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Das Geschlechtsleben der Hysterischen

Siegfried Placzek: Das Geschlechtsleben der Hysterischen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorSiegfried Placzek
titleDas Geschlechtsleben der Hysterischen
publisherA. Marcus & E. Weber's Verlag
printrunZweite, wenig veränderte Auflage
year1922
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161123
projectidbf0a5613
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Der hysterische Mann

Es ist noch nicht lange her, daß die männliche Hysterie überhaupt anerkannt ist, galt doch Hysterie als Privileg des weiblichen Geschlechts. Und auch heutzutage weiß die große Masse der Ärzte wohl von einer Unfallhysterie des Mannes, doch wenig von der andersartigen, durchaus als Parallelerscheinung der weiblichen Hysterie geltenden Krankheitsform des Mannes. Nur wenige Erfahrungen aus der lebenswahren Wirklichkeit mögen es bekräftigen.

Ein ausgesprochen schwer hysterischer Jüngling erreicht, nachdem er die Schulklippen mühselig überwunden hat, als Kaufmann auffallend schnell Erfolge, materielle und äußere. Das weckt seinen Tatendrang immer mehr, bringt ihn zu gewagtesten Manipulationen, bis die ganze Herrlichkeit jäh zusammenbricht. Er flieht, irrt planlos umher, wird in Dämmerzuständen ausgesprochener Art beobachtet. Gerade diese Ausnahmezustände, d. h. anfallsweise, in sich sehr verschiedene Erscheinungen, die sich von seinem Verhalten in der Zwischenzeit bemerkenswert abheben, erweisen zweifelsfrei die Hysterie. Anfangs blieb Patient längere Zeit unansprechbar, fast stupurös. Allmählich wurde er lebhafter, beobachtete seine Umgebung und sprach sich mehr aus, bis er zuletzt ganz frei und ausführlich (mit schriftlichen Vorbereitungen) erzählte. Zwischendurch bekam er Anfälle, in denen er heftig zuckte, steif wurde, leichte Halbkreisstellungen einnahm, mit den Augen rollte, die Fäuste ballte, sich im Bett herumwarf, mit den Zähnen knirschte und nicht sprach. Es gelang nicht, ihn zu erwecken. Der Oberkörper wurde halb aufgerichtet, hing frei in der Luft und pendelte hin und her, oder der Patient stand im Bett aufrecht mit geschlossenen Augen, verzücktem Gesichtsausdruck, theatralischen Gesten und sang Opernarien. Auf Anruf reagierte er nicht, auch nicht auf die tiefsten Nadelstiche, legte sich dann plötzlich nieder. Recht auffällig war seine Schreibweise in ihrer übertriebenen pathetischen Art.

Dieser ausgesprochene Hysteriker aus erblich belasteter Familie hat sexuell sich in seltsamster Form betätigt. So photographierte er sein Verhältnis nackt, verkehrte gleichzeitig mit mehreren, lud andere zum Sekt ein und photographierte sie dann nackt, um künstlerische photographische Aufnahmen anzufertigen. Er hatte eine eigenartige Bibliothek übelster Sexualliteratur, auch eine große Sammlung unzüchtiger Bilder.

