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Das Geschlechtsleben der Hysterischen

Siegfried Placzek: Das Geschlechtsleben der Hysterischen - Kapitel 6
Quellenangabe
authorSiegfried Placzek
titleDas Geschlechtsleben der Hysterischen
publisherA. Marcus & E. Weber's Verlag
printrunZweite, wenig veränderte Auflage
year1922
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161123
projectidbf0a5613
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C. Das Geschlechtsleben der Hysterischen

In zahllosen Varianten, von der monosymptomatischen Einzelerscheinung bis zur kaleidoskopisch wechselnden, abenteuerlichsten Vielgestalt tritt die Hysterie dem Nervenarzt vor Augen. In zahllosen Varianten, von der kaum bemerkbaren Auffälligkeit bis zur verheerenden, Schicksale mit sich reißenden und zertrümmernden Vielgestalt erscheint dem Nervenarzt auch das Geschlechtsleben der Hysterischen. Diese stufenreiche Skala geschlechtlicher Erscheinungsformen ist wieder wesentlich verschieden bei Verheirateten und Unverheirateten, wesentlich verschieden bei der gehobenen und sozial tiefstehenden Gesellschaftsschicht, wesentlich verschieden bei Frau und Mann.

Die hysterische Frau

Betrachten wir zunächst das Weib, so sehen wir schon bei dem vollwertigen zu Beginn der Pubertätsperiode eine seelische und körperliche Umwandlung sich vollziehen. Was in den Genitalien sich an innersekretorischen Vorgängen abspielt, bis der Geschlechtstrieb nach Richtung, Stärke, Entspannungs- und Hemmungsmöglichkeit ausgebildet ist, muß reflektorisch Empfindungen und Vorstellungen in ungekannter Fülle wecken. Jede einzelne körperliche Wandlung wird im Gehirn verzeichnet und durch eigenartige Wandlung der Gemütssphäre beantwortet. Daß dieser grundgewaltige Sturm im Seeleninnern sich gradweise verschieden entlädt, je nach der vollen oder verminderten Widerstandskraft des innersekretorisch geladenen Gehirns, daß dieser grundgewaltige Sturm gerade bei hysterischen Mädchen oft zu seltsamen Ausbrüchen führt, auch in sexuell symbolisierten Ersatzhandlungen bis zu seltsamster Art sich ausprägt, kann nicht wundernehmen. In der Pubertätskrise tritt das spezifisch Weibliche zutage, körperlich und seelisch eine Umwandlung von Grund aus. Himmelhochjauchzende Stimmungen und weltschmerzliche wechseln bunt. Die Schwärmerei für die Lehrerin, den Lehrer, den Schauspieler, den Künstler treibt die sonderbarsten Blüten. In der unbestimmten Hinneigung zu Personen des anderen Geschlechts, in der Verpuppung jugendlichen Schwärmens bleibt der erwachende Geschlechtstrieb lange Zeit. Tief innen im Seelischen gärt es wild, hemmungslos, und alle diese Erscheinungen sind erotisch betont, erotisch verursacht, bewußt oder unbewußt. »Das geschlechtlich unerfahrene, gut veranlagte und wohlerzogene Mädchen,« sagt Kisch Untreue der Frau. S. 76., »hat nur eine naive Sinnlichkeit, ein unklares Denken an etwas, das sein Herz ersehnt, ein rätselhaftes Wünschen nach Liebe, aber trotz des Erwachens der Weibnatur kein triebartiges Begehren sexueller Richtung. Und dies oft auch nicht bis in die erste Zeit der Ehe hinein. Nur der Verführung durch geschlechtlich erfahrene Freundinnen, skrupellose junge Männer, schlechte erotische Lektüre, unzüchtige Schaustellungen u. dergl. gelingt es, bei solchen Mädchen die angeborene und anerzogene Schamhaftigkeit zu überwinden und eine geschlechtliche Begehrlichkeit zu wecken, welche zur Lüstelei und Triebhaftigkeit führen kann. Ein körperlich gesundes, geistig unverdorbenes, sinnlich unberührtes Mädchen, das überdies nur »vernunftgemäß aufgeklärt« wird, tritt in die Ehe mit einem tiefen Gefühl der Keuschheit. Erst die Gemeinsamkeit mit dem Manne erzieht die Frau zum geschlechtlichen Genusse, welcher in der Norm keineswegs solche Gewalt hat, daß er Sitte und Zucht schrankenlos überschreitet. In der Regel bedarf es in der ersten Zeit der Ehe eines impulsiven Vorgehens des Mannes, um sich die Gefolgschaft der Gattin auf dem erotischen Gebiet zu sichern«.

Je schwankender das Nervensystem ist, je suggestiver und hemmungsloser das hysterische Grundnaturell, je entarteter die Grundanlage, um so gefahrvoller wird schon in dieser Phase der sexuelle Drang. So kommt es vor, daß das hysterische Mädchen nach Befriedigung schreit, sie abenteuernd sucht, sich Männern aufdrängt, und zwar nicht einem Mann allein. »Von einfacher Koketterie bis zur Schmierenschauspielerei finden wir hier alle Übergänge,« sagt Lewandowsky Die Hysterie. Springer, Berlin 1914, S. 85.. Das ist auch nicht verwunderlich, denn reizvoll im Äußeren, reizvoll im Wesen, wie gerade hysterische junge Mädchen oft sind, wirken sie bestechend auf die Männer- und die Frauenwelt, und, durch ihre Erfolge angestachelt und selbstbewußt, spotten sie aller erziehlichen Einflüsse, aller ernsten Warnungen und Voraussagen. Daß sie die Waffen der Koketterie besonders wirksam handhaben, ist nur zu begreiflich. Die Koketterie, diese »Betätigungsform der Passivität Fuchs, S. 238.«, ist nun einmal ein besonders weibliches Attribut, ist das wichtigste Werbemittel der Frau um den Mann in allen Zeitepochen und wird naturgemäß von der erotisierten Hysterika besonders geschickt und wirksam verwertet. Gejagt und getrieben von dem qualvollen inneren Drang, der selbst starke, erziehlich aufgebaute Schranken durchbricht und umwirft, wird das junge Geschöpf so früh und nur zu leicht ein Opfer seiner Lüste und sinkt mit dem einmal begonnenen Fall von Stufe zu Stufe.

Ein unsagbar trübseliges Bild, diese kaum dem Kindesalter entwachsenen und unrettbar dem Verderben geweihten Geschöpfe, die nur zu leicht in dem Sumpf der vagierenden Prostitution für immer versinken! Zu dieser hemmungslosen sexuellen Betätigung wirkt mitbestimmend vielleicht die allgemeine hochgradige Hyperästhesie, die je nach ihrem Sitz örtlich verhängnisvoll wird, und die als Hyperästhesie der Vulva und Vagina reizverstärkend, auf der anderen Seite koitusverhindernd erscheint.

Doch der das tiefinnerste Empfinden aufrührende Sturm des erwachenden reifenden Geschlechtslebens mit seiner qualvollen Spannungsanhäufung und seinem sehnsüchtigen Drang führt auch bei hysterischen Jugendlichen nur selten zu vorzeitiger, hemmungsloser, explosiver Entladung mit ihrer dauernden Nachwirkung fürs ganze Leben. Andersartige, auf den ersten Blick kaum zugehörige, seltsame Triebhandlungen sind es, die an die Stelle der sexuellen Befriedigung sans phrase treten oder vielmehr deren Ersatz bilden, sofern Freud mit seiner Lehre recht hat. Nach seiner Lehre schafft Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen, ein Prozeß, den er Sublimierung nennt. »So wirkt die Libido, oder überhaupt die Sexualität als Triebkraft auf das seelische Leben, regt die als Phantasie bezeichneten Assoziationsvorgänge an, wird dadurch von größter Bedeutung für das künstlerische Schaffen, ja selbst für das abstrakte Denken kann sie förderlich sein, intellektuelle Leistungen bedeutend fördern,« sagt Löwenfeld Löwenfeld, Über die sexuelle Konstitution und andere Sexualprobleme. Bergmann, Wiesbaden 1911, S. 176.. Allerdings kommt er bei eingehender Würdigung von Einzelfällen, und zwar Dichtern und Künstlern, zu dem Ergebnis, »daß der Anteil der Sublimierung an dem dichterischen Schaffen im Einzelfalle ein sehr verschiedener sein mag, und daß auch die Liebe nicht immer die anregende Rolle spielt, die man ihr zuzuschreiben zumeist geneigt ist. Wenn wir streng kritisch verfahren wollen, müssen wir sogar zugestehen, daß bei manchen Dichtern es fraglich ist, ob Sublimierungsvorgänge auf ihre Produktivität überhaupt Einfluß ausüben. Was für Dichter gilt, darf nun wohl auch für Künstler angenommen werden, und es scheint demnach, daß die Beziehungen der Sexualität zur Kunst im großen und ganzen nicht so außerordentlich bedeutungsvoll sind, wie man auf Grund einzelner auffallender Beispiele vielfach annahm l. c. S. 209.«. Wenn auch Löwenfeld seine Ansicht über das Problem: Kunst und Sexualität »manchem vielleicht etwas ketzerisch klingend« nennt, so zögert er nicht, die Ansicht auszusprechen:

»Die größten unter den Künstlern, die wahrhaft genialen, bedürfen für ihr Schaffen des aus der Sublimierung resultierenden Zuwachses von geistiger Energie nicht, wenn es auch gelegentlich den Anschein hat, als ob sie auf diesem Wege eine auffällige Förderung gewonnen hätten. Für die Größen zweiten und dritten Ranges bildet dagegen die Sublimierung eine bedeutende Hilfe; sie kann bei ihnen, insbesondere, wenn sie von erotischen Neigungen begleitet ist, die schon versiegende Schaffenskraft neu anregen und dieselbe zeitweilig zu außergewöhnlicher Höhe steigern. Doch ist man nach den vorliegenden Erfahrungen auch bei diesen Künstlern keineswegs berechtigt, Sublimierungsvorgänge als eine unentbehrliche Vorbedingung ihres Schaffens zu betrachten.«

Auf Grund der eigenen Erfahrung teile ich durchaus Löwenfelds Ansicht, daß ein Vergleich der Stärke des weiblichen Geschlechtstriebes mit dem männlichen sich nicht »durch eine einzige allgemeine Angabe« bezeichnen läßt.

»Wir begegnen beim Weibe allen Abstufungen in der Entwicklung des Sexualtriebes, die wir beim Manne in der Breite des Normalen, und, wie wir beifügen können, über diese hinaus auf pathologischem Gebiete antreffen, nur sind die geringen Grade dieser Entwicklung, wenigstens bei einem Teile unserer Bevölkerung, häufiger vertreten, und zeigt die Libido periodisch wiederkehrende Schwankungen, die beim Manne fehlen« Löwenfeld, 1. c. S. 77..

Für sicher hält er es nur, daß die absolute Frigidität beim zarten Geschlecht weit häufiger vorkommt als beim starken. Sie ist aber nicht gleichmäßig über alle Schichten der weiblichen Bevölkerung verteilt, ist zweifellos in den sozial höherstehenden und gebildeteren Klassen beträchtlicher als in den unteren. Was von der geringeren Stärke der Libido des Weibes behauptet wird, gilt nur für die sozial höherstehenden Klassen, in welchen ererbte Anlage, Erziehung, zum Teil wohl auch höhere Intelligenz zusammenwirken, das Niveau der Libido herabzudrücken. Daß in den unteren Schichten unserer weiblichen Bevölkerung die sexuellen Bedürfnisse durchschnittlich geringer sind, als bei den Männern, hierfür liegt keinerlei stichhaltiger Beweis vor.

Freud glaubt es durch vielfältige Erfahrung bewiesen, »daß die Genitalien für die Lustgewinnung durch andere Organe vertreten werden können, wie beim normalen Kuß, wie in den perversen Praktiken der Lebewelt, wie in der Symptomatik der Hysterie« Freud, Allg. Neurosenlehre. S. 371.. Bei der Hysterie sollen ganz gewöhnliche Reizerscheinungen, Sensationen und Innervationen, selbst die Vorgänge der Erektion, die an den Genitalien daheim sind, auf andere, entferntere Körperregionen verschoben werden. Gerade durch die Symptomatik der Hysterie will Freud zu der Auffassung gelangt sein, »daß den Körperorganen außer ihrer funktionellen Rolle eine sexuelle – erogene – Bedeutung zuzuerkennen ist, und daß sie in der Erfüllung dieser ersteren Aufgabe gestört werden, wenn die letztere sie allzusehr in Anspruch nimmt.«

»Ungezählte Sensationen und Innervationen, welche uns als Symptome der Hysterie entgegentreten an Organen, die anscheinend nichts mit der Sexualität zu tun haben, enthüllen uns so ihre Natur als Erfüllung perverser Sexualregungen, bei denen andere Organe die Bedeutung der Geschlechtsteile an sich gerissen haben. Das ersehen wir auch, indem ausgiebigerweise gerade Organe der Nahrungsaufnahme und der Sekretion zu Trägern der Sexualerregung werden können. Es ist also dasselbe, was uns die Perversionen gezeigt haben, nur war es bei diesen ohne Mühe und unverkennbar zu sehen, während wir bei der Hysterie erst den Umweg über die Symptomdeutung machen müssen und dann die betreffenden perversen Sexualregungen nicht dem Bewußtsein der Individuen zuschreiben, sondern sie in das Unbewußte derselben versetzen« Freud, Allg. Neurosenlehre. S. 352..

Für Freud hat jedes neurotische Symptom einen Sinn, der durch analytische Deutung enträtselbar ist Ebendort, S. 316., das Symptom selbst, »ein Ersatz für etwas anderes, was unterblieben ist«. Gewisse seelische Vorgänge hätten sich normalerweise so entwickeln sollen, daß das Bewußtsein Kunde von ihnen erhält. Das ist nicht geschehen, und dafür aus dem unterbliebenen, irgendwie gestörten Vorgange, der unbewußt bleiben mußte, das Symptom hervorgegangen.

Freuds Sublimationstheorie führt alle Werte des Lebens, alle Lust, angefangen von der primitiven Geschlechtslust, weiter die verfeinerte durchgeistigte Liebe und Romantik bis zur religiösen und künstlerischen Ekstase auf die Sexualität zurück. Lust und Sexualität ist ihm eben ein und dasselbe. Der gehemmte Geschlechtstrieb, wachsende Sexualenergien, suchen in ihrem Ausdehnungsdrange andere Wege und finden sie in der Bahnung für schlummernde Fähigkeiten, die so als Ventile wirken. »So wird der Sinnliche, der Libidinöse zum romantischen Schwärmer, zum Poeten, zum Maler und Musiker, zum religiös Ekstatischen, aber auch zum Neurotiker und Hysterischen. Also auch die Hysterie nach der Sublimationstheorie eine Art Ventil der Sexualenergie. Ein hysterisches Erbrechen z. B. ist daher sozusagen ›eine minderbeliebte Schwester Beethovenscher Symphonien, Raffaelscher Madonnen oder religiöser Begeisterung eines Heiligen‹;.« Neutra l. c.

Es ist hier nicht der Ort, das Für und Wider Freudscher Hypothesenbildung eingehend zu erörtern. Sicher überschätzt Freud die Bedeutung und die Universalität des sexuellen Traumas für die Entstehung der Hysterie, sicher wird auch ein hysterisches Symptom durch ein bestimmtes psychisches Trauma nicht restlos erklärt, sicher ist auch nicht jedwedes hysterische Symptom eine Ersatzwirkung für sexuelle Nichtbefriedigung, es besteht aber die Möglichkeit, daß gewisse triebartige Sonderbarkeiten der Denk- und Handlungsweise in der Pubertätsperiode durch sexuelle Dränge ausgelöst werden.

I. Pseudologia phantastica

Unter den triebartigen Sonderbarkeiten der Denk- und Handlungsweise steht im Vordergrunde die Neigung zu phantastischer Umgestaltung und freier Erfindung, bei der schließlich Wahrheit und Dichtung nicht mehr getrennt werden. Von den zu den Grenzzuständen zählenden Phantasielügnern In »Peer Gynt« hat uns Ibsens dichterische Gestaltungskraft einen Phantasielügner gezeichnet, der, wie sein Übersetzer Passarge bemerkt, an solchem Übermaß der Phantasie leidet, daß er leicht Sein und Vorstellung verwechselt.
»Er sieht nicht bloß mit anderen Augen, er verkehrt die Dinge und setzt seine Vorstellungen an die Stelle der Dinge selbst. Gehörtes wird ihm zum eigenen Erlebnis. Nicht bloß die Wolke nimmt die menschliche Gestalt an; nicht bloß der Baum, den er fällt, wird ihm zum gepanzerten Ritter, auch die einfachsten Verhältnisse färbt er gleichsam mit seiner Phantasie. Eine Hirtin mit einem zerrissenen Rock wird ihm zu einer Prinzessin. Bei dem Versuch, sich mit der Familie der Verführten zu stellen, spielt er sich als Prinz auf und sieht ihren Vater als Doverekönig. Überall fließen Traumleben und Wirklichkeit ineinander, bald selbst für den ruhigen Zuschauer nicht mehr trennbar. Es gelten nicht die gewöhnlichen Bedingungen des Ortes und der Zeit. Was in ihm ist, ist zugleich außer ihm; seine bloßen phantastischen Vorstellungen werden Erlebnisse, die für ihn Existenz haben Gedankensünden werden zu Vergehungen, die ihm in quälendster Weise den Weg zum Glück sperren. Alles wird ihm äußere Erscheinung, selbst sein Gewissen nimmt je nach der Lage verschiedene Gestalt an, wird ein stets Greifbares außer ihm. Ihm bleibt er der »Märtyrer der Phantasie«, die ihn kaum einen Augenblick zu sieh kommen läßt, die ihm nicht nur die reale, sondern auch die sittliche Welt verkehrt. Ihr Übermaß bringt ihn in Konflikte mit der Gesellschaft, der er nichts als ein arbeitsscheuer, verlogener, verlumpter, großprahlerischer Bursche ist. Er begnügt sich nicht, aus sich heraus eine Traumwelt aufzubauen, was er träumt, soll Wirklichkeit bekommen.«
, die Erinnerungstatsachen, wenn sie diese oft genug erzählt haben, für wahr halten, führt eine gradweise Steigerung zu der kaum noch trennbaren Gruppe bewußter Lüge und krankhaften Irrtums. Mit Recht vergleicht Delbrück, der das bezeichnende Wort »Pseudologia phantastica« prägte, diese Mischung krankhaften Geschehens und bewußter absichtlicher Täuschung mit den gleichen Entstehungsbedingungen des hysterischen Anfalls, wo man alle Übergänge von bewußter Absicht bis zu ausgesprochener Krankhaftigkeit findet. Pilcz Spez. ger. Psychiatrie. S. 184. findet die Pseudologia phantastica als physiologische Erscheinung angedeutet in der Form so mancher holder »Jugendeseleien« (wenn Backfische und Gymnasiasten sich selbst anonyme Liebesbriefe schreiben, miteinander unter pompös klingenden Pseudonymen korrespondieren, sich in Geheimbündelei gefallen. Strohmayer l. c. S. 836. sieht in der pathologisch gesteigerten Phantasietätigkeit einen Ersatz für das, »was den Hysterischen an Logik im Denken, an gesundem, objektivem Urteil und getreuer Reproduktion der Erinnerungsbilder abgeht.« »Unterstützt wird sie durch einen Hang zum Romantischen, Übernatürlichen, Mystischen. Es ist überraschend, wie wenig die Patienten imstande sind, zu unterscheiden, zwischen Wirklichkeit und Phantasie, Erlebtem und Erträumtem, tatsächlich Gehörtem und eigenen Einfällen. Sie lügen bona fide.« ( Cramer.)

Siefert Dittrichs Handbuch d. ärztl. Sachverst. Tätigk. IX. Bd. Wien. Braumüller. hält die krankhafte Beweglichkeit der Einbildungskraft für ein auch vielen Psychopathen eigenes, gefahrvolles Phänomen, weil es selbst bei bestem Milieuschutz zum Verbrechen führt. Die Fähigkeit zum Lügen ist bei pathologischer Phantastik so ausgedehnt, daß alle Stufen, von einfacher Ausschmückung und subjektiver, dabei fortwährend wechselnder Umgestaltung tatsächlicher Vorkommnisse, bis zur phantastischen Erfindung durchlaufen werden. Dabei belügt der Kranke nicht nur seine Umgebung, sondern auch sich selbst, glaubt selbst an seine Erdichtungen und lebt in ihnen, indem er sich in einem abenteuerlichen, oft jeden Zwecks entbehrenden Gewirr von Wahrheit und Dichtung verstrickt und verliert.

Jaspers sieht in diesem Verhalten den Grundzug des hysterischen Charakters, auf den man immer wieder kommt, wenn man den Typus schärfer fassen will l. c. S. 240.. Die hysterische Persönlichkeit kann sich nicht mit den ihr gegebenen Sachlagen und Lebensmöglichkeiten bescheiden, sie will vor sich und anderen mehr scheinen als sie ist, mehr erleben, als sie zu erleben vermag. An Stelle des ursprünglichen, echten Erlebnisses mit seinem natürlichen Ausdruck tritt ein gemachtes, geschauspielertes, erzwungenes Erleben, aber nicht bewußt »gemacht«, sondern mit der Fähigkeit (der eigentlichen hysterischen Begabung), ganz im eigenen Theater zu leben, im Augenblick ganz dabei zu sein, daher mit dem Schein des Echten. Aus dieser Eigenart glaubt Jaspers alle weiteren Züge verständlich ableiten zu können. Der hysterischen Persönlichkeit ist schließlich gleichsam der Kern ganz verloren gegangen, sie besteht nur noch aus wechselnden Schalen. Ein Schauspiel löst das andere ab; da sie in sich nichts mehr findet, sucht sie alles außer sich. Sich selbst und anderen macht sie das Dasein von intensivem Erleben durch übertriebene Ausdrucksbewegungen, denen die adäquate seelische Grundlage fehlt, glaubhaft. Alles, was einen starken Reiz von außen bedeutet, zieht sie an: Skandal, Klatsch, alles Wirkungsvolle, Maßlose, Extreme in Kunst und Weltanschauung. Um sich ihrer Bedeutung gewiß zu sein, müssen hysterische Persönlichkeiten immer eine Rolle spielen, sie suchen sich überall interessant zu machen, selbst auf Kosten ihres Rufes und ihrer Ehre, sie sind unglücklich, wenn sie auch nur kurze Zeit unbeachtet, unbeteiligt sind, weil sie sich sofort ihrer Leere bewußt werden. Sie sind darum maßlos eifersüchtig, wenn andere ihnen ihre Stellung oder ihre Wirkung beschränken. Gelingt es auf keine andere Weise, so ziehen sie durch Krankheit die Aufmerksamkeit auf sich und führen das Theater des Märtyrers, des Leidenden auf. Dabei sind sie unter Umständen rücksichtslos gegen sich selber in der Zufügung von Leiden (Verletzung), sie haben geradezu einen Willen zur Krankheit, – falls ihnen nur eine entsprechende Wirkung auf andere verbürgt erscheint. Um das Erleben hinaufzuschrauben und neue Wirkungsmöglichkeiten zu finden, wird schließlich zur anfangs bewußten Lüge gegriffen, die bald zur völlig unbewußten und selbst geglaubten »Pseudologia phantastica« sich entwickelt: Selbstanklagen, Bezichtigungen anderer wegen erfundener sexueller Attentate usw. Je mehr das Theatralische sich entwickelt, desto mehr geht diesen Persönlichkeiten jede echte, eigene Gemütsbewegung ab, sie sind unzuverlässig, keiner dauernden Gefühlsbeziehung mehr fähig, nirgends wirklich tief. Nur noch ein Schauplatz nachgemachter und theatralischer Erlebnisse, das ist der extrem ausgebildete Zustand der hysterischen Persönlichkeit l. c. S 250..

Verhängnisvoll ist dann der weitere Schritt, wenn das Erträumte in die Tat umgesetzt wird, und die großartige Rolle, die der Kranke in seiner Phantasie spielt, realisiert wird. Dann erwachen rasch die bedenklichsten Situationen, die mit geradezu tragischer Folgerichtigkeit und wachsender Geschwindigkeit sich weiter rollen und trotz der eminenten Sicherheit, mit der die Phantasierolle durchgeführt wird – weil sie nicht gespielt, sondern erlebt wird – gewöhnlich bald zum kriminellen Zusammenbruch führen.«

Wollte man die Geschichte der Wundertäter und Heiligen daraufhin mustern, ob und wie weit eine pseudologische Phantastik den Urgrund der plötzlichen Gottbegnadung bildet, man fände sie sehr häufig sehr stark ausgesprochen. Man fände auch viele Hysterische unter ihnen, und unzweifelhaft recht häufig Umsetzung sexuell-libidinöser Vorgänge. Ich nenne nur die »Heilige«, von der Mettod-Dolenc Groß-Archiv 1909. Bd. 34. berichtet. Ihre gute Begabung und lebhafte Phantasie malte ihr die Freuden des Himmels aus. Sie verlangte immer heftiger, diese schon auf Erden zu genießen, und erlebte sie in visionär-ekstatischen Verzückungen. Sie verkehrte immer mit Gott Vater, der, obwohl ein ältlicher, doch immer noch schöner Mann sei. Sie schläft in seinem Schoß. Sie ist die wirkliche Braut Christi, erhält von ihm ein Brautkleid, einen Brautring, begegnet im Himmel meist Personen männlichen Geschlechts. »Es scheint,« sagt Dolenc, »als ob sich ihre Natur durch die leisen, ans Sinnliche anklingenden Halluzinationen für die Jungfrauschaft entschädigen wollte.« Es scheint nicht nur, es ist. Wild gärende, sexuelle Empfindungen laden, erotisieren das Gehirn und strömen in jenen Ersatzhandlungen aus.

Die hochstaplerischen Varietäten der Pseudologia phantastica sind Fortentwicklungen gestörter kindlicher Einbildungskraft. In fast jedem Kindergehirn leben phantastische Pläne, die oft genug durch eine Schundliteratur kläglichster Art aufgestachelt werden und in abenteuerlichsten Wanderungen verwirklicht werden. Wer, wie ich, seit Bestehen der Jugendgerichte ein überreiches Material jugendlicher Angeklagter vorüberziehen sah, weiß, wie häufig gerade diese übermäßige Phantasie vorkommt und um so tollere Blüten treibt, je hysterischer das Grundnaturell ist.

Es ist bemerkenswert, daß auch Siefert von einer Verbindung der Pseudologia phantastica mit hysterischen Erscheinungen spricht – »mit einer Häufigkeit, die auf inneren Zusammenhang schließen läßt« –, nur daß er noch jede Andeutung solchen Zusammenhanges unterläßt, und doch zwingt heutzutage die gesamte Umgestaltung der Hysterieauffassung unter dem Einfluß der Freudschen Lehre, diesen inneren Zusammenhang unter dem Gesichtswinkel zu betrachten, daß unterbewußte Sexualempfindungen, vielleicht mitbeeinflußt durch Libidostauung, sich durch solche Ersatzhandlungen offenbaren.

Ein instruktives Bild dieser psychischen Umwandlung lieferte mir erst vor kurzem ein junges Mädchen. Sie ließ Verlobungsanzeigen drucken, in denen sie sich mit einem Gardeoffizier verlobt ausgab, und sandte diese an viele ihr ganz unbekannte Personen. Den angeblichen Verlobten hatte sie nie gesehen, es gewährte ihr aber der Verlobungsgedanke ein Gefühl der Befriedigung. Dann begab sie sich in die Provinz, trat dort als Dame in Trauer unter hochtönendem Namen auf, fand Aufnahme in die vornehmsten Kreise, bis eines Tages die ganze Herrlichkeit zusammenbrach. Der Wunsch, interessant zu erscheinen, eine Rolle zu spielen, Teilnahme und Aufsehen zu erregen, scheint wohl das Hauptmotiv Wie weit das Streben Hysterischer, Aufsehen um jeden Preis zu erregen, gehen kann, lehren die zynischen Äußerungen der Dichterin Alice Crespy, die beschuldigt war, ihren Liebhaber, Abbé Chassaing, erschossen zu haben. »Ich brauche als Reklame für meine Gedichte einen sensationellen Mord«, und »ich brauche einen netten Skandal, um den Verkauf meiner Bücher zu heben. Ja, wenn ich die Heldin eines Leidenschaftsdramas werden könnte, das gäbe eine feine Reklame!« Und diese skrupellose ältliche Hysterika trieb mit ihrem Körper einen förmlichen Kultus, betete ihn geradezu an, wurde nicht müde, von dem Glanze ihrer Augen, der Kleinheit ihrer Füße, der Feinheit ihrer Taille zu sprechen und sich einer mystischen und heidnischen Seele zu rühmen., doch mußte das ganze Gebaren den Verdacht erwecken, daß sexuelle Stauungen sich in diesen merkwürdigen Triebhandlungen entluden.

Noch krasser erscheint die Pseudologia phantastica bei einem jungen Menschen, der sich vollständig in die Rolle eines Weltdetektivs hineingelebt hatte, wie er in der Sherlock-Holmes-Literatur gezeigt wird. Während seiner Freistunden schrieb der junge Mensch stundenlang phantastische Detektivaufträge, in denen er als weltberühmter Oberchef figurierte, der seine Untergebenen zur Aufhellung geheimnisvoller Straftaten in alle Welt entsendet. Er schilderte hierin seltsame Mordtaten, enträtselte sie mit größtem Spüreifer, beorderte seine Sendlinge zur Aufspürung der Spuren und berauschte sich an dem Enderfolg. Um seine internationale Berühmtheit zu kennzeichnen, nahm er Briefpapier seines Chefs, das englischen Firmenstempel trug, benutzte auch die Geschäftsstempel »dringend, eilig, geheim«, gab telegraphische Verhaftsbefehle und unterzeichnete mit Harry Wellen. In dieser seltsamen Schreibart tobte er seine phantastischen Ideengänge aus. So lange er das im stillen Kämmerlein tat, blieb sein Handeln harmlos. Es wurde aber gefahrvoll und führte notwendig zum Konflikt, als er im Sinne seiner phantastischen Rollenvertauschung zu handeln begann. Ihm selbst unverständlich, fing er an, als Polizeibeauftragter Nahrungsmittelbestände von Privatwohnungen zu kontrollieren. Zweifelte die Wohnungsinhaberin die Berechtigung zu solchem Vorgehen an, so legitimierte er sich mit alten Kotillonorden seines Vaters. Als ihn das Geschick ereilte, stand er ratlos, verständnislos dem eigenen, zwecklosen Handeln gegenüber, hatte aber vollständige Erinnerung für alle Vorgänge bis in jede Einzelheit. Nur daß ein dunkler, geheimnisvoller Trieb ihn zum Handeln zwang und alle Hemmungen, alle Bedenken, alle Rücksicht auf die Eltern umwarf, konnte er angeben. Verwunderlich wäre es nicht, wenn in diesem Falle das sexuelle Gefühl sich in solchen kaum willensfrei zu nennenden Ersatzhandlungen betätigte.

Ungewöhnlich interessante Beobachtungen pathologisch gesteigerter Phantasietätigkeit teilt Strohmayer Dittrichs Handbuch. mit. So betrog ein Hysterikus als 16jähriger Gymnasiast monatelang Angehörige und Lehrer, indem er in glaubhaftester Weise mit seinen Beziehungen zu verschiedenen Hoftheaterintendanten renommierte, Korrespondenzen und Premieren-Glückwunschtelegramme fälschte, ja sogar sich Lorbeerkränze ins Haus schickte, die er selbst gekauft hatte. Die Schulversäumnisse und sein schlechtes Befinden suchte er dadurch glaubhaft zu machen, daß er angab, eine stadtbekannte Sängerin hätte ihn mehrfach am Schulbesuch gehindert und zu sexuellem Verkehr in ihrer Wohnung verleitet. Er machte derartige, in allen Details bestimmte Angaben, daß die Dame Klage erheben mußte. In der Voruntersuchung hielt der Jüngling alles aufrecht, in der Hauptverhandlung gab er endlich auf Drängen seines eigenen Rechtsanwalts die Erdichtung zu. Er hatte sich so lebhaft in die Idee hineingedacht, daß es ihm schwer fiel, auch nur die Frivolität seines Handelns zu erkennen.

Ein anderer Fall! In einem Familienblatte erschien die von einem Pastor F. gezeichnete Anzeige, in der für ein zweijähriges Mädchen Pflegeltern gegen hohe Pension gesucht wurden. Drei von den eingelaufenen Offerten beantwortete der Pastor F. und verlangte nach Darlegung der näheren Verhältnisse als Spesen für seine Bemühungen im voraus 5 Mark postlagernd. Er erzählte in seinem Briefe, die zweijährige Marie sei das Kind eines russischen Generals, dessen Gattin, auf der Reise mit dem Auto verunglückt, bewußtlos im Krankenhause liege. Er als Freund des Generals müsse die Angelegenheit vermitteln. Als Urheberin der ganzen Sache entpuppte sich eine ältere Dame des Hochadels. Im Verhör erklärte sie, der Pastor hätte sich bei ihr eingeführt und sie um Erledigung der Angelegenheit gebeten, da er sehr in Anspruch genommen wäre. Alle Beweise sprachen gegen die Dame. Ein Pastor F. war unauffindbar. Auch die Vergleichung der Handschriften erwies die Dame als Verfasserin der Anzeige. Schließlich gab sie zerknirscht zu, den Schwindel inszeniert zu haben. Sie sei mit der Abfassung einer Novelle ähnlichen Inhalts beschäftigt gewesen und habe sich so in den Gedanken hineingelebt, daß sie schließlich an die Existenz aller fingierten Personen glaubte, um so fester, je mehr Offerten einliefen. Sie habe sich den Pastor ganz detailliert als einen ärmlichen Reiseprediger ausgedacht und sich so in seine Persönlichkeit hineingelebt, daß sie die verlangten Spesen erheben zu können glaubte "für gehabte Mühe". Die Verhältnisse der Dame waren derartige, daß 5 Mark gar nicht in Betracht kamen. Die Anverwandten bestätigten, daß sie als Phantastin, die oft die unglaublichsten Sachen erzähle, bekannt wäre. Zwei ihrer Schwestern sind geisteskrank in Irrenanstalten. Die Dame selbst leidet an "Ohnmachten", in denen sie blaß und mit Schweiß bedeckt stundenlang liegt. Die Ohnmachten können mit der Sicherheit des Experimentes ausgelöst werden durch den Geruch von Seefischen, Tuberosen, Sandelholz. Sie meldete sich einmal auf eine Anzeige als Gesellschafterin auf ein Schloß unter Beifügung ihrer Photographie, während sie die Personalbeschreibung ihres eigenen Dienstmädchens für die ihrige ausgab. Die Stelle anzutreten beabsichtigte sie gar nicht.

Recht interessant ist eine Beobachtung Siemerlings Schmidtmann, Hdb. d. ger. Med. 3. Bd., S. 507. Aug. Hirschwald, Berlin., ein 17jähriges Mädchen, die als Zeichen ihrer geistigen Minderwertigkeit auffallend lügenhaft war und die Neigung zeigte, ganz abenteuerliche Geschichten, die vollkommen aus der Luft gegriffen waren, zu erzählen. Sie erschien bei einem Schlächtermeister und stellte dessen Gesellen zur Rede, ob er ein 6jähriges Kind auf einer bestimmten Brücke ins Wasser geworfen hätte. Dem hinzugerufenen Polizeibeamten erklärte sie, daß ein Dienstmädchen, das sie nicht nennen kann, ihr das erzählt hätte. Kurz zuvor hatte sie sich in einem anderen Hause nach einem Infanteristen erkundigt, der in einer bestimmten Nacht ein Kind ins Wasser geworfen haben sollte. Schon in der Schule log sie toll. Ihre Stelle als Dienstmädchen trat sie unter falschem Namen an. Ihre eigene Vorgeschichte baute sie gleich phantastisch aus. Ihr Vater habe ein Rittergut gehabt. Wo es geblieben, weiß sie nicht. Ihrer Stiefmutter sagte sie vor dem Richter nach, sie hätte ihr nach dem Leben getrachtet, hätte ihr während des Schlafes eine Flüssigkeit in den Hals gießen wollen. Den ersten Mann hätte sie dadurch getötet, daß sie ihm heißen Speck in den Hals goß. Selbst ihre sechs Kinder sollte sie durch fortgesetzte Mißhandlungen getötet haben. Leider enthält das ausführlich mitgeteilte Gutachten keinerlei Angaben über das Geschlechtsleben der Angeklagten. Diese Angaben hätten aber vielleicht den Schlüssel zu der psychischen Eigenart geliefert, zumal die krankhaften Erscheinungen bis in die früheste Jugend zurückreichen, was ja fast immer der Fall ist.

Besonders verhängnisvoll wird die phantastische Pseudologie, wenn sie nicht nur Sexualempfindungen in Ersatzhandlungen seltsamer Art umwandelt, sondern die Sexualempfindungen selbst phantastisch umdeutet und in dieser pseudologischen Umdeutung bedenkenschwere Anklagen erhebt.

Die hysterische Schwangerschaft ist ja ein sattsam bekanntes, wenn auch seltenes Vorkommnis. Noch vor wenigen Jahren hat es die breiteste Öffentlichkeit beschäftigt, als die Gattin des jungen Serbenkönigs, Draga Maschin, ihren Ehemann lange Monate mit einer Schwangerschaft narrte.

Ein historisches Beispiel ist die Schwester Jeanne des Anges Soeur Jeanne, Memoiren einer Besessenen. Stuttgart 1911.. Hier fand sich nicht nur Auftreibung des Leibes neben dem selbstverständlichen Ausbleiben der Menstruation, sondern auch anhaltendes Erbrechen, Magenschmerzen und Absonderung von Colostrum. Diese Erscheinungen fanden in einem hysterischen Anfall, der aus einem angeblichen Suicidversuch hervorging, ihr plötzliches Ende.

Der Meteorismus hystericus wird aus der Zeit der Hexenverfolgungen sehr häufig von Besessenen berichtet. Nach Bodinus bewirkte eine Hexe »ut mulieris venter sic intumesceret, tanquam si tergeminos fuisset paritura« De magorurn Daemonomia. Frankfurt 1603. Lib. II, Kap. 8.. Ein Krampf des Zwerchfells soll die wahrscheinliche Grundursache sein, wie Talma angibt.

Kurt Boas fand unter 51 Fällen 10 zu Beginn des Klimakteriums zwischen 40 und 45 Jahren. Für Ursachen der Häufigkeit in diesem Alter sieht er die klimakterischen Beschwerden, das allmähliche Versiegen der Menstruation, die Häufigkeit von Bauchgeschwülsten in dieser Zeit, endlich die Furcht an, mit dem Alter jede Aussicht auf Leibeserben zu verlieren. Wenn eine Scheinschwangerschaft bei Jugendlichen auftritt, so wirkt oft Angst vor der Schwangerschaft mit. Bei der Scheinschwangerschaft Hysterischer bestehen Anzeichen von Wahnideen. Die Kranken wollen an sich einen zunehmenden Umfang der Leibesfülle, Sekretion der Mammae, Fortbleiben der Menstruation, Braunverfärbung der Linea alba, Kreuzschmerzen und anderes wahrnehmen. Schon Monate vorher treffen sie Anstalten zur Aufnahme des Kindes, hüten sogar zu der Zeit das Bett. Da nützen auch alle ärztlichen und sonstigen Einsprüche nichts Boas, Zur forensischen Beurteilung der vermeintlich Schwangeren. Groß-Archiv 1916. Bd. 66..

Eine ungewöhnlich lehrreiche Beobachtung teilt Burgl Die Hysterie. Stuttgart. Enke. 1912. mit. Eine mehrfach vorbestrafte Tagelöhnersfrau war von neuem verhaftet worden. Sie bezeichnete sich selbst als hochschwanger, hatte einen großen, dem achten oder neunten Schwangerschaftsmonat entsprechenden Leib mit der Resistenz eines solchen, erklärte, während ihres Aufenthalts im Gefängnis und angeblich schon mehrere Monate vorher nicht menstruiert zu haben, behauptete, seit längerer Zeit Kindesbewegungen zu spüren. Die Untersuchung war wegen des großen Fettreichtums des Bauches, der kolossalen Auftreibung der Därme durch Luft und der starken Anspannung der Bauchmuskeln ungewöhnlich schwierig. Das Resultat der äußeren Untersuchung – der inneren widersetzte sie sich – war allerdings kein sicheres, zumal Kindesteile nicht gefühlt wurden. Gleichwohl wurde Schwangerschaft für wahrscheinlich gehalten und der Haftbefehl aufgehoben. Als sie wenige Wochen später wieder in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde, war der Leib stark verkleinert. Sie mußte also entbunden haben und machte auch entsprechende Angaben. In Wirklichkeit ergaben eingehende Recherchen, daß sie weder entbunden hatte, noch bei dem ersten Gefängnisaufenthalt schwanger war, auch daß sie immer die Menstruation gehabt hatte. Kaum war diese ganze Schwangerschaftsgeschichte als unwahr erklärt, als die Frau wieder zu Gefängnis verurteilt wurde, und schon wieder erschien sie im sechsten Monat schwanger, auch dem Landgerichtsarzt. In der Untersuchungshaft behauptete sie sogar, schon mehrere Wochen deutliche Kindesbewegungen zu spüren, und das Ergebnis der frauenärztlichen Untersuchung ergab mit Sicherheit, daß eine nachweisbare Schwangerschaft nicht bestand, sondern eine sogenannte Phantom- oder Scheinschwangerschaft. Die Gebärmutter hatte die Größe einer Billardkugel bei kombinierter Untersuchung, was unmöglich zu einer Schwangerschaft im sechsten oder siebenten Monat stimmte. Der Leibesumfang hatte in den letzten Wochen entschieden abgenommen, die Entzündungserscheinungen an der Gebärmutter waren zurückgegangen. Jetzt wurde sie als Hysterische erkannt und bekam noch die Extrasignatur, daß sie lüge, so oft sie den Mund aufmache.

Wir sehen also, daß Sexualempfindungen auffallend verstärkt und bis zu organischen Veränderungen zielbewußt gesteigert werden können. Mag der Anlaß der Scheinschwangerschaft sein, welcher Art er wolle, mag er begreifliches Sehnen eines ungestillten Muttertriebes, mag er nur zufällige örtliche Verwirklichung frei flottierender hysterischer Spannungen sein, mag er durch verbrecherisches Streben nach Freispruch entstehen, es liegt die Möglichkeit vor, daß Sexualempfindungen Darmauftreibung (Tympanie) bis zu schwer entdeckbarem, selbst dem Fachmann schwer enträtselbarem Umfange zuwegebringen und das äußere Bild der Schwangerschaft entstehen lassen können. Schon der Hexenhammer berichtet:

»Auch scheinen ihm die Frauen niemals von den Incubi schwanger zu werden; ihre Bäuche schwellen gewaltig an, und wenn die Zeit der Niederkunft herangekommen ist, schwellen sie unter bloßer Ausstoßung vieler Windigkeit ab. Denn mit Ameiseneiern, im Getränk genommen, erzeugt man unglaubliche Windigkeit und Tumult im Bauche des Menschen; ähnliches geschieht durch die Körner des Springkrautes ... Es ist aber dem Dämon sehr leicht, ähnliches und mehr am Bauche der Menschen zu bewirken« l. c. Bd. II. S. 206..

Die Trommelsucht der Leiber, die während der Tanzwut im 14. Jahrhundert beobachtet und durch gewaltsames Umschnüren mit Tüchern bekämpft wurde – ein hysterisches Phänomen, wie die Tanzwut selbst, bei der es sich um orgiastische Tänze mit szenenhaften halluzinatorischen Erlebnissen handelte –, gehört wohl auch hierher.

Hierbei mag dahingestellt bleiben, ob es sich im einzelnen Falle um eine direkte physiologische Fernwirkung einer überwertigen Vorstellung handelt, der Schwangerschaftssehnsucht, die dann äußerlich auffälligste Schwangerschaftskennzeichen entstehen läßt, oder ob ständig einströmende Sexualempfindungen erst Gehirnpartien so erotisch laden, daß Vorstellungen extremer Stärke entstehen und sich an dem Ausgangspunkt der Vorstellungen grob körperlich umsetzen können, oder ob endlich rein zufällige körperliche Eigenart, wie die Neigung zur Darmauftreibung bei starkem Leib im Einzelfalle zielbewußt zur Schwangerschaftsvortäuschung benutzt wird. Bleuler Bleuler »Physisch und Psychisch in der Pathologie«. Berlin. 1916. Springer. S. 43. weist nachdrücklich darauf hin, daß das Psychische in seinen Äußerungen viel weiter geht, als man außerhalb der Psychopathologie sich vorstellt: der ganze Vasomotorius, die Sekretionen, die Tätigkeit der Verdauungsapparate, die Pupillenreaktion und, genau genommen, wohl so ziemlich alle körperlichen Funktionen werden von dem, was wir hier Psyche nennen müssen, beeinflußt.

Um diese psychophysischen Wirkungen einigermaßen verständlich zu machen, muß man sich der Fülle körperlicher, objektiv feststellbarer Erscheinungen erinnern, die einfach eintreten, wenn gewisse seelische Vorgänge vorangingen. Körperliche Begleiterscheinungen wie: Veränderung der Atmung, Bewegung der Pupillen, Schwankungen innerhalb eines an zwei Hautstellen abgenommenen galvanischen Stromkreises, Veränderungen des Herzschlages, des Organvolumens, des Blutdrucks u. a. m. sind schon bei allen seelischen Vorgängen des normalen Lebens mit Hilfe von Apparat und Experiment festgestellt worden. Sie erscheinen besonders ausgesprochen bei Affekten. So macht die Angst Herzklopfen, ändert die Gesichtsfarbe, läßt kalten Schweiß auftreten, die Haare sich sträuben, die Pupillen weit werden und Durchfall eintreten. Der Nachweis solcher körperlichen Begleiterscheinungen gestattet natürlich auch Rückschlüsse auf die auslösenden Vorgänge im Seelenleben.

Was für die normalen seelischen Vorgänge gilt, gilt mit entsprechender Steigerung für die krankhaften seelischen Erscheinungen, die Psychopathie. Sie steigert die gewöhnlich wirksamen Mechanismen zur Umsetzung in körperliche Phänomene oder setzt ganz neue, außerbewußte Mechanismen in Tätigkeit.

Zwischen dem Inhalt des Seelenerlebens und den besonderen körperlichen Folgen braucht keinerlei verständliche Beziehung zu bestehen. Zur Erklärung denkt man sich eine durch den Krankheitszustand gesteigerte oder abnorm gerichtete Irritabilität oder eine besondere Veranlassung. Anders bei jener Vielzahl körperlicher Phänomene, die durch eine spezielle Richtung der Aufmerksamkeit auf eine Funktion, durch Beachtung geringer Störungen, durch bestimmte Sorgen und Befürchtungen entstehen. Ist der Zusammenhang zwischen Anlaß und Erfolg verständlich, werden körperliche Vorgänge, die sonst von Willen und Vorstellung ganz unabhängig sind, wie Empfindungsfähigkeit, Menstruation, Verdauung usw. durch einen abnormen, für gewöhnlich nicht hervortretenden Mechanismus ausgelöst, so sprechen wir von einem hysterischen Mechanismus. Er findet sich, wie Jaspers betont l. c. S. 129., bei allen Menschen in geringem Grade, bei manchen hochgradig, und tritt durch krankhafte Veränderungen oder durch schwere Erlebnisse in Aktion.

Die wichtigste Erfahrung aus solchen Beobachtungen ist, daß es fast stets Hysterische sind, die Phantomschwangerschaften zuwege brachten, und daß bei ihrer Entstehung stets die pseudologische Denk- und Urteilsweise die Klarstellung besonders schwierig machte.

Daß gerade Hysterische überwiegend häufig Scheinschwangerschaft produzieren und mit ihr und auch ohne solche sexuelle Falschbeschuldigungen erheben, kann daher nicht wundernehmen, da gerade die leichte Umsetzbarkeit von Vorstellungen in körperliche Erscheinungen eine bezeichnende Eigenart der Hysterischen ist, durch Fremd-, wie Selbstsuggestion. Hinzu kommt, daß auch das Gefühlsleben der eigentliche Träger des Seelenlebens Hysterischer ist, in seiner leichten Ansprechbarkeit das Denken, die Orientierung, das Handeln beherrschend bestimmt und – fälscht. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß es bei der lebhaften, beweglichen Phantasie auch die abenteuerlichsten Blüten treibt. So können Vorstellungen entstellt oder gefälscht werden, und Gefühlseinflüsse jeder Art, Affekte, Stimmungen und Launen, Neigung und Abneigung, Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen entscheidend werden. Je nach der jeweiligen Gemütsverfassung, je nach der augenblicklichen Stimmungs- und Affektlage schwankt das Urteil Hysterischer, erscheinen ihnen Personen und Vorgänge bald günstiger, bald ungünstiger gefärbt. Daher leiden vor allem die Erinnerungen. Da auch die Spuren wirklicher Erlebnisse bei Hysterischen sich nicht fest verankern, leicht flottieren und sich mannigfach verknüpfen können, muß die Reproduktionstreue leiden. Das wird besonders verhängnisvoll bei Erinnerungen erotischen Inhalts. Hier unterliegt die Auffassung Hysterischer seltsamen Täuschungen. Sie wird geformt je nach ihren sexuellen Erwartungen, Wünschen, Hoffnungen. So werden zufällige Begegnungen beabsichtigte Annäherungen, so werden belanglose Äußerungen zu Liebesbeteurungen. Früher tatsächliche Liebesbezeugungen werden unter dem Einfluß von Haß und Rache zu unerlaubten Übergriffen, Harmlosigkeiten zu Mißhandlungen oder sogar sexuellen Gewaltakten.

Bei vielen Erfindungen und Ausschmückungen spielt das phantastische Moment eine Hauptrolle. Erlebnisse, Unterhaltungen, Lesestoff, Schauspiele, wie innere Phantasiegebilde werden entsprechend verarbeitet und verfälschen Tatsächliches, Wahrnehmungen und Erinnerungen, Gegenwärtiges und Vergangenes, schaffen Truggebilde ohne Rücksicht auf Wahrheit und Wirklichkeit. »Auch dieser phantastische Zug, dieser romantische Hang kommt bei den Hysterischen besonders bezeichnend und ausgeprägt zur Geltung, wenn es sich um erotische Beziehungen handelt,« wie Birnbaum sagt Die sexuellen Falschanschuldigungen der Hysterischen. Groß-Archiv, 1915, Bd. 64.. »Nur zu natürlich! Spielt doch schon beim normalen Durchschnittsmenschen die Phantasie im erotischen Leben eine besondere Rolle. Der Onanist, der sexuelle Phantasien zu seiner Selbstbefriedigung herbeiruft, der Jüngling, der in romantischen Träumereien erotischer Färbung sich verliert, der Verliebte, der in Liebesszenen schwelgt, sie alle verraten, wie sehr die Einbildungskraft sich gerade an das sexuelle Leben bindet und das Material für ihre Schöpfungen gerade aus dieser Quelle nimmt.« Hinreichend bekannt ist es ja, daß die Liebe Eigenschaften der Angebeteten illusionär umformt oder selbst Eigenschaften andichten kann. Daher kann es nicht in Erstaunen setzen, daß diese Tendenz bei hysterischer Eigenart Liebesabenteuer seltsamster Art, ganze Liebesromane und in manchen Fällen sexuelle Angriffe und Gewaltakte erleben läßt, die verblüffend detailliert geschildert werden, und doch fehlt ihnen jeder Untergrund.

