wilden Strahl warfen mir die brechenden Augen noch zu, und dann schlossen sie sich.

Mich aber trieb es fort, als ob wirklich ein Gespenst hinter mir her gewesen wäre. Der Kopf drehte sich mir auf den Schultern – entsetzliche Bilder stürmten auf mich ein. – In diesem Augenblicke wußte ich nicht, ob ich über – auf – oder unter der Erde war.

Es ist aber ein Schlachtfeld – mit dreizehnhundert Feinden zu Gesellschaftern – ein gar sehr ersprießliches Ding, einem den Kopf wieder teilweise zurechtzusetzen, das Gedankenchaos zu lichten; bei mir wenigstens war dies der Fall.

Einige meiner Leute waren auf die Kanone zugesprungen, hatten sich an diese, den Ammunitionswagen gespannt, beide vorwärts gezogen, erstere geladen, während die andern als Bedeckung sie links und rechts umgaben.

Noch waren sie mit dem Laden des Geschützes beschäftigt, als ein verwundertes: »Seht, schaut doch einmal!« mich aufschauen machte.

Der Feind schien in einem dem meinigen ähnlichen Zustande zu sein. Auch er schwankte, als ob er Geister sähe, die ganze feindliche Linie, Kolonnen und Eskadrons. Noch hatte keiner meiner Leute einen Schuß getan, wohl aber Fanning und Wharton, die etwa zwanzig Schüsse abgefeuert, als sowohl die nächsten Kolonnen als auch die entfernteren in die seltsamste Bewegung gerieten!

Es war ein ordentliches Erzittern, Erbeben, das über sie kam und das gerade aussah, als wenn es von einem Erdbeben herrührte, einem unterirdischen Stoße, einer Erschütterung, die alles durcheinanderwarf. Wir hielten unsre Büchsen zur Deckung der Kanone in Reserve; diese selbst, doppelt geladen, ließ ich soeben mit Zündkraut versehen, als das Schwanken des Feindes so heftig wurde, daß ich den Schützen sich zu beiden Seiten der Kanone anzureihen befahl. Die Kolonnen der Infanterie erschienen gerade wie ungeheure Felsmassen – und in ihren braunen Uniformen glichen sie auch solchen – wie sie, am hohen Berggipfel aus ihren Lagern gerissen, einen Augenblick schwanken, ungewiß, auf welche Seite sie gerissen werden.

Ich hatte in Eile die Lunte angeblasen, ließ feuern und brannte dann den Kartätschenschuß ab.

Den letzteren erwartete jedoch der Feind nicht mehr. Gleich den erwähnten Felsenmassen sich plötzlich losreißend, barst die ganze lange Linie auseinander, aber nicht die Kolonnen, die gegen uns standen, zuerst, die des äußersten linken Flügels hatten den Anfang gemacht, dann folgte das Zentrum, der links gegen uns stehende Flügel war der letzte; aber eines hatte das andere mitgerissen. Es war die wildeste, regelloseste Flucht, die ich je gesehen. – Infanterie, Kavallerie – alle jagten sich gerade wie Felsmassen, die vom höchsten Berggipfel losgerissen, auch alles mit sich fort in den Abgrund reißen.

Wir standen, wir schauten, wir starrten; lange vermochten wir es nicht, den Feind und seine seltsame Flucht zu begreifen. Endlich begannen uns beide klar zu werden.

Die Infanterie nämlich, ihren linken Flügel an den Salado gelehnt, hatte ihren rechten in die Prärie hinaus gegen die Muskeetinsel vorgeschoben, um sich an die uns gegenüber haltenden Dragoner anzuschließen und dann vereint gegen uns vorzudringen, ein Manöver, das unsere Aufmerksamkeit und Kräfte teilen, uns so in Verwirrung bringen sollte. Der Plan war nicht übel, bereits hatten sich sowohl Infanterie als Kavallerie gegen die Insel hinab- und hinangezogen, natürlich ohne auch nur im geringsten zu argwöhnen, daß diese von uns besetzt sein könnte. Auch zeigte sich da nichts Verdächtiges. Unsere zwölf trefflichen Büchsenmänner hinter den Bäumen verborgen, ließen sowohl Eskadrons als Kompanien bis auf zwanzig Schritte an die Insel herankommen, aber als sie so weit herangekommen, eröffneten sie plötzlich ihr Feuer, wohlbedacht zuerst die Pistolen und dann die Büchsen gebrauchend.

Eine Überraschung aber von einigen dreißig Schüssen, plötzlich aus einem solchen Hinterhalte kommend, dürfte nun wohl die besten Truppen außer Fassung gebracht haben, um wieviel mehr unsere mexikanischen Dons, die sich kaum von ihrem ersten Schrecken erholt hatten und sich nun wieder von den eingefleischten Diablos, wie sie uns nannten, auf allen Seiten umzingelt hielten. Ihnen so schnell als möglich zu entgehen, brachen sie auf allen Seiten aus, die Infanterie unwiderstehlich mit sich fortreißend – Kolonne auf Kolonne, bis sich endlich die ganze Linie in ein endloses Gewimmel Flüchtiger auflöste.

Der Sieg war so gekommen, wir wußten selbst nicht wie. Fannings und Whartons Leute hatten zweimal, die meinigen nur einmal abgeschossen, als auch bereits die feindlichen Massen sich auflösten, wie wilde Mustangherden, von den Lassojägern verfolgt, in die Prärie hinausbrachen.

Unser erster Gedanke war natürlich, die Flüchtigen zu verfolgen, von der Furt abzuschneiden; auch waren wir im Begriff, die Order dazu zu geben, als mehrere der Unsrigen – die die Patrontaschen der gefallenen Infanteristen sowie ihre Musketen untersucht – uns von diesem Beschlusse abzustehen vermochten. Unsere Ammunition war nämlich, wie gesagt, großenteils aufgebraucht, und die erbeutete so schlecht, daß sie, wie wir später erprobten, keine Kugel fünfzig Schritte weit trug. Das Pulver, wenig besser als Kohlenstaub, gab uns nicht nur vollkommenen Aufschluß über unsere Unverletzlichkeit, sondern auch einen neuen Beleg – wenn es eines solchen noch bedurft hätte – über John Bulls Rechtlichkeit in seinem Handel und Wandel mit fremden Völkern. Musketen und Patronen trugen die Etiketten von Birmingham und einer ihrer Pulverfabriken, aber mit dem naiven Beisatze: Für Exportation ins Ausland.

Ein Bajonettangriff würde dem Feinde nicht mehr, wahrscheinlich nicht einmal so viel Leute gekostet, unsere Verteidigung aber um vieles kritischer gestellt haben. So wie die Dinge standen, blieb uns nichts weiter übrig, als den Feind laufen zu lassen. Wir ließen ihn sonach auch laufen. Das einzige, was wir taten, war, daß wir eine kleine Abteilung nach der Muskeetinsel sandten, die von da aus mit den zwölf Mann nach der Furt hinabrückte, gegen die wir uns nun auch selbst mit dem Gros unseres kleinen Korps wandten.

