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Das Geschlechtsleben der Hysterischen

Siegfried Placzek: Das Geschlechtsleben der Hysterischen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorSiegfried Placzek
titleDas Geschlechtsleben der Hysterischen
publisherA. Marcus & E. Weber's Verlag
printrunZweite, wenig veränderte Auflage
year1922
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161123
projectidbf0a5613
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B. Die sexuelle Wurzel der Hysterie

Inmitten der seltsamen Wandlungen in der Hysterielehre, nämlich Aufwärtsentwicklung bis zum anscheinend gesichertesten Einheitsbau, jäher Zusammenbruch durch Unterhöhlung der Fundamente und zeitweilige Wiedererrichtung, sehen wir groteske Rollenveränderungen in den Werturteilen, die man den Geschlechtsorganen und dem Geschlechtsempfinden als Ursachen der Hysterie beimaß. Dem Hippokrates schob man den Ausspruch zu, daß der Uterus wie ein wildes Tier im Körper herumschweife und glühend nach Kindern verlange. Hiermit tut man aber Hippokrates unrecht, denn, wie Steyerthal sagt, kommt das Wort »Hysterie« in des Hippokrates Schriften nur ein einziges Mal vor. In einem Vortrag des Timaeus findet sich die Stelle:

»Sowie der männliche Geschlechtstrieb einem wilden Tiere gleich jegliche Schranken durchbricht, so gibt es auch im Schoße des Weibes einen Keim, der, wenn er unbefriedigt bleibt, wie ein hungriges Tier den Körper durchzieht und alles in Verwirrung bringt Steyerthal, Was ist Hysterie? S. 5.«.

Also ein nach Kindererzeugung gieriges Tier ist der Uterus, das nach Befriedigung schreit, wenn anders es nicht wie ein hungriges Tier im Körper umherwandern und alles in Verwirrung bringen soll! Mit dieser Lehre wurde der Uterus von Galen zur Ursache der Hysterie gestempelt, und blieb es bis auf den heutigen Tag, trotzdem Charcot nachdrücklichst den Genitalorganen jede ursächliche Bedeutung für die Hysterie bestritt, und diese Ehrenrettung in der Neurologenwelt nach Charcot ein selbstverständliches Dogma wurde. Steyerthal spricht direkt von einer schmachvollen Fessel, die Charcot von einer schwer verkannten und verdächtigten Gruppe von Kranken riß, und vergleicht diese Tat mit jener des großen Arztes der Revolutionszeit, der die von einem grausamen Zeitalter für die Geisteskranken geschmiedeten Eisen zerbrach. Er nimmt den Fluch von der Hysterie, daß die unbefriedigte Liebessehnsucht des Weibes die Wurzel jenes Übels bilde.

»Zwei Jahrtausende hat die ärztliche Welt ob dieser Frage gestritten. Von Hippokrates bis Charcot ist in der Geschichte der Hysterie nur eine einzige Periode, – die Sexualperiode könnte man sie nennen –, denn während dieser ganzen Zeit kommt der Gedanke, das sexuelle Moment, von dem die Krankheit ihren Namen trägt, spiele wirklich eine Rolle dabei, nicht ganz zum Schweigen. Der große Maître de Salpetrière ist es, der den Wahn zerstört. Durch diese große Tat ist er nicht nur Philippe Pinel, sondern jedem gerecht und edel denkenden Menschen im Innersten verwandt. Wer heute Charcots Statue umstürzt und die Hysterie, also die Mannstollheit der Weiber, als Grund der Hysterie wieder in ihr Recht einsetzt, der handelt so wie einer, der aus der Rumpelkammer der Salpetrière die alten verrosteten Eisenklammern hervorsucht, um arme Seelenkranke hineinzuzwängen, und das tut ihr Gewährsmann ... Siegmund Freud in Wien Steyerthal, I. c.

Oppenheim lehnt Beziehungen »des Uterus zu diesem Leiden«, (nämlich der Hysterie) nicht ganz ab, hält sie nur für »weit überschätzt Lehrb. d. Nervenkrankheiten. Karger, Berlin, S. 1394.«. Er betont aber, daß »die Erkrankungen der Geschlechtsorgane« das Seelenleben besonders zu beeinflussen vermögen, denn »die mit diesem Leiden behafteten Frauen sind häufig unfruchtbar, ihr Geschlechtsleben ist mehr oder weniger beeinträchtigt, ihre Ehe meist keine glückliche, und das ist die Quelle, aus der die Hysterie ihren Ursprung herleiten kann.«

Ähnlich äußert sich Gruhle l. c.. »Wenn heftige, von den Frauenorganen ausgehende Schmerzen den Organismus herunterbringen, wenn durch eine Uterusverlagerung oder Myome eine Empfängnis verhindert wird, und eine Ehefrau unter der steril bleibenden Ehe seelisch sehr leidet, so können selbstverständlich neurasthenische Stimmungen auftreten, die zugleich mit der Ursache dann verschwinden.« Also doch ein unumwundenes Geständnis, daß Erkrankungen der Geschlechtsorgane die Hysterie entstehen lassen können, – nicht reflektorisch als direkter Reflexreiz, wie man auch anzunehmen pflegt, und wie besonders die Gynäkologen in grob mechanischer Auffassung annahmen und annehmen, sondern auf dem Umwege über die Psyche des Hysterieträgers! Nur die im Geleit der Erkrankung anschließenden Ideengänge, die Sorge um das eigene Schicksal, die Gefährdung der Fortzeugung, die Gefährdung der Ehe sollen die Psyche alterieren können! Sollte aber ein gleicher und wenigstens ähnlich starker psychischer Insult nicht auch von dem normalen Geschlechtsapparat als solchem auf dem Umweg über die Psyche möglich sein? Der ruhende Geschlechtsapparat des Weibes sendet doch ständig Empfindungen und Vorstellungen zum Gehirn und sättigt es mit erotischer Spannung, wie viel mehr muß jeder außergewöhnliche Vorgang im Geschlechtsapparat, besonders der menstruelle Reiz, die Wollusterregung, diese dauernde telegraphische Fernwirkung an Stärke überbieten! Kann es doch nur eine Frage quantitativer Wechselwirkung sein, wenn auch das normale Geschlechtsleben Hysterie auslöst. Lewandowsky spricht direkt von der bekannten Bedeutung der Menstruation »als einer Steigerung der Disposition zu einzelnen hysterischen Manifestationen« Die Hysterie. Springer, Berlin 1914, S. 124.. Also als völlig Neues entsteht die Hysterie nicht aus dem Geschlechtsapparat, sondern die Anlage zur Hysterie, zumeist angeboren, ererbt, oft schon lange vor Eintritt des Uterinleidens offenkundig, muß vorhanden sein, und erst dann kann die Hysterie aufflammen. Ob das nur auf dem Umwege über die Psyche geschieht oder doch auch als reflektorischer Reiz möglich ist, erscheint mir immerhin fraglich.