Ein zweites Beispiel: Ein Leutnant mit selten schwer belasteter Heredität von Vaters Seite, der schon in frühester Jugend die schädigenden Einwirkungen des Alkohols kennen lernte und seelische Schokmomente mannigfachster Art erfuhr, mußte schon die Schule wiederholt wechseln, obwohl er nicht unbegabt war, und konnte erst nach mancherlei Mühe das Einjährige erwerben. Im Krieg geriet er bald in Gefangenschaft, wurde dort dreieinhalb Jahre festgehalten, von Lager zu Lager geschleppt, mußte viel Elend, auch Haftstrafen erdulden, suchte sich durch Nikotin und Alkohol zu betäuben. Nicht verwunderlich, daß er, heimgekehrt, wesentlich verändert war. Er wurde sprunghaft, bald lebhaft, bald stumpf, bald zu exzessivem Betäubungstaumel geneigt. Früher feinfühlig, erschien er jetzt gleichgültig gegen das Urteil der Umwelt, unwahr im Reden und Handeln, kurz, wandelte sich durchaus. In dieser seelischen Umformung, die gar nicht anders wie als hysterische Reaktion, erwachsen auf degenerativem Boden und durch äußere Schädlichkeiten zum Aufflammen gebracht, gedeutet werden kann, geriet er in die Hände einer »Künstlerin«, die schon vor Jahren den ganz jungen Menschen in die Mysterien der Liebe eingeführt hatte und perverse, anscheinend früh erwachte Triebregungen masochistischer Art trefflich auszunutzen wußte. In dem krankhaft umgewandelten Menschen findet sie nunmehr ein so willkommenes Objekt, daß er zum Hörigen wird, zum Hörigen mit so weitgehender Verblendung, daß er nur durch die Ehe dieses »Lebensglück«, welches er einschränkungslos so haben konnte, sich sichern zu müssen glaubt. In seiner Verblendung sieht er in der jedem unbefangenen Beobachter ohne weiteres erkennbaren Kokotte das Muster einer Frau, ein mit allen erdenklichen Naturgaben ausgestattetes Wesen, das nur in bewundernswerter Selbstlosigkeit seinen Wunsch nach ehelicher Vereinigung erfüllte. Jeder Widerstand gegen diese Auffassung, jede Aufklärung macht ihn um so störrischer. Skrupellos gestaltet er sich das Leben, kümmert sich hierbei weder um seine soziale Stellung, noch um die Pflichten gegen seine Uniform, noch um das Leid und den Makel für seine Familie, wird allmählich vollständig einsichtslos und kritiklos. Im kleinen Garnisonsort, wo jeder Mensch ihn kennt, wohnte er im Hotel mit seiner Zukünftigen schon vor der Ehe zusammen. Trotz seiner Vergötterung der Geliebten, legt er sich aber auch in seinen sonstigen Liebesneigungen keinen Zwang auf. Die Ehe wurde natürlich tief unglücklich.

Endlich ein drittes Beispiel männlicher Hysterie, das die hemmungslose Betätigung sexueller Begierden, und damit schon allein die Konfliktmöglichkeiten mit Gesetz und Gesellschaft selten anschaulich zeigt, ein Beispiel, das aber auch den recht schätzenswerten Vorzug jederzeitiger Nachprüfungsmöglichkeit besitzt, da es unter dem Titel »Der Prozeß Czynski« – Tatbestand desselben und Gutachten über Willensbeschränkung durch hypnotisch-suggestiven Einfluß, abgegeben vor dem Oberbayrischen Schwurgericht zu München Ferdinand Enke, Stuttgart 1895. – veröffentlicht ist. Czynski, früher Lehrer der französischen Sprache aus Russisch-Polen, später Hypnotiseur und Magnetiseur, wurde angeschuldigt, eine Dame aus bester Familie hypnotisiert, durch posthypnotische Suggestion zu sexuellem Verkehr gebracht und eine Scheintrauung mit ihr arrangiert zu haben. Eine seltsam abenteuerliche Persönlichkeit, dieser Czynski! Auf seinen Reisen hielt er öffentliche Vorträge über Hypnotismus und Magnetismus und machte Reklame für seine magnetisch-hypnotische Heilmethode. Aus Preußen ausgewiesen, verlegt er den Schauplatz seiner Tätigkeit nach Dresden und gründet dort zwei Kliniken. Er nennt sich Professor, Dr. med. h. c., legt sich ein »von« zu, gibt vor, ein Abkömmling einer fürstlich litauischen Familie zu sein. Ohne erforderliche ärztliche Vorbildung praktiziert er, und zwar behandelt er nach der längst verlassenen Methode des psychischen Transferts (Übertragung von Schmerzen, Lähmung usw. des Patienten auf eine Somnambule), suggeriert in phantastischster Form mit mannigfachsten Manipulationen, wahrsagt auch aus der Hand. Er umgibt sich mit dem Zauber des Geheimnisvollen, was bei den höheren Ständen, und insbesondere dem schönen Geschlecht selten wirkungslos bleibt, und wird eifriger Adept okkulter Wissenschaft. Sein Äußeres kam ihm hierbei trefflich zustatten: Dunkles Haar, faszinierende Augen, wohlgepflegter Bart, tadellose, fast stutzerhafte schwarze Toilette, dazu die Formen des Weltmanns, das leidenschaftliche Temperament des polnischen Blutes, ein baritonales Sprachtimbre und der merkwürdige Reiz des mit fremdem Akzent und fehlerhaft gesprochenen Deutsch! Er blendet andere und scheint mit Vorliebe die interessante Persönlichkeit zu spielen, täuscht sich aber selbst künstlich über die innere Hohlheit seiner zweifelhaften Existenz hinweg. Der äußere Schein soll ihm das ersetzen, was ihm innerlich fehlt, daher in seinem reklameartigen Auftreten der Brustton der Überzeugung, der selten seine Wirkung verfehlt.

