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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus
addressLeipzig
translatorn.n.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderpmsporer@gmx.com
created20060518
noteOriginal: Vril, the Power of the Coming Race
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Inmitten jener Stunden, die für den Schlaf bestimmt sind und bei den Vril-ya die Nacht bilden, erwachte ich durch eine Hand, die sich auf meine Schulter legte, aus einem unruhigen Schlafe, in den ich erst seit kurzem gefallen war. Ich fuhr erschreckt auf und sah Zee neben mir stehen.

»Still«, sagte sie leise, »damit uns niemand hört. Glaubst Du, daß ich aufgehört habe über Dich zu wachen, weil ich Deine Liebe nicht gewinnen konnte? Ich habe Taë gesprochen. Er hat nichts bei seinem Vater ausgerichtet; hat in der Zwischenzeit mit den drei Weisen, die er bei zweifelhaften Dingen zu Rate zieht, gesprochen und nach ihrem Beschlusse Dich mit dem Wiedererwachen der Welt zum Tode verurteilt. Ich will Dich retten. Stehe auf und kleide Dich an.«

Zee deutete auf einen Tisch, nahe dem Bette, auf dem ich die Kleider bemerkte, die ich getragen hatte, als ich die Oberwelt verließ, und die ich bald darnach mit der malerischen Tracht der Vril-ya vertauscht hatte.

Die junge Gy schritt dem Fenster zu und trat hinaus auf den Balkon, während ich eilig und verwundert meine eigenen Kleider anzog. Als ich zu ihr auf den Balkon trat, war ihr Antlitz bleich und ernst. Meine Hand erfassend sagte sie sanft: »Sieh, wie glänzend die Vril-ya die Welt erleuchtet haben, die sie bewohnen. Morgen wird diese Welt dunkel für mich sein.« Ohne meine Antwort abzuwarten, zog sie mich in das Zimmer zurück, dann in den Korridor, von dem aus wir in die Halle hinabstiegen. Wir schritten hinaus in die einsamen Straßen, den breiten Weg entlang, der sich an den Felsen hinzog. Hier, wo es weder Tag noch Nacht gibt, sind die stillen Stunden unaussprechlich feierlich. In dem weiten Raume, der durch die Geschicklichkeit Sterblicher erleuchtet ist, erblickt man kein menschliches Wesen, vernimmt man keinen menschlichen Laut. So leise unsere Fußtritte auch waren, berührte ihr Laut das Ohr doch unangenehm in dieser feierlichen Stille. Obgleich Zee nichts gesagt hatte, war mir doch bewußt, daß sie entschlossen war, mir bei meiner Rückkehr in die Oberwelt behilflich zu sein, und daß wir der Stelle, an der ich herabgekommen war, zuschritten. Ihr Schweigen steckte mich an und verschloß auch mir die Lippen. Jetzt näherten wir uns der Kluft. Sie war wieder geöffnet worden; allerdings bot sie nicht denselben Anblick wie damals, wo ich aus ihr auftauchte; die feste Felsenwand, vor der ich erst tags zuvor mit Taë gestanden hatte, war durch eine neue Spalte geöffnet. Ihre geschwärzten Wände entlang schimmerten noch Funken und dampfende Asche. Meine Augen vermochten jedoch nur wenige Fuß in die Dunkelheit der Höhlung zu dringen, und bekümmert stand ich da und überlegte, wie es möglich sei, da hinauf zu gelangen.

Zee erriet meine Zweifel. »Fürchte nichts«, sagte sie matt lächelnd; »für Deine Rückkehr ist gesorgt. Bei Beginn der stillen Stunden, als alles im Schlummer lag, habe ich dieses Werk angefangen. Glaube mir, daß ich nicht eher ruhte, als bis der Weg zurück in Deine Welt frei war. Noch eine kurze Zeit werde ich bei Dir bleiben. Nicht eher werden wir voneinander scheiden, bis Du sagst: Geh, ich bedarf Deiner nicht mehr.«

Bei diesen Worten ergriff mich tiefe Reue.

»Ach!« rief ich aus, »warum bist Du nicht von meiner oder ich von Deiner Rasse, dann würde ich niemals sagen: Ich bedarf Deiner nicht mehr!«

»Ich segne Dich um dieser Worte willen und werde mich ihrer erinnern, wenn Du fern von mir bist«, antwortete die Gy zärtlich.

Während der letzten Worte hatte sich Zee von mir abgewendet, ihre Gestalt beugte sich, ihr Kopf sank auf die Brust. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Höhe auf und stand mir gegenüber. Während sie sich meinen Blicken entzog, hatte sie den Reif, den sie um die Stirne trug, berührt, so daß er jetzt wie eine Sternenkrone glänzte. Nicht ihr Gesicht und ihre Gestalt allein, selbst die Atmosphäre ringsum war von der Pracht des Diademes erleuchtet.