Wie Hans W. Gruhle mit Recht betont, gilt der hysterische Charakter überall als unzuverlässig, untreu, und – nicht immer mit Recht – als verlogen. »Denn da er niemals eine eigene Meinung hat, sondern immer die der andern, kann man von einer Verlogenheit eigentlich nicht gut sprechen.«

Auch nichthysterische Kranke können mitunter Scheinschwangerschaft vortäuschen, denn auch Wahnideen, auf anderem Krankheitsboden erwachsen, können gerade in der Behauptung der Schwangerschaft gipfeln, können unerschütterlich sein und ständig weiter ausgebaut werden. Auch die Anschuldigung vermeintlicher Täterschaft braucht hierbei nicht zu fehlen. Ich verweise nur auf die Mitteilungen von Boas, die sich auf die Kasuistik eingebildeter Gravidität von Löchel und Kleine Inaug.-Diss., Kiel 1914, und Kleine: Beiträge zur Lehre von der senilen Hysterie. Inaug.-Diss. Kiel 1914. stützen. Plastisch schildert da die von Verfolgungsideen beherrschte Lehrerin, daß sie nachts vergewaltigt wurde, und ist seitdem von ihrer Schwangerschaft überzeugt. Der Eintritt der Menstruation kann die Ideen schwinden, doch auch fortbestehen lassen. In der überzeugungstreuen Angabe verrät sich ein grotesker Zug, ganz besonders bei der an der Schwelle der siebziger Jahre stehenden Patientin, die sich durch ihr Alter nicht beirren läßt.

Daß gerade die Wahnidee vermeintlicher Schwangerschaft bei geisteskranken Frauen öfters auftaucht, ist tief in der Organisation des Weibes begründet. Ihr Gedankeninhalt ist nun einmal von den natürlichen Wunschregungen erfüllt, eine Ehe mit einem sympathischen Gatten zu schließen, Mutter von ihm zu werden und für seine Kinder zu sorgen. Lockert sich das Gedankengefüge in geistiger Erkrankung, so taucht diese Sehnsucht, die bisher von begreiflicher Scheu verschlossen wurde, schrankenlos empor und entschleiert das Seelenleben der Kranken. Wie wahnhafte Vorstellungen, von einer bestimmten Person geliebt zu werden, von ihr schwanger zu sein u. dgl., taucht auch wahnhaft, unverrückbar die Idee, unglücklich verheiratet, geschieden zu sein usw. auf. In der Regel soll der böse Feind die Kranke des Nachts überwältigt haben. Diese Idee kann zu halluzinierender Kohabitationsempfindung führen, kann phantastisch weiter ausgestaltet werden bis zur Wahrnehmung der Geburt des Kindes, kann auch in beständiger Erwartung der Niederkunft gipfeln und zu entsprechenden vorbereitenden Handlungen führen. Körperliche Reizerscheinungen sollen den Anlaß geben können. Wenigstens glaubt Schüle Klin. Psychiatrie. Uteruserkrankungen und viscerale Neuralgien der Genitalien dafür anschuldigen zu können. Wie Speier-Holstein mitteilt Schwangerschafts-Scheidungswahn und verwandte Wahnideen beim weiblichen Geschlecht. Archiv f. Frauenkunde und Eugenetik. 2. Bd., S. 1., wurde der Scheidungswahn noch nicht beschrieben. Er sieht in ihm eine Steigerung des Eifersuchtswahns. Eine Art berechtigten Kernes hierfür liegt in der dunklen Empfindung zunehmender und vor der Umgebung nicht mehr zu verbergender Unzulänglichkeit so um die Wende des fünften und sechsten Lebensjahrzehnts. »Vielleicht,« sagt Speier-Holstein, »mag der Wunsch der Scheidung im stillen schon in gesunden Tagen vorhanden gewesen sein.«

»In solchen pseudologischen oder gar wahnhaften Ausdeutungen Hysterischer liegt also eine höchst bedenkliche Gefahrenquelle, besonders gefahrvoll, weil häufig genug das sexuelle Attentat den Kern der Anschuldigung bildet.« Schon mancher unbescholtene Mensch und auch unbescholtene Arzt sah sich plötzlich angeschuldigt, verhaftet, und, wenn auch glücklicherweise – oft genug erst nach monatelanger Marter – von jedem Verdacht gereinigt, doch durch das Ereignis fürs ganze Leben vernichtet. Er blieb vernichtet, denn die Großstadtpresse berichtet ja schnellstens solch Vorkommnis, sie hält es ja für unbedingt erforderlich, es sofort zu melden, glaubt das der Öffentlichkeit schuldig zu sein, und befriedigt damit teilweise doch nur das Sensationsbedürfnis der Masse. Auch die Staatsanwaltschaft beschließt nur zu schnell im einzelnen Falle die Verhaftung ohne jedes Bedenken, die als Rechtsirrtum nicht mehr gutzumachende Folgen zeitigen muß.

Ein markantes Beispiel aus längst vergangener Zeit liefern die Besessenen von Loudun, mit denen eine ganze Legion Teufel ihr verruchtes Spiel getrieben haben sollte; und zwar gerade mit den Jüngsten und Schönsten. Der Weltpriester Urbain Grandier sollte die armen Mädchen verzaubert haben, so daß die Priorin allein sieben Teufel im Leibe hatte. Er wurde gefangen, gefoltert und nach zwei Jahren lebendig verbrannt. Mehrere behaupteten, ihn gesehen, des Nachts als kühnen Sieger bei sich gefühlt zu haben und zu spät aufgewacht zu sein. Der Prozeß in Loudun fing mit der Superiorin und einer ihrer Laienschwestern an. Sie hatten Krämpfe und schwatzten in der Sprache des Teufels; andere Nonnen ahmten sie nach. Die ganze kleine Stadt kam ins Schwanken. Die Mönche aller Farbe bemächtigten sich der Nonnen, verteilten sie und trieben aus ihnen zu dreien und vieren die Teufel aus. Die Menge lief herbei, und in diesem zitternden, zuckenden Zuhörerkreis rief mehr als eine, daß sie den Teufel in sich fühlte »Die Klöster der Christenheit.« Brünn. Karafiat u. Sohn. S. 382. – Verf. u. I..

Ein Beispiel falscher Anschuldigung, die sich nicht auf sexuelle Attentate bezieht, aber doch in ihrer Entstehungsgeschichte eine sexuelle Komponente aufweist, berichtet Höpler, – Verleumdung durch ein vierzehnjähriges hysterisches Mädchen Einiges über Zeugenaussagen. Archiv f. Kriminologie, Bd. 51, S. 38.. Sie wußte ihren Dienstherrn, einen Pfarrer, von Diebstählen zu überzeugen, die nie passiert waren. Sie täuschte Sicherheitsbehörden und Gerichte, indem sie vor dem Weinkeller Zettel mit Angaben anbrachte, daß der Wein gut wäre und der Dieb wiederkehren würde, indem sie weiter den Zettel oft änderte, andere Personen in Verdacht brachte, endlich sogar sich als die Person bezeichnete, die wichtige Mitteilungen zu machen hätte. Bei ihrer Vernehmung behauptete sie, von einer Geburt, gehört zu haben. Sie wollte auch gesehen haben, wie zwei Mädchen das Kind brachten und begruben. Als der Richter nachgraben ließ, fand sich nichts. Endlich gestand das Mädchen, die Geschichte erdichtet zu haben. Später gab sie zu, alle Briefe und Zettel geschrieben, den Geschlechtsverkehr genau geschildert zu haben, weil sie dabei Wollust empfand und derart lüstern wurde, daß sie onanierte. Das Gutachten stellte bei dem seit einem Jahre menstruierten Mädchen Hysterie fest (Analgesie). Die Hysterie im Verein mit der Pubertät förderte derartige sexuelle Reize und psychische Aufregungen zutage, daß das Mädchen sich der Tragweite ihres Handelns nicht bewußt wurde, wie ein normaler Mensch.

Groß glaubt, die Tat mit aufgespeicherter Geschlechtslust erklären zu können, die zu irgendeiner Entspannung drängte, und diese erfolgte nicht explosionsartig, wie häufig bei andern Delikten, sondern langsam wühlend, durch eine teilweise befriedigende Tätigkeit. Göring hält die sexuell bedingte falsche Anschuldigung von Frauen als charakteristisch für die Frau. »Sie kann ja auch ihren Geschlechtstrieb nicht vollkommen unterdrücken, nur das brutale, offenkundige Vorgehen liegt ihr nicht. Sie nimmt daher, besonders wenn sie pathologisch veranlagt ist und sich selbst nicht regieren und im Zaum halten kann, zu andern Mitteln ihre Zuflucht, vor allem zur falschen Anschuldigung.« Er will nicht das Wort »Verleumdung« gebrauchen, um auszudrücken, daß es sich durchaus nicht immer um Behauptungen wider besseres Wissen handelt; es gibt zweifellos Frauen, die auf Grund ihrer sexuellen Einstellung in gutem Glauben Dinge behaupten, die vollkommen aus der Luft gegriffen sind.

In solcher Sachlage sind und bleiben die Ärzte ganz besonders gefährdet, denn alle gut gemeinten Vorsichtsmaßregeln, besonders die Anwesenheit einer dritten Person, sind nicht stets anwendbar, oft genug sogar unausführbar, und so ist der falschen oder pseudologischen Anschuldigung, zumal wenn sie von einer lügnerisch veranlagten Hysterika ausgeht, weiter Spielraum gegeben.

Schon die einfache körperliche Untersuchung ist hier oft genug zur unzüchtigen Berührung gestempelt worden und die gynäkologische Untersuchung zum sexuellen Attentat. Gerade bei der erotisch stark veranlagten Hysterika, bei der jede Empfindung einen sexuellen Unterton bekommt, kann die Phantasie üppig wuchern und der nicht erfüllte Wunsch sich in der phantastischen Konstruktion eines sexuellen Attentates entladen. Das kann um so leichter geschehen, wenn die Bewußtseinsbedingungen dazu besonders disponieren, so wenn eine Narkose oder der hypnotische Schlaf die assoziativen Gedankenfäden lockert oder Traumvorstellungen weckt oder die Kritik ausschaltet. Ja selbst der zufällige Eintritt einer hysterischen Attacke, eines Krampfes, einer Absence kann ausreichen, um phantastische Vorstellungen entstehen zu lassen und einen vermeintlichen Täter auf die Anklagebank zu bringen. Nicht immer sind es allerdings phantastische oder lügnerische Angaben, nicht immer handelt es sich bei den Angaben einer Hysterika um einen vermeintlichen Täter. Sexuelle Attentate sind in Narkose und Hypnose oft vorgekommen, ja, die Hypnose ist sogar zielbewußt zu suggestiver Züchtung sexueller Duldung oder selbst sexuellen Begehrens verwertet worden. Jeder erfahrene Nervenarzt weiß, daß Hysterische oft im hysterischen Anfall durch Worte und Gebärden sexuelle Empfindungen und Wünsche äußern. In dem berühmt gewordenen Hysteriefall Breuers, der zuerst zum Studium des Sinnes der neurotischen Symptome führte, verfiel die Kranke periodisch in Zustände veränderten Bewußtseins, in denen sie ein zunächst anscheinend ganz abliegendes Erlebnis schilderte und dramatisch wiedererlebte. Stets mündete eine solche Episode in ein gerade aktuelles Symptom; eigenartige, sonst unverständliche Streckungen, »Krämpfe« des Armes ließen sich z. B. als Abwehrbewegungen verstehen, welche die Kranke in einer vor Jahren erlebten schwierigen Situation gemacht hatte.

Gruhle l. c. S. 93. betont ausdrücklich die gelegentliche sexuelle Erregtheit in Hysterieattacken. Sie werde »durch Einnahme entsprechender Stellungen wahrscheinlich« gemacht.

Auch Siebert Hysterische Dämmerzustände. Archiv f. Psychiatrie, Bd. 60, Heft 1. erzählt von einem 24jährigen Fräulein, daß das Bewußtsein wiederholt während des krankhaften Zustandes (Attacken mit Amnesie) mit der vorhergehenden Attacke korrespondierte und der Gedankengang gewissermaßen im neuen Anfall vom vorhergehenden weiter gesponnen wurde. Daß ein sexuelles (vielleicht unbefriedigtes und unerreichtes) affektives Moment eine Rolle hier spielt, hält auch Siebert für wahrscheinlich, doch – merkwürdigerweise – für nebensächlich. »Ein Herumwühlen im Unbewußten und Unterbewußten auf sexueller oder überhaupt erotischer Grundlage unter evtl. Heranziehung des psychischen Traumas« (hier eine nach zwei Jahren gelöste Verlobung) erscheint ihm nicht als die geeignete Therapie. Warum denn nicht? Warum sollte nicht die Heraushebung des in diesem Falle klar zutage liegenden psychischen Traumas zum mindesten ein Schädlichkeitsmoment beseitigen oder abschwächen können, das fortwirkend schädigen kann?

Schon die Jagd nach solchem Täter scheint Hysterischen besondere Freude zu machen, denn oft genug berichtet die Tagespresse von Frauenspersonen, die gefesselt aufgefunden wurden, einen Knebel im Munde, von Angaben, daß sie vergewaltigt wurden, und die ganze Darstellung entpuppte sich als Phantasiegebilde. Bei diesen dramatischen Inszenierungen scheint eine perverse Lust mitzusprechen, viele Menschen narren zu können und sich an den eigenen Phantasiegebilden zu berauschen. Wie anders soll man es verstehen, daß ein Fräulein einer großen Zeitung einen anschaulichen Bericht sendet, wonach ein Offizier von einem Dampfer gestürzt sei und schwimmend das Ufer erreicht habe. Und alles entpuppte sich als Phantasiegebilde! Hans Reichel, Zur Pseudologia phant. Groß-Archiv 1915, Bd. 62, S. 376. Anscheinend haben solche Erfahrungen auch die Polizei schon gewitzigt, denn die Vorgänge werden meist schon der Öffentlichkeit mit Vorbehalt mitgeteilt.

Ein recht markantes Erlebnis falscher Anschuldigung liefert Cramer:

»Ein 15 jähriges Mädchen kommt eines Tages zur Mutter und erklärt, sie habe so Schmerzen im Leib, es sei ihr so, als ob da unten was raus wollte. Einige Tage später sagte sie, sie wollte auch sagen, woher das käme. Sie habe vor einem Jahre mit dem X., einem schwachsinnigen jungen Manne, Kartoffeln gerodet. Da habe der X. sie umgeworfen, ihr die Kleider über den Kopf gezogen, die Beine auseinandergemacht, das habe so weh getan, daß sie ohnmächtig geworden sei. Als sie wieder zu sich gekommen wäre, hatte sie geblutet. Die ärztliche Untersuchung des Mädchens ergab den Befund einer Virgo intacta. Sie selbst wird in ihren Aussagen schwankend, will aber nicht eingestehen, daß sie alles erfunden hat. Sie stammt von einer hysterischen Mutter, die fast täglich an hysterischen Anfällen leidet, und von einem schwachsinnigen Vater. Sie leidet häufig an Ohnmächten, hat ausgesprochenes Globusgefühl und ist auf der linken Körperseite fast ganz anästhetisch. In der Umgebung ihres Heimatdorfes waren kurz zuvor zwei Notzuchtsfälle vorgekommen, die in bekannter Breite in den Lokalblättern besprochen wurden« Cramer, »Gerichtl. Psychiatrie«. 2. Aufl. Fischer, Jena 1900..

Wie lebhaft Hysterische anscheinend schon durch die Jagd nach einem unbekannten Täter interessiert werden, lehrt mich eine Erfahrung, die ich noch am Berliner gerichtlich-medizinischen Institut machte:

»Eine Familie der besten Gesellschaft kam dadurch in stets wachsende Erregung, daß im Haushalt täglich neue Auffälligkeiten sich ereigneten. Bald waren die Türklinken in widerlicher Weise beschmutzt, bald flogen Gegenstände durch die Fensterscheiben, bald waren wertvolle Gegenstände zerschnitten, und immer entpuppte sich der kleine Sohn als Sünder, reumütig im Augenblick, doch trotz aller Strafen, die er geduldig hinnahm, zu immer neuen Schandtaten bereit. Schon dachten die untröstlichen Eltern daran, das mißratene Kind in eine Erziehungsanstalt zu geben. Da klärte ein Zufall die Vorgänge in ganz unerwarteter Weise. Nicht das Kind war der Täter, obwohl es immer reumütig seine Schuld eingestanden hatte, sondern ein junges hysterisches Dienstmädchen, das sich in der Rolle des unentdeckten Täters besonders gefiel. Es hatte das auffallend suggestible Kind sich so abhängig, hörig zu machen gewußt, daß dieses automatisch jede suggerierte Tat ausführte und geduldig die schwersten Strafen auf sich nahm. Leider begnügte man sich damals mit der Feststellung der hysterischen Eigenart. Erst die Durchforschung der sexuellen Psyche würde wohl den rätselvollen Vorgang wirklich geklärt haben« Ganz ähnlich die Beobachtung von Schrenck-Notzings, die dieser in einem Gutachten zum Prozeß Czynski mitteilte. – Der Prozeß Czynski. Enke, Stuttgart 1895..

Bei solchen Anschuldigungen kann es sich auch um halluzinatorische Erlebnisse eines hysterischen Delirs handeln, die in das Wachbewußtsein übernommen werden, unkontrollierbar bleiben und zu entsprechendem, folgerichtigem, oft für Unschuldige verhängnisvollem Handeln führen können. Die Patientin Binswangers, die nach einem mehrstündigen, unter Alkoholeinfluß entstandenen Dämmerzustande bei einer Landpartie einen Teilnehmer des Ausfluges beschuldigte, sie im Walde vergewaltigt zu haben, und die den Vorgang mit allen Einzelheiten schilderte, ist hierfür ein prägnantes Beispiel. Es gelang, sämtliche Angaben als frei erfunden zu erweisen. So konnte nervenärztliche Fachkunde schweres Unglück von einem Unschuldigen abwehren. Der vermeintliche Täter selbst hätte wohl kaum hinreichende Möglichkeiten gehabt, die ihm angedichtete Freveltat als erfunden zu erweisen. Auch hier wird die sexuelle Einstellung der Hysterika, für die das Delir sexuelle Strebungen aufflammen und phantastisch verarbeiten läßt, selbst durch entsprechende Stellungen so lebhaft, daß die Hysterische Vorgänge erlebt zu haben versichert, mit allen Einzelheiten, und – zur Gefahr für unbeteiligte Mitmenschen wird. Diese Gefahr wird um so größer, wenn die Hysterika jedes Mittel für recht hält, ihre phantastischen Erzählungen glaubhafter zu machen. Die sonderbarsten Mittel, auch die Selbstverletzung, werden skrupellos gewählt. Das illustriert Raeckes Patientin überzeugend, die einen Notzuchtsakt erlebt haben wollte. Man hatte sie mit zerschnittener Zunge und durchstochener Konjunktiva im Bett gefunden. Auf dem Fußboden standen Lachen roter Flüssigkeit. Eine Kassette mit Schmuck sollte verschwunden sein. Und was lehrte die Untersuchung? Das Blut war Heidelbeersaft, die Verletzung war selbst beigebracht, und die Kassette hatte die Patientin zum Fenster hinausgeworfen.

Birnbaum Die sex. Falschbeschuldg. d. Hyster. Groß-Arch. Bd. 64. 1915. zählt solche sexuellen Falschbeschuldigungen zu jener Gruppe von Delikten, die eine besondere Stellung im Bereich der Kriminalpsychologie beanspruchen dürfen.

»Sie heben sich ohne weiteres aus der großen Masse der Alltagsvergehen heraus, verlangen Erklärungen, für die die üblichen Motive für das Tun und Lassen des Durchschnittsmenschen nicht ausreichen, und drängen geradezu zu näherer Betrachtung der ihnen zugrunde liegenden Vorgänge und ihres Urhebers. Ihr psychologisch befremdender Charakter legt dabei die Vermutung nahe, sie könnten von einem psychisch unmöglichen und darüber hinaus psychisch abnormen Täter herrühren.«

Wie stark aber die Hysterie daran beteiligt ist, beweist er auch durch den Satz:

»Es besteht auch kein Zweifel, wenn man von sexuellen Falschbeschuldigungen hört, von ihnen spricht, denkt man eigentlich stets an Hysterie.«

In allen solchen Möglichkeiten ist es immer und immer wieder das Geschlechtsleben, das im Mittelpunkt des gesamten Empfindungslebens steht und hier so verhängnisvoll wirken kann, weil eben die Eigenart des hysterischen Charakters die sexuellen Empfindungen hemmungslos ausströmen, sich umsetzen und verwandeln läßt. Zur Anschuldigung gefahrvollster Art kommt es leicht sogar unter Bedingungen, wo schon der äußere Augenschein der Anschuldigung widerspricht. Burgl berichtet von einer Anklage einer Hysterischen, von einem sie untersuchenden Arzt während einer kurz dauernden Ohnmacht mißbraucht und geschwängert worden zu sein, wo er selbst im Gutachten ausführen mußte:

»Die Untersuchung der E. St. durch den Unterzeichneten hat in Übereinstimmung mit den im Krankenhause gemachten Wahrnehmungen ergeben, daß dieselbe an ausgesprochener Hysterie leide. Von diesem Standpunkte aus muß ihr Vorbringen gegen den praktischen Arzt Dr. K. untersucht und beurteilt und namentlich von vornherein der Frage nähergetreten werden, ob es sich nicht vielleicht um eine jener falschen Anschuldigungen handle, wie sie von seiten ausgesprochener hysterischer Personen wegen angeblicher sexueller Angriffe gegen ihren Arzt nicht selten erhoben werden. Wenn auch die Möglichkeit, daß Dr. K. sich wirklich an der St. vergriffen hätte, a priori nicht von der Hand gewiesen werden kann, so spricht doch eine ganze Reihe von Momenten gegen die Wahrheit und Richtigkeit ihrer Anschuldigung. Vor allem ist es im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß ein bisher vollständig unbescholtener praktischer Arzt sich zu einer so folgenschweren Tat hinreißen lassen würde, und noch dazu wegen eines so wenig körperliche Reize besitzenden, ja geradezu abstoßend häßlichen Mädchens, nachdem er sicher, wenn es ihm durchaus um Beischlaf mit ihm zu tun war, auch ohne Gewalt und ohne jedes Risiko durch Schmeicheln, Versprechen von Geschenken u. dgl. den gleichen Zweck erreicht hätte. Es ist ferner eine Notzucht höchst unwahrscheinlich, weil Dr. K., wenn er eine solche hätte vornehmen wollen, doch sicher die Zimmertür abgesperrt hätte, was nicht geschehen ist. Es konnte also zu jeder Zeit jemand in das Zimmer eintreten. K. hätte ferner kaum die Fenster des Untersuchungszimmers offen gelassen, da er riskieren mußte, daß ein allenfallsiges Hilferufen der Patientin gehört werden konnte. Eine Notzucht ist auch um deswillen höchst unwahrscheinlich, weil die St. selbst angibt, daß sie weder gesehen hat. wie Dr. K. sein Beinkleid öffnete, noch auch sein Glied gesehen hat. Sie will es aber deutlich gespürt haben. Die Vergewaltigung erscheint endlich deshalb sehr schwierig, weil die St. auf einem Untersuchungsstuhl lag, und die Untersuchungsstühle gewöhnlich so hoch sind, daß ein stehender Mann mit seinem Gliede gar nicht an die Geschlechtsteile einer auf dem Untersuchungsstuhle liegenden Frau hinaufreichen kann.

Es ist im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die St., welche seit ihrer Jugend nervenleidend ist und an allen möglichen Erscheinungen der Hysterie leidet, wie z. B. ausgedehnter Anästhesie, Globus hystericus, Krampfanfällen mit Bewußtlosigkeit, Ohnmachten, Aufregungszuständen, krankhaften Einbildungen u. dgl. während der Digitaluntersuchung durch Dr. K. geschlechtlich erregt wurde, infolge der Erregung in eine leichte Ohnmacht fiel und die nach dem Erwachen an den Genitalien infolge der Untersuchung vorhandenen Sensationen wahnhaft auf einen stattgehabten Beischlaf zurückführte. Und dieselbe Person hatte gleichzeitig dieselbe Anschuldigung – Verbrechen gegen die Sittlichkeit – gegen einen Magnetiseur, einen Arbeiter und einen Diakon vorgebracht und litt seit ihrer Jugend an allen möglichen Erscheinungen der Hysterie: ausgedehnte Anästhesien, Globus hystericus, Krampfanfälle mit Bewußtlosigkeit, Ohnmachten, Aufregungszustände, krankhafte Einbildungen, und sie glaubte, bei dem Gefühl des Globus hystericus, einer im Halse aufsteigenden Kugel, einen Ring verschluckt zu haben.«

Derartige Vorkommnisse sind durchaus nicht ungewöhnlich selten. So berichtet Binswanger von einer Hysterika, die wegen abschlägigen Bescheides auf eine Geldunterstützung einen hohen Beamten eines an ihr vorgenommenen Sittlichkeitsverbrechens beschuldigte Die Hysterie. Alfred Hölder, Wien 1904, S. 3357..

Strohmayer erzählt von einem 13jährigen, hysterischen Mädchen, einer »Grande-Hysterie«, die mit dem eigenen Vater sexuell verkehrt zu haben behauptete. Den angeblichen Koitus beschrieb sie mit allen Details, unter anderm, daß der Vater den Introitus vaginae mit einem Instrument erweitert habe. Sie habe ein Kind geboren, das aber zu schwach gewesen wäre und nur drei Tage gelebt hätte. Die Angabe des Kindes führte zu einer Untersuchung, welche die Erfindung erwies l. c. S. 838..

Besonders instruktiv ist eine ihn selbst betreffende Mitteilung Cramers Cramer, Gerichtliche Psychiatrie. II. Aufl. Fischer, Jena 1900, S. 209., die es verdient originaliter wiedergegeben zu werden.

»Es ist immer sehr verdächtig, wenn eine derartige Kranke einen Arzt allein ohne Zeugen sprechen will:

Mir ist folgendes passiert: Eine an einer hysterischen Seelenstörung leidende junge Frau ließ sich anderthalb Jahr nach der Entlassung aus der Anstalt bei mir melden mit der Bitte, mich allein zu sprechen. Ich ging zu ihr nach der Wartestube, ließ die Tür etwas offen und postierte dahinter den Portier. Die Dame empfing mich mit berückender Liebenswürdigkeit und bat auch um ein Attest, daß sie ganz gesund wäre. Ich erklärte ihr, ein Attest könnte ich nur auf Requisition seitens einer Behörde geben, außerdem wollte ich ihr aber ganz offen mitteilen, daß ich sie durchaus nicht für ganz gesund hielte. Nach dieser Eröffnung geriet sie in heftige Erregung und sagte: ›Gut, dann werde ich aber erzählen, daß Sie ein unsittliches Attentat auf mich gemacht haben.‹; In diesem Moment trat der Portier ganz in die Tür, die Dame rauschte, ohne Abschied zu nehmen, davon« Cramer, Gerichtliche Psychiatrie. II. Aufl. Fischer, Jena 1900. S. 204..

Birnbaum berichtet von einem adligen hysterischen Mädchen, das einen Hausdiener der Notzucht bezichtigte, nachdem dieser es abgelehnt hatte, ihr ein Heiratsversprechen zu geben. Dabei hatte sie ihn selbst leichtfertig zur Liebschaft ermuntert und freiwillig mit ihm geschlechtlich verkehrt. Vor Gericht wurde ihr Einverständnis zum Geschlechtsverkehr klar. Es handelt sich also um eine bewußte Lüge einer Hysterischen aus Rachsucht. Sie schoß auch später noch auf ihn. Der sexuelle Inhalt der Lüge wird nur durch den beherrschenden Einfluß des Sexuellen im Empfindungsleben oder die sexuelle Grundtendenz der Handlung klar. Dieses erschreckende Bild bewußter Lüge tritt noch krasser in Siefferts Fall einer Schneidersfrau zutage Geistesstörungen d. Strafhaft. Halle 1907.. Die Frau, schon wegen gewerbsmäßiger Unzucht und Kuppelei vorbestraft, hatte ihr eigenes uneheliches Kind frühzeitig zum Geschlechtsverkehr verleitet. Als sie zuletzt wegen der schamlosesten und raffiniertesten Erpressungen und Verleumdungen sexuellen Inhalts angeklagt wurde, rechtfertigte sie sich nach der Verhaftung durch »die abscheulichsten und minutiösesten Bilder von Vergewaltigung durch den angeblichen Liebhaber und perverse Praktiken, die nie vorgekommen waren, und die sie bewußt aus Lust an Lug und Trug produzierte«.

Solch hartnäckige Liebesverfolgerinnen können für den Beteiligten zu einer schweren Gefahr werden. Nicht immer gelingt es, die hysterische Grundnatur all der Machenschaften aufzudecken oder auch dem Laien plausibel zu machen. Das wird um so schwieriger, wenn verdächtige Beziehungen bestanden haben oder wenigstens möglich erscheinen. Gegenüber der phantasievollen Ausmalung aller erdenklichen Vorgänge hat der Beschuldigte es sehr schwer, die Harmlosigkeit und Bedenkenfreiheit seiner Beziehungen zu erweisen; hatte er aber gar das Pech, Beziehungen unterhalten zu haben, und kann er diese nicht bestreiten, so gerät er in eine schlimme Lage, wenn hysterische Skrupellosigkeit ihm alle erdenklichen Versprechungen vorhält und sogar auf angebliches Eheversprechen pocht. Je nachdrücklicher er ablehnt, um so kräftiger werden die Vorwürfe geraubter Ehre und verübter Gewalt. So mußte es ein ehrbarer Witwer meiner Klientel, Vater erwachsener Töchter, schwer büßen, daß er einmal in schwacher Stunde den Lockungen einer Schönen folgte. Obwohl das Zusammensein durchaus harmlos verlief, harmlos verlaufen mußte, weil unbezweifelbare Impotenz einen Geschlechtsverkehr gar nicht gestattete – begann ein Briefbombardement, das alle Stadien der Einschüchterung von der einfachen Drohung der Kompromittierung bis zur energischen Mahnung an ein Eheversprechen, der Ehrverletzung und der Beschuldigung verübter Gewalt durchlief. Durch langatmige Episteln sinnloser Darstellung wurde der Beteiligte immer wieder erschreckt. Vor dem Geschäft lauerte sie ihm auf, verfolgte ihn mit Drohungen, bis ich – als Berater zugezogen – einen bewährten Kriminalkommissar um seine Vermittlung bat. Seltsamerweise hörten die Verfolgungen nach dem energischen Eingreifen des Kommissars auf, obwohl die Ideengänge in den Briefen immer wahnhafter geworden waren.

Verhängnisvoller gestaltete sich der Fall einer Hysterika, die als Wirtschafterin bei einem Amtsrichter mit diesem ein Verhältnis hatte. Als der Amtsrichter die Beziehungen löste, beschimpfte und bedrohte ihn die Frau auf das gemeinste. Sie zeigte ihn wegen Notzucht, Meineid an, verlangte Schadenersatz wegen Vergewaltigung und Bruch des Eheversprechens. Sie suchte sogar eine Bekannte zu einer falschen Aussage zu bewegen. In der Irrenanstalt zeigte es sich, daß sie schließlich selbst an alles glaubte. Sie wurde entlassen. Nach fünf Jahren begann sie ein ähnliches Treiben, und zwar wieder mit einem Gerichtsbeamten. Dort versuchte sie es mit Liebesbriefen, Anträgen und schließlich mit Besuchen. »Während sie mit unzweideutigen Verfolgungsversuchen gekommen war, doch nie von einer Annäherung des Richters, geschweige von geschlechtlichem Verkehr gesprochen hatte, erklärte sie plötzlich, von ihm vergewaltigt zu sein, behauptete, daß er ihr die Ehe versprochen hätte, ja sie zum Meineid verleiten wollte. Als sie wieder in die Irrenanstalt kam, hielt sie nach wie vor die sexuellen Beschuldigungen gegen die beiden Richter aufrecht« Birnbaum, S. 17..

Wenn schon aus der hysterischen Grundnatur durch mannigfache Mischung der früher erwähnten Komponenten das Material zur sexuellen Falschbeschuldigung entstehen und triebartig, klar bewußt, wie phantastisch umgestaltet, verwertet werden kann, so ist es nicht verwunderlich, daß auch die auffälligen Hauptepisoden der Hysterie, die hysterischen Ausnahmezustände mit ihren vielgestaltigen Bewußtseinsänderungen, besonders gefahrvoll werden können.

Schon die pathologische Wachträumerei, die ja mit Vorliebe erotische Ideen auftauchen läßt, festhält und bis zum märchenhaften Erlebnis anschwellen läßt, kann leicht zur angeblichen Quelle sexueller Falschbeschuldigung werden. Ungemein lehrreich erscheint solch Vorkommnis in dem Falle Picks, wo ein 26jähriges Dienstmädchen angeblich ein Unsittlichkeitsattentat erlitten haben wollte. Sie wurde kurz vor der Einlieferung entblößt am Boden liegend und festgebunden aufgefunden, erzählte eine romantische Geschichte von einem Herrn, der sie geschlechtlich mißbrauchen wollte und schließlich im Krankenhaus an einer Schußwunde starb. Alles erwies sich als reine Erfindung. Sie hatte sich selbst angebunden, und die Untersuchung zeigte Stigmata und Traumzustände mit Krämpfen. Daß ähnliche Vorgänge auch durch gleichartige phantastische Ausgestaltung tatsächlicher Vorkommnisse möglich sind, leuchtet ohne weiteres ein. Was das Wachträumen zuwege bringt, muß der wirkliche Traum um so leichter produzieren können. Schon die gewöhnlichen erotischen Träume können verhängnisvoll werden. Wie lebhaft geträumt wird, ist ja individuell sehr verschieden. Der eine ist beim Erwachen sofort bei klarem Bewußtsein, während der andere Zeit braucht, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden und die Traumvorgänge als das zu erkennen, was sie sind. In vergangenen Zeiten bildeten Traumerlebnisse häufig die Grundlage zu Beschwerden über Vergewaltigung durch den bösen Geist, und manch Unschuldiger hat es büßen müssen. Manche halluzinieren ganze Szenen. Piters Hysterika, die einen Hilfsarzt unzüchtiger Angriffe beschuldigte, sah den Attentäter jede Nacht durch das Fenster steigen und sich zu ihr ins Bett legen. Sie fühlte seine Umarmungen, hörte seine Liebeserklärungen und fühlte, daß er sie vergewaltigte Gilles de la Tourette, Die Hysterie nach d. Lehren d. Salpétrière..

Bei Altmanns Hysterika, einem 16jährigen Mädchen, verdichtete sich die Traumvorstellung zu einer Beschuldigung des eigenen Stiefvaters wegen Notzucht Groß-Archiv, Bd. 1, S. 334. Zitiert in Bresslers Pathol. Falschbeschuldigung. Marhold, 1908. Das Mädchen hatte die Empfindung des Alpdrucks. Als sie erwachte, erschien es ihr, als ob der Vater sich eben aus dem Bett erhoben hätte. Die Möglichkeit eines Traumes gab sie zu. Die Menstruation hatte das Auftreten sexueller Traumvorstellungen begünstigt.

Ähnlich verhängnisvoll können die sexuellen Traumvorstellungen in der Narkose und Hypnose werden. Sogar zu Selbstbeschuldigungen sexueller Art kann eine Hysterika schreiten. Eine Patientin Meyers Arch. f. Psychiatrie, Bd. 40. erstattete gegen sich Anzeige wegen Kindestötung, und sie tat das, obwohl sie sich der Unrichtigkeit der Angabe bewußt war.

Hier soll nicht unerwähnt bleiben eine historische sexuelle Falschanschuldigung, die trotz ihrer offenkundigen Unwahrhaftigkeit die schwere Verurteilung eines jungen, leichtlebigen französischen Offiziers zu zehnjährigem Kerker herbeiführte. Leutnant de la Roncière wurde 1834 der versuchten Notzucht an der sechzehnjährigen Generalstochter Marie Morelle beschuldigt. Diese wollte eines Nachts durch das Klirren einer Scheibe erwacht sein und in der Mondhelle gesehen haben, wie ein Mann einstieg, sofort die Nachbartür zum Nebenzimmer, in dem die Gouvernante schlief, abschloß. Er rief ihr zu: »Ich komme, mich zu rächen«, zog ihr die Nachtjacke aus, – die übrigens nie gefunden wurde, – band ihr ein Tuch um den Hals, daß sie kaum atmen konnte, umschnürte ihren Leib gewaltsam mit einem Strick, schlug sie, trat sie, biß sie ins Handgelenk und stach sie schließlich mit einem Instrument, das sie nicht sah, aber für ein Messer hielt, zwischen die nackten Beine. Im Übermaß des Schmerzes habe sie aufgeschrien. Die Gouvernante habe an der Tür gerüttelt, sei dann ins Zimmer gekommen und habe sie im Hemd ohnmächtig auf der Erde liegen sehen, am Halse mit einem weißen Taschentuch und um den Leib einen Strick. Im Prozeß wurden zahlreiche anonyme Briefe an Marie Morelle vorgelegt. Die Schreibsachverständigen wiesen nach, daß sie samt und sonders weder ganz, noch teilweise von dem Angeklagten stammten, wohl aber den Briefen Maries ähnelten, nur daß die Schrift verstellt war. Es wurde weiter bewiesen, daß Marie, die durch den Angriff gegen ihr Leben und gegen ihre Geschlechtsehre sich so schwer verletzt gefühlt hat, ihre Eltern nicht hatte benachrichtigen lassen, sondern um 6 Uhr morgens am Fenster gestanden hatte, die Vorübergehenden betrachtet hatte, nach wie vor spazierenging, drei Tage später ein Offiziersfest heiter und unbefangen mitmachte und dort tanzte. Es wurde ferner erwiesen, daß das Glas des Fensters nach außen gefallen war, was natürlich nicht möglich war, wenn jemand die Scheibe von außen eindrückte. Es wurde weiter erwiesen, daß die Gouvernante im Nebenzimmer nichts gehört hatte, daß keine Spur vom Täter gefunden wurde, daß Taschentuch und Strick sich beim ersten Versuch lösten. Endlich wurde festgestellt, daß Marie Morelle schon früher phantastische Erzählungen zum besten gegeben hatte, denen jede Grundlage fehlte. So sollte nach ihrer Schilderung einmal ein Liebhaber ihrer Mutter sich ins Wasser gestürzt haben. Ein andermal schilderte sie einen Überfall im Wagen, bei welchem ein Brief hineingeworfen wurde. Es ist auch bemerkenswert, daß Marie Morelle vor und nach dem Attentat vielfach ohne Wissen der Eltern sich an die Füße und Geschlechtsteile Blutegel ansetzen ließ als angebliches Mittel, um Schwangerschaft zu beseitigen. Es wurde auch festgestellt, daß sie an Anfällen litt mit Drehungen des Kopfes, Unruhe aller Glieder, krampfhaften Verzerrungen des Gesichts, blinzelnden Augen, wenn man den Finger dem Auge näherte. Trotz aller dieser unzweideutigen Erscheinungen schwerer Hysterie fiel es keinem der ärztlichen Sachverständigen ein, darauf hinzuweisen, daß der krankhafte Zustand der Marie Ursache der Anklage sein könnte. Keiner hat sie körperlich untersucht, obwohl schon die auffällige Behauptung der anonymen Briefe, wonach das Attentat Folgen haben werde, ferner die zugestandene Verwendung der Blutegel an den Geschlechtsteilen solche Untersuchung unerläßlich machten. So wurde denn die sichere Behauptung, daß sie in dem Angeklagten den damaligen Täter erkenne, als Tatsache genommen und der sicher unschuldige Offizier schwer verurteilt Horch, Der Prozeß des Leutnants de la Roncière, ein Beitrag zu den sexuellen Falschbeschuldigungen Hysterischer. Groß-Archiv, Bd. 66, Heft 3/4..

Zweifellos spielt also in der Falschbeschuldigung Hysterischer das erotische oder ausgesprochen sexuelle Moment eine Hauptrolle. Das kann nicht wundernehmen, da das geschlechtliche Fühlen das Seelenleben der Hysterischen erfüllt. Läßt man die sexuelle ursächliche Bedingtheit außer Betracht, die ich, trotz der von der Freud-Schule gepredigten Einschränkungslosigkeit nur mit großer Reserve anerkennen mag, so bleibt es eine durch die Erfahrung bestätigte Tatsache, daß das Vorstellungs- und Gefühlsleben Hysterischer von erotischen Inhalten durchtränkt ist, so weit, daß es eine Hauptrolle in der Willensbetätigung spielt und zu den Wesenselementen der Hysterischen zählt. Kokettes Wesen, Putzsucht, Neigung überall anzubändeln, lebhaftes Interesse für alle Erotik, für Sensationen, Klatsch, Intrige, Auffälligkeiten im Liebes- und Eheleben sprechen für die wesentliche Bedeutung des Sexuellen im Vorstellungsinhalt der Hysterischen. Gewiß ist das bei jedem Weibe vorhanden und, wie ausdrücklich betont sei, auch bei Frauen ohne hysterischen Einschlag. Extrem gesteigert und unliebsam auffallend erscheint es aber erst bei der Hysterie, wo zahlreiche Grundbedingungen des hysterischen Naturells fördernd wirken, in erster Linie die egozentrische Denkweise der Hysterischen. Wo das gesamte Geistesleben ständig auf das eigene Ich konzentriert ist, wo alle Betrachtungen und Erwägungen nur von dem eigenen Spiegelbilde und in diesem reflektieren, muß der erotische Gedankeninhalt zum versengenden Brennpunkt ungewöhnlicher Stärke werden. Überwiegt er aber in solchem Maße, so ist es nur eine Zufallssache, ob und wie weit die abnorm ansprechbare und bewegliche Phantasie den erotischen Vorstellungsinhalt verarbeitet, ausgestaltet, umformt, oder gar im Sinne schlummernder oder offener Persönlichkeitswünsche fälscht. Was Beobachtung und Erlebnis im Gedächtnis zurückläßt, wird dort nicht zum untrüglichen, stets verwertbaren Material, sondern haftet lose, ist inhaltlich wandelbar, und – was besonders verhängnisvoll werden kann und muß – auffallend leicht trennbar und mannigfach, oft abenteuerlich verknüpfbar. So wandeln sich Denkvorgänge jäh, seltsam, und nicht zum wenigsten zielstrebig mitbestimmt, je nach der Affektlage, je nach der Gemütsverfassung. So werden Personen und Dinge sehr wechselvoll geschaut und gewürdigt und ihr Erinnerungsbild in grellen Farben reproduziert und oft genug gefälscht, so entsteht die Falschanschuldigung und Falschbeschuldigung, gefärbt nach der jeweilig vorhandenen Spannung und Erwartung.

Was fremde und eigene Suggestion den irritierten Sinnen vorgaukelten, schleicht sich schnell in die Gedanken ein, verankert sich dort zum festhaftenden Vorstellungsgebilde, schwer oder gar nicht mehr trennbar nach Ursprung und Wesensfremdheit. So wirken Phantasie und Suggestibilität krankhaften Grades zusammen, um erotische Gedankeninhalte entstehen zu lassen und weiter das Handeln zu beeinflussen. Das Ergebnis sind die Liebesabenteuer seltsamer Art, die Liebesträume, endlich der sexuelle Gewaltakt, und sie alle werden mit überzeugender Plastik geschildert, scheinlogisch oft raffiniert begründet und zur Erhöhung des Persönlichkeitswahns geschickt benutzt. Das kann um so leichter geschehen, als der pathologische Moraldefekt der Hysterischen Skrupeln nicht Raum gibt, der Hang zur Lüge und Intrige gern frei schaltet, und einengende Schranken sich nicht hemmend in den Weg stellen. Zur Erhöhung der Persönlichkeitsfolie wird jedes Mittel recht, wenn es nur den Grundstrebungen der Hysterischen genügt, die Sensationslüsternheit zu befriedigen und öffentliches Interesse zu erregen. »Alle die Auffälligkeiten in Kleidung, Haltung und äußerem Gebaren, alle ihre Übertreibungen und Schauspielereien, ja selbst die so befremdende Vortäuschung von allerhand unmöglichen Krankheitszuständen, die sie im verklärenden Licht des duldenden, des leidenden Märtyrertums, und selbst der Heiligkeit erscheinen lassen« Birnbaum, l. c., werden so erklärlich, werden aber besonders begreiflich auf erotischem Gebiete. Da können sie sich in der renommistischen Ausmalung von Liebeserlebnissen und -beziehungen austoben, mit angeblichen Geschenken und Liebesbriefen – oft eigenen Fabrikates – prunken, und nur ein kurzer Schritt weiter bringt es zur Einfühlung in die beglückende Rolle der geheimnisvoll Verlobten und zur gewandtesten Durchführung der Rolle bis in jede Einzelheit. Die hysterische Einbildungskraft auf der einen Seite, die Neigung zur Großmannssucht und Schauspielerei auf der andern wirken zusammen und können von äußeren Anregungen mitbeeinflußt werden. So entsteht die außerordentlich raffinierte Hochstaplerin, die zur Verklärung ihres eigenen Ichs ihre Rolle spielt, anlockend erotisch sich betätigt und in Perversitäten schwelgt.

Angesichts dieser stark hervortretenden sexuellen Eigenart im hysterischen Gesamtbild und, was wichtiger ist, angesichts der Abhängigkeit der sexuellen Eigenart von den hysterischen Grundelementen, die zur sexuellen Falschbeschuldigung führen, verdient es nachdrücklichst erwähnt zu werden, daß auch Ausnahmen möglich sind. Jedenfalls kann die sexuelle Falschbeschuldigung bewußt lügenhaft, wie gutgläubig ohne Täuschungsabsicht bestehen. Im ersteren Falle kann es zu unsozialen, gemeinsten Handlungen kommen, Eigensucht und Gewinnsucht, Rachsucht und Eifersucht können die mitwirkenden Beweggründe sein und um so skrupelloser betätigt werden, je ausgesprochener, je krankhafter der moralische Grundeffekt ist.

So erzählt Birnbaum von einem psychopathisch typisch degenerierten Hysteriker, der im Zuchthaus an einer Wahnpsychose sexuellen Inhalts erkrankt war, daß er, als er einmal seines Verhaltens wegen isoliert werden mußte, gleich einem Zellennachbar erklärte, der Gefängnisarzt hätte dies nur aus Rachsucht getan, weil er von dem Häftling nach Einschluß nicht hineingelassen wurde. Das geschieht bewußt lügenhaft trotz der Wahnpsychose, muß aber streng unterschieden werden von den geschlechtlichen Falschbeschuldigungen wahnhaften Inhalts, wie sie gerade die aktive Wahnpsychose – die Gefängnispsychose – mit Vorliebe auftauchen läßt. Da bei ihr Wahnwirkungen, Gefühlsregungen, vor allem Wunschvorstellungen, maßgebend mitwirken, kann es nicht wundernehmen, wenn gerade sexuelle Falschbeschuldigungen auftauchen. So machte ein in der Untersuchungshaft akut erkrankter degenerierter Krimineller inmitten charakteristischer Verfolgungsideen derartige geschlechtliche Falschbeschuldigungen. Er wisse, weswegen er eingesperrt sei. Der Kriminalkommissar habe ihn aus dem Wege räumen wollen. Vor einigen Jahren habe er gemeinsam mit seiner Braut gesehen, wie der Kommissar jemanden beim Kragen hatte und schlug. Als er sich darüber entrüstete, sei er mit Braut zur Wache gekommen. Er habe gleich wieder gehen können, doch die Braut mußte oben bleiben. Der Lump habe sie verführt und nachher, als sie schwanger war, mit einem Schutzmann verheiratet.

Wenn unter den sexuellen Falschbeschuldigern hysterische Frauen an erster Stelle stehen, so sprechen hierbei die weiblichen Charaktereigenschaften, wie überwiegendes Affektleben, lebhafte Phantasie, psychische Beeinflußbarkeit, wesentlich mit, zumal sie durch die hysterische Grundnatur gesteigert und krankhaft verzerrt werden. Birnbaum nennt die Hysterie direkt eine abnorme Steigerung des weiblichen Charakters. Schon ohne hysterischen Einschlag pflegen ja alle diese Fraueneigenarten periodisch gleichen Schwankungen, unterworfen zu sein. In der Pubertät, selbst im Kindesalter, kann die Affektivität zügellos sein, die Phantasie überquellen, und aus der Überfülle der ständig einströmenden sexuellen Regungen und Spannungen ihren Hauptinhalt wählen. Nicht verwunderlich, daß der phantastische Gedankeninhalt auch leicht überströmt und sich in Handlungen entlädt. Was die gefahrvolle Jugendzeit fertigbringt, können auch die gefahrvollen Klippen im Frauendasein, Gravidität und Klimakterium, bewirken.

Wie schwer dann bewußte Lüge und hysterische Falschbeschuldigung trennbar sind, lehrte noch vor wenigen Jahren die New-Yorker Affäre Platt, die unter der sensationellen Devise »Liebesbriefe eines Senators« einem geneigten, lüstern aufhorchenden Publikum dargeboten wurde. Die 42jährige Miß Wood, eine Dame mit kaleidoskopartig bunter Vergangenheit – sie war Zeitungsberichterstatterin, Schullehrerin, Postbeamtin, Schauspielerin gewesen – behauptete, daß Senator Platt sie vor 7 Jahren in einem Hotel der 5. Avenue geheiratet hätte. Da er 2 Jahre später eine andere Ehe schloß, wollte sie Entschädigung. Als Tatsache wurde festgestellt, daß Frau Wood vor Jahren sein Verhältnis war; die angebliche erste Eheschließung erwies sich als Lüge, der Trauschein als gefälscht Berliner Tagblatt, 31. Mai 1918..

Angesichts solcher Vorkommnisse muß man stets daran denken, daß die egozentrische Denkweise der Hysterischen, ihre sinnlos gesteigerte Sucht, aufzufallen um jeden Preis und der Umgebung und den Ärzten Rätsel aufzugeben, sie auch zu Selbstbeschädigungen abenteuerlicher Art greifen läßt, und unter diesen zu den seltsamsten Praktiken an den Geschlechtsorganen. Babinski spricht von »un désir pathologique d'inspirer la curiosité, l'étonnement ou la commisération bref, distinguée, d'une manière ou d'une autre« Démembrement de l'Hystérie traditionelle. Pithiatisme, Semaine méd. 6. 1. 1909.. Es geschieht das mit und ohne jeden Beweggrund. Wenn unerklärliche Fiebersteigerungen dem Arzt Kopfzerbrechen machen, so befriedigt das die Hysterische unendlich, und immer neue Methoden ersinnt ihre Phantasie, um Rätsel auf Rätsel zu häufen. Da erscheinen künstliche Beimengungen im Urin und Stuhl. Selbst Anurie und heimliche Entleerung des Urins ist möglich. Aus gleichem Motiv schluckt die Hysterische Nadeln oder sticht sich tief in die Armmuskeln, damit sie irgendwo »wundersam« zum Vorschein kommen. In längst vergangenen Zeiten des Hexenwahns erregten Besessene allgemeines Staunen, wenn sie Nadeln, Nägel, Haarballen, Scherben und andere ungenießbare Gegenstände erbrachen oder aus Geschwüren hervorbrachten. Natürlich konnte es nur Zauberei und Hexerei sein, die das möglich machte, und noch 1717 schildert Dr. Gockel, wie diese Zauberer und Hexen den Leuten allerlei Gegenstände in den Leib zaubern wie »Holz, Nägel, Messer, Glas, Haar, Eierschalen, wüllen und leinen Tuch, Glufen, Nadeln, Knäuelfaden, Garn, Steine u. a. dgl.«, und daß diese Dinge »durch den Mund, durch den Stuhlgang, heimliche Örter und Geburtsteile oder auch aus denen zauberischen Schäden und Geschwüren« wieder zum Vorschein kommen Tract. polyhystoricus magico-medicus curiosus..

Das Verschlucken von ungenießbaren Gegenständen, die Allotriophagie, kommt bei Geisteskranken und Hysterischen häufig vor. Valentiner schreibt schon: »Man möchte es fast eine Idiosynkrasie im Wollen nennen, wenn man bei so unendlich vielen Hysterischen die Sucht, Aufsehen zu erregen und deshalb die Umgebung und den Arzt zu täuschen, findet. Es ist auffallend, wie die Natur durch dieselben körperlichen Veränderungen konstant wiederkehrende psychische Alterationen, wie hier die Sucht, Aufsehen zu erregen und zu täuschen, entstehen läßt. Aber auffallender ist es, daß das Gebiet der Täuschung fast immer gleich gewählt ist ... Man findet immer wiederkehrend das Verschlucken und nachherige Erbrechen von Nägeln, Glasscherben usw., das Einstechen von Nadeln unter die Haut und außerdem das Erscheinenwollen, als brauchten sie keine Nahrung, als ließen sie keinen Harn usw. Die Hysterie und ihre Heilung. Erlangen 1852, S. 59.