Daß neben dem Uterus auch der Eierstock für die Hysterie verantwortlich gemacht wurde, kann nicht wundernehmen, da schon nach der alten Galen'schen Idee verhaltenes weibliches Sperma die hysterischen Krämpfe verschuldet, und noch 1846 Schutzemburger die Ovarien gleicher Schuld bezichtigte. Immerhin erscheint es doch mehr als auffallend, daß ein so scharfsinniger klinischer Beobachter wie Charcot die bisher noch phantastisch anmutende Lehre von der ursächlichen Beziehung des Ovariums zur Hysterie durch sein Dogma von der »Ovarie hystérique« bedenklich festigte. »Mehr als auffallend« sage ich, weil sein Vorgänger Briquet solchen Zusammenhang durchaus abgelehnt hatte. Wohl hatte auch dieser erkannt, daß fast die Hälfte aller Hysterischen an Schmerzen der Unterleibgegend litte, er spricht aber von der Coeliagie, einer Schmerzempfindlichkeit in der Colongegend. Für Briquet ist die Hysterie ein dynamisches Leiden derjenigen Teile des Gehirns, die den Affekten und Empfindungen dienen. Die Erregbarkeit dieser Teile werde durch die die Hysterie verursachenden Momente gesteigert, die affektiven Reaktionen verlaufen nicht mehr in normalen Grenzen, sondern übermäßig, ungeordnet und verkehrt. Die anscheinend erkrankten Organe wie Uterus, Magen usw. »n'éprouvent quelque chose quand l'encéphale à diriger vers eux ses manifestations«. Erst Charcot glaubte bei Druck auf diese Schmerzstelle das Ovarium, einen runden glatten Körper, abtasten zu können, und da er durch solchen Druck hysterische Krämpfe sogar kupieren, bzw. auslösen konnte, so mußte es eben das Ovarium sein, was hier getroffen wurde, das doch im kleinen Becken liegende Organ, das man von außen gar nicht abtasten kann. Gläubig wurde auch dieses Dogma, wie alle Lehren Charcot's, aufgenommen und weitergelehrt. Und so preßten die Nervenärzte und Ärzte bei passender Gelegenheit die Empfindlichkeitszone in dem Wahn, den Eierstock zu treffen. Wie ein Druck auf diese Stelle krampfauslösend oder kupierend wirken soll, wurde nicht weiter gedeutet, auch niemals die Frage ventiliert, ob nicht jede Körperstelle bei Hysterie, wenn nur die Suggestion nachdrücklichst wirkt, gleichen Effekt erzielen könne. An sich erscheint es ja möglich, daß eine schmerzende Stelle unter starkem Druck zu schmerzen aufhört; daß aber gerade der Eierstock so wirken soll, war und ist durch nichts bewiesen. Daß die Druckschmerzhaftigkeit gewisser Teile des Abdomens eine Empfindlichkeit oder eine Entzündung des Ovariums beweist, wie Piorry, Schutzemburger und Négrier annahmen, hält Briquet für durchaus irrig. Diese Schmerzhaftigkeit sitzt ausschließlich in den Muskeln. Beseitigt man diese Schmerzhaftigkeit, so kann man die Gegend des Ovariums so viel drücken wie man will, es entsteht keine pathologische Hyperalgesie. Keineswegs wünsche er aber mit dieser Ansicht zu behaupten, daß die Ovarien bei Hysterie niemals empfindlich seien. Lewandowsky baut diese Lehre aus, indem er es für »im allgemeinen unmöglich« hält, bei einfachem Druck auf das Abdomen das Ovarium überhaupt zu erreichen.

»Es gibt keinen Ovarialpunkt, ja es gibt, selbst wenn man von der Zurückführung auf das Ovarium ganz absehen will, überhaupt keinen fixen hyperalgetischen Punkt, und wenn einzelne Regionen bei der Hysterie mit einer gewissen Vorliebe hyperästhetisch werden, so ist auch das noch zu einem Teil auf die seit lange auf diesen Punkt eingestellte Untersuchungstechnik des Arztes zurückzuführen« l. c..

Nach der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts herrschenden neurologischen Lehre Romberg's galten die hysterischen Symptome als reflektorisch, bedingt durch eine Reizung des Uterinsystems. Lewandowsky nennt das »moderne Fassung der alten Uteruslehre«, und dem damaligen Stande der Wissenschaft entsprechend wurde damit als Sitz der Hysterie das Rückenmark erklärt.

Endlich glaubte W. A. Freund in der nach ihm genannten Freundschen Krankheit, der Parametritis chronica atrophicans, die Quelle der Hysterie zu entdecken. Die Krankheit, im wesentlichen ein cirrhotischer Schrumpfungsprozeß des weichen Bindegewebes, soll eine Folge mannigfaltiger sexueller Insulte sein (Coitus reservatus, Abort, Geburt usw.), kann aber nach Freund ohne solche Ursachen auch bei Kindern und jungen Mädchen, fortgeleitet von Erosionen und Geschwüren des Darms auftreten. Die hierdurch bewirkte Verkürzung des sexuellen Bandapparates und die Verlagerung der Organe selbst, speziell der Blase, der Gebärmutter, der Eierstöcke, ist bei jeder Alteration mit Schmerz verbunden. Einfache Erregung, wie vermehrter Blutfluß können die Alteration bewirken, Menstruation und Koitus sie rein mechanisch zustande kommen lassen. In dieser Schmerzquelle sieht Freund eine häufige Auslösungsart der Hysterie.

Daß solche Schmerzquelle direkt Hysterie erzeugen sollte, ist nach Wesen und Art des Leidens undenkbar. Wohl aber könnte diese Schmerzquelle – immer vorausgesetzt, daß sie tatsächlich besteht – auf dem Umwege über die Psyche unheilvoll wirken. Wenn O. Adler den Mangel jedes sexuellen Empfindens als Ursache der Hysterie anschuldigt, so fehlt auch hier jeder Beweis eines direkten Zusammenhangs. Wohl aber kann diese sexuelle Einbuße, wenn sie peinvoll empfunden wird, zum Kern hypochondrischer Selbstbetrachtung mit allen daraus resultierenden Folgeerscheinungen werden, und nur eine Frage der angeborenen Disposition mag es dann sein, ob auch hysterische Erscheinungen ausgelöst werden. Daß auch die sexuelle Unempfindlichkeit schon Symptom bestehender Hysterie sein kann, sei noch ausdrücklich erwähnt Mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes. Fischers Med. Buchhdl., Berlin 1911..

Bei solcher Einschätzung des Genitalapparates für die Hysterie kann es nicht wundernehmen, daß die Gynäkologen die Hysterie des Weibes immer noch aus einem Punkt kurieren zu können vermeinten und das taten, obwohl die nervenärztliche Welt nachdrücklichst die Zwecklosigkeit aller genitalen Eingriffe betonte, ja schon die verhängnisvolle Wirkung des genitalen Eingriffes an sich zeigte, und besonders die krankhafte Neigung der Hysterie zur Duldung solcher Eingriffe betonte. Erst Warnungsrufe aus dem eigenen Lager, die in neuester Zeit Besonders eindrucksvoll jüngst von Max Hirsch: Frauenheilkunde und Bevölkerungspolitik. Monatsschr. f. Geburtsh. u. Gynäk. 1919. Bd. 49, H. 3. ertönten, scheinen die Operationsfreudigkeit zur Heilung des hysterischen Übels einzudämmen. Doch geblieben ist für alle Ärzte noch das Stigma hystericum, der Ovarialpunkt, unerschütterlich in seiner vermeintlichen Fernwirkung und seiner Wertigkeit, obwohl die modernen Neurologen sogar jede ursächliche Beziehung von Genitalapparat und Hysterie leugneten. Bei dieser extremen Wandlung der Hysterielehre in eine rein psychisch bedingte Erkrankung wurde der eine praktische Erfolg wenigstens erreicht: daß nicht mehr bei irgendwelchen als hysterisch imponierenden Leiden alsbald der Genitalapparat abgesucht wurde und jede denkbare Abweichung als reparaturbedürftig erschien, einzig zu dem Zweck, das angebliche Übel zu heilen.

