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Das Geschlechtsleben der Hysterischen

Siegfried Placzek: Das Geschlechtsleben der Hysterischen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorSiegfried Placzek
titleDas Geschlechtsleben der Hysterischen
publisherA. Marcus & E. Weber's Verlag
printrunZweite, wenig veränderte Auflage
year1922
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161123
projectidbf0a5613
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A. Wandlungen in der Auffassung der Hysterie

Wenn ich versuche, das Geschlechtsleben der Hysterie zu schildern, wie es eigene und fremde Erfahrung mich kennen lehrte, ist solch Versuch wohl möglich, da der Begriff »Hysterie« sich von Grund aus wandelte und mit einem anscheinend scharf gekennzeichneten Krankheitsbild sich so weit veränderte, daß man an seiner Existenz überhaupt irre wird?

Eine nicht unwichtige, vielleicht sogar verhängnisvolle Vorfrage!

Zum mindesten ist es erforderlich, ehe man vom Geschlechtsleben Hysterischer spricht, erst klar festzustellen, was man unter »Hysterie« versteht. Lassen wir außer Betracht, daß Laien und mitunter auch Ärzte oft schon jede Sonderbarkeit, jede überschäumende Laune, jede auffallende Handlung, jede Verletzung und Durchbrechung einer Sittlichkeitsnorm als hysterisch ansprechen, so bleiben hinreichende gegensätzliche Lehrmeinungen wissenschaftlicher Richtung übrig, um klar erkennen zu lassen, wie weit wir von einer eindeutigen Kennzeichnung oder Erkenntnismöglichkeit der Hysterie entfernt sind. Ist es dann aber nicht vermessen oder zum mindesten verfrüht, die wohl gewichtigste Empfindungsskala im Dasein Hysterischer, das Geschlechtsleben, zu behandeln, wenn unter dem Begriff »Hysterie« zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Schulen grundverschiedene Dinge verstanden werden?

Es klingt bitter und ist doch wahr, wenn Steyerthal die betrübende Tatsache, daß noch niemand auf die Frage »was ist Hysterie?« eine treffende Antwort gab, dahin glossiert: »Das ist bis dato der einzige Punkt bei dem ganzen Kapitel, über den sich die Forscher einig geworden sind »Die Hysterie in foro«, Ärztl. Sachverst.-Ztg. 1914, Nr. 8, 9..« Durch zwei Jahrtausende ein unaufhörlicher Kampf verschiedener Anschauungen, bis Charcot – »mehr durch die Macht seiner Persönlichkeit, als durch die zwingende Beweiskraft seiner Lehrsätze« sagt Steyerthal – seine Lehre ausstreut und in alle Welt verbreitet. Hiernach können wir die Hysterie erkennen. Wir müssen nur nach den Stigmata hysterica suchen, die bei echter Hysterie nimmer fehlen. Und so suchten wir in unserer Lehrzeit gläubig danach, so suchten wir auch nach gereifter Lebenserfahrung danach, und wir fanden sie und waren stets des Fundes froh. Da sahen wir Empfindungsqualitäten merkwürdig verändert, Berührungs-, Schmerz-, Temperaturempfindung eigenartig aufgehoben, und der wunderkräftige Magnet konnte diese Empfindungen sogar von einer Körperseite zur andern hinüberzaubern (Transfert). Waren gleichzeitig Geruch und Geschmack halbseitig aufgehoben, waren andere Sinnesempfindungen eigenartig verändert, das Gesichtsfeld eingeschränkt, die Farbenperzeption merkwürdig verschoben, so war kein Zweifel an der Hysterie übrig, und alles, was die Hysterie dann an Muskelspannungen, Muskellähmungen, Muskelkrämpfen leistete, in seiner Grundbedeutung geklärt.

