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Das Geschlecht der Zukunft

Edward Bulwer-Lytton: Das Geschlecht der Zukunft - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titleDas Geschlecht der Zukunft
publisherTheosophisches Verlagshaus
addressLeipzig
translatorn.n.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderpmsporer@gmx.com
created20060518
noteOriginal: Vril, the Power of the Coming Race
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Zwanzigstes Kapitel

Seit dem Tage des Ausfluges mit Taë, von dem ich so eben erzählt habe, stattete der Knabe mir häufig Besuche ab. Er hatte eine Zuneigung zu mir gefaßt, die ich aufrichtig erwiderte. Da er noch nicht zwölf Jahre alt war und daher den Kursus wissenschaftlicher Studien, mit dem in jenem Lande die Kindheit schließt, noch nicht begonnen hatte, stand ich geistig nicht so tief unter ihm als unter den älteren Gliedern seines Geschlechtes, besonders den Gy-ei, ganz besonders aber der vollkommenen Zee.

Es ruhen auf den Kindern der Vril-ya so viele Pflichten und ernste Verantwortungen, daß sie im Allgemeinen nicht heiter sind; aber Taë hatte bei all seiner Weisheit einen so frischen, guten Humor, wie man ihn öfter bei älteren talentvollen Leuten findet. Er hatte das Vergnügen an meiner Gesellschaft, das auf der Oberwelt ein Knabe gleichen Alters an einem Lieblingshunde oder einem Affen hat. Es amüsierte ihn, mir die Sitten seines Volkes zu lehren, wie es einen meiner Neffen amüsierte seinen Pudel auf den Hinterfüßen laufen oder durch einem Reifen springen zu lassen. Gern gab ich mich zu dergleichen Versuchen her, ich brachte es aber nie zu den Erfolgen eines Pudels. Anfangs versuchte ich mit größtem Eifer, die Flügel zu gebrauchen, deren sich die Jüngsten der Vril-ya mit derselben Schnelligkeit und Leichtigkeit bedienen, wie bei uns die Kinder ihrer Arme und Beine, aber meine Anstrengungen waren von Verletzungen begleitet, die ernst genug waren, um meine Bemühungen verzweiflungsvoll aufzugeben.

Diese Flügel waren, wie schon bemerkt, sehr groß, sie reichten bis ans Knie und wurden, wenn unbenutzt, so zurückgeschlagen, daß sie einen reizenden Mantel bildeten. Sie sind aus den Federn eines riesenhaften Vogels, der in den felsigen Höhen dieser Gegend vielfach vorkommt, gemacht, größtenteils sind sie weiß, zuweilen mit rötlichen Streifen. An den Schultern sind sie mit leichten, aber starken Sprungfedern befestigt, und wenn sie ausgebreitet werden, gleiten die Arme durch dazu bestimmte Schlingen und bilden dadurch einen starken Halt.

Sobald die Arme erhoben werden, füllt sich ein röhrenförmiges Futter unter dem Kleide oder der Tunika durch mechanische Vorrichtung, je nach der Bewegung der Arme, mehr oder weniger mit Luft und dient dazu, den ganzen Körper wie auf Blasen schwimmend zu erhalten. Sowohl die Flügel als auch der ballonartige Apparat sind stark mit Vril gefüllt, und wenn der Körper so aufwärts schwebt, scheint er wunderbar leichter geworden zu sein. Ich fand es ganz leicht, mich vom Boden zu heben, ja, wenn die Flügel ausgebreitet waren, war es kaum anders möglich, aber dann kam das Schwierige und die Gefahr. Es fehlte mir alle Kraft, die Schwingen zu benutzen und zu dirigieren, obgleich ich bei meinem eigenen Volke für außergewöhnlich geschickt und behende in körperlichen Übungen galt und ein sehr tüchtiger Schwimmer war. Ich brachte nur die einfältigsten, ungeschicktesten Fliegversuche zustande. Ich mußte den Flügeln folgen, nicht die Flügel mir. Ich hatte sie nicht in meiner Gewalt, und als ich durch eine heftige Muskelanstrengung und, ich muß es gestehen, durch eine außergewöhnliche Kraftanstrengung, die übergroße Angst erzeugt, ihre Schwingungen zu hemmen vermochte und sie dichter an mich zog, war es mir, als ob ich die mich aufrecht erhaltende Kraft in den Flügeln und die mit derselben zusammenhängenden Blasen verlöre. Es war mir, als ob Luft aus einem Ballon gelassen würde, und ich fühlte, wie ich wieder nieder auf die Erde stürzte. Nur ein krampfhaftes Flattern schützte mich davor, in Stücke zerschmettert zu werden, es bewahrte aber nicht vor den Beulen und der Betäubung eines schweren Falles. Ich würde meine Versuche jedoch trotzdem nicht aufgegeben haben, wenn die kluge Zee es mir nicht geraten oder vielmehr befohlen hätte. Sie hatte mich immer bei meinen Fliegversuchen begleitet, und bei dem letzten Unfalle flog sie gerade unter mir, sodaß ich auf ihre ausgebreiteten Flügel fiel und davor bewahrt wurde, den Hals auf dem Dach der Pyramide, von der wir ausgeflogen waren, zu brechen.

