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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus
addressLeipzig
translatorn.n.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderpmsporer@gmx.com
created20060518
noteOriginal: Vril, the Power of the Coming Race
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Fünftes Kapitel

Eine Stimme drang an mein Ohr – eine sehr ruhige, sehr melodische Stimme – in einer Sprache, von der ich kein Wort verstand, die aber meine Furcht verscheuchte. Ich nahm die Hände vom Gesicht und sah auf. Der Fremde – ich konnte mich kaum überwinden, ihn Mensch zu nennen – betrachtete mich, als wollte er mit seinem Blicke bis in das Innerste meines Herzens dringen. Dann legte er seine linke Hand auf meine Stirn, und mit der rechten berührte er meine Schulter leicht mit dem Stabe. Diese doppelte Berührung hatte eine zauberhafte Wirkung. Statt des früheren Schreckens durchzog mich ein Gefühl der Befriedigung, der Freude. Ich empfand Vertrauen zu mir selbst sowohl wie zu dem Wesen vor mir. Ich stand auf und redete ihn an. Er hörte mir mit scheinbarer Aufmerksamkeit, zugleich aber auch mit dem Ausdrucke leichter Überraschung zu. Dann schüttelte er den Kopf, wie zum Zeichen, daß er mich nicht verstände. Darauf faßte er mich an der Hand und führte mich schweigend nach dem Gebäude. Der Eingang war offen. Er war mit keiner Tür versehen. Wir traten in eine sehr geräumige Halle, die mit demselben Lichte erleuchtet war, nur daß dasselbe hier noch einen angenehmen Wohlgeruch verbreitete. Der Fußboden bestand aus großen Platten kostbarer Metalle und war zum Teil mit einem mattenartigen Teppich bedeckt. Zarte Musik ertönte wie von unsichtbaren Instrumenten. Sie schien so natürlich zu dem Raume zu gehören wie das Gemurmel rauschender Wasser zu einer Gebirgslandschaft oder das Gezwitscher der Vögel zu Hainen in Frühlingspracht.

Eine Gestalt, in ähnlicher, jedoch einfacherer Tracht als mein Führer, stand regungslos an der Schwelle. Als mein Führer sie zweimal mit seinem Stabe berührte, setzte sie sich in rasche Bewegung und glitt lautlos über den Fußboden hin. Ich blickte sie an und bemerkte, daß es keine lebende Gestalt, sondern ein Automat war. Kaum zwei Minuten, nachdem er durch eine halb von Gardinen verborgene Öffnung ohne Tür am anderen Ende der Halle verschwunden war, näherte sich uns durch dieselbe Öffnung ein Knabe von ungefähr zwölf Jahren. Seine Gesichtszüge waren denen meines Begleiters so ähnlich, daß ich sie sofort als Vater und Sohn erkannte. Als das Kind mich sah, stieß es einen Schrei aus und erhob wie zur Drohung einen Stab, der dem meines Begleiters glich. Auf ein Wort des Älteren ließ es ihn wieder sinken. Darauf sprachen die zwei eine Zeit lang miteinander, während sie mich forschend ansahen. Der Knabe berührte meine Kleider und strich mit sichtlicher Neugier über mein Gesicht, indem er einen Laut hören ließ, der einem heiteren Gelächter von uns glich, nur etwas gedämpfter erklang. In demselben Augenblicke tat sich das Dach der Halle auf, und eine Platte kam herab, die anscheinend nach dem Prinzipe der Aufzüge angefertigt war, wie man sie in Hotels und Warenhäusern benutzt, um von einer Etage in die andere zu gelangen.