Fuchs-Kind erzählen von einer jungen Dame in Neapel, der die wundersamsten Dinge passierten. Ganze Scharen von Geistern bohrten ihr Hunderte von Nadeln in den Körper, so tief, daß nur ein erprobter Chirurg sie herausoperieren konnte. Radioskopisch fand man 113 Stück Näh- und Stecknadeln. Das lebendige Nadelkissen war körperlich so heruntergekommen, daß man ihr Blut zuführen mußte. Sie bot alle Zeichen der Hysterie, war in Hypnose vollständig anästhetisch, verfiel auch in Autohypnose und wütete dann so gegen sich Die Weiberherrschaft in d. Gesch. d. Menschh. I. Bd. Langen, München..

Eine 35jährige Hysterika behauptete, Nadeln verschluckt zu haben. Kurze Zeit darauf fanden sich die Nadeln im Stuhl. Ein Jahr später zeigte sie übermäßige Gebärmutterblutungen. Die Hysterektomie entdeckte zwei Nähnadeln im Ligamentum latum. Die Kranke wollte nicht gestehen, wie die Nadeln in die Genitalwege gekommen waren Münchner med. Wochenschr. 1905, S. 1147..

Andere Hysteriker erzeugen und unterhalten künstliche Wunden durch Aufstreichen einer reizenden Substanz, wie Essigsäure, oder wirkliche Verbrennungen oder Applikation eines Fremdkörpers unter die Haut oder Abschnürung durch ein Band oder sonstwie. Erytheme, Phlyktänen, Ekchymosen, Ulzerationen, Ödeme können die Folge sein und Kopfzerbrechen verursachen, bis sie ursächlich erklärt werden. Danlos nennt alle Fälle von hysterischem Pemphigus wahrscheinlich oder sicher simuliert Bullet. et mém. de la Soc. des Hôp. de Paris, 1908, S. 560..

Ein 16jähriges Mädchen ohne große hysterische Attacken, doch mit zahlreichen Stigmaten, zeigte wiederholt Blasen. Die mikroskopische Untersuchung ergab Reste von Blasenpflaster. Raymond vertrat noch die Ansicht, daß neben den durch örtliche Reize erzeugten trophischen Störungen hysterische trophische Störungen vorkämen, eine Annahme, die Babinski durchaus bestreitet. Er ist von einer künstlichen Entstehung überzeugt und hält diese Annahme überall erweisbar, wo nur hinreichende Überwachung stattfindet Lorthiois, De l'automutilation. Vigot frères, Paris 1909..

Charon und Courbon berichten sogar von einem »sein hystérique«, einem hysterischen Busen, bei einem 13jährigen an Nervenkrisen leidenden Mädchen, das von einer hysterischen, an Blasenkrebs gestorbenen Mutter stammte. Patientin hatte Anfälle mit ausgesprochenem arc de cercle und häufig nachfolgender, 24stündiger Lethargie. In dem sehr starken Busen erschien am Ende des vierten Anfalles ein Abszeß, der eingeschnitten wurde, am Nachmittag desselben Tages eine starke Blutung, die nur mit Mühe gestillt wurde. Dann kamen Schmerzen, die rechte Brustdrüse schwoll an; Areola und Mamilla wurden gleichmäßig blaurot; die Haut wurde heiß. Dabei keine Drüsenschwellungen, keine Temperaturerhöhungen, keine allgemeinen Symptome. Am folgenden Tage waren Anschwellung und Färbung verschwunden Nouv. iconogr. de la Salp. 1913, Nr. 2. Neurol. Centralbl. 1914, S. 849.. Die Kranke zeigte sich sehr unterrichtet über den Brustkrebs und unterhielt oft den ganzen Krankensaal damit.

Carstens 17jährige hysterische Patientin benutzte den ihr verordneten Liquor plumbi subacetici zur Selbstbeschädigung des Auges. Die Bindehaut fand sich mit Bleiessig imprägniert. Die Instillationspipette zeigte an der Innenseite den charakteristischen grauweißen Niederschlag von Bleiessig. Diagnostisch wurde festgestellt eine hysterische Amblyopie-Sehschärfe nach genauer Korrektion nur ein Viertel der normalen ohne pathologischen Augenspiegelbefund – konzentrisch eingeengte Gesichtsfelder – Fehlen des Hornhaut- und Rachenreflexes Wochenschr. f. Therapie und Hygiene des Auges. 1914, XVII. Nr. 39..

Wie hartnäckig Hysterische in ihren Versuchen, sich zu verletzen, sein können, lehrt Skalitzers Fall eines 22jährigen Mädchens. Dieses hatte sich durch Sturz das linke Handgelenk verletzt. Selbst in Monaten gelang es nicht, die Verletzung zu heilen. Das Handgelenk erschien geschwollen, die Haut gerötet. In Fistelgängen stieß die Sonde auf rauhen Widerstand, und was entpuppte sich radiographisch als dieser Widerstand? Ein kronengroßes Stück Staniol! Fünf Wochen später verschlechterte sich der Zustand von neuem. Wiederum spürte die Radiographie Fremdkörper auf: acht große, mit Widerhaken versehene Eisennägel! Die Patientin hatte sie durch die Fistelgänge eingeführt. Sie selbst machte über die Herkunft widerspruchsvolle Angaben, lehnte die Operation ab Wiener klin. Wochenschr. 1912. Ein Fall von hysterischer Selbstverstümmelung..

Besonders schwer enträtselbar sind die Verätzungen der Haut, die verschieden sind nach der Art des Ätzmittels, nach seiner Konzentration, nach der Dauer seiner Einwirkung, nach der Häufigkeit der Einwirkung auf die gleiche Stelle, endlich nach der Empfindlichkeit der Haut. Verdacht auf ihre künstliche Entstehung wird erweckt, wie der erfahrungsreiche Touton ausführt Über die willkürliche Erzeugung von Hautkrankheiten, besonders bei Wehrpflichtigen. Berliner klin. Wochenschr. 1918, Nr. 16 und 17., wenn die eigentümlichen Geschwüre mit steil abfallendem, scharf geschnittenem Rande auftreten, schon durch ihren Sitz in ganz gesunder Haut, die nicht von erweiterten oder varikösen Venen durchsetzt ist. Verdacht um so mehr, wenn ihnen auch die livide Umgebung, der kallöse Rand und die schlaffen, energielosen, schwammigen Granulationen des Grundes fehlen, wie sie spontan entstandenen Unterschenkelgeschwüren eignen. Verdacht weckt auch allgemein blühendes, gesundes Aussehen, Fehlen serpiginös fortschreitender Ränder mit spontaner Abheilung im Zentrum und Neigung zur Bildung dünner weißer Narben. Auch das Fehlen eines speckigen Belags von seröser und jauchiger Sekretion kann evtl. den Verdacht verstärken. Touton erklärt aber offen, daß alle diese Momente, besonders im einzelnen, nicht ausschlaggebend sind, da sie auch bei Kunsterzeugnissen vorkommen können. Er gesteht auch ruhig, daß die gewiegtesten Fachgenossen jahrelang durch künstliche Exkoriationen getäuscht wurden. »Besonders klärend wirkte hier die Wandlung, die Rona – zuerst ein Anhänger der spontanen Natur dieser Fälle – durchgemacht hat, der schließlich den Irrtum einsah und fünf Fälle auf einmal veröffentlichen konnte, in denen die willkürliche Erzeugung durch die Patientin nachgewiesen wurde. Es unterliegt für ihn, wie die meisten von uns keinem Zweifel, daß sich unsere bedeutendsten Autoritäten haben täuschen lassen. Selbst das feine, von Kaposi angegebene Merkmal für Spontanerkrankungen, das Durchscheinen des Schorfes durch die unversehrte Bläschendecke, konnte das nicht verhindern, auch nicht andere Angaben, die sicher für Selbstbeschädigung sprechen sollen, wie 1. vor allem die Zerstörung der obersten Hautschicht; 2. die stärkere Reizung der Umgebung; 3. Blutaustritt und Exkoriationen; 4. die Farbe der Schorfe; 5. die ganz unregelmäßig gezackte Umrandung der einzelnen Herde; 6. die verschiedene Tiefe der Substanzverluste; 7. Streifen von herabfließender Flüssigkeit.«

So spricht Touton und nimmt an, daß im Beginn aller dieser Fälle eine meist leichtere Verletzung oder eine unabsichtliche Hautverletzung steht, die aber nicht, wie vielfach geglaubt wurde, auf dem Umweg einer fortgeleiteten trophoneurotischen oder angioneurotischen Störung die greifbare materielle Ursache des Leidens ist, sondern offenbar hinterließen die mit der Heilung verbundenen ärztlichen Besichtigungen und Manipulationen in der hysterischen Psyche den Rückstand, daß man eben durch solche Wunden im ganzen interessanter wird, und man sie sich dann nachher zur Wiedererreichung dieses Zieles auf anderem Wege selbst beibringt.

Die Narkosenbetäubung weckt oft sexuelle Vorstellungen lebhaftester Art, so daß die Narkotisierten nach dem Erwachen sich nur schwer in die Wirklichkeit finden. Und diese Traumvorstellungen des künstlichen Schlafes brauchen nicht erst nach dem Erwachen erinnert und wiedergegeben zu werden, nein, schon während des Schlafes können sie laut und allen vernehmlich geäußert werden. Wenn es geschieht, so ist eben der Fortfall der Hemmungen schuld, wie sie der Schlaf, der natürliche und künstliche, zuwege bringt, und nur eine Gradfrage ist es, ob die Vorstellungen nur durchlebt oder auch frei geäußert werden. Gefahrvoll für den Arzt dürften sie kaum werden, selbst wenn der Arzt in diesen Traumvorstellungen die Hauptrolle spielen sollte, denn die Narkose pflegt nur selten vom Arzt ohne Assistenz ausgeführt zu werden, und diese dürfte stets genügen, die lebhaft empfundenen und überzeugend beteuerten Vorgänge verbrecherischer Art als das zu stempeln, was sie sind, nämlich Sinnestäuschungen illusionärer Art des Schlafenden, verstärkt durch unterbewußte Sexualvorstellungen, wie sie gerade bei Hysterischen schlummern, die erst im Schlaf frei werden und sich phantastisch formen und verketten können. Immerhin kommen auch Ärzte, namentlich unter den schwierigen Bedingungen der Kleinstadt- und Landpraxis, in die Zwangslage, allein narkotisieren und operieren zu müssen. Hier empfiehlt sich wenigstens die Anwesenheit einer Laienperson, um unliebsamen Möglichkeiten der geschilderten Art einwandfrei begegnen zu können.

Bedeutungsschwerer kann solch Traumerlebnis für den Zahnarzt werden, der oft genug zu kleinen operativen Eingriffen die Narkose braucht und sie auch oft allein ausführen muß. Immer wieder berichtet die Tagespresse von Anschuldigungen, in denen Weiber sich während der Narkose mißbraucht wähnen. Da aber nur selten Verurteilung erfolgt, dürften die Anschuldigungen recht oft abgewiesen werden. Es ist aber nicht zu verkennen, daß die Gefahr für den Zahnarzt ungemein groß ist und bleibt, denn den Wahrheitsbeweis der fehlenden Schuld zu führen, dürfte in jedem Falle recht schwierig sein. Je lebhafter die Traumvorstellung ist, je hysterischer die Eigenart der Träumerin, um so lebhafter wird die Traumvorstellung in den wachen Zustand übernommen, um so nachdrücklicher bleibt auch die Träumende von der Wirklichkeit ihrer Erlebnisse überzeugt, und – um so skrupelloser erklärt sie sich zur Beteuerung ihrer Aussage in jeden Form bereit.

Das lehrt ernst mahnend die Lebenserfahrung, und diese ernste Mahnung gilt vor allem den Richtern, die solche Möglichkeiten kennen und aus ihnen die entsprechende Nutzanwendung ziehen sollten, um nicht wieder gutzumachendes Unheil zu verhüten. Besser, überzeugender kann diese Mahnung nicht unterstützt werden, als durch ein Erlebnis Görings. Er hatte eine 25jährige Hysterika zum Zahnarzt begleitet, um dort die Narkose zu machen. Als die Zahnextraktion vorüber und Patientin aus der Narkose erwacht, war, verließen Göring und der Zahnarzt die Wohnung und ließen die Patientin dort auf dem Sofa liegen; die Pflegerin blieb im Nebenzimmer. Nach der Rückkehr in die Anstalt gab Patientin an, nach Görings Fortgang wäre der Zahnarzt zu ihr an die Chaiselongue gekommen und halte den Beischlaf mit ihr vollzogen. Das war natürlich ganz unmöglich, da der Zahnarzt und Göring zu gleicher Zeit fortgegangen waren, und der Zahnarzt vorher keine Minute allein bei der Kranken war N. H. Göring, Sittlichkeitsverbrechen von Frauen und an Frauen. Archiv f. Frauenkunde. I. Bd. 2. Heft, S. 128. Auch beschrieben in Hühner, Lehrbuch d. forens. Psychiatrie. Bonn 1914..

Gerade die ärztlichen Technizismen werden fatalerweise gern sexuell ausgedeutet und gefärbt. Es ist eben die hysterische Psyche mit erotischen Vorstellungen erfüllt, und verwunderlich ist es dann nicht, wenn diese gerade im veränderten Bewußtseinszustande der Narkose aufschießen und bei der assoziativen Lockerung wahnhaft verknüpft werden. Umgekehrt hat man aber das Recht, aus solchen im Dämmerzustand auftauchenden sexuellen Gedanken und Gelüsten zu schlußfolgern, daß sie auch im Wachzustande ausgeprägt oder bruchstückweise bestehen und nachweisbar sind.

Zur Würdigung solcher Vorgänge müssen unsere Kenntnisse über Traumvorstellungen und Traumdeutungen mitwirken. Freud nimmt an, daß das Seelenleben nicht einschläft, weil etwas der Seele keine Ruhe läßt. Es wirken Reize auf sie ein, und sie muß darauf reagieren. Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf, die im Schlafzustande einwirkenden Reize reagiert. Welcher Art diese Reizungen sind, weiß der Schläfer oft genug nachträglich nicht. Es braucht nicht jedesmal ein von außen kommender Sinnesreiz zu sein, auch ein von den inneren Organen ausgehender, sogenannter Leibreiz, kann mitsprechen. Freud hält es für unzweifelhaft, daß der Zustand der inneren Organe den Traum beeinflussen kann. »Die Beziehung manches Trauminhalts zu einer Überfüllung der Harnblase oder zu einem Erregungszustand der Geschlechtsorgane ist so deutlich, daß sie nicht verkannt werden kann Freud, Der Traum. S. 95.

Außer diesen durchsichtigen Fällen gibt es andere, in denen sich aus dem Inhalt der Träume wenigstens eine berechtigte Vermutung ableiten läßt, daß solche Leibreize eingewirkt haben, indem sich in diesem Inhalt etwas findet, was als Erweiterung, Darstellung, Deutung solcher Reize aufgefaßt werden kann. Jedenfalls ist es für die Beurteilung hysterischer Aussagen von Wichtigkeit, daß im Traumleben überhaupt innere Reize dieselbe Rolle spielen können wie äußere, und bei der Hysterika entsprechend verstärkt. Außer diesen Traumvorstellungen im wirklichen Traum sind noch die Tagträume erwähnenswert, diese Produktionen der Phantasie, die bei Gesunden ebenso wie bei Kranken zu beobachten sind. In ihnen stellt sich die Person etwas vor, sie weiß, daß sie phantasiert, sie sieht nicht, sondern denkt. Sie treten in der Vorpubertät, oft schon in der späteren Kinderzeit auf, halten bis in die Jahre der Reife an, werden dann entweder aufgegeben oder bis ins späteste Alter festgehalten. Inhaltlich sind es Szenen und Begebenheiten, in denen die egoistischen Ehrgeiz- und Machtbedürfnisse oder die erotischen Wünsche der Personen Befriedigung finden. »Bei jungen Männern stehen meist die ehrgeizigen Phantasien voran, bei den Frauen, die ihren Ehrgeiz auf Liebeserfolge geworfen haben, die erotischen, aber oft genug zeigt sich auch bei den Männern die erotische Bedürftigkeit im Hintergrunde, alle Heldentaten und Erfolge sollen doch nur um die Bewunderung und Gunst der Frauen werben Freud, Der Traum, S. 100.

Von ganz besonders verhängnisvoller Tragweite kann die Schlafform werden, die auf hypnotischem Wege erzielt wird, besonders verhängnisvoll, weil es sich hier um die vielgestaltigsten Schlaftiefen vom Halbwachen bis zum tiefsten Schlafzustande handelt, – besonders verhängnisvoll, weil die Hypnotisiertechnik, vor allem die Blickfixation und die monotonen Streichungen in Form der passes magnétiques, sinnlich erregend wirken können, – besonders verhängnisvoll endlich, weil gerade im hypnotischen Schlafe ins Unterbewußtsein verdrängte, seit Jahren dort verankerte, affektbetonte Erinnerungsvorstellungen frei werden, an die Oberfläche kommen können, – und unter ihnen besonders die sexuellen Erinnerungsvorstellungen. Nur zu leicht können dann Erinnerungen und Gegenwartswünsche sich unlösbar miteinander verknüpfen, pseudologisch ausgestaltet werden, und das ist um so verwirrender, je hysterischer der Grundcharakter der Hypnotisierten ist. Der getrübte Bewußtseinszustand führt dann zu falscher Ausdeutung unklarer Situationen, und fatalerweise entsprechend dem im Wachen vorherrschenden Gedankeninhalt. Besonders bedenklich, ja gefahrvoll ist es, daß, wie Birnbaum betont, der Reiz des subjektiv Erlebten für manche Hysterika zu groß ist, als daß sie sich der Unrealität ihrer Traum- und Phantasiegebilde bewußt werden wollte. Sie bleibt lieber in ihrer Selbsttäuschung befangen. Dazu treibt sie nicht stets Gutgläubigkeit. »Die moralisch defekten, von Natur lügenden Hysterischen können so gut, wie anders entstandene Vorstellungsinhalte, auch diese Erzeugnisse ihres Dämmerzustandes sehr wohl bewußt für ihr unsoziales Treiben mit heranziehen.«

Kommt dazu noch das psycho-analytische Examinierverfahren in Freudscher Form, das solche Erinnerungen zweckbewußt und zielbewußt aufsucht, sexuelle Traumen mit Vorliebe aufzustöbern trachtet, und damit, was unzweifelbar ist, bei weiblichen Personen eine gewisse sexuelle Erregung wecken und gewaltig aufpeitschen kann, so wird die Gefahr der freien Gestaltung von Traum Vorstellungen und der Übertragung auf den Hypnotiseur erheblich. Der lehrreiche Fall Hübners kann hier als Warnung dienen:

»Einer 28 jährigen Hysterika wird in Gegenwart einer Schwester vom Arzt leiser Schlaf suggeriert; hierauf entfernen sich Arzt und Schwester. Nach einigen Minuten erscheinen beide wieder, um die Patientin aufzuwecken. Die Kranke fragt den Arzt, ob jemand in der Zwischenzeit das Zimmer betreten hätte. Der Arzt verneinte es, und die Patientin glaubte es ohne weiteres. Nun berichtete sie, sie hätte nicht fest geschlafen. Sie hätte die Empfindung gehabt, als ob jemand im Zimmer gewesen und immer näher auf sie zugekommen wäre; die Berührung des Körpers hätte sie nicht gespürt, nur das entsprechende Gefühl an den Genitalien empfunden. Als ihr versichert wurde, daß niemand das Zimmer betreten hätte, glaubte sie selbst, geträumt zu haben.«

Göring sieht in diesem Bericht einen Beweis dafür, wie intensiv die Sexualempfindungen sein können. Er lehrt uns, daß man bei Verleumdungen mit der Annahme, daß eine Frau wider besseres Wissen falsche Behauptungen aufstellt, recht vorsichtig sein müsse, speziell, wenn es sich um sexuelle Dinge handelt, oder solche dahinter versteckt sind. Deshalb Vorsicht! Doch der Mahnruf ist leichter gegeben wie verwirklicht. Die Anwesenheit einer dritten Person ist oft genug unmöglich, oft sogar unerwünscht, ja wird sogar ausdrücklich verweigert. Es bleibt daher dem Arzt nichts anderes übrig, als nach seinem starren Pflichtgefühl zu handeln, unbekümmert um etwaige Unzuträglichkeiten, die ihm drohen könnten, und in dem unerschütterlichen, jederzeit bereiten Bewußtsein, jeder Verdächtigung mit dem Selbstgefühl erfüllter Pflicht entgegenzutreten. »Das Aussprechen, in dem die psycho-analytische Behandlung besteht,« sagt Freud, »verträgt keinen Zuhörer (sie geschieht ja jetzt im Wachzustande), es läßt sich nicht demonstrieren. Man kann natürlich auch einen Neurastheniker oder Hysteriker in einer psycho-analytischen Vorlesung den Lernenden vorstellen. Er erzählt dann von seinen Klagen und Symptomen, aber auch von nichts anderm. Die Mitteilungen, deren die Analytiker bedürfen, macht er nur unter der Bedingung einer besonderen Gefühlbindung an den Arzt; er würde verstummen, sobald er einen einzigen, ihm indifferenten Zeugen bemerkt. Denn diese Mitteilungen betreffen das Intimste seines Seelenlebens, alles, was er als sozial selbständige Person vor andern verbergen muß, und im weiteren alles, was er als einheitliche Persönlichkeit sich selbst nur eingestehen will. Sie können also eine psycho-analytische Behandlung nicht mit anhören; sie können nur von ihr hören und werden die Psycho-Analyse im strengsten Sinne des Wortes nur vom Hörensagen kennenlernen Freud, Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-Analyse, I. Teil. Heller & Co., Leipzig und Wien 1916, S. 6.

Wenn auch der Arzt jedweden Schutz gegen Verdächtigung seiner Persönlichkeit und seines Handelns fordern kann und verdient, so sollte dieser Schutz dem Laien unbedingt verwehrt werden, der entweder mit vom Fachwissen nicht getrübten Kenntnissen oder mit unzulänglichem Halbwissen hypnotische Prozeduren ausübt, damit meist nur der Sensationslüsternheit dient und für deren pflichtbewußte Übung keine oder nicht immer ausreichende pupillarische Sicherheit mitbringt. Da gerade die Freudsche Psycho-Analyse bedenklich in Laienhände zu geraten droht, und Pfarrer, Lehrer und andere Interessenten sie heilpädagogisch zu verwerten suchen, fehlt im Einzelfalle jede Gewähr, ob und wie weit die Durchforschung des Unterbewußten im eingeengten und ganz hypnotischen Zustande nur zu alleinigen Heilzwecken erfolgt. Deshalb noch einmal: Vorsicht! Ihr Freudianer jeder Kategorie! Vorsicht auch, ihr Frauen, gegenüber dem Laien, dem Psycho-Analytiker ohne ausreichende persönliche Gewähr!

Schon der gewöhnliche Traum, dieser Zwischenzustand zwischen Schlaf und Wachen, verdient Beachtung, denn das Seelenleben ist eben nicht eingeschlafen, wie es eigentlich der Schlaf fordert, »wahrscheinlich, weil etwas der Seele keine Ruhe läßt«, sagt Freud S. 95.. Es wirken Reize auf sie ein, und sie muß darauf reagieren, und sie tut es in Gestalt des Traumes, der den schlafstörenden Reiz deutet, und zwar jedesmal in anderer Weise. Also auch hier die bedeutungsschwere Rolle des Geschlechtslebens im weitesten Sinne für das Seelenleben. Wir sprechen vom Alp, der drückt, das Ganze ist ein Angsttraum und meist sexuellen Ursprungs. Es scheint jemand auf dem Schläfer zu liegen und ihm die Lebenskraft auszusaugen. Eine anonyme Lithographie um 1890, die Fuchs im ersten Band der »Weiberherrschaft« bringt, betitelt »In den Fängen des Vampyrs«, zeigt ein schönes und schreckliches Weib als Vampyr Langen, München.. Ja, es bedarf nicht einmal des Seelenzwischenzustandes, des Traumes, um Geschlechtsreize phantastisch zu verarbeiten. Auch in »Tagträumen«, in den phantastischen Seelenstimmungen, in denen man sich etwas vorstellt, Stimmungen, in denen man weiß, daß man phantasiert, nicht sieht, sondern denkt, sind es Szenen und Begebenheiten, in denen die egoistischen Ehrgeiz- und Machtbedürfnisse nicht nur, sondern auch die erotischen Wünsche der Person Befriedigung finden. Ist dann nicht für die Hysterischen das erotische Tagträumen der gegebene Denkstoff? Muß er nicht gerade bei Hysterischen die unerhörtesten Formen annehmen? Bis zur kaum unterscheidbaren Grenze von echtem, nachweisbarem Kern und pseudologischer Ausgestaltung? Das geschieht auch sicherlich nicht allein bei Frauen, denn wenn auch bei den jungen Männern die ehrgeizigen Phantasien voranstehen, so schlummert auch bei ihnen, wie Freud betont, oft genug die erotische Bedürftigkeit im Hintergrunde. »Alle Heldentaten und Erfolge sollen doch nur um die Bewunderung und Gunst der Frauen werben.« Diese Tagträume sind sogar das Rohmaterial für den Dichter, der aus ihnen erst die Situationen seiner Novellen, Romane und Theaterstücke formt. Zweifelhaft erscheint mir nur die Behauptung Freuds, »daß der Held der Tagträume immer die eigene Person sei, entweder direkt, oder in einer durchsichtigen Identifizierung mit einem andern«. Wohl ist es möglich, daß der Dichter die eigene Person so verwertet, auch das eigene geschlechtliche Empfinden und seine persönlichen erotischen Phantasien und Wünsche schöpferisch formt, es ist mir aber ebenso denkbar, daß er frei schafft, und die frei schaffende Phantasie vollständig vom »Ich« abstrahiert. Wie auch der letzterwähnte Einzelfall in Wirklichkeit sein mag, das Traumleben sehen wir von affektmächtigen Gedanken- und Interessenkomplexen erfüllt, die oft genug überwertig erotisch betont sind, und zwar bei Frau und Mann. Also auch hier die gar nicht hoch genug zu bewertende Rolle, die das Geschlechtsleben für seinen Träger spielt und um so höher spielen muß, wenn es sich um hysterische Naturen handelt, mit dem diesen eigenen Hang zu übermächtigem erotischen Fühlen. Nach der Auffassung Freuds ist sogar für das Kind ein unerledigter Wunsch, auf den es mit dem Traum reagiert, ein seelischer, den Schlaf störender Reiz.

Da bei Hysterischen Sinnestäuschungen infolge von Illusionen und Halluzinationen auch außerhalb jeder Bewußtseinsstörung vorkommen und zum Inhalt von Phantasiespielen werden können, kann es nicht wundernehmen, daß auch das Bewußtsein sich ändern und an seine Stelle ein Zustand ausgeprägter Denkhemmung mit Dissoziation der Vorstellung tritt, in dem die Kranken ungenügend zeitlich und örtlich orientiert sind, und Phantasievorstellungen sich mit Halluzinationen und Illusionen mengen. Für diese Vorgänge besteht meist Amnesie. Je stärker das Bewußtsein sich trübt, je länger der getrübte Bewußtseinszustand andauert, je stärker die Halluzinationen sich entwickeln, um so mehr nähert sich der ganze Zustand dem eigentlich hysterischen Delir oder Dämmerzustand. Dieser kann eine hysterische Attacke einleiten oder ihr folgen oder endlich auch freistehend ohne solche als hysterische Geistesstörung auftreten. In dem kaleidoskopischen Wechsel der bunten Visionen fehlt die sexuell gefärbte Vision keinesfalls. Erotische, obszöne Bilder ziehen in verwirrender Vielgestalt vorüber. Halluzinierte Berührungen können als unzüchtige Berührungen gedeutet werden. Ganze Szenen der Vergangenheit können neu durchlebt werden, und unter ihnen Szenen sexuellen Inhalts – sexuelle Attentate. Auch unter den begleitenden Wahnideen fehlen nicht solche sexuellen Inhalts und führen zu obszönem Schimpfen und Handeln.

Charakteristisch für dieses vorübergehende hysterische Delir ist es, daß ein Rapport mit der Umgebung nicht aufhört, ja so weit bestehen bleiben kann, daß der Arzt dem Delir oft eine bestimmte Richtung geben kann, ja die Kranke für kurze Zeit ganz aus der Psychose herausreißen kann. Die Tiefe der Bewußtseinsstörung schwankt. Die deliranten Handlungen sind oft unterbrochen durch scheinbar völlig lucide Intervalle und machen den Eindruck nicht nur des Gewollten, sondern oft geradezu des Überlegten, Raffinierten ( Fürstner) Strohmayer, S. 843.. Setzen die Delirien von Anfang an mit massenhaften Halluzinationen, primärer Inkohärenz und Desorientierung ein, so spricht man von hysterischer, halluzinierter Verwirrtheit.

Bei der Schilderung des hysterischen Delirs darf nicht unerwähnt bleiben der krankhafte Wandertrieb (Fuguekranke, Poriomane). Schon im gewöhnlichen Traum finden sich die verschiedensten äußeren Reaktionen auf die Traumvorstellungen, vom leisen Murmeln zum lauten Sprechen und Aufschreien, vom ruhelosen Umherwälzen zum Aufstehen und Umherwandern (Noctambulismus), endlich Dämmerzustände am Tage (Somnambulismus), die an einen Anfall sich anschließen und ohne einen solchen auftreten können. Sie führen meist zum Fortwandern und planlosen Umherirren, in ausnahmsweise stärkerer Ausprägung zu weiten, äußerlich zielbewußten Weltwanderungen, für die später nur eine lückenhafte Erinnerung besteht.

Wer das Geschlechtsleben Hysterischer kennen und folgerichtig bewerten will, muß aber nicht nur die Rolle kennen, die auch in ihren Träumen das Erotische, es komme, woher es wolle, zu spielen vermag, er muß auch die Maskierungen und Symbolisierungen kennen, hinter denen es sich verstecken kann. Freud hat uns da gelehrt, daß die Traumzensur unannehmbare, unbewußte Wunschregungen nicht rein durchläßt, sondern entstellt. Er hat uns auch eine gewisse Gesetzmäßigkeit in dieser Traumentstellung gelehrt, konstante Übersetzungen von Traumelementen. Als »einzig typische«, d. h. regelmäßige Darstellung der menschlichen Person als Ganzes gilt das geträumte Haus, und zwar bedeutet das mit glatten Mauern den Mann, das mit Vorsprüngen und Balkonen die Frau. Die Eltern erscheinen im Traum als Respektspersonen, etwa Kaiser und Kaiserin, die Kinder und Geschwister als kleine Tiere, Ungeziefer. Die Geburt wird symbolisiert durch eine Beziehung zum Wasser, entweder stürzt man ins Wasser oder wird gerettet. Das Sterben wird mit Abreisen, das Totsein mit verschiedenen dunklen Andeutungen, die Nacktheit mit Kleidern und Uniformen ersetzt.

Weit reichhaltiger symbolisiert wird das Bereich des Sexuallebens, der Genitalien, der Geschlechtsvorgänge, des Geschlechtsverkehrs. Nach Freuds Lehre ist sogar die übergroße Mehrzahl der Symbole im Traum Sexualsymbol, und zwar in dem eigenartigen Mißverhältnis, daß jedes Ding durch zahlreiche, nahezu gleichwertige Symbole ausgedrückt wird. Für das männliche Genital im ganzen ist die heilige Zahl drei bedeutsam. Das männliche Glied wird durch Dinge symbolisiert, die ihm in der Form ähnlich sind, also lang und hochragend wie Stöcke, Schirme, Stangen, Bäume usw.; ferner durch Gegenstände, welche die Eigenschaft des in den Körper Eindringens und Verletzens haben, also spitze Waffen jeder Art, Messer, Dolche, Lanzen, Säbel, aber ebenso durch Schießwaffen, Gewehre, Pistolen, Revolver. Das männliche Glied wird auch durch Gegenstände angedeutet, aus denen Wasser fließt, Wasserhähne, Gießkannen, Springbrunnen und durch andere Objekte, die verlängerbar sind wie Hängelampen, verschiebbare Bleistifte usw. Unzweifelhafte männliche Sexualsymbole nennt Freud Bleistifte, Federstiele, Nagelfeilen, Hammer usw. Selbst die merkwürdige Eigenschaft des Gliedes, sich gegen die Schwerkraft aufrichten zu können, wird durch Luftballons, Flugmaschinen, Zeppeline symbolisiert. Ja, Freud hält die oft so schönen Flugträume für Träume von allgemeiner sexueller Erregung, Erektionsträume, weil der Traum das Geschlechtsglied zum Wesentlichen der ganzen Person macht und diese selbst fliegen läßt. Dagegen spricht nicht, daß auch Frauen dieselben Flugträume haben können, Frauen wünschen oft, bewußt oder unbewußt, ein Mann zu sein. Der Flugtraum wird auch ihnen eine Wunscherfüllung, und wenn sie diesen Wunsch durch dieselben Sensationen wie der Mann zu verwirklichen streben, so spricht hier die Klitoris, der dem männlichen Glied ähnliche Körperteil, mit.

Als weniger gut verständliche männliche Sexualsymbole nennt Freud noch gewisse Reptilien und Fische, die Schlange, auch Hut und Mantel. Endlich kann das männliche Glied noch durch ein anderes Glied, den Fuß, die Hand ersetzt werden.

Das weibliche Genitale soll nach Freud im Traum durch alle jene Objekte symbolisch dargestellt werden, die seine Eigenschaft teilen, einen Hohlraum einzuschließen, der etwas in sich aufnehmen kann. So gewinnen Schachte, Gruben, Höhlen, Gefäße, Flaschen, Schachteln, Dosen, Koffer, Büchsen, Kisten, Taschen, selbst das Schiff die gleiche Bedeutung. Andere Symbole verkörpern mehr den Unterleib wie Schränke, Öfen, Zimmer. Von Stoffen gelten als Symbole des Weibes Holz, Papier und Gegenstände aus ihnen: Tisch, Buch; von Tieren Schnecken, Muscheln; von Körperteilen der Mund, von Bauwerken Kirche, Kapelle.

Die Brüste werden durch Apfel, Pfirsich, Früchte, die Genitalbehaarung durch Wald, Gebüsch dargestellt, Süssigkeiten verkörpern den Geschlechtsgenuß. Die Selbstbefriedigung wird durch jede Art von Spiel, Klapperspiel, Gleiten, Rutschen symbolisiert. Zahnausfall und Zahnziehen bedeuten Kastration als Bestrafung für die Onanie. Leiter, Stiege, Treppe sind Symbole des Geschlechtsverkehrs.

Falls diese Symbole wirklich all das im Traum bedeuten, was Freud annimmt, so wäre ein zuverlässiger Führer zur Traumdeutung gegeben. Ob sie tatsächlich diese Bedeutung haben, ob sie sie in jedem Falle haben, möchte ich nicht entscheiden, schon deshalb nicht, weil die auffallend einseitige Ausdeutung aus sexuellen Gesichtspunkten und die dogmatische Verkündung ihres Ursprungs wieder, wie so oft bei Freud, die Überschätzung des Sexuallebens als allein wesentlichen Faktor zeigt. Wie auch immer die Traumdeutung sich in Zukunft gestalten mag, es bleibt Freuds großes Verdienst, bislang kaum beachtete Seelenvorgänge studiert und ihre Erklärungen geistvoll begonnen zu haben. Selbst wenn seine Ergebnisse nur in ihrem Grundkern sich zutreffend erweisen, bestätigen sie mir, daß das Geschlechtsleben niemals die Nichtachtung als quantité négligeable in der Beurteilung der Hysterischen verdiente. Schon was wir bisher über dessen Wurzel, wie über die Wechselwirkung von Leiden und Geschlechtsleben erfuhren, zwingt uns, auch den Träumen der Hysterischen Beachtung zu schenken, in der Erwartung, mit Hilfe der Leidenden symbolisch Aufschluß über seelische Vorgänge zu erhalten, die auf anderem Wege kaum erbringbar wären. Sie können uns wertvollen Aufschluß über die Anfänge der persönlichen intellektuellen Entwicklung bringen, den Inhalt der vom Vergessen bedeckten Kindheitsjahre wieder ans Licht ziehen. Wenn Freud auch hierin Recht haben sollte, so waren diese Einflüsse niemals wirklich vergessen, sie waren nur unzugänglich, latent, gehörten dem Unbewußten an. Aus dem Unbewußten können sie von selbst auftauchen im Anschluß an Träume. Diese Verfügungsmöglichkeit über das vergessene Material der ersten Kindheitsjahre zählt Freud zu den archaischen Zügen des Traumes. Aus dieser Vergangenheit, oft aus einer nicht allzuweit zurückliegenden, stammen böse Wunschregungen; ausschweifende sexuelle Wünsche, die der Träumer als ihm fremd empfindet, weil er sich des Gegenteils bewußt glaubt. Selbst Todeswünsche gegen eine geliebte Person, die später rätselhaft erscheinen, stammen oft aus solcher Frühzeit. Häufig entsprechen die Gefühlsbeziehungen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern keineswegs dem Ideal, enthalten sie viel Feindseligkeit, die sich auch äußern würde, »wenn nicht Zusätze von Pietät und von zärtlichen Regungen sie zurückhielten«. Und die Motive für diese Tendenz, die Tochter von der Mutter, den Vater vom Sohne zu trennen? Auch hier wieder ein entsprechendes sexuelles Motiv! Die Mutter muß den von der Gesellschaft geforderten Verzicht auf Sexualfreiheit bei der Tochter durchsetzen, erscheint ihr auch als Konkurrentin. Der Vater versperrt dem Sohne den Zugang zur Willensbetätigung, zum frühzeitigen Sexualgenuß, zum Genüsse des Familiengutes.

Doch Freud hat für die Entfremdung zwischen Kind und gleichgeschlechtlichem Elternteil noch ein anderes Motiv gefunden, den Ödipuskomplex, die Liebeskonkurrenz mit deutlicher Betonung des Geschlechtscharakters. Was in der Ödipussage als Wunsch des Sohnes besteht, den Vater zu töten und die Mutter zum Weibe zu nehmen, ist für Freud »ein regelmäßiger und sehr bedeutsamer Faktor des kindlichen Seelenlebens, und man läuft eher Gefahr, seinen Einfluß und den der aus ihm hervorgehenden Entwicklung zu unterschätzen, als ihn zu überschätzen«. Er ist für Freud das unabwendbare Verhängnis der griechischen Sage.

Der Vorwurf des abstoßenden Charakters der zensurierten Traumwünsche, der Vorwurf, daß er dem Bösen einen so breiten Raum in der Konstitution des Menschen zugesteht, berührt ihn nicht, führt ihn nur zu der bitteren Antwort:

»Aber berechtigen Ihre eigenen Erfahrungen Sie dazu, das zu sagen? Ich will nicht davon sprechen, wie sie Ihnen selbst erscheinen mögen. Aber haben Sie so viel Wohlwollen bei Ihren Vorgesetzten und Konkurrenten gefunden, so viel Ritterlichkeit bei Ihren Feinden und so wenig Neid in Ihrer Gesellschaft, daß Sie sich verpflichtet fühlen müssen, gegen den Anteil des egoistisch Bösen in der menschlichen Natur aufzutreten? Ist Ihnen nicht bekannt, wie unbeherrscht und unzuverlässig der Durchschnitt der Menschen in allen Angelegenheiten seines Sexuallebens ist? Oder wissen Sie nicht, daß alle Übergriffe und Ausschreitungen, von denen wir nachts träumen, alltäglich von wachen Menschen als Verbrechen wirklich begangen werden? Was tut die Psycho-Analyse hier anderes als das alte Wort von Plato bestätigen, daß die Guten diejenigen sind, welche sich begnügen, von dem zu träumen, was die andern, die Bösen, wirklich tun?«

Für unser Thema bleibt die Erfahrungstatsache bedeutsam, daß sexuelle Erlebnisse, unerledigte Sexualempfindungen aus Gegenwart und Vergangenheit, mit Vorliebe im Traum verarbeitet und dort unter mannigfachen Symbolen ihr Wesen treiben können. Daß das ausnahmslos geschieht, daß der Trauminhalt ausnahmslos in geschlechtlichen Regungen der Kindheit bestehen soll, erklärt Dessoir für »sicher falsch« Vom Jenseits der Seele. Ferdinand Enke, Stuttgart 1917, S. 51. Er nennt es einen Fehlschluß, den die Psychoanalyse aus der Biegsamkeit der Symbole, wie der Sprache zieht, wenn sie annimmt, daß die Traumphantasie ihre Bilder gern nach dem sexuellen Untersinn von Worten formt. Vielfach sind die Sinnbilder Umdeutungen eines zuständlichen Erlebnisses in ein gegenständliches Ereignis, wie wenn beispielsweise ein Reizzustand der Blase zur Scheinwahrnehmung eines Stromes oder eines fließenden Brunnens führt. Es liegt also die Eigenart des Traumes nicht in dem Reiz, sondern in der besonderen Auslegung desselben. Je komplizierter die Vorgänge werden, um so mehr zeigt sich die Abspaltung, die als dramatische Zerlegung des Ichs bekannt sind, Zerspaltungsvorgänge, die häufig jeder Erfahrung widersprechen. So trennt sich, was im Leben verbunden ist – Vorstellungen werden frei und wandern beweglich von einer Gestalt zur andern.

Mit Recht sagt neuerdings Seelert Dtsch. med. Woch. 1921 Nr. 40., daß nicht Erfahrungstatsachen empirischer Forschung, nicht Wahrscheinlichkeitsgründe aus logischer Überlegung, sondern Deutungen es sind, mit denen Freud seine Anschauungen begründet. »Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten) Wunsches.« Wie begründet Freud diese Behauptung?

Da viele Träume dieser Theorie zu widersprechen scheinen, da häufig in Traumgedanken und Traumerlebnissen ein Wunsch nicht zu erkennen ist, werden sie eben der nun einmal aufgestellten Wunschtheorie entsprechend gedeutet. Die Deutung setzt nicht an den in Erinnerung gebliebenen Traumgedanken und Traumerlebnissen ein, sondern an dem durch das psychoanalytische Verfahren gewonnenen latenten Trauminhalt, der sich für Freud und seine Traumdeuter zwischen dem Trauminhalt und die Resultate ihrer Betrachtung als neues psychisches Material einschiebt. Schon die Existenz des »latenten« Trauminhaltes ist recht zweifelhaft, schlimmer ist es, daß in diesen zweifelhaften Trauminhalt noch hinein gedeutet wird, und wenn das Resultat auch dann noch nicht nach Wunsch ausfällt, mit Symbolen gearbeitet wird. Also Subjektivität allenthalben, und nicht verwunderlich, daß die Ergebnisse dieser Deutungsarbeit mehr aus der Psyche des Untersuchers als aus der des Untersuchten stammen.

Auch bei der Deutung der psychoanalytischen Symbole hängt es von dem Ermessen des Traumdeuters ab, ob er eine Vorstellung, die in die Reihe der Symbole aufgenommen ist, in ihrem eigentlichen Sinne oder als Symbol verwerten will. Darum urteilt Seelert nur recht, wenn er aus den Deutungen Freuds und seiner Schüler schließt, daß »die Phantasie der Traumdeuter nicht hinter der der Träumer zurückbleibt«. Er urteilt recht, daß die Ergebnisse psychoanalytischer Traumdeutung nicht im Trauminhalt liegen, sondern aus der Psyche der Traumdeuter an den Traum herangetragen werden. Er urteilt recht, daß »nur dem, dessen Seele geartet, der gezogen ist wie die der Psychoanalytiker alle in die Länge reichenden Objekte eine verkleidete Darstellung latenter sexueller Gedanken sein, nur dem, der denkt und fühlt wie sie, »Stiegen, Leitern, Treppen«, resp. das Steigen auf ihnen und zwar aufwärts wie abwärts, symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes sein können. Er urteilt recht, wenn er es »eine durch nichts gerechtfertigte Verallgemeinerung, ein Produkt der Subjektivität psychoanalytischer Deutungsarbeit nennt, daß die Psychoanalytiker ihre Denkweise allen anderen Menschen zuschieben und glauben und behaupten, daß auch bei anderen die assoziative Verknüpfung von Vorstellungen in gleichem Maße wie bei ihnen beherrscht ist durch sexuelle Komplexe«.

Neutra, der die Psychologie der Träume weit höher einschätzt, hält nur solche Träume für beachtenswert, die in relativ durchsichtiger Symbolik die Wirkung psychischer Mechanik zum Ausdruck bringen l. c. S. 207.. Wo immer er die Traumdeutung versuchte, fand er, sofern er nur Deuteleien vermied, häufig eine Bestätigung des schon Bekannten, höchstens eine Sicherstellung des bereits Vermuteten, »niemals aber etwas Neues und dem bereits durch die gewöhnlichen psychomechanischen Anschauungsformen Erfaßten Widersprechendes«.

Auch Neutra lehnt Freuds Ansicht ab, daß jeder Traum eine Wunscherfüllung bedeute. Das gelte nur für einen großen Teil der Träume, aber weitaus nicht für alle, wenn man sich nicht zur Deutelei zwingen wolle. Für Neutra drückt der Traum nur den Reaktionswillen der im Schlafe für die Reaktion günstigeren Konstellation des Trieb- Hemmungssystems aus, indem die Triebe gegenüber den Hemmungen überwiegen. Ist dies genügend der Fall, so kommt es im Traumbilde zur mehr oder weniger deutlichen Wunscherfüllung. Ist das Kräfteverhältnis ungünstiger, so bleibt von der »Wunscherfüllung« oft nur das Traumbewußtwerden des Wunsches übrig, während die Erfüllung durch das relativ starke Hemmungsvermögen im psychischen Systeme nicht erreicht werden kann. Und endlich kann das seelische Konfliktgleichgewicht das Traumbewußtwerden eines Triebwunsches gänzlich verhindern, trotzdem oder gerade weil der Qualaffekt wegen der absoluten Unlösbarkeit des psychischen Kampfes den höchsten Grad erlangt hat.

Sehr richtig lehnt Neutra auch Freuds Ansicht ab, daß der Traum sich ausschließlich auf die Seelenregungen der Vergangenheit beziehe. Er kann auch als eigentümliche Reaktion auf gegenwärtige Reize erscheinen, ja sogar bis zu einem gewissen Grade die zukünftige wahre Konstellation des Trieb-Hemmungssystems prophetisch andeuten l. c. S. 212 ff..

Es bleiben also zur Zeit noch Zweifel an der Richtigkeit der Freudschen Auffassung und Ausdeutung, und diese Zweifel kommen nicht nur von den ausgesprochenen Gegnern Freuds, sie kommen auch von solchen Personen, die sich selbst längere Zeit als Psycho-Analytiker mit der Deutung von Träumen beschäftigt haben, wie Freud offen bekennt S. 267.. Freud sieht hierin nur Behauptungen, die sich »durch begriffliche Verwechslung und unberechtigte Verallgemeinerungen« ergeben, die hinter der medizinischen Auffassung des Traumes an Unrichtigkeit nicht weit zurückstehen. Eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung aus wenigen guten Beispielen sieht er in dem Satz, daß jeder Traum zwei Deutungen zulasse, die sogenannte psycho-analytische, also die Freudsche. und eine andere, sogenannte anagogische welche von den Triebregungen absieht und auf eine Darstellung der höheren Seelenleistungen hinzielt. Verallgemeinert Freud nicht selbst »aus wenigen guten Beispielen« so weit, daß er schnellstens Dogmen kündet? Das Vorkommen der Träume der letzteingewendeten Art gibt er aber zu, und wenn er behauptet, daß diese Auffassung auf eine Mehrzahl der Träume ausdehnbar sei, so ist das eben eine Freudsche, an Allgemeingültigkeit appellierende Behauptung. Nur ist sie nicht begründet und kann es nicht sein, weil Freud schließlich, und wenn er noch so viele Träume analysiert, doch immer nur eine geringfügige Zahl kennen lernte und entsprechend geringfügige Erfahrungen sammeln konnte.

Auch die Behauptung, daß alle Träume bisexuell zu deuten seien, als Zusammentreffen einer männlichen mit einer weiblichen Strömung, nennt er ganz unbegreiflich, gibt aber zu, daß »natürlich auch einzelne solche Träume« vorkommen. Es kommen also außer seinen Deutungsmöglichkeiten sicher noch andere vor. Warum also diesen Vorbehalt, daß er alle diese Entdeckungen neuer allgemeiner Charaktere des Traumes nur erwähne, um »vor ihnen zu warnen«, oder um wenigstens nicht im Zweifel zu lassen, wie er darüber urteilt? Scheint ihm nicht sogar »der objektive Wert der Traumforschung durch die Beobachtung in Frage gestellt, daß die analytisch behandelten Personen den Inhalt ihrer Träume nach den Lieblingstheorien ihrer Ärzte einrichten, indem die einen vorwiegend von sexuellen Triebregungen träumen, die andern vom Machtstreben, und noch andere sogar von der Wiedergeburt«? Wird diese Beobachtung, die doch schwere Irreführung der Psycho-Analyse möglich macht, durch die Erwägung entkräftet, »daß die Menschen bereits geträumt haben, ehe es eine psychoanalytische Behandlung gab, die ihre Träume lenken konnte, und daß die jetzt in Behandlung Stehenden auch zur Zeit vor der Behandlung zu träumen pflegten«? Ist das Tatsächliche dieser Neuheit wirklich so belanglos, wie er meint, obwohl er doch, wenigstens bisher, keine Hilfsmittel nennt, um es zu erkennen, unwirksam zu machen und den Arzt vor Irrtümern zu schützen? Er sieht in den zum Traum anregenden Elementen nur Tagesreste von den starken Interessen des Wachlebens. Wenn die Reden des Arztes über die Anregungen, die er gibt, für den Analysierten bedeutungsvoll geworden sind, so treten sie in den Kreis der Tagesreste ein, können die psychischen Reize für die Traumbildung abgeben, wie die andern affektbetonten, unerledigten Interessen des Tages, und wirken ähnlich wie die somatischen Reize, die während des Schlafes auf den Schläfer einwirken. Sie können auch im manifesten Trauminhalt erscheinen, oder im latenten nachgewiesen werden.« »Aber«, sagt Freud, »der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewußten Traumwünsche sind jedem fremden Einfluß entzogen. Wer die Objektivität der Traumwirkung in Zweifel zieht, verwechselt den Traum mit dem Traummaterial.«

Beneidenswert, dieses unerschütterliche Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Traumdeutung, obwohl die Konstanz der Symbole erst noch erwiesen werden soll, obwohl die Ausdeutung selbst der phantastischen Denkweise weiten Spielraum läßt, endlich, obwohl die Traumarbeit die verschiedensten Ausführungsmöglichkeiten bietet. Entkräftet ist damit die Irrtumsmöglichkeit, ja die beabsichtigte Irreführung durch das fatale Gefälligkeitsentgegenkommen mancher Analysierten nicht, und Freud wird schon Entlarvungsmöglichkeiten ersinnen müssen, wenn man sein Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Traumdeutung teilen soll. Seelert hält es sogar für an der Zeit, alle diejenigen, die der psychoanalytischen Beweisführung immer noch zweifelnd und ohne eigenes Urteil gegenüberstehen, vor der Massensuggestion zu schützen, die von den Psychoanalytikern zur Zeit noch ausgeht, »um zu verhüten, daß immer noch mehr Fleiß und zeitraubende Arbeit auf so unfruchtbare Bestrebungen verwandt werden, wie sie die psychoanalytischen Tendenzen verschlungen haben«.

Wie berechtigt auch diese Kritik sein mag, es ist und bleibt das Verdienst Freud's, durch die Traumdeutung die Lehre vom Unbewußten wesentlich gefördert zu haben und uns die Bedeutung des Geschlechtlichen für die Hysterie immer klarer vor Augen geführt zu haben.

II. Anonyme Briefe

Von Zeit zu Zeit erfährt die Öffentlichkeit, daß anonyme Briefschreibereien Unheil anrichten. Mitunter gelingt es auch, den Täter zu fassen und vor den Richter zu bringen, doch läßt die Anklage meist an völlig schlüssiger Beweisführung zu wünschen, nicht zum wenigsten deshalb, weil die Handschriftenvergleichung trotz aller graphologischen Kenntnisse doch noch auf zu unsicherem Boden steht, als daß es erlaubt wäre, ihre Ergebnisse in foro stets als untrüglich zu verwenden.