Während die Bedeutung der Genitalorgane in heutiger Auffassung als ursächlicher oder auslösender Faktor der Hysterie stark zusammengeschrumpft ist, werden die Genitalfunktionen, und hier nicht nur die periodischen Umwandlungen im Frauenorganismus, – die Menstruation, Gravidität, Laktation, Klimakterium –, sondern auch die rein sexuellen Begleiterscheinungen als bedeutungsschwer gewürdigt. Ohne Rohleder's Ansicht zu teilen, daß die Dyspareunie, d. h. die sexuelle Kälte Hypochondrie, Melancholie, jedenfalls aber Hysterie und Hystero-Neurasthenie nicht selten »zur Entwicklung kommen lasse« Rohleder sagt: Hingegen ist noch eines der weit verbreitetsten ätiologischen Umstände für Dyspareunie zu gedenken, des Coitus interruptus, eines Umstandes, den ich in meinem soeben erscheinenden Band 4 meiner Zeugungsmonographien: »Die Funktionsstörungen der Zeugung beim Weibe« folgendermaßen schildere:
»Wenn man sich vorstellt, wie die stark Erregte jeglicher sexuellen Auslösung ermangelt, während der Mann wenigstens außerhalb der Vagina noch zur wenn auch mangelhaften Ejaculation und daher zum wenn auch mangelhaft das Wollustgefühl auslösenden Orgasmus kommt, die Frau aber nicht einmal zu einem solchen teilweisen wie der Mann, wird man verstehen, daß im allgemeinen der Coitus interruptus bei ihr schwerwiegende Folgen haben muß. Wir sehen hier bei diesen Frauen zweierlei. Entweder die Frau überwindet diesen Zustand auf die Dauer nicht, sondern wird ihrem Gatten untreu, Zustände, wie wir sie z. B. in Frankreich an der Tagesordnung sehen, oder die Frauen bleiben anständig, ihrem Gatten treu, wie es in Deutschland mehr die Regel ist. Dafür entwickeln sich im Laufe der Zeit zwei Zustände: 1. Bei langsam erregbaren Frauen wird der mehr oder weniger vorhandene Zustand der Dyspareunie noch verstärkt; 2. bei normal empfindenden oder ganz leicht erregbaren Frauen schafft das ständige Gefühl der sexuellen Nichtbefriedigung die Hysterie resp. Hystero-Neurasthenie.«[Arch. f. Frauenk. 1. Bd. 2. H. S. 147.]
Auf die höchst merkwürdige Auffassung Rohleders von den Zuständen in Frankreich will ich nicht näher eingehen.
O. Adler erklärt sogar die Masturbation für eine der häufigsten Ursachen der weiblichen Unempfindlichkeit beim normalen Geschlechtsverkehr. Man könne in einigen Fällen nicht gut von »eisigen und kalten Naturen« sprechen, im Gegenteil, derartige Frauen seien häufig allzu sinnlich und empfinden es als eine schwere und drückende Last, daß sie den Kitzel der Wollust nur auf dem indirekten manuellen Wege und nicht durch die reguläre Immissio in den Armen eines Mannes zu befriedigen imstande sind[l. c. S. 92.].
, muß ich doch nach meinen Erfahrungen die Dyspareunie in ihrer Rückwirkung auf die Psyche gleich ihm bedeutungsvoll einschätzen, und nur eine Frage der angeborenen Widerstandskraft des Zentralnervensystems dürfte es sein, ob und wie weit die Summationswirkung des ausbleibenden Orgasmus rückwirkend die Psyche beeinflußt. Die Kohabitation ohne den Endeffekt durch Orgasmus ändert auf die Dauer die Gemütslage des unbefriedigten Teiles stark und kann, wie jedes andere seelische Chokmoment, schlummernde hysterische Dispositionen anfachen, also gegebene Anlagen aufflammen lassen.

So notwendig auch die Abkehr von der allzu einseitigen Betonung ursächlicher Beziehungen zwischen Genitalapparat und Hysterie war, so förderlich die Wandlung der Auffassung wurde, daß leichte Umsetzbarkeit von Vorstellungen in körperliche Funktionen das Krankheitsbild erklärten, die Tatsache scheint hierbei übersehen worden zu sein, daß die Geschlechtsentwicklung der Frau und die in ihren Geschlechtsorganen sich abspielenden Vorgänge andauernd Fernwirkungen dem Zentralnervensystem zufließen lassen, dessen Zentren mit eigenartiger Energie speisen, die jeweils nach Masse und Haftpunkt zur Entladung kommen kann, bald umgrenzt, bald erschreckend ausgedehnt. Solche Abhängigkeitsbeziehungen leugnen zu wollen, hieße die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für den Gesamtorganismus verkennen, und diese wird sicher verkannt, wenn man die hysterischen Phänomene betrachtet. Wohl irrt das Laienurteil, das den Begriff »hysterisch« mit »geschlechtlich« identifiziert, doch in diesem oberflächlichen Urteil bleibt ein gewisser berechtigter Kern, der, wie ausdrücklich betont sei, die körperlichen Erscheinungen, die rein nervöse Beeinflußbarkeit des Zentralnervensystems durch die Geschlechtsorgane betrifft. Hier hat die neuzeitliche Lehre von der inneren Sekretion, der tiefgreifende nachweisbare Einfluß der Genitalorgane, auch der männlichen, auf die gesamte psychische Entwicklung so erhellende Einblicke eröffnet, daß die Möglichkeit des Zusammenhangs zwischen hysterischen Phänomen und Geschlechtsfunktion nicht von der Hand gewiesen werden kann, wenn man auch nur sagen kann, daß auf diese Weise das Zentralnervensystem zur Auslösung jener Phänomene reif wird.

Daß die ursprüngliche Anschauung von der ursächlichen Bedeutung der Geschlechtsorgane für die Hysterie sich ins Gegenteil wandelte, zur völligen Ablehnung jedes ätiologischen Zusammenhangs der Genitalorgane für die Hysterie, muß um so mehr wundernehmen, als die Rückwirkung der Hysterie auf den Genitalapparat, und zwar eine vielfältige, symptombildende, von der modernsten Neurologie vertreten wird. Wenn krankhafte oder wenigstens abnorme psychische Einstellung weitgehende Fernwirkung auf die Genitalfunktionen übt, sollten letztere nicht auch das Zentralnervensystem berühren und schwerwiegend verändern können? Sollten derartige Wechselbeziehungen in umgekehrter Richtung nicht wenigstens theoretisch denkbar sein? Mir erscheint es bei der Bedeutungsschwere des Genitalapparats für die ganze psychische Verfassung des Individuums absolut sicher, obwohl ich die weitgehende symptombildende hysterische Eigenart durch Einfluß der Geschlechtsfunktionen nicht unterschreibe.