Doch die Bedeutung dieser Stigmata, die unser Urteil so bequem sicherten, und die scheinbar zur Ewigkeitsdauer bestimmt waren, ward nur zu bald erschüttert. Ärzte waren so vermessen, den ketzerischen Gedanken auszusprechen, daß all die Wunderzeichen, die Stigmata, Kunstprodukte der ärztlichen Untersuchungstechnik wären. Böttiger Neurol. Centralbl. 1897, S. 514. erklärte am 12. April 1897 im ärztlichen Verein zu Hamburg die wichtigsten Stigmata, nämlich Gesichtsfeldeinschränkung und Hemianästhesie, für »autosuggeriert oder durch den Untersucher suggeriert.« Und derselbe Böttiger sagt, daß er die hysterischen Sensibilitäts- und Gesichtsfeldstörungen nach seiner 23jährigen Erfahrung als größtenteils durch die ärztliche Untersuchung hervorgerufen ansehe. Böttiger selbst findet sie trotz darauf gerichteter Untersuchung, allerdings unter vorbeugenden Suggestionen, selbst bei hysterischen Mono- und Paraplegien niemals mehr. Forel nennt die »zones« und »points« hysterogene Artefakte, d. h. Symptome, die, wie alle Symptome der Hysterischen, dadurch fixiert werden, daß man sich damit beschäftigt Der Hypnotismus. Enke, Stuttgart 1902, S. 134.. Auch Babinski Deutsche med. Wochenschr. 1907, Nr. 6 und Sem. méd. 1919 Extr. p. 6. warnte vor der Überschätzung dieser Zeichen. »En ce qui concerne les prétendus stigmates je puis dire que depuis des années je n'en trouve plus chez les hystériques qui n'ont pas été préablement en contact avec des personnes capables de les avoir suggestionnés.« Kollarits Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych. 49. Bd. 1919. spricht von einer Pseudoanästhesie, einem ›nicht immer, aber in den meisten Fällen iatrogenen Kunstprodukt‹;, von den Ärzten bei der Untersuchung unbewußt verursacht.« Mit dem bedenklichen Anlauf gegen die Kriterien einer Hysterie, die diagnostische Bedeutsamkeit der Stigmata, geriet das ganze Krankheitsbild der Hysterie ins Wanken. Hoche Die Differenzialdiagnose zw. Epilepsie und Hysterie, Berlin 1902. sagt unumwunden: »Wer die These aufstellen würde, daß der hysterische Charakter gar nichts mit der Hysterie zu tun hat, sondern ein Zeichen der Entartung darstellt, daß es überhaupt ein Krankheitsbild der Hysterie nicht gibt, sondern nur eine besondere Form psychischer Disposition, die man als hysterisch bezeichnet, wäre gar nicht zu widerlegen.« An anderer Stelle sagt Hoche Hoche, Handb. d. ger. Psychiatrie. Aug. Hirschwald, Berlin 1901, S. 44.: »Für die forensische Praxis hat die Pseudologia phantastica der Entarteten und der Hysterischen ( die zum großen Teile auch nichts anderes sind als Entartete) sehr große Bedeutung.«

Also eine unumwundene, einschränkungslose Einreihung der hysterischen Eigenart in das Krankheitsbild der Entartung. Forel nennt die Hysterie »kein ganz abgeschlossenes Krankheitsbild, sondern einen pathologischen Symptomenkomplex oder Syndrom l. c. S. 138.«. Die von Hoche als möglich bezeichnete These stellte endlich Steyerthal Was ist Hysterie? Karl Marhold, Halle 1908. auf und verficht sie mit selten beredten Worten:

»Eine selbständige, einige und unteilbare Krankheit ›die Hysterie‹; gibt es nicht, es gibt nur einen ›hysterischen Symptomenkomplex‹;, auch genannt die ›hysterischen Stigmata‹;. Diese Symptome sind Ermüdungs- und Erschöpfungszeichen, ihr Vorkommen bei den verschiedensten somatischen und psychischen Affekten ist leicht erklärlich, um nicht zu sagen selbstverständlich. Nichts ist natürlicher, als daß sich ein Schwächezustand auf körperlichem oder geistigem Gebiet durch Erschöpfungssymptome manifestiert: sie sind gewissermaßen das Exanthem der Schwäche. Mithin ist das, was wir Hysterie nennen, eine aus den verschiedensten pathologischen Gebieten künstlich zusammengelesene Gruppe von Krankheitstypen, die nichts miteinander gemeinsam haben als eben jene Stigmata« Zum Wesen der Hysterie. Therap. d. Gegenw. 1911, Febr. S. 43..

Auch Strohmayer Dittrichs Handb. d. ärztl. Sachverst.-Tätigkeit. Braumüller, Wien und Leipzig 1910, Liefg. 31-33. For. Psychiatrie 2. Bd. betont die Bedeutung der erblichen Degeneration für die Entwicklung schwerster Hysterien mit deutlich psychischen Erscheinungen und sieht den ominösen hysterischen Charakter nicht als Produkt der Hysterie, sondern »mit ihr ebenbürtig auf dem Boden der psychopathischen Degeneration« erwachsen an.