Seltsam erscheint es nun, daß unter den anonymen Briefschreibern das weibliche Geschlecht stark dominiert; seltsam weiter, daß die anonymen Briefe meist Schmähbriefe sind und mit Vorliebe sexuelle Verdächtigungen enthalten. Dück in Innsbruck konnte aus den letzten hundert Fällen seiner Praxis als Gerichtssachverständiger für Schriftenvergleichungs- und Fälschungsfragen, die er nach dem Geschlecht der angeschuldigten Personen und dem Hauptinhalt untersuchte, die interessante Tatsache feststellen, daß die Zahl der anonymen Schreiben sexuellen Inhalts, absolut genommen, bei beiden Geschlechtern fast gleich war (28 zu 29), daß aber anonyme Schreiben sexuellen Inhalts in 55 % der Fälle von Frauen, in nur 6,60 % von Männern stammen. Daraus zieht Dück die Schlußfolgerung: »Diese Zahlen sprechen jedenfalls nicht dafür, daß das Interesse an sexuellen Dingen beim Manne größer ist als beim Weibe; sie scheinen vielmehr denen recht zu geben, die dem Weib eine größere, aber latente Sexualität zuschreiben Sexualprobleme. 10. Jahrg., S. 10..« Leider verrät diese wertvolle Mitteilung nichts über die charakteristische Eigenart der Täterin. Sonst würde wohl die Tatsache besonders auffallend sein, daß unter den Täterinnen die Hysterischen überwiegen, nicht allein deshalb, weil die schlummernde Sexualität der Hysterischen zumeist stärker und ausgedehnter besteht, sondern auch, weil sie das Handeln viel nachdrücklicher beeinflußt und skrupelloser den feigen, kläglichen Weg der Anonymität wählt. Es scheint der Täterin ganz besonderen Genuß zu gewähren, die Angriffspfeile aus dem Hinterhalt der Anonymität zu schleudern, das Geschlechtsleben des Feindes öffentlich zu entschleiern, zu fälschen und sich an der Hilflosigkeit des Angegriffenen zu weiden, der solchem Vorgehen gegenüber schutzlos ist. Besonders häufig finden gelöste Liebesverhältnisse ein unerquickliches Nachspiel in Briefen unflätigsten Inhalts. Kind Fuchs-Kind, Weiberherrschaft. S. 230. spricht direkt von psychischen Wegelagerern, die mit dem Felleisen der Hinterlist arbeiten, in diesen Schreiben ihre erotischen Machtgefühle äußern, nur in feigster Form. Sie steigern sich von dem zielbewußten Brief, um die Aufmerksamkeit des Geliebten auf sich zu lenken, über die Selbstverspottung bis zur Beleidigung des Bräutigams. Es braucht zum Beweise und zur lehrreichen Illustrierung nicht vieler Beispiele. Ein einziges, die in den Märztagen 1905 vor dem Schwurgericht in Detmold verhandelte Lemgoer Briefaffäre Vossische Zeitung, März 1905., genügt durchaus, denn sie zeigt fast alle Vorbedingungen, von der zielbewußten und noch leicht begreiflichen Handlung bis zur zwecklosen, nur Unheil anstrebenden, in lückenloser Reihe. Die Angeklagte, eine den ersten Gesellschaftskreisen Lemgos angehörige Fabrikbesitzersgattin, hatte in den Jahren 1896 bis 1899 und 1903-1904 anonyme Briefe, wohl 200, geschrieben und das sonst so friedliche Städtchen in eine immer mehr wachsende Erregung versetzt. Frau Kracht hatte schon von Jugend an eine tiefe Zuneigung zu Herrn Kracht. Da dieser aber keinen ernsthaften Annäherungsversuch machte, verlobte sie sich mit einem andern. Die Verlobung ging in die Brüche. Kurz bevor sie aufgehoben wurde, kam der erste, mit verstellter Hand geschriebene Brief an Kracht. Sein Inhalt, in gleichem Maße von Liebe und Verzweiflung diktiert, ist sehr bezeichnend:

... »Sie und Fräulein W. hätten so gut zusammengepaßt, daß ich nur denken muß, es gibt sogenannte Wunder auf der Welt, und Gott wird trotz allem doch noch ein Einsehen haben.«

Nach Aufhebung der Verlobung kam der zweite Brief:

»Fräulein W. wird wieder die alte sein, den O. und die vier Wochen vergessen, freut sie sich doch, daß sie ihn wieder los ist. Mit Ihnen aber hat sich Fräulein W. gründlich blamiert, ein jedes Kind mußte ihr Interesse für Sie merken ...«

Beide Briefe sollten natürlich den schüchternen Freier anstacheln. Spricht diese Methode, sich anzubieten, auch nicht gerade für vornehme Gesinnung, so wird sie immer noch erklärlich, da die unglücklich Liebende keinen andern Weg zur Erfüllung ihres Sehnens sah. Auffallender wird die Briefschreiberin schon, als sie Briefe an sich schreibt und absendet und darin sich sogar verspottet und beschimpft. So schreibt sie:

»Zwischen Gänsen, liebster Schatz,
Ist für dich der beste Platz,
Schnapsbrenners rothaarig Töchterlein!«

Ein derartiges Sich-selbst-mit-Schmutz-Bewerfen ist erfahrungsgemäß häufig, um den Verdacht abzulenken. Es kann aber auch eine sadistische Wollustempfindung in solcher Selbstzerfleischung liegen. Nun kommen beleidigende Briefe an den Geliebten, allmählich so hochgradig und mit immer boshafteren Anspielungen gespickt, so daß die Schreiberei Selbstzweck scheint:

»Ja, ich bin klug und weise,
Und mich entdeckt man nicht.«

Aber doch bildet die Liebe stets den Kernpunkt der Briefe. Kracht und die W. werden immer wieder angegriffen. So wurde der Verdacht abgelenkt, die Sache nicht aus dem Auge verloren, das gemeinsame Interesse erweckt. Kracht selbst kam in den Verdacht, der Briefschreiber zu sein. Frau Kracht leistete in der Privatklage dann einen Meineid. Nach der Verlobung mit Kracht hörten die Briefe auf.

Während in den Briefen vor der Verlobung die Liebe zu Kracht den Mittelpunkt bildete, und soweit sich ihr Inhalt auf andere bezog, hauptsächlich ältliche Jungfrauen verhöhnte, Liebesverhältnisse in den Staub zog, drehte es sich später um die Frage, wer in Lemgo die erste Rolle spielte. Alles wurde dort durcheinandergehetzt, keiner traute mehr dem andern. Nun kam Herr Kracht selbst in den Verdacht, der Briefschreiber zu sein, doch während er in Untersuchungshaft saß, kamen neue Briefe. Hierin wurden unverheiratete Damen verhöhnt, das Interesse von Einwohnern an weiblicher Toilette, an Pelz, Puder und Schminke geschildert und Schwächen für Äußerlichkeiten und Rang glossiert. Verhängnisvoll wurde der Angeklagten die falsche Schreibweise gewisser Worte und die Tatsache, daß der Anonymus großes Mitleid zeigte, als der Ehemann K. verhaftet wurde, und plötzlich schwieg, als Frau K. verhaftet wurde.

Da gerade Hysterische ihre Sexualempfindungen in Ersatzhandlungen mannigfachster Art umsetzen können, wäre es nicht verwunderlich, wenn die anonyme Briefschreiberei sexuellen Inhalts, die schrankenlos verdächtigt und sexuelle Vorgänge schildert, sich als Umsetzung schlummernder Sexualempfindung erweist. Gruhle rechnet die anonyme Briefschreiberei mit falschen Anschuldigungen, Schmähungen, sexuellen Verdächtigungen zu den Einzelsymptomen des hysterischen Charakters. Sexuelle Verdächtigungen wecken ja nur zu leicht Interesse, werden mit Vorliebe geglaubt und schaffen nur zu leicht einen Makel, der unaustilgbar wird. Bei der außerordentlichen Raffiniertheit des Lügengewebes aus Wahrheit und Dichtung, bei der Fülle von Einzelheiten werden selbst skeptische Hörer leicht verleitet, es zu glauben. Deshalb mag diese Angriffsart von Hysterischen besonders gern gewählt werden, weil sie am leichtesten Erfolg verspricht, ohne den Urheber zu gefährden. Erst in zweiter Linie dürften schlummernde, verdrängte Sexualvorstellungen sich durch derartige Ersatzhandlungen äußern, als eine Art impulsiver, zwangsartiger Selbstbefriedigung. Endlich sind es aber Geisteskranke, deren motorischer Drang sich in derartigen Schreibsalven entlädt. Kaum anders zu verstehen ist der Fall jenes Gymnasialprofessors, der seine eigene Verlobte mit anonymen Schreiben unflätigster Art quälte Fuchs, S. 230..

Eine 81jährige Dame meiner Klientel von unerträglichem Charakter verdächtigte vor kurzem eine 80-jährige Mitbewohnerin des Hauses in anonymen Briefen sexuellen Inhalts. Kinds Bezeichnung »Wortsadismus« für solche Handlungen ist nicht unzutreffend. Auch zur Zeit habe ich eine Frau zu beurteilen, die ihren von ihr getrennt lebenden Mann mit zahlreichen Briefen und Karten unsinnigsten, unflätigsten Inhalts bombardiert und auch dritte Personen unerhört beleidigt.

III. Der Stehltrieb

Nicht anders dürfte der Stehltrieb zu beurteilen sein, der neuzeitlich besonders bei Warenhausdiebinnen beobachtet wird. Mädchen und Frauen sind es vornehmlich, die ihm unterliegen, und, was besonders auffällig ist, recht häufig zur Zeit der Menstruation. Mit der Begehrlichkeit, mit sittlicher Hemmungslosigkeit, mit mangelnder Widerstandskraft angesichts der allenthalben im Warenhaus lockenden, scheinbar unbeaufsichtigten Verkaufsstände sind diese Handlungen nicht erklärt, schon deshalb nicht, weil es sich oft genug um Frauen in bester Lebenslage handelt, die alle die gestohlenen Gegenstände jederzeit erwerben könnten. Gewiß mag es oft schwer sein, die Grenze zwischen Diebstahl und organisch bedingter Nötigung zum Stehlen zu ziehen. Gewiß wird der Einwand einer Krankheit oder mindestens einer übermäßigen triebartigen Nötigung oft erhoben, um eine eindeutige Straftat in anderem Lichte erscheinen zu lassen. Es bleiben doch hinreichend zweifelsfreie Betrachtungen in Überfülle, die klar beweisen, daß organisch bedingte Zwangstriebe die Schuld tragen und ununterdrückbar werden können. Wenn ein 15jähriges Mädchen aus reichem Hause beim Umherwandern im Warenhause Stecknadeln stiehlt, wenn eine Fürstin Wrede, wo sie zu Gast ist, Silbersachen einsteckt, wenn eine gutsituierte junge Frau im Vorbeginn der Menstruation, von innerer Unruhe getrieben von Hause fortwandern und ziellos, planlos im Warenhaus umherspazieren muß, bis sie etwas gestohlen hat, so erkennt auch der Laie, daß hier auffällige Strebungen eine Rolle spielen müssen. Erscheint die Handlung schon nach der Persönlichkeit der Täterin und ihrer sozialen Lage motivlos, besteht ein Mißverhältnis zwischen dem Wert des gestohlenen Objektes und der Vermögenslage der Täterin, handelt es sich auch um kaum verwertbare Gegenstände, so wird der Verdacht einer krankhaft bedingten Nötigung erheblich gestützt, und er verdichtet sich zur Sicherheit, wenn der Diebstahl sich wiederholt in gleicher äußerer Form, und was noch bedeutungsschwerer ist, in regelmäßigem Zeitabstand. Dann drängt sich die Frage zwingend auf, ob und wieweit Momente bei der Tat mitsprechen, die einen Nachlaß der naturgegebenen Hemmungen gegenüber einem übermäßigen Antrieb bewirken könnten, wie der Alkohol, der intellektuelle und ethische Defekt, endlich der Menstruationsprozeß. Gerade der letztere Vorgang verdient hier besonders eingehend gewürdigt zu werden. Schon die scharf umschriebene Periodizität einer Straftat weist auf den periodischen Vorgang im Frauendasein hin, der als gewaltige Reizquelle selbst eine Psychose auslösen kann. Trifft eine Straftat von seltsamer Eigenart mit der Menstruation zeitlich zusammen, so drängt sich der Gedanke einer ursächlichen Abhängigkeit auf, und er muß das um so mehr, wenn die charakterologische Eigenart der Täterin hysterische Züge irgendwelcher Art zeigt. Bei den »periodischen Monomanien«, wie Pilcz diese Zustände bezeichnet Dittrichs Handbuch. S. 569., konnte er nahezu ausnahmslos die verschiedensten Züge allgemeiner psychopathischer Minderwertigkeit nachweisen, speziell die Kombination mit hysterischen und epileptischen Zügen. Noch schärfer betont er diesen Unterschied für die episodische Geistesstörung sans phrase, die menstruelle Geistesstörung. Die unter dieser Geistesstörung leidenden Frauen werden im freien Intervall noch seltener, als es bei den übrigen periodischen Geistesstörungen geschieht, als psychisch vollwertig befunden. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle fand Pilcz die verschiedensten Zeichen der dégénérescence mentale, fand er sehr häufig epileptoide oder hysterische Züge, fand er sehr oft gerade bei den sogenannten Monomanien streng menstruellen Typus.

Es schlummert also der verbrecherische Trieb oder wird in normaler Zeit durch genügende Hemmungen in Schranken gehalten, bis der gewaltige Einfluß der Menstruation einen »Ausnahmezustand« schafft, in dem die gewöhnlichen Hemmungen versagen, und ein bestimmter, habitueller – gewöhnlich bezähmbarer – Trieb ungehindert sich in die Tat umsetzen kann. Und wie seltsam! Diese Periodizität von verblüffender Eigenart kann auch schon vor Beginn jedweder Menstruation und nach deren Schwinden in der Menopause sich zeigen. Daß hier innerorganische Kräfte in gesetzmäßigem Zwischenraum schwingen, und die Menstruation, die wohl als ein charakteristisches Zeichen bestimmter episodischer Vorgänge von Einfluß ist, erscheint doch nicht unumgänglich und stets erforderlich. Es bleiben die Worte von Krafft-Ebing eine stets zu beherzigende Mahnung, die mit Recht Pilcz S. 572. als moderne Worte bezeichnet:

»Die geistige Integrität des menstruierenden Weibes ist forensisch fraglich ... eine exploratio mentalis erscheint rätlich bei Koinzidenz von Tat und Menstruationstermin ... Bei der mächtigen Beeinflussung des Geisteslebens durch den menstrualen Vorgang sollten auch da, wo kein menstruales Irresein nachzuweisen ist, der Angeklagten mildernde Umstände bei der Strafausmessung zuerkannt werden.«

Es spielt also das Geschlechtsleben eine bedeutungsschwere Rolle bei der Triebhandlung des Stehlens. Selbst künstlerisch ist der »Ladendiebstahl« als geeigneter Stoff verwertet worden. Eduard Fuchs bringt in seiner »Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart« ein englisches Schabkunstblatt nach Collett von 1787, betitelt »Die Entlarvung der Ladendiebin«, wo einer eleganten Dame von einem Manne Spitzen unter dem Rock hervorgeholt werden Die galante Zeit. Bd. II. Albert Langen, München.. Wenn wir bisher auch solchen Einfluß von der Menstruation kennen, so ist es doch eine höchst beachtenswerte Tatsache, daß hysterische Züge so oft sich finden. Da muß die Frage auftauchen: Welche Wechselwirkungen bestehen hier zwischen Hysterie und Menstruation? Wirkt die Menstruation im einzelnen Falle triebauslösend, weil die Hysterie ein Grundfaktor der Konstitution ist, oder ist es die Hysterie, die so wirkt, weil die Menstruation solch verhängnisvolle, trieb verstärkende Hilfe leistet?

Wahrscheinlich ist es, daß das Geschlechtsleben in doppelter Richtung wirkt, hysterische Eigenart aufflammen läßt und mit ihr kombiniert den Stehltrieb anfacht. Diese Annahme wird um so wahrscheinlicher, als es ja nicht allein die Menstruation ist, die ursächlich angeschuldigt werden kann, wenngleich sie vornehmlich für die zeitliche Explosion und die eventuell periodische Wiederholung verantwortlich ist. Selbst Pilcz erwähnt schon, daß »in andern Fällen« der besondere Trieb der Kleptomanie als Äußerung einer Anomalie des Sexuallebens sich entpuppt und mit wollüstiger Erregung und Befriedigung einhergeht. Ich füge hinzu: »Nicht allein als Äußerung einer Anomalie des Sexuallebens, sondern auch des gesunden Sexuallebens.« Jedenfalls ist es bedeutungsschwer, daß, wie Kurt Boas Über Warenhausdiebinnen mit besonderer Berücksichtigung der sexuellen Motive. Groß-Archiv 1916, Bd. 65, Heft 3 und 4. erst neuerdings betont, der Warenhausdiebstahl ein typisch feminines Delikt ist, daß diese Diebinnen die Tat großenteils im Menstruationszustande begehen, und endlich großenteils hysterische Frauen sind. Sogar fetischistische Neigungen nach bestimmten Stoffen, z. B. Seide, soll mitsprechen können. Bald nach dem Diebstahl, noch im Warenhaus, wie de Clérambault mitteilt, wird der Seidenstoff zu onanistischen Manövern benutzt und an die Geschlechtsteile gepreßt. Also ganz andere, weit umfassendere Sexualgebiete sind bei der Tat mitbeteiligt, ja die Tat ist imstande, wollüstige Erregung und Befriedigung zu erwecken. Damit muß der Gedanke auftauchen, daß unterbewußte, latente Sexualvorstellungen, sei es von selbst entstanden, – hier wirkt lange, mit frustranen Erregungen einhergehende Brautzeit besonders verhängnisvoll –, sei es durch die Menstruation angefacht, an die Oberfläche kommen, die Hemmungen im Verein mit der Menstruation abschwächen und sich durch Ersatzhandlungen erledigen, bei denen erst die wollüstige Erregung auf ihren Ursprung weist. Diese auffallenden Strebungen werden ausgelöst durch sexuelle Empfindungen. Während letztere von dem vollkräftigen Nervensystem nur als innere Unruhe empfunden werden, wird das hysterische Grundnaturell tiefgreifend in Mitleidenschaft gezogen, in toto erotisiert und mit Spannung gesättigt, und nur eine Frage des Zufalls ist es, in welcher Richtung es sich entlädt.

Ein selten markantes Beispiel persönlicher Erfahrung, das anschaulich Stehltrieb, Kauftrieb, Pseudologia phantastica gemischt zeigt, ausgelöst von jahrelang gestauten, überstarken Sexualempfindungen, möge das Kapitel schließen:

Eine 26jährige Fabrikbesitzerstochter, erblich mittelschwer belastet, fällt schon in frühester Jugend durch eine üppig wuchernde Phantasie auf. Stundenlang kann sie sich mit den für sie Leben gewinnenden Gegenständen unterhalten. Später, in der Schule, zeigt sie sich lügnerisch, erzählt und schreibt ihren Freundinnen von Dingen, die nie geschehen sind, – von Bädern und vornehmen Hotels, in denen sie nie war, von vornehmen Personen, die sie nie kennenlernte, von opulenten Diners, mit allen erdenklichen Einzelheiten, die nie stattfanden. Ihrer Mutter schildert sie einen Sylvesterabend bei einer Freundin mit allen möglichen festlichen Einzelheiten, und dabei hatte sie einsam zu Hause gesessen. Ihre Schwester erhält eines Tages Kondolationen zum Heldentode ihres Bräutigams, und dabei war sie nie verlobt. Die Angeklagte hatte die phantastische Mär ersonnen. – Die Mutter empfängt Liquidationen eines Zahnarztes, den ihre Tochter in einem anderen Orte konsultiert hatte, für ihre Tochter mit der Signatur: Freiin von ... Dabei richtige Adresse. – Auf einer Reise lernt die Tochter einen Offizier Freiherrn von 0. kennen, der sich anscheinend für sie interessiert. Er fällt kurz darauf. Als Fräulein X. eines Tages in B. ist, schildert sie ihrer Mutter bis in jede Einzelheit, wie sie den Eltern des Offiziers begegnet wäre und von ihnen hofiert würde. Sie erzählt von vier gefallenen Söhnen der Familie, erzählt von einem Schlaganfall des Mannes, so daß sie ihn ständig pflege, erzählt von einer Fahrt zum Grabe des Sohnes. Alles erweist sich später als erlogen. Diese so geartete Dame aus besten Ständen, die auch in gesicherter Lebenslage sich befindet, erscheint wiederholt als Gräfin von B. in Juweliergeschäften, stiehlt verschiedene Gegenstände, verkauft sie weiter und kauft dafür törichte Sachen. Zwangsartig vollführt sie die Taten, erinnert sich ihrer durchaus, steht ihnen ratlos gegenüber, weiß nur, daß sie sich als Gräfin fühlte. – Die genauen Nachforschungen ergeben eine psychopathische Degeneration mit intellektuellem und moralischem Defekt und schwerer Hysterie, die sich auf diesem Boden entwickelte. Auch körperliche hysterische Stigmata fehlten nicht. Und die wahrscheinliche Ursache der hysterischen Wandlung?

Sexuelle Stauungen, die sich in den mannigfachen trieb- und zwangsartig sich äußernden Ersatzhandlungen äußerten.

Dieses Endurteil wurde überraschend bestätigt, indem die Angeklagte kurz nach der Verhandlung, während die Endentscheidung noch ausstand, einen neuen gleichartigen Diebstahl beging.

IV. Der Kauftrieb

Die Kaufsüchtigen – die Oniomanen –, die Kräpelin als letzte Kategorie des impulsiven Irreseins abhandelt, verdienen unsere Beachtung zunächst, weil es sich immer um Frauen handelt. »Immer«, sagt Kräpelin, und – immer, müßte auch ich nach der eigenen Erfahrung sagen. Nur müssen die »krankhaften Sammler« streng davon abgegrenzt werden, die doch auch »Kaufsüchtige« sind, und die ich vornehmlich unter Männern fand. Bei dieser Menschenkaste bestehen allerdings alle erdenklichen Übergänge: Der ernste Sammler, der bis an die Grenzen seiner pekuniären Leistungsmöglichkeit geht und um den Besitz leidenschaftlich ersehnter Dinge selbst darben mag; der ernste Sammler, der, von der Leidenschaft hingerissen, frohgemut Schulden macht; endlich der Sammler, der unsinnig viel Zeit und Geld einer Marotte opfert und – ohne sonstige moralische Schwächen auch zum Stehlen kommt. Oft genug ist schon manch Bibliomane in der Bibliothek zum Dieb geworden, zum Staunen der Öffentlichkeit, und nicht minder zum Staunen des Täters selbst. Hier sieht man, wie Kauf-, Stehl- und Sammeltrieb sich berühren. Wer aber selbst leidenschaftlich sammelt und in vielen Jahren auf Auktionen aus persönlicher Berührung mit Sammlern mannigfachster Kategorie Erfahrungen gewinnen durfte, wird zu größter Vorsicht in der Anwendung der Bezeichnung »krankhafter Sammler« raten Ferdinand Ries erzählt, daß ihm Beethoven die Symphonie in D in seiner eigenen Handschrift in Partitur schenkte, dieses wertvolle Manuskript wurde ihm »leider aus reiner Freundschaft« gestohlen. (Beethovens Persönlichkeit. Inselverlag, Bd. 1, S. 59.).

Anders ist es mit den Kaufsüchtigen in der pathologischen Bedeutung des Begriffes, d. h. wo das Triebhafte – der trotz immer wiederholter reumütiger Eingeständnisse und Versprechungen erneut Rückfällige – nicht anders kann. Zwei Frauen bieten mir hier markante Beispiele, beide in glänzender Vermögenslage. Die jüngere Frau überraschte ihren Mann immer von neuem durch Einkäufe der sinnlosen Art, daß sie von jedem Gegenstand, den sie brauchte, eine ungeheuerliche, niemals verwendbare Anzahl anschaffte. Aus einem Paar Handschuhe wurde ein Dutzend, aus einem Ring eine Anzahl Ringe, aus einem Teppich wurden mehrere, und vor allen Dingen kaufte sie Gegenstände, für die sie auch keine Verwendung hatte. Sie war erblich schwer belastet, von Haus aus imbezill, und bot viele hysterische Züge, verließ auch plötzlich Mann und Kinder, um mit ihrer Gesellschafterin zu leben, wahrscheinlich aus homosexueller Tendenz. In dem andern Falle lag kein geistiger Defekt vor, und doch blieb der Kauftrieb durch das ganze Leben, blieb unverändert, wie oft auch die Täterin Besserung gelobte. Ja selbst die gutgemeinte Absicht des Ehemanns, er wollte wenigstens von jedem neuen Kauf unterrichtet sein, um nicht immer wieder später unsanft an Zahlungsverpflichtungen gemahnt zu werden, mißlang durchaus. Selbst wenn die Frau einmal freimütig einen neuen unsinnigen Kauf bekannte, – Kredit hatte sie natürlich als Frau des bekannten reichen Mannes allenthalben unbegrenzt –, so stellte es sich später immer wieder heraus, daß sie nicht alles gebeichtet hatte.

Beide Fälle zeigen nicht das von Bleuler betonte »Besondere«, daß nämlich »die Kranken oft trotz guter Schule, Intelligenz, vollständig unfähig sind, anders zu denken, sich die unsinnigen Folgen ihres Handelns und die Möglichkeit, es nicht zu tun, vorzustellen. Sie fühlen also auch keinen Zwang, sondern handeln aus ihrer Natur heraus wie die Raupe, die Blätter frißt« Lehrbuch, S. 119.. Beide kannten die Unsinnigkeit ihres Kaufzwangs, kannten die Folgen ihres Handelns für ihren und ihres Gatten Namen und – wurden doch immer wieder rückfällig. Die eine Schwachsinnige wohl, weil der Schwachsinn keine ausreichenden Hemmungen gegen Triebhandlungen gestattete; die andere, weil eben der Trieb, übermächtig, wie er war, alle, selbst die stärksten Hemmungen durchbrach. Sexuelle Momente bestanden in beiden Fällen. Die Schwachsinnige neigte zu homosexuellen Tendenzen, die andere fühlte sich durch Lebensschicksale in ihrem Sexualempfinden als Frau schwer erschüttert. Ob und wie weit eine eingehendere Expertise die Bedeutung des Sexuallebens für die Tat festgestellt hätte, muß ich dahingestellt sein lassen, da zur Zeit meiner Beobachtung die Freudsche Lehre noch nicht unser Handeln mit beeinflußte.

V. Der Brandstiftungstrieb

In besonders zahlreichen und engen Beziehungen zur Hysterie steht der Brandstiftungstrieb. Das Studium des Geschlechtslebens Hysterischer darf nicht achtlos an dieser Triebhandlung vorübergehen, die in der Glanzzeit der Monomanienlehre eine Hauptrolle spielte. Die Beschäftigung mit dem Geschlechtsleben Hysterischer zwingt sogar zu eingehender Würdigung dieser Triebhandlung, denn die wissenschaftlichen Forscher aus vergangener und neuester Zeit sind zu der Erkenntnis vorgedrungen, daß die Hysterie in mannigfachen Beziehungen zum Brandstiftungstriebe steht und das Geschlechtsleben hierbei besonders beteiligt ist. Schon die ersten Verkünder der Lehre von der Pyromanie – Osiander und Henke Heinrich Többen, Beiträge zur Psychologie und Psychopathologie der Brandstifter, Springer, Berlin 1917. – verstanden darunter eine bei jugendlichen Individuen, besonders bei weiblichen während des Eintritts der Pubertät häufig auftretende Psychose, die sich in unwiderstehlicher Feuergier äußerte. Die Ursache dieser Feuerlust sollte in einer Affektion des Gehirns und unregelmäßiger körperlicher Entwicklung liegen. Wie hier nachdrücklich der Eintritt der Pubertät betont wird, das beweist die Mitbeteiligung des Geschlechtsapparates Selten plastisch und in feinsinnigster Menschenkenntnis schildert Frank Wedekind die seelischen Vorgänge bis zur Entspannung durch Brandstiftung im »Brand von Egliswyl« (»Feuerwerk«. Erzählungen. Georg Müllers Verlag, München).
»Die Marie machte leise das Fenster auf und machte es wieder zu. Dann gab es eine Stunde kein Wort. Und als ich von ihr ging, war sie noch ebenso, wie sie gewesen war, als ich zu ihr kam. Über die Felsen stürzte ich hinunter. Ich hatte kein Gefühl in Händen und Füßen. Und dann fühlte ich es hier oben, hier an der Kehle, als hätte ich einen Strick darum und würde gehenkt. Und vorn auf der Brust und im Rücken fühlte ich es, und dazwischen war es, als würde alles ausgerissen. Und vergiftet war ich in allen Adern, vom Fuß bis zum Kopf. Anfangs wollte ich mich ertränken, aber dann dachte ich: Nein, was denkt sie dann von mir! Was denkt sie dann von mir! – Sie hatte nicht geweint und nicht gelacht. Sie war wie zu Eis erfroren gewesen. Und dann dachte ich an die Amrain-Susanne, an die Veronika, an die Marianne. Die sind schuld, sagte ich mir, die sind schuld! – Es war nicht wahr, das weiß ich, aber ich sagte es mir so, und lief hin, die Straße von Egliswyl. Manchmal in der Anstalt ist es mir schon schlimm gewesen in den sieben Jahren, daß ich geheult habe und mich gekrümmt auf den Fliesen, bis sie mich eingesperrt haben, wo kein Licht und keine Luft ist. Aber dann dachte ich an jene Nacht zurück und sagte mir: sie mögen mit dir tun, wie sie wollen, Schlimmeres, als was du in jener Nacht erlitten, gibt es nicht auf Gottes Welt: und das hast du hinter dir. Hätte mich damals einer genommen und gebunden und über die Bank gelegt und geschlagen, ich hätte ihm dafür danken wollen. Aber da war niemand. Ich schrie und brüllte wie ein Tier im Schlachthaus, als ich über den Berg durch den Wald kam. Immer kam es wie Flammen über mich, immer brennender. Es war, als war ich in einem brennenden Haus. Zu den Fenstern, zu den Türen, wo ich hinsah, schlugen mir heiße Flammen ins Gesicht. Und unter mir glühte der Boden, wenn er schon gefroren war, daß ich stampfte und lief. So trieb es mich, anfangs wußte ich noch nicht, was tun, aber auf einmal ging es in mir auf. Und da wurde mir besser, aber ich rannte nur weiter fort, ich dachte, der Tag könnte vorher dämmern. Da sah ich nur noch Flammen und Flammen. Über mir in den Bäumen brauste es. Es war der Eiswind. Der kommt recht, sagte ich mir. Du mußt anfangen, wo der Wind herkommt, daß er es weiterträgt. Der Feuerweiher ist zugefroren, sagte ich mir. Das ist recht, das ist recht. Und als ich ans Dorf Egliswyl gekommen, da schlich ich links herum, weil von dort der Wind kam, und kroch in fünf Häuser außen unter das Strohdach und auf den Heuboden. Das dritte war dem Leser-Bauer sein Haus, und ich dachte an die Veronika, wenn sie nur mit verbrennt, und legte Feuer an. Dann lief ich zurück.«
. Auch Platner, der entweder eine krankhafte Idee oder instinktartige Antriebe zur Bekämpfung der Angst anschuldigt, spricht auch von einer in »Drängnissen des Blutes begründeten Niedergeschlagenheit«, will also doch wohl sexuelle Regungen irgendwelcher Art verstanden wissen. Vogel betont gleichfalls den großen Einfluß der Pubertätsentwicklung. Henke sieht die instinktmäßige Feuerlust durch unregelmäßige Entwicklung der Geschlechtstätigkeit bedingt.

Es ist hier nicht der Ort, die Monomanienlehre zu erörtern, sie ward für alle Ewigkeit begraben, und mit ihr die Pyromanie. Doch wenn sie auch aufhörte, eine isolierte Störung, ein spezieller Trieb zu sein, so blieb sie als ein gewissermaßen in Reinkultur gezüchtetes Symptom verschiedenartiger krankhafter Vorgänge bestehen; sie blieb auch als Willenshandlung aus normalpsychologischen Beweggründen durch Ineinandergreifen von Motiven und Gegenmotiven. Krankheitszustände, welche die Widerstandskraft gegen augenblickliche – »mitunter vielleicht sexuell betonte«, sagt Többen – Affekte verringern, Krankheitszustände, welche die Intelligenz stören und dadurch den Überblick über die Folgen des Tuns schmälern, – Ausnahmezustände, wie sie der akute und chronische Alkoholmißbrauch, Epilepsie, Hysterie, die Pubertät und Menstruation entstehen lassen, – endlich krankhafte Störungen der Geistestätigkeit. Kennzeichen für eine bestimmte Form der Geistesstörung ist die Pyromanie keinesfalls. Ebensogut wie im Brandstiftungstrieb, könnte die Geistesstörung sich in einem andern Verbrechen Luft machen. Jedenfalls sehen wir unter den ursächlichen, bzw. auslösenden Momenten auch die Hysterie und sehen auch die Geschlechtsphasen der Pubertät und Menstruation mit Nachdruck betont. Nicht verwunderlich ist daher der naheliegende Schluß, daß das Geschlechtsleben der Hysterischen verstärkt mitsprechen kann. Hoche fand »besonders körperliche Zustände, wie die Geschlechtsentwicklung, Menstruation, Schwangerschaft, häufig nachweisbar«. Kräpelin erwähnt auch die hysterischen Dämmerzustände und nennt die Menses vielfach bedeutungsvoll. Mönkemöller spricht nur von den dunklen Regungen des Geschlechtslebens, die sich in der Brandstiftung Luft machen, ohne daß dieser Zustand mit Sicherheit festgestellt werden kann, und die gleiche Annahme hält Többen für »nicht unwahrscheinlich«. Weygandt zählt die Hysterie deshalb zu den Grundursachen der verschiedensten »impulsiven Handlungen«, weil bei ihr »sich vielfach triebartige Regungen: Fortlaufen, Lügen, Stehlen usw., larvierter Sexualtrieb und triebartiges Tun findet«; und in den für den weiblichen Organismus verhängnisvollen Phasen der Gravidität, auch Menstruation und zu Beginn der Pubertät sah er Diebstähle, sinnlose Einkäufe, Schwindeleien, Lügen nicht selten.

Weiter noch als die genannten Autoren geht Aschaffenburg, wenn er Beziehungen zwischen Epilepsie, Brandstiftung, Mystizismus, Grausamkeit und sexueller Erregung annimmt. Endlich nimmt Schmidt sogar an, daß alle Brandstifter unmittelbar vor dem Verbrechen sich in einem psychologisch charakterisierten Zustand befinden, der als Libidostauung zu bezeichnen ist. Ein sicher viel zu weit gehender Schluß! Es kann also kein Zweifel bestehen, daß für den Brandstiftungstrieb, wie für impulsive Handlungen überhaupt, die Hysterie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, daß das Geschlechtsleben im weitesten Sinne als drängender Trieb, wie in seinen zeitweiligen Wandlungen zur Zeit der Pubertät, der Menstruation, der Gravidität wesentlich, vielleicht ausschlaggebend mitspricht, und daß somit das Geschlechtsleben der Hysterischen erst recht bedeutungsvoll sein muß. Wenn erst die Aufmerksamkeit mehr als bisher sich der Aufdeckung des Sexuallebens Hysterischer zugewendet haben wird, dürfte seine Rolle für die Entstehung impulsiver Handlungen erst besonders in die Erscheinung treten. Dabei soll der Brandstiftungstrieb als impulsive Handlung nach den differenzierenden Merkmalen Weygandts gewertet werden, d. h. er muß durch einen als einseitiges Motiv bewußt werdenden, unwiderstehlichen Trieb veranlaßt sein; die durch einseitige Richtung charakterisierte Handlung muß sich oft mannigfach wiederholen, es muß eine gewisse Plötzlichkeit in der Auslösung bestehen, es muß eine Art von Befriedigung und Entspannung nach vollbrachter Handlung erfolgen Dittrichs Handbuch, S. 216..

Bleuler Lehrbuch, S. 106. findet mit dem Ausdruck »impulsive Handlung« nur teilweise das gleiche bezeichnet, nur teilweise bezeichnet, daß alle Triebhandlungen das Gemeinsame haben, ohne Mithilfe der Überlegung und des zweckbewußten Willens abzulaufen, seien es verständliche »Affekthandlungen« bei Emotiven, seien es Handlungen, die durch innere, dem Subjekt selbst nicht genügend bewußte Motive bedingt sind, wie sie besonders bei Schizophrenen vorkommen. In den Monomanien findet Bleuler keine Krankheitstypen, sondern Syndrome, die nicht einmal als solche einheitlich sind. Den Trieb, Feuer anzulegen, findet er am häufigsten bei jungen Leuten, die sich in einer (subjektiv) unerträglichen Situation befinden, vor allem bei halbwüchsigen Dienstmädchen, die aus der eigenen Familie herausgerissen, am neuen Ort keinen Gefühlsanschluß finden können. Die Brandstiftung wird trotz des Triebartigen in bezug auf die Hauptsache: das Brandstiftenwollen, ganz überlegt, oft mit einem gewissen Raffinement durchgeführt, so daß manche nicht gleich entdeckt werden. In solchen Fällen handelt es sich meist um ein einmaliges Verbrechen, doch können auch mehrfache, ja vielfache Wiederholungen vorkommen. Die Täter wissen in der Regel keinen genügenden Grund anzugeben, wenn nicht der Richter einen in sie hineinexaminiert. Die Tat war so wenig ihre eigene, daß sie, auch wenn sie sonst moralisch sind, nicht einmal ein richtiges Bedauern aufbringen. Die nächstliegende Erklärung ist die, daß sie durch Anzünden des Hauses, in dem es ihnen nicht zum Aushalten ist, eine Veränderung erzwingen wollen. Abgesehen davon, daß es dazu auch viele andere Mittel gäbe, läßt sich die Erklärung auch nicht in allen Fällen anwenden, z. B. wo Häuser Fremder angezündet werden. Bleuler l. c. S. 417/418. unterläßt es nun nicht, ausdrücklich zu erwähnen, daß bei einzelnen die unerträgliche Situation in einem sexuellen Verhältnis oder in unglücklichen sexuellen Aspirationen liegt, bei andern durch Feueranlegen oder bei Ansehen des Feuers direkt sexuelle Erregungen ausgelöst werden. Diese Disposition schafft jedenfalls auch die Menstruation. Wenn auch triebartige Brandstiftungen auf dem Boden der Hysterie nur selten vorkommen, bemerkenswert ist es doch; daß Mönkemöller unter 221 als pathologisch bezeichneten Fällen 18 mal Hysterie feststellte, und die dankenswerte Übersichtsaufstellung Többens l. c. über Literatur, Kasuistik und eigene Erfahrung erweist sich als ungemein lehrreich. So sah ein 12jähriges hysterisches Mädchen den Teufel und hörte eine Stimme, die ihr befahl, Feuer anzulegen. Sie hatte die Sucht, stets die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Kraus berichtet über ein 13jähriges hysterisches Mädchen, das 16 Brandstiftungen vollführte und vorher Drohbriefe schrieb. Jolly teilt ebenfalls einen einschlägigen Fall mit. Arndt erzählt von einem hysterischen Dienstmädchen, das seiner Herrin angst gemacht hatte, es werde einmal in einem geschlossenen Ascheimer Feuer entstehen, was diese für unmöglich erklärte. Darauf legte sie selbst Feuer an. Rosenblatt erwähnt anonyme Branddrohbriefe, die ein Bauermädchen vor der Tat geschrieben hat. Ziemke berichtet über eine an Hystero-Epilepsie leidende Brandstifterin, Berg über einen Fall von hysterischer Lethargie bei einer 20jährigen Brandstifterin, die dreimal Feuer anlegte, v. Wagner weist auf die Bedeutung des Traumlebens für den Brandstiftungstrieb, auf Feuerträume, die mit Lustgefühlen und Pollutionen einhergehen, hin. Kroemer berichtet über eine 16jährige hysterische Brandstifterin, die vor dem Eintritt der Pubertät und ohne nähere Beweggründe die Tat ausführte. Rousseau berichtet über ein 16jähriges hysterisches Mädchen, das zweimal Brand stiftete, und beide Brände fielen mit der ersten und zweiten Menstruation zusammen. Herold teilt zwei Fälle von Brandstiftung bei Hysterischen mit. Selbst in den Sinnestäuschungen der Hysterischen spielt das Feuer eine gewisse Rolle. Mönkemöller erwähnt, daß die Täter, wenn die Tat im hysterischen Dämmerzustand erfolgte, später über die Tat keinen Aufschluß geben können Többen, S. 30..

Eine ganz besonders instruktive Beobachtung teilt Burgl mit S. 219.. Es handelt sich um mehrmalige Brandstiftung im eigenen Hause infolge von Angstzuständen und schreckhaften Halluzinationen im hysterischen Delir als impulsive Handlungen durch eine 23jährige Fabrikbesitzerstochter. Auffälligkeiten des Charakters waren erst zwei Jahre zuvor bei einer Erkrankung der Mutter aufgefallen, welche die Täterin in aufopferndster Weise gepflegt hatte, wobei sie außerordentlich rücksichtslos und launenhaft behandelt wurde. Sie bekam später einen Anfall von Bewußtlosigkeit, und von da an begannen eigentümliche Charakterveränderungen. Während sie vorher voll Pietät und Anhänglichkeit gegen die Mutter gewesen war, fing sie an, der Mutter zu widersprechen und grob gegen sie zu werden, so daß es zu den gemeinsten wechselseitigen Schimpfreden und sonstigen Auftritten kam. Bei der Mutter traten alle möglichen »Einbildungen« auf, namentlich ein förmlicher Haß gegen die Tochter und eine Art fixer Idee, sie herunterzusetzen. Die Tochter ihrerseits wurde ebenfalls in hohem Grade reizbar. Machte man ihr Vorstellungen, so gab es furchtbare Auftritte, nach welchen sie zweimal Selbstmordversuche machte. Sie verfiel später häufig in eine Art Tobsucht, schmähte auch den Vater, grüßte ihn nicht mehr und setzte sich nicht mehr an den Familientisch. Sie bekam auch allerlei Einbildungen. Dazu kam der Rücktritt ihres Bräutigams, vielleicht auch der Alkohol, dem sie fleißig zusprach. Im Untersuchungsgefängnis hatte sie zahlreiche hysterische Anfälle, und zwar in der Form des hysterischen Dämmerzustandes. Hierbei kamen impulsive Handlungen vor; so wollte sie einer Mitgefangenen die Haare abschneiden, und als diese sich wehrte, schnitt sie ihren eigenen Zopf ab. Sie delirierte auch stark. Burgl kam auf Grund der Tatsache, daß die Täterin an ausgesprochener Hysterie litt, wiederholt von vorübergehender Geistesstörung in Form von halluzinatorischer Verwirrtheit und traumhafter Bewußtseinseinengung heimgesucht wurde und wird und in diesen Zuständen zu impulsiven oder triebhaften Handlungen neigte (Zopfabschneiden, Versuche, sich die Adern zu öffnen, sich aufzuhängen), zu der Annahme, daß die Täterin, da jedes vernünftige Motiv für die Brandstiftung fehlte, die Tat als sogenannte Triebhandlung in einem Zustand vorübergehender Geistesstörung auf hysterischer Basis verübt hatte.

Noch schärfer tritt der mögliche Zusammenhang von Erotik und Brandstiftungsdrang in der folgenden Beobachtung zutage:

Eine geistig hochstehende Frau der guten Gesellschaft steckt eines Tages ihr eigenes Haus an, das bis auf die Grundmauern niederbrennt. In raffinierter Vorbereitung der Tat hatte sie zunächst ihr solides Dienstmädchen unter einem Vorwande fortgeschickt. Kaum hatte das Mädchen das Haus verlassen, ging sie auf den Boden und steckte dort einen Haufen Holzwolle in Brand. Als der nichts Gutes ahnende Mann ihr nacheilte, wurde er noch verhöhnt und in seinen Löschversuchen behindert, so daß der alte weißbärtige Herr sich Kopfhaar und Bart versengte. Obwohl die Täterin wußte, daß in ihrem Hause eine 75jährige, fast taube Frau zur Miete wohnte, traf sie keine Anstalten zu deren Rettung, ja sie drohte deren Dienstmädchen, das in der Nähe spazieren ging und auf den Feuerschein heimgeeilt war, einen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten, wenn sie die Wohnung ihrer Herrin betreten sollte. Die alte Dame wurde schließlich über die brennende Haustreppe gerettet, ihre Möbel verbrannten.

Das Gericht nahm geistige Umnachtung an und sprach die Täterin frei. Hysterische Anfälle hatten schon seit Jahren bestanden. Eine Ertrinkungsszene in der Badeanstalt hatte auch einst stark hysterische Theatralik. Die Frau war erst weit in den See hinausgeschwommen, hatte dann um Hilfe gerufen, und als sie mit Boot ans Ufer gebracht wurde, dort im Badeanzuge etwa eine Stunde frierend auf dem Sande gelegen. Beim Eintreffen des Arztes reagierte sie nicht auf Anruf, atmete aber ruhig und weigerte sich doch aufzustehen, so daß sie mit Sanitätern ins Krankenhaus geschafft werden mußte. Hier scherzte sie wenige Stunden später, als ob nichts geschehen wäre und verließ, ohne den Arzt zu benachrichtigen, am selben Tage das Krankenhaus.

Verheiratet mit einem weit älteren Manne, fühlte sie oft Neigung zu anderen Männern. Gern betätigte sie sich in der Öffentlichkeit. Nach der Tat bewegte sie sich überall, als wäre nichts vorgefallen, ließ sich auch nicht durch die lebhafte Nachrede beirren. Mit Tatkraft betrieb sie selbst den Wiederaufbau des Hauses. Mit mehr als auffallender Ungeniertheit führte sie sogar am Tage nach der Tat ihren Arzt durch die Trümmer.

Auf Grund der geschilderten Beobachtungen haben wir allen Grund, das Geschlechtsleben im weitesten Sinne, mit der überreich zuströmenden Fülle von erotisierenden Empfindungen, bei impulsiver Brandstiftung hysterischer Täter eingehend zu würdigen.

VI. Furcht und Angst

Immer neue Wechselwirkungen zwischen Geschlechtsleben und Psyche sehen wir auftauchen, Vorstellungen auslösend und umformend, sittliche Hemmungen ins Wanken bringend und durchbrechend. Nicht verwunderlich, daß auch Empfindungen und Affekte gleich stark beeinflußt werden. Furcht und Angst, die beide gewöhnlich als Gradweiser verschiedener emotioneller Zustände des peinlichen Erwartungszustandes angesehen werden Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen. Wiesbaden 1899., nennt Stekel Äußerungen eines Triebes, des Lebenstriebes. Nur nennt er die Angst »Produkt der sogenannten Verdrängung« und bezeichnet es als merkwürdige Beobachtung, daß Angstgefühle sich so häufig mit sexuellen Lustempfindungen kombinieren können. Was ist nun natürlicher, als in solchen sexuellen Erregungen eine Ablenkung der Angst zu erblicken, wie es Janet tut? Jeder Schüler, jeder Examenskandidat, der in stundenlanger Affektspannung eine vorgeschriebene Zahl von Aufgaben lösen muß, kennt die langsam einschleichende und übermäßig wachsende sexuelle Spannung, die erst mit der Pollution sich löst und das Denken frei macht. Freud sieht deshalb in der sexuell erregenden Wirkung mancher an sich unlustigen Affekte, des Ängstigens, Schauderns, Grausens die Erklärung dafür, daß so viele Menschen solchen Sensationen nachjagen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Wien 1905..

In diesem Abströmen des gesteigerten Affektes auf die Genitalsphäre und in seiner Umsetzung in Lustgefühle mag auch die ungeheuerlich anmutende Tatsache begründet sein, daß zu Sensationsprozessen die Frauenwelt mit Vorliebe zuströmt. Ihr keusches Ohr scheint durch die Vorgänge im Gerichtssaal, oft Szenen von nicht zu überbietender drastischer und widerlicher Deutlichkeit, kaum berührt zu werden. Ja, man kann getrost sagen, daß das Interesse des weiblichen Zuhörertums um so größer ist, je offener, deutlicher, ungeschminkter sexuelle Vorgänge erörtert werden. Das angeblich so empfindliche Schamgefühl der Frau scheint hierbei nicht anzusprechen und, falls es sich regen sollte, durch die animalischen Erregungsmomente der Neugier, des Sensationsfiebers, der Lüsternheit, des Grausens betäubt zu werden. Anders ist es wenigstens nicht zu verstehen, daß selbst bei Ausschluß der Öffentlichkeit die Frauen am widerwilligsten, am unwilligsten den Saal räumen. Wie wenig nach solchen Erfahrungen die angebliche Feinempfindlichkeit des weiblichen Schamgefühls geschützt zu werden braucht, wie wenig es überhaupt noch berücksichtigt wird, lehrt die eindeutige Begründung, mit der ein Budapester Verhandlungsleiter den beantragten Ausschluß der Öffentlichkeit bei einer Verhandlung wegen Sittlichkeitsverbrechens abwies.

»Da sich die anwesenden Damen bis jetzt nicht veranlaßt sahen, den Saal zu räumen, so sieht das Gericht keinen Grund, ihr Schamgefühl zu schonen und die Öffentlichkeit auszuschließen.«

Und die Wirkung dieser Worte? Die Mehrzahl blieb sitzen. Auch im Mordprozeß Chiffariello sagte der Verhandlungsleiter:

»Meine Damen, wer von Ihnen keusche Ohren hat, ist gebeten, sich zu entfernen.«

Keine ging. Karabinieri mußten erst in dreiviertelstündigem Kampfe sie entfernen Berliner Tageblatt, 27. Mai 1908..

Die Dramen des Lebens, die vor dem Schwurgericht enden, werden eben interessanter empfunden als die der Bühne. Sie werden in der Presse mit einer Gier verfolgt, die an die krankhafte Neugier der Zirkusschauer alter Jahrhunderte erinnert, denen die Qualen armer Opfer zum Genusse wurde. Wenn wir auf das bewundernde Begaffen physischer Schmerzen verzichten und uns an der Erörterung moralischer Qualen genügen lassen, so geschieht es nur, wie Scipio Sighele Hardens »Zukunft«. 4. Juli 1908. meint, weil wir uns einreden, zivilisierter zu sein. Heute z. B. wären wir nicht imstande, zuckende, im Schmerze der Agonie sich windende Körper anzusehen, wie es lachend und mit Vergnügen die römischen Matronen taten; dafür reizt uns die Betrachtung der psychischen Verzerrungen, der Qualen und Martern, der Hilflosigkeit, der Heuchelei und Falschheit einer Verbrecherseele, und wir entblöden uns nicht, aus Zeitungsberichten und Büchern, die wie mit einem Bistouri kalt und gefühllos in die verborgensten Tiefen des Verbrecherlebens eindringen, nicht nur unsere Neugier zu befriedigen, sondern auch eine ganz besondere, katzenartige Gemütsbewegung daraus zu schöpfen. Kraus Karl Kraus, Sittlichkeit und Kriminalität. Rosner. Wien und Leipzig. 1808. Bd. 1. »Der Hexenprozeß von Leoben«. spricht sogar von einer unerhörten Vervollkommnung, welche die Technik des Hexenprozesses durch die Erfindung der journalistischen Schwarzkunst erfahren hat. »Durften die Folterwerkzeuge bloß Geständnisse herauspressen, so dient die Druckmaschine der Verbreitung jener schmerzlichen Fragen, die als Eingriff in die privateste Sphäre einer Frau Sinn und Wirkung verfehlten, wenn sie bloß vom Richter zum Angeklagten gesprochen wären. Durch tausend Zeitungsberichte einer Welt voll Bosheit kundgemacht, wiegen sie wohl die Qual ›unter die Arme gebrannter Schwefelfedern‹; auf. Ja, so sehr, daß die arme Sünderin ›nicht anders gemeinet, sie würde bleiben, und das Herz ersticken ...‹;.«

Also eine tatsächliche Ablenkung! Doch Stekel Wilhelm Stekel, »Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung«. 2. Aufl. Urban und Schwarzenberg. Berlin-Wien. 1912. befriedigt diese Erklärung nicht, er sieht hier schon die Erkenntnis aufdämmern, daß zwischen dem Geschlechtstrieb und der Angst gewisse intime Zusammenhänge existieren müssen. In jedem Falle ist dieses Abströmen des Angstaffektes zum Geschlechtsapparat sicher. Und wenn Stekel hierin »die Wiederholung infantiler, lustbetonter Erlebnisse« sieht, so liegt zu solcher Annahme zwar kein zwingender Grund vor, doch läßt sie sich auch nicht bestreiten. Während man getrost sagen kann, daß die vielfältigen Verbindungsmöglichkeiten von Nervensystem und Geschlechtsapparat ein derartiges Abströmen eines Angstaffektes nach dem Geschlechtsapparat und örtliche Reizsteigerung erleichtern und erklärlich machen, läßt sich natürlich auch gegen die Auffassung nichts einwenden, daß gerade dieser Weg der Ableitung und die Stromrichtung durch ständige Wiederholung besonders ausgeschliffen wird, so daß ein Angstaffekt aus diesem Grunde besonders leicht diese Richtung nimmt. Umgekehrt aber kann der unterdrückte, gestaute Geschlechtstrieb sich zur Angst umwandeln.