Die Demonstration hatte den beabsichtigten Erfolg, daß sie nämlich die Flüchtlinge, die im ersten panischen Schrecken ihr Ziel, die Furt, weit überschossen, dieser wieder zubrachte und so die Prärie mit dem diesseitigen Ufer von ihrer Gegenwart befreite. Roß und Mann stürzten zugleich der Furt und dem Wasser zu, und ehe wir noch bis auf hundert Schritte herangekommen, waren drei Vierteile des Feindes am jenseitigen Ufer in Sicherheit. Ein paar hundert waren aber noch zurück und unser, wenn wir wollten.

Wharton war mit dreißig Mann voran und gab Befehl, zu feuern, aber keiner seiner Leute leistete Folge. Er befahl ein zweites Mal – dieselbe Widerspenstigkeit. Wie er jetzt ungeduldig ein drittes Mal kommandierte, trat ein alter wetter- und sonnenverbrannter Bärenjäger kopfschüttelnd an ihn heran, sich mit aller Muße folgendermaßen expektorierend:

»Wollen Euch sagen, Kapting!«

Bei den Worten schob er den Tabaksquid aus seiner linken Backenhöhle in die rechte über.

»Wollen Euch sagen, Kapting! Kalkulieren, lassen für jetzt die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!

»Die armen Teufel, die Dons, in Ruhe!« schrie Wharton in höchster Ungeduld; »seid Ihr toll, Mann?«

Fanning und ich mit unseren Leuten waren jetzt gleichfalls herangekommen, begreiflicherweise nicht weniger ungeduldig, als wir hörten, um was es sich handle.

Der Mann ließ sich jedoch nicht beirren, perorierte weiter.

»Haben ein Sprichwort, Gentlemen!« wandte er sich nun an uns, »haben ein Sprichwort, das da sagt, man müsse dem geschlagenen Feinde eine goldene Brücke bauen, und kalkuliere, ist ein gutes Sprichwort das, ein konsiderabel probates Sprichwort das immerhin, dem Feinde eine goldene Brücke zu bauen.«

»Was wollt Ihr aber, Mann, mit Eurem goldenen Sprichwort? Wißt Ihr, daß Ihr eine unpassende Zeit gewählt habt zu Eurem Sprichwort?« schrie Fanning.

»Was Ihr tut, ist insubordinationsmäßig und strafwürdig; Eure Schuldigkeit ist, zu feuern, dem Feinde den größtmöglichen Abbruch zu tun, nicht aber zu sprichwörtern!« wieder ich.

»Kalkuliere, es ist«, versetzte der Mann mit empörender Kälte; »kalkuliere, könnten ihn auch jetzt ohne Gefahr und Mühe niederschießen; kalkuliere aber, wäre das spanisch-mexikanisch, nicht amerikanisch, nicht klug.«

»Nicht klug?« schrie ich.

»Spanisch-mexikanisch, nicht amerikanisch, den Feind laufen zu lassen, wenn wir ihn in unserer Gewalt haben!« Fanning und Wharton.

»Kalkuliere, wäre es. Kalkuliere, würden uns selbst mehr schaden, als ihm, wenn wir ihm seine Leute nun niederschössen, sie nicht laufen ließen«, fuhr der Mann ganz ruhig fort. »Kalkuliere, würdet euch selbst den größten Schaden tun, und zwar aus demselben Grunde, vermöge welchem ihr kommandiert habt, von den angreifenden Schwadronen und Kompanien ja nur die vordersten Reihen und Glieder wegzuschießen. War das ein konsiderabel vernünftiges Kommandement, bürg' euch dafür, von wegen weil ihr so dem Feinde handgreiflich dartatet, daß ihr nur die Übermütigen, Kecken, Verwegenen bestrafen, die Sanftmütigen aber, die Zaghaften, Furchtsamen, die hinten standen und nicht vor wollten, verschonen wolltet. War das eine gute Kalkulation, wißt ihr, von wegen weil ihr einen Unterschied zwischen Feinden und Feinden, gleichsam eine Prämie für die Feigheit aufstelltet. Hättet ihr alle ohne Unterschied nehmen lassen, die Hinteren sowie die Vorderen, hättet ihr die Feigen tapfer zu sein genötigt, und wäre das ein großer Fehler gewesen.«

Wir konnten vor Zorn bersten, aber unsere Leute nickten beistimmend, links und rechts.

Der Mann fuhr fort: »Kalkuliere, ist eine große Kurzsichtigkeit, den Feind ohne Unterschied niederzumachen, den Zaghaften ebensowohl als den Herzhaften; heißt das ein Prämium auf die Tapferkeit setzen, und ist das zwar klug, wenn man es bei seinen, aber nicht klug, wenn man es bei des Feindes Leuten tut. Sind die Zaghaften immer die besten Alliierten, sind es diese, die, wenn ihr sie verschont, bei der nächsten Gelegenheit zuerst Reißaus nehmen, die andern mit sich fortreißen. Und sind die – er wies hier mit der Hand auf die flüchtigen Mexikaner – wohl die allerzaghaftesten, denn sind im panischen Schrecken am weitesten in die Prärie hinausgesprengt, zuerst ausgebrochen, haben in ihrer Angst die Furt ganz und gar vergessen. Und wenn ihr jetzt in sie hineinschießt, und sie so merken, daß, gleichviel ob zaghaft oder tapfer, sie doch von uns niedergeschossen werden, je nun, so könnt ihr sicher sein, daß sie bei der nächsten Gelegenheit ihren Balg teuer verkaufen.«

So unzeitig das ganze Geschwätz auch war, so hatte es doch auch wieder viel Beachtenswertes; dann sprach der Mann so simpel naiv-schlau, ich mußte lächeln.

»Sage euch, Kaptings!« schloß er, »kalkuliere, laßt die armen Teufel, die Dons, laufen. Werden uns so bessere Früchte tragen, die Hasenfüße, wenn wir sie laufen lassen, als wenn wir ihrer fünfhundert niederschössen. Kalkuliere, werden das nächstemal dafür zuerst Reißaus nehmen, uns so den Dank für die bewiesene Großmut abstatten.«

Und jetzt trat der Mann in die Reihen zurück, und alle nickten und stimmten bei, und kalkulierten, der Zebediah habe ein wahres Wort gesprochen, und mittlerweile war auch der Feind am jenseitigen Ufer, und wir – hatten das Nachsehen.

Zu schießen weigerten sich zwar unsere Leute, aber nicht, auf das jenseitige Ufer vorzurücken, um den Feind und die Richtung, die er nahm, im Auge zu behalten. Wir beorderten den alten Bärenjäger mit zwanzig Mann hinüber und zogen uns dann in unsere alte Position zurück.

Ich aber eilte dieser mit einer Hast zu, die wohl das Befremden der Meinigen erregen konnte, denn schon während der letzten Vorgänge war mein Benehmen seltsam genug gewesen! – Wie ein Betrunkener hatte ich mich umhergetrieben – als ob ich Gespenster gesehen. Aber ich sah sie auch! Wie ein wahres Gespenst war mir das Bild Bobs während des Angriffs – der Flucht des Feindes – die ganze Zeit hindurch – vorgeschwebt; ein wirrer Geist in mich gefahren, der mich hinzog und trieb – zu seiner Leiche. Es war mir, als müßte ich seinen Leichnam sehen, als ob davon meine Ruhe, mein Frieden abhinge. Eine fixe Idee, die mich so heftig ergriff, daß ich wie wahnsinnig der Stelle zulief, wo er niedergeschmettert, da angelangt, mit wildrollenden Augen herumsuchte – sprang. Seltsam muß ich zu schauen gewesen sein, denn die Meinigen waren erschrocken herbeigeeilt, zu sehen, was es mit mir und dem wilden Präriemanne gäbe. Nirgends aber war eine Spur von ihm zu finden. Ringsum die Stelle, wo er gefallen, suchend, war ich von dieser aufwärts, dem Rande der Prärie, dem Rebengestrüpp entlang – wieder abwärts gelaufen, hatte jeden Infanteristen, Artilleristen, Kavalleristen besehen, aber ihn nicht gefunden.