Der Fremde trat mit dem Knaben auf die Platte und gab mir ein Zeichen, dasselbe zu tun. Ich folgte. Rasch und sicher stiegen wir aufwärts und gelangten in einen Flur mit Gängen zu beiden Seiten. Durch einen dieser Gänge führte man mich in ein Zimmer, das mit orientalischem Luxus ausgestattet war. Die Wände waren mit Metall und ungeschnittenen Juwelen getäfelt. Kissen und Divane waren im Überfluß da. Statt der Fenster hatte das Zimmer Öffnungen ohne Glas, die nach dem Korridor führten. Im Weitergehen sah ich, daß man von denselben auf geräumige Balkone gelangte, die einen weiten Blick über die erleuchtete Landschaft draußen gestatteten. An der Decke hingen Bauer mit Vögeln von seltsamer Form und prächtigem Gefieder. Bei unserem Eintritt stimmten sie im Chore einen Gesang an, dessen Ton so zart war, wie das Zwitschern eines Buchfinken. Ein köstlicher Duft, der kunstvoll gearbeiteten goldenen Räuchergefäßen entströmte, erfüllte die Luft. Mehrere Automaten, gleich dem einen, den ich gesehen hatte, standen stumm und regungslos an den Wänden. Der Fremde nötigte mich neben sich auf den Divan und sprach wieder zu mir. Ich redete ihn ebenfalls an, wir konnten uns aber nicht besser verstehen wie vorhin.

Ich empfand jetzt die Folgen des Schlages, den ich bei dem Herabfallen der Felsstücke erhalten hatte, stärker wie bisher.

Ein Gefühl krankhafter Schwäche, von einem heftigen, stechenden Schmerze im Kopf und Nacken begleitet, befiel mich. Ich sank in die Kissen zurück und bemühte mich vergebens ein Stöhnen zu unterdrücken. Da kniete der Knabe, der mich bis dahin mit Mißtrauen und Widerwillen zu betrachten schien, neben mir nieder, mich zu unterstützen. Er nahm eine meiner Hände und berührte meine Stirn mit einem leichten Hauche seiner Lippen. In wenigen Augenblicken ließen die Schmerzen nach. Eine einschläfernde glückliche Ruhe überkam mich. Ich versank in Schlaf.

Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustande verweilte, aber als ich erwachte, war ich vollständig wiederhergestellt. Als ich die Augen wieder aufschlug, fiel mein Blick auf eine Gruppe stummer Gestalten, die ernst und würdig um mich herumsaßen. Sie glichen mehr oder weniger dem ersten Fremden: dieselben mantelartigen Flügel, derselbe Schnitt der Kleidung, dieselben sphynxähnlichen Gesichter mit den tiefen dunklen Augen und der roten Gesichtsfarbe; derselbe Typus einer Rasse, die wohl an die menschliche Rasse erinnerte, doch weit stärker und größer von Gestalt und Ansehen war. Sie flößten mir alle dasselbe unerklärliche Gefühl der Furcht ein wie mein erster Begleiter, und doch waren ihre Züge mild und ruhig, ja selbst gütig im Ausdruck. Seltsamerweise war es mir, als flößten mir gerade die Ruhe und Güte dieser Gesichter die rätselhafte Furcht ein.

Sie schienen von den Linien und Schatten, die Furcht und Sorge, Leidenschaft und Sünde auf des Menschen Antlitz zurücklassen, so frei zu sein wie die Gesichter steinerner Götter. Sie schienen denselben friedlichen Ausdruck zu haben, wie nach christlicher Auffassung der Tod den Gesichtern einprägt.

