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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus
addressLeipzig
translatorn.n.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderpmsporer@gmx.com
created20060518
noteOriginal: Vril, the Power of the Coming Race
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Ich gestehe, daß meine Unterhaltung mit Aph-Lin, und die Kälte, mit der er sich für unfähig erklärte, seine Tochter von ihrer gefährlichen Laune abzubringen, und mit der er den Gedanken behandelte, daß ihre Liebesfackel meine zu verführerische Person in Asche umwandeln könnte, mir das Vergnügen raubte, das ich sonst bei der Besichtigung von meines Wirtes Landsitz und den wunderbar vollkommenen Maschinen, durch die die landwirtschaftlichen Arbeiten geleitet wurden, empfunden haben würde. Das Haus wich in seinem Äußeren von dem massiven und düsteren Gebäude, das Aph-Lin in der Stadt bewohnte und das mehr den Felsen glich, aus denen die Stadt selbst erbaut worden war, ab. Die Mauern des Landsitzes bestanden aus Bäumen, die wenige Fuß voneinander standen. Die Zwischenräume füllte eine durchsichtige Substanz aus, die bei den Ana die Stelle des Glases vertritt. Die Bäume standen alle in Blüte. An dem Portal wurden wir von einem Automaten empfangen, der uns in ein Zimmer führte, wie ich ein ähnliches nie zuvor gesehen habe, wie meine Phantasie an schönen Sommerabenden es sich aber oftmals ausgemalt hatte. Es war eine Laube, halb Zimmer, halb Garten. Die Wände bildete ein Dickicht rankender Blumen. Durch die Öffnungen, die wir Fenster nennen, und in denen hier die metallartigen Scheiben zurückgeschoben waren, sah man auf Landschaften, einige Fernsichten mit Felsen und Seen, sowie auch kleine begrenzte Räume, ähnlich unseren Gewächshäusern, die mit Blumen gefüllt waren.

An den Zimmerwänden entlang zogen sich Blumenbeete, hier und da lagen Kissen zum Ruhen. In der Mitte des Zimmers befanden sich eine Zisterne und eine Fontaine von dem flüssigen Licht, das ich schon früher mit Naphtha bezeichnet hatte. Es leuchtete, hatte eine rosige Farbe und reichte ohne Lampen hin, das Zimmer matt zu erleuchten. Rings um die Fontaine bildete ein weiches dichtes Moos einen Teppich. Es war nicht grün – diese Farbe habe ich nie in der Vegetation dieses Landes gesehen – vielmehr von ruhigem Braun, das ebenso wohltuend auf das Auge wirkte wie in der Oberwelt die grüne Farbe. In den Hallen, die nach den Blumenbeeten führten, die ich bereits mit unseren Gewächshäusern verglichen habe, waren unzählige Singvögel, die, während wir im Zimmer blieben, jene melodiereichen Lieder anstimmten, auf die sie dort so wunderbar abgerichtet sind. Das Dach war offen. Die ganze Szene bot Reize für jeden einzelnen Sinn, die Vögel musizierten, die Blumen dufteten, und bei jedem Blicke boten sich dem Auge die verschiedensten Schönheiten. Auf allem lagerte eine wollüstige Ruhe. Welch ein reizender Ort für die Flitterwochen, dachte ich, wenn eine Gy-Braut weniger furchtbar mit den Rechten einer Frau wie mit den Kräften eines Mannes ausgestattet wäre! Aber wenn man an eine Gy denkt, die so gelehrt, so groß, so vornehm ist, so hoch über dem Wesen, das wir Frau nennen, steht, wie Zee, nein! Selbst wenn ich nicht gefürchtet hätte, durch sie in Asche verwandelt zu werden, selbst dann würde ich nicht von ihr in dieser Laube geträumt haben, die zu poetischen Liebesträumen wie geschaffen schien.

Der Automat erschien wieder und reichte uns einen jener köstlichen Liqueure, die bei den Vril-ya der unschuldige Ersatz für unsere Weine sind.