Kohnstamm Medizinische und philosophische Ergebnisse aus der Methode der hypnotischen Selbstbesinnung. Ernst Reinhardt, München 1914., der das selten prägnante Bild der »Hysterie des defekten Gesundheitsgewissens« gezeichnet hat, erhofft von seinem letzten Vortrag, daß dessen ausführliche Publikation »dem alten Hysteriebegriff, der überhaupt kein Begriff ist, endgültig den Todesstoß versetzen wird«.

Gaupp Jahresber. d. Gesellsch. f. Psychiatrie, 1911. verwirft die Hysterie als entité morbide und will nur eine hysterische Reaktionsweise anerkannt wissen.

Bumke Berliner klin. Wochenschr. 1918, Nr.20. findet die Behauptung Hoche's, daß es eine Krankheit Hysterie nicht gibt, ebenso zutreffend, wie die Behauptung Möbius', wir seien alle etwas hysterisch, »vorausgesetzt nämlich, daß man unter Hysterie eine pathologisch verstärkte Suggestibilität versteht«.

Reichardts Allg. u. spezielle Psychiatrie. Fischer, Jena 1918, S. 544. hält es für zweckmäßig, das Substantivum, bzw. die Krankheitsdiagnose »Hysterie« ganz fallen zu lassen und das Wort »hysterisch« nur als Adjektivum zu gebrauchen. Man spricht von hysterischen Reaktionen und Dispositionen. Die hysterische Reaktion muß im Gegensatz zur endogenen Nervosität, Zwangsneurose, Hypochondrie einen äußerenund zwar psychischen Anlaß haben.

Endlich unterscheidet Hans W. Gruhle Psychiatrie f. Ärzte. Springer, 1918. zwischen der Hysterie »als Ausdruck einer augenblicklich unangenehmen oder gespannten Lage« und der Hysterie »als Offenbarung einer erheblichen hysterischen Anlage«.

Vorbei soll es also mit dem Krankheitsbilde der Hysterie sein, und bleiben eine hysterische Reaktionsweise. Gegen die Zerstörung des Krankheitsbildes der Hysterie protestiert Lewandowsky Die Hysterie. Berlin. Springer 1914. S. 122. nachdrücklichst. Die Krankheitseinheit der Hysterie lasse sich weder auf die pathologische Histologie, noch auf eine einheitliche Verlaufsform oder Verlaufstendenz stützen, doch gerade aus der Lehre von den körperlichen Krankheiten glaubt Lewandowsky zu erkennen, daß wir die Hysterie selbst dann eine Krankheit nennen dürften, »wenn es nur eine hysterische Reaktion gäbe«. »Nicht jeder Mensch wird selbst bei Einwirkung der stärksten hysterogenen Schädlichkeiten hysterisch oder zeigt danach nur ein hysterisches Symptom, also muß eine hysterische Disposition zugrunde liegen (in der Mehrzahl der Fälle eine angeborene). Man wird hysterisch geboren, man wird es nicht.«

Grundlegend für die Hysterie, mag sie nun eine hysterische Reaktionsweise oder ein geschlossenes Krankheitsbild sein, erschien die Möbius'sche Neurol. Beitr., S. 68. Definition:

»Hysterisch sind alle diejenigen krankhaften Veränderungen des Körpers, die durch Vorstellungen verursacht werden.« Ist mit dieser prägnant anmutenden, bestechenden Begriffsbestimmung das Rätsel der Hysterie gelöst? Bringt auch sie nicht nur einzelne Krankheitserscheinungen dem Verständnis näher? Selbst wenn wir mit Kraepelin »als wirklich einigermaßen kennzeichnend für alle hysterischen Erkrankungen« die außerordentliche Leichtigkeit und Schnelligkeit ansehen, mit welcher sich psychische Zustände in mannigfachen körperlichen Störungen wirksam zeigen, seien es Anästhesien oder Parästhesien, seien es Ausdrucksbewegungen, Lähmungen, Krämpfe und Sekretionsanomalien, fordert nicht sofort das rätselvolle Geschehen selbst, eben diese besonders leichte, besonders schnelle Umwandlung eines psychischen Vorgangs in eine körperliche Erscheinung, eine Erklärung? Mit der Feststellung der Tatsache allein, daß krankhafte körperliche Veränderungen durch Vorstellungen hervorgerufen werden, mit der Feststellung der Tatsache, daß dieser Vorgang eben die Hysterie kennzeichnet, ist doch das Geschehen selbst nicht geklärt, nicht das innere Wesen des Geschehens, das »Wie« der Umsetzung bloßgelegt. Also auch nach dem Möbius'sehen Deutungsversuch braucht man sich nicht zu scheuen, mit Erlenmeyer offen und ehrlich zu bekennen, daß wir uns der Hysterie gegenüber immer wie vor einer »Unbekannten« finden.