Wharton redete mich an, fragte, ob ich den wilden Präriemann suche. Ich forderte ihn auf, mir zu sagen, wo er sei. Er schüttelte den Kopf. Er wisse nicht, was aus ihm geworden, noch wohin er gekommen. Nur soviel könne er mir versichern, daß ihn nicht bald jemand so außer aller Fassung gebracht.

Dasselbe bestätigten die Männer, die Wharton umgaben. Sie waren in der Weinrebengrotte, etwa fünfzig Schritte hinter Fannings Leuten, gestanden, als – gerade wie die Infanterie von der Furt in die Prärie hinaufrückte – ein Mann von Norden her auf einem Mustang getrottet kam, etwa zweihundert Schritte oberhalb am Prärierande hielt, abstieg, den Mustang an die Weinranken band und dann, seine Büchse im Arme, hastig dem Prärierande entlang auf den Feind zuschritt.

An Whartons Abteilung herangekommen, befahl ihm dieser, zu halten und Rede zu stehen, wer er sei, woher er komme, wohin er wolle. Die Antwort des Mannes war: Wer er sei, gehe den Frager nichts an, noch woher er komme. Wohin er gehe, werde er sehen. Er gehe gegen den Feind.

Dann solle er sich anschließen – schrie ihm Wharton zu.

Dieses Ansinnen wies der Mann trotzig zurück: er wolle für sich und seine Rechnung fechten.

Das dürfe er nicht – rief ihm wieder Wharton zu.

Er wolle sehen, wer es ihm verbieten würde. Und mit diesen Worten ging er. Eine Minute darauf schoß er bereits den ersten Artilleristen nieder.

Natürlich ließ man ihn nun auf seine Rechnung fechten.

Was weiter – nach seinem Falle aus ihm geworden, das wußte keiner zu sagen. Zuletzt wollte einer den Bärenjäger um ihn gesehen haben.

Zum Bärenjäger eilte ich sonach.

Der Aufschluß, den ich von ihm erhielt, lautete folgendermaßen: Kalkulierend – um mich seiner Worte zu bedienen – daß die Büchse des wilden Präriemannes – wohl eine so kapitale Büchse, als je Bären kaltgemacht – leicht in Unrechte Hände fallen dürfte, habe er es für seine Bürgerpflicht gehalten, einer solchen Gefahr vorzubeugen und die Büchse in seine Verwahrung zu nehmen; weswegen er sich an den toten Präriemann angemacht, obwohl ihm die Fassade desselben nichts weniger als einladend gedünkt. Aber wie er sich so an ihn angemacht, willens, die Büchse seinen Händen zu entwinden, habe er für seine Bemühung einen Ruck erhalten, der ihn bei einem Haare neben dem wilden Toten hingestreckt hätte, worüber er schier perplex geschaut, und wie er so geschaut, habe er gesehen, daß der wilde Mann an seinem Hirschfellwamse herumkrabble, auch dieses auftat, wo sich dann eine Wunde an der Brust zeigte. Die Wunde sei aber weder tief, noch gefährlich gewesen, und obwohl die Kugel den Mann niedergeworfen und betäubt, sei sie doch nicht in die Brust eingedrungen, vielmehr an das Brustbein angeprallt, so daß er sie selbst herausgezogen. Darauf habe der Präriemann seine Büchse erfaßt, sich, gestützt auf diese, erhoben und ohne »Dank' Euch« oder »Verdammt« zu sagen, seinen Weg der Weinrebengrotte zu genommen, da seinen Mustang den Prärierand heraufgezogen, diesen bestiegen, worauf er dann langsam in nördlicher Richtung fortgeritten. –

Das sei alles, was er von dem Manne wisse, und er wolle auch nichts mehr von ihm wissen noch sehen, denn was er gesehen, sei wahrlich nicht geeignet, ihm Lust zur Erneuerung der Bekanntschaft einzuflößen. Sei das ein Gesicht, das einen wahrlich nicht auf kirchengängerische Gedanken bringe, ein wahres Brudermördergesicht, nicht menschlich anzuschauen, und das ihm vorgekommen, als ob der Mann, dem es gehörte, wenigstens ein dutzendmal vom Galgen gefallen.

Während der Mann so sprach, hatte sich ein unsäglich widerwärtiges Gefühl – ein wahres Grausen meiner bemächtigt. Von meiner katholischen Amme hatte ich in meiner Kindheit ein Märchen gehört: ein zwölffacher Mörder, der zwölfmal in den verschiedenen Grafschaften Irlands geköpft, gehängt, gevierteilt worden, in der Mitternachtsstunde nach der Hinrichtung aber wieder von einem bösen Zauberer, der in Gestalt einer ungeheuren schwarzen Katze die zerrissenen und getrennten Körperteile zusammensetzte, wiederbelebt wurde – mußte endlich beim dreizehntenmal mit einem von St. Patrick geweihten Schwerte gerichtet werden, über das der arge Zauberer begreiflicherweise keine Gewalt mehr hatte, so daß er nur noch die vom Schwerte nicht berührten Gliedmaßen zusammenfügen konnte, die denn auch noch immer in einem gewissen Teile Irlands ihr Wesen zur Mitternachtsstunde trieben. – Das Bild dieses zwölffachen Mörders stand jetzt nicht nur in seiner ganzen grausigen Gestalt vor mir, es hatte auch ganz und gar die Züge Bobs angenommen.

Der Mensch ist ein wahres Rätsel, und noch heute ist mir unbegreiflich, was damals mit mir vorging. So wie nach den Auftritten in der Prärie am Jacinto, fühlte ich mich auch jetzt wieder so stark angegriffen, die Wirkung der Phantasie auf den Körper äußerte sich so heftig, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, das Bewußtsein schwand, ich in einem fieberähnlichen Zustande am Rande der Prärie hinsank.

Fanning, der erschrocken zu meinem Beistande herbeieilte, gelang es endlich nicht ohne Mühe, mich zur Besinnung zu bringen.

Mit ihm kam ein Mann, um uns zu benachrichtigen, daß General Austin mit unserer kleinen Armee im Anzuge sei. Auch er hatte den wilden Präriemann gesehen, das erstemal, als er, auf dem Kirchturme postiert, die Bewegungen des Feindes beobachtete. Da sah er einen Reiter, der, von Conception kommend, etwa zweihundert Schritte von der Mission vorbeijagte und es ganz toll auf seinem Mustang trieb, mit Händen und Füßen, der Büchse, dem Bowiemesser focht und sich wie ein Rasender gebärdete. Er ritt gerade auf die obere Furt zu. Etwa eine Stunde nachher sah er ihn das zweitemal, sah ihn langsam in nördlicher Richtung fortreiten und kaum imstande, sich im Sattel zu halten. Nach seiner Meinung mußte er von der Mission Conception gekommen und dahin wieder zurückgekehrt sein.