Ich fühlte eine warme Berührung auf meiner Schulter – es war die Hand des Knaben. In seinen Augen lag Mitleid und ein Ausdruck herablassender Zärtlichkeit, wie wir sie für einen kranken Vogel oder Schmetterling empfinden. Ich wich vor dieser Berührung und vor diesem Blicke zurück. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, als ob dieses Kind, wenn es wollte, mich so leicht töten könnte wie der Mensch einen Vogel oder Schmetterling. Das Kind schien von meinem Widerwillen schmerzlich berührt zu sein. Es verließ mich und setzte sich an eines der Fenster. Die Anderen fuhren fort, sich in gedämpftem Tone mit einander zu unterhalten. An ihren Blicken, die sich auf mich richteten, konnte ich sehen, daß ich der Gegenstand ihres Gespräches war. Einer besonders schien dem Wesen, dem ich zuerst begegnet war, einen sehr dringlichen Vorschlag in bezug auf mich zu machen. Letzterer ging anscheinend darauf ein, als das Kind plötzlich seinen Platz am Fenster verließ und lebhaft sprechend sich wie zum Schutze zwischen mich und die Anderen stellte. Irgend eine Ahnung, ein Instinkt sagte mir, daß dieser Knabe, den ich vorher so gefürchtet hatte, zu meinen Gunsten rede. Während er noch sprach, betrat ein anderer Fremder das Zimmer. Er erschien, wenn auch nicht alt, so doch älter als die Übrigen. Sein Gesicht war weniger sanft und heiter als das der Anderen, obgleich es ebenso regelmäßige Züge hatte. Es schien mir dem menschlichen Ausdrucke näher zu kommen als das der Übrigen. Ruhig hörte er den Worten, die erst mein Begleiter, dann zwei aus der Gruppe und zuletzt der Knabe an ihn richteten, zu, dann wandte er sich zu mir und sprach mich nicht mit Worten, sondern mit Gesten und Zeichen an. Diese glaubte ich völlig zu verstehen, und ich irrte mich nicht. Ich begriff, daß er mich fragte, woher ich sei. Ich streckte die Hand aus und deutete auf den Weg, den ich von der Kluft im Felsen aus verfolgt hatte. Dann kam mir ein Gedanke. Ich zog mein Notizbuch hervor und entwarf auf einem unbeschriebenen Blatte eine leichte Skizze von dem Felsenriffe und dem Tau, an dem ich mich herabließ, von dem höhlenartigen Felsen unten, dem Kopfe des Ungetümes und dem leblosen Körper meines Freundes. Diese uranfängliche Art von Hieroglyphen gab ich dem Fragenden. Er reichte sie, nachdem er sie selbst ernst betrachtet hatte, seinem nächsten Nachbar und so machten sie die Runde unter den Anwesenden. Der, dem ich zuerst begegnete, sagte ein paar Worte, woraufhin der Knabe näher trat und meine Zeichnung ansah. Er schien ihren Sinn zu verstehen, nickte, kehrte an das Fenster zurück, breitete seine Flügel aus, schüttelte sie ein paarmal und schwebte dann hinaus ins Freie. Verwundert fuhr ich in die Höhe und eilte an das Fenster. Der Knabe schwebte schon in den Lüften. Seine Flügel bewegten sich nicht wie die eines Vogels, sondern sie erhoben sich über seinem Kopfe und trugen ihn ohne sein eigenes Zutun sanft durch die Lüfte. Der Flug war so rasch, wie der eines Adlers, und ich bemerkte, daß er dem Felsen zueilte, von dem ich herabgekommen war und dessen Umrisse deutlich zu erkennen waren.