Steyerthal findet die Möbius'sche Definition schon an sich höchst anfechtbar, weil sich keine Grenze ziehen läßt, wo die durch Vorstellungen hervorgerufene krankhafte Veränderung des Körpers beginnt. A priori ist ja die Umsetzung von Vorstellungen in körperliche Veränderungen nichts Krankhaftes. Wenn der Mensch vor Scham errötet und vor Scham erblaßt, wenn Schreck ihn lähmt oder sein Haupthaar in einem Augenblicke bleicht, so ist das wohl eine unmittelbare Umsetzung psychischer Vorgänge in körperliche Erscheinungen, doch keine Hysterie. Wo verläuft also die Grenze, jenseits derer solch Vorgang als hysterisch abzustempeln ist? Möbius hilft sich, indem er sagt: »Jeder Mensch ist etwas hysterisch«. Doch nicht bei jedem Menschen erfolgt die Umsetzung von Vorstellungen in krankhafte körperliche Erscheinungen, und sicherlich nicht mit besonderer Leichtigkeit. Deshalb will Steyerthal diese Vorgänge, die Möbius als hysterisch ansieht, nur als Symptome eines zugrunde liegenden Übels, der Nervenschwäche angesehen wissen.

»Weil ein Individuum nervenschwach ist oder degeneriert oder imbezill oder psychopathisch minderwertig, deshalb wirkt schon ein packender Gedanke, ein Schreck oder ein sonstiges Ereignis als deletärer Faktor.«

Mit dieser Annahme bestimmter Voraussetzungen für das Zustandekommen der Hysterie ist Steyerthal im Einklang mit Hoche, der eine gesteigerte Emotivität und die reizbare Schwache des Zentralnervensystems als Voraussetzungen fordert, wenn Vorgänge eintreten sollen, wie sie Möbius beschreibt.

Versteht man aber unter Hysterie eine pathologisch gesteigerte Suggestibilität und Autosuggestibilität, so beginnt die Schwierigkeit bei der Grenzbestimmung. Das Maß der suggestiven Beeinflußbarkeit ist, wie Bumke l. c. mit Recht betont, nicht nur individuell verschieden, sondern hängt auch von äußeren Umständen und der jeweiligen körperlichen Verfassung des Einzelnen ab. »Darauf beruhen die psychogenen Erscheinungen im Beginn mancher organischen Gehirnkrankheiten nach gewissen Vergiftungen und Infektionen, sowie endlich im Gefolge seelisch erschütternder Ereignisse. Die normale Suggestibilität ist viel größer, als man gewöhnlich glaubt. Empfindungen, Bewegungen und sogar Reflexvorgänge (Milchsekretion, Menstruation, die Tätigkeit des Magens, der Blase) lassen sich bei sehr vielen Menschen beeinflussen, und die Suggestibilität von Überzeugungen, Gefühlen und Stimmungen steht erst recht außer Zweifel.«

Im Gegensatz zu dieser Auffassung, welche die Wurzel der Hysterie in Denkvorgängen sucht, sieht Oppenheim die gesteigerte Affekterregbarkeit und den krankhaft gesteigerten Einfluß der Gemütsbewegungen auf die diese in der Norm begleitenden motorischen, sensorischen, vasomotorischen und sekretorischen Funktionen als Entstehungsursache an Lehrbuch. 7. Aufl., Berlin. Karger. S. 1203. und bekennt neuerdings, »daß wir keine präzise, allgemein anerkannte Begriffsbestimmung der Hysterie besitzen« Neurosen infolge von Kriegsverletzungen. Karger, Berlin 1918.. Als Grundphänomen bezeichnet er den abnormen Seelenzustand: die Reizbarkeit, den jähen, unmotivierten Stimmungswechsel, die Charakteranomalien, die Neigung zu explosiven Handlungen, die Steigerung des Einflusses der Affekte auf die körperliche Sphäre in typischen Ausdrucksformen, die Entstehung und Beseitigung körperlicher Symptome auf ideagenem bzw. psychogenem Wege, und die damit in der Regel verknüpfte Unbeständigkeit der Erscheinungen.