Beim Manne erklärt Lewandowsky es als »reine Willkür«, ob man sämtliche Symptome der psychischen Impotenz, die mangelnde Erektion, die ejaculatio praecox usw. in ihrer großen Zahl von Fällen zur Neurasthenie oder Hysterie zählen will l. c. S. 60.. In anderen Fällen, wo die sexuellen Störungen von Zwangsgedanken abhängen, sei die reine Abgrenzung gegen die Hysterie schwierig. Ob es sich endlich um den störenden Einfluß von psychischen Vorgängen auf die Genitalfunktionen handle, – hier kann ja die ängstliche Erwartung, ob der Koitus gelingen werde, sein Zustandekommen vereiteln, – es sei nicht einzusehen, warum diese exquisit psychogenen Störungen nicht zur Hysterie gerechnet werden können. Psychogen könnten auch gehäufte Pollutionen sein. Selbst die Spermatorrhöe könnte ebenso bedingt sein, und die ausstrahlenden Schmerzen der Parästhesien, welche die Störungen im Bereich der männlichen Genitalorgane fast immer begleiten, unterschieden sich in nichts von den hysterischen Schmerzen.

Also der umgekehrte Weg, – von der hysterischen Psyche zu den männlichen Genitalien – ist viel befahren, führt zu den seltsamsten Störungen, und die Frage taucht zwingend auf:

Sollte es sich nicht bei den Beziehungen von Genitalorganen und Hysterie um einen circulus vitiosus handeln können? Zum mindesten überall dort, wo ein disponiertes Nervensystem besteht, auf das die organischen Empfindungen und Vorstellungen, evtl. auch physiologisch-chemische Reize besonders störend einwirken? Andererseits sollte das einmal hysterisch entartete Nervensystem nicht wieder seinen Schädlichkeitseinfluß auch zu den Genitalien entsenden können? Selbst die bekannte Tatsache, daß Knaben die erste Erektion gelegentlich einer körperlichen Züchtigung bekommen, will Lewandowsky »durch einen dem Psychischen nahestehenden« Mechanismus erklären. Er erwähnt es, weil es in der Vorgeschichte Nervöser und auch Hysterischer »nicht so selten« vorkommt. Soll aus diesem Vorkommnis aber irgend ein Zusammenhang erschlossen werden? Was ist denn natürlicher, als daß die leichte Ansprechbarkeit der Erektionsfähigkeit gerade unter dem die Züchtigung begleitenden Affekt der Angst und des Schmerzes erfolgt! Auch die Möglichkeit unmittelbarer mechanischer Reizwirkung auf das Lendenzentrum ist nicht von der Hand zu weisen. Weshalb aber nur ein Zusammenhang mit der Hysterie, weil solch Mechanismus in der Vorgeschichte vorkommt? Eine andere Frage, ob und wie weit eine solche körperliche Züchtigung des Jugendlichen bestimmend für die spätere Frage des Sexualtriebes werden kann, braucht hier nicht erörtert zu werden. Jedenfalls scheint es mir zu weit zu gehen, wenn Lewandowsky noch die Frage ventiliert, ob das Hysterische bereits als Ausdruck einer sexuell pathologischen Konstitution oder einer sexuell pathologischen Richtung anzusehen ist. Jedenfalls darf, wenn Lewandowsky so viele Einflußmöglichkeiten der Hysterie auf die Genitalfunktionen für möglich hält, der Einfluß der Genitalfunktionen auf die hysterische Psyche nicht gering bewertet werden, sicherlich auslösend, vielleicht sogar erzeugend.

Wenn schon beim Manne so vielfältige Beziehungen annehmbar sind, so noch mehr bei der Frau, wo Lewandowsky den Vaginismus als die bekannteste Störung im Bereiche des weiblichen Genitalapparates anspricht. Dessen psychogene Entstehung hält er schon nach dem Erfolg der Psychotherapie »für vollkommen sicher«; er will aber nicht bestreiten, daß in anderen Fällen echt reflektorische Momente wirksam sein können. In jenen Fällen ist wieder die Symptombildung der hysterischen Psyche gerade in den weiblichen Genitalien sicher, »als Form hysterischer Sensibilitätsstörungen in dieser Körperregion möglich, Schmerzen und Hyperästhesien auf der einen Seite, Analgesien und Anästhesien der Vaginalschleimhaut auf der anderen Seite, in allen Stufen und Kombinationen bis zu den Fällen, wo nur die Wollustempfindung oder der Orgasmus fehlt«. Die Entstehungsmöglichkeit dieses Zustandes durch eine angeborene psychische Anlage verkennt Lewandowsky nicht, doch sieht er auch in erworbenen psychischen Zuständen und gerade in letzteren »durchaus hysterische Mechanismen«. Als speziell hysterisch sollen die Fälle gelten, in denen diese Mechanismen unbewußt wirksam sind.

Als entgegengesetzt der hysterischen Genital-Anästhesie nennt Lewandowsky noch jene Fälle, die den Koitus oder sonstige geschlechtliche Akte halluzinatorisch erleben.

Wir finden also in der Monographie über Hysterie zahlreiche Wechselwirkungen von Genitalapparat und Hysterie erwähnt, in ihren Einstellungs- und Fortbildungsmöglichkeiten erörtert, – doch kaum ein Sterbenswörtchen vom Geschlechtsleben der Hysterischen selbst.

Von den chronischen Erkrankungen der weiblichen Genitalien glaubt Strohmayer l. c. S. 820., daß sie mit ihren Schmerzen, Aufregungen usw. »sicher Hysterie hervorrufen können«, wie alle anderen Schädlichkeiten, die Soma und Psyche des Weibes treffen. »Spezifisch ist der Zusammenhang zwischen beiden nicht.« Strohmayer spricht schon von dem Sexualleben der Hysterischen. Eine gesteigerte sexuelle Begehrlichkeit gehöre nicht notwendig zum Krankheitsbilde der Hysterie. Zahlreiche Hysterische seien im Gegenteil nicht nur nicht abnorm erregbar, sondern sogar indifferent und frigide. Strohmayer gibt aber zu, daß oft ein deutlicher Hang zur Erotik besteht. Dieser erschöpft sich aber vollständig in zarter Annäherung, in äußerlichem Kokettieren, besonders wenn es gilt, eine Nebenbuhlerin auszustechen. Die körperlichen Geschlechtsgenüsse sind Nebensache oder werden sogar direkt verabscheut.

Als unumstößliches Dogma will Strohmayer diese Auffassung vom Geschlechtsleben der Hysterischen wohl nicht angesehen wissen, denn er erwähnt noch »nach dem Geständnis vieler Ehemänner« den jähesten Wechsel zwischen Extremen, bald leidenschaftliche Begehrlichkeit, bald abstoßende Kälte, vergißt auch nicht eine gewisse Perversität im Sexualleben als »bei manchen Hysterischen unverkennbar« zu erwähnen. »Während sie normalen Geschlechtsgenuß verabscheuen, treiben sie Masturbation, regen sich an lasziver Lektüre auf oder überlaufen Frauenärzte zum Zweck sexueller Untersuchung und fortgesetzter gynäkologischer Prozeduren. Das, was bei Hysterischen von erotomanischen oder nymphomanischen Zügen berichtet wird (schamlose Prostitution von »anständigen« Mädchen oder Ehefrauen), gehört in das Bild der degenerativen Hysterie, in dem auch andere ethische Defekte zahlreich vorhanden sind!« Für unbestreitbar hält er den Einfluß der Menstruation auf das Gemütsleben mancher hysterischen Frau im Sinne eines erregenden Momentes, das alle krankhaften Symptome markanter hervortreten läßt.