»Das ist in der Tat ein herrlicher Aufenthalt«, sagte ich, »und ich kann kaum begreifen, warum Sie nicht lieber hier als inmitten der düsteren Stadt wohnen.«

»Mein Amt als Verwalter der Beleuchtung macht mich der Gemeinde gegenüber verantwortlich und zwingt mich, hauptsächlich in der Stadt zu wohnen; ich kann immer nur auf kurze Zeit hierher kommen.«

»Aber da Ihr Amt, wie Sie mir sagten, keine Ehren einträgt und doch viel Mühe macht, warum nahmen Sie es dann an?«

»Jeder von uns gehorcht ohne Frage den Befehlen des Tur. Als er sagte: ›Es wird gewünscht, daß Aph-Lin Beleuchtungsverwalter werde‹, hatte ich keine Wahl, aber jetzt, wo ich das Amt seit langer Zeit inne habe, sind mir die Verpflichtungen desselben, die mir anfangs zuwider waren, wenn auch nicht angenehm, so doch erträglich geworden. Wir sind alle Sklaven der Gewohnheit, selbst der Abstand zwischen unserer Rasse und den Wilden ist nur eine Fortsetzung der Gewohnheit, die von Geschlecht zu Geschlecht vererbt wird und ein Teil unserer Natur geworden ist. Wie Sie sehen, gibt es Ana, die sich mit den Verantwortlichkeiten eines obersten Magistrates aussöhnen, aber keiner würde das tun, wenn ihm die zu übernehmenden Pflichten nicht sehr leicht gemacht oder wenn Wünschen irgend welche Einwendungen entgegengestellt würden.«

»Wie aber, wenn Sie die Wünsche für unklug oder ungerecht hielten?«

»So zu denken erlauben wir uns nicht, und es geht in der Tat alles seinen Gang, als ob jeder und alles sich selbst, den Gewohnheiten undenklicher Zeiten gemäß, regierte.«

»Wenn nun der oberste Magistrat stirbt oder sich zurückzieht, wie gelangen Sie dann zu einem Nachfolger?«

»Der An, der viele Jahre hindurch die Pflichten eines solchen erfüllt hat, weiß am besten den zu wählen, der der Aufgabe einer solchen Stellung gewachsen ist, er selbst ernennt gewöhnlich seinen Nachfolger.«

»Wohl seinen Sohn?«

»Nur selten; denn es ist ein Amt, das niemand begehrt oder sucht, und ein Vater zögert natürlich, seinem Sohne einen solchen Zwang aufzuerlegen. Aber wenn der Tur selbst die Wahl ablehnt, aus Furcht, man könne glauben, er trage der Person, auf die seine Wahl fällt, einen Groll nach, so losen drei aus dem Colleg der Weisen unter sich, wem von ihnen es zustehen soll, den Magistrat zu wählen. Unserer Meinung nach ist das Urteil eines An von mittelmäßigen Fähigkeiten besser als das Urteil dreier, sie seien noch so weise; denn unter dreien ist gewöhnlich Uneinigkeit, und Uneinigkeit trübt das Urteil. Die schlechteste Wahl von einem, der keinen Grund hat, falsch zu wählen, ist besser als die beste, von vielen getroffen, die viele Gründe haben, nicht richtig zu wählen.«

»Sie stoßen mit Ihren Grundsätzen die Maximen unseres Landes um.«

»Sind Sie in Ihrem Lande alle mit Ihren Regenten zufrieden?«

»Alle! Natürlich nicht; die Regenten, mit denen die meisten zufrieden sind, mißfallen anderen wieder.«

»Dann ist unser System besser als das Ihrige.«

»Mag sein, daß es für Sie besser ist; aber unserem System gemäß könnte ein Tish nicht in Asche verwandelt werden, wenn eine Frau ihn zwingt, sie zu heiraten, und als Tish sehne ich mich, in meine Heimatwelt zurückzukehren.«

»Fassen Sie Mut, mein lieber kleiner Gast; Zee kann Sie nicht zum Heiraten zwingen. Sie kann Sie nur dazu verführen. Lassen Sie sich nicht verführen. Kommen Sie und sehen Sie sich meine Besitzung an.«