Während wir seit lange im Koitus interruptus, also in einem nicht zur vollen Auslösung gekommenen Beischlafsakt, solch ein ursächliches Moment sehen, betrachtet der Jünger Freuds, Stekel, die Angst als »die Reaktion gegen die Verdrängung des Todestriebes, entstanden durch die Unterdrückung des Geschlechtstriebes«. »Jede Angst ist in letzter Linie Angst vor der Vernichtung des Ich, – also Todesangst. Jede Angst ist die Angst vor sich selbst, d. h. vor den kriminellen Regungen im eignen Innern. Auch der Todeswunsch (das Verlangen nach einem Selbstmord) tritt als Angst auf.«

Natürlich kann der Freudianer sich daran nicht genügen lassen, nicht an unterdrückten oder nicht ganz erledigten organischen Empfindungen, sondern die Angstgefühle müssen unterdrückten sexuellen Wünschen entsprechen, ja sogar unbewußten kriminellen Regungen. Von dieser Interpretation fürchtet Stekel schon selbst, daß sie »dunkel und verworren klingen« mag. Wir sehen nur, daß tatsächlich Zusammenhänge zwischen Sexualität und Angstgefühl einfach in dem Sinne gedeutet werden, daß erstere die Ursache des letzteren sei, und daß einzelne unbestreitbare Deutungsmöglichkeiten solchen Zusammenhangs zum Dogma werden. Der unterbrochene Geschlechtsakt wird zum andauernd unterdrückten sexuellen Wunsch, ja zur unbewußten kriminellen Regung. Die eigene Erfahrung lehrte mich nur, daß die mannigfachsten Angstzustände vornehmlich bei Frauen auftauchen, deren sexuelle Neigungen nicht oder nicht in vollem Maße erwidert wurden. Teils Impotenz des Mannes, teils unzulängliche Potenz, teils absichtliche Unterbrechung des Koitus, teils Fehlen jeder sexuellen Befriedigung lassen sich feststellen, und dieses zeitliche Neben- und Nacheinander scheint die Auffassung von der sexuellen Ätiologie der Angstgefühle zu verstärken. Vollgültig wäre der Beweis, wenn tatsächliche sexuelle Befriedigung in dem erwarteten Umfange die Angst zum Schweigen brächte. Leider läßt sich dieser Beweis oft genug nicht erbringen, weil eben die ärztlichen Änderungsmöglichkeiten oft genug an nicht wandelbaren Lebenstatsachen scheitern. Sicher aber ist es, daß gerade hysterische Frauen unter den genannten sexuellen Abweichungen besonders leicht leiden und mit besonderer Angst reagieren. Es dürfte auch wohl nicht ein Zufall sein, daß Menschen mit Platzangst, mit Abasie und Astasie oft Frauen sind und gleich oft unter gehemmten Befriedigungsmöglichkeiten leiden.

Solche in irgendwelcher Weise sexuell bedingten und geweckten Angstgefühle können auch schwere Ekelempfindungen bis zu häufigem Brechreiz auslösen. Ein markantes Beispiel lieferte mir ein vollkräftiger, sexuell voll leistungsfähiger Ehemann, der von einer kurzdauernden Hochzeitsreise mit unüberwindlicher Abneigung gegen die Gattin heimkehrte, mit dem rechten Arm hysterische Schüttelbewegungen machte und häufig Brechattacken bekam. Schon wenn man von der Gattin sprach, verstärkte sich die Erscheinung auffallend und wurde hochgradig, je mehr er sich auf dem Heimweg der Wohnung näherte. Dabei trat ihm Angstschweiß auf die Stirn. Auf einfache Suggestion und – wirksamer noch – auf hypnotische Beeinflussung schwanden alle Erscheinungen sofort, kehrten aber immer nach einem Zusammensein mit der Gattin zurück, ja führten bei Gelegenheit zu Erbrechen. Letzteres geschah, obschon jeder sexuelle Verkehr ärztlicherseits verboten war, und auch keinerlei Beziehungen gefordert wurden. Daß diese krankhaften Erscheinungen, während der Hochzeitsreise entstanden, in irgendwelchen mit den ersten geschlechtlichen Beziehungen verbundenen psychischen Einwirkungen ursächlich verankert sein mußten, war klar, doch gelang es lange Zeit nicht, die wahre Ursache festzustellen. Der Mann versicherte nur seine unüberwindliche Abneigung gegen die Gattin, ohne sie näher zu motivieren. Jede Mahnung, diese Abneigung durch freundschaftlichere Gestaltung des persönlichen Verkehrs zu überwinden, scheiterte. Selbst wenn der Patient auf mein Geheiß der Frau auch nur die Hand zu reichen suchte, tat er es in fast negativistischer Art, bekam hierbei starken Schweißausbruch, lebhaften Puls und Angstgefühle. Auf alle Fragen, ob an der Frau seelische oder körperliche Erscheinungen sich fänden, die Ekel auslösten, blieb er stumm, bis endlich durch einen Zufall die auslösende Ursache klar wurde. Die junge Frau hatte schon in der Hochzeitsnacht normale geschlechtliche Beziehungen nur widerwillig geduldet, Perversitäten gefordert und persönlich die raffinierteste Minettechnik entfaltet. Dieses dirnenhafte, eindeutig auf hinreichende Schulung hinweisende Gebaren hatte als seelisches Chokmoment nachhaltig hemmend gewirkt und sich in all die hysterischen Erscheinungen umgesetzt, vor allem in Ekel mit Brechreiz. Es verschwand restlos, brüsk mit dem Augenblick, wo ich jeden Neukettungsversuch des Paares als aussichtslos aufgab und die Scheidung für berechtigt erklärte.

Es bestanden also seelisch erschütternde, stark affektbetonte Vorstellungen, die aus Scheu lange Zeit verdrängt waren, und da die Ekelgefühle, wie Stekel meint, »auf einer sehr ausgefahrenen Bahn in Brechneigung und Erbrechen konvertiert« werden, so führt auch hier das durch das sexuelle Erlebnis geweckte Ekelgefühl zum Brechreiz, bis – der eingeklemmte Affekt gelöst war. Es ist also ein Konflikt zwischen Libido und Ekel. Stekel meint sogar, daß Hysterische »zugrunde gehen, falls sie den Konflikt zwischen Libido und Ekel nicht lösen können, und ihr entwickelter Geschlechtstrieb keine Betätigung findet« l. c. S. 86.. Er wünscht, daß man in jedem Falle von nervösem Erbrechen nach einer Angstneurose oder nach Hysterie forsche, man komme dann immer auf sexuelle Schädlichkeiten, auf tiefe Verdrängungen, auf unbewußte Ekelvorstellungen.

Hierbei mag die interessante Tatsache erwähnt werden, daß Spinoza in dem physischen Ekel die Hauptursache der sexuellen Eifersucht sieht. »Denn wer sich vorstellt, daß eine Frau, die er liebt, sich einem andern preisgibt, wird nicht nur Unlust empfinden, weil sein Verlangen gehemmt wird, sondern er verabscheut auch diese Frau, weil er gezwungen wird, die Vorstellungen der Geliebten mit den geheimen Körperteilen und Exkrementen eines andern zu verbinden« Müller-Lyer, Phasen der Liebe. Langen, München 1913, S. 51..

Fälle von Magendruck mit Ekelgefühlen sah Stekel bei Angstneurosen sehr häufig. Diagnostische Schwierigkeiten ergaben sich nur, wenn die eigentlichen Angstgefühle fehlten und das Erbrechen als Angstäquivalent auftrat. Das war namentlich der Fall, wenn die Sexualabneigung über den Sexualdrang siegte. Stekel faßt eben den psychischen Konflikt, unter dem die meisten Neurotiker leiden, als einen heftigen Kampf auf zwischen dem vom Unbewußten herandrängenden Sexualtriebe und der durch Hemmungsvorstellungen des Bewußtseins erschwerten Sexualabneigung. Wo letzteres einen sehr hohen Affektwert erlangt, kommt es zu »nervösem Erbrechen«. Ein Beispiel mit deutlich hysterischen Zügen ist sein Fall 41 l. c. S. 92..

»36jähriger Herr, der täglich nach dem Mittag von heftigen Schmerzen befallen wird. Die Schmerzen werden nicht besser, ehe er den Finger in den Mund gesteckt und die ganze Mahlzeit erbrochen hat. Manchmal kommt das Erbrechen auch spontan. Er hat gegen das Übel fast alle bedeutenden Ärzte und Professoren Wiens konsultiert, entsprechend alle möglichen Medikamente versucht. Es ist ganz belanglos, was er ißt, er erbricht alles. Bei der Anamnese ergab sich, daß Patient nie mittags zu Hause speiste, trotzdem er seit drei Jahren verheiratet war. Angeblich hätte er immer außerhalb des Hauses zu tun und esse gerade, wo es ihm bequem sei. Das war Stekel sehr verdächtig. Er schlußfolgerte, die Ehe müßte eine sehr unglückliche sein, denn sonst würde der Mann, wie viele andere Männer, gern nach Haus kommen, um den Vorteil einer Hausmannskost zu genießen. Vorsichtige Nachforschungen ergaben nun tatsächlich eine unglückliche Ehe, ergaben auch weiter, daß Patient seine Frau bereits einige Male auf unlauteren Wegen ertappt hatte, belastende Briefe gefunden, Geständnisse zweier Liebhaber gehört hatte. Während seiner beruflichen Reisen verfolgte ihn immer der Gedanke: während du hier arbeitest, betrügt dich deine Frau. Als Stekel es nun als begreiflich erklärte, daß Patient nicht zu Haus essen wollte, doch als nicht verständlich, wie er überhaupt mit seiner Frau leben könnte, bekam er folgende Antwort: ›Ich habe sie auch vor zirka drei Monaten, als ich auf die letzte Liebschaft gekommen bin, davongejagt, Sie stand aber weinend vor der Tür und flehte um Einlaß. Sie versprach, sich zu bessern, da habe ich sie aus Mitleid aufgenommen.‹; Eine Besserung sei aber ausgeschlossen. Patient erklärt sich für überzeugt, daß er sie demnächst wieder erwischt. Sie sei zu dumm und zu sinnlich. Jetzt erschien es Stekel klar, daß das Erbrechen irgendwelchen Zusammenhang mit seiner Ehe haben müßte, daß es sich um verdrängte Vorstellungen, sexuelle Abwehrsymptome handeln müßte. In diesem Falle konnte es nur der Ekel vor der eigenen Frau sein. Einige Punkte des Ehelebens bedurften aber noch der Aufklärung. So ergab sich, daß die Frau immer mit ihm zärtlich sein und ihn küssen wollte, Patient ließ sich aber nicht berühren und schrie sie an: ›Rühre mich nicht an, mich ekelt vor dir, du bist eine Hure.‹; Als nun Stekel direkt fragt: Haben Sie diese drei Monate mit ihr geschlechtlich verkehrt?, wird Patient sichtlich verlegen und zögert einen Moment lang mit der Antwort. Ein leises Erröten zieht über sein blasses Gesicht. Schließlich sagt er: ›Ich muß Ihnen doch in allen Stücken die Wahrheit sagen, ich verkehre fast täglich mit ihr. Oft sage ich ihr, du bist doch mir eine ganz gewöhnliche Dirne.‹; Die weitere Analyse ergab, daß Patient zu jenen Menschen gehörte, bei denen ein voller Magen heftige Libido hervorruft. Der Alkohol beim Essen wirkt noch verstärkend. Eine Fremde will er nicht aufsuchen, vor der eigenen Frau ekelt er sich. Stekel konstatiert nun die Vorstellung ›sie liegt ihm im Magen‹; für Symptom des Magendrucks und des Schmerzes. Was soll Patient da machen? Er erinnert sich (unbewußt) an jene einmalig im Monat auftretenden Anfälle von Migräne, die nach dem Erbrechen besser werden, und so trachtet er, die Speisen loszuwerden, die seine Sexualempfindungen geweckt haben, der Ekel vor seiner Frau verwandelt sich in Ekel vor den Speisen. Stekel wittert dann noch eine Perversion dahinter, (Fellatio), und diese Vermutung bestätigt sich. Patient fürchtet als Luetiker eine kranke Nachkommenschaft. Für Stekel trägt dieser Fall einen hysterischen Stempel. Er wünscht, daß in jedem Fall von nervösem Erbrechen nach einer Angstneurose oder nach Hysterie geforscht werde.«

Nicht minder lehrreich ist ein Fall Sadgers »Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal der Tochter.« In Archiv f. Frauenkunde und Eugenetik. 1914. I. Bd. 3. Heft, Seite 331.:

»Im Ambulatorium eines Krankenhauses erscheint eine verspätet eingetroffene Hysterika, die seit vier Monaten alle Nahrung erbricht, und so schon 10 Kilogramm abgenommen hat. Da Sadger keine Zeit mehr hatte, fragte er die Kranke nur: ›Haben Sie morgen Zeit?‹; ›Ja.‹; ›Dann bitte kommen Sie morgen um 12 Uhr, da will ich Sie vornehmen.‹; Sonst wurde nichts weiter zwischen Arzt und Patientin gesprochen, wie man sieht, keine Spur von Suggestion oder sonstiger Beeinflussung, nur die bloße Ankündigung, Sadger würde sie am nächsten Tage vornehmen. Als da die Patientin wieder erschien, berichtete sie, gestern wäre sie sehr beruhigt nach Haus gegangen, hätte dort gegessen und zum erstenmal wieder alles behalten. Also eine wahrhaftige Wunderheilung! Die folgende psycho-analytische Behandlung deckte den Zusammenhang restlos auf. In Bartform, Haarfarbe und Schnitt des Gesichts ähnelte Sadger ihrem vor 16 Jahren verstorbenen Vater, dessen Lieblingstochter sie gewesen, und an dem sie mit großer Zärtlichkeit gehangen hatte. Auch ihrem hysterischen Erbrechen lag die Erinnerung an ihren Vater zugrunde. Als Sadger, der dem Verblichenen teilweise glich, ihr die Verheißung gab, sie am nächsten Tag vornehmen zu wollen, da hatte sie die Erfüllung eines alten Kinderwunsches. Sie übertrug jetzt auf mich – also Liebe auf den ersten Blick – und war, was am verblüffendsten wirkte, auf der Stelle geheilt, wenn auch natürlich nur vorübergehend.«

Warum hier nun gerade die Ähnlichkeit mit dem Vater so wunderheilend gewirkt haben soll, warum die Verheißung, sie am nächsten Tage vornehmen zu wollen, die Erfüllung eines alten Kinderwunsches brachte, warum die gegebene Verheißung seitens des ihrem Vater ähnelnden Arztes sofort zur Übertragung der »Liebe auf den ersten Blick« geführt haben soll, kann wohl nur ein Psycho-Analytiker restlos begreifen. Mir würde es als Heilfaktor genügen, daß ein Arzt eine seit vier Monaten alle Nahrung erbrechende und stark abgemagerte Patientin noch wegzuschicken wagte. Das muß der Patientin nachdrücklich vor Augen führen, daß der Arzt keine Gefahr wittert, sicherlich keine augenblickliche, wie sie wohl annimmt. Das kann schon als übermächtige Wachsuggestion gewirkt haben. Wenn nun zufällig der Arzt dem Vater der Patientin ähnelt, wird sein Wort um so leichter haften geblieben sein. Warum die Hysterika aber aus dem Worte »vornehmen« noch sexuelle Wunscherfüllungen herausgelesen haben soll, und warum dieses Wort verdrängte Kindheitswünsche aufflammen ließ, begreift eben der gewöhnliche Sterbliche nicht, zumal er solche Kindheitswünsche noch anzweifeln, zum mindesten mit einem großen Fragezeichen versehen muß.

Sehen wir von den Übertreibungen in der Ausdeutung ab, so bleibt als Tatsache, daß neben den eigentlich sexuellen Erlebnissen sicherlich Ekelgefühle am häufigsten unterdrückt werden. Gelegenheit dazu ist in der Kindheit besonders gegeben, obwohl die Ekelempfindung sich erst spät entwickelt. Sie wird aber in der Kindheit täglich unterdrückt! »Das Kind muß essen, wovor ihm ekelt, es muß neben Kameraden sitzen, vor denen ihm ekelt, es muß sich von Erwachsenen, die ihm Ekel erregen, liebkosen lassen, und hunderterlei mehr« Hellpach, l. c. S. 378.. In den Schichten niedrigster Lebenshaltung ist der Ekel, auch der geschlechtliche Ekel, auf ein Minimum beschränkt, wächst aber bis zur Überempfindlichkeit in den sozial höherstehenden Schichten. Hier bietet er also eine Überfülle an Verdrängungsmöglichkeiten.

Nicht anders steht es mit den Zwangsgedanken, Zwangshandlungen. So pflegte eine junge Frau meiner Klientel, die eine konventionelle Ehe mit einem alten Manne allein zur Versorgung schloß, die unsinnigsten, ihrer Denkweise zuwiderlaufenden Schimpfworte auf den Kaiser auszusprechen, obwohl sie wußte, daß sie damit sich schwer gefährdete. Dieselbe Frau pflegt sich als Täterin jeder Mordtat zu fühlen, die sie in der Zeitung liest, pflegt sie bis in jede Einzelheit zu zergliedern und sich damit zu martern, ja sogar sich der Behörde als Täterin zu denunzieren. Eine andere Frau muß jedes Geschäft, das sie betritt, in einem andern Kostüm aufsuchen, fährt daher, selbst wenn die Geschäfte nebeneinander liegen, immer wieder den weiten Weg zu ihrer Wohnung zurück, um die Kleidung zu wechseln. Immer handelt es sich, wenigstens nach meinen Erfahrungen, um Frauen, deren Sexualleben unbefriedigt blieb, und die Vermutung liegt nahe, daß hier unterbewußte, verdrängte Vorstellungen sich in fremdartige Ersatzhandlungen umformen. »Hinter jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft ...« sagt Strindberg, und der Dichter scheint hier mit tiefgründiger Klarheit die komplizierten Unterströmungen unseres Denkens erkannt und in präzise Form gegossen zu haben. Das ist wohl richtig, doch mit der sexuellen Bedürftigkeit und Entbehrung sieht Freud nur den einen Faktor im Mechanismus der Neurose getroffen. »Bestünde er allein, so würde eben nicht Krankheit, sondern Ausschweifung die Folge sein. Der andere unerläßliche Faktor, den man nur zu bereitwillig vergißt, ist die sexuelle Abneigung der Neurotiker, ihre Unfähigkeit zum Lieben, jener psychische Zug, den ich Verdrängung genannt habe.« Erst aus dem Konflikt zwischen beiden Strömungen geht die Erkrankung hervor, und darum kann der Rat der sexuellen Betätigung bei den Psychoneurotikern eigentlich nur selten als guter Rat bezeichnet werden.

Wir sind also durch die Freudsche Lehre wohl in der Erkenntnis weitergekommen, glauben den Untergrund all der Angstgefühle in sexuellen Ausfallserscheinungen enträtselt zu haben, gewinnen aber damit nicht das Mittel zur Heilung, wenn wir zielbewußt die sexuellen Ausfallserscheinungen zu ersetzen raten. Wer sich für die psychischen Mechanismen dieser Krankheitszustände mehr interessiert, findet in Stekels Buch eingehende Krankheitsgeschichten und psycho-analytische Deutungs- und Heilmöglichkeiten. Wenn Stekel fast durchgängig von Angstneurosen spricht, so verhehlt er nicht, daß er den Unterschied zwischen Angstneurose und Angsthysterie in diesem Buch aus didaktischen Gründen schärfer herausgearbeitet habe, als es den praktischen Erfahrungen entspricht. Das Wichtigste bleibt, daß tatsächlich verschiedene Schädlichkeiten des sexuellen Lebens zur Entstehung mitwirken. Freud unterscheidet sogar eine beträchtliche Anzahl:

a) Als virginale Angst oder Angst der Adoleszenten. Eine Anzahl von unzweideutigen Beobachtungen hat ihm gezeigt, daß ein erstes Zusammentreffen mit dem sexuellen Problem, eine einigermaßen plötzliche Enthüllung des bisher Verschleierten, der Anblick eines sexuellen Aktes, eine sexuell erregende Mitteilung oder Lektüre bei heranreifenden Mädchen eine Angstneurose hervorrufen kann, die fast in typischer Weise mit Hysterie kombiniert ist.

b) Als Angst der Neuvermählten. Junge Frauen, die bei den ersten Kohabitationen anästhetisch geblieben sind, verfallen nicht selten der Angstneurose, die wieder verschwindet, nachdem die Anästhesie normaler Empfindlichkeit Platz gemacht hat.

c) Als Angst der Frauen, deren Männer Ejaculatio praecox oder sehr herabgesetzte Potenz zeigen; und

d) deren Männer den Coitus interruptus oder reservatus üben. Diese Fälle gehören zusammen, denn man kann sich bei der Analyse einer großen Menge von Beispielen überzeugen, daß es nur darauf ankommt, ob die Frau beim Koitus zur Befriedigung gelangt oder nicht. Im letzteren Falle ist die Bedingung für die Entstehung der Angstneurose gegeben. Dagegen bleibt die Frau von der Neurose verschont, wenn der mit Ejaculatio praecox behaftete Mann den Kongressus unmittelbar darauf mit besserem Erfolge wiederholen kann. Der Congressus reservatus mittels des Kondoms stellt für die Frau keine Schädlichkeit dar, wenn sie sehr rasch erregbar und der Mann sehr potent ist; im andern Falle steht diese Art des Präventivverkehres den andern an Schädlichkeit nicht nach. Der Coitus interruptus ist fast regelmäßig eine Schädlichkeit; für die Frau wird er es aber nur dann, wenn der Mann ihn rücksichtslos übt, das heißt, wenn er ihn unterbricht, sobald er der Ejaculation nahe ist, ohne sich um den Ablauf der Erregung der Frau zu kümmern. Wartet der Mann im Gegenteil die Befriedigung der Frau ab, so hat ein solcher Koitus für letztere die Bedeutung eines normalen. Es erkrankt aber dann der Mann an Angstneurose.

e) Als Angst der Witwen und absichtlich Abstinenten, nicht selten in typischer Kombination mit Zwangsvorstellungen.

f) Als Angst im Klimakterium während der letzten großen Steigerung der sexuellen Bedürftigkeit.

Bei den Männern stellt Freud folgende Gruppen auf, die sämtlich ihre Analogien bei den Frauen finden:

a) Angst der absichtlich Abstinenten, häufig mit Symptomen der Abwehr (Zwangsvorstellungen, Hysterie) kombiniert. Die Motive, die für absichtliche Abstinenz maßgebend sind, bringen es mit sich, daß eine Anzahl von hereditär Veranlagten, Sonderlingen u. dergl. zu dieser Kategorie zählt.

b) Angst der Männer mit frustraner Erregung (während des Brautstandes), der Personen, die (aus Furcht vor den Folgen des sexuellen Verkehrs) sich mit Betasten und Beschauen des Weibes begnügen. Diese Gruppe von Bedingungen, die übrigens unverändert auf das andere Geschlecht zu übertragen ist (Brautschaft, Verhältnisse mit sexueller Schonung), liefert die reinsten Fälle der Neurose.

c) Angst der Männer, die Coitus interruptus üben. Wie schon bemerkt, schädigt der Coitus interruptus die Frau, wenn er ohne Rücksicht auf die Befriedigung der Frau geübt wird. Er wird aber zur Schädlichkeit für den Mann, wenn dieser, um die Befriedigung der Frau zu erzielen, den Koitus willkürlich dirigiert, die Ejaculation aufschiebt. Auf solche Weise läßt sich verstehen, daß von den Ehepaaren, die den Coitus interruptus pflegen, gewöhnlich nur ein Teil erkrankt. Bei Männern erzeugt der Coitus interruptus übrigens nur selten eine reine Angstneurose, meistens eine Vermengung derselben mit Neurasthenie.

d) Angst der Männer im Senium. Es gibt Männer, die wie die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer absteigenden Potenz und zunehmenden Libido Angstneurose zeigen.

Endlich – bemerkt Freud – muß ich noch zwei Fälle anschließen, die für beide Geschlechter gelten:

e) Die Neurastheniker infolge von Masturbation, verfallen in Angstneurose, sobald sie von ihrer Art der sexuellen Befriedigung ablassen. Diese Personen haben sich besonders unfähig gemacht, die Abstinenz zu ertragen.

Freud betont hier als wichtig für das Verständnis der Angstneurose, daß eine irgend bemerkenswerte Ausbildung derselben nur bei potent gebliebenen Männern und nicht bei anästhetischen Frauen zustande kommt.

»Bei Neurasthenikern, die durch Masturbation bereits eine schwere Schädigung ihrer Potenz erworben haben, fällt die Angstneurose im Falle der Abstinenz recht dürftig aus und beschränkt sich meist auf Hypochondrie und leichten chronischen Schwindel. Die Frauen sind in ihrer Mehrheit als ›potent‹; zu nehmen; eine wirklich impotente, d. h. anästhetische Frau ist gleichfalls der Angstneurose wenig zugänglich und erträgt die angeführten Schädlichkeiten auffällig gut.«

f) Die letzte der anzuführenden ätiologischen Bedingungen scheint zunächst überhaupt nicht sexueller Natur zu sein. Die Angstneurose entsteht nämlich, und zwar bei beiden Geschlechtern, auch durch das Moment der Überarbeitung, erschöpfender Anstrengung, z. B. nach Nachtwachen, Krankenpflegen und selbst nach schweren Krankheiten.«

Die Ausführungen Freuds ergänzt Stekel noch.

g) Es gibt eine große Menge von Varianten, wie ein Coitus prolongatus erzielt oder ein Orgasmus verlängert wird. So erinnere ich mich eines Falles, daß ein Mann während des Koitus die Zeitung oder einen Roman las, so daß er einen Beischlaf von der Dauer einer halben Stunde erreichen konnte. Ein anderer zählte bis zu 1000, der dritte sagte die römischen Kaiser auf. Diese Menschen litten alle an einer Angstneurose. Ebenso versuchen Frauen, die Libido zu unterdrücken, um eine Gravidität zu verhindern und erkranken an schwerer Angstneurose.

h) Bei manchen Männern bildet sich eine merkwürdige Vorstellung aus, der Verlust des Sperma sei sehr schädlich und raube dem Körper die besten Kräfte. Solche Menschen bringen es dazu, einen Coitus sine ejaculatione zu erzielen, eine besonders schädliche Form des Beischlafes. Dieser Coitus interruptus sine ejaculatione ist häufiger, als man annehmen sollte, die Ursache einer Angstneurose.

i) Auch die › Masturbatio interrupta‹; und die ›Pollutio interrupta‹; spielen eine Rolle bei Entstehung einer Angstneurose. Auf die sehr wichtige und häufige Form der Masturbatio interrupta hat zuerst Rohleder Ztschr. f. Sexualw. 1908, Nr. 8 und »Vorlesungen über den Geschlechtstrieb und das ganze Geschlechtsleben des Menschen«. Leipzig. Thieme. aufmerksam gemacht. Die Pollutio interrupta wurde von P. Näcke »Einiges über Pollution«. Neurol. Centralbl. 1909, Nr. 20 und »Über die Pollutio interrupta«. Münch. med. Wochenschr. 1909, Nr. 34. beschrieben.

j) Auch die Masturbatio prolongata ist eine Ursache der Angstneurose. Einer meiner Patienten war imstande, zehnmal in einer Nacht zu masturbieren, ohne eine Ejakulation zuzulassen. Er zeigte die Symptome einer schweren Angstneurose. Dagegen konnte ich bei einem jungen, mittelkräftigen Manne, der die Masturbation mit Ejakulation 5-10mal hintereinander in einer Stunde betrieb, gar keine neurotischen Symptome nachweisen. Erst als er die Onanie aufgab, begannen schwere neurotische Symptome aufzutreten. Das ist eine Erfahrung, die jeder Arzt sehr leicht machen kann.

k) Eine Angstneurose entsteht ferner, wenn Männer und Frauen sich eine andere Person während des Beischlafes vorstellen, um einen Orgasmus zu erzielen.

l) Ferner trifft man gar nicht selten Menschen, die einen normalen Koitus ausführen und trotzdem an Angstneurose erkranken. Forscht man längere Zeit nach – denn diese intimen Dinge erfährt man nicht in der ersten Sprechstunde, – so erfährt man, daß es sich um Menschen handelt, deren Sexual verlangen nach einer anderen Art der Befriedigung steht, z. B. ein verheirateter Homosexueller wird trotz der sogenannten normalen Befriedigung an Angstneurose erkranken. Ebenso eine perverse Frau, der der normale Koitus eigentlich einen onanistischen Akt bedeutet. ( Relative Abstinenz!).

Wir kommen damit zu einer einheitlichen Formel für die sexuellen Ursachen der Angstneurose, die lautet:

Jedes Individuum, das die ihm adäquate Form der Sexualbefriedigung nicht findet, erkrankt an einer Angstneurose Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung S. 22-26.

Wenn auch Freud und Stekel die Bedeutung der Sexualität für Neurosen jeder Art stark überschätzen, an der Bedeutung der Sexualität ist ein Zweifel nicht möglich. Sie verdient bei der Enträtselung hysterischer Phänomene besondere Beachtung.

Vielfältig, vielgestaltig sehen wir also die Umformungen im Geschlechtsapparat fernhin wirken, das Gehirn mit Empfindungen und Vorstellungen in kaum faßbarer Fülle laden, und so die ganze Psyche eigenartig verändern. So sicher dieser Zusammenhang zwischen Geschlechtsapparat und psychischer Eigenart ist, so wenig sicher ist die naheliegende begreifliche Schlußfolgerung, daß nun die sexuelle Befriedigung auch das seelische Gleichgewicht herstellen, Sturm und Drang zum Schweigen bringen müsse. Wäre der Zusammenhang eindeutig richtig, müßte ja die Heirat und im weiteren Sinne die sexuelle Befriedigung heilend wirken, sie wirkt aber keineswegs so. Zum mindesten läßt sich dieser Endeffekt nicht mit einiger Sicherheit voraussagen, denn auch nach der Verheiratung bleibt die Hysterie derselbe Proteus, der sie vorher war. Es ist richtig und kann durch meine persönlichen Erfahrungen bekräftigt werden, daß manche Hysterische alle ihre Beschwerden los wird, ihre Anfälle verliert und sich zu einer pflichttreuen, mustergültigen Ehefrau entwickelt. Leider aber ist dieser Ausgang nur ein Ausnahmeerlebnis. Andere sieht man zur Megäre werden, die Mann und Kinder martert und ihnen das Leben zur Hölle macht. Ware es angängig, derartige hysterische Megären in einer wissenschaftlichen Arbeit bildlich darzustellen, es könnte nicht treffender, nicht eindrucksvoller, nicht lehrreicher geschehen als durch die Stiche, die Eduard Fuchs und Alfred Kind der »Weiberherrschaft in der Geschichte der Menschheit« voranstellen. Der erste Stich, auf dem Titelblatt Vorbemerkung, wird von dem Künstler, einem älteren französischen Buchillustrator, »Prometheusqualen« genannt. Es zeigt einen Adler mit dem Kopf einer menschlichen Megäre, der seine Krallen dem gefesselten Riesen in die Weichen schlägt. Ihm folgt ein Stich von Glassbach, genannt »Das ewige Rätsel«, eine Sphynx mit unergründlichen Augen, die auch das noch heute bestehende Rätsel der Hysterie kennzeichnen könnte. Beide Bilder ergänzen sich aufs beste, die geheimnisvolle äußerliche Ruhe der Sphynx und der grausame Wutausbruch der Megäre, ein Bild der Doppelnatur degenerativer Hysterie. Bei ihr steht die Haltlosigkeit unter Affektspannung, die bis zum sinnlosen, zerstörenden Explosionsausbruch gehen kann und bei geringfügigen Anlässen deutlich wird, im Vordergrunde. Ich denke hier zunächst an zwei Arztfrauen eigener Erfahrung. Die eine ging in ihren sinnlosen Wutausbrüchen so weit, daß sie wertvolle Einrichtungsgegenstände zerstampfte, so einmal eine kostbare Uhr, und je mehr sie vom Gatten zur Rücksicht auf die wartenden Patienten gemahnt wurde, um so leidenschaftlicher tobte. Die andere räumte eines Tages das Wartezimmer vollständig aus, so daß die Patienten nur ein leeres Zimmer fanden. In ihrem Geschlechtsleben zeigten sie sich gleich unbeherrschbar und vor allem widerwärtig zynisch. Schamlos in den sexuellen Appetenzen, zögerten beide nicht, jede beginnende Schwangerschaft unterbrechen zu lassen, nur »um nicht von dem Kerl ein Kind zu kriegen«, und als doch wieder einmal eine Schwangerschaft eintrat, und die Mutter das Kind austragen mußte, blieb sie in ihrem Wesen unverändert, warf sogar eines Tages in einem Affektausbruch das Kind dem Manne zu, und sicherlich wäre das Kind an der Wand zerschmettert, wenn der Mann es nicht noch aufgefangen hätte. In diesen Fällen war die sexuelle Begehrlichkeit so stark, daß man von. Satyriasis sprechen konnte.

Eine andere Hysterika, die einen Witwer geheiratet hatte, – er hatte sie, eine ehemalige Kellnerin, erst ausbilden lassen, – entwickelte sich zu einer derartigen satyriastischen Megäre, daß sie tatsächlich von dem Manne Tag und Nacht geschlechtliche Befriedigung forderte, und als der ältere Mann bei diesen Anforderungen sehr bald versagte, ihn verhöhnte, beschimpfte, einen verbummelten Hurenkerl nannte. Alle diese Liebenswürdigkeiten sparte sie sich mit Vorliebe für das nächtliche Beisammensein im Schlafzimmer auf, wohl wissend, daß jedes Wort von der erwachsenen Stieftochter gehört wurde, die schon unter der sozial tiefer stehenden Stiefmutter litt und so den ganzen Jammer ihres Vaters erfuhr.

Wieder eine andere Hysterika ließ Mann und drei Kinder im Stich, nur um mit dem Bruder des Mannes davonzulaufen.

Eine junge Frau aus reichem Hause heiratete einen Referendar, ließ sich kurz darauf scheiden, angeblich weil sie nicht imstande wäre, in ehelicher Gemeinschaft zu leben, und begann nun ein sexuell immer zügelloser sich gestaltendes Dasein. Sie war erblich schwer belastet. Der Vater, Trinker, kam in die Irrenanstalt, auch die Großmutter väterlicherseits war Trinkerin. Eine Schwester der jungen Frau, die durch Selbstmord endete, hatte ein Doppelleben geführt, war den Eltern tagsüber einfach, bescheiden erschienen, war dann aber abends als extravagante Modedame aufgetreten. Die Patientin selbst begann frühzeitig für Theater und Künstler zu schwärmen. Nach ihrer Scheidung bekundete sie auffällige Zuneigung zu Frauen, ließ ihre Lieblingsfreundin in Aktstellung in Marmor aushauen, reiste sogar einer russischen Tänzerin nach Paris nach. In ihren sexuellen Neigungen, in den sonstigen Lebensansprüchen verschwendete sie ein großes Vermögen, und ließ sich auch nicht im Schuldenmachen beirren, als das Vermögen zu Ende war. Alle Versprechungen brach sie schnell. Ihre sexuellen Neigungen, die anfänglich dem Manne gegenüber ablehnend und mit Bevorzugung der Frau erfolgten, wurden allmählich heterosexuell, und zwar einem jüngeren Manne gegenüber, mit dem sie ganz öffentlich erschien, dem sie sich skrupellos hingab. Ohne sich um die üble Nachrede im mindesten zu kümmern, ohne an die soziale Stellung der Eltern zu denken, lebte sie nur in und mit ihrem Liebsten, sah in ihm, der nichts geleistet hatte, nur den gottbegnadeten Künstler, kümmerte sich nicht um seine Herkunft, merkte nichts davon, daß er es nur auf ihren Geldbeutel abgesehen hatte, kannte für ihre Kauflust keine Schranken, so daß der Augenblick kommen mußte, wo sie wegen Hochstapelei gefaßt wurde. Mit ihrer Wahrheitsliebe war es besonders schlecht bestellt. Ihre Angehörigen sprachen von ihrer Verdrehungsmanier.

Ein hysterisches junges Mädchen aus bester Familie, sehr hübsch, sehr klug, begann schon frühzeitig mit vielfältigen Flirts, die nur die blinde Mutter nicht sah, entdeckte plötzlich die Bühnensehnsucht in sich, brachte ihr zuliebe unsagbare Opfer, doch als sie die erste Probe ihres Bühnendranges praktisch erweisen sollte, verliebte sie sich in einen Schauspieler und wurde dessen dritte Frau. In dieser Zuneigung, die gleichzeitig ihre noch nicht begonnene Bühnenlaufbahn unterbrach, ließ sie sich nicht durch die wenig erfreuliche Vorgeschichte ihres Mannes beirren, auch nicht durch beweiskräftige Tatsachen über den Mann selbst, die das zukünftige Eheglück mindestens zweifelhaft erscheinen ließen. Die Ehe entwickelte sich nun, wie der Fachmann sie voraussah. Äußerlich scheinbar höchstes Glück, vielbewunderte Übereinstimmung zweier Seelen, bis eines Tages ein unglücklicher Zufall das ganze Scheingebäude in Trümmer gehen ließ. Eine Eheirrung nach der anderen, eine schamloser als die andere, wurde kund, die Abfassung in flagranti machte den Schluß, und Beschlagnahme schlimmster, perversester Briefe enthüllte ein Doppelleben schamlosester Art, in dem alle schauspielerischen Fähigkeiten zur Geltung kamen. Unbekümmert darum, daß der eine Liebhaber der beste Freund ihres Mannes war, tobte sie sich sexuell und in Briefen zügellos aus, war zu jeder sexuellen Abirrung bereit. Es bot auch kein Hemmnis, daß die Frau des Liebhabers ihre beste Freundin war, skrupellos betrog sie auch sie, skrupellos flüchtete sie zu dieser Frau sogar, als der Mann sie bei einem anderen Ehebruch abfaßte und aus dem Hause wies, skrupellos bestritt sie sogar dieser Frau lange Zeit jede Beziehung zu ihrem Ehemann, obwohl schwerwiegende Verdachtsmomente vorlagen.

Eine andere Frau, Offiziersgattin, begann nach dem Tode ihres auf dem Felde der Ehre gebliebenen Mannes ein Vagabundenleben, dessen erotischer Hauptzug zu den tollsten Exzessen führte. In jedem Abenteurer, der schmeichlerisch ihren Reichtum anstrebte, sah sie das Musterbild des ersehnten neuen Ehemannes. Vertrauensselig gab sie sich sofort ihm hin, reiste mit ihm, unbekümmert um ihren Namen, um den Stand ihres verstorbenen Mannes, um den Namen der hochangesehenen Eltern, um die Stellung ihrer eigenen Kinder. Wenn sie vorübergehend zur Besinnung kam, zog sie keineswegs die Lehre aus ihrem selbstverschuldeten Schicksal, sondern fiel alsbald einem anderen Abenteurer in die Hände, dem sie dann gleichfalls Namen, Ehre, Vermögen opferte. Nur zu bitter wahr klingt, was der eigene Vater über seine Tochter urteilt:

»In den letzten Wochen habe ich erfahren müssen, wie maßlos widersinnig meine Tochter alles aufs Spiel setzt, sich in Halbweltkasinos umhertreibt und nachts oft erst sehr spät in ihre Pension heimkehrt, so daß sich mir folgendes Bild aufdrängt: Gleich dem Säufer, der in nicht zu stillendem Durst nach Alkohol – mögen auch Familie und Ehre zugrunde gehen – sich täglich in seiner Kneipe unter Kumpanen berauscht, so beherrscht sie neben ihrem Größenwahntaumel der seit ihres ersten Mannes Tode hervorgetretene und unheimlich gewachsene Heißhunger, sich täglich in ihrem Zigeuner- und Lotterleben zu berauschen mit gleichgesinnter Kumpanei. Sie läßt sich dabei nicht im leisesten durch Pflicht, Vernunft, Sitte, Anstand mäßigen und gleicht darin einem unzähmbaren wilden Pferde, das sich störrisch und ungebärdig Zaum, Zügel und Leitung widersetzt, nur versessen darauf, zügellos draußen herumzutollen.«

Wieder eine andere Frau eines hochgestellten Offiziers, Mutter zweier Kinder, begann ihre Liebesseitensprünge damit, daß sie sich zunächst in einen Herrn verliebte, mit dem sie gesellschaftlich verkehrte, trotz dessen vollkommener Gleichgültigkeit von der Erwiderung ihrer Neigung überzeugt blieb und sich entsprechend gebärdete. Später verliebte sie sich in den Arzt ihrer Familie, deutete jeden freundlichen Zuspruch, jede Handlung des Arztes in dem ihr günstigen Sinne, ließ sich darin auch nicht dadurch beirren, daß sie von der Verlobung des Arztes erfuhr, sah in dieser Verlobung sogar einen Treubruch ihr gegenüber und drang eines Tages in die Wohnung der Verlobten, um dieser zu erklären, daß die Verlobung unmöglich fortbestehen könnte. Bei ihren krankhaft verzerrten Ausdeutungen beharrte sie trotz aller Zurückweisungen weiter. Nachdem diese Episode endlich überwunden schien, fiel sie einem verlumpten ehemaligen Offizier zum Opfer und begann nun ein schamloses Treiben, empfing den Betreffenden in ihrer Wohnung, ließ sich auch durch die Mahnungen ihrer Angehörigen keineswegs beirren, blieb auch taub allen Vorhaltungen gegenüber, die ihr die Persönlichkeit des Erwählten in eindeutigem Lichte zeigten.

Trotz gewisser Ähnlichkeit mit dem Verhalten Manischer handelte es sich in allen diesen Beobachtungen nur um degenerierte Hysterische. Eine weitere Offiziersfrau – den Namen will ich unterdrücken, wenngleich er zur Zeit die Öffentlichkeit weit beschäftigte – aus sehr angesehener Familie, heiratete 1885 und lebte zunächst in glücklichster Ehe. Bald begann sie Beziehungen zu einem Manne, den sie vor der Heirat kannte. Als dieser sich aus finanziellen Gründen erschoß, erging sie sich in übertriebenen Schmerzensäußerungen und legte Trauerkleider an. Das hinderte sie aber nicht, kurz darauf, als sie bei den Eltern des verstorbenen Geliebten wohnte, mit einem Verwandten dieses Liebhabers ein Verhältnis anzuknüpfen. 1894 kam die Scheidung in Gang. Frau M. kam in die Irrenanstalt. Das Gutachten gipfelte darin, daß Frau M. an konstitutioneller Hysterie mit tiefem moralischen Schwachsinn und Pseudologia phantastica litte, daß sie nicht als zurechnungsfähig betrachtet werden könnte, und daß eine Vormundschaft und ständige Beaufsichtigung absolut notwendig wäre, wenn die Kranke nicht ganz verkommen sollte. Nun kam sie in eine Privatanstalt, entwich von dort nach I., wo sie sich begutachten ließ. Das Gutachten fiel zu ihren Gunsten aus. Sie lebte nun wieder mit ihrem Manne zusammen, führte ein großes Haus, unterhielt intime Beziehungen mit dem Vorgesetzten ihres Mannes. Das Verhältnis bestand lange Zeit fort, nach ihrer Angabe unter Duldung des Mannes. Kam der Vorgesetzte in eine andere Garnison, so dauerte es nicht lange, und der Gatte der Frau M. wurde gleichfalls dorthin versetzt. Zur Abholung der heimlichen Korrespondenz benutzte sie ihre Kinder. 1907 wurde sie entmündigt, sollte unter Obhut ihres Vormundes leben, entwich aber mit den Kindern, machte wieder sinnlose Schulden, knüpfte ein Verhältnis mit einem Russen an, dem sie, als er verschwand, über Konstantinopel nach Batum nachreiste. Dazu nahm sie zwei Kinder mit und suchte sich von Batum aus durch lügenhafte Telegramme Geld zu erschwindeln. 1910 kehrte sie nach Deutschland zurück. Durch Beschluß des Amtsgerichts Berlin wurden ihr die Kinder genommen. Da sie von dem Vorgesetzten ihres Mannes, mit dem sie das Verhältnis hatte, zahlreiche kompromittierende Briefe besaß, in denen dieser für sie zu sorgen versprach, glaubte sie, auf Grund dieser Versprechungen Ansprüche zu haben. Als diese zunächst abgelehnt wurden, klagte sie, und so kam die ganze Affäre an die Öffentlichkeit. 1912 wurde die Entmündigung über Frau M. aufgehoben, die Ehe wurde geschieden, und nun führte Frau M. ein sehr abenteuerliches Leben, hatte Verhältnisse mit zweifelhaften Elementen, machte Schulden und beging Schwindeleien. 1914 wurde sie verhaftet. Die psychiatrische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, daß Frau M. infolge ihres moralischen Defektes unzurechnungsfähig wäre, sie wäre aber gemeingefährlich und deshalb zu internieren.

Diese Serie von Einzelbeobachtungen, die leicht fortgesetzt werden könnte, will ich mit hysterischen Frauengestalten schließen, die durch ihre Skandalprozesse der breitesten Öffentlichkeit bekannt wurden. Leider finden sich hierüber nur Preßberichte, und diese geben schon wegen ihrer knappen Darstellungsart kein ausreichendes Bild. Allein wünschenswert wäre die Akteneinsicht, diese ist aber nicht zu erreichen. Schon die Mitteilungen der Presse ausfindig zu machen, war ungemein schwierig. Ein neuer Pitaval, der auch diese »merkwürdigen Kriminalfälle« eingehend referierte, existiert nicht. So mußte ich mich mit den erreichbaren Quellen begnügen z. B. Hugo Friedländer, »Interessante Kriminal-Prozesse«. Barsdorf-Berlin 1912., kenne aber deren Mängel. Vielleicht wäre hier auch das Studium jener geschichtlich berühmten Frauen ergebnisreich gewesen, die durch ihre sexuelle Betätigung eine Sonderberühmtheit gewannen. Ich nenne nur Antonina, die Gattin Belizars – Theodora, die Gattin Justinians – Lucrezia Borgia, die Tochter eines Papstes – Elisabeth von Rußland – Lola Montez – die Fitzherbert – Ninon de l'Enclos – Lady Hamilton – Marta Mancini-Colonna. Es erscheint mir aber zweifelhaft, ob selbst sorgsame Quellenstudien hysterische Züge nachgewiesen hätten, wenngleich schon die bekannten Lebensdaten an hysterische Eigenarten denken lassen.

 

a) Gesche Gottfried

Aus längst vergangener Zeit ist eine Sensationsaffäre uns dokumentarisch aufbewahrt, die schon wegen der Einzigartigkeit gehäufter Schreckenstaten eines Weibes Interesse verdient, die aber hier besonders deshalb interessiert, weil eine Hysterische die Täterin ist, und deren Geschlechtsleben bedeutungsschwer für die Tat mitspricht. Kraus zählt die Gottfried zu den »großen« Giftmischerinnen, der Marquise Brinvilliers, der Geheimrat Ursinus, der Notar Zwanziger Psychologie des Verbrechens. Tübingen 1884., und L. Scholz meint, daß die Gesche Gottfried, die Schneiderstochter und Sattlermeistersgattin, wenn sie aus ihrem beengten Lebenskreise emporgehoben und in den Kampf einer bewegten Welt gestellt würde, wo Leidenschaften aufeinanderschlagen, und mit dem Glanze und der Machtfülle eines italienischen Fürstenhofes umgeben würde, als Verbrecherin weit über eine Lucrezia Borgia gestellt werden müßte, weil sie »geradeaus gehend mit furchtbarer Konsequenz die vermeintlichen Hindernisse ihrer Sinnenlust und Selbstsucht, Eltern und Bruder, Gatten und Kinder beiseite räumte« Scholz, Die Gesche Gottfried, eine kriminal-psychologische Studie. Karger, Halle 1913.. »Kein Verbrecher und keine Verbrecherin hat es gleich ihr fertiggebracht, die gesamte Familie mit Stumpf und Stiel auszurotten, so etwa wie man Ungeziefer vertilgt – von all den anderen Opfern ihrer Mordsucht zu schweigen.«

Durch 15 Jahre, 1813-1828, hat die Gottfried ihr Handwerk getrieben und erst, als sie aller Vorsicht spottend, sozusagen jedem, der ihr unter die Finger geriet, mit Gift aufwartete, ereilte sie das Verhängnis. Bis dahin war sie die geachtete, bescheidene, gütige, teilnahmsvolle Frau, die Wohltäterin der Armen, »leutselig gleich einem Engel mit jedermann«, wie ein Zeuge bekundete.

Daß der Verteidiger der Verbrecherin, Dr. Voget, uns die »Lebensgeschichte der Giftmörderin Gesche Margarete Gottfried, geb. Timm«, aufbewahrt hat, ist ungemein dankenswert, besonders dankenswert ist es aber, daß ein ausgezeichneter, lebenserfahrener Psychiater – Scholz – mit allem Rüstzeug medizinisch-psychologischen Fachwissens die Verbrecherin in einer trefflichen, viel zu wenig beachteten kriminal-psychologischen Studie uns vor Augen führt.

Gesche Margarete Gottfried, verwitwete Miltenburg, wurde 1785 in Bremen geboren. Ihre Eltern waren kleinbürgerliche, körperlich und geistig rüstige Leute, die Geld und Geldeswert übertrieben schätzten und es durch Sparsamkeit zu relativem Wohlstand brachten. Die Erziehung der Gesche war einfach, streng, an Entbehrungen gewöhnend, aber nicht hart. Besonders wurde der Sinn zum Wohltun gepflegt. Die Gesche wurde ein weiches, sanften Gefühlen sich gern hingebendes Mädchen, die auch bei den Männern Glück hatte. Nach eigenem Geständnis hat sie als kleines Kind (bis zum elften Jahre) die Eltern und andere mehrfach betrogen und bestohlen und auch geduldet, daß der Verdacht auf ihren Bruder fiel. Sie war eitel und gefallsüchtig. Mit zwanzig Jahren heiratete sie einen fünfundzwanzigjährigen Witwer, der von Kindheit an liederlich und arbeitsscheu war. Schon wenige Tage nach der Hochzeit nahm der Gatte sein früheres Leben auf, besuchte die Klubs, trank und spielte. »Auch physisch war er der Frau nicht das, was er hätte sein müssen – eine Geschlechtskrankheit brachte er in die Ehe mit, und intimer Verkehr zwischen beiden scheint in den ersten Monaten nicht stattgefunden zu haben.« Sie gingen nebeneinander her, ohne sich ihre Kreise zu stören. Ihr erstes Kind kam »mit den Spuren einer abscheulichen Krankheit als Erbteil eines abscheulichen Vaters« zur Welt. Bei ihren Liebschaften mit zwei Verehrern mußte sie jahrelang ein Versteckspiel durchführen, weil die beiden Liebhaber nichts voneinander wissen durften. Gegen ihren Mann, der allmählich körperlich und seelisch verfiel, empfand sie Überdruß bis zum Ekel, bis sie den Plan faßte, ihn durch Mord beiseite zu schaffen. Es gelang ihr schnell mit Arsenik. Dann vergiftete sie nacheinander die Mutter, zwei Kinder, den Vater, dann ein drittes Kind und den eigenen Bruder. Nun schien jedes Hindernis gegen eine Heirat mit Gottfried aus dem Wege geräumt, doch Gottfried dachte nicht ans Heiraten. An einem Sylvesterabend erreichte sie bei Punsch ihr Ziel und fühlte sich nach zwei Monaten schwanger, doch Gottfried wollte auch jetzt sich nicht zur Heirat entschließen. »Bei seiner mangelhaften geschlechtlichen Potenz war er sich selbst nicht sicher, ob er der Vater sei oder ein anderer.« Endlich entschloß er sich zur Verlobung, und nun gab sie ihrem Bräutigam Gift und ließ sich auf dem Sterbebette mit ihm trauen. Nach sechsjähriger Pause beging sie dann eine Reihe gleichartiger Mordtaten. Im ganzen wurden ihr nachgewiesen 14 Vergiftungen mit und 15 ohne Todeserfolg.