»Die einfache Steigerung der emotionellen Erregbarkeit ist kein Charakteristikum der Hysterie, sie kommt auch der Neurose, dem neuropathischen Zustande schlechtweg zu. Erst die Art ihrer Äußerung, (Lach-, Weinkrämpfe u. a.) und das grobe Mißverhältnis zwischen Reiz und Wirkung verleiht ihr das hysterische Gepräge. Bei der Hysterie ist der Affekt nur gelegentliche Ursache, während die Grundlage der durch ihn ausgelösten Krankheitserscheinungen in der Persönlichkeit und zwar in erster Linie in der gesteigerten Erregbarkeit und dem gesteigerten Einfluß der Gemütsbewegungen auf die körperliche Sphäre beruht, außerdem in der besonderen Physiognomie dieser Ausdrucksbewegungen, die sie durch die Fixation erhält.« Auch Binswanger erkennt nicht die ausnahmslos psychische Entstehung der Hysterie an. Wenn auch alle hysterischen Krankheitserscheinungen durch psychische Vorgänge beeinflußt werden können, so sei die ausnahmslose Entstehung der Hysterie aus psychischen Vorgängen noch nicht bewiesen und könne auch nicht bewiesen werden.

Zu den beiden Charakteristiken der »hysterischen Veränderung« zählt Strohmayer l. c. noch die pathologisch gesteigerte Gefühlsreaktion.

Hans W. Gruhle l. c. spricht von der »leichten Beeinflußbarkeit durch angenehme Einflüsse und Persönlichkeiten und die von ihnen geweckten Vorstellungen, Trotz und Widerstand gegen alles unsympathisch Erscheinende.«

Reichardt l. c. hält zu einer hysterischen Reaktion für notwendig:

  1. eine exogene, durch die Psyche vermittelte äußere Einwirkung,
  2. eine bestimmte (angeborene oder erworbene, dauernde oder vorübergehende, vorhandene) Hirndisposition (Labilität des Regulationssystems Gaupp),
  3. einen inhaltlich bestimmt gearteten Zweck (oft anscheinend unbewußt), eine Abwehr oder einen Wunsch, eine Willensrichtung, z. B. einen Willen zur Krankheit, »einen Defekt des Gesundheitsgewissens« ( Kohnstamm), eine besondere Art des Selbstschutzes.

Die »Zwischenreaktion« als Vorbedingung für die Entstehung einer Hysterie wird auch von Bonhoeffer unterstrichen, der die Willensrichtung der Krankheit für das charakteristischste Moment ansieht, – wird auch von Bleuler unterstrichen, der von einer psychischen Reaktionsweise auf unangenehme Situationen spricht, die nicht ertragen werden wollen, und vor denen man in die Krankheit flüchtet oder in dieselbe verdrängt wird – wird auch von Cimbal unterstrichen, der dem selbst besten Menschen Gedanken und Wünsche zutraut, »die er selbst nicht auszusprechen wagt, die er für unrecht hält, deren er sich schämt Die Zweck- und Abwehrneurosen als sozial-psychologische Entwicklungsform der Nervosität. Zeitschr. f. d. ges. Neur. u. Psych..« Nach Forster besteht die hysterische Reaktion im wesentlichen darin, »daß das betreffende Individuum körperliche Erscheinungen produziert (resp. nicht unterdrückt), die von der Umgebung als körperliche Leiden resp. Krankheit aufgefaßt werden sollen und ihm dadurch erwünschte Vorteile oder, was dasselbe ist, das Fortbleiben unerwünschter Geschehnisse erwirken sollen«. Nicht Hysterie oder Simulation ist die Frage, sondern: »Wie steht der Betreffende zu seiner Zweckreaktion? Ist er sich bewußt, daß er damit etwas beabsichtigt, und wie klar ist dieses Bewußtsein?« Hysterische Reaktionen und Simulationen. Monatsschr. f. Psychiatrie.