Ohne Verzug ließ ich mir eines der erbeuteten Dragonerpferde bringen, bestieg es und jagte der Mission Conception zu.

Von den da befindlichen alten Mexikanern hörte ich nun die seltsame Mär, daß der Herege Inglese y Americano, der seit Jahren Jäger der Mission gewesen, nie ein Wort mit irgend jemand gesprochen, selbst nicht mit den frommen Paters, die – ihn in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen – öfters von der Hauptstadt herübergekommen wären, daß dieser Herege (Ketzer) nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager vor etwa drei Stunden plötzlich erstanden, seinen Mustang gesattelt, seine Büchse um die Schulter geworfen und in der Richtung, die ich gekommen, fortgeritten – aber nicht wiedergekehrt sei.

Ihrer Beschreibung nach blieb Herege Americano eine und dieselbe Person waren.

Aber wie kam er hierher – wie ward er gerettet? denn wenigstens waren zwölf bis fünfzehn Minuten verstrichen, ehe der Alkalde ihn vom Lasso geschnitten haben konnte. Er hatte ihn also doch gerettet, ihn vielleicht selbst in die Mission gesandt? Aber derselbe Alkalde hatte ja Johnny vorzüglich deshalb richten lassen, weil er zu Pater Jose geflüchtet? – Und Bob! War er katholisch geworden? Wie kam es, daß er gegen seine Glaubensgenossen focht? wenn nicht, warum ließ man ihn so lange in der Mission? Alles Rätsel, die mir den Kopf so verwirrten, daß er sich mir wie im Kreisel herumzudrehen, ich verrückt zu werden zu fürchten begann. In einem unbeschreiblichen Taumel kehrte ich zu den Meinigen zurück.

Erst, als ich mich an der Seite Fannings befand, schwanden Irrlichter und Nebel. Fanning, als ich ihm das Gehörte mitgeteilt, dachte einen Augenblick nach, und dann schien ihm ein Licht aufzugehen. Ich schüttelte zwar den Kopf, aber er bewies mir aus mehreren Umständen die Richtigkeit seiner Vermutung, die mir zwar nicht ganz so klar einleuchten wollte aber doch das Gute hatte, daß sie einen Halt darbot, an den meine Gedanken sich gewissermaßen lehnen, so wieder in ein vernünftiges Geleise zurückkehren konnten. Worin diese Vermutung bestand, kann ich jetzt nicht sagen, aber sie erwies sich richtig. Das Seltsamste jedoch ist und bleibt der Umstand, daß mit dem Fingerzeige, den mir der unbefangene Freund gab, auch alle die phantastischen, die grausigen Bilder mit einem Mal schwanden – Bob mir wieder wie jeder andere erschien. Das Chaos von wüsten, wilden Phantasiebildern war gewichen. Es begann zu tagen.

Die Stimmung, in der ich unsere Leute fand, die Szenen, die sich meinen Augen darboten, vollendeten meine Genesung.

Es bringt ein Sieg immer ganz eigentümliche Wirkungen an den Siegern hervor. Der Umschwung der Empfindungen ist so gewaltsam, daß ich nun wohl begreifen kann, wie Verwundete, die bereits die Todesnacht umfangen, sich nochmals auf- und ins Leben zurückraffen, um inmitten ihrer Todesqualen noch ein letztes Mal aufzujauchzen. Es ist in der Tat ein berauschendes Gefühl, das wie ein starkes geistiges Getränk auf den Ungewohnten wirkt. Auf unsere Leute wenigstens wirkte es so – beinahe kannte ich sie nicht mehr. Ein besonderer Umstand trug auch bei, das Selbstgefühl der Unsrigen möglichst in die Höhe zu schrauben. Unser Verlust betrug nicht mehr als einen Mann, und der war durch seine Schuld geblieben. Er hatte sich wie toll mitten in die Feinde, als diese bereits ausrissen, gestürzt, so eine Kugel in den Unterleib erhalten, an der er eine halbe Stunde darauf verschied. –

Auch der General en chef, der treffliche Stephan F. Austin, bewies seine Zufriedenheit mit der glücklichen Eröffnung des Feldzuges. Wir mußten uns jedoch manches gefallen lassen, um unser kleines Heer, das während unserer Trennung mit dreihundert frischen Ankömmlingen verstärkt worden, fröhlich und wohlgemut zu erhalten.

Gerade statteten wir dem Kommandierenden General Tagesbericht ab, als ein mexikanischer Priester mit mehreren Wagen und einer weißen Fahne kam, die Verabfolgung der Toten zu erbitten.

Es wurde ihm ohne Widerrede bewilligt.

Was wir von dem schlauen Pater herausbrachten, bewog uns aber doch, noch denselben Abend gegen die Hauptstadt vorzurücken. Es zeigte sich einige Hoffnung, sie im ersten panischen Schrecken in unsere Gewalt zu bekommen. Zwar war dies nicht der Fall; wir fanden die Tore verrammelt, den Feind auf seiner Hut, aber doch hatte ihn unser Erfolg so sehr eingeschüchtert, daß er uns ohne den mindesten Widerstand eine feste Position nehmen ließ.

Wir nahmen diese an den sogenannten Mühlen, etwa einen Kanonenschuß von der großen feindlichen Redoute, von wo aus wir auch die übrigen Ausgänge der Stadt besetzten. Vor Mitternacht hatten wir sie von allen Seiten eingeschlossen.

Der folgende Tag stimmte unsere sanguinischen Hoffnungen wieder stark herab.

San Antonio de Bexar liegt in einem fruchtbar bewässerten Tale, das sich westlich vom Salado hinabsenkt. In der Mitte der Stadt erhebt sich – nach den Regeln der Kriegsbaukunst angelegt – der Alamo. Er hatte achtundvierzig Kanonen leichten und schweren Kalibers und mit der Stadt eine Garnison von beinahe dreitausend Mann. Ehe wir zu ihm gelangen konnten, mußte natürlich die letztere, die gleichfalls stark befestigt war, genommen sein.

Unsere ganze Artillerie bestand in zwei Batterien von vier Sechs- und fünf Achtpfündern, unser Belagerungsheer aus elfhundert Mann, mit denen wir nicht bloß Stadt und Festung Spitze zu bieten hatten, sondern auch dem Feind, der von Kohahuila, ja, von allen Seiten her drohte. Eine etwas schwierige Aufgabe für elfhundert Mann!

Den Tagesbefehl, der nach dem Kriegsrate verlesen ward, horten die Leute ernst, finster an, so daß uns Offizieren trübe vor den Augen zu werden begann, allein im nächsten Moment waren alle düstern Ahnungen verschwunden. Alle elfhundert, wie sie waren, traten vor, gaben zuerst dem General, dann uns, gesetzt und ruhig Hand und Wort, Texas freizumachen, sollten sie auch alle ihr Leben darüber opfern.

Keine Hurras, kein Enthusiasmus, aber ernste Männerschwüre.