Reichardt l. c. lehnt jeden direkten Zusammenhang der hysterischen Disposition mit der Sexualsphäre oder dem Sexualleben ab. »Viele sogenannte Hysterische haben eine völlig normale vita sexualis. Bei anderen hysterischen Personen mit abnormer psychischer Sexualität ist die psychopathische oder degenerative Veranlagung die Ursache der abnormen sexuellen Triebe oder Perversitäten. Letztere sind somit Parallelerscheinungen der degenerativen hysterischen Disposition.« Ebensowenig haben »Unterleibsleiden« mit Hysterie etwas zu tun. Anschauungen von Frauenärzten, daß eine Schrumpfung des Beckenbindegewebes oder chronische Entzündungsvorgänge daselbst zu einer Reizung sympathischer Nervenelemente und durch Übertragung auf das Zentralnervensystem zur Hysterie führen soll, beruhen auf anatomischen Konstruktionen, welche dem Wesen der Hysterie und ihrer psychischen Ursachen in keiner Weise gerecht werden. Manche degenerativ veranlagten (namentlich weibliche) Personen sind bezüglich ihrer psychischen Sexualität infantil geblieben, wie überhaupt die degenerative Veranlagung und der psychische Infantilismus gewisse Ähnlichkeit aufweisen können. Dagegen darf als feststehend betrachtet werden, daß Gedankeninhalte, affektive Erregungen, Konflikte sexueller Art unter Umständen den Anlaß oder Anstoß zu einer hysterischen Reaktion geben können, ebenso wie jede andere affektive Erregung oder ein Konflikt auch.

Hans W. Gruhle l. c. S. 98., der es für viel zu banal erklärt, die Sexualität und ihre Konflikte immer für hysterische Störungen verantwortlich machen zu wollen, da sie nur eine Ursache unter anderen sind, gibt zu, daß auch bei älteren verheirateten und unverheirateten Frauen gelegentlich einmal die Ursache hysterischer Symptome in sexuellen Konflikten oder sexueller Abstinenz liegen kann. Den weiblichen Genitalorganen mißt er einen Einfluß auf die Entstehung neurotischer Symptome bei, insofern, als heftige, von den Frauenorganen ausgehende Schmerzen den Organismus herunterbringen, oder eine Uterusverlagerung oder Myome eine Empfängnis verhindern, und die Frauen unter der Sterilität leiden. Diese neurotischen Störungen verschwinden zugleich mit der Ursache.

So scheint der alte Streit um die Bedeutung des Geschlechtsapparats für die Hysterie eindeutig dahin entschieden, daß die Geschlechtlichkeit keineswegs bedeutungslos, doch nicht ursächlich in dem Sinne mitspricht, wie man von alters annahm. Da kam die Freudsche Lehre und mit ihr verblüffend der Rückfall in die älteste Auffassungsweise von der ausnahmslos ursächlichen Bedeutung der Geschlechtlichkeit für die Hysterie, wenn auch in neuartiger, modern-psychologischer Aufmachung. Erschütternde Ereignisse, vielfach dem Patienten selbst nicht mehr erinnerlich, gehen nicht spurlos vorüber, die Erinnerung an sie ist ins Unterbewußtsein verdrängt. Konnte der begleitende Affekt nicht in Ausdrucksbewegungen umgesetzt werden, so klemmte er sich ein und wird nun im hysterischen Symptom wirksam.

»Die Neurose wäre einer traumatischen Erkrankung gleichzusetzen und entstünde durch die Unfähigkeit, ein überstark affektbetontes Ereignis zu erledigen« Vorles. z. Einf. i. d. Psychoanalyse. 3. Teil, Heller u. Co., Leipzig-Wien, 1917. S. 312..

Wie sagt Freud selbst?

»Aus bewußten Vorgängen werden Symptome nicht gebildet; sowie die betreffenden unbewußten bewußt geworden sind, muß das Symptom verschwinden« Ebenda, S. 317..

Und weiter:

»Die Symptomenbildung ist ein Ersatz für etwas anderes, was unterblieben ist. Gewisse seelische Vorgänge hätten sich normalerweise soweit entwickeln sollen, daß das Bewußtsein Kunde von ihnen erhält. Das ist nicht geschehen, und dafür ist aus den unterbrochenen, irgendwie gestörten Vorgängen, die unbewußt bleiben mußten, das Symptom hervorgegangen. Es ist also etwas wie eine Vertauschung vorgefallen; wenn es gelingt, diese rückgängig zu machen, hat die Therapie der neurotischen Symptome ihre Aufgabe gelöst« Ebenda, S. 317..

Oder:

»Nach einer Regel, die ich immer wieder bestätigt gefunden, bedeutet ein Symptom die Darstellung einer Phantasie mit sexuellem Inhalt« Studien über Hysterie. S. 413..

Oder:

»Die Krankheitserscheinungen sind, geradezu gesagt, die sexuellen Betätigungen des Kranken« Ebenda, S. 461..

Es ist also die Aufgabe der psycho-analytischen Behandlung, »alles pathogene Unbewußte ins Bewußte umzusetzen«. Eine Formel, die Freud auch durch die andere ersetzt:

»Alle Erinnerungslücken des Kranken auszufüllen, seine Amnesien aufzuheben.«

Gelingt es der Psychokatharsis, der von Breuer und Freud auf Grund ihrer Lehre begonnenen Behandlung, das auslösende Ereignis, das »psychische Trauma« in Hypnose aufzufinden, die Kranke das auslösende Ereignis wieder durchleben zu lassen, es in den Brennpunkt des Bewußtseins zu bringen und den eingeklemmten Affekt durch Neuerleben zu erledigen, – abzureagieren, – so schwindet die Krankheit. Freud nennt die roheste Vorstellung von diesen Systemen die bequemste, nämlich die räumliche, und erläutert das auf folgende Weise:

»Wir setzen also das System des Unbewußten einem großen Vorraum gleich, in dem sich die seelischen Erregungen wie Einzelwesen tummeln. An diesen Vorraum schließt sich ein zweiter, engerer, eine Art Salon, in welchem auch das Bewußtsein verweilt. Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten waltet ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon einläßt, wenn sie sein Mißfallen erregen. Sie sehen sofort ein, daß es nicht viel Unterschied macht, ob der Wächter eine einzelne Regung bereits von der Schwelle abweist, oder ob er sie wieder über sie hinausweist, nachdem sie in den Salon eingetreten ist. Es handelt sich dabei nur um den Grad seiner Wachsamkeit und um sein frühzeitiges Erkennen. Das Festhalten an diesem Bilde gestattet uns nun eine weitere Ausbildung unserer Nomenklatur. Die Regungen im Vorraum des Unbewußten sind dem Blick des Bewußtseins, das sich ja im anderen Raum befindet, entzogen; sie müssen zunächst unbewußt bleiben. Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgewiesen worden sind, dann sind sie bewußtseinsunfähig; wir heißen sie: verdrängt. Aber auch die Regungen, welche der Wächter über die Schwelle gelassen, sind darum nicht notwendig auch bewußt geworden; sie können es bloß werden, wenn es ihnen gelingt, die Blicke des Bewußtseins auf sich zu ziehen, wir heißen darum diesen zweiten Raum mit gutem Recht das System des Vorbewußten. Das Bewußtsein behält dann seinen rein deskriptiven Sinn. Das Schicksal der Verdrängung besteht aber für eine einzelne Regung darin, daß sie vom Wächter nicht aus dem System des Unbewußten in das des Vorbewußten eingelassen wird. Es ist derselbe Wächter, den wir als Widerstand kennenlernen, wenn wir durch die analytische Behandlung die Verdrängung aufzuheben versuchen« Vorles. Psychoanalyse. 3. Teil. s. 336.