Jedenfalls müssen wir nach geltender Lehre eine dreifache psychische Wurzel hysterischer Krankheitserscheinungen als möglich annehmen:

  1. Die Vorstellungs- oder noogene oder ideagene Theorie, welche die Entstehungsbedingungen in den Denkvorgängen sucht.
  2. Die thymogene- oder Affekttheorie.
  3. Die epithymogene oder Begehrungstheorie. Levy-Suhl, »Die dreifache psychische Wurzel der hyst. Krankheitserscheinungen. Dtsch. med. Wochenschr. 1019. Nr. 5.

Wie aber eine Vorstellung oder ein Affekt oder ein Begehren körperliche Krankheitssymptome zuwege bringt, wie diese gerade bei der hysterischen Eigenart entstehen und trotz scheinbarer und wirklicher Festigkeit und Hartnäckigkeit beeinflußbar sind, bleibt rätselhaft, und alle theoretischen Deutungsversuche können uns die Umsetzungsvorgänge wohl anschaulicher, faßbarer machen, doch nimmermehr erklären. Was kann uns die »psycho-physische Bereitschaft« sagen? Eher könnte die Annahme einer Ladungsbereitschaft in den Hirnrindenzellen uns wenigstens eine Feinempfindlichkeit bedeuten, die nach Art feinster technischer Apparate auf sinnlich kaum noch faßbare Reize anspricht. Wenn der Empfänger einer Radiostation Wellen registriert, die aus Weltentfernungen heranfluten, wenn der Seismograph Erdbeben in fernsten Erdgegenden verzeichnet, so kann man sich auch eine »Ladungsbereitschaft« vorstellen der Hirnrindenzellen eines Hysterikergehirns, die auf feinste psychische Reize übermäßig anspricht und mangels geeigneter Sicherungen an den Kreuzungsstellen der Nervenbahnen die seltsamsten Wege einschlägt.

Neuerdings sind nun die anscheinend festesten Grundpfeiler der Hysterielehre – Heredität und Disposition – ins Wanken geraten, zum mindesten in ihrer Bedeutung erschüttert worden, und zwar bewirkten das die Kriegserfahrungen. Allen Frontkämpfern, Freund und Feind, waren gleiche Kriegsstrapazen beschieden. Schwerste seelische und körperliche Erschöpfung, überkräftige, oft genug angstvolle seelische Höchstspannung, seelische Erschütterungen von ungeheuerlichen Graden trafen sie alle, und doch, trotz der angeblich tiefgreifenden Bedeutung solcher Ursachen als Agents provocateur der Hysterie, – trotz der ungefähr gleichgroßen Disposition zur Hysterie bei unseren Soldaten und den Feinden, wenn nicht gar sogar gesteigerter Disposition bei den Franzosen –, brachte der Krieg folgende Überraschungen:

  1. Hysterische Erscheinungen schlossen sich – unmittelbar hinter der Front – sehr häufig nicht sofort an den Schreck an.
  2. In den Kriegsgefangenenlagern, deutschen wie französischen, fast keine Hysterie, obwohl diese Gefangenen die gleichen, wenn nicht gar erheblichere Schreckwirkungen erfahren hatten.
  3. Erst Austauschmöglichkeiten, Rückkehraussichten, ließen Hysterie entstehen.

Mit Recht sagt Neutra Vorlesungen über allgemeine und medizinisch angewandte Lustenergetik (Psychosynthese). Leipzig, F. C. W. Vogel, 1920. in seinem sehr beachtenswerten, gedankenreichen Buche »Seelenmechanik und Hysterie (Psychodystaxie)«, daß solche Tatsachen gegen alle Situationseinwirkung als Entstehungsbedingung der Hysterie mißtrauisch machen müssen. Wenn trotz der gleichen äußeren Schädigungen, wie sie der Krieg täglich und tausendfältig mit sich brachte, die Hysterie in der einen Gruppe häufig auftritt, in der anderen Gruppe kaum vorkommt, so scheint es unabweislich, die scheinbar so selbstverständliche Hypothese von Vererbung und Disposition im gewöhnlichen Sinne fallen zu lassen, zum mindesten schärfer zu charakterisieren, »sich nicht mit den einfachen Worten zufrieden zu geben, sondern die spezielle Seelenmechanik psychologisch zu erkennen, die den fruchtbaren Boden für das Unkraut Hysterie ergibt«. l. c. S. 140 Mit Recht fragt Neutra: »Wie kommt es nun, daß jene sog. hysterisch Veranlagten unter den Gefangenen, die auch die Schreckwirkungen des Krieges durchgemacht haben und außerdem den schweren Kummer erduldeten, den die Gefangenschaft und die Entfernung von Heimat und Familie mit sich bringt, trotz ihres angeblich schwachen Willens nicht erkrankten? Wie kommt es, daß so mancher unter ihnen endlich an Hysterie erkrankte just gerade zu einem Zeitpunkte, wo sich seine Hoffnung erfüllen soll, wieder die Heimat zu sehen? Sollte die Willensschwäche des hysterisch veranlagten Gefangenen sowohl den Schreck des Augenblickes als auch die langdauernde Gemütsdepression, die durch seine Situation bedingt ist, so gefahrlos für seine Gesundheit ertragen? Mußte derartiges nicht zum Nachdenken anregen, ob es denn auch wahr sei, daß die Willensschwäche als Disposition für die Entstehung der Hysterie angesehen werden könne?«