Und wie Männer lösten sie ihre Schwüre auf eine Weise, die nur derjenige zu würdigen wissen wird, der da aus Erfahrung kennt, was es sagen will, eine feste Stadt zu belagern und zugleich einem Feinde, der die Hilfsquellen einer vergleichsweise mächtigen Republik im Rücken hat, die Spitze zu bieten. Unsere elfhundert Männer lösten Aufgaben, vor denen, es ist nicht zuviel gesagt, fünftausend der abgehärtetsten napoleonischen Kaisergardisten zurückgeschreckt wären. In den ersten Wochen verging kein Tag ohne Ausfälle oder Scharmützel. General Cos stand an der Grenze von Texas und Kohahuila mit fünftausend Mann, seine Dragoner umschwärmten uns in allen Richtungen – wahre Panther, die wie die Heuschrecken kamen. Gegen diese aber waren gerade wieder unsere quecksilbrigen Abenteurer am besten zu gebrauchen. Sie hatten Nasen wie die besten Spürhunde. Auf zwanzig Meilen im Umkreise witterten sie den Feind, und Reiterscharen und Detachements wurden so spielend aufgehoben und eingebracht, daß wir oft unsern eigenen Augen nicht trauten. Tag und Nacht waren sie auf der Lauer; der Mexikaner, der zehn Sekunden lang den Kopf über die Wälle steckte, ward sicher niedergeschossen.

Nach acht Wochen – wir hatten Bresche geschossen – ergab sich die Stadt, vier Wochen darauf das Fort. Im Besitze eines bedeutenden Artillerieparks zogen wir nun vor Goliad, die bedeutendste Festung in Texas. Sie kapitulierte nach wenigen Wochen. Wir waren sonach Herren des ganzen Landes, der Krieg schien beendet.

Daß er es aber noch nicht war, leuchtete jedem Hellersehenden nur zu deutlich ein. Die Mexikaner sind nicht das Volk, sich eines ihrer schönsten Länder so leicht entreißen zu lassen. Der mexikanische Charakter ist ebenso zäh wie der spanische, von dem er auch anzuziehen in den dreihundert Jahren der mexikanischen Herrschaft hinlänglich Gelegenheit hatte. Dann hegte dieses Volk auch eine sehr gute Meinung von sich: hatte es doch die Spanier, die es noch immer für die tapferste Nation der Welt hielt, aus dem Lande getrieben, wie sollte es nicht uns? Eine Handvoll Abenteurer, die es allerdings gewagt, sich nicht nur gegen die Dekrete der großen Republik aufzulehnen, sondern sogar ihre Städte und Festungen wegzunehmen? Dieser Frevel mußte auf das schärfste geahndet, die Ehre der Republik, vor den Augen der Welt kompromittiert, mußte gerächt, so schnell als möglich gerächt werden! Der Präsident und General en chef ihrer Armeen selbst erhob sich, den Oberbefehl über das Exekutionsheer zu übernehmen – ein abschreckendes Beispiel für alle Zeiten zu statuieren. Die Empörer sollten vom Erdboden vertilgt, mit Weib und Kind ausgerottet werden. Zehntausend Mann der besten Truppen wurden sogleich an die Grenzen beordert, zehntausend mehr folgten. Diesen schloß sich der Präsident Santa Anna selbst mit seinem zahlreichen Generalstabe an. Donnernde Proklamationen gingen vor ihm her. Zuerst sollte Texas von den Aufrührern gereinigt, dann aber in die Union vorgedrungen, alles mit Feuer und Schwert verheert, Washington selbst in einen Steinhaufen verwandelt werden.

Diese tollen Fanfaronaden brachten keinen besonderen Eindruck hervor. Im Gegenteil, man achtete nur zu wenig auf sie, bereitete sich nicht einmal gehörig vor, den Feind mit all der Macht zu empfangen, die das Land, ungeachtet seiner äußerst beschränkten Hilfsquellen, aufzubringen fähig gewesen wäre. Unsere Leute waren durch die bisherigen Erfolge verblendet, dachten es sich nicht möglich, daß die Mexikaner abermals wagen würden, sie anzugreifen. Sie vergaßen, daß die Truppen, gegen die sie bisher gekämpft, mit Ausnahme einiger weniger Bataillone, größtenteils Ausschuß waren, daß mehrere der mexikanischen Staaten vortreffliche Soldaten, besonders Kavalleristen, lieferten, daß sie auch dieses Mal wohl besseres Pulver mitbringen dürften. Viele waffenfähige Männer folgten nicht einmal dem dringenden Aufrufe Burnets, des damaligen Präsidenten von Texas, es vorziehend, ihre Mais- und Baumwollfelder zu bestellen. Wir brachten gegen die zwanzigtausend Mann, die gegen uns im Anzuge, nicht viel mehr als zweitausend zusammen, und von diesen mußten wir noch beinahe zwei Dritteile an die beiden Festungen Goliad und Alamo abgeben.

In der ersten ließen wir achthundertsechzig Mann unter dem Oberbefehl Fannings, in letzterer etwas über fünfhundert, so daß uns nicht viel über siebenhundert übrigblieben.

Der Feind ging entschlossener vor, als wir erwartet; in der Tat drang er so rasch vor, daß wir, ehe wir es uns versahen, von Goliad zurückgedrängt dieses sowie Bexar seinem Schicksal überlassen mußten.

Ein trauriges Schicksal! Schon von vornherein hatten wir den argen Mißgriff begangen, bei unserer geringen Macht diese noch durch Besetzung zweier Forts zu zersplittern, gerade unsere besten, unternehmendsten Leute in sie einzusperren. Und noch Schlimmeres! Fanning vernimmt in Goliad, daß eine Anzahl vertriebener Landsleute, Weiber, Mädchen und Kinder, vom Feinde verfolgt, der Festung zufliehen. Gefühlvoll, wie er ist, läßt er sich von seiner Sympathie hinreißen, beschließt, den Hilflosen Sukkurs zu senden. Er beordert Major Ward, mit dem Georgier-Bataillon auszurücken, die Flüchtigen aufzunehmen, in die Festung zu geleiten. Der Major, die Offiziere stellen vor, bitten, beschwören – Fanning sieht nur die hilflosen Landsmänninnen – er beharrt auf seiner Order. Der Major zieht mit seinem Bataillon, fünfhundert Mann, aus – den Flüchtigen entgegen. – Wie er diesen nahe kommt, sind es statt Landsmänninnen mexikanische Dragoner, die auf ihre in der nächsten Insel verborgenen Pferde springen und sogleich den Kampf beginnen.

Mehr und mehr Feinde kommen von allen Seiten heran; – es waren Reiter von Louis Potosi und Santa Fé, vielleicht die beste Kavallerie der Welt, denn die Leute werden gewissermaßen zu Pferde geboren. Zwei Tage lang dauert der Kampf. Die fünfhundert Mann fallen bis auf zwei.

Wir im Hauptquartier, auch nicht träumend von dem furchtbaren Schlage, lassen Fanning die Order zukommen, das Fort zu räumen, sich mit sechs Stück Geschützen an uns anzuschließen. Fanning erhält den Befehl und leistet ihm Folge. Aber was sich wohl mit achthundertsechzig Mann und sechs Geschützen tun ließ; sich nämlich durch einen zahlreichen Feind durchzuschlagen, war nicht mehr mit dreihundertsechzig möglich. Nichtsdestoweniger unternimmt er den Rückzug durch die Prärien, wird jedoch auf diesem von dem zehnfach überlegenen Feinde angegriffen, umzingelt, wehrt sich, so umzingelt, volle zwölf Stunden, gewinnt auch, immer vordringend, eine Insel; aber kaum hat er diese erreicht, so ergibt sich, daß alle Munition verschossen. Er nimmt nun die vom Feinde angebotene Kapitulation an, in der ihm zugestanden wird, mit seinen Leuten nach Ablieferung der Waffen heimzukehren. Kaum sind aber die Stutzen abgeliefert, so fällt die wütende Rotte über die Wehrlosen her, und alle werden niedergemetzelt. Bloß einem Vorposten und dreien gelingt es zu entkommen.