Wir betraten ein Gehege, das von Ställen umgeben war; denn obgleich die Ana sich keine Tiere zum Schlachten halten, so ziehen sie doch einige zum Melken und andere zum Scheeren. Erstere gleichen so wenig unseren Kühen wie letztere unseren Schafen, auch glaube ich, daß derartige Tiere gar nicht bei ihnen existieren. Sie benutzen die Milch von drei verschiedenen Tierarten. Die eine ist unserer Gemse ähnlich, nur bedeutend größer, fast so groß wie ein Kameel, die anderen zwei sind kleiner, und obgleich auch verschieden voneinander, sind sie doch keinem Geschöpfe, das ich auf der Erde sah, ähnlich. Sie sind unbehaart und von gefälligen Formen; ihre Farbe gleicht der des gefleckten Damhirsches. Sie haben ein sanftes Aussehen und schöne Augen. Die Milch dieser drei Tiere ist sowohl an Güte als an Geschmack verschieden. Gewöhnlich wird sie mit Wasser verdünnt und mit dem Safte einer seltsamen, duftenden Frucht schmackhaft gemacht; doch ist sie schon an sich nahrhaft und wohlschmeckend. Das Tier, dessen Wolle ihnen zur Kleidung und anderen Zwecken dient, kommt der italienischen Ziege am nächsten; nur ist auch dieses Tier bedeutend größer, hat keine Hörner und ist frei von dem unangenehmen Geruche unserer Ziege. Seine Wolle ist nicht dicht, aber sehr lang und fein; in der Farbe ist sie verschieden, niemals weiß, gewöhnlich schiefergrau oder lavendelfarben. Als Kleidung verwendet wird sie gewöhnlich je nach dem Geschmacke des Trägers gefärbt. Diese Tiere waren sehr zahm und wurden von Kindern, meistens Mädchen, die sie versorgten, mit außerordentlicher Sorgfalt und Liebe behandelt. Hierauf durchschritten wir große Scheunen, die mit Korn und Früchten angefüllt waren. Ich muß hier bemerken, daß der Hauptnahrungsvorrat dieses Volkes erstens in einer Art Getreide besteht, das viel großkörniger ist als unser Weizen und durch die fortschreitende Kultur immer im Geschmacke wechselt, und zweitens in einer Frucht, ungefähr von der Größe einer kleinen Orange, die beim Pflücken hart und bitter ist. Sie wird, viele Monate lang in den Vorratshäusern aufbewahrt, mit der Zeit süß und saftig. Der Saft dieser Frucht von dunkelroter Farbe wird zu den meisten ihrer Saucen benutzt. Sie haben vielerlei, der Olive ähnliche Früchte, aus denen köstliche Öle gezogen werden. Eine Pflanze, die sie besitzen, kommt dem Zuckerrohre sehr nahe, nur ist ihr Saft weniger süß und hat einen zarten Duft. Sie haben weder Bienen noch honigliefernde Insekten; dagegen benutzen sie sehr viel ein süßes Harz, das aus einer pinienartigen Pflanze fließt. Auf ihrem Boden gedeihen auch eßbare Wurzeln und Vegetabilien, die zu veredeln und mannigfaltig zu machen das Ziel ihrer Kultur ist. Ich erinnere mich keiner Mahlzeit bei diesem Volke, selbst im engsten Familienkreise, die nicht irgend eine neue Delikatesse dieses Nahrungsmittels gebracht hätte. Wie ich bereits bemerkt habe, war ihre Kochkunst so ausgezeichnet, so nahrhaft und mannigfaltig, daß man das Fleisch nicht vermißt; und schon ihre eigenen Gestalten zeigen hinreichend, daß sie des Fleisches wenigstens nicht zur größeren Körperkraft bedürfen. Weinstöcke haben sie nicht; die Getränke, die sie aus den Früchten bereiten, sind unschuldig und erfrischend. Ihr Hauptgetränk jedoch ist Wasser, in dessen Wahl sie sehr genau sind, da sie die geringste Unreinheit darin bemerken.

»Mein jüngster Sohn hat ein großes Vergnügen daran, unsere Produkte zu vermehren«, sagte Aph-Lin, als wir die Vorratsräume durchschritten; »darum wird er diese Ländereien erben, die den größten Teil meines Vermögens ausmachen. Meinem älteren Sohne würde ein solches Erbteil nur große Mühe und Kummer verursachen.«

»Gibt es bei Ihnen viele Söhne, die das Erben eines großen Vermögens für eine Last ansehen?«