Wenn der Verteidiger angesichts dieser ungeheuerlichen, in den Motiven schwer faßbaren Mordtaten die Zurechnungsfähigkeit der Täterin mit einer Mordmonomanie, mit unwiderstehlichem verbrecherischem Triebe anzweifelte, so kann das bei der damals vorherrschenden psychiatrischen Lehre von den Monomanien nicht wundernehmen. Modern psychiatrisch scheidet solche Deutung in der Beurteilung der Gottfried aus. Andere psychische Regelwidrigkeiten, welche die Zurechnungsfähigkeit verneinen ließen, kann Scholz nicht entdecken, wohl aber fand er einen disharmonisch gestalteten Charakter, der nicht mehr normal zu nennen ist. »Eine sensitive Natur, haltlos, schwächlich, ohne die Energie der heißen Leidenschaft und ohne das Feuer der Phantasie, unausgeglichen, raschem Stimmungswechsel unterworfen, in einem Augenblick lebensfroh, in dem andern schwelgend in Trübsal, von schlaffer Furcht, sobald ihre eigene Person in Frage kam, dabei maßlos eitel, egoistisch, kaltherzig gegen anderer Interessen, immer auf der Hut, den Schein zu wahren und sich nichts zu vergeben.«

Dieses auffallend psychopathische Wesen hatte nun noch ausgesprochen hysterische Züge. In der Kunst der Verstellung und in der Verlogenheit sieht Scholz noch nichts für die Hysterie Typisches, wohl aber in der Autosuggestibilität und in der leichten Umsetzung seelischer Vorgänge in körperliche Störungen. Mit Hilfe ihrer Selbstbeeinflußbarkeit verstand sie es, sich jederzeit in die ihr genehmen Situationen einzuleben. Die leichte Umsetzbarkeit psychischer Vorgänge in körperliche brachte sogar oft Kontrastwirkungen zuwege. So lachte sie bei der Vergiftung der Mutter; so bekam sie bei der Verlesung des Urteils keinen wirklichen Schreck, sondern ein heftiges Beben und einen innerlichen Frost; so bekam sie beim Anblick der Gemordeten einen Schauder, keine Seelenqual; so bekam sie nach einer Mordtat einen Krampfhusten, nach einer anderen eine vierzehntägige Taubheit auf beiden Ohren, nach wieder einer anderen Vergiftung Taubheit auf einem Ohr, auch erblindete sie einmal plötzlich für kurze Zeit, also ausgesprochene markante hysterische Züge.

Hat nun bei der Tat das Sexualleben mitgesprochen? Und zwar nicht allein in dem Sinne, daß sie erhoffte und ersehnte Geschlechtsgenüsse eben nur mit solcher Tat eintauschen könnte? Scholz ist überzeugt, daß schon ihre Eitelkeit, wie die Eitelkeit überhaupt, einen Maßstab für den Grad ihres sexuellen Begehrens liefert. Ihre Gefallsucht war bewußtes Mittel zum Zweck. Als ein unbescholtenes Mädchen trat sie in die Ehe, in dieser wurde aber bald die Befriedigung der Sinnlichkeit der Pol, um den sich alles Interesse drehte l.c. S. 116.. Sie haßte den Gatten und begehrte um so heißer nach Ersatz, der sich auch bald fand. Der eigene Ehemann begünstigte die Gelegenheit, und so führte das mehr oder minder verschleierte sexuelle Verlangen zum Ehebruch. Der Liebhaber war besonders geeignet, ihr den Gegensatz zu dem plumpen, weinseligen und durch geschlechtliche Ausschweifungen siechen Manne zu zeigen und die Zukunft mit ihm – dem Liebhaber – als das rosigste Ideal erträumen zu lassen. Eine perverse Lust an den Qualen der Opfer mag Scholz nicht annehmen, er glaubt nicht an einen sadistischen Ursprung des Handelns. Ich glaube aber, daß sadistische Empfindungen wohl mitgesprochen haben können. Ein Weib, »das Kranke pflegt, Arme speist, dem Geben und Schenken, ich möchte sagen, zum Bedürfnis geworden, und die doch ihre Freundin vergiftet, über einen Vers von Goethe weint und ihre Kinder ermordet, ein Weib, das einer Liebe fähig ist in solchem Maße, daß sie ihr das Leben der nächsten Angehörigen zum Opfer bringt, und die dann eben diesem Gegenstande der Liebe die Giftschale reicht, an seinem Sterbelager mit Tränen sich das Haar zerrauft und die Härte des Geschickes, das ihr so viele Leiden auferlegt ...« beklagt, kann sehr wohl sadistisch veranlagt gewesen sein Schreiben des Richters Senator Droste an Pastor Rotermund.. Sie sieht die Unglücklichen unter den gräßlichsten Qualen dahinsiechen, Vater, Mutter, Bruder, Gatten, Kinder, Bräutigam, sieht Männer und Frauen, mit denen sie in Freundschaft lebt, Knaben und Mädchen, die der »Tante Gottfried« ihr Herz entgegenbrachten, dem sicheren Tode entgegengehen, und sie bleibt Tag und Nacht an ihrem Schmerzenslager mit Tränen im Auge, spendet Trostesworte, herzt und küßt die armen sterbenden Kinder und – bringt ihnen immer aufs neue das Gift bei, wenn die erste Gabe nicht nach Wunsch wirkt. Scholz glaubt diese Scheußlichkeiten damit begründet, daß die Verbrecherin, »nachdem sie erst einmal zum Morden das Herz gefunden, schließlich auch die Konsequenzen auf sich nehmen mußte, sie konnte sich der Pflege gar nicht entziehen« Scholz, S. 112.. Warum nicht? Wer würde es ihr verübelt haben, wenn sie die Samariterrolle nicht gespielt hätte? Das Ungeheuerliche sieht Scholz nur darin, daß sie über solcher Aufgabe nicht zusammenbrach, daß sie mindestens vor weiterem Morden nicht zurückschreckte. Gewiß ist das ungeheuerlich, und hier müssen eben Grausamkeitsregungen mitgesprochen haben, die bei einer so skrupellos sexuell sich zeigenden Person sehr leicht einen sadistischen Grundzug gehabt haben können. Leider ist ja die Gottfried nicht fachärztlich geprüft worden. Das hätte vielleicht beweiskräftigeres Material zutage gefördert, denn selbst in der Gefangenschaft war sie für erotische Anspielungen nicht unempfänglich, und gegen die Aufseherin hielt sie sich in dieser Beziehung noch in den letzten Tagen, ja selbst am Abend vor der Hinrichtung, nicht zurück Scholz, S. 117.. Wer am Abend vor der Hinrichtung sexuelle Regungen spürt und schamlos bekundet, kann wohl angesichts der Marter Sterbender sexuelle Lustempfindungen höchst gesteigerter Art empfunden haben, die auch den Antrieb zu neuer Tat bilden und selbst anders motivierte Beweggründe wesentlich verstärken konnten. Ein derartiger Verdacht ist um so begründeter, als sie schauspielernd nach außen stets die Schamhafte zu spielen wußte bis zu solcher Zimperlichkeit, daß sie im Benehmen immer sittlich, züchtig und höchst moralisch blieb und von sexuellen Dingen nur in halbdunklen Redewendungen sprach Die Giftmischerin. Josef Singer, Straßburg und Leipzig..

Wir haben also in der Gesche Gottfried eine psychisch Degenerierte und auf diesem Boden schwere hysterische Erscheinungen, die den Gesamtcharakter wesentlich hysterisch formten. Auch bei dieser Hysterika steht das Geschlechtsleben im Vordergrunde des Interesses, wird der Hauptzielpunkt des Lebens, und zu seiner Sättigung der Hauptantrieb für die verbrecherischen Taten, die zum Schafott führten.

 

b) Tamara Freifrau von Lützow

Unter dem hochtönenden Namen Tamara Freifrau von Lützow tauchte eines Tages im Jahre 1903 eine fremde Dame in dem steiermärkischen Mürzzuschlag auf, nicht schön, nicht jung, nicht einmal elegant. Sie kam aus Nizza, wohnte im Hotel und benahm sich so, daß ein Herr sie keck anzureden wagte. Franz Hervay von Kirchberg tat es, fand Gehör und vernahm nun höchst seltsame Dinge. Tamara sollte ein Kind der Liebe, natürlich hochadliger, sein – Mutter eine Fürstin Gagarin, Vater angeblich Großfürst Wladimir. Indes schwanken hierüber die Angaben. Zu anderer Zeit sollte eine Notehe mit dem deutschen Militärbevollmächtigten auf dem Sterbebett stattgefunden, haben. Tamara behauptete, im Pariser Sacré-coeur erzogen zu sein. Sie habe schwere Schicksale erlebt, schließlich einen Verwandten ihres Nominalvaters geheiratet. Dieser war ein schlechter Mensch, mißhandelte sie, verstieß auch gegen die Gesetze, ließ sie sexuell unberührt. So habe sie ihre Jungfräulichkeit bewahrt. Ihre ganze Liebe habe sie der Menschheit geweiht, eine Expedition des roten Kreuzes zu den Buren ausgerüstet, furchtbare Greuel geschaut. Dann sei sie nach der Riviera zurückgekehrt. Natürlich verfügte sie über ein Riesenvermögen. Selbst schriftstellerisch wollte sie sich betätigt haben, »Briefe, die ihn nicht erreichten«, das anfänglich anonym erschienene Buch, wollte sie verfaßt haben.

Einer Frau von so romantischen Antezedentien konnte Franz Hervay von Kirchberg nicht widerstehen. Er heiratete sie trotz mancher fehlender Papiere, trotz Warnung seitens seines Bruders, daß die Frau eine Hochstaplerin wäre.

Und was ergab sich, als die Herrlichkeit zusammenbrach?

Tamara war ein legitimes Kind sehr achtbarer Eltern, war viermal verheiratet, hatte weiter außerehelich mit zwei Offizieren verkehrt, galt schon in Nizza als Abenteurerin, war sogar noch nicht einmal geschieden, als von Kirchberg sie heiratete.

Wie verblendet dieser Mann war, beweist die Tatsache, daß er ihr alles geglaubt hatte – die Fürstin Gagarin, einen Erbonkel, die literarischen Leistungen, selbst das Alter und die Jungfräulichkeit.

Mit Gefängnis von 4 Monaten mußte Tamara ihr Trugspiel und die Bigamie büßen; von Kirchberg erschoß sich.

War diese Frau geistig intakt? War sie voll zurechnungsfähig? Als schwer degenerierte Hysterika entpuppte sie sich nach der wirklichen Vorgeschichte. Schon als Kind war sie Last und Kummer der Eltern, log, daß sich die Balken bogen, konnte nicht anders, wurde aus der Pension entfernt, in Berlin aus der Töchterschule gestoßen, nachdem sie jüngere Schülerinnen zu verderben gesucht und einen Selbstmordversuch geheuchelt hatte. Schon damals log sie eine vornehme Herkunft zurecht, erwähnte den Vater nie, phantasierte von hochgestellten Bewerbern.

Wenn Harden Bellachinis Tochter. Zukunft, 5. XI. 04. als Laie sie als Schulbeispiel einer Pseudologia phantastica verzeichnet, so kann ich ihm nur zustimmen. Überzeugend lehrt auch dieses Beispiel schwerer Hysterie, welch große Rolle in der Gesamtentwicklung das Geschlechtsleben spielt.

 

c) Frau Lina Hau

Sicherlich unvergessen ist der Prozeß gegen den amerikanischen Rechtsanwalt Hau, der am 17.VII.1906 in Karlsruhe spielte. Nicht der Hauptangeklagte und Verurteilte erregt hier unser Interesse, sondern seine unglückliche Frau Lina, weil ihr ganzes Lebensschicksal von ihrer hysterischen Eigenart bestimmt wurde. Aus vornehmer süddeutscher Familie stammend, fällt sie einem renommistischen Hochstapler zum Opfer und läßt sich von ihm, dem 5 Jahre jüngeren Manne, nach der Schweiz entführen. Zu diesem extravaganten Seitensprung gab sie ihm die Mittel ihres Sparkassenbuches. Als das Geld zu Ende ging, wollte sie mit dem Erwählten gemeinsam sterben und vollführte diesen Entschluß mit dem Endeffekt, daß Hau ihr eine, Kugel in die Brust schoß, doch zum eigenen Selbstmord nicht den Mut aufbrachte. Diesen Mann heiratete sie nun und führte mit ihm ein abenteuerliches Dasein in allen möglichen Weltgegenden, bis eines Tages ihre eigene Mutter an der Seite ihrer Schwester Olga von einem unbekannten Täter niedergeknallt wurde, Hau als Täter in Verdacht geriet, verhaftet und verurteilt wurde. Von Lina Hau sagt Sello, der bekannte Berliner Verteidiger:

»Ein Schicksal hatte sie betroffen, wie es gleich schwer nur wenigen Irdischen beschieden sein mag; ein Sturm war über ihr Leben dahingebraust, der auch den schwächsten Funken von Gewissen in ihr hätte anfachen müssen. Sie schickte sich an, den Weg des Todes zu betreten, sollte sie ihn mit der Last einer ungeheuren Lüge auf dem Gewissen beschritten haben?« Erich Sello, Die Hauprozesse und ihre Lehren. Auch ein Beitrag zur Strafprozeßreform. Marquardt & Co., Berlin 1908.

In diesem Prozeßverfahren hatte Frau Hau, wie hart sie auch dadurch betroffen wurde, die bequemste Möglichkeit, die Aussage zu verweigern, doch tat sie es nicht, ergriff Partei und zwar in so widerspruchsvoller Art, daß ihre Glaubwürdigkeit ins Wanken geriet.

»Gewiß,« sagt Sello, »niemand wird Lina Hau sein Mitgefühl versagen. Aber ihr glauben? Die Tatsachen, die sie berichtet, als bare Münze hinnehmen, sich die Urteile aneignen, die sie über Menschen und Dinge fällt?«

Jeder, der sie kannte, versicherte, daß ihre impulsive Art ein Spielball jeder Augenblicksempfindung gewesen wäre, daß sie, ohne ihre Worte irgend zu wägen, mit einem ausgesprochenen Hang zur Übertreibung darauf los redete und schrieb, wie es ihr gerade durch den Kopf ging. Mit echt hysterischer Neigung zur phantastischen Lüge verkehrt sie unanfechtbare, vor Zeugen unwiderleglich beweisbare Tatsachen ins Gegenteil. Einige Zeit nach der Verhaftung ihres Mannes telegraphiert sie ihrem Verteidiger, daß sie ihren Mann für schuldig halte. Und warum tut sie das? Weil der Staatsanwalt sie als Mitschuldige behandelt und ihre Verhaftung angedroht hätte, wenn sie sich nicht offen für ihre Familie und gegen ihren Mann erklärte. In Wirklichkeit hatte der Staatsanwalt, wie ihre Geschwister bestätigten, ihr versichert, daß jeder Verdacht einer Mittäterschaft geschwunden wäre.

Von Eifersucht auf ihre Schwester Olga erfüllt, weiß sie von dieser zu berichten, daß sie sich leidenschaftlich »aus dem Kerker des Elternhauses in die Freiheit sehnte,« einmal heftig am Fenster gerüttelt, mit den Füßen gestampft und geschrien habe, sie komme sich vor wie auf der Teufelsinsel. In Wirklichkeit bekundete eine andere Schwester der Frau Hau, daß sie das einmal getan hätte.

Frau Hau erschien vom ersten Augenblick an, wo sie ihren späteren Mann kennen lernte, auffällig suggestibel, wie unter einem Bann, und handelte in einer suggestiven Hörigkeit, als sie ihn heiratete.

Von der Schwester Olga, der ihre Eifersucht galt, erzählte sie ihrem Verteidiger über verfängliche Blicke und Küsse Olgas mit ihrem Manne, über Worte und Handlungen, die erbitterten Haß gegen die Mutter und das Elternhaus atmeten. Sie schilderte sie als moderne demie-vierge, die mit lüsterner Hand an erotischen Problemen herumtastete. Und alle diese verfänglichen, die Schwester auch für die Straftat belastenden Dinge behauptete dieselbe Lina Hau, die zu anderer Zeit bald ihren Mann, bald ihre Schwester entschuldigte. Ja gerade dieser Schwester vertraute sie kurz vor dem Sterben ihr Kind an. Wie stark das sexuelle Fühlen mitsprach, beweist die Tatsache, daß sie den Untersuchungsrichter, den sie einen gemeinen Mann, einen Schuft nennt, unaufgefordert besuchte und ihm zu seiner höchsten Verwunderung aus freien Stücken die intimsten Details ihres Ehelebens mitteilte.

 

d) Marguérite Steinheil

Zehn Jahre sind vergangen, seit das Drama Steinheil in Paris die Welt in Spannung versetzte. Frau Steinheil, Gattin eines Künstlers, war unter dem dringenden Verdacht verhaftet worden, in der Nacht zum 30.V.1908 zu Paris in ihrem einsamen, zwischen Gärten gelegenen Hause ihren Gatten, den Maler Adolf Steinheil, und ihre Mutter, Frau Japy, allein oder mit Hilfe anderer ermordet zu haben. Beide waren mit einem dünnen Strick erwürgt worden. Was von der Vergangenheit der Frau Steinheil bekannt wurde, spricht für degenerative Veranlagung. Tochter eines Trinkers, zeigt sie schon als Kind hysterische Züge. Sie verzehrt Glas und Erde, wurde sogar eines Tages von ihrer Mutter überrascht, wie sie Regenwürmer aß. Wie Lombroso zum Fall urteilt, hatte sie mit den Hysterischen auch gemeinsam jene periodische Krise, die sich bis zur Epilepsie steigert, und jene heftigen psychischen Antriebe, die sich in absurden Lügen äußern. Sie lügt mit verblüffender Leichtigkeit und glaubt es schließlich selbst. Was ihr Eingang in die Gesellschaft verschaffte, waren ihre mannigfachen, unleugbaren Talente. Sie spielte, sang, unterhielt sich geistvoll. Sie zeigte auch altruistische Neigungen, pflegte Kranke und labte Unglückliche und Greise. Im Vordergrunde stehen ihre sexuellen Neigungen. Schon als 15jähriges Mädchen knüpfte sie mit Arbeitern in auffälliger Weise Bekanntschaften an. Später hatte sie gleichzeitig mehrere Liebschaften, und mit der Verschlagenheit der Hysterischen konnte sie jeden Liebhaber glauben machen, daß er allein der Bevorzugte sei.

Ob die Ansieht Wulffens zutrifft, daß »fast alle Elternmörder, selbst wenn sie sich schon im zarten Alter an ihren Eltern vergreifen, an einem abnorm starken Sexualtrieb litten« Berliner Tageblatt, 7. Dezember 1908., ob dieser Leitsatz Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat, bleibe dahingestellt. Lombroso findet in der Steinheil Züge, die allen großen Prostituierten gemeinsam sind: den Maitressen Ludwigs XIV., den Hetären Griechenlands und den Frauen, welche die italienische Renaissance mit Werken der Literatur und Kunst beschenkten B. Z. am Mittag, 5. November 1909.. Unter dieser ästhetischen Tünche barg sich ein moralischer Jammer, ein seelischer Schmutz, der sich ebenso in der Dirne der Straße, wie in der Kurtisane und Kokotte der Großen Welt wiederfindet. Bei allen ist es Egoismus, Habsucht, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, Lüge, Grausamkeit und eine krankhafte Sucht zu glänzen, die die Motive ihres Handelns bilden.

Für unsere Hauptfrage nach der Bedeutung des Geschlechtslebens der Hysterischen ist der Fall Steinheil wieder ein Vollbeweis, die große Sinnlichkeit der Frau. Mann und Mutter, die sie haßte, duldeten ihre Seitensprünge und genierten sie in ihrer Lebensweise nicht. Sie hatte auch kein Schamgefühl. Sie ließ sich von ihrem Kammermädchen bedienen, während sie ihre Liebhaber bei sich empfing. Als schöne junge Frau zog sie Gönner des zwar nicht besonders talentierten, aber fleißigen Mannes herbei. Da sie ehrgeizig war, mag sie eine Zeitlang gehofft haben, aus ihrem Manne etwas machen zu können. »Mein Mann hat mich nur einmal betrogen, und zwar vor unserer Ehe, als er mich an sein Malertalent glauben ließ.« Sie wurde die Geliebte mehrerer Mäzene ihres Mannes. Hierbei mag es auch ihrem Ehrgeiz geschmeichelt haben, mit einflußreichen Männern, so mit dem Präsidenten der Republik, zu verkehren.

Da sie, wie alle Hysterischen, verschwenderisch war, brauchte sie viel Geld. Um ihren Mann und sich selbst zu fördern, wird sie die Geliebte anderer. Ihr Mann zeigt dabei Zuhältereigenschaften. Das stößt sie ab, weckt Verachtung und Haß gegen ihn und ihre Mutter, die sicher ebenfalls kupplerische Mitwisserin des Geheimnisses war.

Aus der Prozeßverhandlung, die am 3.XI.1909 begann, ist bemerkenswert, daß Frau Steinheil durch ihre theatralische Dialektik, die pathetische Redeweise, die leidenschaftliche Steigerung, die Schluchzpausen dem Verhandlungsleiter die Prozeßführung außerordentlich erschwerte und auch seinen sanftesten Überredungs- und Beruhigungsformeln nicht nachgab. Wenn ihr lügnerische Angaben nachgewiesen wurden, antwortete sie in nicht unterbrechbarem Wortschwall, wurde immer erregter, schrie und weinte, ein Verhalten, das den Vorsitzenden einmal zu folgenden Bemerkungen zwang:

»Jetzt wird wohl die Ohnmacht kommen, das ist die nächste Theaterwirkung. Sie werden immer ohnmächtig, wenn meine Fragen Sie zu sehr in die Enge treiben.«

Als der Verteidiger um Schonung bat, verstärkte der Vorsitzende noch den Angriff:

»Nein, es ist die Wahrheit, Frau Steinheil wird immer unwohl, wenn es ihr schwer wird, auf eine bestimmte Frage eine bestimmte Antwort zu geben.«

In welch seltsamer Weise sie phantastische Vorspiegelungen vorbringt und ablehnt, zeigt sie durch die Erzählung, wonach sie im Halbschlaf plötzlich drei Männer in langen Kutten mit hohen Hüten auf dem Kopf und eine rote schauerliche Frau gesehen habe, die den Gatten und ihre Mutter ermordeten und sie fesselten. Als ihr der Vorsitzende vorhielt, daß sie in der Voruntersuchung die ganze Geschichte selbst als Erfindung bezeichnet hätte, antwortete sie: »Es ist möglich, daß meine Aussage in meiner Verwirrung verschieden war.« Als ihr Widersprüche in ihrer Angabe vorgehalten werden, verliert sie vollkommen ihre Haltung, schreit, schlägt mit der Faust auf die Barre, protestiert gegen die Folterung.

Wulffen findet in Frau Steinheil alle Anzeichen dafür, daß sie eine Sexualverbrecherin sei, eine Auffassung im rein Freudschen Sinne, wonach die verdrängten, nicht abreagierten Sexualvorstellungen sich in Ersatzhandlungen äußern und der Mord wahrscheinlich eng damit zusammenhängt. Zu solch ungeheuerlicher Auffassung kann natürlich nur jemand kommen, der, wie Wulffen, als Freudianer reinster Observanz »die Hysterie des Weibes als krankhaft verdrängte Sexualität« ansieht und in selbständiger Fortführung des Gedankenganges von dem in den Pubertätsjahren übermächtigen Sexualtrieb glaubt, daß er »den Aufbau der zu einem sittlichen Leben notwendigen ethischen Kräfte beeinträchtigen, ja verhindern kann. Weil der menschliche Grausamkeitsinstinkt sich auch im Sexualleben heftig offenbaren und mit der Wollust eine seltsame psychologische Verbindung eingehen kann, hänge wahrscheinlich jeder Mord eng mit der Sexualität zusammen.«

In dieser Auffassung zeigt sich dieselbe einseitige dogmatisierende Stellungnahme, die Freud und seine Schüler zeigen. Mit dieser Ausdeutung des Falles Steinheil uns näher zu beschäftigen, liegt hier kein Anlaß vor. Der Fall wird nur erwähnt, um wieder einmal die Bedeutungsschwere des Geschlechtslebens bei Hysterie zu zeigen, namentlich, wo Hysterie sich auf dem Boden der Entartung entwickelt. Die Entartung aber ist es, die zum Verbrechen treibt.

 

e) Frau Professor Herberich

Vor der Barre des Gerichtshofs in Nürnberg erschien eine hochgebildete Dame, die ihren Mann erschossen hatte und nun ihr Urteil erwartete. Jahrelange Seelenkämpfe, durch zwei unglückliche Ehen stets von neuem entfacht, hatten den Geist dieser Frau, die, wie sie selbst sagt, aus einer zu alten Familie stammte, bis aufs äußerste erschöpft. Die erste Ehe mußte getrennt werden, und die zweite war ein immerwährender Streit. Der Ehemann hatte seine Frau mißhandelt und beschimpft, bis sie endlich zur Pistole griff und ihren Gatten, als er ihr auf der Treppe begegnete, mit fünf Schüssen niederknallte. Auf den Untersuchungsrichter machte sie einen sehr »theatralischen Eindruck«. Später hatte sie dann eine Art »von somnambulischen Anfall gehabt«, und auch ihr Verhalten in der Hauptverhandlung – wütende Erregung, abgelöst von Ohnmachtsanfällen – trug zumeist deutlich den Stempel des Gewollten. »Was hätte«, sagt Steyerthal, »da näher gelegen, als das unselige Gespenst der Hysterie heranzubeschwören und damit alles das zu verschleiern, was eine richtige psychologische Begründung der Mordtat gestattete?« Doch der Gerichtsarzt urteilte folgendermaßen: »Die Angeklagte entstammt einer Familie, in der Geisteskrankheiten und Selbstmorde häufig vorkamen. Das ganze Bild ergibt schwere hereditäre Belastung. Daneben haben wir verschiedene Schädlichkeiten, die auf den Geisteszustand der Angeklagten eingewirkt haben. Im 15. Lebensjahre hat sie eine Nervenkrankheit durchgemacht. Im Ursulinerinnenkloster hat sie Dinge auf sexuellem Gebiet gebeichtet, die nicht wahr waren, die sie sich, wie sie sagt, eingebildet hat. Wie so viele belastete Persönlichkeiten hatte auch die Angeklagte in der Ehe Schiffbruch gelitten. Die erste Ehe, die keine Liebesheirat war, wurde unglücklich. Auf die leicht erregbare, reizbare Frau haben die vielen Prozesse aus Anlaß dieser Ehe ungünstig eingewirkt. Auch die zweite Ehe war nicht glücklich, das lag an dem explosiven Temperament der Angeklagten. Zur Zeit der Tat haben auch auf das Gehirn der Angeklagten eine Reihe von Schädlichkeiten eingewirkt, die bedingt waren durch erhebliche Belastung, durch das Milieu, in dem sie aufgewachsen war, und verschiedene mißliche Verhältnisse, in die sie geraten war. In den ersten Gefängnistagen erschien sie deprimiert, verweigerte die Nahrung fast ganz. Später aß sie wieder und motivierte das damit, daß sie sich ihren Kindern erhalten müsste. Anfang Mai trat bei ihr ein geistiger Erregungszustand ein, der schließlich in einen Erschöpfungszustand überging, angeblich eine Haftpsychose. Dem Arzte sagte sie über die Tat, sie hätte sie in einem Zustand von Unzurechnungsfähigkeit begangen. Im Prozeß zeigte sie Stimmungswechsel drastischster Art. Sie lag die ganze Zeit über ganz apathisch, kam aber in vergnügteste Stimmung, als ein Zeuge eine heitere Erzählung vorbrachte. Auch abnorme Erregbarkeit trat während der Verhandlung oft zutage. Dieses oft ohne Anlaß Explodierende erklärte der Arzt für den typischen Zustand bei schwerbelasteten Persönlichkeiten. Auch der Egoismus fiel dem Arzt sehr auf, das eigene Ich stand stets im Mittelpunkt des Denkens. Selbst ihre Reue war übertrieben, sie bereute nicht, ein Menschenleben vernichtet zu haben, sondern nur, sich selbst oder auch vielleicht ihre Kinder in diese Lage gebracht zu haben. Dazu kam ihr stark gehobenes Selbstbewußtsein und Andeutungen von Beeinträchtigungsgefühlen. Angeblich wollte sie ihr Mann durch seine Behandlung zum Selbstmord treiben. Mit dem Gedanken an Selbstmord spielte sie. Die Bildung überragte das Durchschnittsmaß. Sie weiß überall Bescheid, doch geht alles nicht so recht in die Tiefe. Das zeigt sich besonders bei ihrem Lieblingsthema, der Frauenemanzipation. Hier offenbart sich sogar in ihrer Unbelehrbarkeit eine gewisse Urteilsschwäche. Mit ihrer Emanzipationsidee hängt ihr Männerhaß zusammen.

»Bei der Frau, die einen so explosiven Charakter hat, gehören stark erotische Eigenschaften zum Gesamtbild. Es zeigten sich Widersprüche in ihrer Undiszipliniertheit, ihrem Männerhaß, ihrer Erotik, ihrer heftigen explosiven Beschimpfung des Mannes, in der grausamen Züchtigung ihrer Kinder. In der Verhandlung erschien sie oft wie ein ungezogener Backfisch. Sie gehört zu dem großen Heere der Psychopathen, jener Menschen, die in der Mitte stehen zwischen geistiger Gesundheit und geistiger Krankheit, jenen Leuten, von denen schon der Laie merkt, daß es mit ihnen nicht ganz richtig ist.«

 

f) Gräfin Marie Tarnowska

Selten hat eine Gerichtsangelegenheit größeres Aufsehen und lebhafteres Interesse hervorgerufen als die Ermordung des russischen Grafen Kamarowsky, der in Venedig in geheimnisvoller Weise erschossen wurde. Es hieß anfangs, der Graf wäre einem Anschlag der russischen Revolution erlegen, dann, es handelte sich um ein Attentat aus Eifersucht, und schließlich, es läge ein Mord aus gewinnsüchtigen Beweggründen vor. Die letzte Ansicht vertrat namentlich die Wiener Sicherheitsbehörde, die sich zweier Helden dieses tragischen Romans versicherte und nun verkündete, die Missetäter hätten ein volles Geständnis abgelegt. Was sie da erzählt, klingt nicht bloß wie ein Roman, man muß sogar die kühne Phantasie bewundern, die ihn beseelt. Die Heldin dieses merkwürdigen Romans ist Gräfin Marie Tarnowska, die, wie es scheint, mit drei blind ergebenen, närrisch verliebten Verehrern Fangball spielte. Sie stammte aus Kiew aus einer angesehenen gräflichen Familie und heiratete einen Grafen Tarnowsky, von dem sie sich nach einigen Jahren scheiden ließ. Schon zur Zeit dieser Ehe erzählte man sich allerlei abenteuerliche Geschichten über sie, jedenfalls scheint sie es mit der ehelichen Treue nicht sehr genau genommen zu haben. Ihren Gatten verließ sie, weil er einen ihrer Liebhaber kurzweg niederschoß. Aber es ist sicher kennzeichnend für die Rücksichtslosigkeit dieser zweifellos besonders erotisch veranlagten Frau, daß sie gleichzeitig das Gerücht verbreitete, sie hätte den erschossenen Liebhaber, dessen sie sich entledigen wollte, weil er ihr lästig fiel, beim Gatten selbst verraten lassen. Jedenfalls war der Gatte den Geschworenen in dem ganzen Handel die sympathischste Persönlichkeit, denn sie würdigten die Beweggründe der Tat und sprachen ihn frei. In ihrer Ehescheidungssache holte diese schöne Dame, eine Frau von seltenen Reizen, hoher Gestalt und rotblondem Haar, den Rat des angesehenen Moskauer Rechtsanwalts Prilukow ein. Dieser hatte bis dahin in sehr glücklicher Ehe mit seiner jungen Frau gelebt und sein Kind vergöttert. Unglücklicherweise verfing er sich in die Netze der Tarnowska. Sein Einkommen reichte für die verschwenderische Lebensführung seiner pikanten Geliebten lange nicht aus, er machte Schulden, wußte bald keinen Ausweg und griff ihm anvertraute Gelder an. Als auch dieses Geld vergeudet war, verließ ihn die interessante Dame und reiste mit einem reicheren Liebhaber ins Ausland. Prilukow wurde flüchtig, seine Frau hatte sich längst von ihm scheiden lassen. Er folgte seiner Schönen nach Berlin, wo sie in Gesellschaft des neuen Gimpels in Saus und Braus lebte. Er wußte eine heimliche Zusammenkunft herbeizuführen, machte ihr Vorwürfe, erging sich schließlich in Drohungen, und endlich gab ihm die Frau 100 000 Fr., damit er sich mit seinen Klienten vergleichen und seinen Beruf wieder aufnehmen könnte. Ihrem Verehrer Nr. 2 sagte sie, das Geld wäre ihr veruntreut worden. Obgleich es ihr von dem galanten Millionär sofort ersetzt wurde, reute es sie, eine solche Summe dem ruinierten Prilukow gegeben zu haben. Sie reiste ihm nach München nach und nahm sie ihm glücklich wieder ab. Prilukow begleitete sie dann nach Wien, wo sie von ihrem freigebigen Freunde erwartet wurde. Das war dieser unglückliche Graf Kamarowsky, der seine Leidenschaft für das schöne Weib mit dem Leben bezahlen sollte. Seine Gattin hatte sich von ihm wegen der Tarnowska scheiden lassen, und als die arme Frau kurz darauf starb, beschloß der Graf, die Tarnowska zu heiraten. Doch diese wollte weder warten, noch den Grafen heiraten, nur Prilukow angehören, dem flüchtigen Anwalt. Aber um den ruinierten Mann heiraten zu können, brauchte man Geld. Um sich dieses zu verschaffen, wurde ein teuflischer Plan ausgeheckt. Sie veranlaßte den Grafen Kamarowsky, sein Leben mit 500 000 Fr. zu ihren Gunsten zu versichern. Als das geschehen war, sollte Prilukow den Grafen ermorden, fand aber nicht den Mut dazu. Da kam die Tarnowska auf den Gedanken, die Tat durch einen dritten Verehrer, einen russischen Gutsbesitzer, ausführen zu lassen, der sich auch ihretwegen von seiner Frau hatte scheiden lassen und ihr überall hin gefolgt war. Eine Zeitlang wohnten alle drei Verehrer in demselben Wiener Hotel, und das vielseitige Geschöpf verstand es, noch zwei andere Liebhaber zu erfreuen, ohne daß der Graf eine Ahnung hatte. Der junge Russe war rasend eifersüchtig, und sie brauchte ihm nur zu sagen, daß sie den Grafen heiraten wollte, so schwor er schon, ihn aus dem Wege zu räumen. Diese über die Leichen der Männer, die sie liebten, dahin schreitende Frau verleugnete im »Grauen Hause« nicht ihre Natur. Sie wollte sich nur putzen und schmücken, verlangte dort ihre Prachtroben und ihr Geschmeide.

 

g) Frau v. Elbe

Während persönliche Erfahrungen für ihre Detailschilderung vom Leser Vertrauen heischen, Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit des Beobachteten wie des Beobachters, hat forensisches Material den Vorzug, aufs Schärfste gesiebt und gesammelt zu sein. Wenn auch aus ihm gleichartige Erfahrungen sprechen, wird es zur wertvollen, ja unantastbaren Stütze der sonstigen Berufserfahrung. Hier kann die Frauengestalt aus dem Moltkeprozeß – Frau v. Elbe – als Musterbeispiel gelten. Von ihr sagt Frau Dr. Kossak, daß nur eine Hysterische so schamlos die intimsten Eheangelegenheiten der Öffentlichkeit mitteilen konnte, wie es Frau v. Elbe tat.

Als Mädchen stolz, selbstbewußt, gefürchtet wegen ihrer gesprochenen Malicen wie wegen ihrer Eigenheit, im Verkehr der Familien Dinge in Darstellungen und Färbungen zu verbreiten, wodurch sie mehrfach Familienzwistigkeiten verursachte. Da sie vermögenslos war, heiratete sie, um zu heiraten, zunächst einen reichen, schwindsüchtigen Gutsbesitzer und ertrug um der Heiratsmöglichkeit willen ein zehnjähriges Krankenlager des Ehemannes. Hier erschien sie dem zur Manöverzeit auf ihrem Gute einquartierten Grafen Moltke bald als liebevolle Samariterin ihres todkranken Gatten, bald, in wohlüberlegter Frauenlist, als Großweltdame im wallenden schwarzen Gewände, gegen das sich das künstliche Tizianrot ihrer Haare vorteilhaft abhob Georg Merzbach, Die Psychologie des Falles Moltke. Hölder 1907/1908.. Da erschien sie nun auch der feinsinnigen, mimosenhaften Natur des Grafen gleich kunstbegeistert, dem Schöngeistigen zugewandt. Doch auch schon in der Verlobungszeit enthüllte sie ihre keineswegs märchenhafte Neigung zu einem tüchtigen Trunk, einem derben Wort und einem nächtlichen Großstadtbummel. Immerhin spielt sie ihre Märchenpose so lange, bis sie den Grafen einfängt, dessen glänzende Stellung sie lockt. Selbst als der 47jährige Mann die Verlobung löst, weiß sie durch reuevolle Liebenswürdigkeiten die weiblichen Verwandten des Grafen für sich einzunehmen. Als Gräfin wird sie die hysterische Frau in voller Prägung, maßlos, haltlos, rücksichtslos, heftig und – sexuell übermäßig anspruchsvoll. Dieses Konglomerat von Eigenschaften mußte bei einem schwachen, schwärmerischen, ideal veranlagten, hyperästhetischen Gatten zu einer unglücklichen Ehe führen, wie sie es wurde. Merzbach spricht von einer ungeahnten Begehrlichkeit einer jugendlichen temperamentvollen Frau. Statt des erträumten Märchens, das an der Seite des Grafen Moltke in dessen Empfindungswelt mit ihm leben sollte, wird sie die alltägliche Frau, die alltägliche Genüsse des Lebens und der ehelichen Liebe sucht. Da sie sexuell nicht befriedigt wird, kommt Zerwürfnis auf Zerwürfnis, wird sie zur grimmigen Hasserin, der femme incomprise. Da die an sich geringe Potenz des Grafen durch mißlingende Koitusversuche immer stärker gehemmt wird, da die wachsende Libido und Unkeuschheit der Frau bei ihm Unlustgefühle steigert, ja Angst und Ekel weckt, wird die Ehe zu einer andauernden Qual. Die hemmungslose Frau verhöhnt, beschimpft, mißhandelt den Mann, der schließlich zum Schutz vor den nymphomanisch-sadistischen Attacken die Beinkleider im Bett anbehält und die Schlafzimmer trennt. Stundenlang martert sie ihren Ehemann mit Worten und Taten und fordert dann zum Schluß zur Dämpfung ihrer erregten Wollust den Geschlechtsakt. Nicht verwunderlich, daß der Graf aus dieser Ehehölle sich in den Kreis seiner Freunde flüchtet.

Wir sehen also die verhängnisvolle Wechselwirkung einer Ehe auf die Hysterie und einer Hysterie auf die Ehe. Wir sehen hier eine Ehe, welche die Hysterika selbst gewollt und trotz aufgehobener Verlobung von neuem gewünscht hat, wir sehen aber auch, daß die Hysterika später, nach geschehenem Unglück, die unangenehmsten hysterischen Charaktereigenschaften zeigt. Sie verkündet ihr Leid in allen Tönen, sie ersinnt zahllose Gründe für das Scheitern ihrer Hoffnungen, Gründe, die natürlich zu Ungunsten des Gegenparts ausfallen. Sie erzählt ihr Leid allen möglichen Menschen. Da sie eine lebhafte Einbildung besitzt und Auto- und Fremdsuggestionen sehr leicht zugänglich ist, werden Tatsachen ersonnen oder gefälscht. Da ihr ganzes Denken erotisch durchtränkt ist und sie naturnotwendig die Schuld an dem Unglück in der sexuellen Nichtbefriedigung erblickt, glossiert sie die geschlechtlichen Fähigkeiten des Ehemannes bis zur skrupellosen Fälschung und Unwahrheit. Die mangelhafte Potenz des Ehemannes wird zur Homosexualität, zur krankhaften Liebe für Männer und zur vollen Abneigung gegen die Frau, und dabei hat er mit ihr bis kurz vor der Scheidung ehelich verkehrt. Sie beschuldigt ihn perverser Beziehungen zu einem bestimmten Manne, und dann gibt sie selbst an, daß sie über diese Perversität nur von einem andern etwas gehört habe. Gerade über ihren ehelichen Verkehr macht sie die verschiedensten, widerspruchvollsten Angaben, gibt allerdings selbst zu, daß sie nach ihrer Stimmung manches anders darstellte, als sie es jetzt auffasse. Und von dieser Frau behauptet die eigene Mutter, daß sie nie gelogen habe ... das alte Lied der blinden Mutter gegenüber der eigenen Tochter!

Mit Recht sagt Moll von der Glaubwürdigkeit der Frau v. Elbe, daß sie nicht berechtige, in jeder Hysterika eine unglaubwürdige Person zu sehen. »Es gibt viele Hysterische, die nach meiner Überzeugung an Glaubwürdigkeit ebenso hoch stehen wie normal gesunde Personen.« Verwunderlich ist es aber nicht, wenn ein so gemarterter Ehemann, angewidert von der übermäßigen Unkeuschheit und sexuellen Begehrlichkeit, die Ehe ein Klosett, eine Schweinerei nennt und dann sagt: »Du brauchst einen dritten Mann.«

Wie es mit den erziehlichen Talenten dieser Hysterika bestellt war, lehrt beweiskräftig die eine Tatsache, daß sie duldete, wenn der Stiefsohn dem Vater mit der Dienerschaft nachäffte.

 

h) Johanna Zehentner

Am 11. August 1917 brachten die Münchener Morgenblätter folgenden Bericht:

»Außergewöhnliches Aufsehen erregte die Meldung, daß ein erst 17jähriges Mädchen, die Werkmeisterstochter Johanna Zehentner in München, unter dem dringenden Verdacht verhaftet wurde, am Sonntag, 11. März nachmittags, die 83 Jahre alte Privata Schweickart in ihrer Wohnung getötet zu haben. Die gerichtliche Voruntersuchung bestätigte die vorliegenden Verdachtsgründe, zu denen schließlich noch das Geständnis der Verhafteten kam. Diese wurde in der psychiatrischen Klinik auf ihren Geisteszustand untersucht, und als die Beobachtung ergeben hatte, daß die Angeklagte weder geistesgestört, noch zur Zeit der Begehung der Tat geisteskrank war, erhob der Staatsanwalt Anklage wegen Mordes, über die heute vor der Jugendstrafkammer des Landg. München I verhandelt wird.«

Die Angeklagte wohnte im Hause der Ermordeten. Einen Revolver entlieh sie von einem Mittelschüler unter dem Vorwande, eine Katze erschießen zu wollen. Um das Dienstmädchen der alten Frau fortzulocken, bestellte sie dieses brieflich zum Empfang eines Paketes, beobachtete dessen Fortgehen und ging dann in die Wohnung, sah mit der alten Frau eine Zeitlang aus dem Fenster und spielte dann mit ihr Karte. Hierbei schoß sie diese aus nächster Nähe nieder. Als die Polizei die Wohnung geöffnet hatte, sah sie sich die Leiche an. Anfänglich beschuldigte sie einen Soldaten als Täter, und als er ihr vorgestellt wurde, erklärte sie: »Das kann ich beschwören! Ich lasse mir den Kopf heruntermachen, daß er's ist.« Endlich bequemte sie sich zu einem Geständnis. Als Beweggrund gab sie an, sie hätte eine Affäre haben wollen. Noch kurz vor der Hauptverhandlung nahm sie ihr Geständnis zurück und beschuldigte einen angeblichen Fliegerleutnant, auf dessen Veranlassung sie die Schuld auf sich genommen haben wollte.

Nach dem Sachverständigengutachten war die Angeklagte »hysterisch, nervös, minderwertig und ethisch defekt – weder normal, noch geisteskrank. Erblich ist Hysterie bei Geschwistern der Mutter, Geisteskrankheit und abnorme Charaktere sind in der weiteren Verwandtschaft. Intellektuell war sie leidlich, in der Schule geringer durch Trägheit und Willensschwäche. Im Charakter besteht Neigung zur Unwahrhaftigkeit. Keineswegs liegt Pseudologia phantastica vor, sie glaubt ihre Augenblickserfindungen durchaus nicht selbst. Phantastisches Prahlen und verlogenes Sichreinwaschen sind ihr geläufig. Bei Widerlegungen gibt sie einen Teil ihrer Lügen zu und versucht mit hysterischem Eigensinn den Rest aufrecht zu erhalten. Sie hascht nach Effekten, versteht sich auf das Szenenmachen und liebt Theater nicht nur zu sehen, sondern auch selbst zu spielen. Altruistische Gefühle sind ihr unbekannt, abgesehen von ihrer Zuneigung zur Mutter. Sie springt von einem jugendlichen Verehrer zum andern ab. In der Klinik stellt sie sich anderen Patienten als »die Zehentner, die die Schweickart erschossen hat« vor. Auf Modellgesuche in den Zeitungen ging sie ein, ohne daß besondere körperliche Voraussetzungen bei ihr gegeben waren. Ein Akt-Lichtbild mit einem eleganten Zimmer als Hintergrund wurde gefunden. Sie ging eifrigst in Kinos, womöglich in Gesellschaft von »Verehrern«, unreifen Mittelschülern, machte mit ihnen auch Ausflüge in Kaffeehäuser, Familienbäder u. dgl. Ihren Vorstellungskreis erfüllte sie mit den Bildern aus Detektiv- und anderen Schundgeschichten. Wiederholte Diebstähle konnten ihr nachgewiesen werden. Von körperlichen Auffälligkeiten werden späte Menstruation und Schmerzunterempfindlichkeit der Haut erwähnt.

Auf Grund dieser skizzenhaften Angaben aus der Schilderung Bittingers Archiv f. Kriminologie. Bd. 70, Heft 1/2, 1916. erscheint die Angeklagte als degenerative Hysterische, und zwar dürfte die erbliche Entartung – durch Hysterie und Geisteskrankheiten in näherer und weiterer Familie – den Boden bereitet haben, auf dem die hysterischen Symptome wuchern konnten – Haschen nach Effekt, Szenenmachen, der Beweggrund zur Tat: »die Affäre«, die Lügenhaftigkeit, Prahlerei. Daß auch sexuelle Regungen frühzeitig erwachten und skrupellos befriedigt wurden, scheint auch damit bewiesen, daß das 17jährige Mädchen »Verehrer« hatte, schnell wechselte und mit ihnen Ausflüge in Familienbäder der Umgebung unternahm. Der Endzweck dieser Ausflüge scheint klar, zumal man auch weiter hört, daß sie sich auf Aktannoncen meldete, ohne erforderliche körperliche Vorzüge, und in Aktstellung photographiert wurde.

Leider enthält die Darstellung von Juristenseite nicht Einzelheiten, die über die Rolle des Geschlechtslebens für die Straftat, wie für die Gesamthysterie Aufschluß gäben. Ob das ärztliche Gutachten etwaige Zusammenhänge feststellte und würdigte, läßt sich aus der Darstellung nicht erschließen, da sie anscheinend nur ein Gesamtbild gibt und die Grundlagen des ärztlichen Urteils nur skizziert. Wahrscheinlich dürften aber Schundliteratur und Kinoliteratur verhängnisvoll zusammengewirkt haben, um die auf degenerativem Boden erwachsenden hysterischen Eigenarten – und hierunter die sexuellen Neigungen – richtunggebend zu beeinflussen.

 

i) Antonie v. Schönebeck

Am 26. Dez. 1907 wurde Major Gustav v. Schönebeck in Allenstein erschossen aufgefunden. Die Schreckenstat an sich erregte die Öffentlichkeit ungewöhnlich lebhaft und wurde zur Sensationsaffäre, als der Liebhaber der Frau v. Schönebeck, Hauptmann v. Göben, der Täterschaft und Frau v. Schönebeck selbst der Beihilfe zur Tat verdächtigt wurde. Zunächst kam v. Göben in Untersuchungshaft. Hier versuchte er anfänglich, Frau v. Schönebeck von allen Verdachtsmomenten zu reinigen. Er leugnete auch eigene Schuld, später aber gestand er die Tat ein, behauptete, von Frau v. Sch. zur Tat angestiftet worden zu sein, und endete am 2. März 1908 im Militärgefängnis durch Selbstmord. Frau v. Schönebeck blieb lange anscheinend unbehelligt. Während noch der Schuldverdacht auf ihr lastete, verheiratete sie sich mit dem Schriftsteller W. Endlich schlug auch ihr Stündlein. Sie wurde verhaftet, blieb lange in Charlottenburg in Untersuchungshaft, erschien dann am 6. Juni 1910 vor den Geschworenen in Allenstein und brach dann infolge der allzulang ausgedehnten Prozeßverhandlungen mit den Nerven zusammen. Der Prozeß mußte gemäß § 267 Str.-Pr.-O. abgebrochen werden. Er wurde bis heut nicht wieder aufgenommen.

Im Rahmen dieses Werkes, welches das Geschlechtsleben Hysterischer würdigt, verdient diese ungewöhnliche Sensationsaffäre nicht allein deswegen behandelt zu werden, weil eine Hysterika im Vordergrunde des Interesses steht, nicht allein deswegen, weil ihr Geschlechtsleben die gesamte Persönlichkeit beherrschte und ihr Handeln lenkte, nicht allein deswegen, weil das Geschlechtsleben hier in seiner sozial-forensischen Bedeutungsschwere übermächtig, zwingend, vulkanisch aufloderte und in seinem Toben das Schicksal der Hysterika selbst, wie zahlreicher anderer Menschen zertrümmerte, sondern auch deshalb, weil der Täter v. Göben gleichfalls ein ausgesprochener Hysteriker war, dessen Geschlechtsleben für ihn und sein Verbrechen mitbestimmend wurde. Wenn ich in diesem Fall die Vorgänge und den Endeffekt in ihren kausalen Beziehungen ganz besonders gut würdigen zu können glaube, so erklärt sich das aus der Tatsache, daß Frau v. Schönebeck nach der Tat lange Wochen von mir behandelt und beobachtet wurde, daß ich weiter auf ihren eigenen Wunsch ihrer Verhaftung in Charlottenburg beiwohnte und sie in das Gefängnis begleitete, daß ich endlich sie wieder viele Wochen im Untersuchungsgefängnis sah und behandelte, bis mich das Verhalten ihres neuen Gatten, der die unter schwerstem Mordverdacht lebende Frau geheiratet hatte, zur Niederlegung der Behandlung zwang, weil dieses Verhalten mit meinen Anschauungen von ärztlicher Pflicht unvereinbar war. Trotz meiner gewiß umfangreichen und wohlbegründeten Kenntnis der Persönlichkeit der Frau v. Schönebeck und trotz der durch die Prozeßverhandlung und das Gutachten v. Schrenck-Notzings der breitesten Öffentlichkeit bekannt gewordenen Einzelheiten will ich jedes Urteil aus eigenem ärztlichen Wissen unterlassen. Ich halte mich noch durch die Berufsgeheimnispflicht gebunden, obwohl ich kein Privatgeheimnis mehr offenbaren würde, da alle Einzelheiten der Öffentlichkeit bekannt sind. Mein Urteil stützt sich daher nur auf das der Öffentlichkeit bekannt gewordene Tatsachenmaterial, wie es durch die Prozeßverhandlungen, durch die inhaltlich und stilistisch glänzenden Studien Hardens Zukunft, 25. Juni 1910. Schönebecks. Zukunft, 9. Juli 1910. Schönebecks Sinfonia hysterica. Zukunft, 16. Juli 1910. Residua. und durch das Gutachten v. Schrenck-Notzings Archiv f. Kriminologie. gegeben ist. Harden nennt Antonie v. Schönebeck

»eine gut aussehende, aber schlecht disziplinierte Dame, deren Schrullen an allen Ecken beschwatzt werden« –

»Die Frau eines Majors, der als Major bei Vorgesetzten und Untergebenen einen guten Ruf hatte. Sonst? Die Frau hält er nicht so fest im Zaum wie seinen Gaul. Sie zeigt einen Mangel an schüchterner Zurückhaltung. Das scheint aber harmlos, wenn man's mit anderem vergleicht, was das Gerücht ausplaudert. Schlimme Erotika. Ob's wahr ist? Die Tochter, die Frau eines Offiziers. Kaum glaublich.«

Tatsächlich berichtete die Fama von zahlreichen Liaisons, und wenn sie wahr berichtet haben sollte, dann dürfte das Hardensche Werturteil:

»das Remontesystem dieser Kavalleristin versagt nie«

treffsicher die vielgestaltigen intimen Beziehungen beleuchten. Sie ließ ihren Hausschlüssel in der Runde kreisen, gab mit dem Taschentuch ihren Buhlen Fensterflaggensignale, servierte ihnen Mahlzeiten im Schlafzimmer, wohnte mit ihnen in Königsberg und Haffbädern zusammen, suchte an der Alle in Kattunkleid und Kopftuch Sexualabenteuer, war sogar in Berlin als leicht erraffbare Ware bekannt und ließ hier sogar ihre Namensmaske fallen.