Die Fünfhundert, die wir in Bexar und Fort Alamo gelassen, erfahren kein besseres Schicksal. Zu schwach, um eine Stadt von vier- bis sechstausend Einwohner samt einem Fort gehörig zu besetzen, dringt der Feind bald in die erstere ein – die Unsrigen ziehen sich in letzteres zurück. Mit seiner zahlreichen Artillerie gelingt es dem Feinde, einen Teil des Forts in Trümmer zu schießen. Ein furchtbarer Kampf entspinnt sich auf diesem – acht Tage dauert er. Tausende von den Mexikanern fallen – von unsern fünfhundert Landsleuten blieb kein einziger übrig.

Das waren nun harte Schläge, zwei Dritteile unserer besten Männer gefallen, die Festungen in der Gewalt der Feinde, unsere ganze Macht kaum mehr siebenhundert Mann – gegen zahlreiche siegreiche Heere, die immerfort noch Verstärkungen an sich zogen! Wohl ein Moment, die stärksten Männerseelen zu prüfen!

Allenthalben Flüchtlinge zu Tausenden; – in ganzen Zügen kamen sie, schwangere, todesmüde Weiber, hilflose Mütter mit säugenden Kindern – Scharen von Mädchen und Knaben, auf Mustangs und Wagen gepackt – hinter ihnen her Rotten von Dragonern, die Prärien durchschweifend, alles mit Feuer und Schwert verheerend.

Der General en chef, der Präsident von Mexiko, Santa Anna, dringt mit seiner Armee in zwei Divisionen heran, die eine längs der Küste auf Velasco zu, die andere gegen San Felipe de Austin – er selbst bildet das Zentrum.

Bei Fort Bend, zwanzig Meilen unter San Felipe, setzt er über den Brazos, rückt gegen Louisburg vor, zieht da sechshundert Mann an sich, verschanzt sich in seinem Lager; seine Stärke beträgt beiläufig fünfzehnhundert Mann.

Unser Hauptquartier, unter dem Oberbefehl General Houstons, stand vor Harrisburg, wohin sich der Kongreß zurückgezogen.

Es war in der Nacht des 20. April. Wir lagerten, etwa sechshundert Mann – die ganze disponible Macht, die wir noch hatten – vor einer Insel von Sykomoren. Trübe, stürmisch hingen die Wolken über die Baumwipfel herein, deren Ächzen und Stöhnen nur zu sehr mit unserer wilden Stimmung harmonierte. Wir saßen um den General und den Alkalden – beide sehr trübe und gespannt. Sie waren öfters aufgestanden, in die Insel hinein – wieder zurückgekehrt. Sie schienen etwas, und zwar höchst ungeduldig, zu erwarten. Totenstille herrschte im ganzen kleinen Lager.

Auf einmal erschallten laute Wer-da's! Eine Ordonnanz kam eilig, wisperte dem Alkalden etwas in die Ohren. Er sprang auf, rannte in die Insel hinein, kam nach einigen Minuten zurück und flüsterte dem General ein paar Worte in die Ohren – dieser uns; – im nächsten Augenblick waren wir auf den Beinen.

Alle unsere Leute waren trefflich beritten, mit Stutzen, doppelten Pistolen und Bowiemessern gerüstet. Ehe zehn Minuten vergingen, waren wir auf dem Marsche. Von den sechs Kanonen, die wir mit uns hatten, nahmen wir bloß vier, aber mit doppeltem Gespanne, mit. Die ganze Nacht ging der Zug im raschen Trabe vorwärts – ein riesig hagerer Mann sprengte als Wegweiser voran. Mehrere Male fragte ich den Alkalden, wer er wäre? – »Werdet es erfahren, wer er ist!« – war seine Antwort.

Ehe der Morgen angebrochen, hatten wir fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt, aber von den vier Kanonen zwei zurücklassen müssen. Noch wußten wir unsere Bestimmung nicht. Der General befahl den Leuten, sich mit Speise und Trank zu stärken, wir sammelten uns um ihn zum Kriegsrate. Jetzt erfuhren wir den Grund unseres Nachtmarsches. Der Präsident und General en chef der Mexikaner stand keine Meile von uns in einem verschanzten Lager; zwanzig Meilen zurück General Parza mit zweitausend Mann, achtzehn unten am Brazos General Filasola mit tausend, fünfundzwanzig oben Visca mit fünfzehnhundert. Nur ein rascher, entschlossener Angriff konnte Texas retten.

Kein Augenblick war zu verlieren, keiner ward verloren. Der General trat unter die essenden und trinkenden Männer und sprach: »Brüder, Freunde, Bürger! General Santa Anna steht in einem verschanzten Lager, fünfzehnhundert Mann stark. – Der Augenblick, der über Texas' Unabhängigkeit entscheidet, ist gekommen. Ist der Feind unser?«

»Er ist unser!« riefen jubelnd die Männer, und mit dem Rufe rückten sie vor.

Zweihundert Schritte vom mexikanischen Lager angekommen, ließen wir unsere zwei Kanonen ihr Kartätschenfeuer eröffnen, hielten aber das unserer Stutzen zurück, bis wir auf fünfundzwanzig Schritte angedrungen; da gaben wir dem Feinde eine Salve, warfen dann die Stutzen weg, und die Pistolen in der Rechten und Linken, die Bowiemesser zwischen den Zähnen, sprangen wir die Brustwehr hinan, schossen die wie betäubt erstarrten Mexikaner mit der einen Pistole vor die Köpfe, griffen dann zu den Bowiemessern, und mit einem Hurra, dessen grausig wilde Tonleiter mir noch heute durch die Ohren und Nerven gellt, brachen wir in das Lager ein.

Ganz wie beim Entern eines feindlichen Schiffes – das Schlachtmesser in der Rechten, die Pistole in der Linken – drangen die Leute vor. Was nicht niedergestochen, ward niedergeschossen, mit wildem Jubel, dämonischem Lachen, ganz dem desperaten Ungestüm tollkühner Seeleute, die das feindliche Schiff bereits als das ihrige betrachten.