Für Freud handelt es sich bei der Hysterie vornehmlich um sexuell verdrängte Reminiszenzen, und wenn er in diesen vielfach auch kein Erlebnis, sondern Phantasieprodukte feststellt, die sexuelle Reaktionsweise erscheint ihm sicher.

»Das Gedankenleben der Hysterischen ist erfüllt von Reminiszenzen, in denen in keinem Falle das psychische Trauma, und zwar das sexuelle, vermißt wird.«

Also was für Charcot als sinnlose Ausdeutung erschien, die Identifizierung von hysterisch mit geschlechtlich, kehrt in der Freudschen Lehre voll wieder, nur in modern psychologisch veränderter Form. Die Psyche der Hysterischen ist von sexuellen Reminiszenzen erfüllt. Diese sind durch ein sexuelles Trauma entstanden, das schon in zartester Kindheit eingewirkt haben kann. Da für Freud schon jede Lebensbetätigung des Säuglings, weil sie lustbetont ist, auch sexuell erscheint, da für ihn der Säugling sogar polymorph-pervers ist, da für ihn jedes Kind sich frühzeitig mit Penisangst, Penisneid, mit Liebe zum andersgeschlechtlichen und Eifersucht gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil abquält, haben wir also ein verwirrendes, kaleidoskopisches Sammelsurium sexueller Entstehungsmöglichkeiten hysterischer Phänomene, deren Entstehungsmechanismus eindeutig sexuell bedingt ist, krasser in seiner Bedingtheit, wie es der Laienvorstellung in alter Zeit erschien, die hysterisch mit geschlechtlich identifizierte.

Zur Sexualtheorie Freud bekennt sich neben einer Reihe von Freud-Schülern bis zu einem gewissen Grade auch Dubois, wenn er sagt:

»Ich bin geneigt zu glauben, daß die verschiedenartigen, undeutlich bewußten und halbbewußten Empfindungen, die mit dem Sexualtriebe verknüpft sind, selbst bei der auch in der Gesinnung unbeflecktesten Jungfrau eine wichtige Rolle in der Entstehung der Hysterie spielen.«

Es ist nicht verwunderlich, daß diese Lehre einen Sturm entfachte, vom fanatischen Anhänger bis zum enragiertesten Gegner. Das mußte um so leichter geschehen, weil ihre ausgesprochene Tendenz zur Verallgemeinerung von Einzeltatsachen, ihre ausgesprochene Neigung zur Dogmatisierung, ihre phantastische Rätselratemethode in der Traumdeutung wegen der Neuartigkeit ihrer Sexualitätstheorie mit ihren Konsequenzen für Bewußtes und Unbewußtes verwirrte. Wenn Steyerthal diese ganze Lehre damit abtun zu können glaubt, daß er sagt:

»Je hirnverbrannter ein Gedanke ist, um so mehr wird er die Köpfe entzünden. Die Veröffentlichungen Siegmund Freuds hat man als einen Markstein in der Geschichte der großen Neurosen bezeichnet. Hoffentlich wird der olympische Wagen der Wissenschaft diesen Stein in der Rennbahn glücklich umfahren« Steyerthal, »Was ist Hysterie?« Marhold, Halle a. S. 1908. S. 12.,

so irrt er nicht nur, er verkennt auch den schöpferischen Kern, der in dieser Lehre steckt. Und dabei gibt Steyerthal zu, »daß solche Fälle, wie sie die Wiener beschreiben, vorkommen, daß man auch für manche sonst unerklärbaren Neurosen (Angst- und Zwangszustände) ein geschlechtliches Moment im Einzelfall nicht übersehen darf«. Das sieht er »nach vielen Beobachtungen« als feststehend an. Doch er erachtet es als einen Fehlschluß, »der uns bei wissenschaftlichen Forschern oft begegnet«, daß »allemal, wo wir die Hysterie finden, ein solches Faktum im Spiel« gewesen sein soll, weil einmal jemand durch einen unsittlichen Angriff hysterisch geworden ist, »es wird also eine einzelne Tatsache auf das Ganze verallgemeinert, auf eine einzelne Beobachtung ein apodiktisches Urteil gebaut«. Diesem Vorwurf kann man beipflichten. Das veranlaßt aber keineswegs, die Lehre in Bausch und Bogen zu verurteilen. Man mag zur Freudschen Lehre sich stellen, wie man will, man mag ihre Auswüchse beklagen, die besonders den Freud-Jüngern zur Last fallen, man mag ihre einseitige, pansexualistische Ausdeutung, ihre Verzerrungen in der Erfassung von Kindes- und Elternliebe bedauern, sie ist von einem tiefschürfenden, geistvollen Denker ersonnen, hat schon jetzt vielfältige, fruchttragende Anregungen gegeben, hat tief dunkle Phänomene dem Verständnis näher gebracht, und, was nicht minder wichtig ist, die Bedeutung der Sexualität in einer Weise gezeigt, daß die selbst von der ärztlichen Wissenschaft allzulang geübte Vogel-Straußpolitik gegenüber allem Geschlechtlichen endlich aus ihrer Erstarrung erwacht. Die schroffe Ablehnung Steyerthals erscheint um so erstaunlicher, als Steyerthal mit seiner Auffassung des hysterischen Paroxysmus als Erschöpfungssymptom sich Freud auffallend nähert. Wie er das verstanden wissen will, zeigt er in folgenden Worten:

»In einem unvorsichtig geheizten Dampfkessel steigt der Druck allmählich höher und höher, bis endlich der Zeiger des Manometers auf den roten Strich deutet, der die höchste zulässige Spannung angibt. In diesem Augenblick erfolgt eine Explosion – d. h. es platzt nicht etwa der Kessel, sondern das Sicherheitsventil wird gesprengt, und der eingepreßte Dampf entweicht mit betäubendem Getöse durch die langgesuchte Öffnung.