In wenigen Minuten kehrte er zurück. Er schwebte zu der Öffnung herein, durch die er uns verlassen hatte, und ließ das Tau und die Enterhaken, die ich bei der Kluft zurückgelassen hatte, auf den Boden fallen. Einige leise geflüsterte Worte wurden unter den Anwesenden gewechselt. Einer aus der Gruppe berührte den Automaten. Dieser schritt vorwärts und glitt aus dem Zimmer. Darauf erhob sich der Zuletztgekommene, der mich durch Zeichen angesprochen hatte, faßte mich an der Hand und führte mich in den Korridor. Hier erwartete uns die Platte, auf der ich heraufgekommen war. Wir stellten uns darauf und gelangten hinab in die Halle. Mein neuer Begleiter geleitete mich aus dem Gebäude in eine Straße, wenn ich es so nennen kann. Sie wurde von Häusern, die durch prächtige Gärten mit üppiger Vegetation und wunderlichen Blumen voneinander getrennt waren, gebildet. In diesen Gärten, die durch niedrige Mauern getrennt waren, und auf der Straße wandelten viele Gestalten, die denen glichen, die ich schon gesehen hatte. Einige der Vorübergehenden näherten sich, als sie mich bemerkten, meinem Führer und fragten ihn, wie ich aus Ton, Blicken und Mienen deutlich erkennen konnte, nach mir. Bald schaarte sich eine Gruppe um uns, die mich mit so großem Interesse betrachtete, als ob ich ein seltenes wildes Tier sei. Sie waren jedoch trotz ihrer Neugier von ernster, höflicher Zurückhaltung, und nach einigen Worten meines Begleiters, der sich ein Stehenbleiben anscheinend verbat, traten sie mit einer stolzen Neigung des Kopfes zurück und setzten ihren Weg mit ruhiger Gleichgültigkeit fort. Mitten in dieser Straße hielten wir vor einem Gebäude an, das sich von den anderen, dadurch unterschied, daß es drei Seiten eines großen Hofes bildete, an deren Ecken sich hohe pyramidenförmige Türme erhoben. In der Mitte des Hofes war ein gewaltiger Springbrunnen, aus dem ein blendender Strahl hervorschoß, den ich für Feuer hielt. Durch einen offenen Eingang betraten wir das Haus und kamen in eine große Halle, wo mehrere Gruppen Kinder, anscheinend wie in einer großen Fabrik beschäftigt waren. In der Mauer war eine große Dampfmaschine in voller Tätigkeit. Sie hatte Räder und Zylinder und glich unseren Dampfmaschinen, nur daß sie reich mit kostbaren Steinen und Metallen verziert war und ein mattes Phosphor-Licht auszuströmen schien. Viele der Kinder waren bei einer geheimnisvollen Arbeit an dieser Maschine tätig. Andere saßen an einer langen Tafel. Es wurde mir gestattet, lange genug zu verweilen, um die Art ihrer Beschäftigung näher zu betrachten. Kein Laut ließ sich vernehmen. Kein Gesicht wandte sich uns zu. Die Kinder blieben so still und gleichgültig wie Geister, durch deren Mitte lebende Wesen unbeachtet schreiten.

Nachdem wir die Halle verlassen hatten, führte mich mein Begleiter durch eine Galerie, deren reiche Malereien mit ihren viel mit Gold gemischten Farben den Bildern Lukas Kranachs glichen.

Die Gemälde stellten, wie es mir schien, geschichtliche Ereignisse der Rasse dar, in deren Mitte ich mich jetzt aufhielt.

Die meisten der darauf befindlichen Figuren glichen den menschenähnlichen Geschöpfen, die mich hier umgaben, aber nicht alle trugen dieselbe Kleidung, auch hatten nicht alle Flügel. Auch die abgebildeten Tiere und Vögel waren mir gänzlich fremd. Soweit mir meine unvollkommene Kenntnis der Malkunst eine Meinung gestattet, schienen mir die Bilder sehr gut in der Zeichnung und reich in der Farbe zu sein. Sie zeugten von genauer Kenntnis der Perspektive, die Komposition jedoch war nicht geschlossen, es fehlte ein Augenpunkt, sodaß der Effekt unbedingt, zerstreut und verwirrend war. Die Bilder glichen fremdartigen Fragmenten aus einem Traume über Kunst.

Von hier gelangten wir in ein Zimmer von mittlerer Größe, in dem, wie ich später erfuhr, die Familie meines Führers versammelt war und um einen zur Mahlzeit gedeckten Tisch saß. Die Gruppe bestand aus der Gattin meines Begleiters, seiner Tochter und zwei Söhnen. Ich erkannte sofort den Unterschied zwischen beiden Geschlechtern, obgleich die Frauen größer und robuster waren als die Männer und ihre Gesichtszüge, wenn auch regelmäßiger in der Form, doch völlig den weichen und zurückhaltenden Ausdruck entbehrten, der dem Frauenantlitze, wie wir es droben auf unserer Erde sehen, so großen Reiz verleiht.