Ich kommandierte am rechten Flügel, wo die Brustwehr, in einer Redoute endigend, steiler auflief. Hinangesprungen, war ich abgeglitten; ein zweiter Versuch fiel nicht glücklicher aus. Mit Hilfe eines meiner Hintermänner war ich zum drittenmal emporgeklommen, aber durch meine eigene Schwere zurückgezogen, auf dem Punkte, in den Graben hinabzufallen, als eine Hand von oben mich beim Kragen ergriff und die Brustwehr hinaufzog. In der Verwirrung, dem Tumulte sah ich den Mann nicht, wohl aber das Bajonett, das ihm in dem Augenblicke, wo er mir half, in die Schulter drang. Er zuckte nicht, ließ nicht fahren, bis ich oben war, erst dann wandte er sich mit einem schmerzhaften Rucke zur Seite und hob langsam die Pistole gegen den Mexikaner, als dieser von dem herangesprungenen Alkalden niedergestochen ward. Da kreischte er ein No thanks to ye squire! das mich selbst in dieser grausigen Szene noch durchzuckte. Ich schaute mich um nach ihm, aber bereits war er wieder an der Seite des Alkalden im Kampfe mit einer Rotte desperat sich wehrender Mexikaner begriffen. Er focht nicht wie ein Mensch, der töten, sondern wie einer, der selbst getötet sein will. Wie ein blinder, angeschossener Eber drang er mitten unter die Feinde hinein, hieb links und rechts um sich, der Alkalde ihm zur Seite, wieder Hiebe und Stiche von ihm abwehrend.

Um mich hatte sich jetzt ein Hundert meiner Leute gesammelt; einen Augenblick überschaute ich das Schlachtfeld, wo wohl meine Hilfe am nötigsten sein dürfte, dann wandte ich mich, um vorzudringen.

In diesem Momente drang die Stimme des Alkalden in mein Ohr.

»Seid Ihr stark verwundet, teurer Bob?«

Das ›teurer Bob‹, die kreischend ängstliche, beinahe verzweifelte Stimme des Alkalden durchzuckten mich, hielten mich zurück.

Ich schaute mich um.

Bob, wie er leibte und lebte, lag blutig, ohnmächtig in den Armen des Alkalden.

Noch einen Blick warf ich auf ihn, und dann rissen mich die Meinigen vorwärts, mitten in das Getümmel hinein, dem Zentrum des Lagers zu, wo der Kampf am heißesten.

Etwa fünfhundert Mann, der Kern der feindlichen Armee, hatten sich da um Generäle und Generalstab wie ein Bollwerk gesammelt. Ein furchtbarer Knäuel, der sich verzweifelt wehrte! General Houston hatte sie mit dreihundert Mann angegriffen, war aber nicht imstande gewesen, ihre Reihen zu durchbrechen.

Was das erstemal nicht gelungen, gelang beim zweiten Angriff. Ein wildes Hurra gaben meine Leute, sie schossen jeder eine Pistole ab, und dann sprangen sie zugleich über die Leichen der Gefallenen und Fallenden in die zerrissenen Reihen ein.

Ein gräßliches Metzeln erfolgte. Nicht Menschen mehr waren diese sonst so friedlich ruhigen Bürger – eingefleischte Teufel! – Ganze Reihen von Feinden fielen unter ihren Messern. Man kann sich eine Idee von der Gräßlichkeit dieser Metzelei geben, wenn ich sage, daß die ganze Schlacht vom Angriffe bis zur Gefangennehmung der sämtlichen Mexikaner innerhalb zehn Minuten entschieden war, binnen dieser weniger denn zehn Minuten aber beinahe achthundert Feinde niedergeschossen, -geschmettert und -gestochen waren.

Alle wären sie ohne Ausnahme niedergemetzelt worden – das Rachegeschrei: Keinen Pardon, denkt an Alamo, an Goliad, an den braven Fanning, Ward! brüllte man von allen Seiten – aber, General und Stabsoffiziere, warfen wir uns vor die auf den Knien liegenden und Misericordia! quartel por el amor de Dios! heulenden Mexikaner, drohten, unsere eigenen Leute niederzustechen, wenn sie nicht dem Blutbade ein Ende machten.

Das wirkte. Es gelang, den Rasenden Einhalt zu tun, und so einen Sieg, der in der Geschichte Texas' gewiß als einer der schönsten glänzen wird, vor dem Makel unmännlicher Grausamkeit zu bewahren.

Aber erschöpft taumelte ich von der gräßlichen Schlachtbank zur Stelle hin, wo ich den Alkalden mit Bob gelassen.

Dieser lag, wohl aus sechs Wunden blutend, nur wenige Schritte von der Stelle, wo er mich heraufgezogen. Zu Kissen dienten ihm zwei übereinandergeschichtete Leichname. Das Haupt hielt ihm der zur Seite kniende Alkalde – so schmerzerfüllt, den Blick so wehmutsvoll düster auf die brechenden Augen, die erstarrenden Züge des Sterbenden geheftet! Wunderbar ergriff mich diese Szene. Ich trat mit etwas wie frommem Schauder näher.

Bob war im Sterben begriffen. Aber es war nicht das Sterben eines Mörders, nicht mehr die gräßlich wilden Züge, der stiere, verzweifelnde Blick des Totschlägers – eine heitere Ruhe, ein frommes, besseres Bewußtsein verklärte das Antlitz, die Augen waren hoffend, flehend gen Himmel gerichtet.

Wie ich mich über ihn beugte, ihn mit bewegter Stimme fragte, wie er sich fühle, schien er seine Geisteskräfte nochmals sammeln zu wollen. Er erkannte mich aber nicht mehr.

Nach einer Weile stöhnte er: »Wie steht es um die Schlacht?«

»Wir haben gesiegt, Bob! Der Feind ist rot oder gefangen, kein einziger entronnen.«

»Sagt mir,« röchelte er wieder nach einer Weile, »habe ich meine Schuldigkeit getan? Darf ich zu Gott hoffen?«

Mit erschütterter Stimme versetzte der Alkalde: »Der Gottessohn, der dem Schächer am Kreuze verziehen, er wird auch Euch gnädig sein. Seine Heilige Schrift sagt: Die Engel im Himmel haben größere Freude über einen bekehrten Sünder als über neunundneunzig Gerechte. – Hoffet, Bob! der Allbarmherzige wird Euch gnädig sein!«

»Dank' Euch, Squire!« röchelte Bob; »seid ein wahrer Freund, ein Freund bis in den Tod, im Tode. – Wollt Ihr nicht für meine arme Seele beten? Ich fühle, sie ist am Scheiden. Mir wird so wohl!«

Der kniende Alkalde betete: »Unser Vater, der du bist in dem Himmel!«

Unwillkürlich kniete ich neben ihm nieder.

Bei den ersten Bitten bewegten sich noch die Lippen des Sterbenden, dann verzog sie der Todeskrampf. Bei den Schlußworten – denn dein ist das Reich und die Herrlichkeit – war das Auge bereits gebrochen, das Leben entwichen.

Mit schmerzvollen Blicken starrte der Richter den Leichnam eine Weile an, dann stand er auf und sprach leise: »Der Gott droben will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebe und sich bekehre. So dachte ich damals, als ich ihn heute vor vier Jahren vom Aste des Patriarchen schnitt.«

»Heute vor vier Jahren?« sprach ich erschüttert. »Und Ihr habt ihn also abgeschnitten, auf daß er sich bekehre? Und hat er sich bekehrt? War er es, der uns gestern ins Lager vor Harrisburg die Nachricht vom Feinde brachte?«

»Er hat mehr als das getan«, versetzte der Alkalde, und eine Träne brach nach der andern hervor, »er hat todesmüde und lebenssatt vier Jahre sein elendes, verachtetes, geächtetes Dasein fortgeschleppt. Vier Jahre hat er uns gedient, für uns gelebt, gekämpft, den Spion gemacht, ohne Hoffnung, Aussicht, Ehre, Trost, ohne eine einzige ruhige Stunde, ohne einen andern Wunsch als den Tod. Die erhabenste Tugend, der höchste Patriotismus würde zurückschaudern vor den Opfern, die dieser Mann uns – Texas – gebracht. Und er war ein sechsfacher Mörder!

