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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus
addressLeipzig
translatorn.n.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderpmsporer@gmx.com
created20060518
noteOriginal: Vril, the Power of the Coming Race
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Eines Tages, als ich allein in meinem Zimmer saß und in Nachdenken versunken war, kam Taë durch das offene Fenster hereingeflogen und ließ sich auf dem Lager neben mir nieder. Ich freute mich immer über den Besuch eines Kindes, in dessen Gesellschaft ich wenn auch gedemütigt wurde, doch nicht so vollständig verschwand wie bei einem Zusammensein mit den Ana, deren Erziehung vollendet und deren Verstand gereift war. Da es mir gestattet war, in seiner Gesellschaft umherzustreifen, und ich mich darnach sehnte, den Ort wiederzusehen, an dem ich in die Unterwelt herabgestiegen war, fragte ich ihn, ob er einen Spaziergang durch die Straßen der Stadt mit mir machen wolle. Sein Gesichtsausdruck erschien mir ernster wie gewöhnlich, als er erwiderte: »Ich kam in der Absicht her, Sie dazu aufzufordern.«

Bald befanden wir uns auf der Straße. Wir hatten uns noch nicht weit vom Hause entfernt, als wir fünf oder sechs jungen Gy-ei begegneten, die mit Körben voll Blumen, im Gehen muntere Lieder singend, vom Felde heimkehrten. Eine junge Gy singt öfter als sie spricht. Wie sie unser ansichtig wurden, hielten sie in ihrem Gesange inne und sprachen Taë mit vertrauter Freundlichkeit, mich mit der höflichen Artigkeit an, durch die die Gy-ei in ihrem Benehmen sich von unserem schwächeren Geschlecht unterscheiden.

Hier muß ich bemerken, daß das Benehmen einer unverheirateten Gy, so offen sie auch ihr Bewerben um den Geliebten zeigt, durchaus nicht der gewöhnlich auffallenden und lauten Art und Weise gleicht, die jene jungen Damen der angelsächsischen Rasse, die man mit schön bezeichnet, gegen junge Herren haben, für die sie kein besonderes Interesse hegen. Nein, das Betragen der Gy-ei gegen Herren ist gewöhnlich das eines feingebildeten Herrn in vornehmen Gesellschaften der Oberwelt gegen Damen, die sie schätzen, aber nicht lieben, ehrerbietig, zuvorkommend, außerordentlich höflich, kurz, was wir mit chevaleresk bezeichnen würden.

Natürlich brachten mich die vielen Artigkeiten, die diese höflichen jungen Gy-ei mir sagten, ein wenig aus der Fassung. Eine schöne Gy machte mir Komplimente über meine frische Farbe, eine andere bewunderte den guten Geschmack meiner Kleidung, eine dritte sprach mit schalkhaftem Lächeln von den Eroberungen, die ich in Aph-Lins Gesellschaft gemacht hätte. In jener Welt, von der ich kam, würde sich ein Mann beleidigt gefühlt, würde geglaubt haben, man behandle ihn mit Ironie, man spotte seiner. Aber ich wußte schon, daß eine solche Sprache, wie die Franzosen es nennen, banal war und in dem Munde eines Mädchens unter der Erde nichts anderes bezweckte, als dadurch bei dem anderen Geschlecht für liebenswürdig zu gelten, was oberhalb der Erde als willkürliche Sitte und Erbteil den Männern zusteht.

Und gerade wie eine feine junge Dame auf der Erde, die an derartige Komplimente gewöhnt ist, fühlt, daß sie dieselben nicht mit Anstand erwidern kann, noch besondere Befriedigung bei Empfange solcher Artigkeiten empfindet, so konnte auch ich, der im Hause eines reichen und vornehmen Ministers die feinen Sitten des Landes gelernt hatte, nur lächeln und mit verschämtem Blicke die Komplimente, mit denen man mich überhäufte, abzuwehren suchen. Während wir so plauderten, hatte Taës Schwester uns vermutlich von den oberen Zimmern des königlichen Palastes aus gesehen; eiligst kam sie auf ihren Schwingen herbeigeflogen und ließ sich inmitten der Gruppe nieder.

Sich zu mir wendend, sagte sie, obgleich noch mit jener unnachahmlichen Ehrerbietung, die ich mit chevaleresk bezeichnet habe, und doch nicht ohne eine gewisse Schärfe im Ton: »Warum kommen Sie gar nicht einmal, uns zu besuchen?«

Während ich mich auf die richtige Antwort auf eine so unvorhergesehene Frage besann, sagte Taë rasch und ernst: »Schwester, Du vergißt, daß der Fremdling ein An ist. Es kommt uns nicht zu, wenn wir die schuldige Achtung vor Anstand und Bescheidenheit haben, uns so weit zu erniedrigen, daß wir den Gy-ei nachlaufen.«

Die anderen jungen Gy-ei schienen sichtlich diesen Worten beizustimmen; aber Taës Schwester geriet in Verlegenheit. Armes Ding! Und noch dazu eine Prinzessin!

In demselben Augenblicke fiel ein Schatten zwischen mich und die übrigen, und als ich mich umwandte, erblickte ich den obersten Magistrat, der mit dem den Vril-ya eigenen unhörbaren, vornehmen Schritt dicht zu uns herantrat.

Bei dem Anblick seines Gesichtes erfaßte mich derselbe Schreck, den ich, als ich es zum ersten Male sah, empfunden hatte. Auf dieser Stirn, in diesen Augen lag dasselbe unerklärliche Etwas, das kund tat, daß diese Rasse der unserigen gefährlich war, jener seltsame Ausdruck des frohen Bewußtseins, frei zu sein von unseren alltäglichen Sorgen und Leidenschaften und eine hohe Macht zu besitzen, die mitleidig und unerschütterlich war wie die eines Richters, der das Urteil spricht. Ich erbebte, und während ich mich tief verneigte, drückte ich den Arm meines jugendlichen Freundes und zog ihn schweigend mit mir fort. Der Tur stellte sich uns in den Weg, betrachtete mich einen Augenblick lang, ohne zu sprechen, dann wandte sich sein Blick ruhig der Tochter zu, und sowohl sie als die anderen Gyei ernst grüßend, ging er ohne ein Wort zu sagen, mitten durch die Gruppe.

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