Die Frau trug keine Flügel, aber die ihrer Töchter waren größer als die der Männer.

Auf einige Worte meines Führers hin erhoben sie sich alle von ihren Plätzen und begrüßten mich mit dem ihnen eigentümlichen milden Blicke und der Bewegung, die ich schon einmal erwähnte und die diesem furchtbaren Geschlechte allgemein eigen ist.

Dieser Gruß besteht darin, daß sie einem die rechte Hand sehr sanft auf den Kopf legen und in weichem, zischendem Tone »S. Si« flüstern, was so viel wie: »Willkommen!« heißt.

Die Herrin des Hauses hieß mich neben ihr niedersitzen und reichte mir eine goldene Schüssel.

Die Speisen waren mir alle fremd. Ich bewunderte ihren Wohlgeschmack und mehr noch ihren fremdartigen Duft. – Während ich aß, unterhielt sich die Familie ruhig und zwar vermied sie, wie es mir schien, jede direkte Beziehung auf mich, sowie jede genaue Prüfung meiner Erscheinung. Und doch war ich das erste Geschöpf einer Art von Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten und war allen eine höchst eigentümliche und ungewöhnliche Erscheinung.

Aber diesem Volke ist jede Roheit fremd. Dem jüngsten Kinde wird gelehrt, jede Heftigkeit und Aufregung zu verachten. Als die Mahlzeit beendet war, nahm mein Führer mich wieder bei der Hand, ging zurück in die Galerie und berührte hier einen metallenen mit wunderlichen Figuren gezierten Knopf, den ich mit Recht für etwas unserem Telegraphen Ähnliches hielt.

Es senkte sich eine Platte herab, auf der wir dieses Mal viel höher als in dem vorigen Gebäude gelangten. Bald befanden wir uns in einem Zimmer mittlerer Größe, das im Allgemeinen einen Besucher aus der Oberwelt wohl anheimeln konnte. An den Wänden befanden sich Regale mit Büchern. Sie waren sehr klein, meist in Duodezformat und in feine Metallschalen gebunden. Einige wunderlich aussehende Stücke Mechanismus, dem Anschein nach Modelle, wie man sie öfter in der Arbeitsstätte eines Mechanikers findet, lagen zerstreut umher. Vier Automaten, durch die bei diesem Volke die häuslichen Dienste verrichtet werden, standen gespensterhaft in jeder Ecke. Eine Nische barg ein niedriges Lager, eine Art Bett mit Kissen. Das Fenster, dessen zurückgeschobene Gardinen aus irgend einem faserigen Stoffe angefertigt waren, führte auf einen großen Balkon. Mein Wirt trat hinaus und ich folgte ihm. Wir waren auf der höchsten Galerie einer eckigen Pyramide. Der Blick hinab war von feierlich hinreißender Schönheit.

Es ist unmöglich, ihn zu beschreiben. Lange Reihen steiler Felsen bildeten den fernen Hintergrund. Die dazwischenliegenden Täler mit geheimnisvoll buntem Strauchwerke, das Blitzen der Wasser, deren Ströme roten Flammen glichen, der helle Glanz, der sich von den Myriaden Lampen über das alles ergoß, bildete ein Ganzes, das sich mit Worten nicht beschreiben läßt, – glänzend war es und doch so düster, anmutig und ehrfurchterweckend.