Der Ehemann, Major v. Schönebeck, dem Harden, wie bereits erwähnt, nachsagt, daß er die Frau nicht so fest im Zaum hielt wie seinen Gaul, kümmerte sich um sein Bataillon und um das Waidwerk, kaum um seine zwei Kinder. Fast jede dienstfreie Stunde verbrachte er auf dem gepachteten Jagdgrund, ließ die Frau tun, was ihr beliebte. Wenn es ihm jemand mitgeteilt hätte, würde er, wie Harden meint, geantwortet haben:

»Dummes Weiberzeug! Daß einer oben ist, mag sein. Mancher hat da schon geschwelgt und nach den Geschlechtsnerven von meinen Tellern den Gaumen gefüttert. Mannsvolk genug, um eine Brigade zu befehlen. Ich weiß alles. Daß der Hausschlüssel aus einer Tasche in die andere wandert. Wie sie's gar mit dem erstbesten in Berlin getrieben hat, wenn sie wochenlang dort saß, um für Wirtschaft und Kinder billiger einzukaufen. Das Tierchen hat ja jedes Lendenerlebnis ins Tagebuch gekritzelt. Kenne aus Briefen das Hengstgewieher der Angekörten. Alles. Sie läßt's nicht. Sie kann nicht. Der Doktor sagt: Hysterische Hypererosie. Ich habe ein kurzes Wort: Tierchen.«

Aus den Akten ergibt sich, daß schon der Vater der Frau v. Schönebeck »sehr sinnlich« veranlagt war, an Gehirnerweichung starb. Die ersten geschlechtlichen Regungen wurden vielleicht ohne eigene Schuld bei ihr wachgerufen. In der Ehe fühlte sie sich geschlechtlich sehr bald nicht befriedigt. Während der ersten Schwangerschaft mußte sie wegen seelischer Anomalien in ein Sanatorium. Dort erschien sie derart suggestibel, daß der Arzt sie vor Liebeshändeln warnte. Bald begann sie ihrem Gatten untreu zu werden, suchte und fand weitere Liebesabenteuer, gelegentlich auch in Form der Freundschaft mit einer Dame. Selbst in den Beziehungen zu einem Hunde sollen gelegentlich sexuelle Regungen mitgespielt haben.

In das Eheleben Schönebeck gerät Februar 1907 v. Göben, ein Mann von bald hochfahrendem, bald würdelos unterwürfigem Wesen, für die Kameraden ein Sonderling, doch imponierend durch abenteuerliche Lebenserfahrungen. Er hat im afrikanischen Burenkrieg Blut gerochen, Menschen getötet, und doch nimmt er gern die Romantikerpose eines Menschen an,

»der sich nach Martern sehnt; der nach der Möglichkeit zu lechzen scheint, für den Nächsten, Fernsten sein Leben zu opfern«.

Die Legende umspinnt seine Gestalt. Nicht zum wenigsten auch, weil er wegen einer Frau in einem Duell ohne Zeugen einen Kameraden getötet haben soll, einen anderen als Verteidiger der Frau erwürgen wollte. Was die Legende phantastisch formt, wird wirksam ergänzt durch die Tatsache, daß dieser fast 37jährige Offizier nie eine Liebste hatte,

»nie an einem Tierchen sein Verlangen kühlte, sich drum für einen von anderm Schlag hielt, im Innersten vereinsamt aus Furcht vor dem Fluch der Lächerlichkeit, sein schmähliches Geheimnis niemandem entschleiern durfte und, nur um sein Geheimnis zu hüten, sich anderen gewohnheitsmäßig anders zeigte, als er war. Die spärlichen Versuche, im Arme einer Frau Stillung und Heilung zu finden, sind fruchtlos geblieben. Er hat als ein Glücklicher niemals noch den Leib eines Weibes umschlungen«.

Und diese Impotenz gegenüber der Frau, die so verhängnisvoll rückwirkt und ihn seelisch auffallend formt, wie sie andererseits wohl Folge seiner eigenartigen Psyche war, diese Impotenz, die er unheilbar wähnte, war rein psychisch bedingt, war in frühester Jugend durch Zufallsereignisse richtunggebend bestimmt worden. Wie das geschah, tritt anschaulich in Hardens Darstellung zutage.

»Den Knaben treibt's in enthusiastischer Freundschaft, die ihm aber kein Lustgefühl schafft. Den 17jährigen überfällt das Pubertätsfieber. Im Traum fühlt er, den die Mutter im Scherzspiel einst auf ihrem Rücken reiten ließ, unter seinen von zarten Armen umklammerten Schenkeln einen Frauenrücken, fühlt er in der engen Schlinge seiner Arme einen feinhäutigen Hals und erwacht in der müden Wonne, die des Geschlechtshungers Stillung bringt. Der Jüngling ersehnt und beschleunigt die Wiederkehr solchen Traumes; sucht sie, als er reiten gelernt hat, auch als Wacher herbeizuzwingen, und gewöhnt sich, im Sattel den Akkumulator seines Geschlechtstriebes zu entladen. Liebt sein Roß wie ein Weib, tätschelt es mit sanftem Finger, kraut ihm schäkernd die Mähne, kitzelt es zärtlich mit der Fußspitze, dem Sporn; und läßt von wollüstiger Vorstellung den Frauenleib formen, der ihn, in seligerer Stunde, tragen soll. Keiner hat ihm von sexuellem Bedürfnis und sexueller Gefahr gesprochen. Keiner hat ihn je vor Schädlichkeit, Mißbrauch des Zeugungsorgans gewarnt. Die dumpfen Sinne schreckt das Geschlechtsleben der Frau, von der er doch das höchste, heißeste Wollustgefühl hofft. Wer sie spornen, bis zur äußersten Ermattung antreiben und die Keuchende dann nach Belieben zügeln könnte! Der Lieblingstraum wird zur unentbehrlichen, zwingenden Vorstellung, und der Artillerieleutnant tut wie Onan, Judas zweiter Sohn von Sua, den des Herrn Zorn traf, weil er, statt bei des Bruders Wittib zu liegen, seinen Keimsaft in die Erde sickern ließ.«

Dieser so geartete Mann gerät durch einen unglückseligen Zufall in die Netze der Frau v. Schönebeck. Auf einem Kostümball weckte er ihr Interesse. Ihm, dem Mitleidigen, dem nach Martyrien Lüsternen, gibt sie sich als die unverstandene, mißhandelte, geschändete Heilige. Die Arme erscheint ihm grundlos verleumdet und hat in all ihrer Unschuld auf diesem weiten Rund der Erde nicht einen Menschen, der für sie eintritt. Ja, der, welcher sie schützen sollte, will angeblich nur »ihren Leib«, ahnt nichts von ihrem seelischen Erleben, hat sie nicht verstanden und wird es auch in Zukunft nicht. Sie zeigt ihm blutunterlaufene Stellen am Körper, die ihr Mann ihr beigebracht haben sollte, wenn sie den ehelichen Verkehr weigerte. So tröstet v. Göben, rät, kommt wieder, wird als Retter gepriesen, als Schützer und furchtloser Held,

»und drückt, seelisch zunächst schon in dem Bewußtsein, lange genährten Heilandwahn aus brünstigem Glauben geweckt zu haben, seine Lippen auf den Mund der Frau, die sich in der Ohnmacht überquellenden Danksbedürfnisses erfröstelnd in seine Arme gleiten ließ«.

Dem Drang ihrer nach körperlicher Vereinigung lechzenden Hypererosie aber gab er im Bewußtsein seines Unvermögens nicht nach.

»Er läßt sich lieben; doch durch die ungestümsten Zärtlichkeiten nicht aus dem vorsichtig gewählten Triebgewahrsam locken.«

Wie es doch geschieht, wie eine erfahrene, scharf witternde, sexuell übererotische Hysterika es endlich durchsetzt, die ein Leben lang unerschütterten Hemmungen fortzuschleudern weiß, schildert Harden mit feinsinnig aufgebauter psychologischer Gestaltungskraft, nicht minder aber die einseitige, von Jugend auf durch Zufallsgeschehen fixierte Triebrichtung, ihr Aufflackern und Verlöschen.

»Vielleicht hat ihm bisher nur der seine scheue, verschüchterte Geschlechtsart ergänzende Weibtypus gefehlt; der besondere Wesensdunst, dessen Wehen auch ihn in den großen Orgasmus lenzlicher Natur taucht ... Heißen Dunstschleiern schält sich die Jünglingsvorstellung: Ein feinhäutiger Hals, den seine Arme umklammern; unter seinen Schenkeln, in die sich rosige Fingernägel oder Ellbogen bohren, ein Frauenrücken. Kann dieser Traum nie Wirklichkeit werden? Schon ist er mit der im Lustverlangen Bedenkenlosen weit genug, um den Versuch wagen zu können. Setzt sie wie ein Kind zum Huckepackspielen auf seine Schultern, beugt dann lächelnd den Rumpf und läßt sie auf seinen Rücken gleiten; und endet das Jauchzduo mit dem Ruf: ›Nun soll der Reiter das Pferdchen, sollst du deinen Braunen tragen.‹; Zum erstenmal erlebt er's mit wachen Augen; fühlt sich von beseligendem Wollustspasma geschüttelt; ist zum erstenmal in eines Weibes warmer Nähe seiner Mannheit froh geworden.«

Was dem 17jährigen das Scherzspiel der Mutter zur Fixierung seines Sexualtriebs wurde und gleichzeitig an hemmender Schranke für jede gangbare Triebbetätigung errichtete, verwirklicht sich hier zum erstenmal dem reifen, erfahrenen Manne mit überwältigender Stärke, und in dieser Sekunde wurde v. Göben der willenlose Sklave dieser Beglückerin. Wie übermäßige Dankempfindung unter gleichartigen Bedingungen den Serbenkönig veranlaßte, einer Hofhure, nur weil sie den Scheinbann seiner Impotenz brach, die Serbenkrone aufs Haupt zu setzen, so wurde Göben zu jeder Handlung für die Frau reif, nur weil sie den auf ihm lastenden Bann psychischer Impotenz zu durchbrechen verstanden hatte.

»Was vermöchte Göben der Frau zu weigern, die als erste ihn, als einzige die Wonne einer der Natur nahen Geschlechtsbefriedigung erleben ließ? Die nistet nun in der Herzkammer seines Geheimnisses, weiß jetzt erst, was diesem Zagen die schlaffen Adern in Schwellung bringt, welcher Genitalreiz diesem Weibscheuen den Genuß natürlicher Paarung ersetzt. Den kann sie gewähren und kann ihn versagen; dem der Norm nicht mehr ganz Fernen auch völlige Heilung verheißen. Aus sicherem Herrschsitz spinnt sie dünne Fädchen, knotet eins bedeutsam ins andere: und hat mit engmaschigem Netz bald Kopf und Sinn des Mannes umstrickt. Noch spürt er den Druck nicht. Ist mit der Seligen selig, die mit ihren Buhlkünsten nicht geizt und, in Bereitschaft immer, mit ihrem langenden Blick, ihrem Lächeln zu sprechen scheint wie zu Mahardöh der Mund der Bajadere. ›Was du willst, sollst du haben!‹; Im stillen aber entschlossen ist, nur was ihr beliebt, ihm zu geben. Der Weibinstinkt wittert ihn, den nicht die Wirklichkeit, den nur die Vorstellung zur höchsten Willensleistung, auch zur mannischen des Körpers spornt; und ahnt rasch, daß die Vorstellungswelt dieses Willens früh abwelken müßte, wenn ihr nicht jeder Tag einen neuen, drängenden, erlebenden Quell erschlösse. Heute muß Eifersucht, morgen Scham die Sinne des Hauptmanns anregen; heute darf er aus voller Schale schlürfen und morgen nicht einmal die Lippen netzen. In Antoniens Erzählung vertiert Gustav zum unersättlichen Bullen, der sich von Tag zu Tag auf die Kalbe stürzt; dessen Gier zwischen zwei Sonnen mindestens einen Geschlechtsakt erzwingt. Doppelt brennt vor dem Schreckbild solcher roh prägenden Übermächtigkeit die Schmach des eigenen Unvermögens. Das wiche am Ende in der mitteilsamen Wärme steten Zusammenseins; immer in Angst vor dem Tritt auf dem Gange, vor dem Morgengrauen, das den Schlupfweg über die Haustür sperrt; nur ein selbst schon in Tierheit Gesunkener hätte da Ruhe zu stillendem Genuß. Von dem Lakentyrannen die Frau, von Eifersucht, Kraftlähmung, Schwachheitsschmach den Mann zu befreien, gibt es ein einziges Mittel. Er beschwört Antonie, ihre Ehe scheiden zu lassen und ihm ganz zu gehören. Die Frau fällt in Ohnmacht. ( Harden meint, das könne sie in freier Willkür, könne, wie mancher brahmanische Gogi und ein uckermärkischer Fürst durch die Gewalt ihrer Vorstellung und Selbstsuggestion Krampf und Ohnmacht, Pulsstockung und Pulsbeschleunigung, abnorme Vorgänge verschiedener Art in ihrem Körper erwirken.) Flüstert mit blasser Lippe dann, daß nicht der schönste Traum ihr je so hehres Glück verkündet, und der Rausch der Verheißung drum jetzt das Bewußtseinstor überschwemmt habe. Die Zeit wilder Extasen beginnt. Zwar hat der in Unvermögensangst Erschauernde die Frau überredet, die Hochzeitdämmerung in keuscher Zärtlichkeit heranzuwarten, doch die Frau will den mühsam geweckten Willen zur Mannheit nicht entschlummern lassen. Weil in dem Liebenden des Mannes zu wenig ist, soll die Geliebte darben? Nur verhaßte Umarmung dulden? Erträgt er denn, ein Edelmann und Soldat, den Gedanken, daß ihr Leben, dessen Sehnen er niemals noch stillte, eines anderen alltägliche Beute ist? Bebt nicht vor der Möglichkeit, ihre nie noch nach Lust getränkten Sinne könnten, wie durstende Hunde am besudelten Rinnsal, sich am unsauberen Born kühlen? Mit solchen Worten, solchem Greuelspuk reizt sie den Ruhelosen; reizt auch seinen Körper mit den in der Schule der Perversion und des Tribadismus erlernten Künsten. Und bleibt ihrer Peitscherarbeit alles das von reicher Erfahrung geleitete Mühen dennoch unbelohnt, so hagelt's Hohn in die beim Reizspiel entbundene Wunde. Er soll in der Gefahr zittern, daß in der trocknen Glut das Gefäß ihrer Sinne undicht wird, und ihre Liebe ihm so entrinnt. Dann plötzlich schäumt ihre Zärtlichkeit wieder auf. In jäher Folge geht's so; aus den Tropen im Fluge wieder ins Nordpolarmeer. Göben kommt in Ängsten und Fiebern kaum über die Stunden hinweg, die er nicht in ihrer Atemnähe verhocken darf. Seine Schande empfindet er; die unabwaschbare Schmach so tiefer Entwürdigung und wühlt sich selbst doch tiefer stets in den warmen Schlamm ... Im Kasino ist er, in jedem Salon der kleinen Stadt ein frommer, vor Frauen ehrfürchtiger, von der Heiligkeit der Ehe durchdrungener Christ, dessen strenge Sittlichkeit und spröde Mannestugend Alt und Jung bewundert. Hinter der Maske wohnt nur ein Wunsch: in neue, durch alte Gewöhnung erwünschte Lust rasch nun zurück! Bäumt sich nur eine Frage: Wie erwirke ich auch hier so unersetzlichen Genuß, übermanne die Schwachheit meines Geschlechtslebens und sättige endlich die Sinne einer, die des Hungers längst müde ward?

Der Herbst bringt die Antwort; über alles Ahnen beglückende. Nach der langen Manövertrennung gelingt, was noch nie gelang: die Mann und Weib zum Gattungsdienst nach der Norm der Natur einende Paarung ... Heftiger als je fordert To jetzt Sklavendienste. In jeder Minute muß der Hauptmann ihres Winkes gewärtig sein; und möchte jauchzen, wenn er so sich erniedrigt sieht. Zieht der Wonnigsten die Stiefel aus, die von der Hitze des Rittes noch feuchten Strümpfe und küßt kniend die Sohle des Fußes; wartet stundenlang beim Stelldichein, das To absichtlich versäumt, und wagt nachher nicht den sanftesten Vorwurf; kniet vier Nächte lang an ihrem Bett, weil sie gesagt hat, nur seines Handtellers Wärme könne aufliegend den Schmerz lindern, der ihren Leib zusammenkrampft. Göben würde, wie in Nanas Schlafstube der in kraftloser, ehrloser Gier klappernde Graf Muffat, auf allen vieren kriechen, mit den Pfoten wedeln und zwischen den Zähnen eine Klosettbürste apportieren.

Wie nun die Scheidung herbeiführen? Sie reizt ihn durch Vorstellung der Zudringlichkeit des Mannes, des ewig Brünstigen. Nun erwägen sie Duell, Arsenik, die Möglichkeit, ihn im Wald als Jäger zu stellen, mit dem Revolver die Lösung der Ehe zu erzwingen. Weigert er sich, dann Zweikampf. Um die frische Spur nicht erwittern zu lassen, gibt To ihm ein Paar Strümpfe des Mannes, daß er sie über die Stiefel streife. Doch immer noch zaudert er. Endlich, unter dem Christbaum schwört er, der in der Weihnacht vier Stunden im Arm der Liebsten lag, nicht mehr zu säumen. In der nächsten Nacht steigt er durchs Hoffenster ein und tötet den Major.«

In lapidaren Strichen hat Harden hier ein Seelengemälde grauenvoller Wirklichkeit mit der ihm eigenen Meisterschaft gezeichnet. Der Werdegang der Hauptbeteiligten, die Entwicklung ihrer Charaktereigenart, ihres Sexualempfindens und -strebens tritt uns in plastischer Schärfe vor Augen und, als das verhängnisvollste Moment, die Begegnung und allmählich unlösbare Verkettung der beiden krankhaft hysterischen Naturen unter gefahrvollsten Lebensbedingungen. Das zufällige unheilvolle Zusammentreffen zweier so gearteter Persönlichkeiten gab E. Meyer und Puppe einen Anlaß zu der anregenden Studie »Über gegenseitige Anziehung und Beeinflussung psychopathischer Persönlichkeiten« Vierteljahresschrift f. gerichtl. Med. 1912, Januarheft.. Nicht verwunderlich, daß ein Ende mit Schrecken resultierte, zuletzt bedingt durch beider unglückseliges Geschlechtsleben.

Da steht auf der einen Seite die degenerativ von Haus aus veranlagte Frau, deren Vater schon in der Heimatstadt durch seine zügellose Sexualbetätigung unliebsam in Erinnerung blieb. Auf dem Boden dieser degenerativen Anlage aufgepfropft die schwere Hysterie, wie sie in zahlreichsten Einzelheiten erkennbar wird, nicht zuletzt in ausgesprochen hysterischen Attacken bei der Verhaftung, bei dem Prozeß und bei der Seelenstörung in der Irrenanstalt. »Produkte der zum Dramatischen geneigten hysterischen Einbildungskraft,« nennt Harden die Einzelheiten der von Göben geschilderten Vorgänge, die ganze, ihrem Liebhaber gegenüber verfolgte und von ihm geschilderte Politik »zu stilecht im Sinne der Hysterie, als daß Göben sie hätte erfinden können«. Unbekümmert um die durch Herkommen, Erziehung, gesellschaftliche Stellung, wie Gatten- und Mutterpflichten gebotene Hemmung, lebt sie skrupellos, in ihrem Sexualverlangen sinnlos, nicht einmal wählerisch.

Auf der anderen Seite steht v. Göben, ein erblich belasteter Psychopath ohne seelisches Gleichgewicht, von auffallender Suggestibilität, in dessen Körper Vorstellungen jähe, abnorme Vorgänge erwirken, ein Mann, der von der Sehnsucht gepeinigt ist, den anderen als eine ganz besonders geprägte Persönlichkeit sich interessant zu machen, und der zu dem Zweck nicht nur prahlerisch seine stete Opferbereitschaft betont, sondern auch Kriegserinnerungen in einem Generalstabsbericht fälscht oder phantastisch formt. Dieser Mann hatte in der Kindheit ein Geschlechtserlebnis, das durch sein ganzes Leben hin nachwirkt. Sein Geschlechtsempfinden war zum erstenmal erwacht, als die Mutter den Knaben im Scherzspiel auf ihrem Rücken reiten ließ. Recht beachtenswert scheint mir die Kritik eines der erfahrungsreichsten Berliner Frauenärzte, Professor Blumreich, an dieser Entstehungsmöglichkeit sexueller Artung. Er sagte mir: » Weshalb ist diese Artung dann so selten, wo so viele Mütter das gleiche Scherzspiel mit den Kindern treiben? Hier muß zum Mindesten eine masochistische Anlage von Haus aus mitbestimmend wirken.«

Diese beiden Hysteriker fügt ein Verhängnis zusammen, beide von Geschlechtsnöten gepeinigt, die hysterische Frau mit nicht gestilltem und niemals stillbarem Sexualverlangen, der Mann mit nie gekanntem, als schwerer dauernder Mangel empfundenem Vereinigungsstreben zum Weibe. Und als er, ein neuartiges Objekt der nur triebartig sich austobenden Hysterika, unter ihrer Ägide in späten Jahren normales Sexualempfinden und das mit seiner Auslösung verbundene Glücksgefühl kennen lernt, wird er ihr Sklave. Einschränkungslos, hemmungslos, zum Dank für nie gekannte Wonne wird er der sexuell und suggestiv hörige Sklave für immer. Nur durchaus wahr schildert das ein eigener Brief Göbens an einen Freund, wie er durch dauerndes Anreizen, Klagen und Lieben in einen Zustand versetzt wurde, der wohl nicht mehr als normal bezeichnet werden könne.

»Wenigstens begreife ich heute meine wahnsinnigen Ideen und Gefühle nicht mehr. Ich habe in diesem Zustand jene Frau für ein reines Heiligtum gehalten und ihr alles, alles geglaubt. Wenn ich heute zurückdenke, begreife ich nicht, wie ich habe glauben können. Die Widersprüche waren in die Augen fallend, daß ein einigermaßen vernünftiger Mensch sie merken mußte. Die Frau muß eine Art von Suggestion auf mich ausgeübt haben. Ich habe ohne Bedenken, ohne alles innere Widerstreben die größten Verbrechen ausgeführt, die sie von mir haben wollte, und fühlte mich sogar glücklich dabei. Ich wußte aus ihrem eigenen Munde, daß sie ein leichtsinniges Vorleben geführt hatte, das alles hat mich nicht abgehalten, sie bis zum Wahnsinn zu lieben und abgöttisch zu verehren. So hat sich in mir die Idee festgesetzt, ich müßte die Frau von ihrem Mann befreien, den sie nicht aufhörte mir in den widerlichsten Farben zu schildern. So ist es denn gekommen, das Gräßliche ... Ich habe mir tagelang eingebildet, eine gute Tat getan zu haben; und die wahnsinnige Sehnsucht und Idee, die Frau noch einmal meine Frau nennen zu können, hat mich nicht davon abstehen lassen. Ich war so in ihrer Gewalt, daß ich alles, aber auch alles darüber vergessen habe. Ich hätte Vaterland, Mutter, Freunde, alles, alles lachend im Stich gelassen, wenn ich dafür diese Frau hätte eintauschen können. Wie ich ja auch meine eigene Ehre lachend in den Dreck getreten habe.«

Tatsächlich überwogen also in dem Vorstellungsleben Göbens die mit Frau v. Schönebeck zusammenhängenden Vorstellungskomplexe, beherrschten sein ganzes Denken und brachten ihn in einen Zustand vollständiger suggestiver Hörigkeit. Was die Liebe auch sonst an schiefen Werturteilen, illusionären Verklärungen von Eigenschaften der Geliebten leistet; war hier bis zum Extrem gesteigert, so sehr, daß Göben trotz aller Aufklärung, trotz offenkundigsten Materials, nicht den minderen Charakter, nicht die hysterische Lügenhaftigkeit, nicht die zielbewußten, raffiniert ausgeklügelten Herrschgelüste der Geliebten erkannte, ja er nahm ihren Sehnsuchtswunsch, von dem Gatten befreit zu werden, den sie absichtlich in den schwärzesten Farben schilderte, durchaus ernst, erkannte gar nicht, daß sie mit der Tötungsabsicht nur gespielt hatte, daß ihre hysterische Einbildungskraft sich an dem Gedanken berauschte, ihren Liebhaber für sie zum Mörder werden zu sehen. Dazu wollte sie ihn immer von neuem aufstacheln, durch Eifersucht peinigen, sich hörig machen. Das war ihr eine reizvolle Aufgabe. Immerhin besteht die Möglichkeit, die v. Schrenck-Notzing mit Recht betont, die ich aber doch als recht entfernt anschauen möchte, daß es sich vielleicht schon um Vorboten der nach der Verhaftung ausgebrochenen Geisteskrankheit, um Verfolgungsideen der Frau gehandelt haben konnte, die Göben als solche nicht zu erkennen vermochte und in mißverständlicher Auffassung ihres ganzen pathologischen Charakterbildes ernst nahm.

Den Unterschied in den beiderseitigen Beziehungen schildert Harden treffend in den Worten:

»Ihr ist er ein Männchen wie andere Männchen; ihm ist sie die einzige Frau, die ihn ein der Natur nahes Sexualglück erleben ließ.«

So also läßt es sich begreifen, daß v. Göben die Tat ausführte, daß er sich dabei unvorsichtig bloßstellte, das Gift für die anfänglich geplante Ausführung in der Allensteiner Apotheke kaufte und, als er aus dem Hörigkeitszustand in dem Gefängnis erwachte, als der Wahn riß, offen beichtete und durch qualvollen Tod endete.

Von einer »Sinfonia hysterica« spricht drum auch Harden, der in den Artikeln zur Allensteiner Mordtat überzeugend beweist, wie aus der psychischen Impotenz v. Göbens und der ihrer Minderung folgenden Hysteroerosie in Göben der Wille zur Tat erwuchs. Daß aber eine solche Tat die Tragödie enden, daß ein Offizier zum gemeinen Mörder am Kameraden werden konnte, lag an dem unglückseligen Zusammentreffen zweier Hysterischer schwerster Prägung, und Harden urteilt durchaus richtig, wenn er sagt, daß der Laie niemals, kaum der Arzt so deutlich wie in diesem Dyptichon sah, wie zwei Hysterische aufeinander wirken, einander beeinflussen und infizieren.

»Das gibt für den furchtlosen Seelenforscher dem Schreckbild den Wert.«

Es dürfte aussichtslos sein, hier in diesen beiden Persönlichkeiten trennen zu wollen, worauf die überwältigende Macht des Geschlechtslebens in erster Linie zurückgeht, ob auf die generative Anlage oder auf die beherrschende, sich mit ihr vermischende, das ganze Wesen erfüllende Hysterie. Wahrscheinlich hat schon die degenerative Grundanlage das Geschlechtsleben abnorm gestaltet, und erst die Hysterie hat es diese verhängnisvolle Weiterentwicklung bis zur hemmungslosen, schrankenlosen Explosionsneigung nehmen lassen. Unbestreitbar ist es aber, daß es bei beiden Hysterischen, wenn auch bei jedem in anderer Form, die ausschlaggebende Rolle im Dasein spielte, soziologisch: zur ständig dräuenden, andere in Mitleidenschaft ziehenden Gefahr wurde, forensisch: zur Zertrümmerung der Lebensschicksale führte.

Harden erwähnt in seinem dritten Artikel »Residua« Zukunft, 16. Juli 1910., daß ich seiner Zeit die Haftfähigkeit der Frau v. Schönebeck attestierte. Daß das auf Grund vielwöchiger, im Privatleben wie im Gefängnis gemachter Erfahrung geschah, sei hier noch einmal nachdrücklichst betont.

Es verdient noch die seltsame Tatsache erwähnt zu werden, daß Frau v. Schönebeck nach der Tat, während noch der Mordverdacht auf ihr lastete, sich mit einem Manne vermählte, von dem Harden sagt, daß er seine spottschlechten Reimereien in Reiseinseraten mit dem Hinweis auf »seine Heirat mit der im Vordergrund des Interesses stehenden Frau v. Schönebeck« empfahl, und unangefochten frei lebte. Als der Prozeß in Allenstein sich immer länger ausdehnte, Frau v. Schönebeck täglich immer quälendere Marter durch das immer dramatischer sich gestaltende Kreuzverhör durchmachen mußte, sank natürlich ihre Hoffnung auf einen Freispruch, und sie wurde von Tag zu Tag kränker, bis sie endlich vor dem Schlußvortrag des Anklägers einen Selbstmordversuch machte. Nach Hardenscher Darstellung hatte sie mit einem Messerchen an ihrer Pulsader herumgekratzt und dann ihren Schwager herbeigerufen, um sich die für den Selbstmord geeignete Stelle zeigen zu lassen. Und das geschah in einem Hotelzimmer, wo sie anscheinend in keiner Weise bewacht wurde.

Daß sie während der Wochen währenden Prozeßverhandlung, die Harden eine »qualgrausame Wesensenthäutung« nennt, zusammenbrach, ist nicht verwunderlich. Das wäre vielleicht auch dem robustesten Manne geschehen, wenn er täglich deutlicher den Tod durch Henkersbeil oder lange Zuchthausstrafe nahen gefühlt hätte. Und mit Recht betont Harden das für die Frau niederschmetternde Bewußtsein, durch die tiefste Geschlechtsschmach waten zu müssen, die je einem Weibe beschieden war.

Am 17. VI. 1910 bekam sie bei der Verhandlung einen hysterischen Krampfanfall. Am 30. VI. wurde ein Verwirrtheitszustand beobachtet. Am 1. VII. versuchte sie, sich die Pulsadern zu öffnen und bekam einen Tobsuchtsanfall.

Im Prozeß selbst widersprachen sich die Sachverständigen. Nach der einen Anschauung sollte Frau v. Schönebeck zur Zeit der Tat gefährlich geisteskrank gewesen sein, eine Gefahr für ihre Umgebung bilden und deshalb dringend der Aufnahme in eine geschlossene Anstalt bedürfen. Im Gegensatz dazu steht das Urteil der Ärzte, die Frau v. Schönebeck in der Irrenanstalt beobachtet hatten, und dieses ging nur dahin, daß sie nach der Tat in Kortau geisteskrank war, für die Zeit der Tat es an Beweisen für solche Annahme fehle. Die wissenschaftliche Deputation hatte es für einen Grenzfall erklärt und die Anwendung des § 51 nicht zulassen wollen Mitteilung des Verteidigers Sello aus Allenstein an Moll vom 9. Juni 1910.. Das erstgenannte Attest bewirkte die vorläufige Einstellung des Verfahrens. Am 12. VII. 1908 morgens saß, wie Harden schildert, die aus Kortau nach neuntägigem Aufenthalt entlassene Dame in der Charlottenburger Wohnung ihres zweiten Mannes, und man las, daß sie bald in eine Provinzialheilanstalt übersiedeln würde.

Es verbietet sich jedes Urteil über Schuld oder Nichtschuld. Der Prozeß wurde unterbrochen und ist bis heut nicht wieder aufgenommen.

Diese Schilderungen des Geschlechtslebens Hysterischer, und zwar anscheinend degenerierter, sind Tatsachen, zweifelsfreie, ungeschminkte, dem wirklichen Leben entnommene, und doch sind es nur teils besonders hervorstechende Lebenserfahrungen eines einzelnen Arztes, die zu dem Schluß berechtigen, daß gleichartig jeder Arzt, und sicherlich jeder Nervenarzt, sie erlebt haben dürfte; teils sind es besonders bemerkenswerte forensische Vorkommnisse, welche die Öffentlichkeit lebhaft beschäftigten. Sie lehren einwandsfrei, daß das Geschlechtsleben im Dasein der hysterischen Frau eine bedeutungsschwere Rolle spielt und deshalb mindestens gleich beachtet, gleich gekannt zu werden verdient wie alle die anderen Auffälligkeiten im hysterischen Gesamtbild. Wie ist es aber wohl möglich, daß gerade das Geschlechtsleben der Hysterischen in den Darstellungen der Hysterie so stiefmütterlich bedacht, mit einigen Worten abgetan wird? Wie ist es möglich, daß Lewandowsky bei der Hysterie »keine Berserkerwut, sondern eine, die sich mit dem Versuch begnügt, einige Töpfe zu zerschlagen oder der Gegnerin die Haare auszuraufen« findet. Herzlich wenig ist es, was hier in einer umfassenden Monographie der Autor über das Geschlechtsleben zu verraten weiß, wobei vielleicht mitgesprochen haben mag, daß er noch sehr jung war und noch nicht hinreichende eigene Lebenserfahrungen gesammelt hatte. Geradezu seltsam erscheint es aber, wenn eine Kollegin, Margarete Kossak »Die Vita sexualis der Hysterischen«. Ztschr. f. Sexualwiss. 1915, H. 1., gefunden zu haben vorgibt, »daß gut die Hälfte aller Hysterischen an vollständiger, und die meisten übrigen an teilweiser geschlechtlicher Unempfindlichkeit leide«. Diese Behauptung, die durch meine Erfahrungen nach keiner Richtung bestätigt wird, will sie aus eigener Erfahrung gewonnen haben, und von dieser Erfahrung sagt sie bescheidentlich, daß sie »vielleicht nicht viele Menschen auf Erden – das Leben hat sie mir vermittelt – besitzen«. Wohl nicht viele Ärzte werden von so umfangreichen Erfahrungen sprechen können, und wenn sie sie als überreich einschätzen, wohl kaum als so einzigartig auf Erden bezeichnen. Dieser diametrale Gegensatz, daß der Arzt oft eine mindestens starke, oft hemmungslose, in allen erdenklichen Abarten schillernde Sexualität, die Ärztin eine bald vollständige, bald teilweise geschlechtliche Unempfindlichkeit findet, scheint mir unüberbrückbar, will man nicht annehmen, daß zufällig das Krankenmaterial beider Beobachter so grundverschieden war. Frau Dr. Kossak sucht ihn damit zu erklären, daß die Spezialisten »diesem Punkt« so wenig Beachtung schenken. Männer sehen wohl die Symptome, deuten sie aber aus ihrer Mannesnatur heraus falsch. Die Ärztin findet »in ihrem ob auch normalen Empfinden immer noch eine Reihe wichtiger Berührungspunkte mit dem jener Unglücklichen«. Eine Hysterische offenbare sich auch der Geschlechtsgenossin rückhaltsloser. Der Mann verstehe aber das Weib in seinem Weibesempfinden nie ganz, weil des letzteren Schamgefühl es ihm gegenüber an völliger Offenheit hindere. Er führe daher leicht Vorgänge »auf übermäßige Geschlechtserregbarkeit zurück, die nach Ansicht der Geschlechtsgenossin in einer Störung der Sensibilität wurzeln.«

Ist es wirklich wahr, daß der Mann die Frau nicht zu verstehen vermag? Daß er die Symptome wohl sieht, doch aus seiner Mannesnatur falsch deutet? Daß er das Weib in seinem Weibesempfinden nie ganz verstehe? Das wäre identisch mit der oft ausgesprochenen und doch irrtümlichen Behauptung, daß nur eine Frau eine zutreffende und erschöpfende Psychologie ihres Geschlechts schreiben könne.

Hiergegen ist zunächst zu bemerken, daß es erstens auf den Beobachter und seine mehr oder weniger feine Beobachtungsgabe ankommt. Sodann aber lehrt die alte Erfahrung, daß die Selbstbeobachtung, obwohl einem das eigene Seelenleben ständig vor Augen steht und der selbstkritischen Beobachtung unterliegt, die meisten Fehlschlüsse zuläßt. Man kennt sich selbst am wenigsten, gewahrt viel besser die Besonderheiten und Abweichungen, die Stärken und Schwächen der anderen. »Die Fähigkeit einer strengen, sich nicht täuschen lassenden Innenbeobachtung ist wenig Menschen eigen«, sagt Gustav Schütz Arch. f. Frauenk. u. Eng. Bd. 2, H. 1. und wünscht deshalb, daß man gerade solchen Darstellungen des Innenlebens, die sich allein auf Introspektion gründen, erst recht mit Mißtrauen und Zweifel begegne; »denn mehr noch als die Außen-, ist die Selbstbeobachtung allerlei Irrtümern und Täuschungen ausgesetzt«.

Das gilt doppelt für die Liebesempfindung der Frau. Gerade weil ihr Trieb- und intellektuelles Leben aufs engste miteinander verbunden ist, enger noch als beim Manne, ist die Frau einer objektiven Beurteilung und Einschätzung, ihres Fühlens und Empfindens nur bedingungsweise fähig. Schütz will sogar eine Frau, die auf Grund reiner Introspektion ihr geistiges Eigenleben zuverlässig darzustellen vermag, nicht mehr als Typus des gewöhnlichen Weibes, der Durchschnittsfrau, angesehen wissen, sondern als einen Typus für sich, als ein Ausnahmewesen, dessen Empfinden und Denken man nicht mit dem der großen Menge identifizieren darf. Wenn daher Schütz meint, daß das weibliche Empfindungsleben ebensogut von einem mit einer trefflichen Beobachtungsgabe ausgerüsteten und über die notwendige Erfahrung verfügenden Manne dargestellt werden kann, so pflichte ich ihm nicht nur bei, sondern weise nachdrücklichst darauf hin, daß gerade die Sexualpsychologie des Weibes vornehmlich von Männern studiert wurde. Ob hierbei die begreifliche Scheu vor aller Erforschung sexuellen Empfindens und die noch begreiflichere Scheu vor Mitteilung der Forschungsergebnisse unter Deckung mit dem Autornamen mitspricht, mag dahingestellt bleiben. Eine tiefgehende Kenntnis beider Geschlechter ist ja Vorbedingung jeder Sexualpsychologie, die zum großen Teil vergleichen muß, und sicherlich verfügt hier der Mann über ausgedehntere Kenntnisse als die Frau. Frau Dr. Kossak wird daher die Mitteilungen der männlichen Sexualforscher schon ernster nehmen müssen, als sie es anscheinend in vorgefaßter Abwehrmeinung zugestehen mag. Allerdings des wirklichen Sexualforschers, und nicht des großen Denkers an sich, denn der große Denker braucht nicht auch ein einwandfreier Kenner der Frau zu sein, und er ist es sicherlich oft nicht, denn sonst hätte Rosa Mayreder nicht so drastisch sich widersprechende Aussprüche großer Denker über den Unterschied von Mann und Frau zusammenstellen können. Nach Lombroso ist die Frau eine Masochistin; nach Egerton ist »unersättliche Herrschsucht ihr Lebenselement«; nach Virchow zeichnet sie sich durch Sanftmut, nach Havelock Ellis durch Zornmütigkeit aus. Und das Urteil über die Sexualität der Frau? Reinhold Günther Kulturgesch. d. Liebe. Berlin 1900, S. 11. glaubt, daß man »die sexuelle Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit der Frau als den natürlichen Zustand betrachten müsse«. Andere behaupten, daß sie den geschlechtlichen Genuß in viel höherem Maße empfinde als der Mann.

Derartige Widersprüche beweisen, daß Frauen untereinander, nicht anders wie die Männer, sehr verschieden sind, sie warnen aber auch vor allzu voreiligen Verallgemeinerungen.

Frau Dr. Kossak hält es für falsch, wenn der Mann für so viele Handlungen des Backfisches und reifen Weibes »die Sinne« verantwortlich mache. »Das Weib ist von Haus aus nicht nur viel weniger sinnlich als der Mann, sondern noch viel weniger als er glaubt, aber das Sexuelle im engsten und weitesten Sinne nimmt in seinem Dasein einen ungleich größeren Raum ein, als in dem seinen, und das im umgekehrten Verhältnis zu der Erregbarkeit seiner Sinne.«

Welch seltsame Künstelei, zwischen den Sinnen und dem Sexuellen zu unterscheiden! Schon die Behauptung, das Weib sei von Haus aus nicht nur viel weniger sinnlich als der Mann, sondern noch viel weniger als er glaubt, bedarf erst noch des Beweises, denn die Erfahrung stützt sie nicht, und vorsichtige Forscher der Frauenseele betrachten das sexuelle Empfinden des Weibes noch in großes Dunkel gehüllt. Bloch spricht von der Stärke und Natur der geschlechtlichen Sensibilität des Weibes »eine alte, bis heute noch nicht gelöste Streitfrage« Sexualleben unserer Zeit, S. 89.. Jedenfalls verdient es höchste Beachtung, daß so lebenserfahrene Männer wie Eulenburg, Kisch, Bleuler, Havelock Ellis die Lehre von der physiologischen sexuellen Anästhesie des Weibes nachdrücklichst bekämpfen. Mit Recht sieht Kisch in der Tatsache, daß der entfesselte Geschlechtstrieb der Überlegung für die verhängnisvollen Folgen keinen Raum gibt, die Begattung trotzdem, ja trotz Furcht vor den Folgen begehrt wird, den Beweis, daß der Geschlechtstrieb eine machtvolle, in gewissen Lebensperioden den ganzen Organismus des Weibes überwältigende, beherrschende, elementare Gewalt ist.

Kisch hält die Ansicht »von dem geringeren Grade des weiblichen Geschlechtstriebes im allgemeinen« nicht für begründet, sondern möchte nur »die schwächere Ausprägung dieses Triebes beim adoleszenten, sexuell unerfahrenen Mädchen gegenüber dem geschlechtswissenden Jüngling« annehmen. Von dem Augenblick an, da das Weib sexuell vollständig aufgeklärt und schon berührt, nach dieser Richtung sinnliche Erregungen empfangen hat, ist dessen Berührungs- und Kohabitationstrieb ebenso machtvoll und impulsiv wie der des Mannes. Der Geschlechtstrieb ist beim geschlechtsreifen Weibe stets vorhanden, wenn auch die Stärke desselben von individueller Veranlagung, körperlichen und psychischen Zuständen, sowie von äußeren Verhältnissen abhängig, und seine Kundgebung durch die Willenskraft eingedämmt ist. Der Geschlechtstrieb des jungen Mädchens in der Epoche der Menakme ist anfänglich ein undifferenzierter, nicht auf einen bestimmten sexuellen Akt oder auf einen bestimmten Mann gerichteter; er ist auch mehr von phantastischer Art als von sinnlicher, mehr ein Spiel erotischer seelischer Empfindung, als bewußter Dränge zum anderen Geschlecht. Erst später, zuweilen mit Eintritt der Menstruation, zuweilen auch erst einige Jahre nachher, differenziert er sich auf sexueller Grundlage Kisch, Das Geschlechtsleben des Weibes in physiologischer, pathologischer und hygienischer Beziehung. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1917..

Auch Erb hält die Annahme von dem geringeren Sexualtrieb der Frau zutreffend für jugendliche und jungfräuliche Individuen, welche noch nicht mit Männern in Berührung kamen, und deren Geschlechtslust und Sinnlichkeit noch nicht erregt wurden. Später, wenn der Geschlechtsverkehr begonnen hat, pflegt sich das in der Regel zu ändern, und die sexuellen Bedürfnisse treten auch bei Frauen lebhafter hervor und verlangen Befriedigung. »Es ist bekannt, daß es nicht wenige Frauen gibt, die sehr starke und ungezügelte sinnliche Neigungen haben, gerade wie die Männer. Auf der anderen Seite ist aber auch zu betonen, daß es unter den Frauen viele sogenannte naturae frigidae gibt, welche gar keinen Sinn für den Geschlechtsverkehr haben, ihn geradezu perhorreszieren, als etwas Gleichgültiges oder direkt Widerwärtiges empfinden.« Besonders häufig findet sich das bei Hysterischen, worüber Erb eine ganze Reihe von Erfahrungen zu besitzen erklärt. Demgegenüber betont aber Kisch, daß »bei hysterischen Weibern der Geschlechtstrieb häufig außerordentlich, sogar bis zur Koitushalluzination gesteigert, zuweilen wieder erloschen oder psychopathisch metamorphosiert, ganz paradox von sexueller Frigidität überspringend zu lasziven Reflexionen und steter Beschäftigung mit sexuellen Dingen ist« S. 206.. Nach den herrschenden kulturellen Verhältnissen nimmt nur der Mann für sich das Herrenrecht in Anspruch, seinen sexuellen Gelüsten frei die Zügel schießen zu lassen und sie rücksichtslos zu befriedigen, während die Frau, eingeengt von gesetzlichen und sozialen Bestimmungen, ihrer Liebe nicht leicht nachgeben darf und sie mit Gewalt beherrschen muß. Auch ist eine gewaltige Schranke gegenüber dem Waltenlassen des Geschlechtstriebes in den Folgen gegeben, welche der Kohabitationsakt für das Weib und nur für dieses hat. Kisch erklärt die Prozentziffern frigider Frauen »für viel zu hoch« und vollständig falsch, da sie nur auf subjektiven Angaben der Frauen selbst beruhen und ihn die Erfahrung gelehrt hat, daß solche Angaben oft ganz unglaubwürdig sind. »Um sich interessant zu machen, auch dem Arzte gegenüber, versichern solche vorwiegend hysterischen Weiber, daß sie sexuell gar nichts empfinden und sich nach gar nichts sehnen« Die sexuelle Untreue der Frau, S. 71.. Andererseits betont Kisch nachdrücklichst, – und er spricht auf Grund einer 50jährigen Erfahrung in großer, internationaler Frauenpraxis –, daß im allgemeinen der Geschlechtstrieb bei der Frau eine weit geringere, von der Natur gesetzte elementare Gewalt besitzt als beim Manne. Das will er ausgesprochen wissen gegenüber »manchen sich ganz auf theoretischem Boden bewegenden Psychologen und zu der Mehrzahl der modernen vorgeschrittenen emanzipierten Frauenrechtlerinnen, die ihre Brunst öffentlich übertreiben und ihren geschlechtlichen Hunger laut auf den Markt hinausschreien«.

Bis zu welcher Hemmungslosigkeit das gehen kann, selbst unter den natürlichen Lebensbedingungen des Landlebens, wo die künstlichen Steigerungen der Erotik vollständig fehlen, beweisen C. Wagners mehr als eindeutige Schilderungen der Sinnlichkeit des Landmädchens.

»Mädchen stehen in fleischlicher Lüsternheit hinter den jungen Leuten nicht zurück, sie lassen sich nur zu gern verführen und gebrauchen, so gern, daß selbst ältere Mädchen mit halbwüchsigen Burschen oft vorliebnehmen, und daß Mädchen oft nacheinander sich mehreren Männern preisgeben. Auch sind es nicht immer die jungen Burschen, von denen die Verführung ausgeht, sondern vielfach sind es die Mädchen, welche die Burschen zum Geschlechtsgenusse an sich locken, wie sie denn auch nicht warten, bis die Knechte sie in ihrer Kammer besuchen, sondern sie gehen zu den Knechten in deren Schlafraum und erwarten sie oft schon in deren Betten« C. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse der evangelischen Landbewohner im Deutschen Reiche. Leipzig 1897, Bd. I, 2. Abt., S. 213. – Bloch, S. 90..

Bleuler hält das Weib von Sexualität durchtränkt. Bloch kann sein Urteil sogar auf eine Umfrage bei gebildeten Frauen stützen, die ohne Ausnahme die Theorie von der geringeren geschlechtlichen Sensibilität des Weibes für unrichtig erklärten. Viele meinten sogar, sie wäre größer und nachhaltiger als beim Manne, eine Annahme, die um so eher erklärlich erscheint, als ja die Geschlechtssphäre des Weibes viel ausgebreiteter ist als beim Manne. »Die Weiber sind überhaupt lauter Geschlecht, von den Knien bis zum Halse«, mit diesem Satze zitiert Bloch den Verfasser der »Splitter« und findet die Tatsache der weit ausgedehnten erogenen Zonen des Weibes sehr gut charakterisiert. Auf Grund der nervenärztlichen Erfahrungen stimme ich dem nicht nur bei, sondern frage noch, warum nur von den Knien bis zum Halse, warum nicht schon von der Fußzehe bis zur Haarspitze?

Das in die Hände der Frau gelegte »Frauenzimmer-Lexikon« spricht allerdings in einer ganzen Reihe von Artikeln von dem übertriebenen weiblichen Liebesverlangen als von dem »gemeinen Zustande der Frauenzimmer«, der jedoch als natürlich erklärt wird. Hier heißt es unter dem Stichwort »Geilheit«:

»Geilheit, von denen Medicis salacitas genannt, ist bey denen Weibesbildern eine kontinuirliche Begierde und steter Appetit nach dem Liebeswerk, so von einer hitzigen, safftreichen, zärtlichen und wollüstigen Struktur derer Teile des Leibes herrührt, und sie dabey immer mehr und mehr zur Wollust anreizen.«

Ebenso natürlich findet es der Verfasser, daß, wenn diese Liebessehnsucht »kontinuirlich« unbefriedigt bleibt, es bei den meisten Mädchen oder Frauen zu förmlicher Mannstollheit kommt, d. h. zum sogenannten »Wüten der Mutter«.

»Wüten der Mutter, auch Mannstollheit und Kuttentollheit genannt, denen Medicis aber furor uterinus, ist ein weiblicher Zufall, es werden vielmahls auch die Jungfrauen mit diesem Übel geplagt, und kommet insgemein aus Geilheit, phantastischer Einbildung eines schönen männlichen Subjecti und untersagtem Beyschlaff her, daher sie denn ernstlich traurig, unruhig, melancholisch werden und endlich gar in Raserey geraten. Man nennt dergleichen Patientinnen schottenthöricht.«

Etwas weniger trocken behandeln die Moralprediger dieses Thema. Der Verfasser des im Jahre 1720 erschienenen Buches: »Die von ihren Feigenblättern entblößten Adame und Eva« leitet das lange Kapitel, das er dem mannstollen Gebahren des unverheirateten Frauenzimmers widmet, mit folgenden Sätzen ein:

»Das unverheiratet Frauenzimmer ist so mutwillig und wild als (wo man anders solchen Vergleich brauchen darf,) eine junge Kuh im Frühjahr, die man aus Mangel eines Brömmers immerfort den anderen Kühen aufhucken sieht«.