»Gewiß; es gibt sogar nur sehr wenige unter den Vril-ya, die anders denken. Nachdem wir die Jahre der Kindheit hinter uns haben, sind wir ein ziemlich träges Volk und bürden uns nicht gerne mehr Sorgen auf, als unumgänglich notwendig ist. Großer Reichtum macht dem Besitzer immer viel Sorge. Zum Beispiel wird er dadurch leicht zu öffentlichen Ämtern gewählt, die keiner gern bekleidet und die er doch nicht ablehnen kann. Er nötigt uns, fortwährend Interesse an den Angelegenheiten unserer ärmeren Landsleute zu nehmen, sodaß wir ihren Bedürfnissen zuvorkommen können und Acht haben, daß keiner in Armut gerät. Wir haben ein altes Sprichwort, das sagt: Des Armen Not ist des Reichen Schande –«.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie für einen Augenblick unterbreche. So kommt es auch bei den Vril-ya vor, daß jemand Mangel leidet und der Hilfe bedarf?«

»Wenn Sie unter Mangel dasselbe verstehen, was in einem Koom-Posh herrscht, nein, das ist bei uns unmöglich; es müßte denn sein, daß ein An durch außergewöhnliche Zufälle all seiner Mittel beraubt worden ist und nicht auswandern kann oder nicht will und die Hilfe seiner Verwandten oder persönlichen Freunde entweder erschöpft ist oder er sich weigert, sie anzunehmen.«

»Nun, warum nimmt er dann nicht die Stelle eines Kindes oder eines Automaten ein und wird Arbeiter oder Diener?«

»Nein, dann würden wir ihn für eine unglückliche, geisteskranke Person halten und ihn auf Staatskosten in ein öffentliches Gebäude bringen, wo man ihn mit aller Art Luxus und Bequemlichkeit überhäufen würde. Aber ein An läßt sich nicht gern als geisteskranken Menschen ansehen, daher sind dergleichen Fälle so selten, daß das oben erwähnte öffentliche Gebäude jetzt eine verlassene Ruine ist. Der letzte Insasse desselben war ein An, den ich mich erinnere in meiner Kindheit gesehen zu haben. Er schien sich dessen nicht bewußt zu sein, daß er den Verstand verloren hatte, und schrieb Glaubs (Gedichte). Als ich vorhin von Mangel sprach, meinte ich den Mangel, den ein An leidet, dessen große Wünsche, wie z. B. kostbare Singvögel, größere Häuser, Landsitze u. dergl. zuweilen seine Mittel übersteigen. Der beste Weg, derartige Wünsche zu befriedigen, ist, ihm etwas abzukaufen, was er feil hält. Daher sind die reichen Ana verpflichtet, allerhand zu kaufen, dessen sie nicht bedürfen, und müssen oft sehr großartig leben, trotzdem sie einen einfachen Haushalt vorzögen. So verursachen zum Beispiel die großen Räumlichkeiten meines Hauses in der Stadt meiner Frau, ja sogar mir viel Mühe; aber ich bin zu dieser unbehaglichen Größe gezwungen, weil es mir als dem reichsten An der Gemeinde zusteht, die Fremden aus anderen Gemeinden, wenn sie uns besuchen, bei mir aufzunehmen. Zweimal des Jahres kommen sie in großen Scharen. Einmal, wenn die zu bestimmten Zeiten festgesetzten Unterhandlungen stattfinden, und dann, wenn die durch das ganze Reich der Vril-ya verstreuten Verwandten sich auf einige Zeit zu einem heiteren Beisammensein einstellen. Diese Gastfreundschaft in so großem Umfange ist nicht nach meinem Geschmacke, darum würde ich glücklicher sein, wäre ich nicht so reich. Aber wir alle müssen das Los ertragen, wie es uns auf diesem kurzen Lebenswege beschieden ist. Was sind hundert Jahre mehr oder weniger im Vergleich zu dem Zeiträume, den wir im Jenseits noch zu durchschreiten haben? Glücklicherweise habe ich einen Sohn, der große Reichtümer liebt. Es ist eine seltene Ausnahme von der allgemeinen Regel, und ich gestehe, ich selbst kann es nicht begreifen.«

Nach dieser Unterredung suchte ich wieder auf den Gegenstand zurückzukommen, der mir so schwer auf dem Herzen lastete, nämlich die Möglichkeit, Zee auszuweichen. Aber mein Wirt lehnte es höflich ab, dieses Gesprächsthema wieder aufzunehmen, und beorderte unser Luftschiff. Auf unserem Heimwege trafen wir Zee, die, da sie uns bei ihrer Rückkehr aus dem Colleg der Weisen nicht zu Hause fand, ihre Flügel auseinandergebreitet hatte und ausgeflogen war, uns zu suchen.