Diesen so gearteten Mann erkennt von Schrenck-Notzing Prozeß Czynski. l. c. im Laufe der Gerichtsverhandlung als Hysteriker mit den bei dieser Erkrankung vorkommenden Veränderungen des Charakters. Er sieht seine Angaben begründet durch das eminente Talent Czynskis, in den unwahrsten Situationen (Scheintrauung) besser zu scheinen und Glauben zu finden. So stehen ihm reichlich Tränen zur Verfügung, als er den greisen, blinden Vater des Fräuleins v. Z. auf seinen Knien um den väterlichen Segen bittet. Er besitzt auch die Fähigkeit der Hysteriker, an das zu glauben, was er sich selbst einredet. So glaubt er wirklich an sein gutes Recht zur Führung des Doktortitels. Seine Lügen sind oft so phantastisch, so zwecklos, daß er offenbar an diesem Fabulieren seine Freude hat. Als hysterischen Phantasielügner und Simulanten läßt ihn auch ein theatralischer Selbstmordversuch im Gefängnis erscheinen und die im Irrenhause versuchte Durchführung der Rolle des zweiten Ich. Dazu kommen im Gefängnis tonische und klonische Krämpfe. Von Schrenck-Notzing erscheint dieser Hysteriker als ein typischer Repräsentant des Kurpfuschertums in seiner gefährlichsten Gestalt, dem die wissenschaftlichen und sittlichen Voraussetzungen zur Ausübung eines so verantwortlichen Amtes wie des ärztlichen völlig abzusprechen sind.

Wie seltsam das Sexualleben zur Erzeugung hysterischer Krankheitserscheinungen mitwirken kann, lehrt auch Aubs Beobachtung eines höheren Justizbeamten Hysterie des Mannes. Ernst Reinhardt, München, S. 106.. Aub schildert seinen Patienten als einen äußerst schneidigen, energischen Mann, dem man schon von weitem den gefestigten Charakter und eine gewisse männliche Sicherheit im Auftreten ansehen konnte, eine imposante Erscheinung, einen »echten deutschen Mann«. Und dieser so geschilderte Mann bricht ausgesprochen hysterisch zusammen, als er in ein von Gott und der Welt verlassenes Nest versetzt wird. Die bloße Vorstellung, vom Großstadtleben mit all seinen anregenden Genüssen gänzlich verbannt zu sein, verwandelt ihn in einen Hysteriker. »Dieser hochintelligente Mann jauchzte, als er nur ein paar Tage wieder in der Hauptstadt war, förmlich auf bei dem Gedanken, wieder einmal moderne Roben gesehen, duftende, weiche Parfüme empfunden zu haben. Er jauchzte förmlich auf bei dem Anblick ›aufregender Lackstiefelchen‹;, bei einem Blick nach ›hinter kokettem Schleier verborgener Großstadtschminke‹;. Alle diese Momente – für einen, der sie täglich vor Augen hat, Nichtigkeiten – sind seiner ›Großstadtseele‹; zu einem derartigen unbewußten Bedürfnis geworden, daß ihr Verlust in der Kleinstadt für ihn ein psychisches Trauma wird.«

Hier sei auch ausdrücklich erwähnt, daß die Sexualbetätigung niemals Hysterie erzeugt. Nur auf dem Umweg über die Psyche können sexuelle hypochondrische Vorstellungen, wie sie die psychische Impotenz, die Masturbation u. a. mit sich bringen kann, hysterische Dispositionen aufflammen lassen. Welche Zerrbilder von Männern da entstehen können, zeigt der folgende Fall Aubs S. 113..