»Ich sehe«, sagte sie, »daß Ihre Versuche vergebens sind. Nicht ein Fehler der Flügel und was zu denselben gehört, ist daran schuld, auch nicht irgend eine Unvollkommenheit oder ein Fehler Ihres eigenen Körpers, sondern ein unabänderlicher, weil organischer Mangel. Ihnen fehlt die Kraft zum Fliegen. Bedenken Sie, daß der erste Entdecker dieses Fluidums mit der Kenntnis seines Vorhandenseins nicht gleichzeitig auch die Kraft es zu gebrauchen erlangte. Die Vollkommenheit ist nicht in einer einzigen Generation erreicht worden. Ganz allmählig erst, wie jede andere Eigenheit, hat sie sich durch Übertragung vom Vater auf das Kind vergrößert, bis sie schließlich zum Instinkte geworden ist und ein junger An unserer Rasse eben so leicht und unbewußt zu fliegen wie zu gehen vermag. Er benutzt seine erfundenen künstlichen Flügel mit derselben Sicherheit wie ein Vogel die, mit denen er geboren ist. Ich hatte mir das nicht hinreichend überlegt, als ich Ihnen erlaubte, einen Versuch im Fliegen zu machen, da es mich lockte, Sie zu meinem Begleiter zu haben. Sie müssen diese Versuche aufgeben. Ihr Leben fängt an, mir teuer zu werden.«

Bei diesen Worten nahmen die Stimme und das Antlitz der Gy einen weichen Ausdruck an, und es beunruhigte mich mehr, als meine Fliegversuche.

Ich darf bei Besprechung der Flügel nicht versäumen, einer Sitte bei den Gy-ei Erwähnung zu tun, die mir ihrer Bedeutung halber sehr hübsch und liebenswürdig erschien.

Gewöhnlich trägt eine Gy Flügel, solange sie Jungfrau ist. Sie nimmt Teil an den Luftvergnügungen der Ana; sie wagt sich allein in die fernen wilderen Regionen der sonnenlosen Welt und übertrifft dabei das andere Geschlecht nicht allein in der Grazie ihrer Bewegungen, sondern auch in der Kühnheit ihres hohen Fluges in die Lüfte. Aber von dem Tage ihrer Vermählung an trägt sie keine Flügel mehr. Sie nimmt sie am Hochzeitsabend mit eigener Hand ab, um sie nie wieder anzulegen, es sei denn, daß das Ehebündnis durch Scheidung oder den Tod gelöst werde.

Als Zees Stimme und Augen so sanft wurden, und ich vor diesem Ausdruck ahnungsvoll zurückfuhr und schauderte, schwebte Taë, der uns auf unserem Fluge begleitet hatte, aber wie ein Kind viel mehr Vergnügen über meine Ungeschicklichkeit als Mitgefühl mit meiner Angst und Gefahr empfand, mit ausgebreiteten Flügeln über uns in der stillen, klaren Luft, und als er die zärtlichen Worte der jungen Gy vernahm, lachte er laut und rief: »Wenn der Tish nicht lernt, die Flügel zu benutzen, so kannst Du doch noch seine Begleiterin sein, Zee, Du brauchst nur Deine eigenen abzulegen.«

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