Deshalb sieht Neutra in allen der Hysteriebildung bezichtigten Motiven »nur sozusagen willkommene Anlässe, um mit der hysterischen Erkrankung hervorzutreten, sie, ich möchte sagen, vor dem Beobachter, vor dem Publikum, ja vor sich selbst begreiflich, d. h. genügend kausal bedingt, erscheinen zu lassen. Sie sind stets nur Deckgründe, dazu bestimmt, die wahren Ursachen der Erkrankung zu verdecken«.

Jedes Ereignis, jede Situation, jede Einwirkung von außen macht die aktiven Kräfte, Trieb und Hemmung frei, aus deren Kraftverhältnis die Handlung resultiert, entweder triebhaft oder moralisch. Dagegen schafft die Situation, die zur Hysterie führt, Trieb und Hemmung gleich stark, woraus die Unmöglichkeit einer entsprechenden Reaktion entspringt. In dieser Unfähigkeit der Seele, richtig zu reagieren, sieht Neutra die Wurzel der Hysterie, die also auch nicht angeboren ist.

Soweit der Streit der Geister sich darum dreht, ob die Hysterie ein geschlossenes Krankheitsbild ist und als solches weiter zu existieren ein Recht hat, pflichte ich aus eigenster Erfahrung gern denen bei, die nur eine hysterische Reaktionsweise anerkennen. Es wäre sicherlich auch kein Schaden, wenn die Krankheit »Hysterie« verschwände, denn mit ihr verschwände auch die leichte und leichtfertige Anwendung des Begriffes »hysterisch« auf alles und jedes. Keineswegs kann ich aber die Ansicht teilen, daß die Stigmata hysterica stets autosuggestiv oder durch den Untersucher suggeriert seien. Wohlwill sieht in der hysterischen Anästhesie nichts Passives, sondern etwas Aktives, nicht ein Zuwenig, sondern ein Zuviel, nicht etwa auf einer Absperrung des Sinnesreizes vom Bewußtsein beruhend, sondern auf einer aktiven Unterdrückung der von dem kranken Glied ausgehenden Empfindungen. Kollarits l. c. hält sie nicht für unterdrückt, sondern verleugnet. Um anästhetische Zonen überhaupt nicht entstehen zu lassen, fordert er, daß überhaupt nicht darnach geforscht und so untersucht werde, daß sie nicht entstehen können. In jüngster Zeit betont Seelert »Zur psychoanalyt. Traumdeutung«, Dtsch. med. Wochenschr. 1921. Nr. 40. nachdrücklichst, daß die einseitige Sensibilitätsstörung der Hysterischen Produkt der Untersuchung ist, abhängig von der Art, wie untersucht wird.

Vor der Annahme rein suggestiver Erzeugung müßte eigentlich schon die bewährte Untersuchungstechnik des Nervenarztes schützen. Da diese bei sachgemäßer Anwendung jede Suggestion streng fernzuhalten weiß, wäre es ganz unverständlich, wie die Unempfindlichkeitsgrenzen sich gerade so scharf in der Mittellinie abgrenzen sollten, wie der willkürlich gar nicht unterdrückbare Hornhaut- und Rachenreflex verschwinden kann, wie die Farbenperzeption so bestimmte Verschiebungen erfahren kann usw. Ein anderes ist es nur, ob man krankhafte, hysterieverdächtige Erscheinungen durch die Auffindung der Stigmata bestätigt glaubt, ein anderes, ob man ohne anderweite krankhafte hysterische Erscheinungen aus der zufälligen Auffindung einer anästhetischen Zone unbedingt die Hysterie erschließt. Ganz besonders scheint mir für die Tatsächlichkeit der hysterischen Stigmata die Übereinstimmung in ihrer Erscheinungsform zu sprechen, und Pierre Jannet trifft tatsächlich den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt:

»Sollten sich etwa in allen zivilisierten Ländern, vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die Hysterischen verabredet haben, dieselben Sachen zu simulieren?« Steyerthal, l. c, S. 82.