Äußerst vornehmer Herr, anfangs der 30er Jahre, liegt zu Bett und seufzt mit Leichenbittermiene: »Mir geht es elend schlecht. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Helfen Sie mir.« Ein körperlich und seelisch gebrochener Mann. Als der Arzt das Plumeau zurückschlägt, sieht er zu seinem größten Erstaunen, daß der Mann ganz bekleidet im Bett liegt, mit eleganten Lackschuhen, durchbrochenen Strümpfen, umgekrempelten Beinkleidern, seidenen Hosenträgern, Modekrawatte. Eben will der Arzt allen Ernstes untersuchen, als der Patient frivol sagt: »Gelt, Doktor, die Stiefel sind fesch«. Also erst ein Bild des Jammers, kurz darauf ein Bild frivolster, trivialster Lächerlichkeit und abstechender Oberflächlichkeit. In einem Atemzuge jammert er über die quälendsten Selbstmordideen, im nächsten Augenblick bestellt er zwei Flaschen Sekt. »Dem Oberkellner gegenüber brutaler Kavalier, dem Arzte gegenüber bemitleidenswerter Kranker, dem weiblichen Geschlecht gegenüber ein begehrenswertes sexuelles Objekt, sich selbst gegenüber der Inbegriff der Negation. So spielen derartige Kranke in einer Person unendlich viele Rollen, im Innersten jedoch lediglich getrieben von dem Wunsche der Sensationslüsternheit, stets nur nach Effekten haschend. Ein jämmerliches Bild innersten seelischen Zerwürfnisses, so gerieren sich solche hysterischen Männer in typischer Analogie zum weiblichen Geschlecht; aber sicherlich um ein gutes Quantum ekelhafter.«

Wenn wir früher sahen, wie hysterische Frauen eine Ehe zerrütten, Mann und Kindern ein kaum noch ertragbares Martyrium auferlegen können, so muß gerechterweise auch einschränkungslos anerkannt werden, daß eine gleiche unheilvolle Wirkung auch von hysterischen Männern ausgehen kann. Schon der nur nervöse Ehemann kann ein Eheleben von Grund aus zerstören, und zwar noch leichter als die nervöse Frau. Diese versteht es wenigstens, in einer gewissen naturgeborenen Güte und Liebe, ihre Nerven lange zu beherrschen. Im Gegensatz dazu tyrannisiert der nervöse und besonders hysterische Mann Frau und Kinder in brutalster Weise, um zuletzt durch einen stark verschleppten und sehr erregenden Eheprozeß die Qual zu enden. Der hysterische Mann mit seinem unberechenbaren Stimmungswechsel, mit seiner Wandelbarkeit im Verhalten zur Ehefrau, die er bald mit Liebkosungen erstickt, bald geradezu dirnenhaft behandelt, mit seinem krassen hysterischen Egoismus und seiner Eitelkeit wird oft genug der Despot, der keinen Widerspruch duldet und sein Weib in jeder Weise zu erniedrigen sucht, bis zum willenlosen Werkzeug für seine sexuellen Gelüste.

Was für die hysterischen Frauen noch diskutiert werden mußte, bedarf für den männlichen Hysteriker keines Beweises. Hier lehrt die praktische Erfahrung, sofern sie nur den Hysteriker auf sein Geschlechtsleben prüft und persönliche Angaben und Handlungen hinreichend vorsichtig wertet, daß das Geschlechtsleben im Vordergrunde der Lebensinteressen steht und bei der bestehenden Hemmungslosigkeit nur zu leicht in sinnlose, zu schwersten Konflikten führende Wüstheit ausartet.

Diese Ehevariante erreicht ihren höchsten Martergrad, wenn beide Eheleute ausgesprochene Hysteriker sind, und solche Möglichkeit ist um so leichter gegeben, als ein unseliges Gesetz der Anziehungskraft gerade solche Menschen oft genug zur Ehe aneinanderkettet, verhängnisvoll für sie selbst, wie für die entstehende Nachkommenschaft. In diesem Wirrsal spielt das Geschlechtsleben die bedenkenschwerste Rolle. Hier können die Affekte Hysterischer nahezu bis zur Raserei wachsen, wenn Liebesideen sie beherrschen. Liebe und Rache, höchste Sinnenlust und widerlichster Abscheu, sie liegen bei Hysterischen oft nahe beisammen.

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