Genau so wirken die angehäuften Unlustgefühle im Seelenleben eines Menschen; sie werden zu Spannkräften, die schließlich jede Hemmung durchbrechen und sich in furibunder Expansion Luft machen. Wie man – um im Bild zu bleiben – das Sicherheitsventil am Kessel belasten kann, damit der Dampf nicht bei erster Gelegenheit auszischt, so hat der normale Mensch in der Selbstzucht, der guten Erziehung, oder sagen wir kurzweg in der persönlichen Energie das Mittel, welches trotz des inneren Dranges den Überdruck zurückhält. Das weibliche Geschlecht, durch Anlage, mangelnde Widerstandsfähigkeit und alle die übrigen, in Jahrtausende langer Sklaverei erworbenen Eigenschaften den Unbilden des Lebens gegenüber weit schlechter gerüstet, verliert auch dementsprechend häufiger die Kraft, die gespannten Unlustgefühle zu dämpfen: Das Sicherheitsventil fliegt auf, die elementaren Kräfte entweichen; schreiend, zuckend, strampelnd liegt die Kranke am Boden. Der hysterische Paroxysmus ist da. Das ist die Mechanik beim ersten Anfall, den ein Mensch erlebt. Der zweite ist schon weit leichter hervorzurufen: das Ventil schließt nicht mehr fest, und sind erst eine Reihe von Attacken dagewesen, so funktioniert der Verschluß dauernd unsicher« Steyerthal, S. 54..

Setzt man an Stelle der »angehäuften Unlustgefühle« im Seelenleben das verdrängte, nicht erledigte, psychische bzw. sexuelle Trauma im Unterbewußtsein, so ist eigentlich kaum ein Unterschied in der Ausdeutung gegeben. Wir sehen also unter dem Einfluß der Freudschen Lehre, daß sexuelle Momente zu einer ausschlaggebenden Rolle bei der Hysterie avancieren. Von verdrängter Sexualität ist das Unbewußte erfüllt, kann dort sein Wesen treiben, muß in den Äußerungen des Unbewußten, den Träumen, als infantile Sexualwünsche zum Vorschein kommen, und die Hysterie muß Folge der Erlebnisse sein.

Nicht recht verständlich ist es, wie Neutra von einem »vollkommenen Schiffbruch der Sexualtheorie durch die Kriegserfahrungen« sprechen kann, wenn er fortfährt:

»... obwohl es nicht zu leugnen ist, daß in vielen Fällen von Hysterie der an dem psychischen Konflikte engagierte Trieb der Sexualtrieb ist. Er muß es aber nicht sein, sondern jeder andere Trieb ist ... ebenso geeignet, zur Trias der Hysteriewurzel, zu den Stücken des hysteriebildenden Konfliktes zu gehören, und daher erscheint die Anschauung von der sexuellen Genesis der Hysterie unhaltbar

Nicht recht verständlich muß ich diese Auffassung nennen, denn das Bekenntnis, daß der Sexualtrieb im Einzelfalle hysteriebildend mitwirkt, genügt doch zur Annahme seines möglichen Anteils an der Genesis der Hysterie. Weitere Bedeutung mag ich ihm auch nicht zusprechen, die Ausnahmslosigkeit oder gar allein entscheidende Wirkung muß ich ihm sogar ausdrücklich bestreiten. Auch als eine von vielen Entstehungsbedingungen ist er allzu lange geringschätzig behandelt oder gar überhaupt vernachlässigt worden. Mit Neutra und im Gegensatz zu Freud halte ich allerdings jeden anderen Trieb für ebenso geeignet, geeignetenfalls hysteriebildend zu wirken.

Der heuristische Wert der Freudschen Auffassung von der Entstehung der Hysterie ist unbestreitbar, wie man auch zu ihren Einzelheiten, und hier besonders ihrer einseitigen sexuellen Ätiologie sich stellen mag. Schon die Supponierung des Unbewußten fordert hypothetische Einstellungen, die man vom Boden der geläufigen psychologischen Lehre nur schwer aufbringen kann. Wir wissen ja nichts über die tatsächlichen Vorgänge, wenn ein Erlebnis dem Bewußtsein entschwindet. Sind es körperliche Verdrängungen, die es bewirken, und die bei bestimmter Wandlung es wieder aufleben lassen, oder was ist das Unbewußte, in das alle Erinnerungen versinken? Wo bleiben die Erinnerungen, wie ordnen sie sich, die doch in unzählbarer Menge ins Unbewußte hinabtauchen? Nach welcher Reihenfolge, nebeneinander, übereinander oder gar miteinander sich verschmelzend lagern sie sich? Ist das große Reservoir des Unbewußten dauernd aufnahmefähig? Nach welchem Prinzip geraten Erinnerungen automatisch in das Zentrum des Bewußtseins? Flottieren sie frei, um zufällig an die Oberflächengrenze zu gelangen? Kurz, eine rein hypothetische Annahme, dieses Unbewußte, und man kann das Bedenken Hellpachs verstehen, der in der Annahme des Unbewußten »das Untertauchen in einen Begriff« sieht, der »vielleicht metaphysische oder religiöse oder ästhetische Qualitäten, sicherlich aber keine wissenschaftlichen hat Grundlinien einer Psychologie der Hysterie. Engelmann, Leipzig.«. Hellpach meint sogar, daß die psycho-analytischen Gedankengänge Freuds ausgezeichnet waren, uns vor dem Absturz ins Unbewußte zu bewahren, und daß sie keinesfalls mit Notwendigkeit aufs Unbewußte hinabzuführen angetan waren. Indes, die Verdrängungsidee Freuds ist fruchtbar, bedeutungsvoll, nur in der ausnahmslosen Einstellung auf das Sexuelle unerträglich. Gleich unerträglich ist aber auch die Technik, mit der die Freudianer ihre Heilungsziele anstreben. Daß auch dem schöpferischen Meister Freud selbst ein Vorwurf nicht erspart werden kann, ist besonders bedauerlich. Der scharfsinnige Aschaffenburg Münch. med. Woch. 1906. Nr. 37. wird wohl wissen, warum er sagt: »Auf die Gefahr hin, von Freud und seinen Anhängern für unwissenschaftlich erklärt zu werden, muß ich gestehen, daß mir die Weise, mit der Freud in dem Falle, den er in seiner Arbeit ›Bruchstück einer Hysterieanalyse‹; schildert, das Geschlechtsleben erörtert und die Einzelheiten, über die dabei gesprochen wurde, zumal bei einer 14jährigen Patientin, einen nachhaltigen Widerwillen erregt haben«. Man braucht nicht so weit zu gehen wie Kräpelin, der uns »am Anfang vom Ende unseres Geschlechts« sieht, »wenn unsere vielgeplagte Seele durch längst vergessene unliebsame sexuelle Erfahrungen für alle Zeit ihr Gleichgewicht verlor« Lehrbuch d. Psychiatrie.. Doch muß man die Einengung auf sexuelle Kindheitserlebnisse, während alle späteren und anderen Erlebnisse, auch wo sie gewaltsam unterdrückt werden, dem Vergessen anheimfallen, nachdrücklichst ablehnen. Gewiß ist die Wirkung der ersten erotischen Eindrücke unberechenbar, vielfach geeignet, ein Menschenkind für lange Zeit aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen und der Entwicklung eine bestimmte Richtung zu geben. Es fehlt aber jeder Beweis, daß nur sexuelle Erlebnisse verdrängt werden.