Curschmann meint, die Realität, das primäre Vorhandensein der hysterischen Gefühlsstörungen lasse sich dadurch beweisen, daß man vor der Prüfung der Gefühlsqualitäten ganz stillschweigend die sensiblen Reflexe durchprüfe, vor allem auch solche, die auch der ausgepichteste Traumatiker nicht kennt, z. B. den sensiblen Reflex des äußeren Gehörgangs.

In letzter Zeit hat Bröse Centralbl. f. Gynäkol. Sept. 1921. meine Ansicht anerkannt und die Überzeugung ausgesprochen, daß die Stigmata wirklich vorhanden sind, womit er natürlich nicht bestreitet, daß sie gelegentlich suggeriert werden können.

Mit dem Glauben an die Tatsächlichkeit der Stigmata wird natürlich nicht bestritten, daß diese Stigmata suggeriert werden können. Das ist ja durch die Eigenart der hysterischen Psyche nur zu verständlich. Nicht minder leicht erscheint ihre Entstehungsmöglichkeit durch Nachahmung gegeben. Demnach bleibt für mich die hysterische Reaktionsweise auf dem Boden eines disponierten Nervensystems tatsächlich möglich und ihr Vorhandensein durch den Nachweis der Stigmata bewiesen, durch ihr Fehlen nicht widerlegt. Es ist aber nicht angängig, aus zufällig festgestellten Stigmaten ohne weiteres auf eine Hysterie zu schließen, wenn keine sonstigen krankhaften hysterischen Äußerungen solche Vermutung stützen. Bei solcher Auffassung scheint es nicht unangebracht, auch vom Geschlechtsleben der Hysterischen zu sprechen.

Diese Ansicht findet noch eine gewichtige Stütze in neuzeitlichen Bemerkungen Binswangers zu einem Aufsatz von Sydney Alrutz: »Die Bedeutung des hypnotischen Experiments für die Hysterie« Berliner klin. Wochenschr. 1921, Nr. 20.. Es ist mehr als beachtenswert, wenn ein Mann von der Bedeutung Binswangers gegen die herrschende Auffassung Stellung nimmt, wonach »alle hysterischen Krankheitsvorgänge ausschließlich seelischen Ursprungs seien und durch die Macht der Emotion und Suggestion allein erklärt werden können«. Binswanger findet gewisse hysterische Funktionsstörungen auf dem Gebiete der Motilität, Sekretion, des Stoffwechsels durch die Psychogenie nicht restlos erklärt und in dieser Auffassung scheinen ihn die Experimente, die Dr. Alrutz ihm vorführte, zu bestärken. An einer dem Experimentator ganz unbekannten Dame, die früher niemals hypnotisiert oder zu ähnlichen Experimenten verwendet wurde, die auch den Zweck des Experimentes nicht kannte, konnte Alrutz durch abwärts gehende Passes über den entblößten Unterarm allmähliche Hebung des Armes im Schultergelenk und des gleichseitigen Fußes bewirken, letzteres durch Irradiation. Die Hebung konnte auch nicht verhindert werden, wenn die Dame aufgefordert wurde, sie zu unterdrücken. Sie verspürte die leichte Erschütterung der Luft, die Wärme, merkte deutlich die Hebung und verfolgte sie als Beobachter.

Es bleibt also ein erstaunliches, bisher unerklärliches Phänomen, – auch Binswanger gesteht, keine Erklärung zu wissen, – daß Passes – ohne jede Suggestion – lokale Veränderungen mit Neigung zur Irradiation auf der gleichen Körperseite hervorrufen. Unterstellt man die Ansicht Dr. Alrutz als zutreffend, daß »Energien«, also Emanationen des Menschen, solche Wirkungen üben können, so sind wir mitten in der bisher verlachten Reichenbachschen Lehre. Jedenfalls gebietet diese neueste Wandlung Vorsicht!

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