»Gott wird seiner Seele gnädig sein! Wird er nicht?« – fragte er wieder leise.

»Er wird es!« versetzte ich erschüttert.

Eine Weile stand er in tiefem Sinnen verloren; dann rief er plötzlich: »Er muß es sein, Oberst! er muß; denn glühte nicht in diesem Bob bis zu seinem letzten Atemzuge ein gewaltig göttlicher Funke? loderte er nicht mächtig in ihm für Bürgerglück und Nächstenwohl? lebte, litt er nicht für seine Mitbürger, Mitmenschen? Ah! wüßtet Ihr, Oberst!«

Er zuckte, hielt inne, wie einer, der befürchtet, zuviel zu sagen.

Ich schaute ihn erstaunt an. – Der Mann war auf einmal so außer sich geraten. Es fehlte nicht viel, daß er es unkonstitutionell an Gott gefunden hätte, Bob nicht zu begnadigen.

Ich suchte ihn der Walstatt, auf der es wieder sehr laut werden zu wollen schien, zuzuziehen. Er sah mich an, murmelte: »Geht, geht, überlaßt mich meinem Schmerze!«

Noch zauderte ich, aber mehrere meiner Leute kamen gerannt, zogen mich mit Gewalt der Walstatt zu.

Alles war da in der größten Verwirrung – Santa Anna war nicht unter den Gefangenen, er war entwischt. Die Entdeckung, soeben gemacht, brachte die Gemüter in die furchtbarste Gärung. Begreiflich! An ihm selbst war mehr, als an der gewonnenen Schlacht gelegen; denn Urheber der Invasion – allgewaltiger Präsident Mexikos – General en chef seiner sämtlichen Armeen, mußte seine Gefangennehmung das Schicksal des Krieges entscheiden. Der Sieg, so glänzend er auch ausgefallen, war verhältnismäßig nichts ohne ihn, denn eben die Gewißheit, ihn in unsere Gewalt zu bekommen, dem Kriege so mit einem Schlage ein Ende zu machen, hatte mehr als alles andere zur verzweifelten Tapferkeit angespornt. Und nun war er entwischt!

Ein sehr kritischer Moment! Wir hatten unter unfern Leuten ein paar Dutzend unglaublich desperater Gesellen, mit denen wir immer, die Pistole in der einen, den Degen in der andern Hand, unterhandeln mußten. In einen Knäuel zusammengedrängt standen sie, Blicke auf die Gefangenen schießend, die uns in gar keinem Zweifel ließen.

Kein Augenblick war da zu verlieren. An der Spitze unserer bewährtesten Männer drangen wir rasch vor, nahmen die Gefangenen in unsere Mitte, und nachdem wir sie gesichert, begannen wir unser Verhör mit ihnen.

Es ergab sich, daß Santa Anna noch zu Anfang der Schlacht, ängstlich unfern Angriff beobachtend, in seinem Reisewagen gesehen worden. Er mußte also während unseres Eindringens in das Lager geflüchtet, konnte unmöglich sehr weit sein. Wir ließen diese frohe Botschaft sogleich durch Tagesbefehl verkündigen, und trafen dann schleunigst Anstalten zur Verfolgung des Flüchtlings. Hundert unserer Leute wurden mit den Gefangenen nach Harrisburg, hundert andere dem Flüchtlinge nachgesandt. Mir ward die letztere Aufgabe zuteil.

Es gab da trefflich ausgeruhte Pferde; wir bestiegen sie und jagten in die Prärie hinaus. Eine heiße Jagd – aber hing doch das Schicksal Texas' von ihrem glücklichen Erfolge ab! Den größtmöglichen Umkreis beschreibend, drangen wir auf der einen Seite bis in die Nähe der Division Filasolas, auf der andern in die Parzas vor, dann rückten wir einander näher und wieder unserm Lager zu. Lange war all unser Spüren vergebens, über vierzehn Stunden waren wir bereits im Sattel, mehr als hundert Meilen geritten, noch keine Spur von dem für uns so köstlichen Wilde.

Bereits waren wir dem Lager wieder sieben Meilen nahe gekommen, als endlich einer unserer tüchtigsten Jäger die Spur eines zarten Mannesfußes entdeckte, die in der Richtung nach einem Sumpfe sich hinzog. Wir folgten dieser Spur, gerieten in den Sumpf und fanden in diesem, bis auf den Gürtel im Schlamme steckend, einen Mann, etwa vierzig Jahre alt, aber ganz unkenntlich vor Schlamm und Kot. Halbtot zogen wir ihn heraus, wuschen ihn, erkannten ihn an den milden, aber tückischen blauen Augen, der hohen schmalen Stirn, der langen, dünn anfangenden, fleischig endigenden Nase, der herabhängenden Oberlippe und dem langen Kinn. Der Beschreibung nach konnte es kein anderer als Präsident Santa Anna sein. Er war es auch, obwohl mich seine unglaubliche Feigheit lange im Zweifel ließ, denn auf die Knie warf er sich vor uns, um Gottes, aller Heiligen willen bat er, ihm nichts am Leben zu tun. Keine Versicherung, Beruhigung, selbst mein Ehrenwort und Schwur vermochten nicht, ihn zum Gefühl dessen, was er sich selbst schuldete, zu bringen.

Ich war sehr froh, als wir mit ihm im Lager ankamen.

Gerade als wir einritten wurde Bob mit militärischen Ehren begraben. Alle Offiziere waren bei dem Leichenbegängnisse. Auch der Alkalde war als Leidtragender erschienen. Nie sprach er mehr ein Wort über Bob.

Was weiter folgte, weiß man aus den öffentlichen offiziellen und nichtoffiziellen Berichten. Mit Santa Annas Gefangennehmung war der Krieg in der Tat am Ende. Noch an demselben Abend ward zwischen uns und dem Chef der Armeen von Mexiko Waffenstillstand abgeschlossen. Er selbst sandte dem ihm zunächst kommandierenden General Filasola Order, sich mit seiner Division, sowie der General Parzas, nach Bexar zurückzuziehen. General Viesca erhielt den Befehl, nach Guadaloupe Vittoria aufzubrechen.

So waren zwei Drittel von Texas geräumt, wir einen Monat später wieder im Besitze des ganzen Landes. Zugleich hatte sich der Ruf von unserem Siege unglaublich schnell verbreitet. Von allen Leiten kamen Freiwillige; nach drei Wochen hatten wir wieder eine Armee von mehreren tausend Mann, mit denen wir den Feind nacheinander aus seinen Positionen manövrierten. Zum Gefechte kam es nicht mehr – denn er hielt nicht mehr Stich; hundert der Unsrigen waren hinreichend, Tausende von Mexikanern zu verjagen. Ehe noch Santa Anna an die Zentralregierung von Washington abgeliefert wurde, war Texas ganz frei.

 

Ende

 

Vorliegendes Exemplar ist unverkäuflich. Käufliche Exemplare des Werkes sind durch alle Buchhandlungen sowie durch den aus dem Titelblatt angegebenen Verlag zu beziehen.

 

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