Auch Neutra l. c. S. 296., der das psychische Trauma, sozusagen die Verletzung der Seele, als die durch eine äußere Situation hervorgerufene stärkere Mobilisierung irgendeines Triebes und der ihm gegenüberstehenden psychischen Hemmungen auffaßt, vermag es nicht zu verstehen, warum Freud in erster Linie das psychische Trauma, abgesehen davon, daß er es immer für sexueller Natur hält, zeitlich stets in die Kindheit verlegt. »Es ist der Mensch in jedem Lebensalter befähigt, zu einem psychisch unlösbaren Konflikte durch irgendeine dazu geeignete Situation zu gelangen.«

So gewiß es ist, daß der Mensch, je mehr er sich der Geschlechtsreife nähert, und je mehr er durch erziehliche Einflüsse sich zu beherrschen gelernt hat, vornehmlich erotische Erlebnisse – Wirklichkeiten und Gedankengänge – unterdrücken, in sich verschließen muß, so gewiß ist es, daß auch Erlebnisse außerhalb alles Erotischen zu gleicher Zeit die Kinderpsyche beschäftigen können und verdrängenswert erscheinen.

Gegenüber dem Originalitätsanspruch der Freudschen Lehre verdient nachdrücklichst betont zu werden, daß wir längst wissen, wie unser bewußtes Leben nur gleichsam die oberste Schicht eines weiten und tiefen Reiches unter- und außerbewußten Geschehens ist. »Dieses unbewußte, unbemerkte Seelenleben beeinflussen, dessen Wirkungen leiten, ihnen freien Lauf lassen oder sie hemmen, das zu tun auf Grund von Selbstanalyse und klaren Zielen, darin besteht Selbsterziehung und psychotherapeutische Erziehung«, sagt Jaspers Allg. Psychopathologie. Berlin. Springer. 1913.. Und derselbe Jaspers fügt nachdenklich hinzu, daß fast immer der Mensch sich selbst, seinem eigenen Unbewußten gegenüberstehe. Sehr selten ist es, daß er sich gleichsam mit seinem Unbewußten, mit seinen Instinkten und Gefühlen völlig identifiziert. (Das kann vom wertenden Standpunkt aus sowohl ein gemeiner Charakter wie natürliche Größe sein.) Meist steht die Persönlichkeit mit ihrer eigenen Grundlage im Kampf, und diese Gegensätze der Persönlichkeit zum eigenen Unbewußten im Einzelfalle tief zu verstehen, dabei das Material des Unbewußten und die echten Strebungen der Persönlichkeit zu kennen, ist die Bedingung für eine klare, »erziehliche« Beeinflussung.

Von einer idealen Erziehung verlangt allerdings Hellpach, daß sie Verdrängungsmöglichkeiten weitgehend verhindre. Wo ist solche ideale Erziehung heutzutage möglich? Hellpach wendet schon gegen die Durchführbarkeit solcher, jede Verdrängung ausschließenden Erziehung ein, daß »die Hälfte unserer Erziehung in der öffentlichen Schule vor sich geht, Massenerziehung ist, also einer gewissen disziplinaren Grundlage gar nicht entraten kann: Und man sieht schon, wie oft diese Erziehung genötigt sein wird, das seelische Erleben des Kindes unorganisch abzukürzen – aller idealen Forderung ungeachtet. Nehmen wir aber gar statt dieser Forderung die Wirklichkeit, so finden wir, daß stellenweise die Verdrängung geradezu zum Prinzip erhoben wird« Hellpach, l. c. S. 380.. Ein klassisches Beispiel hierfür nennt er unser Verhalten gegenüber dem irgendwie gestraften Kinde. »Da darf kein Schmollen aufkommen, da muß das Kind reumütig seine Schuld bekennen, womöglich vor andern. Eine ungeheuerliche Zumutung, die die Kindesseele bis zur Empörung aufpeitscht!« »Psychologisch genommen, welche Verdrängungen werden dabei geleistet!« sagt Hellpach Hellpach, l. c. S. 381.. »Ich stelle die Behauptung auf, daß diese Art von Erziehung sicherlich die Hysterie mit heranzuführen vermag, denn sie ist ja geradezu eine Züchtung der Lüge und der Grimasse, also zweier für die Hysterie der Kinder eminent bezeichnender Züge, – aber will jemand es unternehmen, hier sexuelle Momente zu konstruieren?« Deshalb lehnt Hellpach das Erotische als einziges Objekt der spät-infantilen Verdrängung ab, wenn er auch sein Vorwiegen gegenüber anderen Erlebnissen zugibt, da mit dem Nahen der Pubertät die meisten stärker erlebten Dinge sozusagen einen erotoiden Schleier empfangen. Als Ausgangspunkt für die Genese hysterischer Erscheinungen kommt das ganze Reich der Verdrängungsmöglichkeiten in Betracht.

Triebe und natürliche Gefühle werden verdrängt, weil die ängstliche Abhängigkeit von moralischen und konventionellen Normen an die Stelle im wirklichen Schicksal selbst erworbener Wertungen getreten ist. »Die Leere des Lebens«, sagt Jaspers, »führt zum Heucheln von Leben, zum sensationellen Scheinerleben, schließlich zur Förderung des hysterischen Charaktertypus« l. c. S. 307..

Wollen wir hier helfend eingreifen, »Erziehungstherapie treiben«, so müssen wir die Persönlichkeit des Kranken wachrufen, sie aufklären, sie zielklar zu beeinflussen suchen, zu Willensanstrengungen anhalten, oder im Gegenteil zur Aufgabe ihrer falschen Selbstbeherrschung und der dadurch entstehenden Verdrängungserscheinungen zwingen. Also denkbar entgegengesetzte Wege müssen eingeschlagen werden! »Auf der einen Seite muß gegenüber Hemmungen und aus theoretischen Grundsätzen konventioneller und anderer Art entsprungenen Einflüssen die Hingabe ans Unbewußte, das Wartenkönnen, das Horchen auf Instinkte und Gefühle gepflegt werden; es müssen Keime entwickelt werden, die im Unbewußten schlummern. Oder es muß sehr verschieden im Gegenteil zu Hemmung, Verdrängung, zur Selbstbeherrschung, evtl. Sublimierung erzogen werden, wenn Gebiete des Unbewußten, des Trieblebens sich allzu sehr auf Kosten anderer Gebiete breitgemacht und den Menschen aus der Bahn geworfen haben. So geht unsere Beeinflussung auf der einen Seite zu Aktivität, Handeln, Anspannung, auf der anderen Seite zu Hingabe, zum Gehenlassen, zur Anpassung, zum Vertrauen auf das eigene Unbewußte« Jaspers. S. 323..

Mag man zu dieser Lehre sich stellen, wie man wolle, mag man sie ganz oder teilweise berechtigt ansehen oder ablehnen, in jedem Falle erscheint es auch hier verwunderlich, daß der Zusammenhang hysterischer Erscheinungen mit sexuellen Einwirkungen in scharfsinnigster Weise enträtselt wird, und doch das tatsächliche Geschlechtsleben der Hysterischen kaum erwähnt wird. Die Kenntnis des letzteren erscheint aber doch in erster Linie vonnöten. Das Geschlechtsempfinden und die geschlechtliche Betätigung der Hysterischen muß man kennen, wenn man die Einwirkung eines sexuellen Traumas ermessen oder in so verhängnisvoller Tragweite abschätzen will.

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