Bald wurde meine Aufmerksamkeit von dieser Landschaft abgelenkt. Eine fröhliche Musik tönte plötzlich wie von der Straße herauf, dann schwebte eine geflügelte Gestalt in den Raum, eine andere folgte ihr, wie um jene einzuholen; noch und noch eine folgte, bis sich eine dichte Menge zusammengeschaart hatte, so daß sie nicht mehr zu zählen waren. Wie soll ich die phantastische Grazie dieser Gestalten in ihren schwebenden Bewegungen beschreiben! Wie es schien, überließen sie sich irgend einem Scherz oder Vergnügen. Jetzt bildeten sie Quarrés, dann zerstreuten sie sich wieder; jetzt durchschnitt eine Gruppe die andere, durchschwebte und umgarnte sie – das alles geschah im Takte der Musik, wie in dem Zaubertanze Peris.

In fieberhaftem Staunen wandte ich den Blick nach meinem Wirte. Ich wagte, meine Hand auf die großen Flügel zu legen, die auf seiner Brust übereinanderfielen, aber kaum hatte ich das getan, als ein leichter wie elektrischer Schlag mich durchzuckte. Erschreckt fuhr ich zurück. Mein Wirt lächelte und breitete, als ob er gütig meine Neugier befriedigen wollte, langsam seine Schwingen aus. Da bemerkte ich, daß seine Kleider sich unter denselben blähten wie eine mit Luft gefüllte Blase. Die Arme schienen in die Flügel zu gleiten, und im nächsten Augenblicke hatte er sich in die glänzende Atmosphäre geschwungen und schwebte dort mit ausgebreiteten Schwingen wie ein Adler, der sich in der Sonne wiegt. Dann tauchte er rasch nieder zwischen der Gruppe, schwebte durch die Mitte und schwang sich plötzlich wieder in die Lüfte. Darauf tauchten drei Gestalten, eine schien die Tochter meines Führers zu sein, aus der Gruppe auf und folgten ihm flüchtig wie ein Vogel dem anderen. Meine Augen, von den Lichtern und der Menge geblendet und verwirrt, vermochten nicht mehr die Kreise und Wendungen der geflügelten Gespielen zu unterscheiden; da tauchte mein Begleiter wieder aus der Menge hervor und war wieder an meiner Seite.

All das Seltsame, was ich gesehen hatte, begann meine Sinne zu verwirren. Mein Geist fing an, unruhig zu werden. Obgleich ich nicht abergläubisch bin und bisher nie daran gedacht hatte, daß der Mensch in körperliche Beziehungen zu Dämonen treten könne, empfand ich doch jetzt den Schrecken und die wilde Aufregung, in der sich zur Römerzeit ein Reisender befand, der glaubte daß er einen Sabbat von Teufeln und Hexen sähe. Ich erinnere mich dunkel, daß ich durch heftige Gestikulationen und laute, unzusammenhängende Worte die Bemühungen meines höflichen, liebenswürdigen Wirtes, mich zu beruhigen und zu besänftigen, zurückzustoßen suchte. Daß ich seine Vermutung zurückwies, daß mein Schreck und meine Furcht von dem Unterschiede in Form und Bewegungen zwischen uns herrührten. Die Flügel, die beim Gebrauche meine höchste Verwunderung erregten, schienen nur noch mehr hervorzutreten, sein freundliches Lächeln, mit dem er um meine Furcht zu zerstreuen, die Flügel herabhängen ließ, um mir zu zeigen, daß sie nur eine mechanische Erfindung wären, konnte mich nicht beruhigen. Diese plötzliche Umwandlung vergrößerte meine Angst nur noch mehr; und wie das höchste Entsetzen oft zu höchsten Wagnissen anspornt, sprang ich wie ein wildes Tier auf ihn los und faßte ihn bei der Kehle. Im nächsten Augenblicke lag ich wie von einem elektrischen Schlage am Boden hingestreckt. Das letzte wirre Bild, das ich vor Augen hatte, bis mir die Besinnung gänzlich schwand, war die Gestalt meines Wirtes, wie sie neben mir kniete, mit der einen Hand auf meiner Stirne, und das schöne ruhige Antlitz seiner Tochter, deren große, tiefe, unergründliche Augen sich fest in die meinen senkten.

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