Ihr vornehmes, aber für mich wenig anziehendes Gesicht hellte sich auf, als sie mich erblickte, und sich neben dem Schiffe auf ihren großen ausgebreiteten Schwingen wiegend, sagte sie vorwurfsvoll zu Aph-Lin: »O Vater, war es recht von Dir, das Leben unseres Gastes in einem Fahrzeug zu gefährden, an das er so wenig gewöhnt ist? Er kann durch eine unvorsichtige Bewegung über Bord fallen; und ach, er hat ja keine Flügel wie wir; ein solcher Fall wäre sein Tod. Mein Geliebter!« fügte sie mit sanfterer Stimme, sich gegen mich wendend, der ich bestürzt zurückwich, hinzu, »haben Sie nicht an mich gedacht, daß Sie ein Leben so der Gefahr aussetzen konnten, das gleichsam ein Teil des meinigen geworden ist? Sei nicht wieder so unbesonnen, wenn ich nicht bei Dir bin. Wie Du mich in Angst versetzt hast.«

Ich sah flüchtig nach Aph-Lin hin, in der Hoffnung, daß er seiner Tochter wenigstens Vorwürfe machen werde über diese Ausbrüche der Angst und Liebe, die man in der Oberwelt unter allen Umständen bei einem jungen Mädchen einem jungen Manne gegenüber der nicht ihr Verlobter ist, für unwürdig und unbescheiden halten würde.

Aber in jener Region sind die Frauenrechte so unantastbar, und unter diesen Rechten steht das von den Frauen als Vorrecht geforderte Werben so in erster Reihe, daß Aph-Lin so wenig daran gedacht haben würde, seiner Tochter Vorwürfe zu machen, als den Befehlen des Tur nicht Folge zu leisten. In diesem Lande ist die Sitte, wie er sagte, Alles in Allem.

Milde entgegnete er: »Zee, der Tish war in keiner Gefahr, und ich bin überzeugt, daß er sehr gut auf sich selbst Acht haben kann.«

»Ich hätte lieber, er überließe es mir, Sorge für ihn zu tragen. O Herz meines Herzens, bei dem Gedanken an Deine Gefahr fühlte ich erst, wie sehr ich Dich liebe!«

Nie befand sich ein Mann in einer so fatalen Lage als ich in diesem Augenblicke. Zee sprach diese Worte so laut, daß sowohl ihr Vater als auch der Knabe, der steuerte, sie hören mußte. Ich errötete vor Scham über diese Worte um ihrer selbst willen und konnte nicht umhin, heftig zu erwidern: »Zee, entweder Sie verspotten mich, was Ihnen dem Gaste ihres Vaters gegenüber übel ansteht, oder Ihre Worte sind unpassend für eine junge Gy selbst gegen einen An ihrer eigenen Rasse, wenn er nicht mit Einwilligung ihrer Eltern um sie geworben hat. Um wie viel unpassender aber ist es, solche Worte an einen Tish zu richten, der sich nie um Ihre Neigung beworben hat und der nie andere Gefühle für Sie hegen kann als die der Achtung und Ehrfurcht!«

Aph-Lin gab mir durch ein geheimes Zeichen seine Billigung zu erkennen; aber er sagte nichts.

»Seien Sie nicht so grausam!« rief Zee aus. »Kann die Liebe sich bezwingen, wo sie aufrichtig empfindet? Glauben Sie, daß eine junge Gy ein Gefühl verbergen wird, das sie in ihren eigenen Augen erhebt? Von was für einem seltsamen Lande müssen Sie kommen!«

Hier fiel Aph-Lin freundlich ein: »Bei den Tish-a scheinen die Frauenrechte anderer Art zu sein als bei uns; jedenfalls kann sich mein Gast freier mit Dir unterhalten, wenn ihn die Gegenwart anderer nicht stört.«

Auf diese Bemerkung gab Zee keine Antwort; sie warf mir einen zärtlichen, vorwurfsvollen Blick zu, bewegte ihre Flügel lebhafter und flog heimwärts.

»Ich hatte wenigstens bei den Gefahren, denen mich ihre eigene Tochter aussetzt, auf den Beistand meines Wirtes gerechnet«, sagte ich bitter.

»Ich half Ihnen so gut, als ich vermochte. Einer Gy in ihren Liebeshändeln zu widersprechen, hieße sie in ihren Vorsätzen bestärken. Zwischen sich und ihrer Liebe duldet sie keinen Rat.«

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