Nach der bildenden Kunst des Galenischen Zeitalters zu urteilen, ist jede Frau dieser Zeit ein Ätna von Wollust, dem kein Mann sich nähern kann, ohne von seiner Glut versengt zu werden. Die zeichnenden Künste kennen überhaupt nur eine »liebende« Frau, Liebe begehrend oder Liebe spendend. So erschien sie nicht nur im Konkavspiegel der übertriebenen männlichen Psychologie, sondern, wie Fuchs-Kind meinen, war sie auch. Man könne sich heute kaum eine Vorstellung davon machen, in welchem verliebten Getue damals tatsächlich alles weibliche Tun bestand. Er hält den Satz der Goncourts für zutreffend: »Die Frau besteht in dieser Zeit nur aus Wollust«.

Wenn daher O. Adler behauptet, daß der Geschlechtstrieb des Weibes (Verlangen, Drang, Libido) sowohl in seinem ersten spontanen Entstehen wie in seinen späteren Äußerungen wesentlich geringer ist als derjenige des Mannes, daß die Libido vielfach erst in geeigneter Weise geweckt werden muß und oftmals überhaupt nicht entsteht, so widerspricht das aller Erfahrung des Alltaglebens, wie der wissenschaftlichen Beobachtung. Solch Urteil scheint nur möglich, wenn die scheinbare sexuelle Kälte als Tatsache angesehen wird, während sie in Wirklichkeit nur Folge der konventionellen Zurückhaltung ist, wie sie die Frau nun einmal in allen sexuellen Dingen bekundet. Nur eine scheinbare Kälte, keineswegs eine tatsächliche Reaktion des Frauennaturells. Was hier Vererbung und erziehliche Gewöhnung zusammen in der Frauennatur gezüchtet haben, tritt gerade in den Bekundungen sexueller Empfindungen, gerade in dieser Teilerscheinung des Schamgefühls offen zutage, sollte allerdings auch nur als solche Scheinäußerung gewertet werden. Nicht zum wenigsten spricht bei diesem Verhalten auch die Erfahrung mit, daß die offene Bekundung der wirklichen Sexualempfindung das Weib in den Augen des Mannes nicht begehrungswürdiger macht, zumeist sogar schädigt, daher dieses Verhalten wohl auch als ein naturgegebenes Moment im Kampf der Geschlechter angesehen werden kann.

Es gab allerdings eine Zeit, in der das Weib durch offene Bekundung ihres Sexualempfindens begehrungsfähiger wurde, und das war die galante Zeit, wo die Frau als Genußinstrument und damit als lebende Verkörperung der sinnlichen Wollust den Thron bestiegen hatte, systematisch zum delikatesten Leckerbissen des Sinnengenusses erzogen wurde. »Jede Art des Verkehrs mit ihr muß dem Manne Wollust garantieren, oder muß ihn zum mindesten unausgesetzt zur Wollust reizen. Die Frau muß ständig Wollust ausströmen, in jeder Minute ihres Daseins. Sie muß sich gewissermaßen ununterbrochen im Stadium der wollüstigen Hingebung befinden: im Salon, im Theater, in Gesellschaft; ja sogar auf der Straße nicht weniger, wie im verschwiegenen Boudoir beim trauten Einzelgespräch mit dem vertrauten Freunde oder Kurmacher. Und sie muß auf diese Weise die Begierden jedes Einzelnen stillen und die Wünsche aller, die in ihren Kreis treten ... Ihr Tun muß an den Tag bringen, daß ihre Phantasie vollständig mit wollüstigen Vorstellungen durchtränkt und jeder ihrer Gedanken einzig diesem Gegenstande zugewendet ist und sich mit dessen tausend Möglichkeiten beschäftigt. Jedenfalls muß sie die entsprechende Pose einnehmen. Denn auch die Liebe ist Repräsentation und öffentliches Schauspiel und spielt auf einer Bühne vor tausend Zuschauern. Am begehrtesten und auch daher am meisten verehrt ist in dieser Zeit die von Natur schon besonders sinnlich veranlagte Frau, die ständig nach Wollust lechzt und von Liebesfesten träumt. Man wünscht »den schönen Reiz der Lüsternheit«. Diesem Frauentyp huldigen die zeichnenden Künstler in zahllosen verherrlichenden Darstellungen, und die galanten Dichter singen ebenso schwärmerisch ihr Lob. Es gibt keine geschätztere Schönheit an der Frau, als wenn auf ihren Wangen »die Wollustrosen blühen« und »der schwellende Busen bebend das heimliche Feuer kundgibt, von dem sie verzehrt wird.« Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte. Langen, München, Bd. 2, S. 92.

So nachdrücklich auch Bloch die Annahme einer sexuellen Frigidität als allgemeine Eigenschaft der Frau ablehnt, ihr Vorkommen bestreitet er natürlich nicht, ebensowenig wie ich es tue. »Einflüsse der Vererbung, eine sexuelle Entwicklungshemmung, der Psychosexual-Infantilismus, oder Krankheiten wie Hysterie und andere Nervenleiden, oder endlich habituelle Onanie sollen dann die Schuld tragen«. Schon die Einflüsse der Vererbung erscheinen mir nicht recht verständlich. Denkt er etwa an eine vererbte Anlage sexueller Frigidität? Sollte er das behaupten wollen, so hätte er sich nicht mit der kurzen Angabe begnügen dürfen. Oder sollte hier nur die Satzform zu der Auffassung verleiten und mit den Einflüssen der Vererbung die folgenden Angaben als erklärende gemeint sein, nämlich die sexuelle Entwicklungshemmung und der Psychosexual-Infantilismus? Dann wäre allerdings die sexuelle Frigidität als Teilerscheinung dieser Zustände glaubhaft. Wie ist dann aber der Gegensatz zwischen diesen Zuständen, also vererbten und Krankheiten wie Hysterie und anderen Nervenleiden zu verstehen? Die vorgenannten Zustände, ob ererbt oder nicht vererbt, sind doch auch krankhaft. Für uns wichtig aber ist es endlich, daß auch Bloch die Hysterie zu jenen Krankheiten zählt, die eine dauernde Frigidität bedingen können. Diese so allgemein gefaßte Angabe ist sicherlich nicht richtig, denn was mich die eigene Erfahrung an sexuell frigiden Frauen sehen ließ, berechtigt mich keineswegs zu dem Urteil, daß hier Hysterie überwiegend oder selbst nur in einem kleinen Prozentsatz eine wesentliche Rolle spielt. Zumeist waren es vollwertige, von krankhafter nervöser Anlage keineswegs beeinflußte Charaktere, die unter der sexuellen Frigidität, sobald sie ihnen vollbewußt wurde, unsagbar litten, die auch jedes Mittel benutzt hätten, das diesen Empfindungsmangel beseitigt hätte. Es kann auch nicht nachdrücklich genug betont werden, daß nicht allein das eigene Empfinden unter dieser Teilstörung bedenklich litt, sondern die Sorge um das gesamte Eheglück und das gesamte Lebensschicksal. Deshalb ist es auch durchaus falsch, wenn Frau Kossak zwischen den Sinnen und dem Sexuellen unterscheiden will. Das Sexuelle ist doch nicht ein allein aus dem Geschlechtsapparat und seinen wandelbaren Funktionen stammender Komplex, sondern ein komplizierter, auch von den verschiedensten Sinnesorganen mitgespeister Empfindungskomplex. Wenn Backfische durch kindische Liebesverhältnisse ihren guten Ruf aufs Spiel setzen, wenn sie angeschwärmten Schauspielern Billetdoux senden, wenn junge Mädchen in Gesellschaft durch ihr kokettes Benehmen auffallen, wenn verheiratete Frauen ihren Gatten mit lästigen Zärtlichkeitsbezeugungen verfolgen, so sprechen eben die Sinne mit, und zwar erhalten sie ihre gesteigerte Wirkung, die erotische Note, erst auf dem Umweg über die Sexualität. Es sind unbewußte und bewußte erotische Untertöne, die mit der Sinnesempfindung mitschwingen, sie verstärken und maßlos werden lassen. Niemals würden die Begeisterungsstürme den Furor annehmen, wenn eben nicht sexuelle Empfindungen mitsprächen. Selbst Klangwirkungen eines Orchesters können in gleicher Richtung schwer irritierend wirken. Erlebte ich es doch, daß die Einleitungsklänge des Lohengrinvorspiels einen hysterischen Kapellmeister derart erregten, daß er im Opernhaus onanierte und exhibitionierte. Also eine unmittelbare Einwirkung des Klangreizes auf das Erektionszentrum.

Dessoir hat sogar vor Jahren den Begriff eines undifferenzierten Geschlechtsgefühls aufgestellt und begründet Med. Klin. 1907, Nr. 48.. Er will hiermit die Tatsache bezeichnen, daß häufig die ersten Regungen des Geschlechtsgefühls weder unverkennbar an die Fortpflanzungsorgane geknüpft, noch mit einer deutlichen Vorstellung des Begattungsaktes verbunden, noch überhaupt mit Sicherheit auf Angehörige des anderen Geschlechts bezogen sind. Es ist recht beachtenswert, daß Dessoir, dieser feinsinnige Beobachter, von den frühesten Äußerungen des Instinktes sagt, daß ihnen »alle klaren Bilder« fehlen. »Während und auch schon vor der Pubertät sind unbestimmte Reizungen vorhanden, deren Bedeutung dem Heranwachsenden in der Regel längere Zeit sich entzieht. Diese Reizung besteht in gefühlsbetonten Gemeinempfindungen, in einem Schwellen und Drängen, in der von Dichtern oft besungenen »süßen Unruhe« des ganzen Körpers. Bestimmte Vorstellungen entstehen erst, indem der Trieb irgendwie zur Erfüllung gelangt.«

Wenn Frau Dr. Kossak dem Manne als Irrtum anrechnet, daß er immer meine, der Geschlechtstrieb äußere sich beim Mädchen mit dem Eintritt der Geschlechtsreife wie beim Jüngling von selbst, und wenn sie auf Grund ihrer Erfahrung behauptet, daß er erst beim Zärtlichkeitsaustausch mit dem Manne erwache, so widerspricht letztere Anschauung aller ärztlichen Erfahrung. Das erwachende Geschlechtsleben läßt den Trieb auftauchen, zunächst unverstanden, läßt ihn mannigfache Formen annehmen, läßt ihn auch ohne jeden Zärtlichkeitsaustausch mit dem Manne aufflammen und ständig stärker werden, allein weil Mutter Natur es so will und durch körperliche Wandlungen verstärkt. Es ist nicht richtig, daß er, wie Frau Kossak meint, wenn schon früher vorhanden, »durch verbotenes Liebesspiel mit Knaben, meinetwegen auch Mädchen, oder durch onanistische Manipulationen, zu denen Altersgenossen oder Dienstmädchen die Anleitung geben – kurzweg durch Reizung der Genitalien – künstlich hervorgerufen sei. Frau Kossak meint: »Ausnahmen, die ich gern gelten lasse, beweisen nichts gegen die Regel« eben die von ihr zur Ausnahme gestempelte Erscheinung. So behaupte ich, daß das Erwachen des Geschlechtsempfindens erst beim Zärtlichkeitsaustauch mit dem Manne – die Ausnahme ist. Wenn ein junges Mädchen sich sexuelle Unarten angewöhnt oder vorzeitigen Geschlechtsverkehr pflegt, so kann eine lüsterne Phantasie, können auch Neugier und der Ehrgeiz, etwas zu erleben, mitgesprochen haben, aber die Sinne haben danach verlangt. Natürlich bleiben Vergewaltigungsmöglichkeiten außer Betracht. Es bleibt eben Tatsache, daß Sinnesempfindungen anders anklingen und wirken, wenn ein erotischer Unterton mitschwingt. Selbst das Nackte in der Kunst wirkt nicht zum geringsten auch durch die erotische Mitbeteiligung, und unvoreingenommene Künstler werden diese Tatsache keineswegs bestreiten. Das Phantasiespiel mit der sexuellen Empfindung durchdringt alles, und nur eine Frage des Zufalls und der erziehlichen Schranken ist es, wann es in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Es hört auch keineswegs stets auf, wenn das Interesse für das Sexuelle sich betätigen kann, wie Frau Kossak meint. Daß aber die geschlechtliche Unempfindlichkeit es verschulden soll, wenn die Hysterische die Phantasie bis zu den ungeheuerlichsten Vorstellungen anschwellen läßt, ist ganz unverständlich. Wenn tatsächlich eine geschlechtliche Unempfindlichkeit besteht, – und sie kommt bei Frauen jeder Art, natürlich, auch bei Hysterischen, vor, – so ist es nicht verwunderlich, daß die Phantasie die erwarteten, nicht verwirklichten Sehnsuchtsreize sich ausmalt, und je mehr ihre Nichtverwirklichung entbehrt wird, um so glühender sich ausmalt. Frau Kossak irrt aber zunächst, wenn sie die geschlechtliche Unempfindlichkeit als Tatsache nimmt und zwar als allgemein gültige Tatsache, einfach, weil sie sie vereinzelt fand. Das darf sie um so weniger, als die von ihr zum Beweis erbrachten Beispiele, so interessant sie sind, zunächst nichts weiter besagen, als daß diese Hysterischen gegenüber ihrem Manne unempfindlich blieben.

Wie oft in solchen Ehen die Frigidität der Frau durch den Ehemann verschuldet sein mag, läßt sich nicht beurteilen, doch erschließen aus der Erfahrungstatsache, daß Potenzstörurgen in der Männerwelt der gesellschaftlichen Oberschicht ungemein häufig sind. Wenn Fürbringer »von der ungemeinen Häufigkeit der Abortivform, von Ejaculatio praecox« bei der heutigen Männerwelt spricht, so kann aus solcher Angabe eines selten erfahrenen Arztes zu Recht geschlußfolgert werden, daß entsprechend häufig Frauen über Nichtbefriedigung zu klagen haben dürften. Nicht anders kann die Nutzanwendung aus der Äußerung Fürbringers lauten, daß es für den Uneingeweihten wirklich ganz unglaublich ist, wie selten sich normale Potenz beim Manne findet. Und damit steht im Einklang, was Löwenfeld l. c. S. 131. über die männliche Potenz denkt. Vor allem findet er die zwei ersten seiner Konstitutionstypen, die schwächere und erotisch sexuelle Konstitution, insbesondere in den gebildeten Klassen so verbreitet, daß man es im Interesse der Volksgesundheit als bedenklich erachten muß. Nicht verwunderlich, daß schon die Frauen über den gegenwärtigen Tiefstand der Manneskraft sich recht despektierlich äußern Kafemann, Münchener med. Wochenschr. 1910, S. 355.. Blumreich, einer unserer besten Frauenärzte, erklärte mir unumwunden, daß er nach seiner reichen Lebenserfahrung eine absolute sexuelle Frigidität überhaupt bestreiten müßte, weil er oft genug sie verschwinden sah, sobald das Leben den Mann wechseln ließ.

Damit stimmt voll überein, was ein so erfahrener Sanatoriumsleiter wie O. Giese in Baden-Baden mir nach dem Studium dieses Buches mitteilte. Ihm ist es bei seinen »Nervösen« schon immer aufgefallen, wie so häufig das scheinbar widerspruchsvolle Zusammentreffen einer stark ausgeprägten Sinnlichkeit, Neigung zu Flirts, ja Mannstollheit mit sog. Frigidität beim Koitus sich eint. Giese war stets überzeugt, daß diese an Dyspareunie leidenden, nicht zum Orgasmus kommenden Frauen gar nicht frigide sind, nur das sind, was man beim Manne »psychisch impotent« nennt, sehr oft stark sexuell veranlagt, libidinös, aber trotzdem Feindinnen des Koitus, der ihnen keine Befriedigung gewährt, sie aufwühlt und seelisch schwer schädigt. Und die Ursache dieser sexuellen Eigenart?

Sehr oft der Gatte, der beim Koitus keine Rücksicht auf die Frau nimmt. Und nun gilt solche Frau für ihren Mann – und leider oft genug für den zugezogenen Arzt! – als frigide, was sie in Wirklichkeit keineswegs ist.

Gerade das dritte Beispiel beweist zur Genüge, daß hier individuelle Verschiedenheiten die Schuld tragen können. Ich lasse Frau Kossak sprechen:

»Noch von einer dritten Hysterischen, die an geschlechtlicher Unempfindlichkeit litt, will ich erzählen. Auch sie kam erst dahinter, als sie schon zwei Jahre verheiratet war. Da sie sittliche Bedenken nicht kannte, – sie war überhaupt eines der verworfensten Weiber, die mir je begegnet sind, ganz im Gegensatz zu den beiden Vorgenannten, die viele gute Eigenschaften besaßen, – schaffte sie sich einen Liebhaber an, damit er vermöge kunstreicher Techniken das Übel bekämpfe. Mit namenloser Geduld brachte er es denn auch wirklich dahin, – wie sie mit widerwärtigem Zynismus berichtete – daß sie bisweilen mit ihm Genuß hatte, aber nur mit ihm, mit dem eigenen Gatten nie. Dies günstige Resultat rief den Wunsch in ihr hervor, den Liebhaber zu heiraten. Da er aber beruflos und arbeitsscheu war, so wäre eine Scheidung nicht zweckentsprechend gewesen; starb ihr Mann dagegen, so wurde sie seine Erbin und konnte den Liebhaber an die Spitze des von jenem gegründeten, glänzend prosperierenden Unternehmens stellen. Sie versuchte im Verein mit dem Liebhaber alles Erdenkliche, um den Gatten aus dem Wege zu räumen, – sie drehte den Gashahn auf, lockte ihn mittelst einer komplizierten Intrigue in einen Hinterhalt, um ihn totschlagen zu lassen usw. – schließlich starb er, woran, ist nie recht festgestellt worden, als ihr Opfer jedenfalls. Er hatte nach einer Endocarditis ulcerosa eine Herzschwäche zurückbehalten, und es ist wohl möglich, daß die fortgesetzten Aufregungen, die man im Hinblick hierauf planmäßig bereitete, am Ende zum gewünschten Ziele geführt haben, andererseits waren aber die Begleitumstände seines Todes so eigentümlich, daß auch andere Vermutungen nicht ganz ungerechtfertigt erschienen. Diese Tragödie war so reich an Sensationen und haarsträubenden Details, daß sie Stoff für ein Dutzend Kolportageromane gegeben hätte.

In der Phantasie dieser Frau spielte das Sexuelle nicht annähernd die Rolle, wie bei den meisten ihresgleichen, – ihre Phantasie war überhaupt nicht besonders stark, ebensowenig als ihre Begabung die Mittelmäßigkeit überstieg, und ihre erotischen Vorstellungen entbehrten daher auch jeglichen poetischen Reizes – aber dennoch – vielleicht auch gerade darum – war ihre geschlechtliche Unempfindlichkeit von noch größerer praktischer Bedeutung für sie, als es sonst zu sein pflegt. Sie war die Quelle, der alle ihre Teufeleien und Schandtaten entsprangen. Auch ihr zähes Festhalten an dem Liebhaber hatte einzig und allein seinen Grund in dem Umstände, daß nur er dem Übelstand wenigstens in etwas abzuhelfen vermochte ... Die Frau hatte das Malheur, überleicht zu konzipieren. Trotzdem sie es mit allen antikonzeptionellen Methoden versuchte, von denen sie hörte, führte sie im Laufe eines Jahres bis viermal und noch Öfter Abort herbei. Zunächst nahm sie dann Sekale in ungeheuren Mengen, und wenn das nicht half, machte der Liebhaber eine Frau ausfindig, die mittelst Hutnadel das gewünschte Resultat erzielte. Sie bewies bei solchen Gelegenheiten eine große Bravour, die ganz im Gegensatz stand zu ihrer sonstigen kindischen Feigheit und Unfähigkeit, den geringsten Schmerz zu ertragen«.

Frau Kossak glaubte manchmal, daß der Abort ihr geradezu Vergnügen machte, und glaubt dieses Verhalten durch die Neigung Hysterischer erklärt, operative Eingriffe bei ganz leichten Störungen der Geschlechtsfunktionen, auch selbst recht schmerzhafte Untersuchungen, an sich ausführen zu lassen. Allerdings teilt Frau Kossak nicht die Meinung mancher Gynäkologen, daß Hysterische dabei Genuß empfinden, sie glaubt vielmehr, daß einerseits die geschlechtliche Unempfindlichkeit bei solchen Gelegenheiten auch eine Verringerung des Schmerzgefühls mit sich bringt, und daß andererseits diese Frau mit der ihr eigenen Sucht, eine Rolle zu spielen, sich in dem Bewußtsein sonne, als Heldin angestaunt zu werden.

Wie Frau Kossak diesen Fall als Beispiel geschlechtlicher Unempfindlichkeit zitieren will, ist mir nicht recht verständlich. Anscheinend identifiziert sie fehlenden oder verspätet eintretenden Orgasmus mit der Libido. Gerade die letztere ist ja in diesem Falle bis zum Extrem gesteigert. Daß Frau Kossak tatsächlich nur den ausbleibenden Orgasmus mit der Bezeichnung »geschlechtliche Unempfindlichkeit« bezeichnet wissen will, geht auch aus ihrem ersten Fall hervor, einer jungen Frau, die sie die interessanteste Hysterische nennt, die ihr je vorgekommen sei, und die sie genial und vielseitig begabt nennt. Hier spricht Frau Kossak von geschlechtlich absoluter Unempfindlichkeit. Die Frau wurde den Gedanken nicht los, daß ihre Krämpfe wegbleiben könnten, sie überhaupt genesen könnte, sofern diese geschlechtliche Unempfindlichkeit geändert würde.

»Zu diesem Zweck gebrauchte sie Kuren über Kuren, verschaffte sich Aphrodisiaka, masturbierte sich, quälte ihren Mann mit ihren Forderungen, seiner ehelichen Pflicht eifriger obzuliegen, aufs Entsetzlichste – alles umsonst. Zu ihrem großen Schmerz war die Ehe kinderlos, und da wurde – das Membrum virile des Gatten ihr zum Kinde! Sie malte ihm ein Gesicht an, setzte ihm ein Häubchen auf, umhüllte es mit Windeln und hätschelte es wie ein Kind. »Gib acht auf unser Kind!« mahnte sie ihn, wenn er ausging. Er ließ sich alles gefallen, weil er sie sehr liebte und tiefstes Mitleid mit ihr hatte. Der Mann war hochbegabt und hochgebildet, willensstark, aber der Frau gegenüber von einer geradezu lächerlichen Schwäche. Da es ihr nicht an Selbstkritik fehlte, so äußerte sie oft: »Wenn er nicht so nachsichtig und liebevoll wäre, würde mein Zustand ja nie so ausgeartet sein. Mein erster Mann war so brutal, da mußte ich mich beherrschen.« Und sie hat diese Nachsicht gehörig auf die Probe gestellt. Da sie, wie eigentlich alle ihresgleichen, wahnsinnig eifersüchtig war, – ohne jeden Grund, – kam sie einmal auf die Idee, ihren Mann einen Keuschheitsgürtel tragen zu lassen. Er ging auch darauf ein, stellte nur die Bedingung, während er ihm angemessen wurde, das Gesicht zu verhängen. Aber als er ihm dann gar zu unbequem war und er ihn einmal abgelegt hatte, stürzte sie sich vom dritten Stockwerk durch das Fenster. Sie war jedoch mit dem Ärmel von außen an einem Haken hängen geblieben, so daß man die Feuerwehr alarmieren konnte, die sie dann herunterholte.«

Und von dieser Frau sagt Frau Kossak, daß sie eine reizende, kleine Frau war, von einer körperlichen und seelischen Anmut ohne gleichen, mit der sie auch die perversesten Einfälle zu überkleiden vermochte.

»Kein Dichter habe je poetischere und feinere Gedanken in vollendeterer Form ausgesprochen, als sie ihr unaufhörlich vom Munde strömten, nur daß sie leider ausnahmslos sich um Sexuelles drehten, das machte die Unterhaltung mit ihr eintönig. Man konnte mit ihr sprechen, worüber man wollte, nach wenigen Worten war sie bei dem einzigen Thema angelangt, das es für sie gab. Alle Wege führten nach Rom. Ihr Mann vermied jeden gesellschaftlichen Verkehr und verhinderte unter Anwendung jeder List, daß sie mit Fremden sprach, weil sie auch diesen gegenüber sich keinen Zwang auferlegte und einem Herrn, den sie zum erstenmal in ihrem Leben sah, nach 5 Minuten über alle Einzelheiten ihres ehelichen Lebens Rapport erstattete.«

Seltsamerweise sagt Frau Kossak von dieser Frau, von der sie selbst behauptet, daß sie für nichts, aber absolut für nichts Sinn hatte, als für das Sexuelle, die wie ein Vampyr den Mann aussog, – daß sie geschlechtlich total unempfindlich war, und zwar habe sie angeblich bis fast zu ihrem dreißigsten Jahre weder selbst davon eine Ahnung gehabt, noch sonst jemand. Auch hier scheint die Bezeichnung höchst ungeeignet, angesichts einer derart von sexuellen Empfindungen und Neigungen erfüllten Psyche. Und selbst wenn man den fehlenden Orgasmus als Teilerscheinung des geschlechtlichen Empfindungslebens hier ganz besonders bedeutungsschwer einschätzen will, so ist die absolute Unempfindlichkeit auch in diesem gewissen Endeffekt des Sexuallebens keineswegs bewiesen. Es fehlt jede Angabe darüber, ob und wie weit die Sexualität des betreffenden Mannes imstande war, den ausbleibenden Orgasmus zu überwinden.

Der Orgasmus ist aber eine physiologische Notwendigkeit, so sehr, daß Rohleder in ihm direkt das physiologische Pendant zur Spermaejaculation des Mannes sieht. Dieser verdienstvolle Sexualforscher sieht in ihm eine aus drei Komponenten zusammengesetzte Funktion: 1. dem Summierungsstadium der gesamten physischen Reizungen durch sexuelle Erregungen innerhalb des weiblichen Genitale, 2. dem Auslösungsstadium dieses auf den Höhepunkt gelangten Sexualspasmus, dem eigentlichen Orgasmus im engeren Sinne, 3. dem abklingenden Stadium während der nachfolgenden stoßweisen Ejaculation. Das Fehlen dieses komplizierten Vorgangs, besonders des zweiten Stadiums, ist die Dyspareunie. Nachdrücklichst betont er auch, daß die Frigidität oder gar die Anästhesia sexualis der Dyspareunie nicht gleichzusetzen ist; denn Anästhesie ist fehlender Geschlechtstrieb, Frigidität ist mangelhafter, schwacher Geschlechtstrieb, Dyspareunie aber ist mangelhaftes oder gar fehlendes Wollustgefühl. Aber Geschlechtstrieb und Wollustgefühl sind zwei ganz verschiedene, von einander zu trennende Erscheinungsformen des menschlichen Sexualtriebes. Der Geschlechtstrieb wird ausgelöst nicht im Kitzler wie das Wollustgefühl, sondern im Eierstock, und zwar durch Reizung der Graafschen Follikel, resp. durch Wirkung der Hormone, der inneren Sekretion des Eierstocks. Eine Frau mit Dyspareunie hat für gewöhnlich wohlentwickelten Geschlechtstrieb, eine Frau mit Anästhesie nicht. Es verdient ärztlich wohl beachtet zu werden, daß auch Rohleder bekennen muß:

»Manche Dyspareunie eines jungen Weibes wird nie erkannt und ist nicht besserungsfähig, bis endlich einmal durch einen leider meist extramatrimoniellen Verkehr ein »corriger de la thérapie du médecin« mit Erfolg versucht wird, und so die ärztliche Nichtkenntnis des Zustandes zu ungeahnten Folgen führt.«

Daß trotz normalen Geschlechtstriebes und trotz aller mit Schikanen ausgeführten Kohabitation die Libido nur angefacht und angestachelt, aber nicht befriedigt wird, betrachtet Rohleder als Hauptmoment, das Tragische des ganzen Zustandes.

»Unbefriedigt erheben sich die Dyspareunischen vom Lager, und dieses Unbefriedigtsein löst einen derartigen psychischen Alterationszustand aus, besonders zur Zeit der Menstruation, daß die Frauen immer unzufriedener, gereizter werden. Anfangs suchen sie durch desto stärkere Neigung zur Kohabitation das Fehlende zu ersetzen, allmählich, wenn trotzdem keine Befriedigung eintritt, bildet sich der Typ des nervösen Weibes aus.«

Nicht anders steht es mit dem dritten Beispiel der Frau Kossak, auch einer Hysterischen, deren Gedanken sich vorzugsweise auf erotischem Gebiet bewegten, die sich aber genügend zu beherrschen wußte, um nicht zu Fremden davon zu sprechen, auch durch ihre künstlerischen Passionen immerhin etwas davon abgezogen wurde. Ihre Spezialität war es, Herren in ihrer Wohnung zu besuchen, sich ins Chambre séparée führen zu lassen und dergleichen mehr.

»Wenn sie nachts in einer großen fremden Stadt – daheim hütete sie ihren Ruf, aber freilich war sie fast nie daheim – durch die Straßen irrte und sie jemand ansprach, ging sie ohne weiteres mit, wie jede Dirne auch, doch ließ sie sich nicht anrühren, sie hatte überhaupt Abscheu vor dem Geschlechtsakt, ja schon vor jeder körperlichen Berührung seitens eines Mannes. Meist stellte sie es als Bedingung für ihr Mitkommen, daß der Betreffende sich keine Freiheiten gegen sie herausnehmen sollte. Da dies aber selten für Ernst genommen wurde, kam es zu den unerhörtesten Auftritten. Es war ihr wohl auch nicht Ernst mit ihrer Forderung, denn was den Reiz des Abenteuers für sie ausmachte, war ja eben die dramatisch bewegte Szene, die sich aus der beherrschten Begierde ihres Partners gegenüber ihrer eigenen Sprödigkeit ergab. Wenn doch einmal einer die gebotene Reserve beobachtete, gab sie vor, der Ruhe zu bedürfen, kleidete sich aus und legte sich in sein Bett. Selten verließ sie nach solchen Zusammenkünften einen Mann, ohne ihm die Spuren ihrer Fingernägel im Gesicht als Andenken zurückgelassen zu haben. Auch sie selbst hatte stets Schultern, Hals und Arme voller Kratzwunden und blauer Flecken.«

Frau Kossak warnt, daraus auf masochistische oder sadistische Neigungen zu schließen. Angeblich war das Verhalten nichts wie der elementare Trieb, sich in der Gefahr, die sie selbst heraufbeschworen, zu verteidigen, und hierzu gebrauchte sie alle ihr zu Gebote stehenden Waffen. Sie würde sich lieber den Tod gegeben haben, als daß sie sich von einem fremden Manne hätte küssen lassen. Ihrem eigenen Gatten gegenüber hatte sie die Scheu bezwungen – mit zusammengebissenen Zähnen, aus Pflichtgefühl –, trotzdem sie ihn nicht liebte. Sie hatte auch vier Kinder.

»Geschlechtliche Unempfindlichkeit« ist eine zu vieldeutige Bezeichnung, als daß sie einfach ohne erklärendes Beiwort gebraucht oder vollgültig eingesetzt werden dürfte. Soll es Ausbleiben jedweder Lusterregung trotz richtig ausgeführten Geschlechtsaktes bedeuten? Soll es Ausbleiben des Orgasmus bei bestehender Lusterregung bedeuten? Soll es Fehlen jeder Erregbarkeit der Klitoris und der Vaginalschleimhäute heißen? Und selbst wenn alle diese einzelnen Reizmöglichkeiten wirklich ausbleiben, kann die Libido nicht in voller, selbst übermäßiger Stärke bestehen und nach Sättigung schreien? Ist es aber, wenn die Libido unbezweifelbar ist, wohl angebracht, von geschlechtlicher Unempfindlichkeit zu sprechen, wenn der Mann sie nicht zu erwecken vermag, und der Gegenbeweis, ob sie nicht durch einen anderen erweckbar ist, fortfallen muß? Diese Unterscheidung zwischen fehlendem Orgasmus und wirklicher Frigidität kann gar nicht streng genug durchgeführt werden und Giese hat vollkommen recht, wenn er die großen Widersprüche über die Häufigkeit der Frigidität der Frau dadurch erklärt, daß die Grundbegriffe Orgasmus und Frigidität durcheinander geworfen werden. Frauen, die es nicht zum Orgasmus bringen, sind größtenteils sinnlich, libidinös, oft sogar in ungewöhnlich hohem Grade, und meist sind diese Frauen nervös, psychopatisch, hysterisch!

Sorgsame, wirklich beweiskräftige Untersuchungen sind unumgänglich, bevor der Arzt wirklich zweifelsfrei urteilen kann. Man bedenke doch auch stets, daß die Anästhesie der Genitalschleimhaut, speziell der Vagina, nicht selten hysterisches Symptom ist, auch die Anästhesie der Uretra vorkommt, ja die Analschleimhaut so anästhetisch sein kann, daß die Defäkation vom Kranken unbemerkt erfolgen kann. Auch die sonst so schmerzhaften Eingeweide können bei Hysterischen ganz unempfindlich werden, und Lewandowsky sieht dieses Vorkommnis schon aus alten Hexenberichten erwiesen. So beschreibt Carré de Montgeron 1730, wie er eine Unglückliche mit einem ca. 30 Pfund schweren Feuerblock in der Magengegend so bearbeitete, daß der Block bis zum Rücken vorzudringen schien, und daß man hätte meinen sollen, die sämtlichen Eingeweide wären unter der Wucht der Schläge zerschmettert. Das Opfer aber schrie nur: »Das tut gut. Mut, mein Bruder, schlage noch mehr, wenn du kannst!« l. c. S. 8..

Diese Möglichkeiten tiefgreifender und gerade die Genitalschleimhaut treffender Anästhesie verdienen deshalb wohl beachtet zu werden, um so mehr, als die Hysterischen selbst von ihrer Eigenart nichts zu wissen brauchen. Die meisten Kranken wissen gar nicht, daß sie anästhetisch sind. Steyerthal hält es nach den Beobachtungen der berühmten Frauenärzte für erwiesen, daß mindestens 50 Prozent unserer deutschen Frauen frigide, und mindestens die Hälfte dieser 50 Prozent frigidissimae, also ganz kalte sind, die keinerlei sinnliche Liebe kennen. »Wohlbemerkt: ich vermeide absichtlich den Ausdruck »geschlechtliche Liebe«, denn der Begriff »sexuell«, zu deutsch »geschlechtlich«, mit dem die moderne Welt bis zum Ekel herumhantiert, ist nur beim Manne ein einfacher, und zwar rein sinnlicher Zug, beim Weibe ist er nur ein zusammengesetzter, ein komplexer Trieb, denn das äußerste aller weiblichen Begehren, der Wunsch nach Kindern, ist wohl ein sexuelles, aber lange nicht immer ein sinnliches Verlangen. Eine Frigida kann eine prachtvolle Geliebte, eine unvergleichliche Ehefrau und eine treusorgende Mutter sein, ohne auch nur den Schatten von der Empfindung zu kennen, den die Männer als Durchschnittsmaß natürlicher gesunder Sinnlichkeit für sich in Anspruch nehmen Hysterie und kein Ende. S. 29.«.

Träfe dieses Urteil Steyerthals zu, wäre wirklich jede zweite Frau Frigida, jede vierte Frau empfindungslos für jede sinnliche Liebe, es wäre traurig um die Welt bestellt, die doch nun einmal sich in erster Linie auf den sexuellen Appetenzen aufbaut. Durchaus falsch ist sicherlich der Leitsatz, daß eine Frigida eine prachtvolle Geliebte sein kann. Wer die Männerwelt kennt und beruflich ihre Beichten für sexuelle Handlungen vernimmt, weiß nur zu gewiß, daß die frigide Frau für den geschlechtlich normal empfindenden Mann bald jeden Reiz verliert, weiß aber auch, daß so manche Ehe allein dadurch in Trümmer geht. Wohl kann eine Frigida eine unvergleichliche Ehefrau sein in dem Sinne, daß sie die Vielheit der außersexuellen ehelichen Pflichten mustergültig erfüllt. Doch nimmer wird sie eine unvergleichliche Ehefrau dem Manne sein, der auch sexuelle Befriedigung von ihr ersehnt. Gar mancher Ehemann von selbst starrem Pflichtgefühl ist schon durch die Frigidität der Frau, wenn sie unüberwindbar blieb, auf Seitenwege geraten und hat an geheimen, durchaus nicht immer repräsentablen Orten die Sättigung seiner Begierden gesucht und gefunden, die ihm zu Haus versagt blieb. Und wer so manche Frigida tief traurig weinend sah, weil sie nur zu gut merkte, wie ihre Naturanlage ihr den geliebten Mann abwendig machte, wird die Frigidität anders einschätzen müssen, als es Steyerthal tut.

Hierbei soll ein Moment nicht außer acht bleiben, das Ed. Fuchs als Ursache der »gar rohen Auffassung von der mangelhaften Geschlechtsempfindung der Weiber« betrachtet – die Gewöhnung des modernen Mannes an den prostitutiven Schnellverkehr, der den Ehefrauen »eine bedenkliche Einbuße an Lustmomenten« einträgt. Letzteres ist sicherlich richtig. Die Lustauslösung ohne die im ehelichen Verkehr erforderlichen Rücksichten kann Bequemlichkeitsneigungen fördern und vielleicht geschlechtliche Kälte entdecken, wo nur die Erfahrungen Übersättigter mitsprechen.

Keinesfalls kann von einer geschlechtlichen Unempfindlichkeit weiblicher Hysterischer als einer zugehörigen Eigenart gesprochen werden. Sie mag vorkommen, doch keinesfalls auffallend häufig, darf aber nicht, wenn sie besteht, mit mangelndem geschlechtlichen Fühlen gleichgesetzt werden. In der überwiegenden Mehrzahl weiblicher Hysteriker erfüllt die Geschlechtlichkeit das Seelenleben noch weit mehr als bei der gesunden Frau, steigert sich oft genug zu furibundester, alles beherrschender Triebkraft und in Ausnahmefällen zu sinnlos exzedierender, keine Schranken, keine Hemmungen noch achtender Gewalt.

Demgegenüber von »überall durchblickender, gänzlich falscher Beurteilung von weiblicher Sinnenlust« zu sprechen, wie es Steyerthal tut Hysterie und kein Ende, S. 103., ist sicherlich nicht gerechtfertigt. Und gleich unbegründet ist sein Vorwurf, daß »die Ideen von der unersättlichen weiblichen Liebesgier, die uns in der Geschichte der Hysterie von jedem Blatt entgegengrinst«, ursprünglich von Menschen stammen, die vielleicht liederliche Weibsbilder gekannt haben mögen, aber nun und nimmer eine echte Frau. Ebenda, S. 24.

Löwenfeld spricht nur von einem »im Durchschnitt weniger lebhaften Verlangen nach sinnlicher Befriedigung beim normalen weiblichen Wesen«. Entschieden größer aber ist das erotische Element, das Bedürfnis, ideell zu lieben und geliebt zu werden, das von den Generationsdrüsen ebenso angeregt wird wie das rein sinnliche Verlangen. Häufig werden Äußerungen dieses ideellen Bedürfnisses (Verliebtheit) irrtümlicherweise auf sinnlichen Drang zurückgeführt, der jedoch ganz fehlen kann, wo das erotische Element sehr ausgeprägt ist »Aber alle Verliebtheit,« sagt Schopenhauer, »wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe, ja sie ist durchaus nur ein näher bestimmter, spezialisierter, wohl gar im strengsten Sinne individualisierter Geschlechtstrieb.«. Nach Löwenfeld mangelt die Libido gänzlich bei reinen, sexuell unberührten Mädchen vor der Pubertätszeit. Dieser Mangel der Libido halte bei Mädchen auch nach dem Eintritt der Geschlechtsreife noch unbegrenzte Zeit an, solange dieselben von sexuellen Reizungen jeder Art unberührt bleiben. Bei ihnen fehlen pollutions- und erektionsartige Vorgänge vollständig, die sexuellen Lustgefühle bleiben ihnen daher ein absolutes inconnu; weshalb es auch nicht zum Entstehen einer eigentlichen Libido kommen kann und sofern ein Verlangen nach sexuellem Umgang auftritt, dieses sich nur als Begehren nach einem seiner Natur nach ganz unbekannten Genuß charakterisiert. Wenn trotzdem die jungfräuliche Liebe den Charakter der sexuellen Liebe nicht verleugnet und sich dabei auch von der Verwandtenliebe unterscheidet, so liegt das daran, daß sie Triebelemente in sich schließt, welche ebenso von dem Sexualapparat angeregt werden, wie die Libido im engeren Sinne, den Trieb zu körperlicher Berührung des Geliebten, die Neigung zur Erweisung und Erlangung von Liebkosungen, Küssen und Umarmungen usw. Auch in der Verwandtenliebe kann sich z. B., speziell bei den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, die Neigung zu derartigen Zärtlichkeitsäußerungen, kundgeben, sie macht sich jedoch, soweit es sich nicht um bedeutungslose Gewohnheiten handelt, nur bei besonderen Anlässen und nie in jener Stärke und Dauer geltend, wie in der sexuellen Liebe. Eine zärtliche Tochter mag wohl bei gewissen Gelegenheiten das Bedürfnis fühlen, ihren Vater herzhaft zu küssen, doch ist dieses Bedürfnis rasch befriedigt, während sie nicht satt wird, ihren Geliebten oder Bräutigam zu küssen. Dieser Zärtlichkeits- und Berührungstrieb ist im Einzelfall in sehr verschiedener Weise entwickelt. Wo derselbe in der Neigung eines Mädchens zu einem Manne gänzlich fehlt, handelt es sich nicht um wahre sexuelle Liebe, sondern im besten Falle nur um warme Freundschaft oder Verehrung, Gefühle, die nicht selten als Liebe gedeutet werden. Lebhafte Äußerungen des in Frage kommenden Triebes werden mitunter, und zwar mit Unrecht, auf starke Sinnlichkeit zurückgeführt Löwenfeld, l. c. S. 161/162..

Die sexuell sehr bedürftigen Frauen sind zwar einer großen Leidenschaft fähig, unter deren Einfluß sie für den Gegenstand ihrer Neigung die größten Opfer bringen, selbst die Rücksichten auf ihre nächsten Angehörigen beiseite setzen, allein trotz ihres das ganze geistige Wesen beherrschenden Charakters mangelt dieser Art von Liebe die Beständigkeit. Die Betreffenden wechseln ihren Liebhaber wie ihren Gatten und sinken nicht selten in dem Bestreben, ihrem übermäßigen sinnlichen Bedürfnisse zu genügen, sozial wie ethisch auf ein sehr niedriges Niveau Löwenfeld, l. c. S. 156.. »Über die Stärke des sinnlichen Faktors in der Frauenliebe sind die Ansichten der Autoren begreiflicherweise ebenso geteilt, wie über die Stärke des Geschlechtstriebes beim Weibe überhaupt Ebenda, S. 162..

Deshalb sollte das ärztliche Urteil geschlechtlicher Unempfindlichkeit nur mit einer Reservatio mentalis abgegeben werden. Gerade die Kossakschen Beispiele, die als Musterexemplare geschlechtlicher Unempfindlichkeit publiziert werden, mahnen zu besonderer Vorsicht in solchem Urteil.

Georg Hirth nennt es die Aufgabe des Mannes, seine ganze Selbstbeherrschung und Kunst zusammenzunehmen und vor allem dafür zu sorgen, daß die Frau, wie man zu sagen pflegt »fertig wird«. Der Mann, der nur auf die eigene Befriedigung bedacht ist, und seine Partnerin auf halbem Wege im Stiche läßt, ist ein brutaler Mensch, oder aber er ahnt nicht, welchen Schaden er ihr zufügt ... Georg Hirth, Wege zur Liebe. München 1906, S. 570..

Stekel findet beim Studium der sexuellen Anästhesie immer wieder, »daß es eigentliche anästhetische Menschen nicht gibt, irgend eine unterdrückte, unbewußte Perversion hat alle Libido in Beschlag belegt, so daß für den normalen Geschlechtsakt nichts übrig bleibt« Archiv f. Frauenkunde. S. 384..

»Nur durch Aufhebung der Verdrängung läßt sich die gebundene Libido freimachen. Die armen Frauen brechen oder leiden an hartnäckiger Appetitlosigkeit und kommen schrecklich rasch herunter. Hier spielt außer der mangelnden Befriedigung auch die infolgedessen oft kräftige, unbewußte, verdrängte Abneigung gegen den Gatten eine große Rolle. Die Männer müssen dann eine Menge Vorwürfe anhören, die Frau ist mit ihnen immer unzufrieden. Aber hinter allen Vorwürfen steckt immer der eine Vorwurf: Du befriedigst meine Libido nicht! Das Unglück mancher Ehe beruht nur auf fehlerhaften sexuellen Praktiken, auf einer relativen Impotenz des Mannes. In solchen Fällen kann ein vernünftiger Hausarzt mit etwas Menschenkenntnis Wunder wirken. Der berühmte Ausspruch des kaiserlichen Leibarztes van Swieten gilt auch für manche dieser Fälle: »Ceterum censeo vulvam illam illustrissimam ejus majestatis ante coitum esse titillandam«. Es ist Sache ärztlichen Taktes herauszufinden, was die unglückliche Ehe verursacht hat, und die notwendigen Ratschläge zu erteilen. In der ars amandi sind wir eigentlich jämmerliche Stümper. Viele Männer sind brutal, egoistisch und denken gar nicht daran, daß die Frauen nicht nur gereizt, sondern auch befriedigt sein wollen. Gegen frustrane Erregungen schützen sich viele Frauen durch Anästhesie oder sogar sexuelle Ablehnung, die sich im Ekel äußert. Auch die Gefühllosigkeit und der Ekel sind »Sicherungen« gegen schädliche Reize.«

Bruno Meyer sagt nachdrücklich: »Auch befreit die »Kälte« vieler Frauen sie durchaus nicht von der Sexualität: Sie haben Hunger ohne Appetit, aber oft bei Widerwillen gegen die verfügbare Befriedigung« Archiv für Frauenkunde. Seite 384..

Auch Sadger betont nachdrücklich, daß die Frigidität der Frau – abgesehen von jenen Fällen, wo sie durch äußere Umstände hinlänglich erklärt ist, wie Widerwillen gegen den Ehemann oder Impotenz desselben – häufig daher rührt, daß die Frau gar keine Gelegenheit hat, ihre Liebefähigkeiten zu erproben.

»Hat sie doch ein furchtbar eingeschränktes Liebesleben mit einem einzigen Manne und in einer einzigen Form. Oft bleibt sie kalt, weil sie nur eine Seite ihres Liebeslebens befriedigen kann, im normalen Koitus, aber sagen wir z. B. nicht die sadistische. Solche ›kalte‹; Naturen sind dann lediglich vaginal-ästhetisch, oder sehr häufig Sadistinnen. Jedenfalls haben sie Komponenten, von welchen aus auch sie völlig zu befriedigen wären Archiv für Frauenkunde. 1. B. 3. H. Seite 335..

Natürlich hat der Psychoanalytiker Sadger noch eine andere Deutungsmöglichkeit. Wenn ein Weib frigide bleibt, obwohl ihr Gatte als Mensch sympathisch, auch sexuell recht leistungsfähig ist, wenn trotzdem eine tiefere Empfindung, die erst das Glück einer Ehe ermöglicht, vollständig ausbleibt, so deckt die Psycho-Analyse »ganz regelmäßig die Fixierung der Libido des Weibes an seinen Vater, in zweiter Linie an den Bruder auf, was auch der therapeutische Erfolg beweist. Andere, scheinbar anästhetische Frauen mit gleichwohl heftigem Sexualbedürfnis werden aus ihrer Fühllosigkeit heraus direkt Messalinnen. Ein solches Weib flattert dann von einem Manne zum andern, ohne doch in irgendwelchen Armen Erlösung und Befriedigung zu finden. Denn jener, der beides einzig und allein zu geben vermöchte, der eigene Vater, ist als Sexualobjekt verpönt. Ja man könnte sagen, er ist nicht einmal der wirkliche Vater, den sie auf allen Irrwegen sucht, sondern jener, welchen sie seinerzeit mit Kindesaugen sah, vergrößert und stark idealisiert, wie er in Wahrheit nie existiert. Weil dieses uralte Kindesideal auf Erden nicht zu finden, ja vermutlich in der ersehnten Form überhaupt nie bestand, darum sucht sie Ersatz in einer unendlichen Reihe von Männern, die alle zusammen jenen Ersten absolut nicht ausstechen können.«

Eine Doppelfrage harrt nach alledem noch der Beantwortung:

Haben die sexuell abnorm reagierenden Frauen ihre psychische Impotenz, weil sie von Haus aus nervös, psychopatisch, hysterisch sind? Oder aber treten sie als ganz nervennormale Wesen in die Ehe und werden durch die mangelnde sexuelle Befriedigung auf psychischem Wege hysterisch?

Sicherlich ist in vielen Fällen die Hysterie das primäre. Die Frau ist hysterisch, hat deshalb ein abnormes sexuelles Empfinden, ein krankhaftes sexuelles Innenleben, und aus diesem Grunde fehlt ihr jede Befriedigung beim normalen ehelichen Verkehr. Die Ehe muß für beide Teile unglücklich werden.

Aber in sicher ebenso vielen Fällen glaubt Giese, auch den anderen Modus festgestellt zu haben, Der trotz normaler erotischer Veranlagung nicht zum Orgasmus führende, die normale Entspannung nicht herbeiführende eheliche Verkehr ruft die Hysterie hervor oder löst doch hysterische Symptome bei einer bis dahin völlig latenten Anlage aus. Nur so erklärt es sich, daß so viele junge Frauen, denen man als Mädchen nichts von Hysterie anmerkte, nach wenigen Jahren einer sonst alle Glücksbedingungen in sich schließenden Ehe ausgesprochene Hystericae werden, ja Giese glaubt aus seinen Sanatoriumserfahrungen schließen zu können, daß ein nicht kleiner Prozentsatz der so zahlreichen modernen unglücklichen Ehen auf diese mangelnde sexuelle Auslösung des Befriedigungsgefühls der nur scheinbar frigiden Frau zurückzuführen ist. Scheinbar frigid – in Wirklichkeit nicht befriedigt, obwohl sexuell stark bedürftig –, und das ist sehr oft der wahre Grund ihrer Nora-Natur, des ehelichen Auseinanderlebens, des Verlangens nach dem Wunderbaren. So entwickelt sich nicht nur der Typ des nervösen Weibes, entwickelt sich auch ein förmlicher Haß gegen den Gatten, der sie trotz ihres erotischen Bedürfnisses nicht zu befriedigen versteht, macht sich schließlich in den ausgeprägtesten hysterischen Symptomen, Stimmungen, Handlungen Luft.

Was Giese hier, aus der Erfahrung schöpfend, ausspricht, entspricht durchaus meiner Auffassung, zeigt zur Evidenz die Bedeutung des Geschlechtlichen im Wesen der Hysterie, als Folge und Ursache. Nur bei voller Würdigung dieser Sachlage kann der beratende Arzt unendlich oft Segen stiften, wenn er den Gatten nicht zu spät belehrt, worauf es ankommt, wenn er ihm die Mittel und Wege zeigt, auf denen die Ehefrau zur normalen Abreaktion gelangen kann, »müde wird«, wie es die Damen der Gesellschaft treffend zu bezeichnen pflegen. Es gibt also auch eine Hysterie als Folge des Geschlechtslebens.

Fuchs-Kind S. 75. nennen das Weib in körperlicher und seelischer Beziehung viel komplizierter gebaut als den Mann. Es gleicht einer weitläufigen maschinellen Anlage mit einem unendlichen Getriebe durcheinanderfahrender Räder, Schwungmassen, Gestänge und Übertragungen. Es ist schwer und es bedarf der wiederholtesten Antriebe, Energiequellen und beständigen Flotterhaltung, um das Ganze zu einer herrlichen Bewegungsentfaltung zu bringen. »Wie viele Dummköpfe von Männern sind nicht überzeugt, daß alles in trefflich geöltem Gange sei, und sie ahnen nichts davon, daß die größere Hälfte des Betriebes stockt und verrostet daliegt, und daß das mißtönige Quietschen der Reibungsflächen nicht Schuld der Konstruktion, sondern bloß des Maschinenmeisters ist. Eines Tages kommt eine geschicktere Hand, und das Werk und sämtliche Umdrehungen wirbeln lustig summend umher«. Was das Weib, um daseinsfreudig zu sein, in viel stärkerem Maße benötigt als der Mann, ist ein Zustand seelisch gehobener Erregung, den ich als Vorlust bezeichnen möchte.

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