»Jetzt«, sagte sie, »lege Deinen Arm zum ersten und letzten Male um mich. Nein, so! Mut, und halte Dich fest!«

Während sie sprach, breiteten sich ihre großen Flügel aus. Ich klammerte mich an sie und wurde hoch in die Luft durch die furchtbare Kluft getragen. Der Sternenglanz auf ihrer Stirn durchdrang ringsum die Dunkelheit. So strahlend, rasch und sicher war der Flug der Gy, wie der eines mit der Seele, die er aus dem Grabe gerettet hat, gen Himmel schwebenden Engels. Da vernahm ich aus der Ferne das Gesumme menschlicher Stimmen, den Ton menschlicher Arbeiten.

Wir machten auf einem der Gänge des Bergwerkes halt. Über uns sahen wir die düsteren schwachen Lampen der Bergleute brennen. Da ließ ich die Gy los. Leidenschaftlich, aber wie mit der Leidenschaft einer Mutter, küßte sie mich auf die Stirne und sagte, während ihr die Tränen aus den Augen stürzten: »Lebe wohl für immer. Du willst mich nicht in Deine Welt gehen lassen – in die meine kannst Du nie zurückkehren. Bevor unser Staat den Schlaf von sich abgeschüttelt hat, haben sich die Felsen wieder über der Kluft geschlossen, um weder von mir noch vielleicht von anderen unzählige Jahrhunderte hindurch wieder geöffnet zu werden. Gedenke meiner zuweilen freundlich. Wenn ich das Leben, das über dieser Spanne Zeit liegt, erreiche, werde ich mich nach Dir umschauen. Selbst dort kann die Dir und Deinem Volke bestimmte Welt Felsen und Schluchten haben, die sie von der trennen, wo ich die meiner Rasse wiedersehen werde, die mir vorangegangen sind. Dort bin ich vielleicht machtlos, den Weg zu spalten, um Dich wiederzugewinnen, wie ich ihn hier gespalten habe, um Dich zu verlieren.«

Ihre Stimme verstummte. Ich hörte das schwanenartige Rauschen ihrer Flügel und sah, wie die Strahlen ihres Diademes sich mehr und mehr in der Dunkelheit verloren.

Ich setzte mich eine kurze Zeit nieder, meinen trüben Gedanken nachhängend. Dann erhob ich mich und schritt langsamen Schrittes der Stelle zu, von der her ich menschliche Stimmen vernahm. Die Bergleute, denen ich begegnete, waren mir fremd, von einer anderen Nation als ich selbst. Verwundert sahen sie mich an; da ich aber ihre kurzen Fragen nicht in ihrer eigenen Sprache zu beantworten vermochte, gingen sie wieder an ihre Arbeit und ließen mich unbelästigt vorübergehen. Endlich gelangte ich an die Ausfahrt des Bergwerkes, nur von den Fragen eines mir bekannten Beamten aufgehalten, der aber glücklicherweise zu sehr beschäftigt war, um sich in eine längere Unterhaltung mit mir einzulassen. Ich hütete mich wohl, in meine frühere Wohnung zurückzukehren; vielmehr verließ ich eiligst noch am selben Tage eine Gegend, wo ich nicht lange Fragen hätte ausweichen können, die genügend zu beantworten ich nicht imstande gewesen wäre. Glücklich erreichte ich mein eigenes Land, in dem ich mich für eine lange Zeit friedlich niederließ und mich einer praktischen Tätigkeit widmete, bis ich mich vor drei Jahren mit einem ansehnlichen Vermögen zurückzog. Nur selten bin ich aufgefordert worden und selten versucht gewesen, von den Wanderungen und Abenteuern meiner Jugend zu erzählen. Wie die meisten Menschen, bin ich inbezug auf Liebe und häusliches Leben einigermaßen enttäuscht worden. Oft, wenn ich des Abends allein sitze, denke ich an die Gy und begreife nicht, wie ich eine solche Liebe zurückstoßen konnte, gleichviel von welchen Gefahren sie begleitet war oder welche Bedingungen sie stellte. Nur je mehr ich an ein Volk denke, das in Regionen lebt, die unseren Blicken verborgen sind und von unseren Gelehrten für unbewohnt gehalten werden, das Kräfte entfaltet, die unsere höchsten Kräfte übersteigen, und Tugenden besitzt, von denen unser soziales wie politisches Leben sich, je mehr unsere Zivilisation vorschreitet, mehr und mehr entfernt, um so inniger bete ich, daß noch Jahrhunderte vergehen mögen, bevor unsere unvermeidlichen Zerstörer zum Sonnenlichte auftauchen.

Da mir jedoch mein Arzt aufrichtig gesagt hat, daß ich an einem Übel leide, das, obgleich es wenig Schmerzen verursacht und anscheinend nicht weiter um sich greift, doch jeden Augenblick einen schlimmen Ausgang nehmen kann, habe ich es für meine Pflicht gehalten, meine Mitmenschen vor dem Zukunftsgeschlechte zu warnen.

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